Das Artefakt
Wir schreiben das Jahr 2113. Die Menschheit ist zu den Sternen aufgebrochen und hat entdeckt, dass sie nicht allein im Universum ist. In der endlosen Weite des Alls tummeln sich hunderte andere Spezies, die vor den Menschen ihre Wiege verlassen haben und nun die entlegensten Winkel bevölkern. Während die Bewohner der Erde ihre ersten vorsichtigen Schritte in die Zukunft machen, ist das Universum in Sorge. Kazen Thrul, der mächtigste aller Tyrannen, versetzt ganze Galaxien in Angst und Schrecken. Stratege zahlloser Schlachten und Herr von gewaltigen Armeen und Raumflotten, die selbst die Sterne erbeben lassen. Es heißt, dass ihm selbst die Toten gehorchen. Und er will nichts geringeres als die Herrschaft über das ganze Universum. Alles, was ihm dazu noch fehlt, ist das Juwel von Miamsa. Dieses einzigartige Artefakt entstand zusammen mit dem Universum und soll über unvorstellbare Macht verfügen. Gehütet wird es von den Priestern von Miamsa, die diese Pflicht seit Millionen von Jahren gewissenhaft erfüllen. Doch sie wurden verraten und die letzten Überlebenden der Priester flüchten vor Kazen Thrul‘s Armada. Auf ihrer Flucht tragen sie das Artefakt zu denen, denen sie vor fast fünfzig Erdenjahren die Hand zur Intergalaktischen Gemeinschaft gereicht haben. Und haben nur eine verzweifelte Bitte, es vor dem zu verstecken, der das Universum unterjochen und in Dunkelheit stürzen will.
Schnellen Schrittes marschierte er durch den menschenleeren Korridor. Die Türen zu den angrenzenden Räumen standen offen, doch auch diese waren hastig verlassen worden. Bis vor einer Stunde war dieser Teil des Hauptquartiers der Terrestrischen Streitkräfte erfüllt von Stimmen, die Berichte vorlasen und Befehle erteilten, doch jetzt herrschte eine Stille, die nur vom Klang seiner Stiefel durchbrochen wurden. Noch heute morgen war er der oberste Taktiker gewesen. Derjenige, der die Krise von Proxima II gelöst und den Überfall auf Charon vorhergesehen hatte. Nun hatte er seine endgültige, letzte Bestimmung gefunden und war Leiter des wohl gewagtesten Projekts der Menschheit.
Als er die Tür zum Besprechungsraum erreichte, stoppte er kurz. Alles vor diesem Moment war leicht gewesen, nun brauchte es einen Plan, der sich selbst überdauerte. Er atmete tief durch und trat ein. Sechs andere Offiziere und fünf Zivilisten erwarteten ihn, einige waren langjährige Weggefährten, andere kannte er nur aus Akten. Er salutierte knapp, und die Militärs erwiderten den Gruß. Alle waren im Vorfeld unterrichtet worden, dass sie binnen einer Woche sterben würden, wenn sie sich an dieser Unternehmung beteiligten. Sie alle waren freiwillig hier, sie alle hatten sich entschieden. Er räusperte sich. „Guten Tag, Kameraden, die Damen und Herren. Ich werde mich nicht mit Formalitäten aufhalten, Sie alle wissen, warum wir hier sind, und wie wichtig das Artefakt ist. Also kommen wir gleich zur Sache. Nach den uns bekannten Informationen rückt Kazen Thrul mit einer Armada an, die unsere Kampfkraft um ein vielfaches übersteigt. Wir rechnen mit dem Eintreffen erster Vorhut-Elemente in vier Tagen, der Hauptstreitmacht in sechs. Unsere Chancen auf einen militärischen Sieg sind exakt null. Aber man hat uns das Artefakt nicht wegen unserer militärischen Fähigkeiten anvertraut, sondern aufgrund der menschlichen Kreativität. In diesem Punkt haben wir anderen Spezies einiges voraus und ich habe vor, das entsprechend auszunutzen. Wir werden das Artefakt schützen, indem wir es verstecken. Die Erde ist nicht der größte Planet, aber groß genug. Ich habe eine schriftliche Liste an möglichen Verstecken begonnen, aber wie Sie wissen, liegt meine Begabung im Krieg. Daher brauche ich Ihre Mithilfe, denn jeder von Ihnen hat ein eigenes Spezialgebiet.“ erklärte er und breitete einen Papierstapel auf einem der Tische aus. Die anderen scharten sich um den Tisch herum, überflogen die Notizen, machten eigene Vorschläge und Anmerkungen. Er blinzelte kurz. „Eine Sache noch. Aufgrund der Fähigkeiten unseres Feindes muss das Protokoll, welches uns persönlich betrifft, auf alle, die wir hierbei beteiligen, ausgedehnt werden. Es ist ein schmerzhaftes Opfer, was ich diesen Menschen abverlange, doch ich sehe keine andere Möglichkeit. Die beste Möglichkeit, diesen Kräften des Feindes zu entgehen, ist das Verbrennen der Leichen.“ erklärte er, während er auf die Unterlagen starrte. Das Abwägen des Sterbens war stets die schwerste Entscheidung für ihn gewesen. „Wo ist das echte Artefakt, wie verhindern wir, dass es einfach entdeckt wird? Die Zeit wird kaum ausreichen, glaubhafte Kopien herzustellen.“ fragte einer der Zivilisten. Er nickte und sprach „Dafür habe ich bereits eine Lösung. In diesem Moment gießt eine Gruppe Bauarbeiter in einer Lagerhalle auf unserem Stützpunkt Betonwürfel. Sie werden von Größe und Gewicht identisch sein, aber niemand außer den Arbeitern weiß, in welchem das Artefakt tatsächlich ist. Wir werden sicher über tausend herstellen können, bevor wir sie verteilen.“
Es regnete und irgendwo hinter den Wolken war die Sonne im Begriff, unterzugehen. Sie beobachtete, wie ihr Pilot den Gabelstapler immer wieder in den Hangar und dann auf die Rampe ins Innere der Transportmaschine manövrierte. Jedes mal schaffte er eine Palette mit Betonklötzen in das Flugzeug und kehrte leer wieder zurück. Auf dem restlichen Flughafen war niemand zu sehen, sogar der Tower war verlassen und das Radar abgeschaltet. Schließlich waren alle Paletten an Bord und sie machten sich abflugbereit. Als Crew-Kommandantin hatte sie normalerweise Verantwortung über fünf Besatzungsmitglieder, doch auf diesem letzten Flug waren sie nur zu zweit. Alles weitere wäre ein unnötiger Verlust von Leben. Sie versicherten sich, dass die Ladung ordnungsgemäß gesichert war, dann schloss sie die Laderampe.
Nach dem Start hatten sie rasch an Höhe gewonnen und nach etwa einer halben Stunde den Atlantik erreicht. Sie prüfte ein letztes mal die von ihr persönlich vorbereitete Route, die sie im vorgesehenen Zeitrahmen ins Zielgebiet bringen würde. Es war kein direkter Weg, sondern ein wildes Hin und Her auf der Karte, was sie einen Großteil des mitgeführten Zusatztreibstoffs kosten würde. „Gut, gehen Sie runter auf dreitausend.“ wies sie ihren Piloten an. Die Maschine ging in den Sinkflug. „Ich gehe mal nach unserer Ladung sehen … oder auch nicht.“ sie lachte leicht. Der Pilot sah skeptisch zu ihr rüber. „Glauben Sie, dass wir abgehört werden, Ma’am?“ fragte er leichthin. Sie lehnte sich vor und spähte durch das Cockpitfenster. Zwischen vereinzelten Wolken konnte sie die Sterne sehen. Man hatte ihr gesagt, dass das gesamte planetare Überwachungsnetz für achtundvierzig Stunden abgeschaltet worden war. Jetzt sah höchstens noch der Feind zu, und der konnte auch nicht überall gleichzeitig sein. Zumindest hoffte sie das. „Nein, das sollte ein Scherz sein. Galgenhumor, wenn Sie so wollen.“ antwortete sie schließlich, „Die nächste Kursänderung ist in acht Minuten, ich beeile mich.“
Sie kletterte nach unten in den Laderaum und ging vorbei an den vorbereiteten Sprengstoffpaketen. Man wollte auf Nummer sicher gehen, dass weder sie noch ihr Pilot dem Feind in die Hände fielen. Sie schlängelte sich zwischen den Paletten mit den Betonklötzen vorbei zur noch geschlossenen Rampe. Insgesamt waren hier fünfzig dieser Blöcke vertäut. Sie machte die Blöcke der ersten Palette frei und schaltete dann die Beleuchtung in den taktischen Modus. Schlagartig war der Frachtraum in mattes blaues Licht getaucht. Sie wartete einen Moment, bis sich ihre Augen an das Licht gewöhnt hatten, und hakte sich mit dem Sicherungsseil ein, bevor sie die Rampe herunterließ. Sie ging ein Stück die Rampe hinab und blickte in die Tiefe. Der Wind zog an ihren Haaren und sie sah nicht viel. Sie glaubte, irgendwo unter sich den Ozean zu erkennen, aber sie wusste, dass er da war. Dann schob sie den ersten Klotz die Rampe herunter, vorsichtig um ihn nicht zu beschädigen und das, was auch immer in seinem Inneren war, zu enthüllen. Geräuschlos verschwand der Stein in der Tiefe. Nach und nach warf sie den Rest der Palette über Bord. Sie blickte auf die Uhr. Die acht Minuten waren fast um. Sie schloss die Rampe, während sich das Flugzeug in eine enge Kurve legte.
Sie waren seit fast zwölf Stunden in der Luft und hatten nur noch für eine weitere Treibstoff, aber sie hatten ihr Ziel fast erreicht. Keiner von ihnen hatte ein Auge zugemacht, denn zum ersten mal stimmte der Ausspruch. Sie konnten schlafen, wenn sie tot waren. Sie hatte vor ein paar Minuten den letzten Betonklotz in die endlose glitzernde Wasserfläche geworfen. Im Licht der inzwischen aufgegangenen Sonne hatte sie den Sturz verfolgt und den Aufschlag auf dem Wasser gesehen. „Wir erreichen den Zielpunkt in etwa zwanzig Minuten.“ berichtete der Pilot. Sie nickte. „Hoffen wir nur, dass es das wert war, und diese miesen Drecksäcke da draußen nicht durchkommen.“ fluchte sie mit einen Blick in den Himmel. „Ja, es war ein wirklich sehr schönes Flugzeug. Eine Schande.“ pflichtete ihr der Pilot bei. Dann herrschte Stille, während sie sich ihrem Ziel näherten und am Horizont die Küste in Sicht kam. Ein Alarm ertönte, als sie von einem Zielradar erfasst wurden. Dann ein zweiter, dass eine Rakete auf sie abgeschossen worden war. „Da drüben.“ sagte sie und zeigte auf die Rauchsäulen der zwei Raketen, die auf sie zurasten. „Es war mir eine Ehre, für sie zu fliegen.“ stellte der Pilot fest und blickte zu ihr auf. „Die Ehre war ganz meinerseits.“ sie lächelte ihn an, dann detonierte die erste Rakete kurz vor dem Transportflugzeug, der Splitterhagel durchdrang die Hülle und löste die Sprengladungen aus.
Die Maschinerie dröhnte. Verdreckte Männer in Schutzkleidung liefen auf der Bohrplattform herum und riefen sich Dinge zu. Der große Kran führte Gestänge heran, um den Bohrer in der Tiefe zu füttern. Sie waren hoffnungslos unterbesetzt, was in Anbetracht der Umstände auch verständlich war. Doch sie hatten es geschafft, das alte Bohrloch, welches vor vier Monaten eigentlich aufgegeben worden war, wieder zu öffnen. Statt des erhofften Öls war damals nur ein Hohlraum mit öligem Wasser angebohrt worden und der hochverschuldete Betreiber hatte schlicht aufgegeben. Nun würden sie dem Ganzen einen neuen Sinn geben. Sie hatten bereits die alte Tiefe von zweieinhalb tausend Metern erreicht, ohne auf großen Widerstand zu stoßen. Das Gestein hatte sich nicht groß verworfen, was ihnen die Arbeit extrem erleichterte. Nun erfolgte die schwere Arbeit, noch tiefer zu bohren. Die Männer im Führerstand beobachteten, wie sich der Bohrkopf aufheizte, und erhöhten den Kühlmitteldurchfluss. Sie arbeiteten gegen die Zeit, dennoch arbeiteten sie vorsichtig. Immer tiefer fraß sich der Bohrer in die Erde, durch Gesteinsschichten Millionen von Jahren alt.
Schließlich wurde der Bohrer gestoppt. Das Bohrgestänge wurde eingeholt, Rohr um Rohr, bis schlussendlich der diamantbesetzte Bohrkopf vom Kran herausgehoben wurde. Die zehn Männer scharten sich um das fast dreitausend Meter tiefe Loch. Zwei von ihnen rollten längliche Betonzylinder heran, die von der Form dem Bohrkopf nicht unähnlich waren, und schmierten sie mit Schmiermittel ein. Sie ließen beide Zylinder nacheinander in das Bohrloch fallen, wo sie in der Tiefe verschwanden. Eine Weile noch war das steinerne Poltern zu hören, während die beiden Gegenstände in die Erde hinabstürzten. Sie wussten, dass sie größere Hohlräume angebohrt hatten, es ließ sich unmöglich sagen, in welcher Tiefe die Betonzylinder zur Ruhe kommen würden.
Der Kran schwenkte erneut heran, doch diesmal nicht mit dem Bohrgestänge sondern der Zementeinspritzung. Doch sie wollten nicht nur einen Pfropf setzen, sondern das Bohrloch so tief wie möglich versiegeln. Also pumpten sie flüssigen Zement hinein, kubikmeterweise. Zwischenzeitlich mussten sie die Pumpe stoppen, da der Zement nicht schnell genug ablief und drohte, überzulaufen. Schlussendlich war es ihnen nicht mehr möglich, noch mehr hineinzupressen, und sie stellten die Maschine ab. Sie machten sich nicht die Mühe, die Geräte zu reinigen, denn sie waren die letzten, die sie je benutzen würden. Sie zerstörten die Elektrik, um keine technischen Informationen der Bohrtiefe zu hinterlassen und rückten zur Baracke zwei Kilometer weiter ab. Sie würden die Umkleide ein letztes Mal betreten und nie wieder verlassen.
Den dritten Tag in Folge marschierte die dritte Kompanie durch das australische Outback. Es war heiß, doch immerhin konnten sie einen Teil des Weges in klimatisierten Fahrzeugen zurücklegen. Das Ziel dieses Manövers war niemandem so wirklich klar. Alle paar Stunden änderte sich die Marschrichtung fast willkürlich. Sie waren zum Schutz irgendwelcher Leute abgestellt, es war nicht eindeutig, ob es sich um Zivilisten oder Militärs handelte. Doch bislang gab es keine Befehle, irgendwelche Sicherungspositionen einzunehmen oder gezielt einzelne Personen zu schützen. Wovor auch, hier draußen waren sie die einzigen weit und breit. Sie waren lediglich in einer lockeren Formation um die Unbekannten verteilt. Es gab Gerüchte über ein Weltraumartefakt, doch sie waren hier auf der Erde. Das da draußen hatte wohl kaum etwas mit dieser seltsamen Aktion zu tun. Und dennoch gab das Verhalten der Schützlinge Rätsel auf. Hin und wieder stoppten sie, um etwas zu vergraben, oder sie platzierten es in einer natürlichen Spalte im Erdreich oder den seltenen Felsen. Auf die Entfernung sah es wie irgendwelche Blöcke aus.
Nach fünf Tagen erreichte die dritte Kompanie einen Militärstützpunkt. Sie waren erschöpft und wussten immer noch nicht, was genau sie getan hatten. Doch der Stützpunktkommandeur dankte ihnen. Die Schützlinge wurden hinter eine Baracke geführt, von wo nach einiger Zeit Schüsse zu hören waren. Unruhe machte sich breit und kurz darauf steig Rauch eines Feuers auf. Die dritte Kompanie wurde in einen klimatisierten Bus gesetzt und ohne ein Wort der Erklärung auf Heimaturlaub geschickt. Langsam aber stetig verbreitete sich das Gerücht, dass in diesen Tagen etwas dort draußen im Outback versteckt wurde.
Die Dunkelheit wurde vom Licht seiner Stirnlampe erhellt, wenn auch nur die nächsten zehn Meter, bis der schmale Tunnel eine Biege machte. Hier unten, tief unter der Erde, war nur sein eigener Atem zu hören. Vorsichtig robbte er weiter vorwärts den flachen Tunnel entlang. An einem Seil um seinen Gürtel war ein Sack befestigt, den er hinter sich herzog, ebenso wie die Sauerstoffflasche. Er folgte den Windungen des langen Tunnels durch den Fels und die Zeit verschwamm. Er stoppte, als er einen schmalen Nebengang entdeckte, der rasch in die Tiefe führte. Langsam wälzte er sich auf den Rücken und zog den Beutel heran. Inzwischen war der Beutel halb leer, und damit nur noch halb so schwer. Er griff einen der Betonbrocken heraus, befreite ihn von der Polsterung, die ein Zerbrechen im Transport verhindern sollte, und legte ihn vorsichtig in den Nebengang. Der Betonbrocken rutschte weg und verschwand lärmend in der Tiefe. Aber das war ihm ganz recht und nach ein paar Sekunden hörte auch der Lärm auf. Er gönnte sich eine kurze Pause um zu essen und zu trinken. Ein Blick auf die Karte verriet ihm, dass er den erkundeten Bereich des gewaltigen Höhlensystems längst hinter sich gelassen hatte. Für alles, was vor ihm lag, war er der erste Mensch, der es erblickte.
Auf dem Bauch liegend zog er sich durch eine schmale Spalte. Hinter ihm ertönte ein langes, leises Grollen. Es war nicht allein hier unten, und einer der anderen hatte seine Pflicht erfüllt. Ihm selbst würde es schon bald ähnlich gehen. Er würde diese Höhlen nie lebend verlassen, selbst wenn er umkehrte. Der Eingang war vor Stunden gesprengt worden, nachdem man die Hauptkaverne mit schnelltrocknendem Beton geflutet hatte. Plötzlich piepste das Messgerät an seinem Gürtel und ein Blick verriet ihm, dass der Luftsauerstoff gefährlich niedrig wurde. Er zog die Sauerstoffflasche zu sich heran und prüfte den Schlauch, der zur Maske führte, bevor er das Ventil aufdrehte und die Maske aufzog. Mit Glück war es nur ein kurzer Abschnitt, bevor die Luft wieder besser wurde. Und wenn nicht, hatte er ohnehin nur noch einen der Klötze zu verstecken.
Tatsächlich war es ein längerer Abschnitt, der seinen Sauerstoffvorrat fast vollständig verbrauchte, doch die Luft wurde tatsächlich noch einmal besser und er erreichte eine größere Höhle, in der sich etwas Wasser gesammelt hatte. Es tropfte aus den Rissen in der Decke und an mehreren Stellen hatten sich Stalagmiten und Stalaktiten gebildet. Alles in allem wirkte es wie ein gutes letztes Versteck. Er schob sich durch das kalte Wasser und klemmte den Betonbrocken in eine der Spalten, aus der das Wasser tropfte. Farblich ähnelten sich Beton und Gestein sogar, und mit etwas Glück würde der Betonklotz mit dem Fels verwachsen, bevor jemand hier danach suchte. Er setzte sich auf, so weit es die Decke zuließ, und blickte in die Richtung, aus der er gekommen war. Seit zwei Tagen war er hier unten, zerschrammt, hungrig und erschöpft. Er wusste nicht, wie viele Kilometer er durch die Tunnel gekrochen oder wie tief er unter der Erde war. Er schloss für einen Moment die Augen und dachte an seine Familie, die er in seinem Dorf zurückgelassen hatte. Auch wenn der Sack zu seinen Füßen leer war, so war seine Reise noch nicht zu Ende. Er würde weiter vordringen und dieses Wunder bestaunen, und erst wenn er nicht mehr weiter könnte, dann würde er den mitgebrachten Brandsatz aktivieren und sich mit der Suizid-Kapsel das Leben nehmen.
Am frühen Morgen, noch deutlich vor dem Weckruf, waren sie kommentarlos aus ihren Zellen geholt und in einen Transporter gesteckt worden. Sie waren Gefängnisinsassen, vier an der Zahl. Es war kein Hochsicherheitsgefängnis, doch waren sie wegen schwerer Straftaten inhaftiert. Die Mehrzahl würde nie wieder die Freiheit erleben. Zwei bewaffnete Wachen saßen bei Ihnen im Transporter, und machten unmissverständlich klar, dass sie nicht zu reden hatten. Nach zehn Minuten Fahrt wurden sie an einer Lagerhalle ausgesetzt und der Transporter fuhr davon. Verwundert sahen sie sich um. Das offene Gelände war verlassen, auch wenn Licht aus der Halle drang. Einige geländegängige Jeeps standen zwischen Ihnen und der Halle, und an der Seite waren zwei geöffnete und leere Schiffscontainer.
„Meine Herren, kommen Sie herein.“ rief jemand von der Halle aus. Nach kurzem Zögern und einigen verwirrten Blicken folgten die vier Gefangenen der Aufforderung. Durch eine Tür betraten sie die erleuchtete Halle. Das Innere war überwiegend leer. Drei Männer standen bei zwei Transportpaletten, auf denen einige Steinklötze lagen. „Hierher, bitte.“ rief einer der drei. Als sie näher traten fragte einer der Gefangenen „Was machen wir hier?“ Der Mann, der zuerst gesprochen hatte, blickte auf. „Wir sind vom Justizministerium und haben einen Auftrag für Sie. Sie müssen eine Entscheidung treffen, auch wenn die Alternative nicht wirklich … wählenswert ist.“ sagte er und reichte ihnen Unterlagen. Er gab den Häftlingen die Zeit, die Informationen zu verarbeiten. „Wie Sie an dem Stempel hier unten sehen, sind diese Dokumente vom Oberkommando der Raumstreitkräfte und zu hundert Prozent authentisch.“ „Was erwarten Sie von uns? Ich meine, wie erwarten Sie, dass wir etwas gegen dieses Ungeheuer ausrichten? Ich glaube einige von uns haben gedient, aber wir sind nur zu viert …“ flüsterte einer der Gefangenen fassungslos. Der Mann, der zuerst gesprochen hatte, warf einen Blick zu seinen Begleitern und wandte sich dann wieder den Vieren zu. „Sie alle haben Verbrechen begangen. Sie alle zeigen Reue für das, was sie getan haben. Sie alle haben Familienangehörige in Freiheit. Wir wissen, dass Ihnen diese Menschen etwas bedeuten, denn Sie schreiben regelmäßig Nachrichten oder werden besucht. Deswegen sind Sie vier hier. Wenn der Feind gewinnt, dann wird jeder Mensch, der Ihnen etwas bedeutet, sterben. Sie können das verhindern.“ erklärte er. „Wie?“ fragte einer der Häftlinge skeptisch. Der Mann räusperte sich und wies auf die Paletten. „Diese Objekte sind vielleicht das, was der Feind haben möchte. Und bevor Sie fragen, ich weiß nicht, ob sie es tatsächlich sind. Das zu wissen ist gefährlich. Wichtig ist, dass der Feind es in keinem Fall in seinen Besitz bringen darf.“ Einer der anderen Beiden reichte Ihnen Landkarten. Darauf war ihr aktueller Standort markiert, und noch ein weiterer. Der Mann fuhr fort, „Jeder von Ihnen erhält eines der Fahrzeuge da draußen. Sie sind vollgetankt, haben Reservetreibstoff, Essen und Wasser. Es gibt auch Bewaffnung, falls Sie in Schwierigkeiten geraten. Sie haben richtig gehört, wir vertrauen Ihnen Schusswaffen an. Zusätzlich wird jeder von Ihnen drei dieser Betonklötze nehmen, in denen vielleicht das ist, was der Feind haben will. Wer weiß.“ erklärte er und warf einen Blick zu den Paletten, „Ihr Ziel ist die rote Markierung da oben, eine Militärstation auf der anderen Seite der Berge. Das Gebiet bis dorthin ist ziemlich unzugänglich und kaum bewohnt. Verstecken Sie die Ihnen anvertrauten Objekte unterwegs. Wenn Sie die Station erreichen, werden Sie hingerichtet und Ihre Leichen verbrannt.“ Die Häftlinge protestierten lautstark gegen diese Neuigkeit und die zwei Männer hinter dem, der zuerst gesprochen hatte, zogen ihre Waffen. Die Lage beruhigte sich etwas. „Warum sollten wir das machen? Wenn wir dann getötet werden?“ fragte einer der Häftlinge entsetzt. Der Mann seufzte. „Der Einwand ist berechtigt. Aber Sie wissen, was auf dem Spiel steht. Und wenn Sie sich weigern, dann werden Sie hier auf der Stelle sterben. Es tut mir Leid.“ sagte er mit ehrlichem Bedauern, bevor er hinzufügte „Wenn es Sie tröstet, auch wir drei werden diese Nacht nicht überleben. Wir wissen zu viel.“ Die Gefangen blickten sich an mit einer Mischung aus Angst, Skepsis und Resignation. „Wenn wir das tun, und ich sage wenn. Was, wenn wir es nicht bis zu diesem Punkt schaffen? Etwa wenn der Treibstoff ausgeht oder das Fahrzeug defekt ist.“ fragte einer von ihnen. „Für diesen Fall haben Sie mehrere zeitgezündete Brandsätze in Ihrem Fahrzeug, die mit zehn Sekunden Verzögerung zünden. Aktivieren Sie einen oder besser zwei, und erschießen Sie sich dann.“ erklärte der Mann grimmig. „Was ist mit unseren Familien?“ fragte ein anderer Häftling. „Natürlich können wir Ihren Familien keine Details nennen. Man wird ihnen sagen, dass Sie im Dienst der Raumstreitkräfte gefallen sind. Zudem werden Sie posthum begnadigt.“ antwortete der Mann.
Die Gefangenen zogen sich etwas zurück und diskutierten flüsternd untereinander. Die Belege lagen in ihren Händen, doch sie hatten nur die Wahl zwischen dem Tod jetzt oder dem Tod später. Nach ein paar Minuten kehrten sie zu den anderen dreien zurück. „Warum wir? Warum glauben Sie, dass wir uns nicht einfach aus dem Staub machen?“ fragten sie. „Weil Sie die vertrauenswürdigsten Gefangenen sind, die wir haben.“ antwortete der Mann offen. Die Gefangenen blickten sich an. Sie willigten alle ein.
Die kleine Karawane zog langsam durch die Wüste. Drei Kamele und acht Männer. Die Sonne stand brennend im Zenit, während es die Dünen auf und ab ging, stetig dem Zentrum der weitläufigen Wüste entgegen. Sie waren in der Wüste geboren worden, sie würden hier sterben. Eine Gewissheit, die sie seit langer Zeit hatten, auch wenn das Ende wesentlich eher kam als erwartet. Nun zogen sie in Stille durch die endlose und menschenleere Sandlandschaft.
Die Sonne begann sich in Richtung des Horizonts zu senken, als der Älteste eine kurze Rast befahl. Sie hatten ein besonders tiefes Dünental erreicht und holten die Schaufeln von den Kamelen. Alle acht begannen zu graben. Es war ein aussichtsloses Unterfangen, doch sie schafften eine anderthalb Meter tiefe Kuhle auszuheben. „Rasch!“ rief der Älteste und einer der anderen hastete zu den Kamelen und schaffte einen kleinen Betonklotz heran. Er rollte ihn in die Kuhle und die anderen schaufelten Sand drauf, um das Versteck verschwinden zu lassen. Nach wenigen Augenblicken zeugte nichts mehr von ihrer kleinen Grabung. Sie verstauten die Schaufeln und tranken jeder einen halben Liter Wasser, bevor sie ihren Weg fortsetzten.
Die Nacht war frisch und sie rasteten etwas länger. Sie hatten entschieden, mehrere Löcher in der Umgebung ihres Lagers zu graben, falls ihnen die Sterne neugierig zusahen. In einem davon war einer der seltsamen Klötze verschwunden. Nach zwei Tagen in der Wüste waren ihre spärlichen Vorräte fast aufgebraucht. Am kommenden Tag würden sie ihr Ziel erreichen. Danach würden sie sich auf den Weg zu ihren Ahnen machen.
Die Sonne stand fast im Zenit, als sie die Mitte der Wüste erreichten. Der Älteste stand auf der Düne und blickte in das endlose Meer aus Sand, dass sich in alle Richtungen gleichermaßen erstreckte. Die Luft flirrte vor Hitze. Sie hatten bereits ein Kamel zurückgelassen, nachdem es zusammengebrochen war. Sie hatten die verbliebenen Steine vergraben, so wie es ihnen aufgetragen worden war. Nun gab es nichts weiter zu tun, als den Tod willkommen zu heißen. Die Wüste würde dafür sorgen, dass sie auf Ewig bei Ihren Ahnen verblieben. Sie töteten die verbliebenen Kamele und setzten sich im Tal im Kreis zusammen. In der strahlenden Sonne rauchten sie Pfeife und erzählten sich Geschichten aus ihren Leben. Lustige, traurige, was ihnen in den Sinn kam. Schließlich holte der Älteste acht Gläser hervor und schenkte Wein ein. Sie wussten, dass das Getränk vergiftet war, dennoch tranken sie.
Äste schlugen in ihr Gesicht, als sie durch das dichte Gestrüpp des Dschungels rannte. Sie hatte keine Zeit mehr und musste sich beeilen. Als sie über eine Wurzel stolperte, und beinahe den Betonklotz in ihren Händen verlor, stoppte sie kurz. Sie wusste nicht, wo sie war und hatte sich völlig verlaufen. Doch das war etwas gutes, in Anbetracht der Umstände. Nach ein paar weiteren Schritten fand sie etwas weiche Erde am Fuß eines Baumes und setzte den Stein ab. Mit bloßen Händen begann sie, sich ins Erdreich zu graben. Kleine Steine und Pflanzenreste kratzten ihre Haut auf und sie blutete. Sie machte dennoch weiter, bis die Kuhle tief genug war, um den mitgeführten Gegenstand aufzunehmen. Schließlich füllte sie das Loch wieder mit Erde auf, um den Stein zu verdecken, und klopfte sie fest. Die überschüssige Erde verteilte sie in der Umgebung. Dann rannte sie weiter, wobei ihre Wunden eine kleine Blutspur hinterließen. Doch sie hoffte, dass niemand ihr nach so kurzer Zeit folgte. Irgendwann stolperte sie aus dem Dschungel heraus. Sie war an einer Klippe angelangt, auf deren anderer Seite sich der Urwald fortsetzte. Zu ihrer linken stürzte ein Wasserfall in die Tiefe und verwandelte sich in einen Fluss mit reißenden Stromschnellen. Sie warf einen Blick in den bewölkten Himmel und fragte sich, ob die Augen des Feindes sie erspähen konnten. Mit geschlossenen Augen atmete sie tief durch. Sie könnte noch weiter rennen, doch früher oder später musste sie es beenden. Dieser Ort schien so gut wie jeder andere. Sie zielte auf die schäumende Gischt des Flusses, wo das Wasser flacher war, und stieß sich ab.
Die Zeit war abgelaufen. Die gewaltige Armada von Kazen Thrul drang ins Sonnensystem ein und stieß binnen weniger Stunden zur Erde vor. Die Menschheit hatte ihm nichts entgegenzusetzen. Sie widersetzte sich nicht, sie kapitulierte schlicht vor der vollständigen und totalen Übermacht. Es wurde von beiden Seiten kein Schuss abgefeuert. Der Tyrann stand auf der Brücke seines Flaggschiffs und betrachtete die Erde, so wie er tausend andere Welten zuvor betrachtet hatte, bevor er sie unterjochte. Ein kümmerlicher Felsbrocken, kaum seiner Aufmerksamkeit wert, sondern eine leichte Aufgabe für einen seiner Untergebenen. Doch aufgrund einer Besonderheit, der Wahl der Priester von Miamsa als Zufluchtsort, hatte diese Welt nun seine volle Aufmerksamkeit.
Er ließ eine Kommunikationsverbindung zum Planetaren Herrscher, einem Präsidenten, aufbauen. Das holografische Bild eines ängstlichen Humanoiden erschien. „Gebt mir das Artefakt, und ich werde euch und eure kümmerliche Welt verschonen. Verweigert es mir, und eure jämmerliche Zivilisation wird brennen.“ dröhnte Kazen Thrul, wobei seine Stimme in die lokale Sprache übersetzt wurde. Das holografische Abbild hob einen Zettel, offenbar eine vorbereitete Rede oder Stellungnahme. „Tyrann Kazen Thrul, Ihr seid gekommen, um das Juwel von Miamsa in Euren Besitz zu bringen. Die Priester von Miamsa haben es uns in höchster Not anvertraut mit dem Wunsch, es vor Euch zu schützen. Doch Ihr werdet es nicht finden. Unsere Welt mag klein sein, doch hat sie viele Winkel und abgelegene Orte, an dem das Juwel versteckt sein kann. Selbst wenn ihr alle Menschen in der Galaxis foltert und tötet, so müsstet Ihr dennoch jeden Stein auf der Erde umdrehen, um das zu Juwel zu finden. Denn jeder, der etwas darüber weiß, selbst ich, der diese Zeilen schreibe, ist tot. Wir haben uns getötet, um Euch den Sieg zu verwehren. Eure Spione werden Euch dies zweifelsohne bestätigen. Nun könnt Ihr natürlich jeden Stein auf der Erde umdrehen, doch selbst mit Euren gewaltigen Ressourcen wird dies Jahre dauern. Zeit, die Ihr nicht habt, denn die vereinigte Flotte von acht Galaxien jagt Euch. Auch Eure Macht ist nicht unbegrenzt. Als mein letzter Wille bitte ich Euch: geht, denn sonst wird die Erde nicht zu unserem, sondern zu Eurem Grab.“ las der Präsident und stoppte dann.
Kazen Thrul starrte mit versteinerter Mine auf das Hologramm. Was verlesen wurde war die Wahrheit, seine Spione bestätigten es. Die Menschen hatten Operationen auf dem ganzen Planeten durchgeführt, und bei jeder konnte das Artefakt versteckt worden sein. Und alle Beteiligten waren auf eine Art und Weise vernichtet worden, dass er sie nicht mehr zu Untertan machen konnte. Für einen Moment überlegte er, die Erde als Bestrafung mit dem Feuer seiner Geschütze zu überziehen, doch jedes Bombardement barg das Risiko, das Juwel von Miamsa zu beschädigen oder gar zu zerstören. Für den Moment hatte er eine Niederlage erlitten, aber dieser Kampf war noch nicht zu Ende. Er befahl seiner Armada den Rückzug, bevor seine Feinde eintrafen. Das Juwel würde auf der Erde verbleiben, wenn es die Priester je dort gelassen hatten.