Die Stille Stadt

Der Bildschirm vor ihm flimmerte und obwohl er seit Stunden hier saß, stach ihm das grelle Weiß in die Augen. Er blinzelte, da ihm bewusst wurde, dass er den letzten Finanzbericht, der heute zu schreiben war, abgearbeitet hatte. Jerry streckte sich leicht und stand von seinem Platz auf. Ein Blick auf die nächstgelegene Uhr im Großraumbüro sagte ihm, dass er in einer Stunde Feierabend hatte. Er hatte sich so sehr ins Zeug gelegt, dass er noch keine Pause gemacht hatte, seit er heute früh das Büro betreten hatte. Harry, der am Arbeitsplatz neben ihm saß, schaute fragend auf „Gehst du in den Pausenraum?“ Jerry nickte. „Marcy hatte heute selbstgemachte Kekse mitgebracht, kannst du mir welche mitbringen?“ fragte sein Kollege. „Na klar, wenn noch welche übrig sind.“ lachte Jerry und schlängelte sich zwischen den Arbeitsplätzen hindurch zum Pausenraum.
Der Pausenraum war auch am späten Nachmittag noch gut besucht und Jerry sah auf den ersten Blick, dass von den Keksen nichts mehr übrig war außer ein vollgekrümeltes Tablett umgeben von benutzten Servietten. Er holte sich eine Tasse aus dem Schrank und schenkte sich abgestandenen Kaffee ein, bevor er sich an die Fensterfront stellte. Aus dem siebzehnten Stock hatte er einen guten Blick auf die Stadt, auch wenn einige andere Wolkenkratzer um ihren herum standen. In der Ferne bei den Bergen vor der Stadt senkte sich die Sonne langsam herab und er beobachtete für einen Moment das Treiben tief unter sich. Geschäftige Fußgänger eilten herum und der Feierabendverkehr verstopfte die Straßen. Selbst der Krankenwagen, der sich mit Blaulicht und Sirene einen Weg zu bahnen versuchte, fand kein Durchkommen. Jerry nahm einen Schluck von seinem Kaffee und schüttelte den Kopf. Die Stadt war wie ein pulsierender Organismus, immer in Bewegung und niemals still. Selbst hinter dem doppelt verglasten Sicherheitsfenster konnte er den Lärm hören.
Nachdem er mit ein paar Kollegen geplauscht und so seine Pause verbracht hatte, ging er wieder zurück in den Bürobereich. Da er jetzt endlich die offenen Berichte erledigt hatte, konnte er vielleicht noch etwas das morgige Meeting vorbereiten. Als er das Großraumbüro betrat, blickte er kurz über die einzelnen Arbeitsplätze, die durch dünne, schulterhohe Wände voneinander getrennt waren. Jerry runzelte die Stirn. Einige der Plätze waren leer. Er hatte gedacht, dass alle Stellen besetzt waren und das Management sogar versuchte, ein weiteres Stockwerk zu bekommen. Aufgrund der boomenden Wirtschaft sollte rege Nachfrage an Finanzbuchhaltung bestehen. Er verscheuchte den Gedanken mit einem Kopfschütteln und ging zurück zu seinem Arbeitsplatz.
Jerry stoppte, als er Harrys Arbeitsplatz erreichte. Über die Jahre hatte es sich Harry im Gegensatz zu ihm ziemlich heimisch eingerichtet mit allerlei Bildern und Krimskrams. „Der Teller war wie leergefegt, nichts mehr übrig. Tut mit Leid.“ berichtete er. „Ach schade, Marcys haben mir am Besten geschmeckt. Naja, vielleicht beim nächsten mal.“ kam die etwas enttäuschte Antwort. Harry drehte sich auf seinem Stuhl um und fragte „Hey, kommst du nachher mit zum Stadtfest? Ich mache etwas länger und gehe dann mit der Abteilung E.“ Jerry überlegte einen Moment. Er hatte aufgrund des Arbeitsstresses das Stadtfest ganz vergessen gehabt. Normalerweise ging er gern mit den Kollegen nach der Arbeit noch irgendwo hin, doch ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass er dafür keine Zeit hatte. „Kann nicht. Ich muss morgen früh raus, hab ein Meeting mit nem A Kunden. Das Erste mal, dass ich das leite, muss also sitzen.“ entschuldigte Jerry sich mit einem gequälten Lächeln. „Klar, versteh ich. Dann wünsch ich dir viel Erfolg, aber so wie ich dich kenne, packst du das ohne Probleme.“ sagte Harry freudig und klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.

Nachdem er die Vorbereitungen pünktlich abgeschlossen und Feierabend gemacht hatte, stand Jerry nun in der nächstgelegenen U-Bahnstation und wartete auf seine Bahn. Jetzt sah er die großen Poster, die er auch schon am Morgen und den letzten Tagen gesehen hatte. Der dickliche Bürgermeister bewarb sichtbar stolz das alljährliche Stadtfest, was im großen Zentralpark und den umliegenden Straßen abgehalten wurde. Plötzlich kam ein kühler Wind auf, als eine U-Bahn einfuhr. Jerry musste nicht hinschauen, um zu wissen dass es seine war. Wie von selbst stieg er ein und setzte sich auf einen freien Platz, als die Bahn mit einem Ruck anfuhr. Er blickte kurz den Gang entlang, während sie durch die Tunnel unter den Wolkenkratzern entlangrasten. Es schien, als wären weniger Leute als sonst unterwegs, aber vermutlich hing das mit dem Stadtfest zusammen. Da die Fahrzeit zur Haltestelle bei seinem Apartment über eine halbe Stunde betrug, holte er die Tageszeitung heraus und fuhr dort fort, wo er bei der Hinfahrt aufgehört hatte.

Die Sonne kroch gerade hinter dem Horizont hervor, als Jerry bereits angezogen in seinem Apartment stand. Er hatte einen guten Blick auf die hoch aufragenden Wolkenkratzer im Zentrum, die das Bild dominierten. Die Stadt lag still da, und er atmete tief durch um die Aufregung niederzukämpfen, die in ihm aufstieg. Heute war ein wichtiger Tag für ihn, er hatte lange darauf hingearbeitet und wenn es gut lief würde er vielleicht sogar befördert werden. Jerry griff sich seine gepackte Tasche und machte sich auf den Weg zur Arbeit.
Jerry ging mit zügigen Schritten durch die U-Bahnstation zum Bahnsteig, als sein Blick auf das Laufband über der letzten Rolltreppe fiel. Seine Linie war aktuell auf einen anderen Bahnsteig gelegt worden. Er unterdrückte einen Fluch und hastete zum neuen Steig. Im Laufen warf er einen Blick auf die Uhr, die neben einem Würstchenstand hing. Es würde knapp werden, war aber noch zu schaffen. Sein Blick blieb an einem großen Plakat hängen. Ein grinsender, korpulenter Kerl warb für das Stadtfest. Jerry hatte ganz vergessen, dass es stattfand, aber er hatte jetzt wirklich wichtigeres im Kopf, nämlich seinen Termin. Also rannte er weiter, ohne das Plakat eines zweiten Blickes zu würdigen.
Schwer atmend setzte er sich auf den Sitz im letzten U-Bahnwagen. Es war ziemlich knapp gewesen und er hatte sich im letzten Moment durch die Tür gezwängt. Doch er würde rechtzeitig auf Arbeit sein und konnte in Ruhe das Meeting vorbereiten. Während er die Tageszeitung aus seiner Tasche kramte, wanderte sein Blick den Gang entlang. Es waren nur wenige Passagiere an Bord, normalerweise war die Bahn so voll, dass er mitunter keinen Sitzplatz bekam. Wenn es auch weniger Straßenverkehr gab, dann wäre der Kunde vielleicht eher da und damit hätte Jerry weniger Vorbereitungszeit. Im Kopf ging er hektisch die Dinge durch, die noch zu erledigen waren, und er machte sich eine gedankliche Prioritätenliste. Während er vor sich hinstarrte und fieberhaft überlegte, rauschte die Bahn durch die dunklen Tunnel unter der Stadt.

Zufrieden mit sich selbst stand Jerry im Konferenzraum 17-2. Er hatte ein paar Notizkärtchen vor sich auf den Konferenztisch gelegt, auf dem auch Getränke und etwas Gebäck standen. Hinter ihm waren Whiteboard und Flipchart vorbereitet und mit den wichtigsten Informationen versehen. Alles was jetzt noch fehlte waren die anderen Teilnehmer des Meetings. Nervös blickte er auf die Uhr, das Meeting sollte in einer Minute starten. Jerry vermutete, dass der Kunde noch mit dem Management sprach, also ging er hastig im Kopf durch, was er zur Begrüßung sagen wollte. Zudem prüfte er nochmals, dass die Stühle richtig standen und alles ordentlich aussah. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es jetzt eine Minute nach der geplanten Zeit war. Er fragte sich, ob er heute schon jemanden vom Management gesehen hatte, aber nur normale Angestellte fielen ihm ein. Jerry konnte sich nicht einmal erinnern, welche Manager überhaupt an dem Termin teilnehmen sollten. Angestrengt überlegte er nach dem Namen des Kunden, denn das wäre wohl das peinlichste. Nicht nur den Namen der Vorgesetzten zu vergessen, sondern den des Kunden. Nach einem Augenblick fiel ihm es ihm wieder ein, der Kunde war Mr. Meyer. Mittlerweile signalisierte die Uhr, dass sich alle anderen um fünf Minuten verspäteten. Jerry wurde nervös. War kurzfristig der Raum geändert worden und er hatte die E-Mail übersehen? Die Sekretärin war nur den Gang hinunter, also ging er rasch zu ihrem Empfangstresen. Die junge Frau blickte auf, als er sich näherte. „Guten Morgen, ich habe einen Termin seit fünf Minuten. Aber Mr. Meyer, der A-Kunde, ist noch nicht da. Wissen Sie, ob er schon im Haus ist?“ fragte er die Sekretärin und versuchte, seine Nervosität zu verdecken. „Einen Moment, ich schaue mal im System.“ antwortete die Frau und begann, auf ihrer Tastatur herumzutippen. Jerry blickte immer wieder den Gang zurück, um zu sehen falls plötzlich jemand den Konferenzraum betrat. „Nein, Mr. Meyer ist nicht im Gebäude. Aber er kommt von einem anderen Landkreis, vielleicht steht er im Stau.“ sagte die Sekretärin schließlich. „Okay, vielen Dank.“ antwortete Jerry und blickte sich nervös und ratlos um. Wahrscheinlich hatte er eine E-Mail übersehen. Hastig ging er zurück zum Großraumbüro.

An seinem Platz angekommen, prüfte er die wenigen heute eingegangenen Mails, doch nichts betraf den Termin, der seit acht Minuten stattfand. Er schob den Stuhl zurück und sah sich ratlos um. Vielleicht konnte er einen Kollegen fragen, doch dann würde er aber auch wie jemand dastehen, der keine Ahnung von seiner Arbeit hatte. Unschlüssig ging er ein paar Schritte. Die Arbeitsplätze neben seinem war leer, er wüsste auch nicht, wer dort arbeiten sollte. Er sah sich im Büro um. Die meisten Plätze waren leer. Der Anblick irritierte ihn noch mehr als die Abwesenheit der Teilnehmer seines Meetings, denn er hatte immer gedacht, dass mehr Menschen hier arbeiteten. Sein Blick fiel auf den nächstgelegenen Arbeitsplatz. Dort saß niemand und er wusste auch nicht, wann zuletzt jemand dort gesessen hatte. Doch lagen Privatgegenstände von irgendjemandem auf dem Platz. Unschlüssig nahm Jerry eines der eingerahmten Fotos in die Hand. Es zeigte eine Frau mit einem Baby im Arm. Und daneben stand ein Mann. Plötzlich hatte er Kopfschmerzen. Er rieb sich die Stirn und stellte das Foto ab. Jetzt krank zu werden hatte ihm gerade noch gefehlt.

Auch nach einer halben Stunde hatte sich niemand zu seinem Meeting eingefunden. Jerry wusste nicht, was los war. Hatte er etwas falsch gemacht, jemanden vom Management verärgert oder versehentlich den Kunden versetzt? Dabei hatte er so hart gearbeitet und sich ausgiebig vorbereitet. Er wischte das Whiteboard ab und klemmte seine Flipcharts aus, während er an sich selbst zweifelte. So eine Gelegenheit wie heute kam nur selten, und er hatte es vermasselt.
Nachdem Jerry den Konferenzraum aufgeräumt hatte, war er zurück an seinen Arbeitsplatz gegangen. Seitdem der Termin hätte stattfinden sollen, war nichts passiert. Keine E-Mails, Benachrichtigungen oder Laufzettel. Das war seltsam, normalerweise bekam er dutzende, wenn nicht gar hunderte dieser kleinen Informationsschnipsel am Tag. Selbst wenn er das Meeting verbockt hatte, musste er immer noch normal weiterarbeiten. Aber es waren nur eine handvoll Leute im Büro, wer schickte ihm denn sonst die Nachrichten. Er öffnete die E-Mail mit dem Termin, den er allein verbracht hatte. Jerry war pünktlich gewesen, im korrekten Raum. Doch abgesehen von Mr. Meyer sagte ihm keiner der anderen Teilnehmer etwas. Ein dumpfes Pochen machte sich in seinem Kopf breit.
Nach einem Moment des Unwohlseins schloss Jerry die E-Mail und stand kopfschüttelnd auf. Wenn er tatsächlich krank wurde, war es das wohl mit seiner Karriere und alle Anstrengungen waren umsonst gewesen. Vielleicht konnte er sich mit Kaffee über Wasser halten. Er blickte durch das Großraumbüro. Keine zehn Leute waren hier. Jerry hatte nicht gewusst, dass sie so wenig Personal hatten, obwohl sie das ganze Stockwerk belegten. Unwillkürlich fiel sein Blick auf den benachbarten Arbeitsplatz. Nach wie vor wusste er nicht, wer dort seine Privatsachen abgelegt hatte. Stirnrunzelnd nahm er eines der an die Korkwand gehefteten Fotos ab. Es zeigte einen Mann, den er nicht kannte, vor diesem Arbeitsplatz. Und er selbst stand am Rand und grinste den Unbekannten an. Der Kopfschmerz flammte auf, stärker als zuvor. Wer auch immer auf dem Bild war, Jerry musste ihn eigentlich kennen. Er versuchte das Gesicht zu erkennen, doch je mehr er sich darauf konzentrierte, desto stärker wurde der stechende Schmerz in seinem Kopf, der wie ein Messer in sein Gehirn schnitt. Und statt dem Gesicht sah er … nichts. Zitternd ließ er das Bild fallen und griff sich mit einem unterdrückten Stöhnen an den Kopf. Ohne auf den Weg zu achten stolperte er zum Pausenraum. Kurz vor der Tür rempelte er einen Kollegen an, der sich selbst gerade eine Tasse Kaffee geholt hatte. „He, pass doch auf!“ beschwerte sich der Mann, als ihm der Griff wegrutschte und die Tasse auf dem Boden landete. „‘tschuldigung.“ nuschelte Jerry und lief einfach weiter. Der Mann rief ihm etwas nach, doch er beachtete ihn nicht.
Jerry schüttete die zweite Tasse lauwarmen Kaffee ohne abzusetzen hinunter. Die Kopfschmerzen hatten sich weitestgehend gelegt, doch das Zittern war noch da. Er überlegte einen Moment, ob er nicht etwas Wasser trinken sollte, doch er schüttete sich stattdessen noch eine Tasse Kaffee ein. Jerry atmete tief durch und suchte etwas, um seine Gedanken abzulenken. Er blickte zur Fensterfront und hinab auf die Stadt, was ihm als eine gute Ablenkung erschien. Es war durchaus spaßig, die Fußgänger zu beobachten. Doch als er hinab auf die Straße blickte, musste er die Fußgänger fast schon suchen. Nur eine Handvoll Leute schlenderten die Straße entlang und irgendwer rannte quer über die Straße, nur um in einer Seitengasse zu verschwinden. Es waren auch kaum Autos zu sehen. Jerry hatte die Stadt noch nie so leer gesehen. „Fast schon unheimlich.“ Die Stimme ließ ihm aufschrecken und er unterdrückte nur knapp ein Japsen. Kelly von der Abteilung Spezielle Berechnungen war wie aus dem Nichts neben ihm aufgetaucht. „Was hast du gesagt?“ fragte er. „Fast schon unheimlich.“ antwortete sie und auf seinen immer noch fragenden Blick erklärte sie „Es ist komisch, wie wenig heute los ist. Als ob alle noch schlafen würden.“ Gemeinsam blickten sie aus dem Fenster. Irgendwo in der Straßenschlucht unter ihnen bellte ein Hund, ein Geräusch was man hier oben eigentlich nie hörte. Jerry fragte sich, ob es am Stadtfest lag, als Kelly meinte „Du siehst echt mies aus. Werd bloß nicht krank, ja? Das kommt oben gar nicht gut an.“ Jerry bemühte sich um ein Lächeln. „Nein, heute ist einfach nicht mein Tag. Ich hatte eigentlich ein wichtiges Meeting, A-Kunde und so. Aber niemand ist aufgetaucht.“ erzählte er. „Hast du jemanden gefragt? Vielleicht andere Termine, im Verkehr steckengeblieben oder so?“ fragte sie und blickte skeptisch nach draußen. Jerry überlegte. „Naja, ich … ich habe nachgefragt. Der Kunde war nicht im Haus, ich habe … das war … ich kann mich nicht erinnern mit wem ich gesprochen habe.“ stammelte er, während die Kopfschmerzen zurückkehrten. „Du bist dir sicher, dass du nicht krank bist?“ frage Kelly mit einer Mischung aus Humor und Sorge. Jerry rieb sich verwirrt den Kopf, während sich seine Kollegin sichtbar unwohl umsah, doch sie waren allein. „Hör zu, ich muss weiter arbeiten. Ich verpetze dich nicht, aber sieh zu, dass du irgendwie wieder auf die Beine kommst.“ sagte sie halblaut, bevor sie fast fluchtartig den Raum verließ und ihn allein zurückließ.
Verwirrt ging Jerry zurück. Er wusste, wie sich krank sein anfühlte. Und er war nicht krank. Doch etwas stimmte nicht mit ihm. Er betrat das Großraumbüro und sah eine am Boden liegende Tasse im Hauptgang nur ein paar Schritte von ihm entfernt. Kaffee hatte sich davor ausgebreitet, war aber noch nicht komplett vom Teppich aufgesaugt worden. Jerry blieb stehen und starrte auf die Tasse. Er wusste, dass er dafür verantwortlich war. Aber wie, wo er doch nur im Pausenraum getrunken hatte. Vage erinnerte er sich, dass er gegen etwas gelaufen war … gegen jemanden. Doch als er versuchte, sich an die Geschehnisse zu erinnern, die nur ein paar Minuten zurücklagen, dann fand er … nichts. Er war gelaufen und die Tasse war zu Boden gefallen, wie aus dem nichts. Noch während Jerry zu verstehen versuchte, was geschehen war, dehnte sich der Kaffeefleck aus und wurde in den Teppich gedrückt. Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken und schlagartig schoss eine beklemmende Angst in ihm hoch. Er blickte auf das Großraumbüro und sah helle Bildschirme und verschobene Stühle an Arbeitsplätzen, an denen niemand saß.
Jerry erwachte aus seiner Starre, fuhr herum und rannte den leeren Gang entlang. Er wusste nicht, wovor er überhaupt wegrannte, denn da war nichts gewesen. Aber er wollte sich auch nicht umdrehen, da er sonst langsamer werden oder gar stehenbleiben müsste. Er erreichte eine geschlossene Bürotür und riss sie ohne zu Klopfen auf. Kelly schrie erschrocken auf, als er in ihr Büro stürmte. „Sh .. sei Still!“ flüsterte Jerry, während er sich bemühte, die Tür leise zu schließen. Das Letzte was er sah war ein leerer Flur. „Was soll das, willst du mich anstecken?“ fragte Kelly aufgebracht und stand auf. „Sei leise verdammt.“ zischte Jerry und bedeutete ihr, zurückzubleiben. Seine Kollegin ging hinter ihrem Schreibtisch in die Hocke und späte über die Tischplatte zur Tür. „Was ist denn los?“ fragte sie leise. „Etwas stimmt hier nicht.“ erwiderte er und trat langsam von der Tür zurück. Auf ihren fragenden Blick hin gestikulierte er mit den Armen. „Wo sind all die Leute? Die Kollegen, die Passanten auf der Straße. Irgendwer.“ flüsterte er aufgebracht. „Ich weiß nicht, was du meinst.“ kam die verwirrte Antwort. „Warum haben wir ein Großraumbüro für hundert Leute, in dem fünf sitzen? Wer sind unsere Vorgesetzten? Wann hast du die letzte E-Mail bekommen?“ Jerry sah, wie sie überlegte, und wie sie auf die selbe Antwort auf die Fragen kam wie er. Sie wusste es nicht. „Was …“ begann sie die Frage, ohne sie vollenden zu können. „Ich weiß es nicht. Aber wir können nicht hier bleiben.“ antwortete er. Er wusste, dass sie widersprechen wollte. Es fraß an ihm selbst, dass er seinen Arbeitsplatz verlassen wollte und damit seine ganze Karriere, fünfzehn Jahre seines Lebens, endgültig und definitiv hinwarf. „Kannst du mir den Namen von auch nur einem Mitarbeiter außer uns beiden nennen?“ fragte er. Jerry konnte den Schock in Kellys Augen sehen, da sie sich nicht erinnern konnte.
Geduckt verließen sie Kellys Büro. Der Flur davor war leer und still. Kein Gesprächslärm, kein Drucker der etwas ausdruckte, nicht einmal ein klingelndes Telefon war zu hören. Vorsichtig schlichen sie sich zur nächsten Ecke. Vor ihnen lag ein weiterer, leerer Flur, an dessen Ende die Fahrstühle zu erahnen waren. Kelly kroch auf allen Vieren los, doch Jerry hielt sie zurück. Er hatte den Tresen gesehen, der für den Empfang gedacht war. Er konnte sich vage erinnern, heute dort gestanden zu haben. Aber was er dort gemacht hatte, oder gar wer dort bei ihm gewesen war, das wusste er nicht. „Weißt du, ob wir jemanden beim Empfang haben?“ fragte er flüsternd. Kelly blickte angestrengt nach vorn, bevor sie sich zu ihm umdrehte. Mit Panik in den Augen schüttelte sie den Kopf. „Was machen wir jetzt?“ flüsterte sie, während sie sich hektisch umsah. „Dort drüben, die Treppe.“ flüsterte Jerry, als er die Beleuchtung für den Ausgang sah. Geduckt bewegten sie sich so schnell sie konnten auf zu der Tür zum Treppenhaus.
Im Treppenhaus angekommen mussten sie erst einmal durchatmen. „Was … was ist das? Was passiert hier?“ fragte Kelly mit bebender Stimme. „Ich weiß es nicht. Da sind all diese Plätze … sie sind leer, aber da sollte jemand sein. Es ist, als ob die Leute einfach verschwunden sind, als ob es sie nie gab.“ flüsterte Jerry, während er sich an der Wand abstützte und auf seine zitternden Hände starrte, „Aber es betrifft nicht nur unser Stockwerk oder gar dieses Gebäude. Es ist die ganze Stadt.“ „Glaubst du, dass es überall so ist? Auf der ganzen Welt?“ in den Worten seiner Kollegin schwang Angst mit. Jerry drehte sich zu ihr um und konnte nur mit den Schultern zucken. „Ich weiß, dass es die Stadt betrifft, also müssen wir hier raus. Irgendwie.“ sagte er und schaute im Treppenhaus nach oben und unten. Er konnte niemanden entdecken oder sonst etwas ungewöhnliches sehen. „Scheint frei zu sein, wir sollten gehen.“ Kelly stand auf und folgte ihm langsam. „Kannst du dich an jemanden außerhalb der Stadt … erinnern?“ fragte sie leise. Jerry überlegte einen Moment, bevor er antwortete „Meine Mutter arbeitet in einem Truck Stop ein paar Meilen außerhalb. Ich erinnere mich an sie, also scheint dort alles okay zu sein.“
Sie gingen vorsichtig die Stufen hinab, darauf bedacht möglichst leise zu sein. Als sie den sechzehnten Stock erreichten, spähte Jerry vorsichtig durch das kleine Sicherheitsfenster in den dahinterliegenden Gang. Es waren Büros irgendeines anderen Unternehmens. Einige der Türen standen offen, aber es war niemand zu sehen. „Was siehst du?“ fragte Kelly hinter ihm leise, darauf bedacht außer Sicht des Fensters zu bleiben. „Niemand da.“ antwortete er ebenso leise, während er sich von der Tür zurückzog.

Nach langen Minuten hatten sie das Erdgeschoss erreicht. Sie hatten nach dem sechzehnten darauf verzichtet, in die Gänge zu spähen. Zu groß war die Angst, wieder niemanden zu sehen, und stattdessen von etwas gesehen zu werden. Da es keine Tiefgarage oder U-Bahn im Keller gab, blieb ihnen nichts anderes übrig, als durch die Lobby zu gehen. Gemeinsam beobachteten sie aus dem Treppenhaus heraus mehrere Minuten lang die Lobby. So weit sie sehen konnten war alles normal, wenn auch verlassen. Hin und wieder fuhr auf der Straße jedoch ein Auto entlang. „Rechts die Straße entlang ist eine Nische zwischen den zwei Hotdog-Ständen. Da könnten wir uns verstecken.“ flüsterte Kelly. Jerry nickte, „Wir halten uns am Rand, durch die Drehtür und dann da hin.“ Vorsichtig schob er die Tür zur Lobby auf. Er schob sich durch und hielt sie für Kelly auf, um sie danach wieder lautlos zu schließen. Hintereinander liefen sie gebückt am Rand der Lobby entlang. Hinter einer der massiven Säulen stoppte Jerry kurz und sah sich in der Lobby um. Er konnte niemanden entdecken. Der Haupttresen und der Sicherheitscheckpoint waren verlassen. Eine geöffnete Aktentasche lag auf dem Boden und hatte ihren Inhalt, einen Haufen Papier, über den Boden verstreut. Er fragte sich, ob sich das Papier tatsächlich bewegte, oder ob er sich das nur einbildete. Jerry fing sich wieder und lief hinter Kelly her, die bereits fast die Drehtür zur Straße erreicht hatte. Gemeinsam zwängten sie sich durch die Tür und fanden sich auf der Straße wieder.

Auf der Straße angekommen war es als wären sie in einer anderen Welt gelandet. Wo sonst tausende Menschen in Eile auf den breiten Bürgersteigen entlanggelaufen wären, wo sich die langsame Blechlawine zwischen den in den Himmel ragenden Gebäuden entlanggewälzt hätte, war niemand zu sehen. Normalerweise war es so laut, dass man die Stimme heben oder gar schreien musste, um sich zu verstehen. Jetzt herrschte Totenstille. Noch vor einem Tag hatten Millionen Menschen in der Stadt gelebt und nun war es, als wären sie die letzten Menschen auf der Welt. Gemeinsam liefen sie die Straße hinab zu der Nische, die Kelly gemeint hatte. Sie passierten dutzende Autos, die am Straßenrand oder auch mitten auf der Straße abgestellt worden waren. Bei vielen waren die Türen offen, doch einige standen auch einfach mit heruntergekurbelten Fenstern da. Der Motor eines Taxis lief noch, nachdem es scheinbar auf ein anderes Taxi aufgefahren war. Es war kein weiter Weg, und hinter zwei verlassenen Essensständen war tatsächlich eine Einbuchtung, die einen Logistikzugang zum Wolkenkratzer ermöglichte. Sie versteckten sich dort und spähten vorsichtig in die Straße. Die Stadt war nicht ganz verlassen, hin und wieder fuhr noch ein Wagen über eine entfernte Kreuzung und in der Ferne rannte jemand über die Straße. „Was machen wir jetzt?“ flüsterte Jerry. Kelly überlegte einen Moment. „Wenn wir weiter gehen, ein oder zwei Blocks, dann kommt eine U-Bahnstation, von wo wir direkt in die Vorstadt kommen.“ Nach einem Augenblick stimmte Jerry ihr zu. Auch wenn es ein weiter Weg war, so hatte er doch keine bessere Idee.
Gebückt liefen sie an der Straße entlang. Sie bemühten sich leise zu sein. Doch Jerry konnte all die Geräusche hören, die sie verursachten. Der knirschende Gummi der Schuhsohlen auf den Steinplatten, das Rascheln ihrer Kleidung, den gepressten Atem. Er hörte auch all die anderen Geräusche, die sonst in der Kakophonie des Lärms verdeckt waren. Das leichte Rauschen des Windes zwischen den hohen Gebäuden, das Rascheln von herumliegendem Papier, das leichte Dröhnen einer U-Bahn, die unter ihren Füßen entlang fuhr. Die Stadt, die noch Stunden zuvor ein lebendiger Organismus gewesen war, ragte nun totenstill um sie herum auf. In der menschenleeren Straßenschlucht fühlte er sich, als ob das Gewicht der toten Stadt ihn erdrücken würde.
Sie passierten gerade eine schmale Seitengasse zwischen einem Wolkenkratzer und einem kleineren Parkhaus, als ihm eine Gestalt auffiel. Jerry hielt Kelly fest und deutete auf den Mann, der sich durch die Gasse von ihnen entfernte. „He!“ zischte Jerry und lief dem Mann hinterher, „He! Warte!“ Und tatsächlich schien der Mann ihn gehört zu haben, da er sich überrascht umdrehte. Als er sie erkannte, winkte er ihnen hektisch zu und duckte sich zwischen zwei herumstehende Müllcontainer.
„Tut gut, noch jemanden zu sehen.“ flüsterte der unbekannte Mann, als sie zumindest Sichtschutz hatten. „Wissen Sie, was hier los ist?“ fragte Kelly, sichtbar erfreut einen weiteren Menschen zu sehen. Der Mann schüttelte den Kopf, „Ich versuche sei Stunden, aus der Stadt rauszukommen. Aber überall sind diese … Dinger.“ Sie sahen ihn fragend an. „Wenn sie dich erwischen, dann existierst du nicht mehr.“ sagte er nur. „Wir wollen auch aus der Stadt raus. Vielleicht können wir uns gegenseitig helfen. Eine Straße weiter ist eine Station der Blauen Linie, damit kommen wir direkt aus der Stadt raus.“ erzählte Kelly, während der Mann über den Rand des Müllcontainers spähte. Er sah sie an und schüttelte den Kopf. „Es brennt im Tunnel. Vermutlich ein Unfall.“ berichtete er knapp. „Vielleicht können wir irgendwo ein Auto nehmen. Ich hab keinen Führerschein, aber vielleicht kann einer von Euch fahren.“ schlug Jerry vor, doch wieder schüttelte der Mann den Kopf. „Du siehst die ganzen Karren am Straßenrand? Die Dinger kommen trotzdem rein. Nein, ich will rüber zur Querlinie, die wird weniger genutzt und hat einen Verbindungstunnel zur Mall ein Stück weiter raus.“
Nachdem sie beschlossen hatten, dem Unbekannten zu folgen, waren sie in Richtung der U-Bahnstation losgelaufen. „Wir können sie nicht sehen. Also achtet auf Dinge, die keinen Sinn machen. Knirschender Kies, quietschen bei einem abgestellten Auto, sowas halt.“ hatte ihnen der Mann erklärt, der deutlich länger hier draußen unterwegs war als sie. Und er war noch am Leben. Nach qualvollen Minuten kam endlich der Eingang zur U-Bahnstation in Sicht. Eilig liefen sie über die letzte, verlassene Straße, die sie noch von ihrem Ziel trennte. Jerry sah etwas aus den Augenwinkeln und wurde langsamer. Auf dem Fußweg hinter ihnen stieg Dampf aus einem der Kanaldeckel empor, was an sich nichts Ungewöhnliches war. Doch dann teilte sich der Dampf wie von Zauberhand, nur für einen Moment. „Da ist etwas.“ sagte Jerry und war inzwischen fast stehengeblieben. „Renn!“ rief der Unbekannte, „Renn los!“ Jerry rannte. Er hörte das Geräusch eines hochdrehenden Motors, als er die andere Straßenseite erreichte. Es gab einen lauten Knall, quietschen von Reifen und dann noch mehr Lärm. Er drehte sich im Laufen um. Ein Taxi war in mehrere am Straßenrand stehende Autos gekracht. Und auf der Straße … auf der Straße lag Etwas. Bei dem Anblick drehte sich Jerry der Magen um. Ein zuckende, pulsierende Masse mit zu vielen Gliedmaßen, in einem Augenblick da und im nächsten wieder verschwunden. Der kurze Eindruck reichte ihm, um noch einen Zahn zuzulegen, den anderen Beiden hinterher. Er nahm fünf Stufen auf einmal und raste die Treppe hinab.
„Was war das?“ fragte Kelly besorgt, während sie den verlassenen Gang zu den Bahnsteigen entlangliefen. Doch er wusste es nicht. Er wollte nicht wirklich an das Ding denken, was auf der Straße gelegen hatte. Und das Taxi … Jerry wusste nicht einmal, ob ein Fahrer drin gesessen hatte. „Wir müssen weiter, schnell.“ flüsterte der Unbekannte und lief eine Treppe hinab. Sie landeten auf dem Bahnsteig in der Mitte. Überall lagen fallengelassene Gegenstände. Regenschirme, Taschen, Essen. Einer der Mülleimer war umgeworfen worden und hatte seinen Inhalt über den Bahnsteig verteilt. „Am Ende ist der Zugangssteg.“ erklärte der Unbekannte, und nach einem Moment fügte er hinzu, „Nicht hinsehen.“ Unwillkürlich sah sich Jerry um. Ganz am Ende der Station, auf dem letzten Gleis, stand ein Zug. Beleuchtet und leer. Doch er war nicht ganz leer, in einem Wagon in nahe dem Ende, in der Glasbox für die Zugbegleiter, stand jemand und winkte ihnen aufgeregt zu. Jerry fragte sich, ob die Person wusste, was gerade geschah. Ob es sicher war, aus dieser kleinen, gläsernen Kiste herauszukommen. Oder ob die Person einfach verschwinden würde, so wie alle anderen. Er wollte lieber nicht genau darüber nachdenken. Vor ihm stieg Kelly über die Absperrung am Ende des Bahnsteigs. Vorsichtig folgte er ihr und dem Unbekannten. Sie ließen das Licht des Bahnhofs zurück und gingen in die Dunkelheit. Nach einigen Metern endete der Laufsteg an einer Tür in der Tunnelwand. Sie war unverschlossen und hastig schlüpften sie hindurch.

Sie liefen den langen, grell beleuchteten Wartungskorridor entlang. Jerry begann das lange Laufen in den Beinen zu spüren. Immer wieder passierten sie Türen und auch abzweigende Gänge, doch der Unbekannte führte sie schnurstracks geradeaus. „Wie weit ist es bis zur Mall?“ fragte Kelly. „Vielleicht eine Meile.“ meinte der Mann achselzuckend. „Woher weißt du das? Also, dass wir hier lang können.“ fragte Jerry skeptisch. Der Unbekannte lachte kurz auf, „Ich hab neulich eine Doku von der Mall gesehen, die hatten das gezeigt. Kam endlich mal was Sinnvolles im Fernsehen.“ „Wo geht es dann weiter? Ich kenne mich in dem Viertel nicht aus.“ fragte Jerry weiter. „Es gibt ne Menge Hinterhöfe. Über die kommen wir weiter nach Süden und sind dann fast aus der Stadt raus.“ erklärte der Mann. Jerry nickte und dachte nach. „Ich erinnere mich an meine Mutter, immer noch.“ stellte er fest, „Vielleicht sind wir dann wirklich in Sicherheit.“ Sie gingen weiter durch den scheinbar endlosen Korridor, und ignorierten die Türen, die in andere Bereiche führten. Es ging nur stur geradeaus. „Ich glaube ich wurde gefragt, aufs Stadtfest zu gehen. Aber ich hatte keine Lust, zu viel Gedränge.“ sagte Kelly plötzlich leise und rieb sich die Stirn. „Sei froh.“ gab der Unbekannte zurück, „Dort hat es sicher niemand geschafft.“ Jerry lief ein Schauer über den Rücken. Allein die Vorstellung, dass alle um einen herum verschwanden, erschütterte ihn bis ins Mark. Einer nach dem Anderen plötzlich nicht mehr da, während das sonst so fröhliche Fest immer stiller wurde. Er fragte sich, ob die Letzten es gewusst hatten, und versuchte den nagenden Gedanken zu verdrängen.
Schließlich hatten sie das Ende des viel zu langen Korridors erreicht. Laut dem Schild lag vor ihnen die Mall. Es ging noch durch zwei Zwischenräume, bevor das Schild an der nächsten Tür den Zugang zur Mall im dritten Untergeschoss auswies. Vorsichtig schob der Unbekannte die Tür auf, Stück für Stück. Immer wieder wartete er und starrte angestrengt durch den größer werdenden Spalt. „Sieht sicher aus. Was auch immer das heißen mag.“ flüsterte er. Gemeinsam betraten sie die Mall und ihnen schlug eine gespenstische Stille entgegen. Die Mall erstreckte sich über mehrere unterirdische und oberirdische Etagen, die durch Rolltreppen miteinander verbunden waren. Hinter den Glasfronten waren allerlei Geschäfte. Doch niemand war hier, weder Kunden noch Verkäufer. Sie sahen liegengelassene Einkaufstüten, ein bisschen Unordnung, doch keinen einzigen Menschen. Das Einzige, was sie hörten war das Brummen und gelegentliche Quietschen von den immer noch laufenden Rolltreppen. „Gut, wir müssen hoch und dann den Ausgang auf der anderen Seite nehmen.“ flüsterte der Unbekannte. Naturgemäß wandten sich Jerry und Kelly zur nächstgelegenen Rolltreppe. „Nein, lieber die Treppe. Wenn da oben eines von den Dingern ist, dann haben wir auf den Rolltreppen keine Chance.“ flüsterte der Mann hastig und hielt sie zurück. Jerry nickte eifrig, denn es machte Sinn. Also gingen sie durch das unterste Geschoss der Mall, auf der Suche nach den normalen Treppen. „Können wir kurz eine Pause machen?“ fragte Kelly, als sie an einem Fast-Food-Laden vorbeikamen, „Ich habe heute noch garnichts gegessen.“ „Okay, aber mach schnell. Ich will hier nicht länger als nötig bleiben.“ sagte Jerry, blieb stehen und sah sich unruhig um. Kelly lief in den Laden und griff sich ein paar der herumliegenden eingepackten Burger. Auch der Unbekannte sah sich ungeduldig um. Es war offensichtlich, dass er ohne Pause weiter wollte.
„Du kannst auch unterwegs essen, weißt du.“ sagte Jerry halblaut, „Fast-Food heißt ja nicht …“ Der Satz, den er sagen wollte, verschwand aus seinem Kopf. Er hatte gesprochen, aber mit wem? Sie waren nur zu zweit. Verwirrt drehte er sich um. Der Fast-Food-Laden war leer, da war niemand. Die Kopfschmerzen explodierten förmlich und er fühlte, wie ihn jemand am Arm packte und mitzog. „Lauf, lauf verdammt nochmal! Du kannst nichts mehr für sie tun!“ zischte der Unbekannte, während er an seinem Arm riss. Jerry taumelte und rannte ihm hinterher. Er wusste nicht, wen der Mann gemeint hatte, aber wahrscheinlich hatte er es noch vor wenigen Augenblicken gewusst. Und er konnte spüren, dass die unsichtbare Wesen direkt hinter ihm waren. Sie rannten um eine Ecke und erreichten die Tür zur Treppe. Jedes Schleichen aufgebend stürzten sie hindurch und knallten sie hinter sich zu. Der Unbekannte sah sich um, um die Tür mit irgendetwas zu blockieren. „Das ist eine Fluchttür, die geht nicht zu.“ stieß Jerry aus und der Mann fluchte. Gemeinsam rannten sie die Treppe hinauf.

Sie verließen schwer atmend das Treppenhaus im Erdgeschoss. Der Eingang, durch den sie mussten, war direkt voraus. Ohne ein gesprochenes Wort liefen sie darauf zu. Die automatischen Schiebetüren öffneten sich, als sie näher kamen. Sie hasteten auf Straße und Jerry sah die angesprochenen Hinterhöfe ein Stück zu ihrer linken. Doch der Unbekannte machte keine Anstalten, in die Richtung zu laufen, sondern rannte einfach geradeaus die Straße entlang. Jerry folgte ihm. Im Laufen blickte er zurück, der Eingang war noch offen. Der Windstoß hatte einige Papierblätter aufgewirbelte, die jetzt langsam zu Boden sanken. Eines wurde plötzlich abrupt gegen die Glasscheibe gedrückt. Panik stieg in ihm auf. „Es kommt!“ schrie Jerry und versuchte schneller zu laufen. Doch seine Beine taten weh, da er das viele Laufen nicht gewohnt war. Der Abstand zum Unbekannten vergrößerte sich mit jeder Sekunde. Ein weißer Van mit geöffneter Seitentür bog vor ihnen in die Straße ein. Jemand stand im Laderaum und zeigte auf Jerry und den anderen Mann. Und tatsächlich wurde das Fahrzeug langsamer. Jerry rannte darauf zu und lag deutlich hinter dem Unbekannten zurück. Er spürte, wie sich von hinten eine Windböe näherte.