Der Urlaub der Anderen – Kapitel 1
Freitag
Als das Taxi von der Hauptstraße bog, brach die Sommersonne durch die Wolkendecke und ließ das beschauliche Städtchen Bad Neubach erstrahlen. Dutzende Autos und Schaufenster reflektierten das Sonnenlicht und zwischen den Häusern glitzerte das Meer. Nach einiger Zeit erreichte das Fahrzeug den Stadtrand und bog in eine breite Einfahrt. Schließlich stoppte das Taxi und der Fahrer drehte sich zu seinen Passagieren, einem jungen Pärchen, um. „Da wären wir, Hotel Bad Neubach.“ sagte er. Die Frau gab ihm einen Zwanziger. „Der Rest ist für Sie.“ sagte sie lächelnd, als der Fahrer den Schein nahm. „Danke und einen schönen Urlaub.“
Das Taxi setzte sich wieder in Bewegung und ließ das junge Paar vor dem Hoteleingang zurück. Die neunstöckige Hotelanlage verkündete ihren Namen für alle in großen Buchstaben, die saubere Fassade glänzte leicht in der Sonne und ein warmer Wind wehte. Der Kreisverkehr vor dem Eingang umschloss einen Springbrunnen und die Zufahrt war mit großen Farnen gesäumt. Es war ein idyllischer Anblick, doch die Beiden hatten keine Zeit dafür. Sie warfen einen kurzen Blick zu den Seiten, dann gingen sie in die Eingangshalle.
Eine Empfangsdame wartete mit freundlichem Lächeln auf die Gäste. „Einen schönen guten Tag im Hotel Bad Neubach. Auf welchen Namen haben Sie reserviert?“ fragte sie höflich. „Fred Baumann und Karin Sesshoff.“ antwortete der Mann ebenso höflich und reichte der Frau die ausgedruckte Reservierung. „Einen Augenblick bitte.“ sagte diese und verschwand in einem Hinterzimmer. Fred Baumann warf einen Blick zu seiner Begleiterin. Sie war Mitte zwanzig, hatte lange, schwarze Haare und trug eine Sonnenbrille. Mit ihrem luftigen Top und dem Rock war sie für den Urlaub gewappnet. Aufmerksam sah er sich in der Eingangshalle um. Frisch polierter Marmorboden führte zu zwei Fahrstühlen und einer Treppe, eine Doppeltür war mit dem Schild 'Speisesaal & Strand' versehen, während eine kleinere Tür daneben als Toilette ausgeschildert war. Als sich Baumann umdrehte, spiegelte sich sein Abbild kurz in der Sonnenbrille seiner Begleiterin. Er war so alt wie sie, hatte kurze schwarze Haare und einen bemüht freundlichen Blick aufgesetzt. Das klischeehafte Hawaii-Hemd war eng, aber wenigstens passten die Bermuda-Shorts wie angegossen. Gerade als Karin etwas dazu sagen wollte, kam die Empfangsdame wieder. „Entschuldigen Sie die Wartezeit, hier sind Ihre Schlüssel.“ Sie überreichte dem Pärchen einen silbernen Schlüssel mit einer großen Plakette, auf der '624' stand. „Frühstück ist von sieben bis neun, Mittag von elf bis vierzehn Uhr. Zu Abend essen können Sie von achtzehn bis einundzwanzig Uhr. Alles hier unten im Speisesaal. Der Strand und die Erholungsanlagen sind ganztägig geöffnet, für Sportgeräte ist jedoch eine Nutzungsgebühr fällig. Sollten Sie noch Fragen haben, können Sie sich jederzeit an das Personal wenden.“ „Vielen Dank.“ antwortete Karin mit einem Lächeln. „Ich wünsche Ihnen ein angenehmes Wochenende.“
Fred stellte kurz die zwei Reisetaschen ab, während der Fahrstuhl nach oben fuhr. „Ich bin froh, wenn ich aus diesem Hawaii-Hemd raus bin.“ zischte er. „Hab Spaß, schließlich haben wir Urlaub.“ grinste seine Freundin ihn an. „Letztes Jahr hatte ich mehr Spaß.“ „Ja, das in der Oper war richtig abgefahren.“ Mit einem 'Gong' öffneten sich die Fahrstuhltüren zur sechsten Etage und das Paar verließ den Aufzug.
Nach einem kurzen Gang durch den verlassenen Flur erreichten sie ihr Zimmer. Es war geräumig, mit Doppelbett, großem Schrank und im Bad eine Dusche. Auf dem Ecktisch thronte ein Flachbildfernseher. Karin schob sich an ihrem Freund vorbei. „Ich schlaf am Fenster.“ grinste sie und warf sich auf das Bett. Fred stellte kommentarlos die Taschen in den Schrank und ging auf den Balkon. Die Aussicht war schön. Am Strand und im Wasser hinter dem Hotel tummelten sich etliche Gäste, der Pool und die Sportanlagen waren ebenfalls gut besucht. Karin trat neben ihn und lehnte sich über die Brüstung. „Genug Urlaub. Gehen wir an die Arbeit.“ meinte sie nach einem umherschweifenden Blick. „Das heißt wohl, ich kann das Hemd noch nicht wechseln.“ grummelte ihr Freund.
Wenig später hatten sie einen Laptop auf das Bett gestellt. Ein Vollbildprogramm war gestartet und verkündete, dass es keine Updates gab. Auch wenn sie das Wochenende akribisch vorbereitet hatten, so war es dennoch unerlässlich, nach Abweichungen Ausschau zu halten. Fred saß im Schneidersitz auf dem Bett und klickte herum, während Karin sich hingefläzt hatte und ihm zusah. Auf dem Bildschirm erschien das Profilbild eines älteren, sichtlich geschafften Mannes. Daneben wurden Informationen aufgelistet. Der Name des Mannes war Dittmar Hanau. Karin reckte den Kopf vor. „Ich verstehe immer noch nicht, wieso wir einen Steuerhinterzieher haben. Es hatte Verfahrensfehler gegeben und fertig.“ bemerkte sie. „Da war wohl jemand sehr wütend auf ihn.“ antwortete Fred achselzuckend und deutete auf einen Textabschnitt. „Zudem belegen diverse nicht öffentliche Dokumente, dass er Geld veruntreut und privat genutzt hat.“ „Naja egal.“ grummelte Karin. „Zeig mal den nächsten.“ Das nächste Bild zeigte einen arroganten jungen Kerl in Neopren mit einer Goldmedaille um den Hals. Plötzlich blinkte ein kleiner Globus in der rechten oberen Ecke. Fred klickte darauf und Karin konnte gerade noch lesen, dass der Mann ein Mafioso war. Das Bild verblasste ins schwarz-weiß und der Infotext besagte nun, dass Federico Rotolo nicht länger verfügbar war, da er seinen Urlaub nicht angetreten hatte. „Meine Prämie!“ stöhnte Karin und vergrub ihren Kopf in der Decke. Ihr Freund strich ihr durchs Haar und grinste. „Dann komm ich wohl doch noch aus diesem Hemd raus.“
„Wie schaut's aus?“ fragte Karin aus Freds Ohr, genauer gesagt aus dem unauffälligen Mikro-Funkgerät. Er hob das Fernglas und beobachtete die ihm gegenüberliegenden Hotelfenster. Er hatte sich in den vorletzten Stock des Treppenhauses gestellt, um ungestört zu sein. Kein Urlauber würde in den achten Stock die Treppe nehmen. „Seine Sekretärin ist noch bei ihm, aber das Nachbarzimmer ist klar.“ antwortete er nach ein paar Sekunden. Es war schon eigenartig, dass sich Menschen in ein Hotel einmieteten und die Sekretärin mitbrachten. Man mochte meinen, die Preise waren noch nicht hoch genug, dachte Fred bei sich. Aber so wussten sie immerhin im Voraus, zu welchem Zimmer sie mussten. Die Tür zum leeren Nachbarzimmer öffnete sich und Karin trat ein. Sie sah sich kurz um, schob die Balkontür auf und blickte fragend zu ihrem Partner im gegenüberliegenden Flügel. „Noch nicht. Aber wenn du willst, kannst du ja den Champagner vom Tisch nehmen.“ scherzte Fred. Nach einer Minute fügte er hinzu „Die Sekretärin ist raus, er geht jetzt zum Bad.“
Karin trat auf den Balkon und blickte sich um. Die anderen Balkone waren größtenteils ungenutzt, nur auf einer Hand voll sonnte sich jemand. Und ganz sicher niemand hatte Augen für den eintönigen Hotelbau, wo doch die Sonne am wolkenlosen Himmel stand. Sie stieg auf das Geländer und sprang über den zwei Meter breiten und viel zu tiefen Abgrund. Leichtfüßig rollte sie sich bei der Landung ab und blickte in die Wohnung, die jetzt leer war. Auf dem Schreibtisch neben dem Balkonfenster lagen etliche Unterlagen und eine Flasche Brandy stand da samt Glas, für den Sitzenden in Griffweite. Glücklicherweise hatten sie den Tipp erhalten, dass Hanau viel Brandy trank und so hatten sie ihren Plan etwas angepasst. Karin hebelte die Balkontür mit ihrer Kreditkarte auf und schlüpfte dann hinein. Sie blickte kurz auf die Unterlagen und bemerkte dann „Das sind die gleichen, die wir auch bekommen haben. Das belegt seine Veruntreuung. Idiot, dass er sie noch hat.“ Vorsichtig holte sie ein kleines Fläschchen aus ihrer Hosentasche. Es war noch kühl, weil sie es in der Zimmerbar aufbewahrt hatten. Selbst auf der Reise hatten sie es kühlen müssen. Karin tröpfelte die im Fläschchen enthaltene Flüssigkeit in das Brandyglas. „Hast du´s?“ fragte Fred über Funk. „Das Fünffache dürfte reichen.“ antwortete sie achselzuckend. Sie ging zurück auf den Balkon und zog die Tür hinter sich zu. „Er kommt, beeil dich!“ drängte ihr Partner, während sie sich auf das Geländer stellte und wieder zurück zum Nachbarzimmer sprang. Er beobachtete noch einige Zeit das Zimmer, aus dem Karin gerade geflohen war. Der alte Mann setzte sich hinter den Schreibtisch und füllte das Glas bis zum Rand mit Brandy. Er blickte eine Weile über die Unterlagen und schwenkte das Glas in seiner Hand. Dann leerte er es in einem Zug. Fred wandte sich ab und ging zurück zu seinem Zimmer.
Als er in der 624 ankam, war Karin schon längst da und erwartete ihn gespannt. „Er hat es getrunken. Also weiß ich nicht, was du mich jetzt so anschaust.“ sagte er skeptisch. Zu diesem Zeitpunkt sollte Hanau bereits tot sein. Fred hatte das Toxin selbst ausgewählt. Es wirkte schnell, und zerfiel durch Hitze und direkte Sonneneinstrahlung rasch. Seine Sekretärin würde ihn leblos an seinem Schreibtisch vorfinden. Eine Obduktion würde lediglich einen Herzinfarkt feststellen. „Ja ich weiß, ist ja nicht das Erste mal.“ antwortete Karin und blickte aus dem Fenster. „Ich will nur nicht, dass mir noch mehr Geld durch die Lappen geht.“ Eine Weile herrschte Schweigen. Es gab für heute nichts mehr zu tun, aber Karin schien auf irgendetwas zu warten. Schließlich räusperte sich Fred. „Was machen wir jetzt?“ fragte er halblaut in den Raum. Karin holte den Badeanzug aus der Tasche und begann sich umzuziehen. „Ich geh schwimmen.“ Ihr Freund grinste „Ich nehme an, die gesellschaftliche Etikette verlangt, dass ich dich begleite.“
Sonnabend
Es war noch früher Morgen, als der Wecker klingelte. Während der Horizont langsam errötete, zogen sich Fred und Karin an. Nebenbei startete der Laptop und Karin überprüfte noch einmal, ob es Änderungen gegeben hatte. Das Gesicht eines gehetzt wirkenden Mannes, augenscheinlich Latino, erschien. Es gab keine Updates, Antonio Santos war nach wie vor ein schlechter Mensch. Er hatte in den letzten dreieinhalb Jahrzehnten zwei Sekten geleitet und dabei viele Mitglieder auch sexuell missbraucht. Seine letzte Sekte endete in einem Massenselbstmord, während Santos sich mit dem Hab und Gut der Sektenmitglieder aus dem Staub gemacht hatte. Ihr zweites Ziel für diesen Tag hieß David Mitchel, ein Multimillionär, der mit Drogen- und Menschenhandel zwischen Afrika und Eurasien reich geworden ist. Er war fünf mal wegen Vergewaltigung angeklagt worden, konnte sich jedoch jedes mal freikaufen. Karin klappte den Laptop wieder zu „Hast du alles?“ fragte sie schließlich, und Fred klopfte seine Taschen ab. „Ja, hab alles.“ Gemeinsam verließen sie das Zimmer. Auf dem Gang schob eine Hotelangestellte einen großen Wagen mit Reinigungsmitteln entlang. Karin küsste ihren Freund und rief ihm dann hinterher „Bis nachher Schatz!“ Während sie an der Angestellten vorbei ging, machte sich Fred auf den Weg nach unten.
Karin stand in einem Freizeitraum mit Blick auf die Poolanlage und sah zu, wie ein Poolboy das Wasser mit einem Kescher durchfurchte. Ansonsten war das Gelände um den Pool leer. Auf einer Liege lag ein Handtuch, doch bis der Besitzer auftauchte, mochte noch eine Stunde vergehen. In einem schlecht beleuchteten Durchgang auf der anderen Seite konnte sie Fred nur erahnen, doch sie wusste, dass er da war. Sie hatte durch das dümmliche Pamphlet von Santos Sekte geblättert, und ein Punkt stach heraus. Er war fanatischer Anhänger von Pseudomedizin, und glaubte insbesondere, dass morgendliches Baden mit ätherischen Ölen den Körper reinigte.
Irgendwann ging der Poolboy und eine ganze Weile passierte nichts. Dann schließlich kam eine einzelne Gestalt um die Ecke gebogen. Der Mann trug eine widerlich enge Badehose und hatte ein obskures Amulett um den Hals gehängt. Dem Gesicht nach war es die Zielperson. „Okay er kommt.“ flüsterte sie und ihr Freund löste sich von der Wand. Der Mann ging weiter am Pool entlang und kam dann zu dem Durchgang, aus dem nun Fred hervortrat.
„Santos?“ Die Gestalt am Beckenrand drehte sich um. Fred zog die Pistole, die er im Hosenbund stecken hatte und zielte auf den Kopf des Verbrechers. Santos Augen weiteten sich vor Schreck, doch bevor er reagieren konnte ertönte ein gedämpfter Schuss und er fiel in den Pool. Fred trat einen Schritt hervor und das Geräusch wiederholte sich noch zwei mal. Schon der erste Schuss war tödlich gewesen, doch mit den Schüssen in Bauch und Oberschenkel sah es wie ein Raubmord aus. Er drehte sich um und steckte in der gleichen Bewegung die Waffe weg. Dann entfernte Fred sich zügig, das Hotelpersonal würde sicherlich nochmal zur Reinigung der Außenanlagen vorbeikommen. Santos trieb mit ausgebreiteten Armen und aufgerissenen Augen im Wasser, das sich langsam rot färbte.
Die Sonne stand hoch am Himmel und es war schon fast zu warm. Karin und Fred hatten es sich am Strand gemütlich gemacht. Die Sirene des Krankenwagens war mittlerweile verstummt und nur noch das Rauschen der Wellen war zu hören. Fred setzte sich mit einer Badehose mit Palmenmuster auf die Liege neben seine Freundin. Sie hatte es sich in der Sonne gemütlich gemacht und schlief. Er blickte auf sie herab und fragte „Soll ich dir ein Eis mitbringen?“ Die Antwort bestand aus einem kurzen, verärgerten Grummeln und Karin drehte sich zur Seite. Wortlos stand Fred auf und ging zur Standbar.
Als Fred mit zwei Eiswaffeln zurückkehrte, saß Karin auf ihrer Liege und wartete schon. Fred gab ihr eine und gemeinsam beobachteten sie die Menschen am Strand. Familien und andere Pärchen planschten im Wasser oder spazierten am Strand entlang. Einige saßen an den Bars oder sonnten sich auf Liegestühlen. „Weißt du, manchmal wünschte ich, wir könnten echten Urlaub machen.“ sagte Karin nachdenklich, „All diese Leute müssen sich nur um Sonnenbrand und Liegestühle Gedanken machen.“ Fred sah sie nachdenklich an. „Wir arbeiten damit sie das können. Damit sie sich keine Gedanken um die schlimmen Dinge machen müssen. Vielleicht nicht genau diese Menschen hier, aber im Allgemeinen sorgen wir für etwas Gerechtigkeit.“ antwortete er schließlich. „Wann hatten wir das letzte mal wirklich Urlaub?“ fragte seine Freundin und beobachtete eine Familie im Wasser. Fred senkte missmutig den Kopf. „Ich weiß es nicht.“ gab er zu und scharrte verlegen im Sand.
Zurück in der 624 hängte Fred die Handtücher im Bad auf und Karin zog sich um. Als er wieder aus dem Bad kam, stand vor ihm ein Zimmermädchen. „Und wie sehe ich aus?“ fragte Karin. Fred grinste und lachte „Überzeugend genug. Du bist ein großes Mädchen, du schaffst das sicher auch ohne mich. Ich bin noch gar nicht zum Fernsehen gekommen.“ Sie gab ihm einen leichten Stoß in die Rippen und verließ das Zimmer.
Karin wanderte durch die Gänge und blieb schließlich vor Zimmer 873 stehen. Schon vor dem Strandgang hatte sie herausgefunden, welches Zimmer Mitchel bewohnte. Es war nicht schwer, da das Hotelpersonal die aktuellen Belegungspläne jeder Etage in den Serviceräumen hängen hatte. Zwar waren die meistens abgeschlossen, doch ein gewöhnliches Schloss stellte für sie kein Hindernis dar. Sie versicherte sich, dass sie allein war und klopfte dann an Mitchels Zimmertür. Eine raue, männliche Stimme blökte von der anderen Seite „Wer ist da?“ „Zimmerservice!“ Nach einigen Sekunden öffnete sich die Tür einen Spalt breit und ein finsteres Gesicht blickte hinaus. Es erhellte sich jedoch sofort beim Anblick des attraktiven Zimmermädchens. Die Tür öffnete sich ganz, um sie hereinzulassen. Karin trat ein und informierte den Bewohner freundlich, dass er sie wegen eines defekten Fernsehgerätes gerufen habe. „Ich habe sie nicht gerufen. Aber wo sie schon mal hier sind, ich glaube er flackert etwas.“ grinste der große Mann. „Oh, dann schaue ich mir das lieber sofort an.“ sagte Karin lächelnd und verschränkte leicht die Arme vor ihrem Bauch, um ihren Busen mehr zu betonen. Dann ging sie zum Fernseher und beugte sich übertrieben nach vorn. Der Mann trat von hinten an sie heran und grapschte ihr an den Hintern. Immer noch lächelnd drehte sie sich herum und hauchte perfekt gespielt „Aber Herr Mitchel, hier kann uns jeder sehen.“ Herr Mitchel setzte ein perverses Grinsen auf und lachte „Oh, ich kenne einen Ort, wo uns niemand sieht, du kleines wildes Ding. Ich habe eine gewaltige Überraschung für dich.“ Karins Lächeln wurde plötzlich eisig. „Ich auch, du mieser Schmuggler.“
Das perverse Lächeln war wie aus Mitchels Gesicht gewischt und Schock und Angst traten nun an dessen Stelle. Doch bevor er auch nur einen Schritt machen konnte, sprang Karin an ihn heran und versetzt ihm einen Schlag an die Schläfe, und der Mann sackte bewusstlos zu Boden. Sie verlor keine Zeit, sondern zog ihn zur Terrasse und nach dem sie sich sicher war, dass niemand sie beobachtete, zog sie den Bewusstlosen nach draußen und richtete ihn auf. Vorsichtig legte sie seine Hände auf das Geländer, wobei sie darauf achtete, selbst keine Abdrücke zu hinterlassen. Als sie Mitchel so platziert hatte, ließ sie seinen Oberkörper über das Geländer kippen und der Rest folgte automatisch. „Ein Arschloch weniger.“ schnaubte sie schwer atmend und klatschte in die Hände.
Als Karin zurückkehrte, schaltete Fred gerade durch die Fernsehkanäle. Er blickte auf und fragte mit einem knappen Nicken „Wie lief's?“ „Genau nach Plan. Ich glaube der Krankenwagen ist schon da.“ antwortete Karin und begann sich umzuziehen, „Wie wäre es mit Abendessen?“ „Von mir aus gerne.“ grinste Fred und schaltete den Fernseher aus.
Der Speisesaal war gut gefüllt und am Buffet hatte sich eine kleine Schlange gebildet. Am Haupteingang waren kurz zwei Sanitäter zu sehen gewesen, weil offenbar jemand zu Tode gestürzt war. Fred brachte zwei volle Teller zu dem Tisch, an dem Karin saß. Er stellte einen davon vor ihr ab und sie dankte mit einem kurzen Nicken. Während des Essens unterhielten sie sich kurz über die Hotelanlage und was man noch unternehmen könnte. Schließlich waren die Teller leer und sie gingen wieder zurück auf ihr Zimmer.
Im Fahrstuhl zwinkerte Karin ihrem Freund zu „Wir können morgen ausschlafen, also was hältst du davon, wenn wir uns den Abend ein wenig versüßen?“
Sonntag
Als Karin und Fred aufstanden, war es schon fast um zehn. Fred bat Karin, den Fernseher einzuschalten, damit er noch etwas dösen konnte, während sie schwimmen ging. Von den Nachrichten und dem nachfolgenden Programm bekam er kaum etwas mit, da er rasch wieder einschlief.
Der Strand war schon gut besucht und der Hauptabschnitt geradezu überfüllt. Also spazierte Karin über den weißen Sand, während ihre Füße von den Wellen umspült wurden. Irgendwann wurde der Boden felsiger und schließlich stand sie auf einer kleinen Anhöhe aus blankem Fels. Es gab keine planschenden Touristen mehr und das Wasser war tief genug, also sprang sie einfach hinein und begann zu schwimmen.
Fred wurde unsanft geweckt, als seine Freundin ihre noch nassen Haare über ihm ausschüttelte. Erschrocken fuhr er auf und fiel sofort zurück ins Bett, als er sie erkannte. „Geh weg, es ist doch noch früh.“ stöhnte er und rieb sich das Gesicht. Karin dachte nicht im Traum daran und sagte „Es gibt Mittagessen, Schatz. Also hoch mit dir, bevor du mit der Matratze verwächst.“
Keine zehn Minuten später saßen sie im Speisesaal und Fred kaute fröhlich seine Pommes. „Weißt du, Urlaub ist was ganz tolles.“ nuschelte er mit vollem Mund. Karin gab ihm einen verweisenden Blick. „Wenn du dich weiter so verhältst, wirst du noch fett.“ „Och komm, sonst lebe ich total gesund!“ „Ich verrate dir was, wenn du fein aufgegessen hast, machen wir Sport.“ Fred verdrehte stöhnend die Augen. Nachdem er den halben Teller geleert hatte, fragte seine Freundin „Bei heute Abend bleibt's?“ Er blickte kurz auf „Die Kostümparty? Ja.“ Karin fing an zu grinsen „Gut, denn ich hatte lange nicht mehr solchen Spaß.“
Bis zum Abend war noch viel Zeit, und Karin wollte wieder an den Strand. Fred überprüfte derweil den Status auf dem Laptop. Die erste Person war ein bärtiger Kerl mit Schlangentattoo und grimmigem Blick. Er war vor Jahren ein eher mittelmäßiger Rockmusiker gewesen, und als er scheiterte, wurde er Drogenhändler. Doch auch das hatte er versaut, da er, vermutlich wissentlich, verunreinigte Ware verkaufte und einige Junkies starben. Zum Zweiten gab es immer noch kein Bild, doch das würde sich wohl auch kaum ändern. Er hatte laut den vorliegenden Informationen für mehrere Regierungen Angriffe unter falscher Flagge geplant. Fred vermutete, dass es ein Geheimagent war. Sein Name, Mr. Gambit, war sicherlich auch falsch, aber es gab immerhin eine Beschreibung. Er trug einen Anzug und würde einen Aktenkoffer an jemanden übergeben. Der Treffpunkt sollte beim Sportplatz sein.
Karin hatte sich in der Zwischenzeit umgezogen und wartete ungeduldig. Wenn sich der Treffpunkt geändert hatte, würden sie beide in Schwitzen kommen, aber sie waren vorbereitet.
Als der Abend nahte, machten sie sich bereit für die Feier. Da die Kostümparty schon weit im Voraus angekündigt worden war, hatten sie sogar ihre eigenen Kostüme mitgebracht. Während Fred vorsichtig eine Spritze unter seinen Ärmel schob, packte Karin die eingewickelten Einzelteile eines Gewehrs in eine Tasche. „Das wird ziemlich eng.“ bemerkte Fred. „Zwei Ziele gleichzeitig, hundert Zivilisten und vielleicht ein Dutzend Wachleute.“ „Ganz ruhig, es wird alles nach Plan verlaufen.“ sagte seine Partnerin, während sie Patronen abwischte und in ein Magazin steckte.
Der Speisesaal und der Vorraum waren für die große Kostümparty umdekoriert worden und eine Discoanlage spielte halblaute Rockmusik. Auf einer kleinen Bühne tanzen zwei Cowgirls mit einer Banane und einem Arzt. Über hundert Menschen hatten sich in den Räumen verteilt und Kellner eilten mit Getränken zwischen ihnen hin und her. Zwei muskulöse aber unbewaffnete Wachmänner bewachten den Haupteingang. Fred betrat den Speisesaal allein. Seine Freundin war auf der anderen Seite des Hotels und sicher schon auf dem Dach. Ihre Partnerkostüme waren Krähen nachempfunden. Daher steckte Freds Körper in einer schwarzen Federweste, seine Beine in orangenen Krähenfüßen und auf seinem Kopf saß ein Helm wie ein Vogelkopf. „Ich bin drin.“ flüsterte er über Funk und nach wenigen Sekunden kam die Antwort „Ich bin auf dem Dach, Schatz.“ Zufrieden gestatte sich Fred ein kurzes Lächeln, doch dann machte er sich auf die Suche nach seinem Ziel. Er hielt sich am Rand während er die Menschen beobachtete und nahm sich etwas vom Buffet.
Karin hockte auf dem Dach des gegenüberliegenden Gebäudes und blickte nach unten. Durch die hellen Fenster waren die Feiernden gut zu erkennen. Sie steckte die Zange weg, mit der sie das Schloss aufgebrochen hatte, und machte sich daran, das Gewehr zusammenzusetzen.
Nach fast einer halben Stunde machte Fred ihn endlich aus, The Flasher. Das war sein Künstlername. Der Ex-Rocker kam in Begleitung einiger fast schon hysterischer Frauen und wurde dann zusätzlich von mehreren Partygästen umringt. Fred beobachtete ihn aus den Augenwinkeln, soweit es sein Kostüm zuließ. The Flasher machte so etwas wie eine Runde und ließ sich von Fans bewundern. Dann verschwand er auf die Toilette und Fred folgte ihm nach einer halben Minute.
Auf dem Dach hatte Karin inzwischen ihre Kopfbedeckung abgesetzt. Zu ihrem Glück hatte sie keine Weste an, sondern trug ein schwarzes, verziertes Kleid und eine schwarze Leggings. Sie legte ihr Präzisionsgewehr an und beobachtete die nichtsahnenden Partygäste. Das Fadenkreuz wanderte über die Köpfe und blieb kurz an einem Zombie hängen. Karin grinste und ihr Finger legte sich spielerisch auf den Abzug. Dann wanderte sie weiter über die Gesichter. Ihr Freund blickte gerade in ihre Richtung, doch selbst er konnte sie nicht sehen. Nach einem Blick auf die Uhr schwenkte sie herum zu dem dunklen Sportplatz.
Der Ex-Rocker war gerade der Einzige in der Toilette und hatte sich in der letzten Kabine eingeschlossen. Ohne ein Geräusch zu verursachen, was in dem Kostüm schon eine Leistung für sich war, ging Fred zur Tür und drehte von außen mit einer Münze das Schloss auf. Als er die Tür ganz aufstieß blickte The Flasher verärgert auf, er war gerade dabei, sich eine Spritze zu setzen. Bevor er vulgär werden konnte verpasste Fred ihm einen Schlag an die Schläfe und der Mann sackte bewusstlos zusammen. Dann injizierte er dem Rocker seine Dosis, zog die Spritze unter seinem Ärmel hervor und verabreichte ihm auch noch diese. Zu guter Letzt lehnte er den Bewusstlosen noch so an die Kabinenwand, dass der Schlag nicht weiter auffallen würde. Vorsichtig verschloss er die Tür wieder von außen.
„Jetzt liegt alles an dir.“ flüsterte die Stimme in Karins Ohr. Sie seufzte „Als ob das so schwer wird. Hier ist nicht mal Wind. Und du kannst dich wenigstens auf der Party amüsieren.“ Dann beruhigte sie ihren Atem und richtete das Präzisionsgewehr wieder auf die Glasfassade des Partysalons aus. Das Fadenkreuz huschte hin und her, auf der Suche nach dem Ziel. Eine der Gestalten blickte aus dem Fenster und zog die Krawatte gerade, einen Aktenkoffer in der Hand. Das war er, der letzte auf der Liste. Er passte auf die Beschreibung und er passte nicht auf die Party, ein Anzug war ja kein Kostüm. Der Mann unterhielt sich mit einigen Gästen und ging dann in den Außenbereich in den scheinbaren Sichtschutz von mehreren Hecken. Eine andere Person wartete bereits auf ihn. Karin konnte ihn, sie war sicher, dass es ein Mann war, nicht genau erkennen. Beide gingen an einer Mauer vorbei zum unbeleuchteten Sportplatz. Die zwei wechselten offenbar kurze Worte, dann nahm der Unbekannte den Koffer entgegen und entfernte sich zügig. Sie folgte ihm einen Augenblick, wie er den Sportplatz zu einem schwach beleuchteten Service-Weg verließ. Für einen kurzen Augenblick wurde das Gesicht von einer Bodenlampe beleuchtet. Der andere, ihr Ziel, zündete sich eine Zigarette an. Das Glimmen war gut in der Dunkelheit zu erkennen. Karin ließ dass Fadenkreuz einige Sekunden auf seinem Hinterkopf ruhen, bevor sie abdrückte. Das Gewehr ruckte leicht in ihren Händen, und der Mann fiel tot zu Boden.
Montag
In der Eingangshalle standen ein Dutzend Polizisten und zwei Forensiker. Fred und Karin stiegen mit ihrem Gepäck aus dem Fahrstuhl und gingen zur Rezeption. Vorsichtig und mit Verwunderung im Gesicht gingen sie an den Beamten vorbei und traten an den Tresen.„Was ist denn passiert?“ fragte Fred besorgt, gab den Zimmerschlüssel ab und sah flüchtig zu der Gruppe zurück. „Es hat letzte Nacht einen Unfall gegeben, aber es besteht kein Grund zur Beunruhigung.“ sagte die Frau auf der anderen Seite mit bleichem Gesicht. „Ein Unfall?“ fragte Fred überrascht. „'The Flasher' ist verstorben, sie haben ihn hier vorbeigetragen.“ schluchzte die Frau, offenbar ein Fan. „Das ist ja schrecklich!“ hauchte Karin schockiert. „Ich hoffe, Ihr Aufenthalt war trotzdem angenehm und ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag.“ nickte die Rezeptionistin monoton und wischte sich ein paar Tränen mit dem Taschentuch weg.
Damit verließen sie das Hotel und nahmen sich ein Taxi zum Bahnhof. Es war schon bald Zeit für den nächsten Urlaub.