Kapitel 1 - Aufbruch nach Osten

Die warme Sonne schien in ihr Gesicht, irgendwo zwitscherte ein Vogel. Durch die Sonne geweckt öffnete sie die Augen. Grüne Halme bogen sich durch eine Brise, der Geruch von Gras lag in der Luft. Die Sonne stand hoch am Himmel und die junge Frau erhob sich. Um sie herum war eine weite Wiese, die das kleine Tal füllte, in dessen Mitte sie stand. Blinzelnd sah sie sich um. Sie wusste nichts. Nicht wie sie hierherkam, wo sie war, oder gar wer sie war. Im Versuch, Antworten auf die aufkeimenden Fragen zu finden, blickte sie an sich herunter. Sie trug bäuerliche Kleidung, einen langen Rock aus derbem Baumwollstoff und am Oberkörper ein leinenes Hemd. Darunter war eine Oberweite ersichtlich, für die sie sich wahrlich nicht schämen musste. Sie hatte langes, blondes Haar und blasse Haut. Um ihren Hals hing ein Amulett. Es war von mattem Blau und mit sonderbar vertrauten Symbolen beschriftet, welche sie jedoch nicht verstand. Ratlos blickte sie sich um. Überall war das Gras, nur direkt unter ihr war eine Stelle, an der es zu Asche verbrannt war. Ihre nackten Füße standen in der Mitte von einem kleinen Kreis, in dem alles verbrannt war. Dann merkte sie, dass ihre linke Hand zur Faust geballt war. Als sie sie öffnete, lag darin ein abgerissenes Stück Papier, auf dem etwas in zittriger Schrift geschrieben stand. „Awelia, geh nach Osten!“ War das ihr Name? Awelia. Es musste wohl so sein, die Nachricht war offenbar für sie bestimmt. Sie sah sich um, wusste jedoch nicht, wo Osten war. Daher beschloss sie, das Tal zu verlassen und sich einen Überblick zu verschaffen, in der Hoffnung, Antworten zu finden.

„Zum letzten mal: Ich gebe dir 5 Silberstücke dafür. Nicht mehr!“ Der Dorfmarkt war trotz seiner bescheidenen Größe voller Menschen. Nicht nur Leute aus dem Dorf, sondern auch von den umliegenden Höfen. „Nein! 20 oder es gibt nichts! Weißt du, wie schwer es war da ranzukommen?! 20, mein letztes Wort!“ Der Verkäufer stand wütend und mit rotem Kopf hinter seinem Tisch und starrte den Mann auf der anderen Seite an. Dieser lehnte sich mit einem Grinsen nach vorn und legte 15 Silberstücke auf den Tisch. „Weil heute so schönes Wetter ist.“ „Mach, dass du verschwindest!“ schnauzte der Verkäufer und schob das Geld zurück. Der Mann nahm es und ging weiter. Er war jung, hatte kurzes, schwarzes Haar und trug eine blaue Hose und ein blaues Hemd aus Tuch. Am Gürtel hing an der rechten Seite ein Beutel mit Geld, an der linken ein Schwert. Um ihn herum versuchten Verkäufer ihren Kram loszuwerden, und Käufer um einen günstigen Preis zu feilschen. Feron schlenderte zwischen den Ständen entlang, doch er fand nichts, wofür es sich lohnte Geld auszugeben. Schlussendlich ging er in die örtliche Herberge, um ein Zimmer für die Nacht zu mieten.

Als Awelia auf dem Kamm stand, blickte sie über die Landschaft. In der Ferne hinter einem Wald waren Berge am Horizont zu erahnen. Direkt vor ihr lag ein weiteres Tal. Es war wieder eine Wiese, doch am Hang auf der anderen Seite wuchsen Bäume. In der Mitte lag ein alter Bauernhof mit einem kleinen Feld, einem Holzhaus und einer Scheune. Hinter dem Tal, aus dem sie gerade kam, sah sie bis zum Horizont nichts als Gras. Da es das einzige war, das auf andere Menschen hindeutete, lief sie hinab zum Hof.
Der Hof war alt und ungepflegt, das Feld lag brach und nichts rührte sich. Offenbar war hier schon lange niemand mehr gewesen. Vorsichtig ging sie zum Haus. Die moosbewachsene Tür war angelehnt, also trat sie ein. Und erstarrte. Direkt vor ihr stand ein älterer, aber dennoch kräftiger Mann in abgerissener Bauernkleidung, der sie warm anlächelte. Seine braunen Haare hatten schon einen grauen Ansatz, doch er wirkte gut in Form. „Hallo!“ sagte er freundlich mit harter, rauer Stimme. „H-Hallo.“ stotterte Awelia überrascht. Hinter dem Mann erschien eine Frau vom selben Alter, die ähnlich ärmlich gekleidet war. Ihre langen schwarzen Haare waren zu einem Zopf gebunden worden und ihre Oberarme waren überraschend muskulös. „Wir bekommen nicht oft Besuch. Wo kommst du denn her?“ fragte die Frau mit einem Lächeln. Im Gegensatz zum Mann war ihre Stimme sehr sanft. Awelia hatte nicht mehr damit gerechnet, hier doch jemanden zu finden, und die Frage, wenn auch nachvollziehbar, überraschte sie. Hastig versuchte sie eine Ausrede zu finden. „Ich … ähm … ich komme von … dort hinten, weit entfernt.“ stotterte sie und deutete auf den Kamm, auf dem sie kurz zuvor gestanden hatte. „Oh, dann kommt Ihr vom Städtebund, auf der anderen Seite der Ebenen?“ fragte der Mann erstaunt. „Nun, das war sicher eine anstrengende Reise, also seid herzlich willkommen.“ fuhr er fort und die Frau bugsierte Awelia in das Haus und schloss die Tür. Die übermäßige Höflichkeit verunsicherte Awelia, doch sie sagte vorsichtshalber „Das ist sehr freundlich, danke.“ „Nun, dann lasst uns erst einmal etwas essen.“ sagte der Mann und führte sie in die Stube. Von innen sah das Haus noch schlechter aus. An etlichen Stellen hatten sich Holzwürmer gütlich getan, an den Fensteröffnungen hatte sich weiteres Moos ausgebreitet und in den Ecken hingen dicke Spinnweben. Würden hier nicht zwei Menschen leben, könnte man meinen, hier war seit Jahren niemand mehr gewesen.
Die Frau deckte schnell den Tisch, während der Mann sich setzte. „Kann ich Ihnen helfen?“ fragte Awelia die Frau unbeholfen. „Oh, nein. Das geht schon. Ruh dich aus Kindchen, ruh dich aus.“ Dann brachte die Frau das Essen. Es war eine dunkle Suppe mit Fleisch und einigen Brotstücken. Während sie aßen, fragte Awelia vorsichtig „Woher haben Sie das? Halten Sie mich bitte nicht für unhöflich, aber Ihr Acker ist ziemlich ... leer.“ „Hier in der Nähe ist ein kleines Dorf, in dem wir kaufen, was wir brauchen. Wir verkaufen ihnen etwas und sie uns.“ antwortete der Mann. „Was verkaufen Sie denn?“ fragte Awelia interessiert. „Wir jagen im Wald und verkaufen die Felle und dergleichen.“ sagte die Frau, hustete dann hastig und übertrieben und tauschte einen kurzen Blick mit dem Mann. Dieser gab sich einen Ruck und setzte sich kerzengerade hin. „Genau! Ähm … da das Feld schon lange keinen Ertrag abwirft machen wir das so.“ sagte er gestelzt. Awelia wurden die zwei immer unheimlicher. Sie aß hastig weiter und schaute erst nach einiger Zeit wieder auf. Der Mann starrte sie an und lächelte dann. „Das ist aber ein schöner Schmuck. Woher habt Ihr den denn?“ Ihr wurde kalt. Schnell steckte sie das Amulett unter ihr Hemd und stand auf. „Ich möchte mich für das Essen bedanken und würde jetzt gern weiterziehen.“ sagte sie steif. „Oh, selbstverständlich! Aber es wird schon dunkel, und bevor du draußen in der Wildnis übernachten musst, mache ich dir schnell ein Bett bereit. Folge mir bitte.“ antwortete die Frau hastig. Draußen wurde es tatsächlich bereits dunkel, und das Angebot überraschte Awelia so sehr, dass sie es annahm. Die Frau führte sie in ein kümmerliches, fast leeres Zimmer, doch das schmale Bett war bereits bereitet. Ein dünnes, geflicktes Laken lag auf dem Strohpolster zusammen mit einem eingefallenen Kissen. Während die Frau an der Tür blieb, ging Awelia zum Bett. Sie drehte sich um. „Das ist sehr freundlich von Ihnen. Ich bin Ihnen sehr verbunden.“ sagte sie. „Ach, das geht schon in Ordnung. Schlaf gut, Kindchen.“ meinte die Frau achselzuckend und schloss die Tür. Awelia starrte noch einige Sekunden auf die Tür, bevor sie den Stuhl, der in einer Ecke stand, vor die Tür stellte. Das verhinderte hoffentlich, dass jemand in der Nacht in das Zimmer kam. Sie ging zum Fenster und blickte nach draußen. Die Sonne verschwand langsam hinter dem Horizont und tauchte die Landschaft in ein orangenes Licht. Unter ihr ging der Mann zur Scheune. Auf halbem Wege drehte er sich um und winkte ihr lächelnd zu. Hastig zog Awelia sich vom Fenster zurück. Sie musste vorsichtig sein, diese Leute waren ihr nicht geheuer. Beide waren viel zu nett und dass sie auf einem eigentlich verlassenen Bauernhof lebten, war auch merkwürdig. Und dann, dass sie jagen würden. Seit sie hier war, hatte sie nichts davon gesehen. Im Geiste rekapitulierte sie den Tag. Die Wiese, in der sie aufgewacht war, der Weg zur Farm und nun in diesem Zimmer. Doch davor war nichts, so sehr sie sich auch bemühte. Awelia war sich sicher, dass davor etwas gewesen sein musste, schließlich fielen Menschen nicht einfach aus dem Himmel, sondern wuchsen über Jahre hinweg auf. Ihrem Aussehen nach zu urteilen, war sie vermutlich schon mindestens zweieinhalb Dekaden auf der Welt, auch wenn das eher geraten war. Sie wusste wie man sprach, wie Dinge zu nennen waren und wusste sogar, dass das Essen mit Gewürzen viel besser geschmeckt hätte. Trotzdem klaffte ein Loch in ihrem Gedächtnis, dass so groß war wie diese Welt. Was ist mit mir geschehen? Ist das eine Strafe für etwas, das ich getan habe?, fragte Awelia sich betrübt. Sie wusste, sie musste vorsichtiger sein. Etwas war im Gange, und sie wollte lieber vorher wissen was. Nur zu gern hätte sie gewusst, was in der Scheune war, doch sie wollte diesen Leute lieber nicht im Dunkeln begegnen. Sie legte sich ins Bett und grub sich in das Laken. Während sie einschlief, hoffte sie, dass beim Aufwachen alles einen Sinn ergab.

Feron blickte aus dem Fenster. Er war im Obergeschoss und hatte einen guten Blick über das Dorf. Viel gab es nicht zu sehen, denn das Dorf war klein, und dahinter lag nur Wald. Der Weg unter ihm war leer, jetzt wo es dunkel war. Die meisten Menschen schliefen. Wer noch wach war, war entweder Dorfwache oder betrank sich in der Schenke. Feron hatte für derlei kein Geld. Im Moment lief es nicht gut für ihn. Er war schon immer viel unterwegs, doch hatte er in letzter Zeit keinen Abenteuererfolg gehabt und sein Geldbeutel hing schlaff am Gürtel. In diese abgeschiedene Gegend zu kommen, war vielleicht keine so gute Idee gewesen, wie er ursprünglich gedacht hatte. Er hatte von den marodierenden Räuberbanden gehört und sich vorgestellt, Geld und Ruhm zu ernten. Nur um festzustellen, dass die Räuber genauso arm waren wie er. Lange grübelte er, wie es weitergehen sollte. Umzukehren würde seine Zeit brauchen und seinem Geldbeutel den Rest geben. Und er wusste noch nicht einmal wo er einen Auftrag herbekommen sollte, um seine Finanzen aufzubessern. Seine beste Chance war wahrscheinlich, sich zum Städtebund durchzuschlagen, der durch den Handel wohlhabend war. Ja, das wäre tatsächlich eine gute Möglichkeit, dachte Feron und legte sich in das billige Bett.

Awelia erwachte und setzte sich auf. Sie war allein und ihr Amulett war noch da, sie spürte es auf der Haut. Es war ein beruhigendes Gefühl. Draußen war bereits die Sonne aufgegangen. Leider wusste sie immer noch keine Antwort auf die vielen Fragen. Sie stand auf und verließ das Zimmer. Der Mann und die Frau erwarteten sie bereits am Essenstisch in der Stube. „Ihr habt ja sehr lange geschlafen. Wir sind schon eine ganze Weile wach.“ grummelte der Mann. „Lass dich nicht verunsichern Kindchen. Es ist noch nicht so spät.“ lächelte die Frau. „Setze dich doch und iss etwas, du siehst hungrig aus.“ „Oh, nein. Ich bin immer noch satt. Danke trotzdem.“ sagte Awelia schüchtern. „Nun, dann bringen wir dich noch zur Tür. Und wir haben noch ein paar Schuhe für dich, damit du nicht mehr barfuß herumlaufen musst.“
Draußen vor der Tür wandte sich Awelia zu den beiden um. „Ich möchte mich noch einmal für alles bedanken. Das Essen war wirklich ausgezeichnet und auch das Bett war gut. Das war wirklich sehr freundlich von Ihnen.“ Dann runzelte sie die Stirn. „Oh, bevor ich es vergesse. Eine letzte Frage noch: Wo ist Osten?“ Der Mann zeigte grinsend mit dem Finger auf den Wald. „Eine gute Reise Kindchen, pass auf dich auf!“ sagte die Frau, während Awelia in Richtung Wald ging. „Die Augen immer nach vorn, seid auf der Hut!“ rief ihr der Mann hinterher.

Es war später Morgen, als Feron das Dorf verließ. Die Bewohner waren schon längst auf den Beinen und liefen geschäftig umher. Nachdem er sich ausgeschlafen und gegessen hatte, war er aufgebrochen. Der Weg, dem er folgte, führte direkt in den Wald. Hinter den letzten Häusern hatten sich einige Dorfwachen positioniert. Als er vorbei ging sagte eine der Wachen „Passen Sie auf, in letzter Zeit sind ´ne Menge Räuber im Wald. Also ich würde nicht alleine da hineingehen.“ Feron grinste und schlug gegen sein Schwert. „Ich schaff das schon.“ Der Mann nickte grimmig. Vor ihm lag nun der Wald, hinter dem bessere Zeiten warten mochten.

Ein schmaler, ausgetretener Pfad führte durch den Wald. Das dichte Blätterdach der Laubbäume tauchte alles in ein Halbdunkel und am Rand des Pfades waren Hügel mit dichtem Gestrüpp und kleineren Felsen. Immer wieder huschten Tiere durch das Unterholz oder Vögel zwitscherten in den Bäumen. Bald hörte sie das Plätschern von Wasser und entdeckte vor sich einen kleinen Bach, der den Pfad unterbrach. Die Spur verschwand im Wasserlauf und trat auf der anderen Seite versetzt wieder hervor. Awelias Füße berührten das kalte, kristallklare Wasser, als sie in den Bach trat. Das Wasser umspülte ihre Knöchel und sie hörte ein Kichern. Als sie sich umsah, sah sie ein gelbes Licht zwischen den Bäumen am Wasser hin und her hüpfen. Bei näherem Hinsehen erkannte sie ein kleines geflügeltes Wesen, das auf sie zuflog. In den gelben Lichtschein gehüllt flatterte eine Fee heran, kaum größer als Awelias Hand. Mit einem hellen Lachen schwirrte die Fee um sie herum, bevor sie den Flusslauf entlang flog und im Wald verschwand. Mit einem Lächeln auf den Lippen setzte Awelia ihren Weg fort. Es würde alles gut werden.
Gedankenversunken folgte sie dem Pfad. Sie stellte sich vor, wie an dessen Ende die Antworten auf ihre Fragen warteten. Wie es sein würde, endlich zu wissen wer sie war. Doch als sie sich kurz aus ihrer Fantasie losriss und in die Wirklichkeit zurückkehrte, bekam sie ein flaues Gefühl. Der Wald war ungewöhnlich still. Keine Vögel zwitscherten, nichts krauchte im Unterholz. Das gefiel ihr noch weniger wie das mysteriöse Verhalten ihrer vorigen Gastgeber. Und bald wusste sie, wieso.
Der Pfad machte eine Biegung um einen großen Felsen, und mitten im Weg stand plötzlich ein schäbiger Mann mit abgerissener Lederkleidung und lüsternem Grinsen. „Na, wohin des Weges? Ein hübsches Mädchen ganz allein im Wald? Das ist schon zu einfach.“ sagte er und sein Grinsen wurde noch breiter. Awelia drehte sich um, doch hinter ihr kam ein Dutzend anderer Männer zwischen den Bäumen hervor. Der erste Mann, der scheinbar der Anführer war, kam näher. „Ich glaube, du wirst ´ne gute Köchin abgeben.“ feixte er und betrachtete sie von oben bis unten. Sie fühlte Angst in sich aufsteigen. „Weißt du, unser letzter Koch ist abgehau´n, also brauchen wir jemand neues.“ erklärte der Mann. „Du kannst doch kochen, oder?“ Er trat noch einen Schritt auf sie zu und griff nach ihr. „Ich würde das an eurer Stelle nicht tun.“ sagte eine laute, ruhige Stimme. Alle drehten sich herum zu dem Mann, der auf dem Felsen über ihnen stand. „Oh, jetzt seht euch mal das Bürschchen an! So, du willst uns hindern?“ fragte der Anführer lachend. Der Mann mit blauer Kleidung sprang vom Felsen und landete nur ein paar Schritt von ihnen entfernt auf dem Weg. „Ganz genau.“ sagte er und zog sein Schwert. Sofort stellten sich ihm sechs der Räuber in den Weg. Der Anführer drehte sich um und packte Awelia. Sie wimmerte, als er sie zu sich heranzog. Sein Gesicht war jetzt direkt vor ihrem und grinste sie mit dreckigen, zerfressenen Zähnen an.

Feron stürzte sich auf den ersten Räuber, doch dieser parierte seinen Hieb. Der zweite Schlag traf und trennte dem Mann den Waffenarm ab. Das Blut spritzte aus der offenen Wunde und der Getroffene zog sich schreiend zurück. Die Übrigen waren nun wesentlich vorsichtiger.
Der Anführer bellte Befehle und zog die Frau mit sich. Sie merkte, wie er einen Moment lang abgelenkt war, und stieß ihm in den Bauch. Überrascht ließ er sie los und sie war frei. Feron parierte ein paar halbherzige Hiebe der Räuber und konterte mit einem schnellen Stoß, der einen der Angreifer zu Boden schickte. Die Frau rannte auf ihn zu und durch die Lücke der überraschten Räuber. „Ab! Zurück!“ brüllte der Anführer, und die Kerle zogen sich schnell in den Wald zurück.
Awelia atmete tief ein und aus. Nur der Mann mit der blauen Kleidung war geblieben und lächelte sie an. Langsam ging sie zu ihm. „Danke, dass du mir geholfen hast.“ sagte sie. Ruhig steckte er das Schwert weg. „Ich würde glatt sagen, dass eine so hübsche Frau nicht alleine in einen Wald wie diesen sollte. Glücklicherweise ist alles gut gegangen, für Euch.“ meinte der Mann und kratzte sich verlegen am Kopf, während er rot wurde. Sie schaute betreten zu Boden. „Dieser Wald ist gefährlicher, als ich gedacht habe.“ Der Mann nickte. „Nicht weit von hier ist ein kleines Dorf, von dort komme ich gerade. Ich begleite Euch dorthin. Oh, mein Name ist übrigens Feron.“ „Ich bin Awelia“ sagte sie und bemühte sich um ein Lächeln.

Rasch verließen sie den Wald und vor ihnen lag das Dorf. Eine Dorfwache kam ihnen gemütlich entgegen geschlendert. „Gab es Probleme?“ fragte der Mann, mit dem Feron am Morgen gesprochen hatte. „Da war eine Räuberbande, aber ich habe sie vertrieben.“ antwortete Feron. Die Wache nickte und begleitete ins Dorf. Feron wandte sich zu Awelia um. „Alles in Ordnung?“ fragte er. Sie nickte und lächelte leicht. Dann überlegte sie kurz. „Ich habe Hunger.“ „Geht klar.“
Trotz der Mittagszeit war der Markt beinahe leer. Feron führte Awelia zu einem Stand, an dem Backwaren angeboten wurden. „Sucht Euch was aus.“ sagte er mit einer ausholenden Geste „Das hätte ich gerne.“ sagte sie und zeigte etwas schüchtern auf ein kleines Brot. „Das macht ein Silberstück.“ sagte die Verkäuferin. Feron gab ihr das Geld, während Awelia zu essen begann. Mit vollem Mund sagte sie „Das ist wirklich sehr freundlich.“ „Wer kann solch einer Frau schon widerstehen?“ grinste er. Sie hielt inne und schluckte den Bissen herunter „Willst du nur mit mir ins Bett?“ Feron lachte und schüttelte den Kopf. „So bin ich nicht. Ihr seid mir einfach nur sympathisch, da helfe ich doch gern.“ Awelia nickte erleichtert. „Danke für vorhin. Im Wald. Ich weiß nicht, ob ich es sonst geschafft hätte. Das war sehr mutig von dir, und dafür danke ich dir.“ Er wollte abwinken, doch sie schlug ihm leicht gegen die Schulter. „Keine falsche Bescheidenheit, mein großer Retter.“
Nachdem sie langsam einige Zeit schweigend durch das Dorf gegangen waren, fragte Feron „Wohin müsst Ihr jetzt eigentlich?“ „Nach Osten ...“ antwortete Awelia. „Geht es etwas genauer?“ fragte er verwundert. Sie musterte ihn etliche Sekunden lang misstrauisch und unschlüssig, schließlich antwortete sie „Ich vertraue dir.“ Sie zog den kleinen Zettel hervor und reichte ihn ihm. Feron las ihn mehrmals durch. „Nun gut, dann lasst uns nicht lange herumtrödeln.“ „Was?“ sie starrte ihn an. Überrascht blickte er auf und gab ihr den Zettel zurück. „Ich meine, du willst mit mir reisen?“ Feron runzelte die Stirn. „Ich bin freier Mann, selbstverständlich kann ich das tun. Es sei denn, Ihr möchtet auf meine Gesellschaft verzichten.“ „Nein, so war das nicht gemeint, entschuldige. Es überrascht mich nur. Das ist sehr freundlich und natürlich nehme ich das Angebot an. Nur eine Sache noch – Bitte nicht mehr Siezen, ich bin eine ganz normale Frau.“ Die übertriebene Höflichkeit hatte Awelia schon die ganze Zeit gestört. Er grinste „Ganz wie du willst. Hier entlang die Dame.“
Kurz darauf verließen sie das Dorf nach Nordosten über einen ausgetretenen Feldweg. Der Wald blieb auf der anderen Seite des Dorfes zurück, um sie herum lagen Hügel und Bauernhöfe und sehr weit vor ihnen erhoben sich einige Berge. „Was ist dort vorn?“ fragte Awelia. „Vor den Bergen liegt Kleetal. Es ist eine ... nun, normale, dennoch kleine Stadt am Fuße der Berge. Von dort kommen wir über die Berge in das Hochland von Sonnenberg. Die dortige Stadt, Sonnenberg, ist größer und es gibt bessere Wege. Und von dort kommen wir dann noch weiter nach Osten.“ Awelia nickte leicht. „Und .. wie lange werden wir brauchen?“ „Ich schätze, morgen Nachmittag kommen wir in Kleetal an. Dann werden wir noch zwei oder drei Tage über den Berg bis Sonnenberg brauchen.“ erklärte er und fügte dann traurig hinzu „Ich habe leider kein Geld für ein Pferd, ansonsten würden wir jetzt nicht laufen.“

Langsam wurde es dunkel und Feron fragte „Sollen wir weiter laufen oder suchen wir uns einen Schlafplatz?“ „Wenn es dir nichts ausmacht, suchen wir einen Platz zum Schlafen.“ antwortete Awelia. Feron sah sich in der zunehmenden Dunkelheit um. Dann zeigte er auf die andere Seite des Feldes. „Dort ist eine Baumgruppe, dahinter können wir die Nacht verbringen.“ Gemeinsam verließen sie den Weg und liefen durch das Feld. Das Gras war nur kniehoch, so dass sie rasch zu den Bäumen kamen. Feron ging um die Bäume herum und legte sich ins Gras. „Ich weiß nicht.“ meinte Awelia, „Wird das nicht jemand sehen?“ „Wir sind gut hundert Schritt vom Weg entfernt. In der Dunkelheit kann kein Mensch so weit schauen. Und nichts anderes ist hier draußen.“ erklärte Feron ruhig. Nach einem kurzen Zögern legte sie sich ebenfalls hinter die Bäume. Lange Zeit herrschte Stille zwischen ihnen. Awelia betrachtete die Sterne am wolkenlosen Himmel. Irgendwann hielt sie die Spannung nicht mehr aus und drehte ihren Kopf herum. Sie flüsterte „Bist du noch wach?“ „Ja.“ antwortete er augenblicklich ohne zu flüstern. Awelia blickte wieder nach oben. „Woher ... kommst du eigentlich?“ Es dauerte einige Zeit, bis er antwortete. „Ich komme ursprünglich aus einem kleinen Dorf, weit im Nordosten. Ich weiß noch, früher als Kind habe ich immer im Wald gespielt. Es hat mich schon immer hinaus gezogen in die Welt. Wir waren nur Bauern und Handwerker, daher kam ich nie vom Dorf weg.“ „Und was ist dann passiert?“ Es dauerte eine Weile, bis er antwortete. „Eines Tages bin ich gegangen. Hinaus in die Welt. Ich bin herumgereist, in alle Himmelsrichtungen, auf die Berge, auf das Meer. Und nun hat es mich hierher verschlagen.“ Sie überlegte einige Zeit. Dann sagte sie traurig „Ich weiß leider nicht, woher ich komme. Ich weiß nichts über mich selbst, über mein Leben. Nur, dass es wichtig ist, dass ich nach Osten reise.“ „Ich werde dir helfen, dein Ziel zu erreichen.“ Awelia blickte ihn wieder an. „Warum?“ „Weil es das ist, was ich tue. An dem Tag, an dem ich mein Dorf verlassen hatte, habe ich nur von Tag zu Tag, von Abenteuer zu Abenteuer gelebt. Es war oft schwierig, über die Runden zu kommen. Aber ich habe das Gefühl, dass das hier, dass dieses Abenteuer mein Leben wieder auf eine geordnete Bahn lenken kann.“ „Das tut mir Leid.“ „Es ist ja nicht deine Schuld. Damit muss ich alleine fertig werden.“ antwortete er verletzt. Sanft streichelte sie seinen Arm „Nein. Wenn du mir hilfst, dann helfe ich auch dir.“ Sie glaubte, ein Nicken zu erkennen, dann sagte er „Gute Nacht.“ Awelia nahm es ihm nicht übel, dass er jetzt allein sein wollte mit seinem Schmerz. Also schaute sie wieder auf die Sterne, welche über sie wachten und aufmunternd leuchteten.

Die Sonne kroch über den Horizont und Feron erwachte. Awelia lag nur einen Schritt neben ihm und schlief. Vorsichtig erhob er sich und spähte an den Bäumen vorbei. Der Weg war weitgehend leer, nur wenige Personen waren unterwegs, einige davon mit Fuhrwerk. Niemand schien sie bemerkt zu haben. Er ging zu Awelia und überlegte, wie er sie am besten wecken könne. Kurzerhand rüttelte er leicht an ihrer Schulter, wodurch sie tatsächlich erwachte. Verschlafen setzte sie sich auf und rieb sich die Augen. „Gehen wir weiter?“ nuschelte sie. „Ja, wir schaffen es mit ein bisschen Glück sogar bis Mittag.“ Sie erhob sich und sie gingen wieder auf den Weg.
Sie gingen schweigend und die Berge kamen immer näher, und gegen Mittag konnten sie bereits die Häuser von Kleetal erkennen. Kleetal selbst war von einem Palisadenwall umgeben. Nur ein Tor war darin, um Personen hinein oder hinaus zulassen. Zudem waren plötzlich auch viel mehr Menschen unterwegs. Fuhrwerke und Reisende die auf dem Weg waren nach Sonnenberg oder von dort kamen. Vor dem Tor standen mehrere Stadtwachen und betrachteten alle Ankommenden misstrauisch. Ein Fuhrwerk mit Heu nur wenige Schritte vor ihnen wurde angehalten. „Was haben wir denn da?“ rief eine Wache und zog einen klobigen Gegenstand unter dem Heu hervor. „Die sind verboten, dass wissen Sie sicherlich.“ sagte die Wache, während der Bauer vom Fuhrwerk stieg. „Mein Herr, das ist ein Schmuckobjekt. Ich möchte es meinem Bruder schenken, er mag dieses Abstrakte ...“ erklärte der Bauer, trat an die Wache heran und schüttelte ihr die Hand. „Selbstverständlich, fahren Sie weiter. Willkommen in Kleetal.“ sagte die Wache freundlich. „Ist das nicht erst recht verboten?“ raunte Awelia Feron zu. „So läuft das nun mal. Das ist eine undankbare Arbeit. Schützen, nichts bekommen und ständig in Gefahr. Da lässt man sich schnell mal etwas zustecken.“ antwortete er. Sie passierten das Tor und vor ihnen waren plötzlich steinerne Häuser und noch mehr Menschen. Awelia betrachtete die Leute. „Was ist das?“ fragte sie und ruckte mit dem Kopf leicht zu einer Gestalt in langem, erdfarbenen Kapuzenmantel mit goldenen Verzierungen, die eine gewundene Kerze vor sich angezündet hatte. „Das ist einer der so genannten Propheten der Wüste. Sie kommen von weit her, tun geheimnisvoll und erzählen wirres Zeug. Sie sollen ziemlich weise sein, aber ich habe noch nichts von ihrem Geschwafel verstanden.“ erklärte Feron. „Los, suchen wir etwas zu Essen und eine Herberge.“
Nach kurzer Suche fanden sie am Stadtrand ein Gasthaus, in dem man auch ein Zimmer mieten konnte. Feron hatte hier schon zuvor genächtigt. Das „Kleeblatt“ war heruntergekommen, aber dennoch gut besucht. An fast allen der rustikalen Holztische saßen Gäste, die meisten tranken und schwatzten. Sie suchten sich einen Tisch abseits und Feron bestellte sich einen Rinderbraten. Awelia hatte nicht viel Hunger und nahm Kartoffeleintopf. „Und du weißt wirklich nicht, was die Nachricht bedeutet?“ fragte Feron mit vollem Mund. Awelia schüttelte den Kopf „Ich kann mich an nichts erinnern, bevor ich auf der Wiese aufgewacht bin. Am Tag bevor ich auf dich traf.“ antwortete sie. „Was ist im Osten?“ fragte sie nach ein paar Sekunden. Feron überlegte. „Also zunächst einmal Sonnenberg. Danach geht es über die Ebene zum Fürstenwald. Der ist ziemlich groß, und auch der Osten ist ja jetzt nicht unbedingt eindeutig.“ führte er auf. „Wieso?“ fragte Awelia überrascht. „Naja, es ist eine Himmelsrichtung. Das ist nicht so, dass damit ein bestimmter Punkt angesteuert wird, sondern wenn du dich einmal um dich selbst drehst, dann ist ein Viertel der Drehung Osten. Das ist in etwa wie mit rechts und links, der Stuhl da drüben ist rechts vom Tisch, aber der andere Stuhl auch.“ erklärte er ihr. Awelia glaubte zu verstehen. „Dann ist dieser Zettel ja wenig hilfreich, alles ist ja von irgendwo betrachtet Osten.“ sagte sie traurig. „Kopf hoch, ich denke, wenn wir nur weit genug nach Osten gehen, wird dir schon etwas bekannt vorkommen.“ grinste Feron und aß weiter. „Was ist eigentlich mit dem Kerl da, der mit dem roten Mantel?“ fragte Awelia plötzlich. Feron drehte sich um und sah den von Awelia beschriebenen Burschen hinter einem voll besetzten Tisch in Deckung gehen. „Hm, keine Ahnung, den kenn´ ich nicht.“ grummelte Feron. Vielleicht will er der hübschen Frau ´nen Antrag machen. dachte er bei sich und wandte sich wieder dem Essen zu. Unbemerkt wurden sie von einem weiteren Gast aus den Schatten beobachtet.
Bald darauf hatten sie sich in ein Zimmer im Obergeschoss zurückgezogen. Die üblichen Gäste schienen wenig Anforderungen zu haben und auch wenig auf Sauberkeit zu achten, dementsprechend sah das Zimmer ziemlich schrecklich aus. Glücklicherweise war das Bett brauchbar, und Feron überließ es Awelia ohne mit der Wimper zu zucken. Er selbst setzte sich auf den klapprigen Holzstuhl, nachdem er den Nachttisch vor die Tür geschoben hatte. „Bist du sicher? Es kommt mir irgendwie gemein vor.“ fragte Awelia mit Blick auf den Stuhl. „Keine Sorge.“ lachte Feron. „Ich hab schon schlimmer geschlafen, zudem kann ich so besser die Tür bewachen.“

Es war noch dunkel, als Feron Awelia weckte. „Was ist denn los?“ fragte sie müde und rieb sich die Augen. „Da ist jemand vor der Tür, und ich habe keine Lust zu warten, bis er reinkommt.“ flüsterte Feron, das Schwert in der Hand. Rasch stand Awelia auf, doch es war zu spät. Mit einem lauten Krachen wurde die Tür aufgetreten, der Tisch davor rutschte träge über den Boden. Drei Männer in roten Roben stürmten in den Raum. Sie zögerten, als sie Feron kampfbereit sahen, doch nur einen Moment. „Gib uns das Mädchen.“ befahl einer von ihnen. „Und wenn ich nein sage?“ fragte Feron grimmig. Einer der Angreifer sprang vor, doch Feron hatte damit gerechnet und parierte den Hieb mühelos. Mit einer fließenden Bewegung verwandelte er die Parade in einen Konter und schlitzte dem überraschten Mann den Bauch auf. Während der Schurke zusammenbrach, überwanden die anderen beiden ihren Schreck und griffen an. Feron wich beiden Klingen aus und schlug sie zur Seite. Er machte einen Satz nach vorn, um den, der gesprochen hatte, mit seinem Schwert zu durchbohren, doch der Kerl wich ihm knapp aus. So nah am Feind hatte Feron keine Möglichkeit, seine Waffe richtig einzusetzen, also brach er dem Burschen kurzerhand mit einem Faustschlag die Nase, so dass dieser heulend zu Boden ging. Der letzte, jetzt in Ferons Rücken, griff mit einem Schrei an. Gewarnt sprang Feron zur Seite und entging dem Stoß knapp. Er prallte gegen das Bett und wandte sich fluchend dem Gegner zu. Dieser setzte zu einem wilden Hieb an, doch Feron war schneller. Er rammte sein Schwert tief in seinen Gegner und riss es wieder heraus, noch bevor der Kerl auch nur einen Laut von sich geben konnte.
Plötzlich herrschte Stille, bis auf das Keuchen des Verwundeten am Boden. Awelia starrte erschrocken auf die Szenerie und versuchte noch zu verarbeiten, was gerade geschehen war. Feron hatte problemlos diese drei Banditen besiegt. Bei seinen offensichtlichen Schwertkünsten war sie froh, dass er auf ihrer Seite war. Er blickte sie an und fragte „Alles in Ordnung?“ Awelia nickte langsam. Sie hatte sich in die Ecke des Raumes geflüchtet, als der Kampf begann. Der Mann am Boden regte sich wieder und Feron zog ihn auf die Knie. „Du warst das im Schankraum.“ stellte er überrascht fest. „Was wollt ihr von uns und wer schickt euch?“ fragte Feron schroff. Der Mann lachte spitz und schob sich ein schwarzes Blatt in den Mund. Bevor Feron reagieren konnte, schluckte er es. „Der Rote Zirkel wird … euch vernichten.“ keuchte der Schurke, bevor er in sich zusammensackte.
„Hast du ihn getötet?“ fragte Awelia leise und kam vorsichtig näher. „Nein.“ antwortete Feron kopfschüttelnd. „Er hat ein Blatt der Xorbia-Pflanze geschluckt. Eine extrem seltene und äußert giftige Pflanze, schon ein Bissen davon ist tödlich.“ „Und was ist der Rote Zirkel?“ murmelte Awelia, während sie die Toten betrachtete. Feron zuckte mit den Schultern. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung.“ gestand er, „Aber hier können wir nicht bleiben.“ Rasch verließen sie das Zimmer. Draußen war alles still, trotz des Lärms, den der Kampf verursacht hatte. Feron hoffte, dass es keine weiteren Angreifer gab, doch als sie das Kleeblatt verließen wurde er eines besseren belehrt. Auf der Straße standen ein Dutzend weitere Mitglieder des Roten Zirkels, die ihre Schwerter gezogen hatten. „Hör zu!“ schnauzte einer der Kerle, „Gib uns einfach das Mädchen und zieh deines Weges!“ Feron trat vor Awelia. „Nach wie vor: Nein.“ Der Mann schüttelte den Kopf. „Sei kein Idiot. Wenn du nicht verschwindest, töten wir dich und nehmen das Mädchen trotzdem mit!“ Er trat einen Schritt vor und das Schwert glitt aus seiner Hand. Aus seiner Brust ragte eine blutige Klinge, die er entsetzt anstarrte. Die anderen wandten sich ebenso überrascht zu ihm herum, während er nach vorn stürzte und tot liegenblieb. Hinter dem Gefallenen standen ein älterer Mann und eine ältere Frau. Sie kamen Awelia seltsam bekannt vor. „Lauft!“ rief der Mann, und tötete zusammen mit seiner Begleiterin zwei weitere Männer des Roten Zirkels, bevor diese ihre Überraschung überwinden konnten. Awelia und Feron nutzen die Chance und rannten an den Angreifern vorbei die Straße hinunter. Trotz, oder gerade wegen, des Aufruhrs war niemand sonst zu sehen. „Wir müssen hier weg!“ rief Feron, während Awelia ihm blind folgte. Wenn die ungestört vor der Herberge stehen, steckt die Stadtwache mit drin., dachte Feron hektisch. Doch wohin sollten sie fliehen? Es gab nur eine Möglichkeit, und die war durch das Stadttor zu entkommen. „Da, hinter dem Haus zum Tor!“ rief er Awelia zu, die wenige Schritte hinter ihm war.
In der kopflosen Flucht hatte Feron den falschen Abzweig gewählt und sie waren geradewegs in eine Sackgasse gerannt. Fluchend wandte er sich um. Hinter ihnen waren bereits zwei Schergen aufgetaucht. „Such einen Ausgang!“ rief er Awelia zu und machte sich kampfbereit. Doch die Angreifer kamen nicht in die Gasse. Vielmehr achteten sie darauf, dass niemand herauskam. Awelia rüttelte an den Türen, doch sie waren allesamt zugesperrt. „Hier ist kein Ausgang!“ rief sie verängstigt und stellte sich hilflos hinter Feron. Ein dritter Angreifer trat in die Gasse. Er war so groß wie drei Männer, massig gebaut und mit einer Keule bewaffnet, die so groß war wie Feron selbst. Borstige Haare sprießen wie ein Flickenteppich über die lederne Haut. Woher haben die einen Troll?, fragte sich Feron entgeistert, als die monströse Kreatur auf ihn zuzustapfen begann. Awelia wich schreckerfüllt zurück, während Feron sich spannte. Drei Schritt vor Feron blieb der Troll grunzend stehen und wuchtete seine Keule, die eine halbe Tonne wiegen mochte, über seine Schulter. Feron rollte sich zur Seite und der Aufschlag der klobigen Waffe ließ den Boden beben. Wie Feron erschrocken feststellte war sie aus Stein. Er wich einem Schwinger aus und ging zum Angriff über. Sein Hieb traf und prallte an der harten Haut ab. Wahrscheinlich hatte der Troll den Treffer nicht einmal gespürt. Noch während Feron versuchte, seine Überraschung zu überwinden, kam der nächste Schwinger. Die Keule streifte Feron knapp und der Aufprall trieb ihm die Luft aus den Lungen. Wie sollte er diesen Gegner besiegen? Er hätte die Beine angegriffen, aber die Haut war so dick, dass er kaum eine Chance hatte, sie zu durchdringen.
Awelia wich zurück, während Feron verzweifelt versuchte, die abscheuliche Kreatur zu bezwingen. Er versuchte, sie zu schützen und würde sterben. Und sie konnte nichts tun, um zu helfen. Feron hatte eine neue Strategie. Es gab Stellen am Troll, die nicht durch seine dicke Haut geschützt waren. Er duckte sich unter dem nächsten Schlag weg und rannte praktisch in den Troll hinein. Kurz bevor er gegen die Beine prallte, sprang Feron ab und begann am Monster hinaufzuklettern. Er hielt sich an den Haaren fest und zog sich rasch hoch. Der Troll quittierte die Bemühungen mit einem überraschten Grunzen und wandte den Kopf nach unten. Feron erreichte das Gesicht des Trolls. Er musste würgen, denn der Atem des Monstrums stank fürchterlich nach verfaultem Fleisch. Noch bevor er mit einem gezielten Stich dem Spuk ein Ende bereiten konnte, fühlte er sich gepackt und segelte durch die Luft. Feron knallte gegen eine Wand und rutschte zu Boden. Der Troll grunzte erneut, diesmal fast schon erheitert.
Voller Angst betrachtete Awelia die Szene, sah wie die Hauswand eingerissen wurde und sich Feron gerade noch zur Seite werfen konnte. Gleich würde es vorbei sein, und dann würden sie sie holen. Hilflosigkeit stieg in ihr hoch und drohte sie zu überwältigen. Doch da war noch etwas anderes. Ein winziger Funke tief in ihr, von dem Awelia nicht gewusst hatte, das er da war. Verwundert und neugierig ging sie in sich, und je mehr sie sich darauf konzentrierte, desto stärker wurde dieses seltsame Gefühl in ihr. Sie konnte es nicht beschreiben, doch die Hilflosigkeit und Angst wichen zurück, und etwas Mächtiges erfüllte sie stattdessen. Sie schloss die Augen und atmete tief ein. Als sie die Augen wieder öffnete, waren sie auf das Monster fixiert, dass dabei war, ihren Beschützer zu erschlagen. Das unbeschreibliche Gefühl, das sie erfüllte, drängte nach draußen. Es war wie eine unbändige Kraft, die ihre Ketten sprengte. Sie blickte auf ihre Hand und sah ein kleines, weißes Licht über ihrer Handfläche schweben. Unwillkürlich streckte sie die Hand aus, und endlich war die Kraft frei. Das kleine Licht wurde innerhalb eines Augenblickes strahlend hell, dann schoss es auf den Troll zu. Die Gasse wurde taghell erleuchtet und Awelia schloss geblendet die Augen. Als sie blinzelnd ihre Augen wieder öffnete, war das Licht verschwunden. Das seltsame Gefühl hatte sich zurückgezogen, doch sie konnte spüren, dass es noch da war, wie es tief in ihr schlief.
Feron richtete sich auf. Da war ein blendendes Licht gewesen, und für einen Moment schon dachte er, der Troll hätte ihn zerschmettert. Doch offenbar war er nicht tot. Neben ihm lag der Troll mit ausgestreckten Armen auf dem Boden. Oberkörper und Kopf dampften leicht und die Haare waren weggeschmort. Feron wusste nicht, was geschehen war, aber heute war wohl doch so etwas wie ein Glückstag für ihn. Die beiden anderen Mitglieder des Roten Zirkels waren verschwunden. Er suchte Awelia und erblickte sie ein Stück weiter hinter dem toten Troll. Sie starrte die Kreatur mit einer Mischung aus Stolz und Ekel an. „Alles in Ordnung bei dir?“ rief er ihr zu. Awelia schreckte aus ihren Gedanken auf und nickte langsam. „Warst du das?“ fragte Feron skeptisch mit einem Blick auf den Troll. „Ich weiß nicht, ich denke schon.“ antwortete Awelia zögernd. Feron sah sich um und fuhr dann fort „Wir müssen immer noch aus der Stadt raus.“

Seit sie aus Kleetal entkommen waren, waren mehrere Stunden vergangen. Die Sonne kroch hinter dem Horizont hervor und Awelia und Feron hatten mittlerweile die Berge erreicht. Sie hatten bislang keine Pause gemacht, und Feron hielt immer wieder Ausschau nach Verfolgern. Awelias Füße taten weh, doch sie wollte nicht anhalten. Sie hatten die letzten Stunden nur wenig gesprochen. Während die Sonne langsam über den Himmel kroch, folgten sie dem Weg, der sich den Berg hinaufschlängelte. Es waren ein paar Händler unterwegs, alle in Richtung Kleetal. Feron führte sie plötzlich vom Weg weg und hinter ein paar Sträucher. „Ruhen wir uns aus.“ sagte er trocken und ließ sich zu Boden sinken. Awelia war über die Pause dankbar und legte sich ins Gras. Von hier oben konnte man das Land vor den Bergen beobachten. Kleetal lag völlig ruhig am Rand des Waldes, der sich fast bis zum Horizont erstreckte. Dahinter erkannte sie das Grasland, in dem sie aufgewacht war. Ein seltsames Gefühl, auf mein ganzes Leben zurückzublicken, dachte sie nachdenklich. Ob ich mich je wieder erinnere, was vorher war? „Also, was war das da unten?“ fragte Feron unvermittelt. Awelia blickte ihn irritiert an. „Was meinst du?“ fragte sie überrascht. „Wer waren diese Kerle? Was ist der Rote Zirkel? Und was hast du mit dem Troll gemacht?“ fragte er, ohne eine Antwort abzuwarten. „Wer bist du?“
Es dauerte einen Moment, bis Awelia sich zu einer Antwort durchringen konnte. Ferons fast schon feindseliger Tonfall machte ihr Angst. Was sollte sie ihm sagen, sie wusste doch selbst keine Antwort auf seine Fragen. Sie starrte ins Nichts, während ihre Gedanken rasten. Schließlich wandte sich Feron kopfschüttelnd ab. „Ich, ich kann mich an nichts erinnern. Ich weiß nicht, was der Rote Zirkel ist oder warum sie uns angegriffen haben. Und bei diesem Troll …“ stammelte sie, den Tränen nahe. Sie erinnerte sich an das Gefühl, das alles andere verdrängt hatte. Ist es noch da?, frage sie sich und ging in sich. Nein, da ist nichts … doch, dort! Es schlummert so tief in mir … Awelia sah Feron in die Augen. „Ich hatte Angst, doch dann wurde ich von einem anderen Gefühl übermannt.“ „Was für ein Gefühl?“ fragte Feron irritiert. Sie schüttelte den Kopf, „Ich kann es nicht beschreiben. Aber ein Funke leuchtete in meiner Hand, und der Troll starb.“ erzählte sie. Feron musterte sie mit undeutbarem Gesichtsausdruck, nickte dann aber. Er stellte keine weiteren Fragen, sondern beobachtete das Land unter ihnen und warf ihr nur hin und wieder einen Blick zu.

Nach der Rast hatten sie den restlichen Weg den Berg hinauf zurückgelegt und waren jetzt im Hügelland. Der Weg schlängelte sich zwischen grasbewachsenen Hügeln entlang und am Horizont war Sonnenberg schon deutlich zu sehen. Feron wusste immer noch nicht genau, was er von Awelias Worten halten sollte. Er glaubte ihr, aber er konnte es nicht recht einordnen. Es klang wie Magie in seinen Ohren. Feron warf einen kurzen Blick auf Awelia, die stumm neben ihm herlief und die Landschaft bestaunte. Er wusste, dass es Magie tatsächlich gab, doch hatte er bisher nur erlebt, dass sie von erkennbaren großen Magiern oder finsteren Hexern gewirkt wurde. Dass diese junge Frau derart begabt sein sollte, noch dazu unbewusst, einen Troll zu töten, dass machte ihm Sorgen. Als er wieder nach vorn blickte, schätzte er die Entfernung ab. Sie würden wohl am nächsten Morgen ankommen, doch glücklicherweise gab es abseits des Weges genügend Hügel, hinter denen man ein Nachtlager aufschlagen konnte.

Die Stadtmauer von Sonnenberg ragte vor ihnen auf. Fünf Schritt hoch und aus massivem Stein wirkte sie ziemlich einschüchternd. Sonnenberg war sowohl der Name der Stadt als auch der Name des Berges, in den die Stadt geschlagen worden war. So waren die Mauern ein Teil des Berges und fest im Erdreich verwurzelt, genauso wie die hohen Türme, durch die man die Stadt von der ganzen Ebene aus sehen konnte. Während sie das große Tor passierten und Sonnenberg betraten, blickte sich Awelia staunend mit offenem Mund um. Sie hatte etwas derartiges noch nie gesehen. Feron hatte ihr gesagt, es sei die größte Stadt des Hochlands, und sie glaubte ihm. Auf den gepflasterten Wegen liefen unzählige Menschen umher, der Blick nach oben zu den Türmen wurde von dreistöckigen Steinhäusern begrenzt. Zu ihrer leichten Enttäuschung musste Awelia feststellen, dass die Häuser nicht aus dem Sonnenberg geschlagen worden waren. Als sie Feron danach fragte erklärte er ihr, dass über Jahrhunderte Erze abgebaut worden waren und so die heutige Form entstanden sei. Mittlerweile gab es kein Erz mehr, und Sonnenberg hatte viel von seinem Glanz verloren.
„Wird der Rote Zirkel auch hier sein?“ fragte Awelia, während ein paar Männer in grauen Roben vorbei eilten. „Ich hoffe nicht.“ antwortete Feron und blickte über den Platz an dem sie standen. „Aber wir werden die Vorkommnisse der hiesigen Stadtwache berichten und die wissen hoffentlich mehr.“ erklärte er und zeigte auf den großen Turm auf der anderen Seite. Es war einer der beiden markanten Türme und am Fuß patrouillierten Stadtwachen. Wie Awelia jetzt sah, waren die Fenster weiter unten mit dicken Eisenstäben vergittert. Alles in allem machte es einen abschreckenden Eindruck auf sie, aber sie vertraute Feron. Und hoffentlich würden auch andere abgeschreckt.
Von innen sah die Festung der Stadtwache wesentlich weniger bedrohlich aus. Die Räume waren spartanisch eingerichtet und die Flure so breit, dass drei ausgerüstete Wachen nebeneinander laufen konnten. Es waren viele Stadtwachen zu sehen, die sich aber kaum für Awelia und Feron interessierten. Feron wurde an einem Tisch vorstellig, hinter dem ein gelangweilt aussehender Offizier saß. Während Feron grob erläuterte, dass sie in Kleetal angegriffen worden waren, machte der Mann nur „Hm.“ und „Aha.“ Schließlich schickte er sie in einen anderen Raum, wo sich bald jemand um sie kümmern sollte.
„Lass mich reden.“ sagte Feron zu Awelia, während sie warteten. „Die müssen nur so viel wissen, dass sie uns helfen. Manches würde zu viele Fragen aufwerfen.“ Awelia nickte und setzte sich an den großen Tisch, der mitten im Raum stand. Es dauerte noch einige Minuten, bis sich die Tür öffnete und ein Offizier der Stadtwache eintrat. „Geehrte Dame, geehrter Herr. Ich bin Leutnant Lason.“ stellte der Mann sich vor und nahm ihnen gegenüber Platz. Er hatte kurze dunkle Haare, eine Narbe verlief von der Stirn zum linken Ohr. Seine Erscheinung wirkte gepflegt und er machte einen routinierten Eindruck. Der Leutnant legte eine Feder nebst Tintenglas und einen Stapel Papier auf den Tisch. „Also, Sie wurden in Kleetal angegriffen.“ stellte er fest und blickte sie erwartungsvoll an. „Das ist richtig.“ antwortete Feron und erzählte, wie sie nachts im Kleeblatt überfallen worden waren und wie sie aus der Stadt geflohen waren. Er erwähnte zwar den Troll, aber nicht, dass dieser gestorben war. Oder gar wie. Der Offizier machte sich eifrig Notizen, und stellte immer wieder Fragen und hakte nach. Feron hatte sich vorab überlegt, wie er die Lücken anderweitig füllen konnte, und Awelia erzählte das gleiche wie Feron, wenn sie gefragt wurde. „Und als Sie aus Kleetal geflohen waren, haben Sie da noch Angreifer gesehen?“ fragte Lason schließlich. Feron schüttelte den Kopf. „Wir kamen so schnell wir konnten hierher, auch wenn einige der Angreifer getötet wurden weiß ich nicht, wie viele es noch gibt.“ antwortete er wahrheitsgemäß. Der Offizier machte ein paar abschließende Notizen und erhob sich. „Das ist eine ernste Sache. Wir werden das prüfen und warten derzeit noch auf Boten aus Kleetal. Bis wir mehr wissen, bleiben Sie besser hier. Ich lasse ein Zimmer für Sie herrichten.“ erklärte Lason und wandte sich zum Gehen. „Wissen Sie wer der Rote Zirkel ist?“ fragte Awelia vorsichtig. Der Leutnant drehte sich halb zu ihr um. „Keine der Gruppen in der Stadt passt vom Namen oder Aussehen zu Ihrer Beschreibung.“

Awelia hatte sich auf dem Bett ausgebreitet und starrte an die Decke. Feron blickte durch die vergitterte Fensteröffnung auf den unter ihnen liegenden Platz. Sie hatten ein Zimmer bekommen in einer abgelegenen Ecke des Turms, nur einen Stock über der Stadtwache. „Mir ist langweilig!“ stöhnte Awelia und wälzte sich zur Seite. „Daran kann ich leider nichts ändern.“ sagte Feron, den Blick stur geradeaus. „Hier sind wir sicher. Wir können weiter, wenn sich die Stadtwache um den Roten Zirkel gekümmert hat.“ Awelia vergrub ihren Kopf im Kissen und machte ein gedämpftes Geräusch. „So laufen die Dinge nunmal. Zwielichtige Gestalten werden der Stadtwache gemeldet, und deren Aufgabe ist es, diese Kerle dingfest zu machen.“ erklärte er weiter und setzte sich aufs Bett. „Soll ich dir eine Geschichte erzählen?“ Awelia setzte sich auf. „Oh bitte!“ rief sie freudig und setzte sich neben ihn. „Es begab sich vor einigen Jahren, in einem Land weit entfernt, dass ein friedliches kleines Dorf in Not geriet. Die Tiere flüchteten und die Menschen konnten nicht mehr arbeiten. Die Felder wurden niedergebrannt und die Menschen begannen zu hungern. Es ging einige Monate so, dass die Menschen in Angst lebten. Sie konnten nicht Hilfe holen, denn der einzige Weg aus dem Dorf war von umgestürzten Bäumen versperrt.“ „Kann man denn nicht um die Bäume herumgehen?“ unterbrach Awelia nachdenklich. „Pssst!“ machte Feron und fuhr unbeirrt fort. „Also, die Menschen waren auf sich gestellt und wussten keinen Ausweg. Da kam eines Tages ein junger Mann in das Dorf. Die Menschen waren froh, nicht mehr allein zu sein, und baten den jungen Mann um Hilfe. 'Was ist mit euren Feldern geschehen?' fragte der junge Mann. 'Sie wurden niedergebrannt' antworteten die Menschen. 'Wo ist euer Vieh?' fragte der junge Mann. 'Es ist geflohen' antworteten die Menschen. 'Wieso habt ihr keine Hilfe geholt?' fragte der junge Mann. 'Der Weg ist versperrt' antworteten die Menschen. 'Wer hat euch all dies angetan?' fragte der junge Mann schließlich. Und die Menschen erzählten ihm von einem Troll, der in einer nahen Höhle hauste.“ „So einer wie in Kleetal?“ fragte Awelia. „Ja.“ antwortete Feron „Nur viel größer und gemeiner.“ Dann erzählte er weiter. „'Ich werde euch helfen' versprach der junge Mann den Menschen, und er stieg hinauf zur Höhle des Trolls. Der Weg war unwegsam und beschwerlich, doch der junge Mann hielt nicht an. Die Höhle des Trolls war finster und unheimlich, doch der junge Mann zögerte nicht, sie zu betreten. Schließlich trat er der Bestie gegenüber. Vier … nein sechs Schritt groß war der Troll.“ „Größer als der, den ich besiegt habe?“ stieß Awelia überrascht hervor. „Ja.“ antwortete Feron und nickte eifrig. „Also, äh … sieben Schritt groß war der Troll. Das Ungeheuer sprach 'Ich bin Plattmach, Herr über dieses Land! Wer bist du, Wicht?'. Der junge Mann antwortete 'Ich bin dein Henker, Unhold!'. Plattmach lachte 'Du Wicht willst mich platt machen? Na komm her!'. Der junge Mann zog sein Schwert und trat dem Troll gegenüber. Der Troll versuchte, den jungen Mann mit seinen mächtigen Pranken zu erschlagen, doch war der junge Mann zu schnell. Wieder und wieder verfehlte Plattmach ihn. Dafür traf die Klinge des mutigen Helden. Wieder und wieder fuhr die Klinge auf den Troll nieder, doch seine Haut war zu dick. Plattmach lachte erneut 'Mich hat noch keiner besiegt.' Der junge Mann lächelte und sagte 'Das ändert sich jetzt'. Er sprang vor und stieß das Schwert mit aller Kraft in das Herz des Trolls. Plattmach wankte und stürzte zu Boden.“ „War er tot?“ fragte Awelia mit großen Augen. Feron fuhr unbeirrt fort. „Auch wenn es schien, als wäre der Troll tot, ging der junge Mann kein Risiko ein. Der junge Mann stieß erneut zu, während im gleichen Moment Plattmach sich aufbäumte.“ Awelia sog scharf die Luft ein. „Plattmach warf sich herum, versuchte den jungen Mann zu packen und abzuwerfen, doch dieser trieb das Schwert unbeirrt tiefer in die Bestie. Mit einem letzten Zucken erschlaffte der Troll. Plattmach war tot. Der junge Mann kehrte mit dem abgetrennten Kopf der Bestie in das Dorf zurück. Die Menschen waren überglücklich und jubelten vor Freude. Zu Ehren des jungen Mannes hielten sie ein großes Fest ab, und sie wollten dem jungen Mann zum Dank den Goldschatz des Dorfes schenken. Doch der bescheidene junge Mann lehnte ab. Die Menschen würden das Geld brauchen, um ihr Dorf wiederaufzubauen. Stattdessen wurde der junge Mann zum Helden des Dorfes, und immer wenn er wieder in das Dorf kam, jubelten ihm die Menschen zu. Ende.“ Feron strahlte während Awelia staunend neben ihm saß. „Wer war der junge Mann? Kennst du ihn?“ fragte sie neugierig. Feron drückte seine Brust raus und reckte das Kinn vor. „Was denkst du?“ fragte er sie grinsend. „Du? Wirklich?“ rief Awelia staunend. „Na hör mal!“ sagte Feron gespielt entrüstet. „Schließlich habe ich dich vor den Räubern gerettet!“ „Dann brauche ich mir wegen des Roten Zirkels keine Sorgen zu machen.“ antwortete Awelia und lehnte sich an ihn, worauf er errötete.
Es klopfte an der Tür, und ohne eine Reaktion abzuwarten betrat Leutnant Lason das Zimmer. Awelia richtete sich auf und Feron räusperte sich verlegen, doch der Leutnant ignorierte sie. „Wir haben erste Berichte aus Kleetal erhalten. Vor zwei Nächten gab es einen Überfall, bei dem die Dorfwache durch Fuhrwerke in ihrer Garnison eingesperrt wurde. Es kam am Gasthaus Kleeblatt und nahe der Stadtmauer zu Kämpfen, bei denen insgesamt acht Angreifer getötet wurden. Der Troll wurde ebenfalls getötet, wobei es nicht genau klar ist, wie die Bestie gestorben ist.“ berichtete Lason in den Raum hinein. „Und der Rote Zirkel?“ fragte Feron. „Die restlichen Angreifer, die Ihrer Beschreibung entsprechen, konnten ins Umland entkommen. Wir haben eine Abteilung Kavallerie entsandt, um die Ordnung wiederherzustellen.“ Es herrschte einige Sekunden gespanntes Schweigen, bis Lason mit den Schultern zuckte. „Das wäre so weit alles.“ „Und was unternehmen Sie jetzt? Ich meine, unsere Geschichte ist doch damit bestätigt.“ fragte Feron etwas irritiert. „Wir kümmern uns darum, aber es wird sicher ein paar Tage dauern.“ antwortete der Leutnant lapidar. „Und was machen wir in der Zwischenzeit?“ fragte Awelia stöhnend. „Dieser Raum treibt mich in den Wahnsinn!“ „Zu Ihrer eigenen Sicherheit sollten Sie hier bleiben, bis wir unsere Arbeit erledigt haben, aber ich kann Sie nicht zwingen.“ antwortete Lason und wandte sich ab.

Die Sonne war gerade aufgegangen, doch Awelia und Feron waren bereits wach. Awelia saß am Fenster und starrte betrübt nach draußen. Es hatte keine Neuigkeiten gegeben, und es war spürbar, dass sie nicht gerne herumsaß. Feron selbst hatte zwar kein Problem mit dem Warten, aber Awelias Zustand störte ihn. „Ich weiß es ist eine blöde Idee.“ sagte er schließlich. Awelia blickte auf. „Was ist eine blöde Idee?“ fragte sie irritiert, da er keine genannt hatte. „Wie wäre es, wenn wir uns selbst um den Roten Zirkel kümmern?“ fragte er grinsend. „Das ist eine ausgezeichnete Idee, dann komme ich endlich aus diesem schrecklichen Raum heraus!“ rief Awelia freudig und sprang auf. „He, he.“ Feron hielt sie zurück, bevor sie die Tür aufreißen konnte. „Bevor wir einfach raus stürmen und dastehen wie die Idioten, wie wäre es wenn wir uns überlegen, was wir überhaupt machen wollen?“ fragte er mit belehrendem Blick. Awelia nickte langsam.
Kurz darauf verließen sie die Festung, Leutnant Lason hatte ihre Entscheidung mit einem Schulterzucken hingenommen. Jetzt liefen sie durch die Straßen Sonnenbergs. Es herrschte einiges Gedränge, doch sie hatten Zeit. Unterwegs kaufte Feron Awelia einen grauen Umhang, damit sie nicht so einfach für den Roten Zirkel zu erkennen war. Er musste ziemlich feilschen und sein Geldbeutel hing nun vollends schlaff herab. Feron fragte einige der Händler und Bettler nach dem Roten Zirkel und seinen Mitgliedern. Sie erfuhren zwar nichts konkretes, aber man hatte gehört, dass eine neue Gruppe, die der Beschreibung ähnlich sah, im Ost-Viertel Sonnenbergs eingezogen war. Besteht da ein Zusammenhang zu der Notiz? fragte sich Awelia, doch verwarf sie den Gedanken gleich wieder. Es war nichts als ein dummer Zufall. Feron führte sie in das Viertel und sie hielten nach Mitgliedern des Zirkels und dem Zirkel-Zeichen Ausschau. Es waren weniger Menschen unterwegs, und Feron hatte das Gefühl, beobachtet zu werden. „Wenn etwas passiert, weißt du, was zu tun ist.“ flüsterte er zu Awelia. Sie nickte. In der Festung hatten sie abgesprochen, wenn sie vom Zirkel angegriffen wurden, würde sie sofort zur Festung zurückrennen. Es behagte ihr nicht, Feron im Stich zu lassen, doch sie hatte gesehen, dass er sehr gut kämpfen konnte.
Aus den Augenwinkeln sah Feron, dass sie verfolgt wurden. Mindestens zwei, gut dreißig Schritt hinter ihnen. Als er um die nächste Ecke ging befahl er Awelia, hinter ihn zu treten und zog sein Schwert. Er hielt es in Abwehrhaltung, als die zwei Verfolger um die Ecke kamen. Ein Mann und eine Frau, beide bewaffnet. Bevor Feron etwas tun konnte trat Awelia vor. „Nicht!“ sagte sie und legte die Hand auf seinen Schwertarm. „Ich kenne die beiden, sie haben mir im Grasland geholfen.“ Feron senkte die Waffe. „Ja, und sie haben uns in Kleetal geholfen. Aber es ist gefährlich, anderen so hinterher zu schleichen.“ antwortete er knurrend, ohne die beiden aus den Augen zu lassen. „Das gilt für euch ebenso.“ sagte die Frau mit einem milden Lächeln. „Wir sind wegen Ihr hier, um auf sie aufzupassen.“ fügte der Mann hinzu und zeigte auf Awelia.
Awelia war überrascht über diese Offenbarung, da die beiden auf dem Bauernhof nie etwas gesagt hatten. „Warum habt ihr nichts gesagt.“ fragte sie. „Wir wussten nicht, wie stark deine Amnesie war.“ antwortete die Frau sanft. „Es bestand die Gefahr, dass du uns misstrauen würdest, deswegen haben wir nichts gesagt.“ „Wie wäre es, wenn wir jetzt reinen Tisch machen? Wieso sollt ihr sie beschützen?“ fragte Feron gereizt. Der Mann schüttelte den Kopf. „Wir haben geschworen, nichts zu sagen. Aber wir wissen, wer eure Fragen beantworten kann.“ erklärte er. Awelia wollte etwas sagen, aber die beiden schüttelten den Kopf. „Erst einmal müssen wir uns um den Roten Zirkel kümmern.“ erklärten sie. „Wir wissen, wo ihr Unterschlupf ist.“
Kurze Zeit später standen sie vor einem etwas heruntergekommen Steinhaus, in dessen Holztür ein Zirkel geritzt war. „Ziemlich offensichtlich.“ murmelte Awelia halb zu sich selbst, halb zu den anderen. Wie sie inzwischen erfahren hatten, hieß die Frau Dara und der Mann Hennal. Beide zogen ihre Waffen und Hennal trat die Tür mit lautem Krachen auf. Dann rannten sie brüllend hinein. Feron zog sein Schwert und folgte ihnen. Als Awelia sich umsah war sie froh, dass sie niemanden weiter entdecken konnte. Sie hatten abgesprochen, dass sie zurück blieb, während die anderen die Mitglieder des Zirkels überwältigten. Langsam folgte sie den anderen hinein. Das Haus war innen genauso heruntergekommen wie von außen. Zudem gab es keinerlei Möbel, selbst der Boden war der blanke Stein. Nach einigen Schritten fand sie ein Mitglied des Zirkels, das zusammengekrümmt an der Wand lag. Blut sickerte aus einer tiefen Schnittwunde in seiner Brust, neben ihm lag ein Schwert auf dem Boden. Voraus ertönte Kampflärm, Rufe und Klingen die aufeinandertrafen.

Feron stürmte in den von Feuerschein erleuchteten Hauptraum des Hauses, Blut tropfte von seiner Klinge. Vier Mitglieder des Zirkels, die vor einem Kamin standen, drehten sich überrascht zu ihm um. „Sie sind hier!“ schrie einer von ihnen und zeigte auf Feron. Ein anderer zog sein Schwert und stürmte vor, doch Dara tötete ihn, bevor er den Raum durchqueren konnte. „Ergebt euch!“ brüllte Hennal. „Weg mit den Waffen!“ Die übrigen ließen ihre Waffen fallen und hoben die Hände. Feron betrachtete das Kaminfeuer und sah, wie die letzten Reste einer Karte verschrumpelten und zu Asche zerfielen. Der Gefangene ihm am nächsten grinste ihn mit einer Mischung aus Verzweiflung und Trotz an. „Sie haben alles verbrannt.“ sagte Feron laut, während er den Kerl abschätzig betrachtete. Awelia betrat den Raum und beobachtete einen Moment die Szenerie. „Was wollt ihr von mir?“ fragte sie frei heraus. Die Gefangenen sahen sich irritiert an. „Der Hochmeister will deine Gefangennahme!“ rief einer von ihnen. „Sei still!“ zischte ein anderer. „Es wäre besser für euch, wenn ihr redet!“ drohte Hennal mit finsterer Miene und gezogenem Schwert. „Wir sagen überhaupt nichts!“ rief einer der Gefangenen laut und spuckte in Hennals Richtung, ohne ihm nahe zu kommen. Awelia hatte schon befürchtet, dass hier niemand Antworten auf ihre Fragen hatte. Kopfschüttelnd wand sie sich ab. Von der Tür ertönten weitere Schritte. Stadtgardisten stürmten in den Raum und fesselten sofort die Mitglieder des Roten Zirkels. Verwirrt betrachteten Feron und die Anderen die Gardisten, welche sie zu ignorieren schienen. Leutnant Lason trat ein und sah sehr zufrieden mit sich aus. „Das lief doch wunderbar.“ sagte er strahlend in die Runde. „Sie haben uns beschattet und als Köder benutzt.“ stellte Feron gekränkt fest. „Natürlich. Sie wollten unseren Schutz verlassen und mir war klar, dass sie auf eigene Faust suchen würden. Ich hätte nicht erwartet, dass Sie so schnell sind, aber wir sind ja da.“ antwortete er grinsend, während seine Männer die Gefangenen abführten. „Wir hätten dann gern ein paar Informationen, nachdem Sie mit den Befragungen fertig sind. Das sind Sie uns schuldig.“ sagte Hennal ernst und Lason nickte.