Der Urlaub der Anderen – Kapitel 4

Riley hatte acht Stunden gebraucht, um Angelas Mörder aufzuspüren. Der Killer hatte sich im Hafen versteckt, doch am Ende hatte er keine Chance. Riley war nicht zimperlich gewesen und hatte jede Information aus dem Mann herausgeholt, die er hatte. Zum Schluss hatte er ihn an einem Betonblock gekettet in den Hafen geworfen.
Der Mörder hatte Bilder und weitere Informationen über Riley und Angela erhalten, von einem Mann namens Gustavo Herrera. Deswegen war Riley nun, drei Monate später, hier in Lateinamerika. Herrera lebte in einer üppigen Hazienda, die er sich von seinem ganzen schmutzigen Drogengeld gekauft hatte. Zumindest dachte Riley, dass sich ein Kartellmitglied auch mal etwas normal kaufen konnte. Zunächst hatte er das Gelände einige Tage aus dem umliegenden Dschungel heraus beobachtet. Zwar hatte es ihn gejuckt, einfach reinzugehen und das Schwein in seinem eigenen Blut zu ersäufen, aber er wusste, dass Herrera nicht das Ende der Kette war. Er war nur ein Mittelsmann wie die Drecksau in Entborg. Und von einer Leiche würde er keine Informationen mehr bekommen.
Sich in das Anwesen einzuschleichen war denkbar einfach gewesen. Die Hazienda hatte einen großen Pool, für den es extra einen Poolboy gab, der das Ding sauber hielt. Der echte Poolboy war eines morgens mit dem falschen Fuß aufgestanden und hatte sich ein Bein gebrochen. Als Ersatz war, ebenfalls rein zufällig, Riley ausgewählt worden. Er konnte fließend spanisch sprechen und außerdem erfüllte er die nicht nennenswerten weiteren Anforderungen eines Poolboys. Auch war Herrera nicht der Hellste, denn der Mann schien völlig vergessen zu haben, ein Attentat auf ihn befohlen zu haben.

Riley nahm sich ein paar weitere Tage Zeit, um die Abläufe in der Hazienda zu untersuchen und herauszufinden, wo sich was befand. In seinem Kopf setzte sich in all der Zeit ein Plan zusammen, wie er bekommen würde, was er wollte. Es waren immer acht Wachleute auf dem Gelände, die Wachwechsel vom Kartell waren immer zu den selben Uhrzeiten. Außerdem befanden sich in der Regel zwei oder drei Zimmermädchen im Anwesen, drei mal die Woche auch zwei Gärtner. Am Wochenende kam die Frau von Herrera, sie war seine Dritte. Riley wusste, wo die Kameras waren und der Überwachungsraum, in dem alles zusammenlief. Er hatte sogar die Kombination zum Tresor in Herreras Arbeitszimmer herausgefunden, weil er einmal kiloweise Kokain nach oben bringen musste. Er war zuversichtlich, den nächsten auf der Liste zu bekommen, und vielleicht ein bisschen Extra.

Es war kurz vor Mittag, als Riley begann. Er ging am Pool entlang zur Hecke und nahm die Gartenschere, die er dort deponiert hatte. Vier Schritte später rammte er sie auch schon wieder dem dort stehenden Wachmann in den Hals, der zwischen den geschnittenen Sträuchern zu Boden ging und augenblicklich außer Sicht war. Riley ging wieder zum Pool, griff sich den am Geräteschuppen lehnenden Kescher und zog ihn der Wache, die am Pool patrouillierte, über den Schädel. Der Mann stürzte armerudernd ins Wasser und bevor er schreien konnte drückte Riley ihn mit dem Kescher unter, bis er sich nicht mehr rührte. Dann ging er zum Haus und folgte der Hauswand. Ein Wachmann stand am Ende, den Blick in Richtung Tor gerichtet. Riley zog ihn außer Sicht und brach ihm das Genick. Jetzt wurde es kritisch. Er ging um die Ecke zur Vorderseite der Hazienda. Ein Wachmann stand vor der Tür, glücklicherweise war der Balkon gerade leer, doch sicher nicht für lang. Er musste schnell sein.
Riley ging auf die Wache vor der großen Doppeltür zu, die ihm nur einen kurzen Blick zuwarf. Er schlug dem Mann gegen die Schläfe und griff sich die Maschinenpistole, die der Wachmann in den Händen hielt. Riley schoss dem Bewusstlosen in den Kopf. „Vier weg, vier übrig.“ murmelte er. Dann stürmte er durch den Vordereingang und machte sich auf den Weg zum Überwachungsraum, bevor die zwei Mann dort Verstärkung rufen konnten. Ein Zimmermädchen stand mit einem Kuchentablett im Gang. Als sie ihn sah schloss sie die Augen und fing an zu weinen. Vermutlich dachte sie, er sei von einem anderen Kartell und würde sie erschießen. Ein Wachmann kam aus dem Wohnzimmer angelaufen und war hinter dem Zimmermädchen teilweise verborgen. Riley schoss knapp an der Frau vorbei und traf den Mann ins Bein, so dass er stürzte. Ein zweiter Schuss beendete das Leben der Wache. „CIA!“ rief Riley und lief an dem Zimmermädchen vorbei. Er riss die Tür zum Überwachungsraum auf und gab den beiden Männern, die vor den Monitoren saßen und vergeblich versuchten, mit den anderen Kontakt aufzunehmen, keine Gelegenheit zu reagieren. Nach einer halben Sekunde waren beide tot. Riley machte sich auf den Weg zum ersten Stock. „Sieben weg, einer übrig.“ flüsterte er. Der letzte war Herreras persönliche Leibwache und blieb stets in dessen Nähe. Der Leibwächter stand vor Herreras Tür und gab zwei Schüsse ab. Riley schoss ein mal zurück. Im Gegensatz zum Leibwächter traf Riley. „CIA!“ rief Riley erneut und stieg über die Leiche hinweg, um in das Zimmer zu kommen.
Herrera erwartete ihn bereits mit erhobenen Armen. „Ich werde den amerikanischen …“ begann er, doch weiter kam er nicht, da ihm Riley ins Knie schoss. Herrera stürzte schreiend zu Boden. „Sie Arschloch, was soll das? Ich will der Agency meine Unterstützung anbieten.“ heulte Herrera am Boden und umklammerte sein blutendes Bein. „Das können sie auch, nachdem sie mir einige Fragen beantwortet haben.“ sagte Riley trocken und kniete sich neben den Mann. Er zog zwei Bilder aus der Tasche, die er dem Mörder in Entborg abgenommen hatte. „Erinnern sie sich an die beiden hier?“ fragte er. „Naja, einer sind Sie.“ gab Herrera irritiert zurück. „Sie haben auf diese Personen einen Mordanschlag befohlen, vor drei Monaten. Wer gab den Auftrag dazu?“ fragte Riley. Herrera überlegte angestrengt. „Ich erinnere mich nicht mehr dran.“ knurrte er nach einiger Zeit. Riley drückte die Mündung der Maschinenpistole in die Wunde des Mannes. „Denken Sie nach. Und bitte bedenken Sie, dass Sie sterben werden, wenn Sie sich nicht erinnern.“ sagte er. „Ja, gut. Ich wurde von einem unserer europäischen Kontakte gebeten, das in die Wege zu leiten.“ jaulte Herrera. Riley nahm die Waffe weg und wartete. „Wenn ich es Ihnen erzähle, lassen Sie mich dann am Leben?“ fragte der Mann. Riley nickte. Herrera erzählte ihm, dass ihm der Mann aus Nordeuropa hunderttausend gegeben hatte, damit er zwei Leute beseitigt. Von ihm hatte er auch die Details erhalten, wo sie zu finden waren und wie sie aussahen. Und dass die Polizei sie vielleicht schnappen würde. „Haben sie der Polizei den Tipp gegeben?“ fragte Riley nachdenklich. „Nein, er muss es getan haben. Er sagte das von sich aus, ich denke er hatte es so geplant.“ antwortete der Mann stöhnend, während er sein blutendes Knie betastete. Riley betrachtete ihn einen Moment und erhob sich. Er hatte keinen Grund, an den Worten zu zweifeln, und er hatte jetzt alles, was er brauchte. „Sie haben, was Sie wollten. Also, dann gehe ich jetzt mal.“ meinte Herrera und versuchte, aufzustehen. Riley griff das Messer, das auf dem Tisch lag, ging in die Hocke und schnitt Herrera die Halsschlagader auf. Es war ein kleiner Schnitt und es würde einige Minuten dauern, bis der Mann verblutet war.
Riley räumte den Safe aus und durchsuchte methodisch die Tischschubladen nach weiteren brauchbaren Unterlagen. Er fand tatsächlich einige Unterlagen und auch mehrere Bündel US-Dollar, die er einsteckte. Er ging wieder nach unten und griff sich den Benzinkanister, den er schon am Morgen an der Treppe abgestellt hatte. Sorgfältig schüttete er das Benzin über die Teppiche des Wohnzimmers und zog eine Spur zum Überwachungsraum. Dann verließ er das Haus zum Pool hin, nahm die Decke vom Servierwagen auf der Terrasse, zündete sie an und warf sie zurück ins Haus. Riley war sich sicher, dass das Haus bis auf die Grundmauern niederbrennen würde. Als er das Gelände verließ, hörte er in der Ferne die Sirenen der Polizei.

Mit dem Geld, das er Herrera abgeknöpft hatte, hatte er sich auf einen Flug einkaufen können, ohne dass lästige Fragen gestellt wurden. Es hatte zwei Wochen gedauert, bis er die Adresse erreicht hatte, die er von dem Mistkerl hatte. Eine Nebenadresse, die wohl als Lager und Umschlagplatz genutzt wurde, hatte er in den Unterlagen gefunden. Es war eine größere Stadt, nur hundert Kilometer von Entborg entfernt. Der Gedanke ließ ihn innerlich seufzen. Wenn er es früher gewusste hätte, hätte er sich eine Menge Zeit und Arbeit gespart, aber jetzt war er ja hier. Er nahm sich abermals eine Woche Zeit, die Abläufe zu beobachten und hatte sich in ein billiges Motel eingenistet. Das Viertel war heruntergekommen und die alte Autowerkstatt, in der sein neues Ziel, ein Kerl namens Randy Wheeler, hockte, wurde ebenso wie die kleine Disco gegenüber von einer Gruppe Rockern besetzt. Laute Musik und Motorräder dienten als Tarnung für Drogen und Prostitution. Riley bezweifelte, dass Wheeler allein auf den Gedanken gekommen war, Angela und ihn umzubringen. Jemand war erpicht darauf, möglichst viel Distanz zwischen sich und die Morde zu bringen. Nicht, dass es etwas nützen würde.
Riley hatte nicht ins Innere der Gebäude vordringen können, doch er hatte einen kompletten Plan des äußeren Bereichs und eine ziemlich gute Vorstellung, was ihn drinnen erwartete. Jetzt saß er an der Bushaltestelle gegenüber der Werkstatt und wartete. Musik dröhnte von der Disco herüber, die sich zusammen mit einem Frisör und einem asiatischen Ramschladen ein altes Fabrikgebäude teilte. Wheeler wohnte und arbeitete in der Werkstatt, besuchte aber mit seiner Entourage die täglichen Bandproben. Er hatte ihn mehr als einmal nach einer Probe über die Straße torkeln sehen, was ihm sehr gelegen kam. Hin und wieder gab es auch Streit mit anderen Rockern, und ein mal wurde sogar eine Dreiergruppe rausgeschmissen und die Fäuste flogen.
Immer wieder fuhren Autos auf der Straße vorbei und zwei mal die Stunde kam ein Bus. Riley blieb sitzen und schaute verstohlen auf die Uhr. Es gab zwei Orte, an denen der heutige Tag für Wheeler zu Ende gegen würde, in jedem Fall wäre das sein letzter Tag. Sollte er noch in der Disco bleiben, so wie er es manchmal tat, dann würde Riley ihn dort ausschalten. Ansonsten in seinem Privatzimmer in der Werkstatt. Sein Blick fiel erneut auf die Uhr. Die Probe würde in dreißig Minuten enden. Er erhob sich, überquerte die Straße und folgte dem Zaun, der das Werkstattgelände umgab. Er erreichte einen Müllcontainer, der an den Zaun gerückt war. Riley legte die alte Decke, die er bereits dort hingelegt hatte, über den Stacheldraht auf dem Zaun, damit er sich nicht verletzte. Dann kletterte er hinüber. Niemand hielt ihn auf, als er die Werkstatt durch den Seiteneingang betrat. Die Kerle an den Motorrädern sahen ihn nicht einmal. Im Eingangsbereich unterhielten sich zwei bärtige Riesen, doch Riley huschte geduckt die Treppe hinauf in den ersten Stock. Er wusste, welches Zimmer Wheeler gehörte, er hatte den Kerl abends durch das Fenster gesehen. Doch die Tür war abgeschlossen.
Riley verzog das Gesicht, doch dann erinnerte er sich, dass das Fenster offen stand. Er ging in den zur Zeit leeren Billardraum nebenan und schob ein Fenster auf. Vorsichtig stieg er auf den Sims und wünschte sich, seine bessere Hälfte wäre jetzt hier. Sie war weitaus besser in solchen Dingen gewesen. Der Gedanke versetzte ihm einen schmerzhaften Stich. Er schob sich an der Fassade entlang so weit er konnte, bevor er einen Satz zum anderen Fenster machte. Knapp bekam er den Fensterrahmen zu fassen und zog sich hinein. Riley durchsuchte das Zimmer und fand einige Unterlagen, die offen auf dem Tisch lagen. Rasch blätterte er sie durch und fand, weswegen er hier war. Er las die Dokumente und den handschriftlichen Zettel, bevor er sie sich einsteckte.
Als er fertig war, kletterte er wieder nach draußen. Irgendjemand hatte das andere Fenster geschlossen und spielte den Geräuschen nach zu urteilen Billard. Riley seufzte und ließ sich am Sims herunter so weit er konnte, bevor er endgültig losließ. Er rollte sich bei der Landung ab und sah sich um. Niemand hatte ihn bemerkt.

Riley ging auf den Eingang der Disco zu. Die Probe war vor ein paar Minuten zu Ende gegangen und einige Rocker waren ihm entgegengekommen. Wheeler war nicht unter ihnen, also musste er noch in der Disco sein. Alles, was Riley noch von ihm wollte, war dass er wusste, wer ihn tötete.
Es gab keinen Türsteher, also konnte er ungehindert das Gebäude betreten. Eine Frau, vermutlich eine der Prostituierten, unterhielt sich mit einem Rocker. Sie standen beide im Gang und hatten ihn noch nicht gesehen. Riley duckte sich hinter den Tresen im Eingangsbereich, griff sich einen der darauf liegenden Stifte und warf ihn zum Eingang. „He, ist da wer?“ rief der Rocker überrascht, doch niemand antwortete ihm. „Baby, ich geh mal nachschaun. Ich muss eh draußen Wache stehen, einer muss ja den Laden schützen.“ lachte der Mann und ging dann an Riley vorbei nach draußen. Riley drang tiefer in das Gebäude ein. Die Frau stand an einem Wasserspender und füllte gerade einen Becher. Riley wollte es sauber und sie hatte ihn noch nicht gesehen, also schlug er sie mit einem Hieb gegen die Schläfe KO. Er sah sich um, wo er den Körper verstecken konnte. Bevor er dafür eine Lösung fand, trat ein neues Problem auf. Ein Rocker schob einen Wagen mit Musikinstrumenten um die Ecke. Noch bevor der Mann seine Überraschung überwinden konnte, hatte Riley die mit Schalldämpfer ausgerüstete Pistole gezogen und schoss ihm in de Kopf, so dass der Kerl in die Gitarren stürzen. „Was soll der Lärm, kann man hier nicht mal in Ruhe pissen?“ rief jemand von einem der angrenzenden Räume. Die Tür zur Herrentoilette neben dem Instrumentenwagen öffnete sich, doch Riley sah nicht, wer darin war. „Scheiße!“ rief ein Mann, als er die Leiche sah und schlug die Tür zu. Riley unterdrückte einen Fluch und lief hinterher.
Er betrat die Herrentoilette und sah sich um. Der Raum war eine Weile nicht geputzt worden und stank erbärmlich, doch es gab keinen zweiten Ausgang. Riley ging auf die Knie und blickte unter den Türen hindurch. Er konnte niemanden sehen, wahrscheinlich hatte sich der Kerl auf eine der Kloschüsseln gestellt. Riley trat die erste Kabine auf, sie war leer. Anstatt nun wie ein Idiot jede Kabine zu öffnen und sich von dem Rocker anspringen zu lassen, trat er in die Kabine und gab in schneller Folge drei Schüsse durch die Zwischenwand ab. Die dünnen Sperrholzplatten boten kaum Widerstand, und jemand stürzte mit einem Schmerzensschrei zu Boden. Riley ging zur dritten Kabine und schoss dem zusammengekrümmten Rocker in den Kopf.
Er fand Wheeler schließlich auf der Bühne, wo er allein Schlagzeug spielte. Riley ging langsam auf ihn zu und sah sich um. „Wer bist du?“ fragte Wheeler, ohne aufzuhören. „Wo finde ich den 'Schlipsträger'?“ fragte Riley direkt. Er hatte den Namen in den handschriftlichen Notizen gesehen, und er bezog sich eindeutig auf den Auftraggeber. „Was bist du, Privatschnüffler? Verpiss dich!“ herrschte Wheeler ihn an und legte die Drumsticks beiseite. „Ich habe zwei Ihrer Männer getötet, also beantworten Sie einfach die Frage.“ antwortete Riley und zog die Pistole. Wheeler überlegte einen Moment, vermutlich schätzte er seine Chancen ab. „Ich weiß es nicht, ich habe ihn nur ein mal getroffen, als er mir den Auftrag gab.“ sagte er grimmig. Riley fragte nach Details. Der Mann, den Wheeler beschrieb, passte zu dem, den Angela im Verdacht gehabt hatte. Er hatte jetzt zwar eine Beschreibung, doch ohne einen Ort nutze ihm das wenig. Daher müsste er sich etwas einfallen lassen müssen. „Willst du noch was? Oder verpisst du dich endlich?“ maulte der Rocker. „Das wäre alles.“ sagte Riley nachdem er noch einmal nachgedacht hatte und schoss Wheeler zwei mal in den Bauch. Es war sehr unwahrscheinlich, dass er die nächste Stunde überleben würde.

Riley kehrte zurück zu seinem Quartier. In dem Moment, in dem er die Wohnung betrat, wusste er, dass er nicht allein war. Jemand saß auf dem Stuhl am Küchentisch. Er zog die Pistole und fuhr in der gleichen Bewegung herum und zielte auf den Kopf des ungebetenen Gastes. Riley erstarrte. Er kannte die Frau. Zitternd senkte er die Waffe. „Wie ist das möglich? Du … warst … ich habe dich sterben sehen …“ flüsterte er. „Es war ziemlich knapp.“ antwortete Angela und lehnte sich vor. „Glatter Durchschuss über dem Zwerchfell. Ich konnte mich im Hafenbecken an Land ziehen und habe einen Erste-Hilfe-Kasten von einem Kutter geklaut. Dann bin ich erstmal abgetaucht … im metaphorischen Sinne.“ erklärte sie mit einem matten Lächeln. Riley ging auf sie zu. Als er vor ihr stand ging er auf die Knie und strich ihr über das Gesicht. „Es tut mir Leid. Du hattest recht, ich hätte auf dich hören sollen.“ flüsterte er. „Das hättest du. Aber ich glaube, dass es nichts geändert hätte. Sie wollten uns tot sehen.“ sie strich ihm durch die Haare. „Hast du ihn erwischt?“ fragte sie nach einer Weile. „Ja. Er liegt im Hafen.“ „Danke.“ „Er wurde von Herrera beauftragt, der wiederum von Wheeler beauftragt wurde.“ erklärte Riley. „Du hast sie getötet? Für mich?“ fragte Angela, etwas überrascht. „Ich war wütend. Auf deine Mörder, aber auch auf mich selbst. Ich hätte es verhindern können. Kannst du mir verzeihen?“ sagte Riley, den Tränen nahe. Lächelnd küsste sie ihn. „Natürlich, Dummerchen. Du weißt doch, wir gehören zusammen. Vom ersten Tag bis zum Letzten.“ flüsterte sie und nahm ihn in die Arme. Es war ein Versprechen, das sie sich am Tag ihrer ersten Begegnung gegeben hatten. Sie waren jung und selbstsicher gewesen, aber sie hatten sofort gewusst, dass ihre Verbindung besonders war. In einem unbeobachteten Moment hatten sie einen Band geschlossen, der im Leben wie im Tod galt. Es war ihre Form der Liebe, bedingungslos füreinander einzustehen. „Vom ersten Tag bis zum Letzten.“ antwortete Riley leise und erwiderte die Umarmung.

Am nächsten Morgen saßen sie am Küchentisch. Riley hatte die Unterlagen ausgebreitet, die er von Herrera und Wheeler erbeutet hatte. Er beschrieb den Mann, den Wheeler Schlipsträger genannt hatte, doch mit dem Riley nichts anfangen konnte. Angela nickte. „Ja, den habe ich gesehen, auf Mügen und in Bad Neubach. Und schon eher.“ sagte sie und blickte auf ihr eigenes Bild. „Ich hatte viel Zeit, nachzudenken. Ich habe eine Weile gebraucht, um wieder zu Kräften zu kommen und habe praktisch nichts anderes getan, als nachzudenken. Und die Sache ist … ich weiß nicht, wie er heißt, vermutlich weiß das niemand außer ihm selbst. Aber ich weiß, wer er ist. Er ist bei der Vermittlung, ich habe ihn ein paar mal während unserer Ausbildung gesehen. Damals war er unteres Management oder etwas in der Richtung. Er war keiner von uns, aber stand über den Analysten. Vielleicht der Leiter der Analyse … jedenfalls, mit den Informationen, die er sich beschafft hat in Bad Neubach, hat er vermutlich den Aufsichtsrat ausgeschaltet. Da waren Privatadressen drin, sogar Infos zu den Familien.“ erklärte sie. „Du meinst, der Arsch wollte den ganzen Kuchen. Stell dir vor, was ein Einzelner an der Spitze einer Organisation wie der Vermittlung anstellen könnte. Deswegen gab es ja den Aufsichtsrat. Was glaubst du, hat er vor?“ fragte Riley. Angela hob die Brauen. „Ich weiß es nicht, und um ehrlich zu sein ist es mir auch egal. Ich glaube er war früher bei irgendeinem Geheimdienst. Vielleicht befällt ihn jetzt die Vaterlandstreue, oder er will sich an jemandem rächen. Hey, in der Organisation hat jeder ´nen Schlag weg.“ antwortete sie und zuckte mit den Schultern. Riley starrte auf die Unterlagen. Er schwieg einige Zeit, bevor er schließlich sprach. „Was meinst du, es ist dir egal?“ fragte er. „Die Vermittlung hat uns verraten. Wir sind raus und können nicht zurück. Sie haben versucht, uns umzubringen und ich will Rache.“ sagte sie hart, und er wusste, dass es ihr bitterernst war. „Gut. Also, wie zum Teufel kommen wir an ihn ran? Ich meine, er sitzt wahrscheinlich in der Vermittlungszentrale und …“ sagte er und schüttelte den Kopf. „Es ist nicht unmöglich.“ lächelnd beugte sich Angela vor. „Wir sind raus, zum Abschuss freigegeben und für immer ihre Feinde. Es gibt nichts, was die vergangenen vier Monate wieder richten könnte. Sie halten mich für tot, sonst hätten sie es nochmal versucht. Und du? Du hast getan, was zu erwarten war und sie gejagt. Du bist vermutlich weiter gekommen als das Arschloch gedacht hat, und dennoch hättest du ohne mich keine Ahnung, wer der Kerl ist. Sie denken wir sind ausgebrannt, auf der Flucht.“ erklärte sie mit wildem Grinsen. Riley lehnte sich zurück. „Eins musste du mir erklären. Wie hast du mich gefunden?“ fragte er neugierig. Es war eine Frage, die ihm unter den Nägeln gebrannt hatte, seit er Angela wieder gesehen hatte. Aber er fühlte sich schlecht, zu fragen, da es ein gewisses Misstrauen ausstrahlte. „Berechtigte Frage.“ nickte Angela, „Ich hatte viel Zeit nachzudenken, während ich mich versteckt hielt. Mir war klar, dass der Scharfschütze nicht von der Polizei war. Vermutlich war ganz Entborg eine Falle, in der wir sterben sollten. Also war die Vermittlung verantwortlich. Du warst am Leben, aber ich konnte dich schlecht anrufen. Aber es gibt andere Leute, die ich anrufen kann. Erinnerst du dich an den Typen, der uns vor ein paar Jahren die Pässe ausgestellt hat?“ Sie hatten sich vor Jahren bereits sicherheitshalber an der Vermittlung vorbei falsche Identitäten ausstellen lassen. Wie sich jetzt gezeigt hat, war das eine gute Versicherung. „Der Bundesagent? Ja, ich erinnere mich. Ich nehme an, er hat mich hier am Flughafen bei der Einreise festgestellt. Aber mich wundert, dass er dir das gesagt hat.“ antwortete Riley. „Ich kann sehr überzeugend sein. Und ihm zu sagen, was mit seiner Karriere und Familie passiert, wenn er mir nicht hilft, war sehr überzeugend.“ sagte Angela mit einem leichten Lächeln, „Ich hatte Entborg nie verlassen und als er mir gesagt hat, dass du ein Auto gemietet hast, bin ich beim Autohändler eingebrochen und hab das GPS deines Wagens verfolgt.“ Riley war sprachlos. Nachdem er sie eine Weile angestarrt hatte, sagte er „Das … wow. Ich bin wirklich froh, dass du mich gefunden hast, aber in Zukunft muss ich mich echt besser anstellen.“ „Ich hab meine Momente.“ gab Angela mit einem Zwinkern zurück. „Okay, also was schlägst du wegen der Vermittlung vor?“ fragte Riley und lehnte sich zurück, gespannt was seine Freundin als nächstes sagen würde. „Jagen wir sie hoch. Vollständig. Und zwar richtig.“ sagte sie halblaut und stand auf. „Du meinst mit Sprengladungen, während einer der Versammlungen des Aufsichtsrates?“ fragte Riley verblüfft. „Besser. Lassen wir die Handschellen klicken.“ lachte seine Partnerin.

Bevor sie jedoch ihren Plan in die Tat umsetzen konnten, brauchten sie noch etwas Hilfe. Wie Angela herausgefunden hatte, war der Hacker, den sie in Entborg am Leben gelassen hatten, noch immer dort. Er hatte ihre Warnung nicht ernst genommen, trug immer noch den gleichen Namen und arbeitete beim gleichen Arbeitgeber. Früher oder später würde jemand kommen, um ihn zu beseitigen, aber das sollte nicht mehr ihr Problem sein, wenn er nur so lange überlebte, bis er ihnen die Daten gab.
Sie erreichten die Bürotürme am frühen Nachmittag, nachdem sie sich einen Gebrauchtwagen gekauft hatten. Angela hatte ein Versteck mit Geld dafür angebohrt, von dem Riley noch nicht einmal wusste. Aber er nahm es ihr nicht übel, er hatte es ebenso gehalten. Riley würde im Wagen warten, denn sein Gesicht war als gesuchte Person auf den Steckbriefen gelandet und vermutlich in den Überwachungssystemen gespeichert. Was Angela anging, dachte die Polizei hoffentlich wohl entweder, sie wäre tot, oder es war nie ein vernünftiges Bild von ihr gespeichert worden. Also würde sie allein die Unterlagen holen.
Da die Türme um diese Uhrzeit noch für Besucher geöffnet waren, hatte sie keine Probleme, durch die Sicherheitsschleuse zu gelangen. Sie brauchte nicht einmal ihren gefälschten Ausweis vorzeigen. Ohne, dass sie irgendjemand beachtete, gelangte sie in den Keller. Die Tür zum Serverraum war jetzt abgeschlossen, darüber war eine Kamera angebracht und an der Seite befand sich mittlerweile eine Klingel. Angela klingelte, blickte in die Kamera und schüttelte ernüchtert den Kopf. „Ich geh hier nicht weg, bis du aufmachst.“ sagte sie laut und klingelte erneut. Es dauerte einen Moment, bis Florian Neumann aufmachte. Er blickte sie ängstlich an. „Ich … ich dachte die Bullen hätten Sie abgeknallt.“ murmelte er stotternd. „Sieht nicht so aus.“ gab sie zurück und schob sich an ihm vorbei. Hier drinnen hatte sich nicht viel verändert. Lediglich auf einem der Bildschirme war nun statt eines anstößigen Bildes die Liveübertragung der Kamera. „Hast du stillen Alarm ausgelöst?“ fragte Angela, doch Neumann schüttelte den Kopf. „Ganz ehrlich, du hättest dich verpissen sollen. Ich werde dich nicht töten, aber andere werden kommen.“ fuhr sie unbeirrt fort. „Was wollen Sie?“ fragte Neumann und setzte sich an seinen Platz. Sie zog einen Datenträger hervor. „Du überträgst alle Daten, die du für Gambit geholt hast, hier drauf. Vollständig und ohne irgendwelche Sperenzchen. Wenn ich noch mal wiederkommen muss, dann wirst du dir wünschen, ich hätte dich bei unserem ersten Besuch erschossen.“ erklärte Angela finster.
Die Datenübertragung dauerte fast eine Viertelstunde, es war verdammt viel Material. Sie wartete geduldig, bis er fertig war. Es klingelte an der Tür. Während Florian Neumann ängstlich auf den Monitor mit der Liveaufnahme starrte, war Angela eher interessiert. Eine junge Büroangestellte stand vor der Tür. Angela nahm den Datenträger entgegen und steckte ihn ein. „Ich weiß ja nicht, könnte eine von uns sein. Aus der Perspektive lässt sich das schlecht sagen.“ sagte sie zu Neumann und ging zur Tür. Sie zog sie auf und blickte der Frau im Gang ins Gesicht. Sie war sehr wahrscheinlich einfach nur eine normale Angestellte hier aus dem Turm. „Bitte sehr, er gehört ganz Ihnen.“ sagte Angela laut und winkte die Frau herein. Dann verließ sie den Raum und schloss die Tür. Sie konnte sich das Grinsen nicht verkneifen.

Kommissar Mercier seufzte. Ein Blick auf die große Uhr im Büro verriet ihm, dass eine weitere Stunde vergangen war, ohne dass er etwas gemacht hatte. Er sah sich um, doch nichts konnte ihn wirklich ablenken von der Eintönigkeit, in die er sich katapultiert hatte. Robertson saß am Platz ihm gegenüber, von einem Sichtschutz verborgen. Er hörte lediglich das monotone Tippen auf der Tastatur. Acht Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, ohne dass es irgendein anderes Geräusch gab.
Mercier vergrub den Kopf in den Händen. Es war alles so gut gelaufen, er war Kommissar geworden und hatte dann diesen Fall gefunden. Kein anderer hatte diese Verbindung gezogen, und er war den Killern immer näher gekommen. Und in Entborg hatte er einen erwischt. Und dann hatte er es verkackt. Der Killer war entkommen, seine Partnerin war erschossen und etliche Beamte verletzt worden. Und die meisten Beweise waren zerstört worden. Seine Vorgesetzten waren außer sich gewesen. Einzig die Tatsache, dass sie noch ein paar Aufnahmen und den Pass hatten, hatte verhindert, dass Mercier mit einem Arschtritt auf der Straße gelandet war. Sie hatten ihn abgeschoben in eine drittklassige Niederlassung, um hier zu verrotten. Jetzt konnte er die nächsten dreißig Jahre Robertson beim Tippen zuhören, bis er in Rente ging. Oder bis er sich die Kugel gab.
Es war noch eine Stunde bis Feierabend und Robertson tippte immer noch mit der gleichen Geschwindigkeit, jeder Tastendruck so laut wie eine Schreibmaschine. Es fehlte nur noch das Geräusch vom Wagenrücklauf. „Herrgott Robertson, schreiben Sie da ihre Memoiren?“ fuhr Mercier auf. „Nein, Herr Kommissar. Entschuldigen Sie, Herr Kommissar.“ gab sein Assistent kleinlaut zurück und Stille kehrte ein. „Holen Sie mir einen Kaffee … bitte.“ murmelte Mercier und blickte auf die Uhr. Sein Assistent stand hastig auf und verließ den Raum. In einer halben Stunde hätte er für heute seine Ruhe. Das Telefon klingelte. Mercier erschrak etwas, denn seit er hier war hatte das Telefon noch nie geklingelt. Wahrscheinlich hatte sich nur jemand verwählt. Zögerlich nahm er den Hörer ab. „Interpol, Kommissar Mercier, was kann ich für Sie tun?“ fragte er. Niemand antwortete. „Hallo?“ fragte er erneut. „Sie kommen hier nicht mehr raus. Geben Sie auf.“ sagte die Frau am anderen Ende der Leitung. Er erkannte die Stimme sofort wieder, sie hatte sich in seinen Verstand gebrannt. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken und er war versucht, sich umzudrehen, in der Befürchtung, dass sie hinter ihm stand. Was sie sagte, hatte er damals zu ihr gesagt.
Mercier brauchte einen Moment, um sich zu fassen. „Ich hatte vermutet, dass Sie noch am Leben sind. Aber ich hätte gedacht, dass ich sterbe, bevor ich Ihre Stimme höre.“ sagte er trocken. „Glücklicherweise habe ich heute gute Laune und ein besseres Angebot. Wir wurden beide verarscht, warum erwidern wir nicht den Gefallen?“ sagte die Frau. „Was schlagen Sie vor?“ gab der Kommissar leise zurück. „Stadtpark, Südecke bei der Minigolfanlage. Zwanzig Minuten, kommen Sie allein.“ sagte die Frau. Ein Klicken verriet Mercier, dass sie aufgelegt hatte. Er saß da und starrte auf das Telefon. Es klang wie eine Falle, doch wenn sie schon wussten, wo er arbeitete, dann hätten sie ihn einfach so umbringen können, ohne einen Anruf. Er hatte sowieso nichts zu verlieren, und im besten Fall blieben ihm ein paar Jahrzehnte in diesem Büro erspart.
Kommissar Mercier hatte den Park gerade betreten und war noch weit von der Golfanlage entfernt, als sich jemand hinter ihm räusperte. „Der Ort hier ist ok. Setzen wir uns.“ sagte der Killer, den er in Entborg verhaftet hatte. Mercier drehte sich zu ihm um. „Ich hatte wirklich gedacht, ich sterbe einfach auf dem Heimweg.“ gestand er und setzte sich auf die nächste Parkbank. Der Mann und die Frau setzten sich zu beiden Seiten neben ihn. „Also, was ist Ihr Anliegen?“ fragte er weiter. Die Frau reichte ihm eine Mappe und Mercier begann die Unterlagen durchzublättern. Es ging darin um eine Geheimorganisation, die Auftragsmörder beschäftigte. „Wer hat Ihnen gesagt, wo wir zu finden sind? Wie wir aussehen, wie Sie uns schnappen können?“ fragte die Frau. „Das war eine vertrauliche Quelle und …“ begann der Kommissar, doch dann stockte er. Er hatte den Mann, der ihm den Tipp gegeben hatte, nur ein mal getroffen. Und sein Gesicht fand sich hier in den Akten. „Da haben wir den Schuldigen. Und interessanterweise hat er auch die Organisation übernommen, die uns beauftragte.“ sagte die Frau. Mercier betrachtete die Aufnahmen einen Moment. „Also … sie wollen einen Deal oder was? Um den Kerl zu erwischen?“ fragte er schließlich. „Sowas in der Richtung. Wir wollen, dass Sie ihn verhaften. Ohne uns kommen Sie aber nicht in die Anlage. Also haben wir uns etwas überlegt. Wir erledigen die harte Arbeit. Schleichen uns ein, schalten die Security aus. Alles was sie tun müssen, ist die Leute festzunehmen. Überlegen Sie es sich. Man hat Sie in dieses Kaff hier gesteckt, um zu verrotten. Ich weiß, dass Sie ein kluger und ambitionierte Mann sind, denn sonst würden Sie nicht hier sitzen.“ erklärte die Frau. Mercier massierte sich die Stirn. „Sie tun das doch nicht, um mir einen Gefallen zu tun. Sie wollen sich selbst retten vor diesem Kerl. Also, was verlangen Sie?“ fragte er schwer atmend. „Sie streichen uns von der Fahndungsliste und lassen uns ziehen.“ sagte der Mann. „Vergessen Sie's. Sie sind Mörder, und dafür werden Sie vor Gericht landen.“ fuhr Mercier auf, doch die beiden Killer blieben unbeeindruckt. Der Mann erhob sich. „Die andere Option wäre natürlich, dass Sie versuchen uns hier und jetzt festzunehmen. Sehr wahrscheinlich würden Sie im Schusswechsel sterben.“ sagte er trocken. Mercier biss die Zähne zusammen und war einen Moment lang versucht, es tatsächlich zu probieren. Seine Chancen standen schlecht, die Frau saß immer noch neben ihm und konnte ihn angreifen, noch bevor er seine Waffe gezogen hatte. „Kommissar Mercier starb heldenhaft in Ausübung seiner Pflicht, bedauerlicherweise konnten die Täter unerkannt entkommen.“ flüsterte die Frau. Mercier war den beiden lange genug auf den Fersen um zu wissen, dass sie recht hatten. „Scheiße!“ fluchte er leise. „Gut, Sie sollen bekommen, was Sie wollen.“

Der Plan, den Angela und Riley ausgearbeitet hatten, hatte ziemlich viele Spielräume. Zwar hatten sie Insiderwissen, doch es war nicht klar, wie viel sich vielleicht geändert hatte, seit sie das letzte mal in der Anlage gewesen waren. Die Zentrale der Vermittlung war ein solides Bürogebäude am Rand einer amerikanischen Kleinstadt. Nach außen hin machte es vielleicht nicht viel her, doch es war mit der neuesten Überwachungstechnik ausgerüstet. Es gab drinnen wie draußen Wachen, und außerdem waren vielleicht noch andere wie Angela und Riley im Gebäude. Sie würden in jedem Fall entdeckt werden, sie mussten also schnell sein.
Sie hatten Mercier nur den für ihn notwendigen Teil gesagt. Der Kommissar hatte ein paar Tage Urlaub eingereicht und sie mit in die Staaten genommen. Es war interessant, in einer Interpol-Maschine zu fliegen, ganz ohne Handschellen. Auch wenn der Junge, der den Kommissar begleitete, nicht besonders glücklich wirkte. Angela konnte es ihm nicht wirklich verübeln, sie hatte ihn angeschossen, auch wenn er sich damals wie ein Idiot verhalten hatte. Am Boden würden sie von einem Einsatzteam erwartet werden. Wenigstens schien der Kommissar noch ein paar Freunde zu haben. Noch wusste niemand, was passieren würde, und das war auch besser so. Die Vermittlung hatte Augen und Ohren in den Sicherheitsbehörden, damit sie ungestört agieren konnte. Der örtlichen Polizei würde man erst Bescheid sagen, wenn der Zugriff erfolgte. Angela war langweilig und außerhalb des Fliegers war nichts als Wasser. „Also, der Junge … ist er ihr Azubi oder so?“ fragte sie Mercier. Der Kommissar blickte von den Unterlagen auf, die sie ihm gegeben hatten. „Ja, Robertson hier wird von mir ausgebildet zum Ermittler. Mit wechselndem Erfolg.“ seufzte der Kommissar. „Robertson, eine Lektion fürs Leben. Wenn Sie sich in einer schlechten Position befinden und von jemandem bedroht werden, der Sie nicht töten will … dann provozieren Sie ihn nicht.“ sagte sie zu dem Jungen. Der warf ihr einen wütenden Blick zu und murmelte etwas unschönes. „Wir haben noch ein paar Stunden Flug vor uns, ich kann ihnen jede Menge Tipps geben.“ stichelte sie mit breitem Grinsen.

Nach der Landung waren sie mit einem Spezialkommando in zwei angemieteten Kleintransportern in Richtung ihres Ziels gefahren. Riley hatte ein aktuelles Satellitenfoto vor sich und gab den Leuten Aufgaben. Viel war nicht zu tun. Angela und er würden in einer Seitenstraße aussteigen. Robertson wurde die Ehre zuteil, im Park an der Rückseite, an dem sich auch der Parkplatzzugang befand, Feuer zu legen. Der Feuerwehreinsatz sollte die Wachen lange genug ablenken, damit sie beide in das Gebäude eindringen konnten. Sie würden sich durcharbeiten und die Überwachung ausschalten. Erst dann würden sie das Signal über Funk geben. „Und denkt dran, niemand darf vorher den Funk benutzen, oder das Ganze ist zu Ende, bevor es begonnen hat.“
Der Wagen wurde langsamer und einer der Interpol-Agenten schob die Seitentür auf. Ohne ein weiteres Wort sprangen Angela und Riley nach draußen. „Da, bei den Müllcontainern.“ sagte Riley und zeigte ein Stück die Straße runter. Rasch liefen sie hinüber zu dem flachen Haus und kletterten auf das Dach. Ein paar Leute waren auf der Straße, doch es war egal. Geschwindigkeit war alles, was zählte. Sie liefen geduckt über das Dach und sahen sich kurz um. Links von ihnen stieg Rauch auf und Feuerwehrsirenen waren zu hören. Wenigstens das machte der Junge richtig. Nur hundert Meter trennten sie von der Zentrale, die vor ihnen aufragte. „Das wird der krasseste Scheiß, den wir je gemacht haben.“ murmelte Angela, während sie das Hauptquartier ihres einstigen Arbeitgebers betrachtete. „Hey, wir machen es zusammen. Und wir bringen es zu Ende.“ sagte Riley und gab ihr einen Kuss. Sie sprangen die drei Meter vom Dach hinab und liefen durch das verwilderte Land, dass sie vom Zaun trennte. „Achtung, Kamera.“ flüsterte Angela und duckte sich hinter die wuchernden Büsche. Riley warf sich hinter einen kleinen Erdhügel und wartete, dass die Kamera vorbei geschwenkt war. Dann liefen sie weiter und sprangen in den kleinen, ausgetrockneten Kanal, der am Gelände entlangführte. „Hier lang.“ flüsterte Riley und lief geduckt weiter. Sie folgten dem Kanal, bis sie an ein altes Abflussrohr kamen. Es war vor einiger Zeit mit einer Stahlplatte versiegelt worden. Angela holte einen langen Draht heraus, wühlte etwas im Dreck und verband die Platte mit dem Kasten im Boden. Das würde die elektrische Sicherung überbrücken und einen Alarm verhindern, falls sie wider Erwarten doch den Schaltkreis der Überwachungsanlage beschädigten. Währenddessen klebte Riley die Sprengschnur der Spezialeinheit auf das Rohr. Er wandte den Blick ab und zündete sie. Ein paar Flammen loderten auf und eine kleine Rauchwolke entstand, und ein Teil des Rohres fiel nach innen, da es durch den Sprengstoff herausgeschnitten worden war. „Urgh.“ würgte Angela, als sie den Gestank roch. „Es ist trocken, also stell dich nicht so an.“ lachte Riley und stieg hinein.
Vorsichtig hob er den Deckel des Schachts hoch. Er war in einem Lagerraum und konnte niemanden entdecken. Riley schob den Deckel vollständig zurück, kroch hinaus und half seiner Freundin hoch. Sie waren im Versorgungsgebäude neben der Zentrale angekommen. Die beiden Gebäude waren auf dem selben Gelände und nur dreißig Meter von einander entfernt. Während Riley den Kanalzugang wieder verschloss, drang Angela in den nächsten Raum ein. Einige Waschmaschinen und Wäschetrockner waren an der Wand aufgereiht. Ein Mann mit grauem Overall stand an den Tischen und gähnte laut. Sie schlug den Mann nieder und zog ihn nach hinten. Riley nahm die ID-Karte, die der Techniker in der Brusttasche hatte. „Gut, dann zieh ich mich schon mal um. Wir treffen uns vorne.“ sagte er und begann, den Mann auszuziehen. Angela ging wieder vor und durchquerte den Waschraum. Sie kam in einen Lagerraum, in dem drei weitere Techniker Karten spielten. Sie überlegte, wie sie alle ausschalten konnte, ohne Alarm auszulösen. Die Sache wurde erheblich vereinfacht, denn einer der Männer verlor und verkündete frustriert, rauchen zu gehen. Nachdem er das Lager verlassen hatte, schlich sie sich zum Lichtschalter und schaltete die Beleuchtung aus. Grinsend zog sich Angela das Nachtsichtgerät, dass sie von einem der Interpol-Agenten gestohlen hatte, über die Augen. Die Techniker stolperten in der Dunkelheit umher, stießen gegen Regale und fielen über herumstehende Kisten. Sie trat an den ersten und schlug ihn bewusstlos, ohne dass er ihre Anwesenheit auch nur bemerkte. Zügig ging sie zum anderen. „John, bist du das? Ich seh nichts!“ rief der Mann. Mit breitem Grinsen streckte Angela ihn nieder. Sie schaltete das Licht wieder ein und ging zur Tür, durch die der letzte Techniker das Gebäude verlassen hatte. Er stand nur anderthalb Meter vor der Tür und beendete gerade seine Pause. Angela packte ihn von hinten und zog ihn ins das Gebäude zurück.
Nachdem sich Riley die Kluft angezogen hatte, durchsuchte er die Schränke. Er fand einige Reinigungsutensilien und Werkzeuge. Nach kurzem Überlegen nahm er sich einige Chemikalien und mischte sie in einer Thermoskanne, die er zusammen mit weiteren Chemikalien, einem Akkuschrauber, Feuerzeug und einer Brechstange in einen Wäschewagen legte. Dann holte er aus der Waschküche fertige Wäsche, die er ebenfalls in den Wagen warf. Schließlich traf er sich mit Angela am Ausgang, auch sie trug bereits eine der Technikeruniformen. „Ich hab Spielzeug eingepackt.“ sagte Riley lächelnd, während sie noch zwei Besen auf den Wagen legte.

Kommissar Mercier saß im Transporter und wartete wie auf glühenden Kohlen. Das Feuer war inzwischen gelöscht und es gab noch keine Meldung von den beiden Killern. Mercier kam der Gedanke, dass die beiden sich das mit der Zentrale nur ausgedacht hatten und längst über alle Berge waren. Doch dann schüttelte er den Kopf, denn es machte keinen Sinn. Aber vermutlich waren sie längst tot. Der Agent, der den Wagen fuhr, wirkte ganz gelassen. Dann warf er einen Blick nach hinten zu Robertson und den Männern vom Spezialkommando. Niemand sagte ein Wort. Ihnen blieb nur, zu warten, bis die Killer das Signal gaben.

Gemeinsam gingen sie hinüber zum Hauptgebäude. Sie sahen niemanden und sie wurden auch nicht aufgehalten. Riley schob den Wagen zu einem Nebeneingang und zog die Karte über den Leser. Mit einem Klicken öffnete sich die Tür und sie traten ins Gebäude. Die Überwachungszentrale war, wenn sie nicht verlegt worden war, im fünften Stock. Zudem war es gleichzeitig das Herz der Vermittlung. An einer Wand hing eine digitale Weltkarte, auf der alle laufenden Missionen angezeigt wurden und auch der Standort aller Mitarbeiter. Zwei Dutzend Monitore waren in Halbkreisen davor aufgestellt für die Operator, die rund um die Uhr alles überwachten. Aber Riley hatte schon einen Plan, wie er sie vertreiben konnte.
Sie fuhren mit dem Fahrstuhl in die vierte Etage. Von allem, was sie sehen konnten, hatte sich die Anlage seit ihrem letzten Besuch vor drei Jahren überhaupt nicht verändert. Sie hatten im Erdgeschoss zwei Wachen gesehen, die jedoch nichts gemacht hatten. Doch Riley wollte sein Glück lieber nicht mit dem fünften Stock überstrapazieren, dort waren die Sicherheitsmaßnahmen sicher höher, und ein kurzer Blick auf die ID-Karte würde genügen, um sie auffliegen zu lassen. Den Gang herunter war ein kleiner Pausenraum, der rege genutzt wurde. Riley warf einen kurzen Blick durch die Glasfront. Er sah ein paar Büromitarbeiter, zwei Operator aus dem fünften und einen Wachmann. Und einen anderen Agenten. Rasch ging er zurück zu Angela, die die Tür zum angrenzenden Raum aufgeschlossen hatte. „Du beeilst dich lieber, da ist N-Null-Elf.“ flüsterte er und gab ihr rasch die Thermoskanne, den Akkuschrauber und das Feuerzeug. Sie wusste, was zu tun war.
Angela trat in den Raum und räumte einige Kisten zur Seite. Rasch entfernte sie die Lüftungsklappe und lauschte dann für einen Moment. Sie hörte ein paar Leute reden. Vorsichtig schob sie die Thermoskanne in den Luftschacht und öffnete sie. Es würde keine Explosion geben, aber eine Menge Rauch erzeugen. Sie riss ein Stück Pappe von einer Kiste ab und legte es als Zündschnur hinein, bevor sie es anzündete. Zügig ging sie zurück zur Tür.
Riley lehnte am Türrahmen und versuchte, gelangweilt auszusehen. N011 kam aus dem Pausenraum. Er hatte nie schlau aus dem Mann werden können, auch wenn er bei zwei Missionen mit ihm zusammengearbeitet hatte. Der Agent war schon lange vor Riley und Angela da gewesen und einer der ersten Agenten der Vermittlung. Es war ein Zeichen, dass er nach wie vor dabei war. N011 kam herüber und sprach Riley an. „Guten Tag, ich wollte nur fragen, ob hier auf der Etage etwas größeres anliegt.“ sagte der Agent. „Nein Sir, wir wechseln nur kurz etwas aus.“ antwortete Riley unterwürfig im Versuch, das Verhalten der Techniker nachzuahmen. „Okay, danke. Es gibt einen Preis auf deinen Kopf.“ lächelte N011. „Wie bitte?“ fragte Riley und seine Hand wanderte zur Waffe. „Vierhundert Riesen für dich. Aber dass du hier bist sagt mir, dass dich das nicht interessiert. Wahrscheinlich bist du wegen dem neuen Chef hier.“ erzählte der Agent und zuckte schließlich mit den Schultern. „Was weißt du über ihn?“ fragte Riley. „Hat ne Menge Leute abgesägt. Viele waren nicht glücklich. Naja, ich denk mir meinen Teil. Bevor du machst … was auch immer du hier machst, verschwinde ich mal lieber.“ erklärte N011 und ging dann zum Aufzug. Für einen Moment war Riley versucht, ihm in den Rücken zu schießen, doch er glaubte nicht, dass der Agent noch Ärger machen würde. Neben ihm kam Angela aus dem Raum und gleichzeitig wurde ein hohes Zischen hörbar. Rauch wallte durch den Pausenraum, und Leute stolperten hustend in den Gang. Der Feueralarm ging los. „Feuer! Feuer! Los, zur Treppe! Schneller!“ rief Riley und trieb die Leute an, die an ihm vorbei hasteten. Gemächlich folgten Angela und er ihnen. „Wir sind dann so weit.“ stellte er fest und seine Freundin zog das Funkgerät hervor.

Mercier blickte auf die Uhr. Das ganze lief jetzt schon fast eine halbe Stunde. Er wollte sich gerade bei irgendjemandem beschweren, als das Signal kam. Aus Sicherheitsgründen hatten sie dafür auf gesprochene Worte verzichtet, vielmehr war das Signal die schnelle Drücken und Loslassen der Sprechtaste. Jemand morste die Buchstaben G und O. „Es geht los!“ rief Mercier aufgeregt und der Fahrer gab Gas. Die Einsatzkräfte hinten machten sich bereit, während sie auf den Haupteingang zurasten. Mit quietschenden Reifen kamen sie vor dem Haupttor zum stehen. Die Schiebetür war offen, bevor der Wagen zum Stillstand gekommen waren und die Spezialeinheit stürmte mit den Sturmgewehren im Anschlag raus. Als Mercier mit Robertson ausstieg, lagen die zwei Wachposten am Eingang schon mit Handschellen auf dem Rücken auf dem Boden. Der zweite Transporter rollte an ihnen vorbei und hielt vor der Tür. Einige Leute kamen den Einsatzkräften entgegen und wurden sofort festgenommen. „Die örtliche Polizei ist in drei Minuten da, Herr Kommissar. Das FBI in zwanzig.“ berichtete Robertson. „Sehr gut. Dann schaun wir uns mal drinnen um.“ antwortete Mercier lächelnd.

Die Zentrale war leer. Riley sah sich vorsichtig um, doch alle Operator waren durch den Feueralarm verschreckt worden. Das Sirenengeräusch drang gedämpft von draußen herein, lediglich die rot blinkende Warnlampe wies auf ein Problem hin. „Schau dir das an.“ sagte Angela, die vor den großen Wandmonitoren stand. Auf dem mittleren war eine Weltkarte, sie konnten genau sehen, wer wo im Einsatz war. Aktuell waren um die zwanzig Agenten weltweit im Einsatz. Riley kannte ein paar der Namen. „Was meinst du?“ fragte er. „Nein, hier drüben.“ sagte sie und zeigte auf den Bildschirm links. Rileys Augen wurden groß. Er sah sich selbst, oder besser gesagt eine Satellitenaufnahme. Ein Bild zeigte ihn auf der Hazienda von Herrera. Ein anderes am Außenbereich der Werkstatt, bei der er Wheeler getötet hatte. Eine Karte zeigte mit Markierungen und Strichen seinen Weg über die Welt seit er erstmals Entborg betreten hatte. Gestrichelte Linien waren dort, wo man sich wohl nicht ganz sicher war, wie er von A nach B gekommen war. „Scheiße, die waren mir die ganze Zeit auf den Fersen.“ flüsterte Riley. „Immerhin haben sie mich nicht auf dem Schirm gehabt.“ sagte Angela trocken. „Nein, ich dachte wirklich, wenigstens dich hätten wir erwischt.“ sagte eine kalte Stimme hinter ihnen. Langsam drehten sie sich um. Vor ihnen stand er. Der Mann, der ihnen das alles eingebrockt hatte.
Angela wusste nicht, warum er da stand, aber sie sah, dass er bewaffnet war. Noch hatte er seine Pistole jedoch nicht gezogen, also gab es noch eine Gelegenheit, die Hintergründe zu ergründen. „Sie waren das in Bad Neubach. Und auf Mügen.“ stellte sie fest. „Und ich habe den Kommissar getroffen.“ sagte der Mann trocken. „Warum das alles? Nur weil sie der Aufsichtsrat auf ihren Platz verwiesen hatte?“ fragte Angela. Sie erinnerte sich vage, dass der Mann, dessen Name sie nie erfahren hatte, während ihrer Ausbildung nie glücklich oder auch nur freundlich gewirkt hatte. „Diese alten Säcke haben keine Ahnung vom heutigen Agententum. Sie mussten weg.“ spuckte der Mann aus. „Und deswegen haben Sie sie umgebracht?“ fragte Riley stirnrunzelnd. „Nicht alle. Die letzten sind freiwillig gegangen. Aber ja, es brauchte mehrere Denkanstöße. Und jetzt? Alles läuft viel effektiver, die ganze Vermittlung wurde neu ausgerichtet. Alles dank mir.“ erklärte der Mann stolz. „Und trotzdem haben Sie versucht, uns zu töten. Und auch alle, die Ihnen bei Ihrer Machtergreifung geholfen haben.“ sagte Angela finster. „Es galt, die losen Enden zu trennen. Alles, das dem, was ich geschaffen habe, gefährlich werden konnte. Ich habe viel Arbeit hineingesteckt, ich werde das nicht riskieren.“ sagte der Mann und verschränkte die Arme. „Da Sie uns das alles erzählen, gehen Sie wahrscheinlich davon aus, das wir hier sterben werden. Das muss nicht so laufen. Die Polizei durchkämmt in diesem Moment das Gebäude. Sie werden definitiv verhaftet.“ gab Riley zurück. Angelas Hand glitt zu ihrer Waffe. Sie wusste, dass sie in einem Hinterhalt waren, niemand musste ihr das sagen. Die einzige Frage, die sie noch hatte, war, durch welche Tür die Angreifer kommen würden.
Es herrschte einen Moment Stille. Dann räusperte sich der Mann. „Wenn das auch so sein mag, im Gegensatz zu Ihnen beiden habe ich Immunität, kein Beamter dieser Welt kann mir was. Sie hingegen … werden tot sein.“ sagte er leichthin. Die Tür, durch die sie gekommen waren, flog auf. Zwei Wachen stürmten in den Raum. Noch bevor der erste den Raum vollständig betreten hatte, hatte Angela ihre Waffe gezogen und ihm in den Kopf geschossen. Zwei weitere Schüsse streckten den anderen nieder. Riley ging getroffen in die Knie.
Riley fluchte während er einen flüchtigen Blick auf den Bauchschuss warf. N011 hatte gelogen, und er hatte gerade auf ihn geschossen. Glücklicherweise schien der Kerl nicht mehr der beste Schütze zu sein, denn Riley hatte ihn erst aus der Deckung auftauchen sehen, als es schon zu spät war. Angela rief ihm etwas zu und er gab ihr ein kurzes Zeichen, dass es ihm gut ging. Dann gab er zwei Schüsse in die Richtung ab, in der er N011 vermutete, und hastete zum Ende des Tisches. „Verdammt noch mal, töte sie endlich!“ bellte der neue Chef der Vermittlung. Angela gab ihm ein Zeichen und Riley nickte. Sie würde ihr Leben riskieren, damit er einen Schuss bekam. Sie sprang auf und schoss. Einen Augenblick später erhob er sich. Er sah N011 nur ein paar Meter von ihm entfernt, die Waffe auf seine Freundin gerichtet. Der Blick des Agenten zuckte zu Riley, er kalkulierte gerade seine Chancen. N011 würde sich nie rechtzeitig zu Riley umdrehen können, aber er könnte Angela mitnehmen. Riley erkannte, dass sein Gegner zu dem selben Schluss gelangt war und seinen Blick wieder über den Lauf der Waffe richtete. Alles schien in Zeitlupe abzulaufen, während Rileys Pistole hochkam. Er würde seine Freundin nicht noch einmal verlieren, doch je mehr Zeit verstrich, desto wahrscheinlicher wurde, dass N011 schoss. Riley ging die Zeit aus und er drückte ab. Seine Kugel traf den anderen Mann in den Bauch, der schreiend das Gesicht verzog, und ebenfalls abdrückte. Schockiert warf Riley einen Blick zu Angela. Seine Freundin stand noch, sie schien nicht getroffen worden zu sein. Wütend schoss er erneut und erneut, bis das Magazin leer war.
Angela trat an der Leiche des Agenten vorbei zu dem Mann, der wimmernd auf dem Boden lag. Ihr Schuss hatte ihn in den Waffenarm getroffen. „Ihr verdammten Schweine. Ihr habt alles ruiniert, all meine Arbeit. Mein Lebenswerk.“ heulte der Mann. „Du hast es selbst ruiniert, als du uns auf die Abschussliste gesetzt hast, du Vollidiot.“ schnauzte Riley. „Die Polizei ist gleich hier.“ stellte Angela fest. Sie hörte, wie Türen aufgebrochen und Befehle gebrüllt wurden. Der Mann am Boden wirkte gefasst. „Tötet mich.“ forderte er sie auf, doch weder Riley noch Angela reagierten. „Ich hab euch auf die schwarze Liste gesetzt, euren Job und eure Reputation ruiniert, ich hab versucht euch umzubringen. Tötet mich! Das ist euer scheiß Job!“ wiederholte er. Angela trat vor und trat ihm auf die Genitalien. Der Mann schrie wie am Spieß. Sie wartete, bis er aufgehört hatte, bevor sie sprach. „Das war für den Mordversuch. Und du kannst dir sicher sein, dass du lebend bei der Polizei landest. Wir töten dich nicht. Oh und, wir kündigen.“ sagte sie mit süffisantem Grinsen. Hinter ihr wurde zum zweiten mal die Tür aufgebrochen.

Kommissar Mercier beobachtete, wie die Spezialeinheit den Anführer der Auftragsmörderorganisation herausbrachte. Sie wollten absolut kein Risiko eingehen, hatten seine Arme und Beine fixiert und einen Mundschutz verpasst. Zwei Beamte trugen ihn in einen gepanzerten Transporter, der sofort mit einer Eskorte abfuhr. Dutzende Polizeifahrzeuge standen herum, während man all die Verhafteten sortierte. Weitere Interpoleinheiten der digitalen Forensik waren bereits auf dem Weg. Es war ein großer Fang, so viel war jetzt schon klar. Die beiden Killer hatten nicht gelogen. Mit all diesen Beweisen, die sie auf einen Schlag bekommen hatten, ließ sich eine Menge machen. Mercier schätzte, es könnte Jahre dauern, bis alle Prozesse abgeschlossen waren.
Zusammen mit Robertson ging er hinüber zu den Sanitätern, die einen der Killer versorgten. Auf einen Wink hin verschwanden die Sanitäter. „Das wird schon wieder.“ sagte Robertson bissig, als er die Verletzung des Mannes sah. Mercier lächelte leicht und die Frau rollte mit den Augen. „Sie haben uns extrem geholfen. Ohne Sie wäre das hier nie möglich gewesen.“ gestand er. „Wir wollten Rache, Sie wollten Ruhm.“ antwortete der Mann und zuckte mit den Schultern. „Ich halte mein Versprechen, Sie sind frei und können gehen.“ fuhr Mercier fort. „Herr Kommissar, das sind Verbrecher, Mörder. Wir müssen sie ebenfalls festnehmen.“ protestierte Robertson. Kommissar Mercier hob beschwichtigend die Hände. „Ihren Diensteifer in allen Ehren, aber manchmal muss man die kleinen Fische zurück ins Wasser werfen, wenn man den großen Brocken will.“ erklärte er eindringlich. Robertson sah unzufrieden aus, aber er hielt den Mund. Die beiden Killer erhoben sich. „Herr Kommissar, ich hoffe wirklich, dass wir uns nie wieder sehen.“ sagte der Mann, bevor er mit seiner Freundin zwischen den Einsatzfahrzeugen verschwand.

Einige Monate später

Die Straßen waren voller Menschen, doch das war nicht ungewöhnlich für Mardi Gras. Die Leute feierten ausgelassen in den Bars, auf den Balkons und auf der Straße. Etliche trugen Kostüme. Riley und Angela waren als Krähen verkleidet und glitten zwischen den Menschen hindurch. „Er ist in die Gasse hinter der Latino Bar.“ sagte Angela über Funk. Ihr Freund ging weniger Meter hinter ihr. Gemeinsam bogen sie in die verlassene Gasse. Ihre Zielperson stand in der dunkelsten Ecke neben den Mülltonnen und urinierte an die Wand. Riley warf Angela einen Blick zu und sie grinste ihn breit an. „Kinderspiel. Freiberuf ist wirklich besser.“ meinte er und sie lachte. „Polly will mehr als nur ´nen Keks, wenn sie wieder im Nest ist.“ sagte sie und ging voran.