Die Ewige Kathedrale
Langsam und andächtig schritt sie durch den gewaltigen Eingang zum Gewölbe. Der nackte Fels ragte senkrecht zu beiden Seiten auf und verengte sich kurz vor der Decke zu einer Art Torbogen. Es war bei weitem nicht das erste Mal, dass sie diesen Weg beschritt, doch nach wie vor war es ein beeindruckender Anblick. Ganz besonders an einem Tag wie heute. So hoch wie zehn Männer klaffte der torlose Torbogen in der hoch aufragenden Felswand und trennte allein durch seine monumentale Präsenz die Außenwelt vom geheiligten Inneren, das dahinter lag. Nach wenigen Schritten empfing sie der Halbschatten und sie betrat ein gewaltiges Gewölbe, dessen Grundform der eines Kirchenschiffs glich. Hunderte, wenn nicht gar tausende Schritt lang, war diese große Halle in den Berg ohne Namen gearbeitet worden. Sie atmete die kühle Bergluft und blickte nach oben. Es gab keine Arkaden oder Kolonnaden, und so war die gewölbte Decke weit über ihr entgegen den Gesetzen der Natur freitragend. Es gab keine Fresken oder Gemälde, wie man es von anderen Gotteshäusern kannte, sondern nur nackten Fels. Eine kreisrunde Öffnung war im hinteren Drittel in das Dach eingearbeitet und brach durch den Gipfel des Bergs ohne Namen. Das sanfte Sonnenlicht fiel hindurch und erleuchtete dieses einzigartige Wunder. Mehrere Galerien begleiteten das Gewölbe an beiden Seiten, die Brüstungen von einigen wenigen Säulen getragen. Auch hier waren keine Verzierungen eingearbeitet worden, denn in dieser Halle war der äußere Schein ohne Bedeutung. Dies war die Ewige Kathedrale, ein Gemäuer so unfassbar alt, dass seit Generationen niemand mehr mehr über seine Entstehung berichten konnte, und das vielleicht sogar natürlich entstanden war. Es lag auf einer Insel mitten im Ozean, weit ab von den Völkern Mureas und allen anderen, und konnte nur von denen gefunden werden, die die Göttern für würdig befanden.
Nach einem Moment überwand sie die Ehrfurcht und setzte ihren Weg fort. Sie wandte sich zur Seite und ging andächtig auf die Galerien zu. Auf jeder Seite gab es an Anfang, Mitte und Ende der Kathedrale schmale Wendeltreppen, die hinauf zu den Galerien führten. Als sie die nächstgelegene Treppe erreichte, stoppte sie und schloss die Augen. Sie zählte nicht die Sekunden oder Atemzüge, sondern hörte allein auf den geräuschlosen Rhythmus. Das beginnende Ritual füllte die Ewige Kathedrale nicht nur mit Leben, sondern fügte jede Bewegung entlang eines vorsichtig choreografierten Takts einem großen Ganzen hinzu, so wie ein Komponist ein musikalisches Kunstwerk kreierte. Ein unsichtbarer aber für sie spürbarer Rhythmus, der wie das Leben durch alles pulsierte, in jede Pore des Gesteins und jeden Körper eindrang. Als sie spürte, dass es Zeit war ein Teil davon zu werden, stieg sie die Treppe empor und Dunkelheit umfing sie.
Sie verließ die Treppe auf der vierten Ebene, der vorvorletzten. Die Galerie war fünf Schritt breit und drei mal so hoch, wobei die Decke wie die Hauptdecke gewölbt war. Eine hüfthohe, massive Brüstung trennte sie vom Hauptteil der Ewigen Kathedrale. Etwa alle fünfzig Schritt stützte eine in den Fels gearbeitete Säule die Decke. Während sie auf die Galerie trat, warf sie einen Blick nach unten. Andere Gläubige, so wie sie selbst in weiße Gewänder gekleidet, waren auf dem Weg zu den Treppen und die Prozession hatte das Kirchenschiff betreten. Die Mitglieder der Prozession hatten einen Singsang angestimmt, der zu ihr herauf wehte, und traten bei jedem Vers einen Schritt nach vorn. Noch konnte sie die Worte nicht verstehen, doch schon bald würde der Gesang jeden Winkel füllen. Für einen Moment erinnerte sie sich an den Vortag zurück.
Es war ein milder, bewölkter Tag auf der kleinen Insel mitten im Ozean, auf der sie im Lauf der Zeit auszukommen gelernt hatten. Drei Dutzend Hütten standen auf einer freien Fläche vor dem Berg ohne Namen, in denen die Gläubigen wohnten und lebten. Sie selbst hatte sich auf das kommende alljährliche Ritual vorbereitet. Ihr neuntes Jahr auf der Insel, und zum dritten mal hatte sie die Ehre, daran mitzuwirken. Sie hatte ihr Gewand zurecht gemacht und die alten Texte studiert, mit denen sie schon so lange Stunden verbracht hatte. Es war ein ruhiges und erfülltes Leben. Auch wenn es verglichen mit ihrem alten Leben härter war, so war sie glücklicher als je zuvor. Jeder einzelne hier, ob Mensch, Elf oder Zwerg, war von den Göttern erwählt worden, ganz gleich welche er anbetete. Aus allen Winkeln der Welt kamen die Gläubigen hierher, um etwas zu dienen, das größer war als sie alle. Auch wenn sie nicht viele waren, so würden sie dennoch ihre Aufgabe erfüllen. Immer, wenn einer der selbstlosen Beschützer der Welt unter ihrer aller Füßen zu den Sternen aufstieg, erhielten die Steinmetze eine Vision des gefallenen Helden, die sie in Stein verewigten. Ein Block wurde aus dem Steinbruch am Fuße des Bergs ohne Namen geschlagen und in Form gebracht. Es waren keine heroischen Posen, keine edlen Szenen. Nur das Antlitz des gefallenen Helden mit einer lebensechten Detailverliebtheit. Die Steinmetze hatten eine letzte Statue fertiggestellt und hastig in die Ewige Kathedrale gebracht. Noch in der Nacht hatten sie den hölzernen Kran, mit dem sie die Statue auf die höchste Galerie gehievt hatten, abgebaut. Nichts durfte das Ritual stören.
Sie schritt entlang der Galerie und erreichte die erste Statue, die auf einem knöchelhohen Sockel in einer Nische stand. Langsam wandte sie sich um und betrachtete für einen Moment das steinerne Monument vor sich. Es zeigte einen Menschen in bürgerlicher Kleidung. Es gab keinen Hinweis, was er im Leben getan hatte, und vermutlich wussten dies nur die wenigsten. Hin und wieder sahen die Steinmetze die Taten der gefallenen Helden in ihren Visionen, doch nicht in diesem Fall. Es gab auch keinen Namen, denn Namen gab es nie. Die Geschichten der Helden lagen im Dunkeln, die Namen waren verloren im unaufhaltsamen Strom der Zeit. Doch ihre selbstlosen Opfer waren nicht vergessen. Sie senkte den Blick und kniete vor der Statue nieder, begann halblaut zu beten.
„Geboren in der dunklen Nacht,
warst Du eine Seele unter vielen.
Ob tapfer oder störrisch,
standst Du in stiller Wacht.
Und als die Not am Größten war,
warst Du vom Schicksal in das Licht gedrängt.
Im Angesicht der Gefahr tratst Du in die Pflicht,
gabst für Murea Dein Leben.
Aufopfernd und selbstlos zum Schutze jener,
denen der Kampf verwehrt.
Im Leben wie im Tode,
über die Länder, Meere und Himmel hinaus
werden wir Dich ehren.
Kâhin soleas korâe.
Menâtâe gholok sâhmt roklee kâhin.“
Während der erste Teil ihres Gebets den gefallenen Helden ehrte, so verband der zweite seine Seele, wo immer sie auch war, mit der Ewigen Kathedrale. Es war die erste Sprache, die mit der Geburt der Welt entstanden war und von der alle anderen Sprachen abstammten. Eine Sprache, die neben Lauten auch Magie enthielt und noch etwas tiefer gehendes, dessen Mysterium wohl mit dem Verschwinden der Schöpfer unlösbar geworden war. Jedes Wort dieser Sprache hatte eine mehrschichtige Bedeutung, die sich immer weiter offenbarte, je mehr man sich darauf konzentrierte. Doch sie selbst verstand nur die äußerste der Bedeutungen. Selbst nach Jahrzehnten des Studiums konnten die Belesensten der Gläubigen die innersten Bedeutungen nicht durchdringen. Langsam erhob sie sich und begann andächtig der Galerie zu folgen. Die Sockel in den nächsten zwei Nischen waren leer, doch auch hier würden irgendwann Statuen stehen. Der uralten Prophezeiung nach, auf der sich ihr Glauben gründete, würden sie das Ritual ein letztes mal ausführen, wenn alle Sockel besetzt waren. Die Bedeutung dessen, was dann geschehen würde, entzog sich ihnen. Über die Hälfte aller Sockel in der Ewigen Kathedrale war bereits mit einer Statue belegt. Sie erreichte die nächste Statue, kniete sich nieder und wiederholte das Gebet. Es war ein zwergischer Krieger, der, wie sie gehört hatte, vor Jahrtausenden einen Drachen erschlagen hatte. Die Statue machte tatsächlich den Eindruck, in die Jahre gekommen zu sein. Zwar reinigten sie die Ewige Kathedrale und auch die Statuen regelmäßig und mit größter Sorgfalt, doch wirkte der Stein an einigen Stellen porös. Der Zwerg mochte seit Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden hier stehen, eine der ersten Statuen in der Ewigen Kathedrale und ein zeitloses Abbild eines Helden, durch dass er im Tode weiter den Lebenden dienen konnte. Für einen Moment fragte sie sich, ob die Zwerge noch irgendwo eine Statue von ihm hatten, oder sich anderweitig an ihn erinnerten. Vielleicht war es das letzte, namenlose Zeugnis einer herausragenden Tat, die nach Äonen vom Mantel des Vergessens eingehüllt wurde.
Langsam folgte sie der Galerie, so wie andere Gläubige den anderen Galerien folgten und vor den dortigen Statuen beteten. Immer wieder stoppten sie, knieten nieder um zu denen zu beten, die ihr Leben gaben für Fortbestand der Welt, die sie alle teilten, egal ob sie hier standen, in Murea oder einem der anderen Kontinente waren. Alle Völker waren vertreten und viele Professionen brachten Helden hervor. Ob edle Krieger, kluge Gelehrte oder listige Diebe. Jeder konnte unter den richtigen Voraussetzungen über sich hinauswachsen und das Schicksal der Welt entscheiden. Viele, unzählige gar, die andere schützten, Unheil abwendeten oder für das Richtige eintraten. Doch die wenigsten Taten erreichten eine Tragweite, die die Grundfeste der Welt, auf der Murea ruhte, zu erschüttern vermochten, und die die Aufmerksamkeit der Götter erregte. Sie fühlte einen kurzen Stich der Traurigkeit, da so viele namenlos und ohne Gedenken in die ewige Nacht gingen. Auch sie selbst und all die anderen, die in diesen Gängen wanderten würden sich nie nach dem Leben hier einfinden. Doch sie wusste, dass jeder Einzelne mit seinen Taten die Zukunft gestaltete. Auch wenn der Einfluss noch so gering war, so würde dieser über den Lauf der Zeit doch zur Geltung kommen und auch lange nachdem der Name vergessen war würde der unsichtbare Abdruck in der Welt verbleiben.
Unter ihr im Zentrum der Ewigen Kathedrale schritt die Prozession immer noch auf den Altar zu. Der Gesang war lauter geworden und würde schon bald seinen Höhepunkt erreichen. Sie spürte den lautlosen Takt in jeder Faser ihres Körpers und wippte kaum merklich im dessen Rhythmus hin und her. Der Sonnenschein, der durch das Dach brach, war weitergewandert und würde bald den Altar erreichen. Schließlich kniete sie vor der letzten Statue, vor der sie heute beten würde, nieder. Die hier abgebildete Person kannte sie persönlich. Es war ein elfischer Händler aus den Küstenwäldern, der eine Invasion aus dem Ozean abgewehrt hatte. Sie hatte ihn ein mal gesehen, als er durch ihre Stadt reiste, damals war sie noch ein Kind gewesen. Nun war er tot und sie waren beide hier. Sie senkte ihren Blick und begann zu beten.
Nachdem sie das letzte Gebet abgeschlossen hatte, trat sie an das Ende der Galerie. Die Prozession war aufgefächert und stand an den Stufen zum Altar. Sie selbst trat zur Treppe und wartete. Der Gesang drang herauf und ihr Atem beruhigte sich. Sie gab sich ganz dem unsichtbaren Takt hin. Von den oberen Galerien stiegen zwei Gläubige herab. Im Gleichschritt, Schritt um Schritt, Stufe um Stufe. Ohne zu zögern reihte sie sich vor ihnen ein und stieg die Treppe hinab. Sie führte diese Prozession nur kurz, denn auf der nächsten Galerie trat ein anderer Gläubiger vor sie, doch sie pausierte für keine Sekunde. Und es war auch nicht nötig, da ihr neuer Vordermann sich ebenfalls im Takt bewegte wie die Beiden hinter ihr. Sie alle, jeder einzelne, bewegten sich in perfektem Einklang mit dem Takt, der im Gesang mitschwang und von jeder Wand der Ewigen Kathedrale widerhallte.
Einer nach dem Anderen verließen sie das Treppengewölbe vor dem Altar. Auf der anderen Seite tat es die Gruppe der gegenüberliegenden Galerien ihnen gleich und es wirkte, als hätte jemand einen Spiegel in die Mitte der großen Halle gestellt. Die Prozession hatte die Treppenstufen erklommen und stand im Halbkreis vor dem Altar. Die Gläubigen der Galerien schritten zunächst an der Treppe entlang, bevor sie sich ebenfalls dem Altar zuwandten. Die Stufen waren kniehoch und sie nahmen eine nach der anderen. Andächtig stellten sie sich versetzt in die zweite Reihe, so das jeder auf den Altar blicken konnte.
Der Altar war eine abgerundete Steinplatte, die auf einem Sockel aus geschmolzenem und wieder erstarrten Gestein ruhte. In einer kleinen Kuhle saß eine große Kugel aus einem dunklen Material, das aussah wie eine arkane Mixtur aus Obsidian und Glas. Diese im Altar ruhende Kugel war das Herzstück der Ewigen Kathedrale. Es war eine Träne der Sonne, ein gefallener Stern, das Herz der Erde. Ein uraltes Relikt vom Anbeginn der Welt, das selbst die Zeit überdauert hatte. Beim seinem Anblick stockte ihr einen Moment der Atem. Es war, als hätte sie etwas unermesslich bedeutsames gesehen. Das Sonnenlicht kroch die Stufen herauf in Richtung des Altares und sie begannen zu singen. Es war ein Lied in der uralten Sprache und niemand von ihnen kannte die wahre Bedeutung der Worte. Dennoch sangen sie mit unerschütterlicher Überzeugung dieses Lied, da sie um die Bedeutung des Rituals wussten, und der Gesang somit seine Wirkung entfalten würde. Während der langen Minuten wurden sie einer nach dem anderen in helles Sonnenlicht getaucht.
Als das Licht sie erfasste, wurde sie von einer tiefen Ruhe erfüllt. Sie konzentrierte sich allein auf den Gesang, während das Licht weiter auf den Altar zuwanderte. Während der Sonnenschein langsam den Sockel des Altars heraufkroch, sangen sie Vers um Vers, Strophe um Strophe. Was als Flüstern begonnen hatte wurde lauter und lauter. Das Lied war ein Gebet, aber zugleich auch keines. Es war ein Befehl und eine Bitte vereint. Ein Lied, das allen Liedern vorausging, geschaffen in einer Zeit als es noch keine Kunst gab. Es war eine Anrufung an alles, alles was war und je sein würde.
Schließlich erreichte der Sonnenschein das Artefakt. Als die goldenen Strahlen auf die Kugel fielen, schien es, als würden sie davon aufgesaugt. Das Ritual hatte nun seinen Höhepunkt erreicht, und als das Artefakt im Zentrum des glänzenden Sonnenlichts war, machte es eine Wandlung durch. Seine Oberfläche schien sich zu verformen, wie sich Gewitterwolken nach einem Sturm auflösten, und ein Licht brach aus seinem Innern hervor. Es war blendend hell, heller als die Sonne, und doch wandte niemand den Blick ab. Sie schmetterten das Crescendo aus vollem Halse, und das Licht und der Gesang füllten die Ewige Kathedrale. Sie spürte, wie sich tief unter ihnen etwas regte, eine uralte, lang vergessene Macht. Das Licht verebbte ebenso wie der Gesang. Die Gläubigen senkten die Köpfe und wandten sich ab, entfernten sich andächtig um den normalen Tagwerk nachzugehen. Stille kehrte ein in der Ewigen Kathedrale und das warme Sonnenlicht schien durch das Loch in der gewölbten Decke herab. Die Welt würde ein weiteres Jahr bestehen.