Der Urlaub der Anderen – Kapitel 3
Freitag
Sie blickte auf den Ausweis in ihrer Hand und prägte sich die Daten ein. Fortan war sie Susan Walker, eine Sekretärin einer Top 500 Firma aus dem amerikanischen Nordwesten. Zumindest für die nächsten drei oder vier Tage. Danach wäre sie wieder sie selbst, ein Gespenst. Susan blickte zu ihrem Freund auf, der jetzt Newt Adams hieß und in der gleichen Firma arbeitete. Er packte gerade ihre Arbeitsutensilien aus den gepolsterten Koffern in die zwei Sporttaschen. Sie saßen in einem billigen Apartment, das von ihrem Arbeitgeber als Station zur Neuausrüstung der Mitarbeiter genutzt wurde. Ihr Arbeitgeber war eine weltweite Organisation, die sich selbst die Vermittlung nannte. Zur Vermittlung ging man, wenn man Leute tot sehen wollte. Susan war seit acht Jahren dabei, sie hatte Newt in ihrer viermonatigen Ausbildung kennengelernt. Seitdem hatte sie persönlich vierundachtzig Menschen getötet, und war dafür bezahlt worden. Sie hatte kein Problem mit dem Töten, solange es aus den richtigen Gründen geschah. Das hatte sie von Anfang an klar gemacht, und sie war stolz darauf, dass es nach all den Jahren immer noch so war. Doch in letzter Zeit hatte sie Zweifel bekommen, ob ihr Arbeitgeber das auch noch so sah. Hier im Apartment würde sie aber nicht darüber sprechen, denn es wurde vermutlich von der Vermittlung abgehört.
Newt blickte auf den Laptop, auf dem die Ziele ihres kommenden Auftrags aufgelistet waren. Wenn die Vermittlung dafür bezahlt wurde, dass Menschen aus dem Leben schieden, dann wurde geprüft, ob weitere Zielpersonen in der Umgebung waren und welche Agenten für die Aufgabe geeignet waren. Seine Partnerin und er hatten sich darauf spezialisiert, Zielpersonen in bevölkerten Regionen ohne großes Aufsehen auszuschalten. Oft sah es wie ein Unfall aus, und kaum jemand schöpfte Verdacht. Im Kopf ging Newt noch einmal den Plan durch, den er entwickelt hatte. Schon jetzt wusste er, wie alle Zielpersonen ausgeschaltet werden würden, und bisher hatten seine Freundin und er noch immer Erfolg gehabt. Sie hatten sechs Ziele, zwei mal zwei gehörten jedoch zusammen, was es gewissermaßen einfacher machte, alle in den wenigen Tagen, die sie vor sich hatten, auszuschalten. Alle Ziele hielten sich in Entborg, einer großen Hafenstadt mit über anderthalb Millionen Einwohnern, auf. Die ersten zwei waren im Norden der Stadt in einem mehrheitlich asiatischen Viertel, sie würden heute Abend die ersten sein, die starben. Am darauffolgenden Abend waren zwei Kriminelle im Stadtzentrum dran, und am dritten Tag ein Pärchen im Westen. Die letzten Beiden waren das schwierigste, denn sie hielten sich in einem belebten Vergnügungspark auf. Aber Newt war zuversichtlich, dass sie alle ausschalten würden, denn die Vermittlung stellte auch Informationen zu den Zielpersonen zur Verfügung, bekannte Wohnungen, besuchte Orte und markante Verhaltensweisen. Natürlich führten seine Freundin und er auch selbst Recherchen durch, um sich so gut es ging vorzubereiten.
Das Apartment war wie die meisten Verstecke der Vermittlung unbewohnt, was hieß dass sie allein und ungestört waren und lediglich die im Vorfeld bestellte Ausrüstung vorfanden. Newt packte den Aktenkoffer mit dem zerlegten Präzisionsgewehr in die Sporttasche und verstaute die Garotte und das Fernglas in der Seitentasche. Später würden noch Wasserflaschen und Brötchen dazukommen. Susan prüfte derweil das Gift. Sie warf einen verstohlenen Blick zu Newt, als sie eine kleine, mit einem Sprengstoffsymbol versehene Kiste öffnete. Normalerweise nutzten sie keine derartigen Methoden, doch sie war der Meinung, dass dies kein normaler Auftrag werden würde. Sie nahm die Granate und steckte sie in ihre Tasche. Falls Newt etwas gesehen hatte oder ihr Anforderungsformular gelesen hatte, sagte er nichts. Sie wusste, dass er ihr vertraute, so wie sie ihm vertraute.
Newt fuhr den Mietwagen, der sie nach Entborg bringen würde, und der die nächsten Tage ihr zu Hause war. Auf Susans Wunsch hin hatte er auf ein Hotel verzichtet, in letzter Zeit war sie etwas unruhig. Susan blickte missmutig aus dem Fenster und räusperte sich dann. „Mir gefällt das alles nicht.“ gestand sie. „Was? Wegen dem Typ auf Mügen, der mit dem Gasherd? Das habe ich gemeldet und man kümmert sich drum, das weißt du doch.“ antwortete er stirnrunzelnd. „Nein, ich meine nicht nur das. Da ist noch mehr. Erinnerst du dich noch an den Wagen, der da kurz vorher weg ist? Ich habe den Typ hinter dem Steuer schon einmal gesehen. Er war in Bad Neubach und hat den Aktenkoffen von diesem Gambit entgegen genommen.“ erklärte sie. Ihr Freund überlegte kurz und schüttelte dann den Kopf. „Wenn du möchtest, kann ich auch das melden. Vielleicht benutzt jemand die Vermittlung, um seine eigene Agenda durchzudrücken.“ sagte er schulterzuckend. „Und vielleicht ist es die Vermittlung, und sie benutzen uns, um ihre Agenda durchzudrücken.“ presste sie hervor. „Vorsicht. Das ist ganz gefährlich, was du da gerade machst.“ warnte er sie. „Du weißt ganz genau, dass ich nicht belogen werden will, wenn es darum geht, wer stirbt. Und es wurde gelogen, mehrfach. Selbst jetzt, schau dir die Nummer vier an. Die Bio kaufe ich denen nicht ab.“ sagte sie, während sie ihn anstarrte. Newt warf ihr einen langen Blick zu. In all den Jahren hatte er sie selten so erlebt, und noch nie hatte sie über die Vermittlung geklagt. „Ich überlege mir etwas. Versprochen.“
Sie fuhren über die Stadtautobahn durch Entborg und hielten schließlich in einem Parkhaus im Norden. Susan warf nochmals einen Blick auf das Notebook, falls sich etwas geändert hatte. Heute Abend standen zwei Ziele auf der Liste. Misaki Nakamura, die sich schon vor Jahren in Entborg niedergelassen hatte. Sie kontrollierte weite Teile des Menschenhandels und der Zwangsprostitution der Stadt. Und dann war da noch ihr Bruder Tsubasa, auch genannt Akuma. Er war ihr Vollstrecker und hatte schon mehr Leute gefoltert als man zählen konnte. Es hieß er habe ein Drogenproblem, was ihnen vielleicht helfen konnte, denn sicher war seine geschäftstüchtige Schwester nicht damit einverstanden. Susan klappte das Gerät zu. „Dann wollen wir mal.“ sagte sie und warf ihrem Freund einen kurzen Blick zu.
Kommissar Mercier beobachtete die Beamten, die in der kleinen Polizeistation umherliefen. Und die er zu seinem Hauptquartier gemacht hatte. Doch falls jemand damit ein Problem damit hatte behielt er es für sich. Nach den Geschehnissen auf Mügen vor anderthalb Monaten hatten sie alle verfügbaren Daten ausgewertet, ohne Erfolg. Ihr Mann war wie ein Geist. Aber Mercier hatte einen Tipp bekommen von einer anonymen Quelle, wo der Killer als nächstes zuschlagen würde. Deswegen waren Robertson und er nun in Entborg. Er hatte sich auch schon eine Liste möglicher Opfer gemacht. Bedauerlicherweise würden sie den ersten Toten abwarten müssen, doch dann konnten sie die Schlinge enger ziehen. Ein Beamter, Schillinger, kam zu ihm. Der Mann war von der örtlichen Polizeiführung als Verbindungsperson eingeteilt worden. Schillinger räusperte sich. „Warum stört sich Interpol eigentlich so sehr daran, wenn böse Jungs von bösen Jungs aus dem Spiel genommen werden?“ fragte er. „Weil es nach dem Gesetz geschehen muss. Das sollten Sie als Polizist doch am besten wissen. Wenn jeder machen würde, was er will, dann gäbe es nur noch Mord und Totschlag.“ erklärte Mercier und schaute dann Robertson über die Schulter. Auf drei Monitoren liefen die Informationen der aktuellen Einsätze und Notrufe der Stadt zusammen. In einer Großstadt wie dieser passierte erstaunlich viel.
Susan ging langsam durch das asiatische Viertel. Sie musste sich nicht verstecken, denn obwohl es Abend war, liefen immer noch Touristen herum. Newt lief einige Dutzend Meter hinter ihr. Ihren Informationen nach machte Misaki immer eine Runde, damit die Leute auch ja nicht vergaßen, wem der Laden gehört. Susan holte sich Sushi von einem der vielen Stände, und als ihr Krimskrams angeboten wurde, verzichtete sie lächelnd mit Verweis auf das Essen.
Schließlich betrat sie den großen Markt des Viertels. Er war gut besucht und es gab viele Stände, die halbwegs ordentlich angeordnet worden waren. Mit all den hunderten Menschen mochte es unübersichtlich sein, doch Susan war schon immer gut im Zielen gewesen. Und dazu gehörte, das Ziel von allem anderen zu unterscheiden. Sie schob sich über den Markt und drehte den Kopf hin und her. An keinem Gesicht blieb sie mehr als nur einen Augenblick hängen. Es dauerte nicht lange, bis sie Misaki fand. Die Frau saß an einem Sushistand am Rand des Marktes und löffelte irgendeine Suppe. „Nordwestliche Ecke zwischen dem Spießestand und dem Ramschladen mit dem hässlichen Maskottchen drauf.“ flüsterte sie über Funk. Ihr Freund gab eine kurze Bestätigung.
Während Susan sich dem Stand näherte, lotete sie die Optionen aus. Ihr ursprünglicher Plan würde problemlos funktionieren. Zwar hielten die Angestellten furchtsam Abstand zu ihrer Herrin, doch an den anderen Tischen saßen unbekümmerte Leute. Und die Tische standen eng. Sie blieb an dem Laden mit dem hässlichen Maskottchen von irgendeinem Kinderspielzeug stehen. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie Misaki und wartete auf eine günstige Gelegenheit. Ihre Zielperson fuhr eine der Angestellten an. Susan wusste nicht, worum es ging, aber es war ihr auch egal, solange die Frau abgelenkt war. Sie schlängelte sich zwischen den Tischen hindurch und als sie bei Misakis Tisch vorbeikam, holte sie mit einer flüssigen Bewegung die Phiole aus ihrer Tasche und träufelte etwas vom Inhalt in die Suppe. Ohne stehen zu bleiben ging sie weiter und verließ den Markt.
Newt schlenderte in die Richtung, die seine Freundin gesagt hatte. Vor ihm war ein kleiner Tumult ausgebrochen und jemand rief nach einem Krankenwagen. Er ging an der Menschentraube vorbei und warf einen Blick auf die Person, die auf dem Boden lag. Misaki kratzte sich panisch am Hals und schnappte verzweifelt nach Luft.
„Bist du sicher, dass er noch nicht abgehaun ist?“ fragte Susan über Funk. Sie war dreißig Meter über ihm auf dem Dach und beobachtete mit dem Präzisionsgewehr die Umgebung auf der Suche nach dem zweiten Ziel. Er verstand ihre Sorge. Wenn sich Misakis Tod bereits herumgesprochen hatte, war es möglich, dass ihr Bruder abgetaucht war. Sein ganzer Plan beruhte auf dem geschilderten Verhalten der Zielperson. Er würde hier im Umkreis sein, denn die Gegend war abgeschieden genug für seinen heimlichen, ungestörten Konsum, aber immer noch in Reichweite seiner Schwester. Außerdem hatten eigene, stundenlange Recherchen hier zwei der Folterkeller zu Tage gefördert. „Linke Seitenstraße, mit einer Wache. Ich bleibe bereit.“ berichtete Susan vom Dach. Newt nickte zu sich selbst und machte sich auf den Weg.
„Das interessiert sie vielleicht, unsere Kontaktstelle im Rotlichtviertel meldet, dass Misaki Nakamura verletzt worden sein soll.“ sagte Schillinger, als er den Raum betrat. „Robertson?“ fragte Mercier seinen Assistenten. Der überflog die Informationen auf den Bildschirmen. „Notarzteinsatz auf dem Tokyomarkt. Frau, asiatisch, Todesursache Asphyxie.“ berichtete er. „Verbinden Sie mich mit dem Notarzt vor Ort und suchen Sie das Material aller Überwachungskameras heraus.“ befahl Mercier. Keine drei Minuten später sprach er mit einem gelangweilt klingenden Notfallsanitäter, der als Erster vor Ort gewesen war. Der Mann berichtete ihm knapp, wie er die Frau vorgefunden hatte und welche Maßnahmen er ergriffen hatte. Doch sie war schon tot gewesen, als er eingetroffen war. Mercier ordnete eine Obduktion an. „Die Videos sind da.“ berichtete Schillinger. „Gut, schicken Sie Streifen mit Blaulicht in das Viertel, schrecken wir ihn hoch. Achten sie auf den Kameras nach auffälligen Personen.“ wies der Kommissar an.
Newt hatte sich an Akuma gehängt und folgte ihm mit einigem Abstand. Noch immer war ein zweiter Mann, vermutlich ein Leibwächter, bei ihm. Die beiden hatten eine Pause gemacht, um zu rauchen, und waren dann zum Kanal gegangen, der durch das Viertel führte. So langsam lief Newt die Zeit davon, glücklicherweise war Susan immer noch auf Position und konnte jederzeit zuschlagen. Sie wartete nur auf das Signal. Doch Newt wollte es sauber machen, ohne überflüssige Tote. Irgendwo war eine Sirene, doch er ignorierte es.
Schließlich schickte Tsubasa den Anderen fort. Newt hielt sich im Schatten, und der Mann ging nur drei Meter entfernt vorbei, ohne ihn überhaupt zu bemerken. Tsubasa war weitergegangen, unter die im Bau befindliche Brücke. Susan meldete, dass sie ihn aus den Augen verloren hatte. Doch Newt hatte gesehen, wo er hingegangen war und folgte ihm zügig. Akuma hatte sich an einen Stapel neuer Pflastersteine unter der Brücke gestellt und portionierte gerade weißes Pulver darauf. Rasch versicherte sich Newt, dass sie allein waren, dann zog er die Garrotte aus der Tasche. Vorsichtig trat er an den anderen Mann heran, der gerade einen kurzen Strohhalm hervorgezogen hatte. Im letzten Moment legte Tsubasa den Kopf schief, doch da hatte ihm Newt schon die Schlinge um den Hals gelegt und zog. Der Mann machte einen erstickenden Laut, als ihm der Stahl in den Hals schnitt und die Luft abdrückte. Newt hielt ihn so, bis er nach einigen Sekunden erschlaffte. Dann zog er ihn schnell über den Fußweg zum Kanal und warf ihn ins Wasser. Die Strömung würde die Leiche durch den Hafen ins offene Meer befördern. „Gehen wir zum Wagen.“ sagte er ruhig über Funk.
Ein halbes Dutzend Beamter betrachteten fortlaufend die Livebilder der Kameras. Bislang hatten sie den Killer noch nicht fassen können. Mercier und Robertson gingen die Aufzeichnungen vom asiatischen Viertel durch. Es gab nur eine einzige Kamera auf dem Markt, auf dem Misaki Nakamura gestorben war. Der Winkel war schlecht, der Stand wo sie gegessen hatte lag am Rand und wurde von der großen Figur irgendeines Maskottchens verdeckt. So konnten sie nicht sehen, wie die Frau starb. Doch sie sahen die Traube, die sich bildete, als sie tot war. Bis der Notarzt vier Minuten später etwa neunzig Meter entfernt hielt und auf den Markt lief. Mercier spulte zurück. „Die Kollegen müssten gleich die Tatortfotos schicken, vielleicht ist darauf etwas zu erkennen.“ sagte Schillinger hinter ihm, im Versuch, etwas hilfreiches beizusteuern. Mercier schüttelte den Kopf. „Unser Mann geht schnell und präzise vor. Es gab noch nie Zeugen. Er ist ein Geist.“ erklärte der Kommissar und spulte wieder zurück. „Aber er muss sich doch vergewissern, dass er erfolgreich ist. Was, wenn sie die Suppe nicht gegessen hätte. Oder anderweitig überlebt hätte.“ fragte der Beamte. „Ja, aber das ist eine Sache von Sekunden. Und die Position dieser Ka …“ Mercier stockte und runzelte die Stirn. Er spulte ein Stück zurück. Misaki Nakamura war zu Boden gegangen und von Leuten umringt. Andere Menschen gingen vorbei, entweder sie sahen gar nicht hin und waren mit anderen Dingen beschäftigt, oder aber sie stockten, als sie bemerkten, dass es einen Notfall gab. Nur einer nicht. Ein schwarzhaariger Mann mit Ausgehkleidung warf einen kurzen Blick zu der sterbenden Frau und ging schnurstracks weiter.
Mercier hielt das Bild an. „Das ist er.“ sagte er bestimmt und zeigte auf den Mann. „Ich geb das Bild weiter.“ sagte Schillinger, lehnte sich vor und drückte ein paar Tasten. Robertson betrachtete die Aufnahme. „Ich glaube, den habe ich schon mal gesehen, einen Moment.“ murmelte er und spulte durch die anderen Kameras des Viertels. Es dauerte ein paar Minuten, bis er die passende Stelle fand. „Hier, eine der Straßen, die zum Markt führen, vielleicht dreihundert Meter vom Mord entfernt. Ähm, fünf Minuten und achtzehn Sekunden vor dem Auftreten auf dem Markt.“ erklärte Robertson. Die Aufnahme zeigte, wie der Mann zwischen den Ständen, die die Straße säumten, entlangging. „Er wirkt so … berechnend. Selbst wie er geht. Ich fand das vorhin schon komisch, hab mir aber nichts weiter dabei gedacht.“ flüsterte Robertson. Mercier beugte sich vor. Das Gesicht war nicht genau zu erkennen, es war als ob der Kerl wüsste, dass sie ihn beobachteten. „Gute Arbeit, Junge.“ sagte er und klopfte seinem Assistenten auf die Schulter.
Sonnabend
Die Nacht im Wagen war weitaus weniger gemütlich als jedes noch so schlechte Bett. Sie hatten sich zusammen unter eine Decke auf der Rückbank gelegt und bis in den Morgen hinein geschlafen. Jetzt blickten sie vom Parkhaus auf die belebte Stadt, an deren Rand sie standen. Zwischen den Hochhäusern konnten sie die zwei Türme des Büroparks Central Spire mitten in Entborg sehen, in die sie am späten Nachmittag eindringen würden. Susan hatte ihm erzählt, dass letzten Abend einige Streifenwagen mit Blaulicht und Sirene im asiatischen Viertel unterwegs gewesen waren. In der Zeitung stand etwas von einer Großrazzia. Oder der Jagd nach einem russischen Killer, je nachdem welche Zeitung man aufschlug. Newt wusste nicht, was er davon halten sollte.
Mercier betrat den Raum, in dem die Beamten nach wie vor dabei waren, das Material der Kameras zu sichten. Er hatte ein paar Stunden geschlafen und hörte sich nun den Zwischenbericht an. In der Nacht hatte die Polizei ein gutes Dutzend Leute verhaftet, die durch den Großeinsatz aufgeschreckt worden waren. Doch keiner davon war der gesuchte Killer. Dafür hatten sie seinen Weg vor und nach der Tat zumindest teilweise zurückverfolgen können. Sie wussten, dass er der Viertel an der Konfuziusallee betreten hatte. Nahe dem Hafenkanal hatten sie ihn dann wieder verloren. Alles in allem eine Zeitspanne von dreiunddreißig Minuten. Der Kerl kannte sein Handwerk, doch Mercier kannte seines auch. Er würde ein paar Anrufe machen müssen.
Robertson saß zusammen mit den Beamten an den Videos, er hatte nur wenig geschlafen. Das Lob des Kommissars hatte ihn gefreut. Außerdem war es aufregend, bei so einem Fall mitzuarbeiten. Er hatte in London zwar schon einiges gesehen, doch einem Auftragskiller auf der Spur zu sein, das war ein paar Nummern größer. Der Kommissar hatte vor ihrer Ankunft hier eine Liste von möglichen Zielen gemacht, die der Killer ins Visier nehmen könnte. Robertson ging diese Liste nun nun durch und glich die Informationen mit dem ab, was er über den Killer wusste.
Sie saßen im Schnellimbiss und aßen Mittag. Bis zum frühen Abend hatten sie nichts zu tun, also würden sie hier noch eine Weile sitzen. Der Laden war fast leer, wodurch sie sich ungestört unterhalten konnten. „Also, ich will diesen … Glitcher lebend.“ sagte Susan leise, während sie aus dem Fenster blickte. Der Name war ein Nickname ihres zweiten heutigen Zieles, eines Hackers. Er schrieb sich zwar mit einer eins statt einem I und einer drei statt dem E, aber das war ihr egal. „Ich will wissen, warum er wirklich sterben soll. Denn der Grund im Dossier ist gelogen.“ fuhr sie finster fort. Newt nickte. „Habe ich schon so bedacht. Ich weiß nur nicht, warum man lügen soll. Wir sind ja nicht die einzigen, andere haben weitaus weniger … Skrupel.“ Eigentlich hatte er Moral sagen wollen, doch passte das nicht wirklich zu ihrem Handwerk. Susan wandte sich zu ihm. „Du bist reichlich unskeptisch, was das Vermittlung betrifft. Der Mann, den ich da in Bad Neubach und auch auf Mügen gesehen habe … ich glaube, ich habe ihn schon früher gesehen. Ich glaube, er war bei der Vermittlung.“ sagte sie nachdenklich. „Jetzt übertreibst du aber. Du steigerst dich da zu sehr rein, geh da bitte heute ganz offen ran und dann schauen wir, was rauskommt.“ gab Newt schnaufend zurück. „Es ist denkbar, dass wir für die Vermittlung irgendeinen Dreck wegmachen sollen. Vielleicht war der Kerl neulich ein verbündeter Agent.“ meinte sie trotzig, doch dann schüttelte sie den Kopf. „Vermutlich hast du recht.“ seufzte sie und sah wieder aus dem Fenster.
Mercier hatte unter anderem mit seinen Vorgesetzten bei Interpol und mit dem hiesigen Polizeichef telefoniert. Jetzt saß er mit verschränkten Armen zusammen mit Robertson und Schillinger in einem Büro. „Also, ich habe mir Gedanken gemacht, wegen der potentiellen Zielpersonen.“ sagte Robertson vorsichtig. „Immer raus damit.“ antwortete der Kommissar lapidar. „Wir haben acht potentielle Ziele. Und wir haben vielleicht noch … vier Stunden, bis er wieder zuschlägt.“ erklärte sein Assistent und ging dann kurz die Ziele durch und zeigte ihre vermutliche Position auf der Stadtkarte, die er bereits gelb markiert hatte. Im asiatischen Viertel war ein roter Kreis. Alle drei beugten sich vor. „Natürlich bleibt auch noch Tsubasa Nakamura, der Bruder der Getöteten.“ meinte Mercier nachdenklich. Robertson hob vorsichtig die Hand. „Ihr einziger Zweck ist zu lernen, und mir Ideen zu geben. Also, raus damit.“ sagte der Kommissar knapp. „Ich glaube Tsubasa ist bereits tot. Sein Gebiet ist nahe dem Kanal. Und dort wurde der Gesuchte zuletzt gesehen.“ erklärte Robertson. Mercier nickte. „Er lebt, bis wir eine Leiche haben. Prüfen Sie bitte die Leichenhäuser.“ wies er Schillinger an, der sich alles notierte. „Meist tötet er zwei Personen am selben Tag, die Ziele werden daher vermutlich eine räumliche Nähe haben. Da haben wir drei hier, und zwei hier in einem Vergnügungspark.“ fuhr er mit Blick auf die Karte fort. „Vorausgesetzt, sie kennen alle potentiellen Ziele. In Entborg laufen genug schlechte Menschen herum.“ warf Schillinger ein. Der Kommissar nickte.
Susan prüfte nochmal die Dossiers. Ihr erstes Ziel heute Abend war Sergei Ivanowitsch, ein ziemlich renommierter und skrupelloser Waffenschieber. Zwar hatte er selber noch keine Menschen umgebracht, doch belieferte er Milizen ebenso wie Terroristen und verrückte Massenmörder. Aktuell residierte er in den Central Spire Bürotürmen im Zentrum der Stadt. Von der Vermittlung hatten sie gefälschte Zugangskarten bekommen. Sie würden getrennt eindringen und Susan trug schon ihre Verkleidung einer Büroangestellten. Der Zweite heute Abend war Florian Neumann, der sich selbst im Internet Glitcher nannte. Er war laut den ihr vorliegenden Informationen der Kopf eines Kinderpornoringes. Doch sie zweifelte an den Informationen. Oberflächlich betrachtet war es der perfekte Auftrag für sie, ein weiterer Mistkerl, der weg konnte. Doch sobald man tiefer ging zerfiel es. Es war subtil, doch ein paar der Angaben widersprachen sich. Außerdem hatte sie selbst etwas recherchiert. Susan wusste nicht viel vom Internet, doch schlechte Menschen veröffentlichten nicht Dokumente korrupter Politiker und schusterten Hilfsorganisationen Geld zu. Deswegen wollte sie mit Glitcher reden. Sie wollte wissen, warum er wirklich sterben sollte. Und sie war sich der Gefahr, in die sie sich dabei begaben mehr als bewusst. Sobald sie diesen Teil angingen würden sie gegen die Interessen der Vermittlung handeln.
Newt hatte sich einen Geschäftsanzug angezogen und stieg ins Auto. Er würde sich Sergei gegenüber als Kunden ausgeben, während seine Freundin unsichtbar in der Nähe bleiben würde, nur für alle Fälle. Mit einem Blick auf sie ließ er den Motor an. Sie lud gerade die schallgedämpfte Pistole durch und machte einen ernsten Gesichtseindruck. „Es gibt kein Zurück mehr.“ meinte sie tonlos. Newt nickte und fuhr los.
Nach einigem Hin und Her hatten sie einen Plan ausgearbeitet. Schillinger hatte vorgeschlagen, alle Ziele in Schutzhaft nehmen zu lassen, doch Mercier hatte es aus mehreren Gründen abgelehnt. Sie könnten so ihren Killer vorwarnen und so die einzige Chance verspielen, die sie hatten. Außerdem könnten seine Ziele gar nicht unter denen sein, die sie vermuteten, was dann ziemlich peinlich wäre. Kommissar Mercier hatte die Freigabe von seinen Vorgesetzten. Sie würden sehen, wo er als nächstes in Erscheinung trat, auch wenn er so noch jemanden töten würde. Die Polizei war mit Spezialeinheiten in Bereitschaft und würde zuschlagen, sobald sie ihn gefunden hatten. Robertson saß zusammen mit den Beamten vor den Bildschirmen. Sie hatten aus allen verfügbaren Bildern das Beste ausgewählt und an alle Polizeikräfte der Stadt verteilt. Die Direktive war, eine Sichtung zu melden und auf Distanz zu bleiben. Alles, was sie jetzt noch tun konnten, war zu warten.
Als sie aus dem Wagen stiegen trennten sich ihre Wege. Während Newt direkt zum Haupteingang des Östlichen Turms ging, würde Susan einen Nebeneingang des gleichen Turmes benutzen. Er ging schnurstracks auf das hohe Gebäude zu. Die zwei gleich großen Türme, jeweils achtzig Stockwerke hoch, waren auf halber Höhe durch eine Brücke verbunden. Newt betrat den Ostturm und ging an den Sicherheitscheckpoint im Atrium. Obwohl die Sonne bereits unter den Horizont gesunken war, wurden immer noch Angestellte und berechtigte Besucher ins Gebäude gelassen. Einer der drei Wachmänner grüßte ihn und Newt zeigte seinen Besucherausweis vor. Er legte seine Papiere, die Autoschlüssel und das wie ein Telefon aussehende Funkgerät in die Schale und trat dann durch den Metalldetektor. Da er unbewaffnet war passierte er den Checkpoint ohne Probleme. Auf der anderen Seite nahm er seine Habseligkeiten wieder an sich und wünschte dem Wachmann einen schönen Abend. Er betrat den Aufzug und fuhr hoch in den sechsunddreißigsten Stock.
Susan öffnete mit ihrer Keycard die Nebentür. Sie war jetzt nicht mehr nur Susan Walker, sondern auch Mary aus der Verwaltung. Niemand kontrollierte sie, ganz allgemein traf sie niemanden an. So fuhr sie ungestört mit dem Dienstaufzug zum vierunddreißigsten Stock, wo sie sich zur südlichen Treppe begab. „Bin in Position.“ gab sie über Funk durch. Zwei Etagen über ihr trat Newt an die Tür zu Sergeis Büro und klopfte.
„Herr Kommissar. Ich glaube ich habe ihn.“ rief Robertson aufgeregt. Er hatte die Szene zwei mal überprüft und einen anderen Kamerawinkel betrachtet, bevor er sich gemeldet hatte. „Zeigen Sie her!“ rief Mercier und hastete zu seinem Assistenten. Das Bild zeigte einen Geschäftsmann,der eine große Lobby betrat. Kurz schweifte sein Blick durch den Raum, bevor er zu einigen Security-Leuten ging. „Wiederholen Sie das, bitte.“ sagte der Kommissar und Robertson kam gehorsam der Aufforderung nach. Ein zweiter Winkel zeigte, wie der Mann durch die Sicherheitskontrolle ging. „Das ist er.“ flüsterte Mercier, während er wie gebannt auf das Gesicht des Killers starrte. „Das war vor fünf Minuten im östlichen Turm der Central Spire Bürotürme. Ich denke er will zu Sergei Ivanowitsch.“ sagte Robertson, während er das Bild betrachtete. Kommissar Mercier richtete sich auf. Alle Augen im Raum waren auf ihn gerichtet. „Sperren sie ab, zweihundert Meter Radius. Keine Sirenen, kein Blaulicht. Die Spezialeinheiten sofort zum Ostturm.“ befahl er. Die Beamten machten sich an die Arbeit. „Schillinger, bleiben Sie hier und verfolgen Sie ihn im Gebäude. Robertson, Sie kommen mit mir.“ rief Mercier, während er sich seine Jacke griff.
Newt klopfte an der Tür. Es dauerte ein paar Sekunden, bis sie sich einen Spalt breit öffnete. „Da?“ fragte der Mann auf der anderen Seite mit einem starkem russischen Akzent. „Ich suche Sergei Ivanowitsch. Sylvio Dragosch hat ihn empfohlen.“ sagte Newt, obwohl er genau wusste, dass der Mann Sergei war. „Komm rein.“ antwortete Sergei, nachdem er ihn gemustert hatte. Newt betrat das Büro, was wie ein Luxusapartment eingerichtet war. Sergei machte ihm Platz auf der breiten Couch, bat ihn, sich zu setzen und stellte ihm ein Glas Schnaps hin. „Also, was kann Sergei für dich machen?“ fragte der Waffenschieber, während er sich ebenfalls auf das Sofa setzte. Newt erzählte ihm, dass er für einen westeuropäischen Drogenboss Waffen brauchte für eine besondere Mission. Sturmgewehre, Granaten und eine Panzerfaust, das ganze Programm einschließlich verdeckter Lieferung. Sergei freute sich ob des geplanten Feuerwerks. „Klar Kumpel. Kein Problem, hab ich sogar bereit für Kumpel von Dragosch. Wenn du bis morgen früh zahlst hast du übermorgen deine Ware, das geht ganz schnell. Darauf trinken wir.“ lachte der Waffenschieber, sprang auf und holte eine Flasche Vodka. „Gut.“ antwortete Newt und stand ebenfalls auf. Der Russe stellte die Flasche auf den Tisch und griff sich an den Kopf. „Cyka, Gläser.“ fluchte er und wandte sich ab. Newt griff sich die stabile Vodkaflasche und zog sie dem Russen von hinten über den Schädel. Der Mann stürzte und prallte mit dem Kopf auf den Tisch, wo sich sofort eine kleine Blutlache ausbreitete. Ohne den Sterbenden eines weiteren Blickes zu würdigen ging er in die Küche, wusch die Flasche ab und schüttete den Rest weg, bevor er sie in den Mülleimer warf. Er durchsuchte die Bar, fand eine zerbrechlichere Flasche Tequila und ging damit zurück zu Sergei. Ein bisschen träufelte er dem Russen auf den Kragen, dann ließ er sie zu Füßen des Mannes fallen, wobei er darauf achtete, nichts von den verschiedenen Flüssigkeiten abzubekommen. Zu guter Letzt nahm er eine der Hauslatschen von Sergei und zog sie durch die Pfütze, wobei er auch ein paar Glasscherben mitnahm und zog den Schuh dem Toten dann wieder an.
Susan hörte die Bestätigung ihres Partners. Sie hatte es sich zwischen den beiden Treppen in einer Nische gemütlich gemacht und an der Wand gelehnt. Nun würden sie sich vor dem Quartier des Hackers treffen. Zügig nahm sie die Treppe nach oben zur Skybridge, die Newt sicher schon passiert hatte. Sie brauchte nicht einmal ihre Karte benutzen, die Türen standen einfach offen. Während sie zum anderen Gebäude ging warf sie einen Blick aus dem Fenster. Zwischen den Bäumen am Vorplatz der Türme konnte sie einen Wagen sehen. Irgendjemand stand da und zeigte auf die Türme. Dann fuhr ein schwarzer Transporter quer über den Platz auf den Ostturm zu und verschwand dann aus ihrem Blickfeld. Es kam ihr seltsam vor, doch sie schweifte bereits ab zu dem Mann, dem sie gleich ein paar wichtige Fragen stellen wollte.
Der Wagen donnerte über die zentrale Verkehrsader und über rote Ampeln hinweg. Mercier hatte sich entschieden, zumindest vorübergehend das Blaulicht einzuschalten, um schneller voranzukommen. Schillingers Stimme kam gerade über Funk herein. „Äh, Herr Kommissar, er ist gerade über die Brücke in das andere Gebäude gegangen. Wir verfolgen ihn weiter. Was sollen wir wegen Ivanowitsch machen?“ fragte der Beamte. Mercier griff sich das Funkgerät und wich einem Bus aus. „Halten Sie sich zurück, bis wir wissen, wo er hin will. Schicken Sie ein Team in den Ostturm, sie sollen nachschauen, ob Ivanowitsch noch lebt.“ befahl er. „Wir sind gleich vor Ort.“ fügte er nach einem Moment hinzu und schaltete das Blaulicht ab.
Sie trafen sich im Keller, wo sich Glitcher aufhalten sollte. Newt war etwas eher da gewesen als seine Freundin und hatte sich schon ein wenig umgesehen. Er war ziemlich sicher, wo der Junge war, denn hier unten war der Haupt-Serverraum, an dessen Tür ein Bitte-Nicht-Stören-Schild mit einem Smiley hing. Susan sah nachdenklich aus, das kannte er nicht von ihr. „Alles in Ordnung?“ fragte er. Sie brauchte einen Moment, um zu antworten. „Ja. Gehen wir´s an.“ erwiderte sie und drückte vorsichtig die Tür auf.
Der Raum war kühl und laut. Etliche Serverschränke brummten, während große Lüfter die Abwärme nach draußen beförderten. Florian Neumann saß am anderen Ende des Raumes an einem großen Tisch und hatte Kopfhörer auf. Drei Monitore standen vor ihm, zwei zeigten irgendwelchen Code, der dritte eine nackte Frau mit großen Brüsten. Susan zog eine Augenbraue hoch, sagte jedoch nichts. Newt trat von hinten an ihn heran. „Florian Neumann.“ sagte er, mehr eine Feststellung als eine Frage. Doch der Junge reagierte nicht. Nach einem zweiten erfolglosen Versuch stupste er ihn einfach an. Neumann schreckte auf und drehte sich um. Langsam nahm er die Kopfhörer ab. „Hey, Mann. Ich hab Ihnen doch geschrieben, dass das mit dem Supportticket etwas dauert. Sein Sie nicht so ungeduldig.“ beklagte er sich. „Florian Neumann. Alias Glitcher?“ fragte Newt. „Was wollen Sie?“ fragte der Junge verärgert zurück. Susan zog ihre Pistole. Glitcher schrie auf und riss die Hände hoch. „Ich will, dass du mir ein paar Fragen …“ begann sie, doch Neumann unterbrach sie. „Ja hier, nehmen Sie alles. Da drüben ist auch ein Safe, die Kombination ist vier sieben neun drei. Bitte erschießen Sie mich nicht!“ rief Glitcher und warf ihr sein Portemonnaie und Smartphone hin. „Lass den Blödsinn und beantworte meine Fragen.“ sagte Susan leicht genervt. „Warum will man dich tot sehen.“ fragte sie. Sie konnte am Gesichtsausdruck ihres Gegenüber erkennen, dass er nicht verstand, wovon sie sprach. Langsam steckte sie die Waffe weg und bedeutete ihm, sich zu setzen. „Also, ums kurz zu machen. Eigentlich war der Plan, dass wir hier reinkommen ohne dich zu stören. Ich hätte dir lediglich eine Kugel in den Schädel gejagt und dein Hirn über alle Bildschirme verteilt. Und wir wären wieder gegangen. Also beantworte meine Frage: arbeitest du mit Kinderschändern zusammen?“ fragte sie direkt. „Scheiße, nein! Mit so einem Abschaum habe ich nichts zu tun. Ich mach hacking, okay. Und das ist nicht alles grey hat. Aber so nen Scheiß mach ich nicht. Das müssen Sie mir glauben!“ rief der Junge. Susan glaubte ihm. „Also, wer könnte stattdessen ein Interesse haben, dich zu töten?“ fragte sie weiter. Er begann von verschiedenen Firmen und Regierungen zu erzählen, die er im Laufe der Jahre gehackt hatte.
Mercier stand zwischen den Bäumen vor den beiden Türmen, der Kommandeur der Spezialeinheit stand neben ihm. Alles wirkte ruhig, während sie warteten. Über Funk kamen Meldungen herein und der Offizier gab knappe Anweisungen. „Die Zielperson ist im Keller des westlichen Gebäudes. Der Trupp im östlichen Gebäude hat die Leiche ihres Russen gefunden, er ist in einer Pfütze ausgerutscht und hat sich den Schädel aufgeschlagen.“ berichtete der Mann schließlich. „Arbeiten da unten noch Leute?“ fragte Mercier. „Vielleicht ein paar Wartungstechniker. Wir sollten schnell vorgehen.“ antwortete der Kommandeur. „Gut. Ich will ihn lebend, aber er ist extrem gefährlich.“ sagte Mercier. „Achtung, alle Einheiten. Bereithalten, ich zähle runter. Drei … zwei … eins … Zugriff.“ befahl der Offizier über Funk. Mehrere schwarze Fahrzeuge rasten über den Platz und hielten vor dem Gebäude. Noch bevor sie zum Stehen gekommen waren sprangen die Beamten mit Maschinenpistolen im Anschlag heraus und stürmten die Eingangshalle. Hoch über ihnen senkte sich ein Hubschrauber auf das Dach ab, um weitere Kräfte abzusetzen. Mercier beobachtete den Einsatz angespannt, während Robertson neben ihm fasziniert filmte.
Nichts von dem, was Glitcher erzählte, war für Susan wirklich von Interesse. Bis er erwähnte, für einen zahlenden Kunden einen Webserver gehackt zu haben. Es war nicht diese Tatsache an sich, sondern der Name des Kunden. Gambit. Susan hatte ihn in Bad Neubach erschossen. „Was für Daten hast du gestohlen?“ fragte sie erregt. „Naja, er wollte einfach nur alle Daten haben, ich sollte mir da keinen Kopf machen.“ stammelte der Junge nervös. Sie wusste, dass da noch mehr war. „Hast du eine Kopie gemacht?“ fragte sie kalt. „Nein. … naja, vielleicht … ja, okay ich hab ne Kopie gezogen.“ druckste er, und blickte abwechselnd auf sie und Newt. Dann drehte er sich um und hämmerte auf die Tastatur ein. Ordner öffneten sich auf den Bildschirmen vor ihm. Susan brauchte einen Moment, um zu verstehen, was sie sah. „Scheiße.“ flüsterte sie dann und warf ihrem Freund einen langen Blick zu. „Das ist nicht gut.“ gestand er, während er die Dateien betrachtete. „Also, ich hab keine Ahnung was das ist und ich will es auch nicht wissen.“ sagte Neumann laut. Was Susan sah, war beängstigend. Da waren dutzende Ordner über Personen, etwa A061 und R044. Das waren ihre IDs in der Vermittlung, Susans und Newts. Listen zu Kontakten in den Regierungsstellen praktisch aller Länder, Klarnamen von zentralen Vermittlungs-Mitarbeitern, Konten und Finanzen. „Das sind Interna von der Vermittlung. Führungsstruktur, Auftraggeber, Standorte. Alles. Deswegen solltest du sterben.“ stellte Susan fest. Jemand von der Vermittlung hatte sich all diese Informationen beschafft und räumte jetzt auf. Und jetzt, da sie es wussten, waren sie auch dran.
„Werdet ihr mich jetzt töten?“ fragte Neumann ängstlich. Newt sah ihn eindringlich an. „Du wirst jetzt untertauchen und so tun als wärst du tot. Sonst wird man mehr Leute schicken, damit du wirklich tot bist. Schalte die Überwachungskameras ab, wir werden sagen, dass wir deine Leiche in den Fluss geworfen haben. Und lösch die verdammten Dateien!“ erklärte er knapp. „Warte, bis wir weg sind, bevor du verschwindest.“ fügte Susan hinzu, während sie zur Tür ging.
Sie schlossen die Tür hinter sich und gingen den langen, spärlich beleuchteten Kellergang entlang. Susan konnte spüren, dass etwas nicht stimmte. Ihre jahrelange Erfahrung warnte sie. „Die Sache ist faul.“ flüsterte sie und blieb stehen. Newt nickte und warf ihr den Autoschlüssel zu. „Wir treffen uns am Wagen.“ sagte er und ging weiter. Der Gang vor ihm war leer, er konnte keine Zeichen eines Hinterhaltes entdecken. Er blieb vor dem Aufzug stehen, die Finger verharrten einen Zentimeter vor dem Knopf. Langsam wandte er sich der Treppe zu. Er zog die Tür auf und wurde von einer Taschenlampe geblendet. „Polizei! Auf den Boden!“ brüllte jemand. Newt widersetzte sich nicht, als er von mehreren Männern zu Boden geworfen wurde. „Wir haben ihn! Verdächtiger in Gewahrsam! Ich wiederhole, Verdächtiger in Gewahrsam!“ rief ein Polizist.
Versteckt zwischen einigen Büschen beobachtete Susan die Beamten. Sie war mit einem Sprung aus dem zweiten Stock und einem Sprint unentdeckt aus dem Gebäude entkommen und musste hilflos ansehen, wie ihr Freund abgeführt worden war. Ihre Mine war ausdruckslos, doch in ihr kochte die Wut. Neben den Mitgliedern der Spezialeinheit standen zwei Männer in Zivil. Sie prägte sich die Gesichter ein, während sie langsam in die Schatten verschwand.
Mercier und Robertson betraten die Polizeistation und wurden von applaudierenden Beamten empfangen. Überall wurde ihnen zu ihrem Fang gratuliert. "Er sitzt hinten in der Zelle, Herr Kommissar." berichtete Schillinger und schüttelte ihm die Hand. "Danke, ich schau gleich mal nach ihm. Robertson, sein sie so gut und geben der Zentrale Bescheid, die sollen ihn abholen." grinste Mercier. Sein Assistent nickte eifrig und holte sein Handy raus.
Mercier betrat mit Robertson im Schlepptau den Zellentrakt. Nur eine Zelle war belegt, und ein einzelner Beamter stand davor, um den Gefangenen zu bewachen, der mit Handschellen an die Gitterstäbe gefesselt war. Mercier zog sich einen Hocker heran und setzte sich vor die Zelle. Er betrachtete interessiert den schwarzhaarigen Mann, der einen Geschäftsanzug trug und wie eine Statue da stand. „So, sie sind also … Newt Adams.“ sagte Mercier, während er den Ausweis aus dem Asservatenbeutel fischte. Newt antwortete nicht. „Sieht echt aus. Ist aber genauso falsch, wie ihr Anzug und der Name, habe ich recht?“ fragte der Kommissar, während er das Dokument gegen das Licht hielt. „Anwalt.“ antwortete Newt. „Wie bitte?“ „Ich will einen Anwalt.“ verlangte Newt. „Gestehen Sie Ihren Opfern auch einen Anwalt zu, oder töten Sie sie einfach nur?“ fragte Mercier, doch der Mann antwortete nicht. Der Kommissar seufzte. „Nein, kein Anwalt. Sehen sie, wir sind von Interpol. Sie werden abgeholt und in ein Hochsicherheitsgefängnis gebracht. Wir haben sie auf Band, wie Sie Misaki Nakamura ermorden.“ erklärte Mercier. „Und mit dem hier kriegen wir sie für die anderen dutzenden Verdachtsfälle auch noch dran.“ fuhr er fort und hielt den Asservatenbeutel hoch. „Wie haben Sie mich gefunden?“ fragte Newt, er klang aufrichtig interessiert. „Ich habe Sie schon länger im Visier. Wir wussten, dass sie herkommen, und seit Misaki Nakamura haben wir ihr Bild gehabt.“ erklärte Kommissar Mercier und lehnte sich leicht lächelnd vor. „Das würde bedeuten, dass sie Ivanowitsch geopfert haben, um mich zu erwischen.“ meinte Newt schulterzuckend. Mercier wusste, dass das eine Falle war, dass der Mann sie beide auf eine Stufe stellen wollte. Also zählte er Namen von Menschen auf, von denen er sicher war, dass sein Gegenüber sie getötet hatte. Es war eine stattliche Liste, doch Newt verzog keine Mine. „Ich weiß nicht, wie hoch die Strafe dafür ist, vielleicht holt man extra für sie den Strick zurück. Und das ist erst nach dem Urteil, allein die Ermittlungen und Gerichtstermine könnten fünf Jahre Einzelhaft für Sie bedeuten. Wenn Sie uns sagen, wer sie beauftragt hat, wenn sie umfänglich aussagen … dann könnten Sie sich all das ersparen und im Zeugenschutzprogramm landen.“ erklärte Kommissar Mercier. Newt lehnte sich ans Gitter. „Sie haben gar nichts.“ stellte er gelangweilt fest.
Sonntag
Kommissar Mercier stand im Flur zusammen mit einigen Beamten und trank Kaffee. Sie beratschlagten, wie die Überführung des Verdächtigen am besten bewerkstelligt werden konnte. „Das Kommando trifft in etwa fünf Stunden am Flughafen ein. Wir brauchen eine klare Bahn, um ihn so schnell wie möglich zurück zum Flieger zu bringen. Der wird mit laufenden Motoren auf dem Rollfeld warten.“ sagte Mercier. Schillinger nickte. „Ich habe bereits Kräfte nachgefordert. Wir machen eine Eskorte mit Motorrädern. Die Spezialeinheit wird uns auch begleiten, nur zur Sicherheit. Außerdem sichern weitere Kräfte das Flugzeug.“ erklärte er. Robertson tippte Mercier auf die Schulter. „Das sollten sie sich ansehen.“ flüsterte der Assistent. „Ich komme gleich.“ antwortete Mercier, doch Robertson zog an seinem Arm. Ein Blick verriet dem Kommissar, dass es dringend war. „Gehen Sie ruhig, Herr Kommissar. Ich geh ne Runde rauchen, wir haben Zeit.“ lachte Schillinger.
„Also, was gibt es?“ fragte Kommissar Mercier, während sich Robertson vor die Monitore setzte. „Wir haben uns auf … Newt Adams konzentriert. Als ich die Aufzeichnungen nochmal durchgegangen bin, ist mir etwas aufgefallen.“ sagte sein Assistent und der Bildschirm zeigte die Skybridge der Central Spire Bürotürme. Newt Adams lief durch das Bild und Robertson spulte etwas vor. Eine Frau folgte etwa achtzig Sekunden später. „Sieht wie eine Angestellte aus.“ kommentierte Mercier und zuckte mit den Schultern. Das Bild wechselte zu einem Nebeneingang, die selbe Frau betrat das Gebäude durch die kartengesicherte Tür. „Das war zum selben Zeitpunkt als Newt Adams das Gebäude betreten hat. Die Abfrage bei den Firmen läuft noch, aber laut dem Sicherheitsdienst ist das da Mary Bloomberg. Sie arbeitet im zwölften Stock.“ erklärte Robertson. „Glauben Sie, sie hat ihm Zugang verschafft?“ fragte Mercier nachdenklich. Ohne etwas zu sagen suchte Robertson ein weiteres Video heraus. Es war die elende Kamera vom Tokyomarkt. Einige Personen liefen über den Markt und plötzlich bildete sich am Rand eine Menschentraube. Es waren die Aufnahmen von Misaki Nakamuras Tod. Robertson spulte zurück und zeigte auf eine Stelle. Eine Frau passierte den Suppenstand dort, wo Nakamura zu dem Zeitpunkt gesessen haben musste. Trotz der schlechten Qualität war die Ähnlichkeit unbestreitbar. „Scheiße, es sind zwei.“ stellte Kommissar Mercier geschockt fest. Er sah den ängstlichen Ausdruck in Robertsons Gesicht. „Ich sage Schillinger Bescheid, wir brauchen die Spezialeinheit sofort.“ sagte er und hastete aus den Raum. „Die Kameras der Türme sind ausgefallen.“ rief ihm Robertson hinterher, doch Mercier hörte es kaum.
Kommissar Mercier betrat den Hauptraum und sah sich nach Schillinger um. Vermutlich war der Mann immer noch rauchen. Mercier wollte ihn gerade holen gehen, als Schillinger von draußen reinkam. Der Mann war kreidebleich und hatte die Hände hinter dem Kopf. Kommissar Mercier stockte. Hinter Schillinger betrat noch jemand die Polizeistation. Es war die Frau aus den Überwachungsaufnahmen. Mercier ließ die Tasse fallen, die er noch immer in der Hand gehalten hatte. Bevor sie auf dem Boden zerschellte, hatte er seine Pistole gezogen. „Runter, auf den Boden!“ brüllte er und zielte auf die beiden. Die Polizisten um ihn herum verstanden nicht so recht, was los war, bis jemand die Waffe in der Hand der Frau sah. „Waffe!“ rief ein Beamter und für einen Moment brach Panik aus. Die Frau wartete fast gelassen, während sie weiter Schillinger bedrohte. Polizisten riefen Anweisungen an die Frau, dass sie die Waffen fallen lassen und sich auf den Boden legen sollte. Mercier wusste, dass das nicht passieren würde. Stattdessen hob sie ihre vermeintlich freie Hand und hielt eine Handgranate in die Luft. Schlagartig trat Stille ein. „Sie haben jemanden, der mir gehört. Ich will ihn wiederhaben. Sie legen alle Waffen ab und machen mir den Weg frei. Oder wir sterben alle, hier und jetzt.“ sagte sie laut und ruhig, dann stieß sie Schillinger unsanft in den Rücken und ging vorwärts. Einige Polizisten folgten der Aufforderung und legten ihre Waffen auf den Boden, während andere sie zumindest herunternahmen.
Susan schob den Polizisten weiter vorwärts. Er sollte sie zum Gefangenen bringen, und sie hatte ihm eindrücklich geschildert, was passieren würde, wenn er es nicht tat. Die meisten Polizisten waren zumindest kurzfristig so geschockt, dass sie keinen Widerstand leisten würden. Ein Mann in schwarzem Anzug trat ihr in den Weg. Sie erkannte ihn wieder vom Vorplatz der Bürotürme und wenn ihr Blick hätte töten können, wäre er sofort tot umgefallen. „Sie kommen hier nicht mehr raus. Geben sie auf.“ sagte der Mann. Susan antwortete nicht, sondern stieß den Polizisten in den Zivilbeamten hinein. „Weiter zu den Zellen, bitte.“ sagte sie ruhig, während der Mann in Zivil mit grimmigem Blick zur Seite ging. Mehrere Beamte folgten ihr mit gezogenen Waffen, doch niemand würde auf sie schießen. Sie hatte den Stift der Granate gezogen und sobald sie losließ wären sie alle tot. Der Polizist brachte sie zu den Zellen. Newt war hier, aber auch der zweite Zivilbeamte. „Öffnen Sie die Tür.“ wies sie die Polizisten an. Der junge Zivilbeamte zog seine Waffe. „Ergeben Sie sich.“ rief er. „Nehmen Sie die Waffe runter und öffnen Sie die Tür, bitte.“ wiederholte sie mit bebender Stimme und wand den Kopf zu den anderen Beamten. Es fiel ihr schwer, die Ruhe zu bewahren. Niemand rührte sich. „Leck mich. Du bist verhaftet.“ rief der Junge. Susan verzog das Gesicht und schoss ihm in den Oberschenkel. Die Beamten liefen in Deckung und jemand schrie, während der Getroffene wimmernd zu Boden ging. „Robertson, verdammt.“ rief der andere Zivilbeamte und wollte sich an Susan vorbeidrängen. „Uh-uh.“ machte sie und hielt ihm die Pistole unter die Nase. „Der nächste bekommt nen Kopfschuss, also machen Sie endlich die Tür auf.“ befahl sie. Ein Beamter trat vor und schloss zitternd die Zelle auf und ließ Newt raus. „Sie gehen jetzt alle da rein.“ wies sie die Polizisten an. Ein paar folgten der Anweisung, doch Susan war es egal. Newt hob die Pistole von dem verletzten Zivilbeamten auf, der sie verfluchte. „Wir gehen. Versuchen sie nicht, uns aufzuhalten. Ich habe noch mehr Sprengstoff, und außerdem werde ich den Haupteingang hinter uns verminen.“ verkündete sie laut und ließ die Granate sinken. Niemand stellte sich ihr in den Weg, als sie zum Ausgang zurückging. „Hier.“ sagte Newt als sie an einem Raum voller Bildschirme vorbeikamen, der sperrangelweit offen stand. Ohne genauer hinzuschauen warf Susan die Granate rein und fing an zu laufen. Newt schlug hastig die Tür zu, während irgendjemand 'Deckung' rief. Die Explosion riss die Tür aus den Angeln und durchsiebte sie gleichzeitig mit Splittern. Der Feueralarm ging los und alle außer ihnen beiden hatten sich schutzsuchend zu Boden geworfen.
Zusammen liefen sie aus der Polizeistation. In der Nähe hörten sie Sirenen, irgendwer musste Alarm geschlagen haben. „Wo ist der Wagen?“ fragte Newt, während er die Tür im Blick hielt. „Vergiss den Wagen, wir müssen uns erstmal absetzen.“ rief sie und schätzte ihre Möglichkeiten ab. „Über die Brücke.“ sagte sie schließlich. Eine Querstraße weiter war eine im Bau befindliche Brücke über den Fluss, dahinter waren leerstehende Fabrikgebäude und ein Park. Es war fast ein Kilometer bis dorthin. „Gibts nichts näheres?“ fragte Newt, auch wenn er die Antwort schon kannte. „Nein, es sei denn du willst wieder in eine Zelle.“ antwortete Susan, als der erste Streifenwagen hinter ihnen in die Straße einfuhr.
Mercier ignorierte den Staub, der nach der Explosion auf ihm gelandet war und hockte sich neben Robertson. Der Mann blutete, aber nicht stark. Glücklicherweise hatte das Geschoss die Arterie verfehlt. Robertson drehte den Kopf zu ihm herum. „Gehen Sie. Los …“ presste er unter Schmerzen hervor. Mercier nickte und erhob sich. „Hinten raus. Kommt schon, hoch mit euch! Hinterher! Sie dürfen nicht entkommen!“ rief er und einige Polizisten rappelten sich auf und folgten ihm zum Hintereingang. Mercier griff zum Funkgerät und gab eine knappe Beschreibung der Verdächtigen durch. Jemand meldete, die Flüchtigen auf der Straße vor der Polizeistation gesehen zu haben. Immerhin hatten sie jetzt Verstärkung. Mercier rannte auf die Straße und sah sich um. Ein paar Polizisten waren hinter einem Streifenwagen in Deckung gegangen. „Da hinten, die Straße runter!“ rief einer von ihnen und Mercier konnte sehen, wie zwei Gestalten über die nächste Kreuzung huschten. „Sie wollen zum Fluss! Hinterher!“ brüllte er. Mehr Meldungen kamen über Funk rein, dutzende Einheiten waren auf dem Weg zu ihnen.
Ein Streifenwagen fuhr auf sie zu und Susan blieb kurz stehen und gab zwei Schüsse ab, beide trafen die Motorhaube. Das Fahrzeug bremste und legte eiligst den Rückwärtsgang ein. „Wir müssen über die Brücke, los.“ rief sie, während sie an Passanten vorbeirannte, die sich nach den Schüssen zu Boden geworfen hatten. Sie hasteten so schnell sie konnten zur Brücke. Immer mehr Sirenen ertönten.
Mercier saß zusammen mit anderen Beamten im Streifenwagen, dessen Fahrer Vollgas gab. Laut Funkmeldung war die Spezialeinheit zwei Minuten entfernt. „Da! Da vorne!“ rief der Fahrer und bremste. Sie sprangen raus und Mercier konnte die Flüchtigen sehen. Sie waren kurz vor der Brücke. „Die Brücke abriegeln, sofort!“ befahl er über Funk. Von der Seite kam ein gepanzertes Fahrzeug der Spezialeinheit angefahren. Die Beamten sprangen ab und eröffneten das Feuer.
Schüsse schlugen in das Metall ein, als sie sich hinter den Baucontainer am Anfang der Brücke duckten. „Du hast nicht zufälligerweise noch eine Granate?“ fragte Newt, während er Schüsse auf die Polizisten abgab. „Nein, und außerdem keine Ersatzmagazine.“ antwortete Susan und schoss einem Mann mit Sturmgewehr in die Brust, bevor sie geduckt hinter einen Stapel Stahlträger lief. Die Baustelle gab ausreichend Deckung gegen den Beschuss, doch Newt wusste, früher oder später würde ein Helikopter kommen. „Pass auf, wo du hintrittst.“ rief Susan. An einigen Stellen klafften Löcher in der Brücke. Vorsichtig und schnell arbeiteten sie sich über die Baustelle vor, nur noch vereinzelt wurde auf sie geschossen, da die Polizei in Deckung gegangen war. Susan wartete vor dem seitlichen Brückenträger, neben dem ein großes Loch von mehreren Metern Länge befand. Es gab keine Deckung, die sie schützen würde. Sie sah sich nach einem anderen Weg um, doch Newt lief einfach weiter. „Wir müssen rüber, bevor sie die andere Seite erreichen.“ schrie er als er geduckt über den Träger rannte. Er drehte sich um und wartete. Susan folgte ihm geduckt, und dann schien die Zeit still zu stehen. Blut spritzte im wechselnden Licht der Polizeifahrzeuge durch die Luft als Susan in den Bauch getroffen wurde. Er sah den überrascht geschockten Ausdruck in ihrem Gesicht, während sie versuchte, zu ihm zu gelangen. Ihr Fuß trat ins Bodenlose und mit einem panischen Gesichtsausdruck stürzte seine Freundin ins Wasser. Ihr Blut blieb am Träger der Brücke kleben. Riley starrte fassungslos ins Wasser, wo Angela gerade verschwunden war. Ein weiterer Schuss verfehlte seinen Kopf und schlug am Innenträger Funken. Ihm ging auf, dass die Schüsse nicht von der Polizei kamen. Er bebte vor Wut und brüllte, während er geduckt weiter lief.
„Nichts?“ fragte Mercier. Der Kommandeur der Spezialeinheit schüttelte den Kopf. „Wir haben alles im Umkreis von dreihundert Metern abgesucht, aber bislang noch keine Spur.“ berichtete der Mann. „Und die Frau?“ fragte Mercier weiter. „Die Taucher haben gerade angefangen, doch es kann sein, dass ihre Leiche bereits ins Meer gespült wurde, wir haben hier eine starke Strömung.“ sagte der Kommandeur und wandte sich ab. Kommissar Mercier seufzte. Das war nicht gelaufen wie er erwartet hatte, und es würde ein unschöner Bericht werden. Robertson war angeschossen worden, etliche Beamte waren verletzt, eine Verdächtige war vermutlich tot und der andere entkommen. Das einzige, was geblieben war, waren die Asservaten aus der Tüte, die glücklicherweise nicht im Überwachungsraum gewesen war. Mercier würde einige Anrufe machen müssen.