Eine seltsame Nacht #2

Frank schloss die Tür und schüttelte frustriert den Kopf. Es war mal wieder einer dieser Freitagabende. Eigentlich hatte er heute mit seinem Kumpel in den Club gehen wollen. Doch der hatte Überstunden reingedrückt bekommen und so war Frank allein zum Dancing Vixen gegangen. Aber in letzter Zeit hatte er da einfach kein Glück. Der Idiot von einem Türsteher hatte ihn abgewiesen und Frank hatte überlegt, sich vorbei zu drängeln. Doch der Hornochse hatte mehr Muskeln als alles andere und so war er wieder nach Hause gegangen. Genervt warf Frank die Jacke in die Ecke und ging ins Bad. Nachdem er sich kurz frisch gemacht hatte, zog er seine übrigen Klamotten aus und schmiss sich ins Bett. Mit einem Stöhnen zog er sich die Decke bis zum Kinn und schlief ein.

Frank wurde wach, als ihm ein Licht in die Augen schien. Er verzog mit geschlossenen Augen das Gesicht und drehte sich auf die andere Seite, bevor er die Decke hochzog. Doch dann stellte er fest, dass da keine Decke war. Mit einem unguten Gefühl öffnete er die Augen. Er war nicht im Bett in seiner Wohnung, sondern auf der Rückbank eines Wagens. Diesen Traum hatte er schon einmal gehabt, auch wenn das jetzt bereits über zwei Monate her war. Frank schloss die Augen und murmelte „Ich träume nur. Ich träume nur. Das ist alles nur ein Traum.“ Der Wagen bog irgendwo ab und das Licht des Gegenverkehrs drang durch seine geschlossenen Augen. Frank sah ein, dass er diesem Traum nicht einfach davonlaufen konnte und sah sich um. Er wurde durch irgendeine schlecht beleuchtete Vorstadt gefahren, die ihm nicht bekannt vorkam. Es war Nacht und der Himmel war bewölkt. Auf der einen Seite waren Hochhäuser und sogar ein paar Wolkenkratzer zu sehen, auf der anderen verlor sich die Stadt in der Dunkelheit. „Welche City ist das?“ fragte er den Fahrer, doch dieser antwortete nicht.
Schließlich hielt der Wagen in einer heruntergekommenen Seitenstraße. „Wir sind da, Sie müssen aussteigen.“ sagte der Fahrer ruhig. Frank stieg aus und der Wagen setzte sich wieder in Bewegung. Er sah dem Wagen hinterher und drehte sich dann langsam um. Nur ein Teil der Straßenlaternen funktionierte, und die meisten davon flackerten auch noch. Löchriger Maschendrahtzaun säumte die Straße beiderseits, wobei einige Abschnitte auch komplett fehlten. Die Wände der dahinterliegenden, heruntergewirtschafteten Gebäude waren mit Graffiti beschmiert und einige der Fenster vernagelt. Frank konnte nicht erkennen, wie groß die Bauten waren, da sich die bröckelnden Ziegelsteinmauern in der Dunkelheit verloren, doch es waren definitiv Industrieanlagen. Es ließ sich unmöglich sagen, welchen genauen Zweck das Viertel über die Existenz als Industriegebiet hinaus einmal gehabt hatte, doch das war ohnehin längst Vergangenheit. Hinter ihm klickte es, als sich jemand eine Zigarette anzündete.
„Guten Abend, Mister Frank.“ sagte die Gestalt, die knapp außerhalb des flackernden Leuchtkegels einer der Straßenlaternen stand, und zog an der Zigarette. Der hagere Mann in schwarzem Anzug hob sich kaum vom Hintergrund ab und der schwarze Hut verbarg das Gesicht in Dunkelheit. Das rötliche Glimmen der Zigarette verlieh dem verborgenen Gesicht einen unheimlichen Schein. Rauch stieg unter dem Hut hervor, als der Mann ausatmete. „Agent Henderson, richtig?“ fragte Frank und sah sich weiter um. Das letzte mal, beim letzten Traum, hatte der Typ ihn in einen Club geschickt, um jemanden umzulegen. Doch hier war kein Club zu sehen, keine Musik zu hören. „Das ist korrekt. Aufgrund Ihres bisherigen Erfolges würde ich gern unsere Geschäftsbeziehung fortsetzen.“ antwortete der Mann ruhig. „Soll ich wieder jemanden töten? Sieht alles ziemlich verlassen aus.“ gab Frank skeptisch zurück. „Korrekt, der Club ist auf der anderen Seite hinter dem Wohnhaus. Unten im Keller. Wir müssen etwas mehr Abstand halten, Sie werden es verstehen.“ bestätigte Henderson und zog ein Foto und eine Pistole aus seinem Mantel. Das Bild zeigte einen hageren Mann mit einer ulkig bunten Mütze. Das Gesicht sah so aus, als habe er viel Spaß, doch die Augen wirkten seltsam leer. Henderson fuhr fort „Die Zielperson nennt sich selbst Konrad. Sie kennen die Sage vom Rattenfänger von Hameln? Das ist so ziemlich das Gleiche, nur ohne die Ratten.“ Frank erinnerte sich vage an ein Märchen aus seiner Kindheit und nickte langsam. Dann nahm er Foto und Waffe und verstaute beides in seiner Jacke. „Was ist für mich drin?“ fragte er. „Dreißig Riesen. Und wenn mir die Bemerkung gestattet ist, es ist unklug, neue Schulden aufzunehmen, nachdem man die alten getilgt hat.“ antwortete Henderson. Frank runzelte die Stirn. Er hatte die neuen Schulden nicht für sich selbst sondern für seinen Kumpel aufgenommen, doch er sagte nichts. „Oh, hier Ihre Spesen.“ Henderson holte ein Bündel abgegriffene Geldscheine hervor. „Gut, und wie komme ich rein? Wieder eine Seitentür? Oder doch anstellen?“ fragte Frank und sah sich nach einem Eingang zum Gelände um. Henderson schüttelte den Kopf und reichte ihm eine Taschenlampe, „Bedaure, der Club ist im Keller, zweites Untergeschoss. Dieses mal müssen Sie wohl oder übel über den Kanalschacht rein.“

Nach einem kurzen, geduckten Gang durch einige stinkende aber glücklicherweise trockene Kanalisationsschächte, fand sich Frank in einem feucht-heißen Heizungskeller wieder. Es brummte und gluckerte laut, an ein paar Stellen zischte heißer Dampf aus lecken Rohren und eine alte Lampe spendete etwas Licht. Frank steckte die Taschenlampe weg und roch kurz an seinen Klamotten. Als er den leichten Geruch nach Gülle bemerkte, rümpfte er die Nase. Er hoffte, dass es nur die Jacke war, und hängte sie über ein Geländer. Seine Hosentasche war glücklicherweise tief genug, um Bild und Waffe zu verstauen. Wegen des Geruchs würde er sich nach Möglichkeit etwas frischmachen. Vorsichtig schob er die rostige Stahltür auf und spähte in den Gang dahinter. Der lange, in buntes Neonlicht getauchte Flur war leer. Die Wände waren mit mehreren Schichten Graffiti bedeckt und der Boden war nackter Beton. Frank schlüpfte in den Gang. An einem Ende war ein Fahrstuhl, während am anderen eine mit fluoreszierenden Farben bemalte Doppeltür strahlte. Das Graffiti schien auf die Doppeltür zuzulaufen. Hin und wieder gingen zu beiden Seiten Türen ab. Er ging auf den Fahrstuhl zu und stockte dann. Es gab nur einen Knopf, um den Fahrstuhl für einen Fahrt nach oben zu rufen. Henderson hatte gesagt, der Kerl, Konrad, war im Keller. Also war er hier wohl richtig. Zügig ging er den Gang entlang und fand schnell das Herrenklo um sich frisch zu machen. Glücklicherweise war er diesmal tatsächlich allein, und nachdem er sich die Hände ausgiebig gewaschen und die Haare mit feuchten Tüchern abgerieben hatte, ging er wieder nach draußen. Zwei Frauen kamen ihm von der Doppeltür entgegen. Sie sahen ganz normal aus und waren für einen Club gekleidet. Er war irgendwie froh, dass sie vollständig menschlich waren. Vielleicht war es dieses mal anders. Als sie näher kamen sahen sie ihn etwas skeptisch an, aber als er fröhlich grüßte, grüßten die beiden zurück. Sie gingen an ihm vorbei zum Fahrstuhl. Frank näherte sich der Doppeltür und hörte die beiden hinter sich lachen, doch er ging unbeirrt weiter und schob die Tür auf. Er hatte mit einem Floor oder einer Bar gerechnet, doch stattdessen war vor ihm eine weitere Tür, hinter der Musik zu hören war. An den Wänden zwischen den beiden Türen waren alte, fast verblichene auf die Wände gemalte Warnsymbole zu erahnen. Zudem hingen ein paar neuere Blechschilder neben der zweiten Tür, die mit fluoreszierender Farbe nachgezeichnet waren. Frank erkannte zumindest die Symbole für Umweltgefahr und giftige Stoffe. Keine besonders rosigen Aussichten, dachte er als er sich der zweiten Tür näherte. Frank öffnete sie und Technomusik schlug ihm entgegen. Er fand sich auf einem erhöhten Laufgang wieder und blickte über einen kreisrunden Dancefloor, wo an die hundert Leute zur Musik tanzten. Der Laufgang bildete einen Halbkreis drumherum und wurde von massiven Betonwänden eingegrenzt. Die hohe Decke verlor sich irgendwo in der Dunkelheit über ihm. Stroboskoplicht und bunte Laser beleuchteten die Szenerie. Auf der anderen Seite der großen Kaverne war das Pult des DJs. Die Leute auf der Tanzfläche waren durch das Licht nicht genau zu erkennen. Als sich Frank weiter umsah entdeckte er auf der einen Seite des Laufgangs eine Art Lounge, während auf der anderen eine Bar war. Kurzerhand ging er zur Bar und warf unterwegs einen Blick auf das Foto.
An der Bar saßen ein paar Leute, die meisten normale Menschen, doch auch zwei der Tiermenschen. So hatte er sie das letzte mal genannt, in Ermangelung einer besseren Bezeichnung. Beide Frauen hatte Hasenohren und das Gesicht war wie bei einem Hasen geformt. Frank fragte sich, ob sie die gleichen waren wie beim letzten mal, oder ob es einen anderen Grund für ihr Aussehen gab. Niemand hier kam ihm bekannt vor oder sah dem Kerl auf dem Foto ähnlich. Er setzte sich auf einen freien Barhocker zwischen den Gruppen und bestellte sich einen Drink bei der Frau hinter der Theke. Während er mit dem Strohalm an den Pfefferminz-Blättern vorbeistocherte, versuchte er unauffällig, den Gesprächen seiner Sitznachbarn zu lauschen. Zwei der Menschen tauschten sich über die Arbeit aus, offenbar gab es in der kommenden Woche viel zu tun. Leider sagten sie nicht, wo sie arbeiteten, oder etwas anderes, was Frank helfen würde herauszufinden, in welcher Stadt er war. Die zwei Hasendamen waren schwerer zu verstehen, da sie nicht nur direkt nebeneinander saßen, sondern auch bemüht leise sprachen. Von den Fetzen, die Frank verstand, waren sie besorgt, hier nicht sicher zu sein. Er wusste nicht, wer sie bedrohen sollte oder wieso. Doch ein Wort verstand er sehr deutlich. Naphilia. Sie war es gewesen, die in seinem letzten Traum für alles verantwortlich gewesen war, hatte Menschen in Tiermenschen verwandelt und gefangen gehalten. Und er hatte sie getötet. Fürchteten sich die beiden Tiermenschen vor Naphilias Rückkehr, oder vor diesem Konrad? Oder hatten sie Angst vor ihm, da er sie getötet hatte? Frank wusste es nicht und wollte auch nicht warten, bis er erkannt wurde. Er kippte den Rest seines Drinks runter und stand auf. Er blickte auf die Tanzfläche und etwas kam ihm komisch vor. Viele der Leute schienen immer die gleichen Bewegungen zu machen. Das an sich war nichts ungewöhnliches, doch machten alle die selben Bewegungen. Frank schüttelte den Kopf und ging herüber zur Lounge, er musste immer noch diesen Konrad finden.

Die Lounge bestand aus einigen bequem aussehenden, couchähnlichen Sitzreihen an der Wand, vor denen Glastische mit eingebauten LEDs standen und den Blick auf die Tanzfläche freigaben. Das Licht der Tische wechselte mit erstaunlicher Präzision wie eine Welle von vorn nach hinten. Ein paar normale Menschen und auch Tiermenschen saßen da. Ein grimmig dreinblickender Mann kam Frank entgegen. Und nach einem Moment erkannte er auch wieso der Kerl schlechte Laune hatte. „Das waren wohl nicht zwanzig Zentimeter.“ kommentierte er, als er an den Tisch trat und verwies auf die Gestalt, die hinter ihm den Club verließ. „Nein, und du schaffst das auch nicht, also verpiss dich.“ kam die finstere Antwort von der Frau auf der Sitzreihe. Sie war eine der Tiermenschen und hatte Zügen von einem Adler, nicht zuletzt den scharfen Schnabel und die momentan auf dem Rücken gefalteten Flügel. Offenbar strahlte sie eine bedrohliche Aura aus, denn sie saß allein. „Trotzdem hast du das letzte Mal ganz zufrieden gewirkt. Was dagegen, wenn ich mich setze?“ fragte Frank grinsend und setzte sich ohne auf die Antwort zu warten. Gina bedachte ihn mit einem fast schon mordlüsternen Blick, „Sei froh, dass wir unter der Erde sind. Sonst würd ich dich irgendwo runterschmeißen, und ich bin nicht in der Stimmung, dich wieder zu fangen.“ Sie zündete sich eine Zigarette an, und trotz des Schnabels gelang ihr das Rauchen ziemlich gut. Frank sah sich um, eine Bedienung stand etwas abseits und wartete darauf, gerufen zu werden. „Interessanter Schuppen.“ kommentierte er. Gina lachte zwischen zwei Zügen, „Das war mal eine Klärstation. Du sitzt also wortwörtlich im Scheißhaus.“ Frank wollte etwas sarkastisches erwidern, als er eine Stimme hinter sich hörte. „Oh, was machst du denn hier?“ fragte eine Frau überrascht. Als er sich umdrehte erkannte er Stacy, die er ebenfalls früher schon getroffen hatte. Die Frau hatte etwas von einem Fuchs, unter anderem eine lange Schnauze, rötliche Haut und einen buschigen Schwanz. „Ich wollte nur ein bisschen Party machen.“ antwortete Frank ausweichend, woraufhin Gina verächtlich schnaubte. Stacy kam näher, um sich neben ihn zu setzen, stockte dann aber. „Urgh …“ machte die Fuchsfrau, „Wo hast du dich denn rumgetrieben, das stinkt ja erbärmlich!“ Frank lief rot an und murmelte „Irgendwie musste ich ja rein.“ Gina fing laut an, hämisch zu lachen. „Der Eintritt ist frei, oder glaubst du, der Türsteher lässt dich Waschlappen nicht rein?“ stichelte sie, während sie mit der glimmenden Zigarette auf ihn zeigte. Stacy schüttelte nur den Kopf und setzte sich neben Gina. Frank sah die geflügelte Frau an, die ihm gerade ziemlich auf die Nerven ging, und nach einem Moment zeigte er ihr den Mittelfinger. Gina lehnte sich mit einem Grinsen zurück das zeigte, dass sie Spaß hatte. „Also, wer von uns soll diesmal draufgehen?“ fragte sie, wobei sie Rauch ausatmete. „So ist das nicht.“ gab Frank kopfschüttelnd zurück, „Was ein verrückter Traum.“ „Du hältst das hier für einen Traum?“ fragte Stacy halblaut und sah sich verstohlen um. Er hob beschwichtigend die Hände. „Vielleicht fangen wir nochmal von vorn an. Ich freue mich wirklich, euch wiederzusehen. Scheint so, als ob ihr immer noch am Clubleben hängt.“ sagte er und versuchte, fröhlich zu klingen, was bei Ginas angepisstem Gesichtsausdruck eine Leistung für sich war. „Nachdem du … den Fluch gebrochen hast, war das Mystic Lair Geschichte. Ein paar von uns sind dort geblieben und haben versucht, etwas neues aufzubauen. Der Rest hat sich zerstreut. Einige von uns sind hier gelandet.“ erzählte Stacy. „Gibt es einen neuen Fluch? Oder könntet ihr einfach gehen?“ fragte Frank. „Wir sind freiwillig hier.“ antwortete Gina, drückte den glimmenden Zigarettenstummel aus und signalisierte der Bedienung, die zu ihnen eilte. Gina bestellte ein Bier, während Stacy und Frank Cocktails orderten. Stacy beugte sich vor, „Ich bin froh, dass dich sonst keiner erkannt hat. Nach den Ereignissen im Mystic Lair gab es Gerüchte. Der Mann in Schwarz war beim Club gesehen worden, und der bringt Unglück.“ „Der Mann in Schwarz?“ fragte Frank irritiert. „Mann in Schwarz. Wie in den Filmen, nur mit uns statt mit Aliens. Irgendwelche Pisser, die ein Problem damit haben, dass wir verflucht wurden.“ erklärte Gina mit einem Schnauben. „Jedenfalls, viele dachten, dass du vom Mann in Schwarz geschickt wurdest. Und hatten Angst, dass sie genauso enden wie Naphilia. Aber ich weiß, dass du nicht so bist.“ sagte Stacy sanft und legte ihre Hand auf seine. Frank schluckte schwer und war froh, dass die Bedienung die Getränke brachte.

„Also, was führt dich her?“ fragte Stacy vorsichtig. Frank stellte seinen Cocktail ab und rutschte unruhig auf seinem Platz hin und her, während er zu Gina lunschte. „Versprich mir, mich nicht zu schlagen.“ sagte er zu der Frau, die dabei war, ihren Bierkrug in einem Zug zu leeren. Gina leerte den Krug und schüttelte dann den Kopf, „Wenn du so anfängst, dann verdienst du es.“ Frank seufzte und sah sich um, um sicherzustellen, dass sie niemand belauschte. „Ja, ich soll jemanden töten.“ gestand er den beiden, „Ein dürrer, hochgewachsener Typ. Leerer Blick. Trägt vielleicht so eine Clowns-Bommelmütze.“ Stacy blickte traurig zu Boden, während Gina ihn fast schon mitleidig ansah. „Ihr wisst, wer das ist?“ fragte er überrascht. „Es ist der DJ, aber wieso willst du den denn kalt machen?“ fragte Gina. Die Frage erwischte ihn auf dem falschen Fuß, denn außer ‚Man hat mir gesagt, dass ich es machen soll.‘ hatte er keine Antwort. Er überlegte nach einer wirklichen Erklärung, doch offenbar brauchte er zu lange. „Du weißt es nicht.“ beantwortete Gina ihre eigene Frage, „Also hat dich irgendwer geschickt.“ Hilfesuchend blickte Frank zu Stacy, doch die sah ihn nur traurig an. „Das ist alles so surreal, noch vor einer halben Stunde hab ich in meinem Bett gelegen und jetzt bin ich hier. Ich weiß nicht mal in welcher Stadt wir sind.“ versuchte er halblaut zu erklären. Die Fuchsfrau sah abwesend zur Tanzfläche. „Ich mag es nicht, wenn jemand stirbt. Aber vielleicht muss es sein. Vielleicht haben wir es übertrieben.“ antwortete sie traurig. Bevor Frank fragen konnte, was sie meinte, mischte sich Gina ein. „Wenn du den DJ abknallen willst, mir egal.“ sagte sie, wobei ihr schnabelbewehrtes Gesicht ein finsteres Grinsen andeutete, „Aber ich wette deine Brieftasche, dass du es nicht schaffst.“ Frank runzelte die Stirn. „Du scheinst dir ziemlich sicher zu sein. Kennst du den Kerl?“ fragte er vorsichtig. Die Frau lachte tonlos, „Der eiskalte Killer weiß das alles sicher schon. Weißt du was, wenn ich du es doch schaffst, mache ich vielleicht noch eine Ausnahme von meiner Regel.“ „Hat dich der Mann in Schwarz geschickt?“ fragte Stacy ihn plötzlich und sah ihn direkt an. Frank überlegte einen Moment, bevor er antwortete. „Er trägt einen schwarzen Anzug, aber ich weiß nicht, ob es euer Mann in Schwarz ist.“ Die Fuchsfrau blickte traurig zu Boden. „Wirst du uns auch töten?“ fragte sie leise. „Scheiße, nein.“ gab Frank geschockt zurück, „Es ist nur der DJ.“ „Von dem du nicht einmal weißt, warum du ihn überhaupt töten sollst.“ schnaubte Gina mit höhnischem Unterton. Er öffnete und schloss den Mund, doch er wusste nicht, was er noch sagen sollte. „Ich zieh das einfach durch.“ murmelte Frank und stand auf.

Er beobachtete einen Moment das Geschehen auf dem Floor, ein Teil der Tanzenden machte nach wie vor die gleichen Bewegungsabläufe. Der DJ stand allein hinter seinem Pult auf einem breiten Vorsprung, ein großes, zugeschweißtes Abwasserrohr über sich, aus dem die Laserstrahlen kamen. Links und rechts des Vorsprungs gab es kurze Treppen zum Floor. Einen anderen Weg sah Frank nicht. Er war versucht, zu den beiden Frauen zurückzublicken, ging dann aber einfach die Treppe zum Floor auf seiner Seite hinab.
Sofort war er von tanzenden Menschen und Tiermenschen umgeben, die ausgelassen feierten. Langsam schob er sich durch die Menge. Die Technomusik brach wie eine Welle über ihn herein und er begann im Takt mit dem Kopf zu wippen. Zwar war die Musikrichtung nie sein Favorit gewesen, doch was der DJ tat hatte etwas für sich. Er schob sich zwischen zwei Leuten mit ausdruckslosen Gesichtern durch, die tatsächlich synchron tanzten und versuchte, einen Blick auf den DJ zu erhaschen. Doch er sah nur das flackernde, bunte Laserlicht. Es folgte seinem eigenen Rhythmus, der dennoch zur Musik passte. Frank blieb stehen und stellte fest, dass er im Takt der Musik wippte. Es hätte ihm seltsam vorkommen sollen, doch das tat es nicht. Es war, als ob der Beat in jede Faser seines Körpers eindrang. Fast wie von Zauberhand begann Frank zu tanzen und er fügte sich in das Muster Dutzender anderer ein. Seine Arme bewegten sich hin und her, während er leicht auf der Stelle trat. Die Musik steigerte sich noch eine Stufe, während das Stroboskoplicht blitzte und Frank hatte Spaß wie schon lange nicht mehr. Er vergaß alles um sich herum und wieso er überhaupt hergekommen war, er wollte, dass es nie wieder aufhörte. Es war wie ein Rausch und die Farben verschwammen, wurden zu einem dahingleitenden Fluss, in dem er schwamm. Frank wurde eins mit der Musik, dem unsichtbaren Muster, dass sie alle verband, und es war ein gutes Gefühl.

Die Zeit hatte ihre Bedeutung verloren, doch Frank sah andere Leute um sich herum tanzen. Er sah es nicht aus seinen eigenen Augen, es war als ob er von oben schwebend auf die Menge herabsah, den Blick auf sich selbst gerichtet. Alle Menschen tanzten in perfekter Synchronität. Es irritierte ihn, dass die Tiermenschen jeweils für sich allein tanzten und nichts zu diesem einheitlichen Gesamtbild beitrugen. Sie alle, alle Menschen, führten die immer gleichen Bewegungen aus, im Rhythmus der Musik und des flackernden Lichts, während der DJ über Ihnen am Pult stand, ohne auch nur mit dem Kopf zu wippen. Beim Anblick des komischen, mehrfarbigen Hutes auf dem Kopf des DJ stieg in Frank eine Erinnerung auf. Man hatte ihm gesagt, dass Konrad sterben musste. Konrad, der DJ. Aber wieso? Noch bevor er genauer darüber nachdenken konnte, kehrte die Musik in seinen Verstand zurück und das Bewegungsmuster änderte sich. Mit neuer Freude erfüllt tanzte Frank zusammen mit den anderen Menschen. Stacy, wo auch immer sie war, hatte recht. Niemand musste sterben. Es reichte, wenn alle glücklich waren und tanzten. Die Töne gaben die Bewegung vor und das Licht strahlte eine seltene Form von Fröhlichkeit aus. Er bewegte sich zusammen mit den anderen Menschen im Rhythmus und sie bildeten ein Muster, welches man nur sehen konnte, wenn man ein Teil davon war.
Dann bemerkte er einen Ton, der im Hintergrund lag, unter der Technomusik und kaum hörbar. Das Pfeifen einer Flöte. Es war wie ein Taktgeber für den Rest der Musik, aber auch die Bewegungen der Menge. Franks linkes Augenlid zuckte, als Gedanken in seinem Verstand aufstiegen und begannen, die Musik zumindest ein Stück weit zu verdrängen.

Frank erinnerte sich plötzlich an die Kindergeschichte, die er vor vielen Jahren gehört hatte. Ein Flöte spielender Mann bringt mit seinen Klängen Ratten zum Selbstmord. Und als er nicht bezahlt wird, wendet er seinen Zauber auf Menschen an. Das hatte Henderson also gemeint. Und jetzt war er selbst in den Fängen eben dieses Mannes und seiner Flöte, wobei sich der Mann zum DJ und die Flöte zum Mischpult gewandelt hatten. Frank wollte aufhören zu tanzen, sich wehren gegen die Musik. Doch sein Körper machte unbeirrt weiter und er war zum stummen Zuschauen verdammt. Gerade in diesem Moment wurde die Musik leiser, da der DJ eine neue Platte auflegte oder anderweitig eine Pause machte. Die Musik verebbte und es blieb ein Grundpegel von etlichen Unterhaltungen in dem großen Raum, während die Menschen die Arme sinken ließen und teilnahmslos dastanden. Frank machte einen zitternden Schritt nach vorn, dann noch einen. Er wusste, er hatte nicht viel Zeit. Es gelang ihm, den Rest des Zaubers zu durchbrechen und er stolperte durch die Leute durch in Richtung DJ.
Er hatte es fast geschafft und sah bereits eine der Treppen zum Vorsprung, als der DJ wieder zu spielen begann. Die Musik drang zurück in seine Glieder und seinen Kopf, und er biss die Zähne zusammen im Versuch, es auszublenden. Frank stürzte, als Licht und Klang auf ihn eindrangen und ihn in wohltuender Wärme einschlossen. Stechender Schmerz riss durch die Wärme. Er blinzelte stark und fand sich oben auf der Treppe wieder, nur wenige Meter vom DJ entfernt. Sein Schienbein schmerzte, er musste auf eine der Stufen gefallen sein. Panisch riss er die Pistole hervor und schoss. Der erste Schuss ging komplett daneben, der zweite traf das Mischpult und zerstörte die Elektronik. Schlagartig herrschte Totenstille, während Stroboskop und Laser die alte Klärstation in wechselndes Licht tauchten. Der DJ, Konrad, sah ihn geschockt an und trat einen Schritt zurück. Frank schoss ihm in die Brust, zweimal, dreimal. Konrad stürzte zu Boden und blieb reglos liegen, er war tot. Schwer atmend ließ Frank die Waffe sinken und blickte zur Seite. Alle Augen im Raum waren auf ihn gerichtet. Rufe erschollen aus der Menge, die bis vor einem Moment noch getanzt hatte. „Der Mann in Schwarz!“ „Er ist es, er ist es!“ „Wir werden alle sterben!“ Binnen eines Augenblicks breitete sich Panik aus und alle versuchten, zum einzigen Ausgang zu kommen. Schreie erfüllten die ehemalige Klärstation, während Menschen und Tiermenschen gleichermaßen drängelten, schubsten und stolperten. Frank stand geschockt neben dem toten DJ, die Waffe glitt ihm aus der Hand. Plötzlich war jemand an seiner Seite und eine Stimme übertönte die die Schreie. „Beruhigt euch! Es ist vorbei!“ schallte die Stimme aus den Boxen, die noch wenige Sekunden zuvor die alles bestimmende Musik des DJ verbreitet hatten. Frank ging auf, dass es Stacy war. Sie war wie aus dem Nichts auf der Bühne aufgetaucht und hatte sich ein Mikrofon vom Pult gegriffen. Ihr sorgenvoller Blick zuckte über die Menge, während ihr Schwanz aufgeregt hinter ihr wackelte. „Beruhigt euch und hört mir zu!“ Und tatsächlich, ihre Worte schienen einen Effekt auf die Menge zu haben, da die Schreie weniger wurden und schließlich aufhörten. Auch wenn einige noch durch die Tür liefen, so stoppte die Mehrzahl tatsächlich und blickte hinauf zu Stacy. „Ich verstehe, dass ihr Angst habt, doch es droht euch keine Gefahr. Konrad ist tot, und mit ihm sein Zauber.“ sagte sie mit bebender Stimme, „Ich weiß, dass es für viele die einzige Möglichkeit war, für ein paar Stunden komplett loszulassen und endlich wirklich glücklich zu sein. Ihr habt euch willentlich in die Hände des Rattenfängers begeben. Doch das trifft nicht auf alle zu. Selbst jetzt sehe ich Gesichter, die nicht wissen, wo die letzten Stunden hin sind.“ Stacy atmete durch und warf ihm einen kurzen Blick zu, bevor sie fortfuhr. „Frank hier hat Konrad getötet, ja. Und ich versichere euch, dass er nur wegen Konrad hier war. Ich weiß es, denn Frank hat auch Naphilia getötet. Er hat mich und viele andere gerettet.“ erklärte die Fuchsfrau mit nunmehr fester Stimme. Irgendwer in der Menge rief „Der Mann in Schwarz hat ihn geschickt, so wie das letzte mal!“, und zustimmendes Murmeln erhob sich. Stacy schüttelte den Kopf und hob beschwichtigend die freie Hand. „Selbst wenn der Mann in Schwarz Frank geschickt hat, heute wird niemand mehr sterben. Konrad starb, weil wir es übertrieben haben. Menschen wurden hergebracht, ohne zu wissen, was ihnen widerfahren wird. Wir müssen aufhören, anderen unseren … Willen aufzuzwingen. Ich habe es am eigenen Leib erfahren, den Willen von Naphilia im Mystic Lair. Hier haben wir es nicht für Macht getan, sondern um loszulassen. Aber das macht es nicht weniger falsch.“ Stacys einfühlsame Stimme verhallte im Gewölbe und sie ließ den Kopf hängen, „Es ist spät Leute, geht nach Hause.“

Ein paar Minuten später stand Frank zusammen mit Stacy am Rande des Floors. Das Effektlicht war verschwunden und hatte normaler Beleuchtung Platz gemacht. Es waren kaum noch Leute da, die nicht zur Bedienung gehörten. „Meinst du immer noch, dass das alles hier ein Traum ist?“ fragte Stacy betrübt. Frank blickte in ihr von Sorge zerfurchtes Gesicht. „Ich … ich weiß es nicht.“ gestand er, „Es fühlt sich so unwirklich an … es ist anders als alles, was ich sonst erlebe.“ „Selbst wenn es für dich ein Traum ist, für alle anderen hier, auch mich, ist es real. So real wie es nur sein kann.“ erklärte Stacy. Gina kam zu ihnen herüber und grinste. „Alle Achtung, hätte echt erwartet, dass du so lange tanzt, bis du zusammenklappst. Die Wette hab ich wohl verloren.“ lachte die Frau und schlug ihm hart auf die Schulter. Frank schüttelte den Kopf, ihm war nicht zum Lachen zu mute. Daher gab er nur zurück „Kannst ja gern für deinen Teil zu mir nach Hause kommen.“ Gina lachte schallend, „Regel hin oder her, Hausbesuche kannst du dir nicht leisten.“ Frank schüttelte den Kopf und wandte sich wieder zu Stacy. „Also Konrad, der Rattenfänger … das Märchen ist also wahr?“ fragte er verwirrt. Die Fuchsfrau zuckte mit den Schultern, „Was damals geschehen ist, kann ich nicht sagen. Aber der Effekt ist der Gleiche. Wie schon gesagt, die Meisten waren freiwillig hier, doch nicht alle. Es ist nichts im Vergleich zu Naphilia, jeder hier wird sich in ein oder zwei Tagen wieder erholen. Und … hätten wir es allen gesagt, wärst du jetzt wohl nicht hier.“ Sie schniefte und wandte sich zum Gehen. Frank wollte sie zurückhalten, irgendetwas positives sagen, doch ihm fiel nichts ein. „Vielleicht treffen wir uns mal unter schöneren Umständen.“ flüsterte er, als sie durch die Tür verschwunden war. Gina stand immer noch neben ihm und betrachtete ihn wie ein Raubtier seine Beute. „Schönere? Bislang hast du nur den Tod gebracht. Gut, zugegebenermaßen bist du in anderen Belangen nicht gänzlich unfähig …“ stellte die Frau sarkastisch fest. „Wow.“ gab Frank nur zurück. Ihm wurde bewusst, dass es Zeit war, zu gehen.

Er hatte Gina doch noch seine Adresse genannt, und ihr gesagt, falls sie oder Stacy ihn mal besuchen wollten, konnten sie jederzeit vorbeikommen. Insgeheim hoffte er auf einen Beweis, dass all dies real war. Nun kroch er wieder durch die Kanalisation zurück zur Straße. Plötzlich blieb er stehen. Es stank erbärmlich. Was, wenn es wie erhofft kein Traum war, aber sich keine der Beiden meldete? Er sah sich um und kratzte mit einem der metallenen Knöpfe seiner Jacke eine Markierung in eine alte Rohrleitung. Kurz vor dem Ausstieg brachte er noch eine Markierung an. Oben würde Henderson auf ihn warten.
Nachdem er nach oben geklettert und die Luke zugefallen war, trat Agent Henderson aus den Schatten. „Mister Frank, ich gratuliere. Sie entwickeln sich zu einem wertvollen und zuverlässigen Auftragnehmer.“ sagte der Mann und zog an seiner Zigarette. „Vielen Dank.“ gab Frank trocken zurück und zog das Foto aus der Tasche. „Die Waffe habe ich leider verloren, es gab einen ziemlichen Tumult.“ sagte er und gab das Bild von Konrad zurück. Henderson nickte, „Der Wagen bringt Sie nach Hause.“ Und tatsächlich kam bereits das Auto die Straße herangefahren. „Einen Moment, ich habe eine Frage.“ sagte Frank hastig, „Ich … ist das alles hier ein Traum? Alles ist so sonderbar und … es wirkt wie ein Traum.“ Agent Henderson stieß Rauch aus, der unter dem Hut hervorwallte. „Das liegt im Auge des Betrachters, Mister Frank. Für den einen ein Traum, für den anderen eine Alltäglichkeit.“ erwiderte der Agent ominös, bevor er die Straße entlang davon ging. Frank ging auf, dass neben ihm der Wagen mit geöffneter Tür und laufendem Motor stand. Als er sich hineinsetzte wurde er schläfrig und nach wenigen Augenblicken fielen ihm die Augen zu.

Stöhnend wachte Frank auf. Er rieb sich die Augen und schielte auf den Uhr. Er hatte lange geschlafen und es war schon Vormittag. Als er sich aufsetzte stellte er sich die gleiche Frage, die er schon die ganze Zeit gehabt hatte. Ob es ein Traum gewesen war. Er wusste es nicht. Frank stand auf und erst jetzt sah er die Geldschein-Bündel auf der Kommode. Mit offenem Mund drehte er sich um und stellte fest, dass seine Jacke, die am Vorabend noch sauber gewesen war, jetzt dreckig war. Er hatte eine Antwort auf seine Frage, ob alles nur ein Traum gewesen war. Nein, es war kein Traum, sondern absolut real. Es war an der Zeit, dem Ganzen auf den Grund zu gehen.