Kapitel 2 - Der Rote Zirkel
Sie warteten zu viert in einem kleinen, leeren Zimmer, als Leutnant Lason eintrat. Er setzte eine grimmige Miene auf und holte tief Luft. „All zu viel haben wir nicht aus den Gefangenen herausbekommen. Die meisten wissen nichts.“ erklärte er ihnen und Feron stieß ein enttäuschtes Stöhnen aus. „Zudem, selbst wenn wir etwas hätten, könnten wir nicht viel machen. Es wird wohl noch etwas dauern, bis in Kleetal wieder völlige Ruhe einkehrt.“ fuhr Lason unbeirrt fort. „Sie wollen uns also sagen, dass Sie absolut nicht zum Schutz Ihres Landes in der Lage sind?“ fragte Hennal genervt und verschränkte die Arme vor der Brust. „Moment!“ sagte der Leutnant und hob beschwichtigend die Hände. „Ich habe die Information erhalten, dass das Lager des Roten Zirkels im Nebeltal ist.“ Als er nur fragende Gesichter sah, fügte er hinzu „Das ist kurz hinter Wurzelbach.“ Alle außer Awelia nickten. „Da bin ich vor einiger Zeit durchgereist. Es sind zwei Tagesmärsche bis dort hin.“ stellte Feron fest. „Wo genau das Versteck ist wissen wir nicht, die Gefangenen auch nicht. Es war wohl auf einer Karte eingezeichnet, die verbrannt wurde.“ erzählte Lason. „Jedenfalls ist dort wohl dieser Hochmeister, von dem sie ihre Befehle erhalten.“ Leutnant Lason warf Feron einen kleinen Stoffbeutel zu, den er überrascht auffing. Fragend blickte er den Leutnant an und wollte gerade den Mund aufmachen. „Nach den Problemen, die die verursacht haben, haben Sie meinen Segen, die Bande auszuheben.“ sagte Lason salopp und verließ den Raum.
Sie hatten sich mit dem Geld, das Lason ihnen überlassen hatte, Essen für die Reise gekauft. Danach hatten sie Sonnenberg verlassen und wanderten nun über das Hochland. Der Weg schlängelte sich zwischen flachen, grasbewachsenen Hügeln hindurch. Weit vor ihnen wurde ein Wald ersichtlich, während hinter ihnen die Türme Sonnenbergs immer kleiner wurden und schließlich verblassten. Es waren kaum andere Leute unterwegs außer gelegentlichen Fuhrwerken, die in Richtung Sonnenberg fuhren. „Ihr müsst mir mal genauer erklären, wie das mit dem Beschützen gemeint ist.“ sagte Awelia zu Hennal und Dara. Die beiden wechselten einen beunruhigten Blick und Hennal antwortete „Wir haben geschworen, Euch zu schützen. Aber auch, dass wir niemandem etwas erzählen.“ „Wer immer euch das hat schwören lassen ist nicht gerade hilfreich.“ stieß Awelia genervt hervor. Es war nicht das erste mal, dass sie versuchte, Antworten von den beiden zu erhalten. Bislang war sie nicht erfolgreich, was sie immer mehr frustrierte. „Ihr dürft mir nicht sagen wer ich bin, was mit mir passiert ist, oder wer euch schickt.“ maulte sie laut. „Das ist unfair!“ „Ich kann dir alles sagen …“ begann Feron mit einem Grinsen. „ … aber ich weiß nichts.“ Awelia warf ihm einen bösen Blick zu. Sie wollte endlich Antworten. „Wenn wir mit dem Roten Zirkel fertig sind, gehen wir zu jemandem, der Antworten hat. Ich weiß, dass es schwierig ist.“ sagte Dara sanft und legte ihre Hand auf Awelias Schulter. Awelia blieb stehen und starrte die Frau mit einer Mischung aus Trotz und Wut an. „So, wisst Ihr das?“ fragte sie böse. „Ist es Euch schon mal passiert, Euch an nichts zu erinnern? Nicht zu wissen, wer Ihr seid? Euer ganzes Leben hinter einem undurchdringlichen Schleier verschwunden?“ Dara nahm erschrocken die Hand zurück. „Entschuldigt, so habe ich das nicht gemeint.“ sagte sie mit gesenktem Blick.
Awelia war frustriert in Gedanken versunken. Sie bemühte sich, im Geiste die Mauer des Nichtwissens zu durchbrechen. Doch was sie auch versuchte, es gelang ihr nicht. Vielleicht weil sie versuchte es zu erzwingen. Warum kann ich mich partout an nichts erinnern? Hat es vielleicht etwas mit dem, was tief in mir schlummert zu tun? fragte sie sich. Und tatsächlich war ihr der Gedanke noch gar nicht gekommen. Sie konzentrierte sich auf die tief in ihr schlafende Kraft. Das Bild eines einzelnen Sterns blitzte in ihren Gedanken auf, ein Stern der bereit war loszubrechen und die Ketten zu sprengen, die ihn zurückhielten. Da war mehr, aber der Gedanke war fort bevor sie ihn festhalten konnte. Doch er erfüllte sie mit Hoffnung. Mit einem leichten Lächeln blickte Awelia auf. Ohne dass sie es bemerkt hatte war es dunkel geworden. Die anderen blickten sich nach einem Nachtlager um. Awelia hatte seit ihrem Ausbruch nicht mehr gesprochen. Als sie sich umsah, sah sie das in der Dunkelheit ergraute Hochland. „Dort hinter dem langgezogenen Hügel.“ rief Feron und zeigte quer über den Weg. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. „Ich übernehme die erste Wache, Dara die zweite und Feron die dritte.“ legte Hennal fest. „Glaubt ihr wirklich, dass Wachen nötig sind?“ fragte Awelia irritiert. „Wir dürfen kein Risiko eingehen. Auch wenn wir in Sonnenberg glimpflich davon gekommen sind, war es in Kleetal sehr gefährlich.“ erklärte Feron. Awelia erinnerte sich schaudernd an den Troll und nickte. Hinter dem Hügel legte sie sich schlafen und hoffte, dass sie in der Nacht nicht von einem Monster angegriffen werden würden.
Es war schon hell als Awelia aufwachte. Die anderen saßen auf dem Hügel und aßen. Sie gesellte sich zu ihnen und Hennal erklärte, dass sie sie nicht hatten stören wollen. Während sie aß sah sie, wie voraus das Hochland in einen Wald überging. „Wie weit ist es bis Wurzelbach?“ fragte sie Feron. „Nun, bis zum Mittag sind wir im Wald. Ich denke bis zum Abend sind wir dann in Wurzelbach.“ antwortete er nachdenklich. „Na dann auf!“ nuschelte Awelia mit einem großen Stück Brot im Mund.
Während sie weitergingen erzählte Feron von Wurzelbach. Er war einmal dort gewesen, im letzten Sommer, und hatte im Gasthaus übernachtet. Es war ein kleines Dorf tief im Wald. Sein Name rührte von einem kleinen Bach, der in einem nahen Hügel entsprang und im Wurzelwerk der Bäume im Dorf versickerte. Als Feron dort war, war ein neues Haus gebaut worden. Auf Hannals Frage, ob es ein Schmiede gäbe, schüttelte er den Kopf. Es war eine Ansammlung weniger Häuser um das Gasthaus, es gab nicht einmal eine Palisade. Einzig durch die Feier zum Richtfest eines Hauses war ihm Wurzelbach überhaupt in Erinnerung geblieben.
Während Feron erzählte waren um sie herum die ersten Bäume aufgetaucht, die jetzt immer dichter standen. Schon bald war das Blätterdach des Waldes geschlossen und das Sonnenlicht wurde stark gedämpft. Eine sanfte Brise bewegte die Blätter, während unsichtbar ein Vogel zwitscherte. Ein kleiner Tümpel lag am Wegesrand, und einige Rehe tranken daraus. Beim Anblick der Menschen flüchteten sie aber sofort tiefer in den Wald hinein. Einige Stunden später erreichten sie Wurzelbach.
Die Sonne ging bereits unter, als sie in Wurzelbach ankamen. Hätte Feron sie nicht darauf hingewiesen, hätte Awelia es glatt übersehen. Am Wegesrand zwischen den Bäumen stand ein Gasthaus, dahinter waren einige weitere Häuser zu erkennen. Vor dem erleuchteten Gasthaus standen ein paar Leute, die sich lautstark unterhielten. Offenbar waren sie betrunken, denn trotz der Lautstärke sprachen sie undeutlich und schwankten hin und her. Awelia und die anderen betraten das Gasthaus. Drinnen waren mehr Leute, aber die Lautstärke war etwas geringer. Unter sanftem Kerzenschein nahmen sie an einem Tisch an der Wand Platz. Kurz darauf kam die füllige Wirtin und fragte, was sie mochten. Feron besorgte ihnen ein Zimmer für die Nacht und bestellte sich ein Stück Braten, ebenso wie Hennal und Dara. Awelia beließ es bei einer Kartoffelsuppe.
„Also ich habe noch keinen vom Roten Zirkel gesehen.“ sagte Hennal während sie aßen. Feron ließ seinen Blick durch den Gastraum schweifen. Ein paar Händler saßen zusammen an einem Tisch auf der anderen Seite und an der Theke saßen einige Bürger Wurzelbachs. Es wirkte friedlich, und wahrscheinlich war es das auch. Wenn der Rote Zirkel tatsächlich im Nebeltal lauerte, dann hatten sie sich dort ihren Unterschlupf gebaut und brauchten kein Gasthaus. „Wir sollten uns morgen umhören wegen dem Nebeltal.“ stellte Feron fest. „Ich weiß nicht.“ antwortete Dara zögernd. „Wenn der Rote Zirkel hier Spitzel hat, dann machen wir sie nur auf uns aufmerksam.“ „Zumindest wo das Nebeltal ist muss jemand fragen.“ schmatzte Feron zwischen zwei Bissen. Hennal nickte „Morgen früh werdet Ihr das erfragen. Wir passen auf Awelia auf und dann gehen wir gemeinsam ins Nebeltal.“ Awelia rollte genervt die Augen. Es ärgerte sie, dass sie wie ein Kind behandelt wurde. Immer musste sie versteckt bleiben und durfte nichts machen. Aber sie war kein Kind. Sie war so viel mehr als das. Doch was bin ich überhaupt? fragte sie sich traurig. Wenn ich mich doch nur erinnern könnte.
Am nächsten Morgen war Feron gegangen, um zu erfahren, wo das Nebeltal war. Sie hingegen saß hier mit ihren zwei schweigsamen Beschützern im Gasthaus. „Also.“ sagte sie, nachdem sie ihr Brot gegessen hatte „Woher kommt Ihr zwei eigentlich?“ Dara warf einen Blick zu Hennal und zuckte dann mit den Schultern. „Ich stamme aus Silberstrom. Das ist ein große Stadt am Vorismeer.“ erklärte Dara. „Warum dann der Name Silberstrom?“ fragte Awelia überrascht. „Der Fluss Gorum fließt über viele hundert Meilen aus den Bergen zum Meer. Und wo er an der Stadt ins Meer fließt, dort glänzt das Wasser im Sonnenlicht silbern.“ erklärte Dara sanft. „Das Meer hat seinen Namen übrigens vom Königreich Voris, was aus vielen Inseln im Meer besteht.“ Awelia beugte sich interessiert vor. „Und du Hennal, woher kommst du?“ fragte sie neugierig. Hennal straffte sich und drückte die Brust heraus. „Ich stamme aus Hammerfels. Das ist eine Festungsstadt am Fuße des Kassum-Massivs. Dort gibt es die beste Kriegerakademie der Welt.“ erzählte er stolz und zeigte das Wappen der Akademie an seiner Rüstung. „Das klingt ja nicht sehr einladend.“ versetzte Awelia etwas enttäuscht. Hennal sank entrüstet in seinen Stuhl zurück und sie fürchtete schon, ihn ernsthaft beleidigt zu haben. Doch dann fing er laut an zu lachen. Als er sich wieder beruhigt hatte, schlug er ihr freundschaftlich auf die Schulter. „Ihr habt Humor! Nicht einladend!“ Awelia blickte ihn irritiert an, und er erklärte „Eine Festungsstadt soll nicht einladend sein. Sie soll Angreifer abschrecken und ihre Bewohner schützen.“ Neben ihm wiederholte Dara lautlos aber mit deutlichen Lippenbewegungen die Worte und rollte mit den Augen. Offenbar hörte sie den Spruch nicht zum ersten mal.
Kurz darauf kehrte Feron zurück und gesellte sich zu ihnen. „Also, eine Stunde von hier ist ein großer Fels am Wegesrand. Hinter dem müssen wir in den Wald hinein und wenn wir auf dem Hügel sind, ist vor uns das Nebeltal.“ erklärte Feron. „Außerdem sollten wir uns beeilen, ich habe einen vom Roten Zirkel gesehen.“ fügte er hinzu. „Könnten wir ihn nicht befragen, wo ihr Versteck ist?“ fragte Awelia. Hennal schüttelte den Kopf. „Im schlimmsten Fall haben wir dann ganz Wurzelbach gegen uns. Nicht allzu viele, aber würde die Dinge unnötig verkomplizieren.“ erklärte er flüsternd. Dara nickte und erhob sich. Awelia sah wie ein Mann mit rotem Umhang das Gasthaus betrat, doch sofort schob sich Dara ins Blickfeld. Sie saß da wie erstarrt, bis Feron sie hochzog. „Verhalte dich ganz normal und bleib neben mir.“ flüsterte er ihr ins Ohr. Sie riss sich zusammen und hoffte, dass der Mann sie nicht entdeckte. Hennal sagte irgendetwas belangloses zu Dara und stellte sich neben sie. Das Mitglied vom Roten Zirkel hatte den Tresen erreicht. „Guten Morgen, eine Kanne Milch und eine Suppe bitte!“ sagte der Mann zur Wirtin, die sich mit einem Nicken an die Arbeit machte. Feron bugsierte Awelia zur Tür, während Hennal und Dara sie vor Blicken abschirmten. Sie waren fast an der Tür, als sich der Mann umdrehte. „He!“ rief er durch den Raum und zeigte auf sie. Awelia sah kommen, wie der Mann eine Waffe ziehen würde, und neben ihr spannte sich Feron. „Sie können ruhig sitzen bleiben, ich will sie nicht vertreiben.“ sagte der Mann, worauf Dara beschwichtigend die Hände hob. „Nein, ist schon in Ordnung. Wir müssen weiter und sind spät dran.“ antwortete sie freundlich. „Dann gute Reise!“ Der Mann drehte sich wieder zum Tresen um. Grad noch mal gut gegangen, dachte Feron erleichtert, während sie das Gasthaus verließen.
Nachdem sie den relativ einfachen Anweisungen gefolgt und am Felsbrocken abgebogen waren, standen sie nun auf dem Hügel und blickten auf das Nebeltal. Viel zu sehen gab es nicht, denn die Bäume am Hang verdeckten die Sicht und am Fuß zeichnete sich zwischen den Stämmen Nebel ab. „Nun, dann hat das Tal seinen Namen wohl nicht grundlos.“ sagte Feron zu niemandem bestimmten. „Wie finden wir jetzt das Versteck?“ Hennal drehte sich zu ihm um. „Ich würde vorschlagen wir gehen in vielleicht zehn Schritt Abstand in das Tal bis wir ihre Behausung finden.“ antwortete er nachdenklich. „Wir sollten zusammen bleiben. Im Nebel geht man sonst zu schnell verloren.“ gab Dara zu bedenken. „Und wenn wir auf der anderen Seite ankommen, dann gehen wir um dreißig Schritt oder so versetzt zurück.“ fügte Feron hinzu. Hennal grübelte. „Wird ziemlich lange dauern, aber was besseres fällt mir nicht ein.“ sagte er, während er sich die Stirn rieb. „Oder wir gehen einfach am Rand entlang bis wir ihre Höhle gefunden haben.“ warf Awelia ein. Alle starrten sie an. „Was denn?“ fragte sie irritiert. „Wer sagte, dass es eine Höhle ist?“ fragte Hennal verwundert. „Der Kerl im Gasthaus, seine Kleidung hatte Abschürfungen an den Ellbogen und Schultern. Außerdem hatte er eine Schramme auf der Stirn. Ist das niemandem aufgefallen?“ antwortete Awelia mit zunehmender Belustigung, da die anderen drei grübelnd zu Boden starrten. „Okay, mein Plan gewinnt, los geht’s.“ sagte sie mit breitem Grinsen.
Sie folgten dem Rand des Tals schon seit ein paar Stunden, und Feron schätzte, dass sie die Hälfte geschafft haben müssten. Durch den Nebel beschränkte sich die Sichtweite auf ein bis zwei Dutzend Schritt. Bislang hatten sie nur eine kleine Nische in einer Felswand gefunden, die nach wenigen Metern endete. Sie hatten seit dem Aufbruch geschwiegen, um nicht versehentlich den Roten Zirkel auf sich aufmerksam zu machen. Gerade passierten sie eine brüchige, einige dutzend Schritt hohe Felswand, auf der ein paar Bäume gewachsen waren. Hennal ließ sie warten und huschte ein Stück vor. Nach wenigen Augenblicken kehrte er zurück. „Hier ist eine Höhle.“ flüsterte er, und er, Dara und Feron zogen die Schwerter. Mit Awelia ein paar Schritt hinter ihnen traten sie in den dunklen Gang, den Hennal entdeckt hatte. Der Nebel wallte von draußen herein und bedeckte den Boden knöcheltief. Der Gang war hoch genug um zu stehen, doch stellenweise sehr schmal, so dass man sich vorsichtig bewegen musste. Jeder ihrer Schritte wirbelte einen Nebelschwaden auf, der nach wenigen Augenblicken verblasste. Voraus war ein Lichtschein zu erkennen.
Sie drangen langsam in ein scheinbar größeres Höhlensystem ein. In unregelmäßigen Abständen waren entzündete Fackeln an den Wänden angebracht. Hennal führte sie durch eine Reihe von Verzweigungen, wobei nicht klar war, ob er die Richtung riet oder ob er Erfahrung mit Höhlen hatte. Sie kamen an eine Gabelung und nahmen einen Gang, der nach oben führte. Feron missfiel das ganze mit jedem Schritt mehr. Warum war hier niemand vom Roten Zirkel? Die Fackeln waren der leuchtende Beweis, dass hier jemand war, nur wieso hatten sie dann noch niemanden getroffen oder gehört? Das stinkt nach einer Falle, dachte er grimmig und packte sein Schwert fester. Die Gruppe verließ geduckt das obere Ende des Ganges und stand plötzlich in einem großen Raum. Sie waren auf einer Art Zwischengeschoss herausgekommen, das wie ein Steg an der Wand entlangführte, aber es gab kein Geländer. Der Raum war an die dreißig Schritt hoch, mit einem Kronleuchter an der Decke, der das Symbol des Zirkels eingraviert hatte. Statt Kerzen leuchteten Kristalle in den Fassungen und tauchten den Raum in warmes Licht. Unter ihnen war ein großer runder Tisch zu erkennen, auf dem eine Karte lag. Zudem waren da noch große Regale an der Wand. Dara drehte sich um und flüsterte „Das sollten wir uns ansehen.“ Hennal ging mit einem Schmerzensschrei in die Knie. Für Awelia ging alles zu schnell. Feron stieß sie grob zurück in den Gang, aus dem sie gerade gekommen waren, während Dara Hennal zurückzog. Awelia wollte fragen was los war, als etwas an den Fels über ihr prallte und an ihrem Gesicht vorbei zischte. Zumindest verstand sie jetzt, dass sie angegriffen wurden. Hennal brüllte etwas unverständliches, und als sie zu ihm sah, sah sie einen Pfeil in seinem Bein stecken. Dara machte einen Satz nach vorn und ein Angreifer, den Awelia noch nicht einmal bemerkt hatte, brach schreiend zusammen. Sie blickte zurück zu Hennal, als dieser die blutige Pfeilspitze abbrach und den Pfeil aus seinem Bein zog. Dann sprang er auf und zog Dara gerade noch rechtzeitig zurück, als zwei weitere Pfeile angeflogen kamen. Feron hatte es ein gutes Stück nach unten geschafft, doch auch von dort kamen jetzt Mitglieder des Roten Zirkels. Awelia wusste nicht, was sie tun sollte. Überall um sie herum wurde gekämpft. Auch wenn sich die drei anderen wacker schlugen und mehrere Angreifer töteten, so war es doch nur eine Frage der Zeit, bis sie überwältigt werden würden. Feron wurde am Fuß getroffen und Dara von einem Pfeil am Arm gestreift. Plötzlich zogen sich die Mitglieder des Roten Zirkels zurück. Hennal keuchte schwer und knurrte „Wir müssen sofort hier raus!“, doch bevor sie auch nur einen Schritt taten, flog eine kleine Phiole in den Gang und zerbrach mit hellem Klirren an der Wand. Weißer Dampf stieg vom zerbrochenen Glas auf und verteilte sich in der Luft. Feron, der am nächsten dran stand, machte ein paar taumelnde Schritte und sackte in sich zusammen. Dann hatte der Dampf Awelia erreicht. Es roch nach verkohltem Holz und Brackwasser, der Tunnel vor ihren Augen verschwamm. Sie versuchte stehen zu bleiben, doch vor ihr drehte sich alles. Unfähig, sich zu wehren, stürzte sie in die Dunkelheit.
Langsam kam Awelia zu sich. Sie war noch etwas benommen, doch es ließ schnell nach. Ihre Hände waren über ihrem Kopf, kaltes Metall schmiegte sich an ihre Handgelenke. Sie öffnete die Augen und sah, dass sie mit großen, eisernen Ketten gefesselt an der Wand hing. Als sie sich umsah erkannte sie den großen Raum wieder. In der Mitte stand nach wie vor der Holztisch mit der Karte, und ihr gegenüber waren mehrere große Regale voll mit Büchern und Papier. Links und rechts gingen Gänge ab. Jemand stöhnte neben ihr. Als sie zur Seite blickte, erkannte sie die anderen, die neben ihr hingen. Der Rote Zirkel hatte sie wie Awelia in Ketten gelegt. „Seid ihr in Ordnung?“ fragte sie flüsternd. Feron rüttelte an seinen Ketten, stellte die Bemühungen jedoch nach wenigen Augenblicken wieder ein. „Mir geht’s gut.“ antwortete er, ebenso flüsternd. „Aber wir müssen eine Möglichkeit finden, aus den Ketten raus zu kommen.“ „Da kommt jemand!“ zischte Dara, und tatsächlich hörten sie Schritte, die sich näherten. Drei Mitglieder des Roten Zirkels betraten den Raum. Der in der Mitte sah anders aus, als die übrigen. Zum einen war er deutlich älter, und zum anderen war seine Robe mit einer Vielzahl an Symbolen verziert. „Ah, schön zu sehen, dass ihr aufgewacht seid.“ sagte er mit einer ausladenden Geste. „Ich bin Hochmeister Kehmno, Herr dieses Zirkels.“ Der Hochmeister betrachtete sie eingehend. „Was wollt Ihr von uns?“ fragte Feron. „Oh, von Euch brauche ich nichts. Alles was ich will, ist sie.“ antwortete Kehmno und zeigte auf Awelia. „Vergiss es, Dreckschwein, da musst du zuerst mit mir fertig werden.“ schnauzte Hennal und zerrte an seinen Ketten. Awelia bemerkte erst jetzt dass sein einer Fuß schlaff herunterhing. „Wir beobachten Euch schon die ganze Zeit. Auch wenn die, die ich geschickt habe, wohl versagt haben, jetzt habe ich Euch genau, wo ich Euch haben will. Wir fangen mit dem Großmaul an, hängt ihn ab.“ befahl der Hochmeister mit einem kalten Grinsen.
Während die beiden einfachen Mitglieder des Zirkels Hennal von der Wand holten ohne seine Ketten zu lösen, schob der Hochmeister den Tisch zur Seite. Darunter wurde eine Öffnung im Boden sichtbar, deren Ränder mit rotem Dreck verkrustet waren. Awelia hatte eine schreckliche Befürchtung, und sie schien nicht die Einzige zu sein. „Lasst ihn in Ruhe!“ schrie Dara und trat nach einem der Schergen. Hennal, der bis gerade noch gehumpelt war, sträubte sich nun, und die beiden Männer mussten ihre ganze Kraft aufbringen, um ihn vorwärts zu schieben. „Jetzt ist es nicht mehr ganz so lustig, nicht wahr?“ fragte Kehmno mit süffisanten Grinsen. Hennal rammte einem Schergen den Ellbogen in den Bauch und griff nach der Waffe des anderen. Auch wenn seine Hände noch gefesselt waren, nutzte er jedes bisschen Spielraum, das ihm die Ketten gaben. Er stieß den Mann mit einem Kopfstoß zurück und zog ihm in der gleichen Bewegung die Beine weg. Auf einmal hielt er das Schwert des Mannes in der Hand. Hennal knickte kurz ein, als er zu dem nach Luft Ringenden herumfuhr. Noch bevor der Kerl seine Waffe ziehen konnte, durchbohre Hennal seine Brust. Der zweite rappelte sich gerade wieder auf, als Hennal strauchelnd auf ihn zukam. Hennal stürzte, und der Scherge zog einen Dolch. Noch während Hennal am Boden lag, griff er an, doch die Klinge wurde vom Schwert geblockt, welches herumwirbelte und dem Kerl den Bauch aufschlitzte. Der Hochmeister, auf den niemand mehr geachtet hatte, trat von hinten an Hennal heran und stieß ihm einen Dolch in den Rücken. „So eine Verschwendung.“ murmelte er, während er den reglosen Hennal zum Loch in der Mitte des Raumes zog. Der Hochmeister zog seinen Dolch heraus und hob Hennals Kopf. „Nicht, aufhören!“ schrie Dara und zog mit aller Kraft an den Ketten, während Awelia und Feron nur hilflos zusehen konnten. Ohne sie zu beachten schnitt der Hochmeister Hennals Kehle auf und ließ das Blut in das Loch fließen. Nach wenigen Augenblicken drang unheimliches rotes Licht aus der Öffnung, welches nach Versiegen des Stroms langsam wieder erlosch.
Kurz nach Hennals Tod waren weitere Schergen des Zirkels gekommen und hatten die Leichen weggeschafft. Der Hochmeister hatte den Tisch zurückgeschoben, was bedeutete, dass sie zumindest vorerst in Sicherheit waren. „Warum tut Ihr das?“ fragte Awelia ängstlich. „Was, das?“ fragte Kehmno und zeigte zum Tisch. „Das arkane Portal muss vorbereitet werden, damit das Ritual durchgeführt werden kann. Aber alles zu seiner Zeit.“ erwiderte er belehrend. Er hatte den Raum schon fast verlassen, da drehte er sich nochmal um. „Danke übrigens für das Schmuckstück.“ rief er grinsend und holte kurz ihr Amulett aus der Tasche. Awelia starrte ihm entsetzt hinterher. Sie hatte nicht bemerkt, dass es fort war, doch nun hatte sie schreckliche Angst, mehr als sie ohnehin schon hatte.
„Wir müssen hier weg, bevor das miese Schwein zurückkommt!“ zischte Dara und zerrte an den Ketten. „Ich glaube ich kann vielleicht raus.“ antwortete Feron leise. „Meine sitzen etwas locker. Ich hab ihnen erst zugesehen, ich weiß wie sie zu öffnen sind.“ „Er hat mein Amulett. Ich muss mein Amulett wiederbekommen.“ murmelte Awelia vor sich her, ohne auf die anderen beiden zu achten. Sie wusste, dass sie in Lebensgefahr waren, aber der Verlust des Amuletts erfüllte sie mit Angst und Wut. Awelia wusste, dass Hennal für sie gestorben war, doch irgendwie schien das dumme Amulett wichtiger zu sein. Sie ärgerte sich über den unterbewussten Drang, das Amulett vor das Leben ihrer Freunde zu stellen. Alles zu seiner Zeit, erst einmal müssen wir aus diesen Ketten heraus, dachte sie und konzentrierte sich auf ihr Umfeld. Feron zog an seinen Fesseln, während Dara ihm dabei zusah. Awelia drehte den Kopf weiter herum und sah zwischen den beiden ein in die Wand gearbeitetes Zeichen. Dann sah sie weitere Zeichen im Raum. Sie zogen sich in einem Kreis ein mal rundherum an der Wand entlang, wie sie überrascht erkannte. In zwei Schritt Höhe waren insgesamt acht solche Zeichen zu erkennen, symmetrisch verteilt. Selbst die Bücherregale waren so gestellt, dass sie die seltsamen Wandverzierungen nicht verdeckten. Auch wenn Awelia nicht glaubte, dass es nur Verzierung war. Wohl eher war dies das arkane Portal, von dem der Hochmeister gesprochen hatte. Gedanklich fügte sie die Puzzleteile zusammen und dann wurde ihr klar, dass sie sich in noch größerer Gefahr befanden als angenommen. Das Portal hatte wahrscheinlich die Aufgabe, Dinge zu transportieren. Offenbar wollte der Rote Zirkel sie an einen anderen Ort schaffen. Um seine Arbeit zu verrichten, musste es zuvor mit Blut gefüllt werden, um die finsteren Kräfte zufrieden zu stellen, die es antrieben. Also würde der Rote Zirkel Dara und Feron genauso wie Hennal töten. Ich muss einen Weg finden, das zu verhindern, dachte Awelia grimmig und drehte sich zu Feron herum, der sich immer noch mit der Kette abmühte. „Wir stecken in großen Schwierigkeiten! Wir müssen hier weg!“ raunte sie ihm eindringlich zu. Feron starrte sie entgeistert an. „Was du nicht sagst. Was glaubst du, was ich hier mache?“ fragte er sie, sichtlich bemüht leise zu bleiben. Doch Awelia hatte sich bereits wieder abgewandt und sah sich erneut im Raum um. Sie betrachtete die Bücher in den Regalen, doch sie konnte die Titel in dem schlechten Licht nicht entziffern. Selbst wenn, wären es nur irgendwelche Bücher, die man erst einmal lesen müsste. Moment mal, schlechtes Licht? dachte sie und legte den Kopf in den Nacken. An der Decke hing immer noch der Kronleuchter, die einzige Lichtquelle im Raum, abgesehen vom entfernten Fackelschein in den Gängen. Aber es waren keine Kerzen am Leuchter und das Licht war gleichmäßig und warm. Die Kristalle mussten also etwas haben, was das Licht erzeugte und sich wie eine Kerze oder Fackel verhielt.
Feron kam langsamer voran als gedacht. Seine Handgelenke waren mittlerweile blutig gerieben. Aber er hatte festgestellt, dass die Fesseln nicht gleichmäßig geschmiedet waren. Die Linke war etwas größer als die rechte. Und wenn er genug Kraft ausübte, konnte er die Fassung einen Spalt breit aufdrücken. Dara schaute ihm nach wie vor stumm zu. Feron legte den Daumen in die Handfläche und drehte die linke Hand so, dass sie den meisten Platz hatte. Dann zog er so fest er konnte. Er glaubte zu spüren, wie die Fessel über das Handgelenk rutschte. Etwas knackte und schlagartig hatte er Galle im Mund. Er stöhnte mit zusammengebissenen Zähnen und zog weiter. Dann gab es einen Ruck und der Arm war frei. Hastig vergewisserte er sich, dass die Hand noch da war, wo sie hingehörte. Die Hand war noch dran, auch wenn sie völlig wundgerieben war und der Daumen in einem merkwürdigen Winkel abstand und höllisch schmerzte. „Sie kommen zurück.“ zischte Dara und richtete sich auf. Feron legte seine malträtierte Hand wieder in die Fessel, so als ob er noch vollständig angekettet wäre.
Hochmeister Kehmno betrat den Raum abermals in Begleitung von zwei anderen Mitgliedern des Zirkels. Beide blickten die Gefangenen grimmig an und begannen dann, den Tisch zu verschieben. Feron spannte sich innerlich, bereit bei der ersten Unachtsamkeit des Roten Zirkels loszuschlagen. Er musste sich befreien und eine Waffe ergreifen, bevor die drei Männer reagieren konnten. Und das würde ihm nur gelingen, wenn alle drei abgelenkt waren.
Awelia wusste, dass Feron erst angreifen konnte, wenn auch der Hochmeister abgelenkt war. Doch selbst dann standen ihre Chancen schlecht. „Wohin wollt ihr mich schicken?“ fragte Awelia den Hochmeister. „Oh, dass werdet Ihr schon sehen, wenn es so weit ist.“ antwortete er grinsend. Dann holte er eine Phiole aus seiner Robe hervor. Awelia erkannte an der weißen Farbe, dass sie das ihr schon nur zu gut bekannte Betäubungsmittel enthielt. „Damit wir nicht wieder solche Unannehmlichkeiten haben, habe ich diesmal einige Vorbereitungen getroffen.“ erklärte Kehmno und ging auf Dara und Feron zu. „Wisst ihr, es war nicht gerade schwer, die Funktionsweise eures Portals zu durchschauen.“ sagte Awelia laut zu Kehmno. Der Hochmeister drehte sich irritiert zu ihr um, fasste sich jedoch schnell wieder. „Ihr könnt euch erinnern?“ fragte er mit einem schiefen Lächeln, während seine Hand zum Dolch wanderte. „Ich bitte euch.“ antwortete sie brüskiert. „Jeder Idiot hätte das verstanden. Die Zeichen an der Wand, die Karte. Das Blut als Energie für das Portal.“ Awelia neigte den Kopf, während sie weitersprach. „Gut, dass ich drei mitgebracht habe, die ihr Blut für das Portal geben.“ Sie ignorierte Ferons fassungslosen Blick und sah hinüber zu den beiden Schergen, die am Tisch standen. „Nur, wird das reichen, oder werden eure … Diener dafür herhalten müssen?“ fragte sie in den Raum hinein. Einer der Männer wollte auffahren, als Kehmno ihm mit einer Bewegung das Wort abschnitt, ohne sich umzudrehen. „Darüber haben wir gesprochen, es wird reichen.“ versetzte er laut und starrte Awelia finster an. „Seid ihr sicher, ihr habt bei Hennal ziemlich viel verschüttet.“ fragte Awelia und neigte den Kopf zu der verkrusteten Blutlache, die von Hennal stammte. Sie wusste, dass die Worte Dara sehr verletzen mussten, und sie fühlte sich schlecht dafür. Doch sie hatte es fast geschafft. „Mein Blut kommt nicht in dieses Portal!“ schnauzte einer der Schergen und trat vom Loch zurück. Erbost drehte sich Kehmno um. „Halt die Klappe du Hohlkopf, sie versucht nur ihren Hals zu retten!“ schnauzte er zurück. „Aber sie hat recht, Ihr habt viel Blut auf dem Boden vergossen!“ warf der andere Scherge ein und trat ebenfalls vom Loch zurück.
Während die drei Männer begannen, sich zu streiten, fing Feron an, sich zu regen. Er zog die Hand aus der Fessel und langte nach oben, zum Halterungsmechanismus, der seine Fesseln mit der Wand verband. Awelia gestattete sich ein zufriedenes Lächeln. Feron löste die Fessel von der Wand und sackte zu Boden. Seine Rechte war noch in der Fessel, aber er konnte sich jetzt frei bewegen. Awelias Lächeln erstarrte. Sie hatte einen Blick zum Kronleuchter geworfen und sah, dass zwei schussbereite Bogenschützen auf dem Steg standen. Auch wenn die Streitenden Ferons Selbstbefreiung noch nicht bemerkt hatten, galt dies nicht für die beiden dort oben. Feron hielt die Kette mit beiden Händen fest, als er sich leise auf den Hochmeister zubewegte. Er sah die Bogenschützen nicht, die über ihm auf dem Steg waren, und sie würden ihn töten. Awelia sah mit wachsender Panik, wie sich die beiden Schurken zum Schuss bereit machten. Doch neben der Panik war noch etwas anderes. Es war das unbeschreibliche Gefühl, dass sie in Kleetal gehabt hatte. Es wuchs in ihr an und löschte die Panik aus. Ihr Blick fiel auf Feron. Sie wusste, sie musste ihn schützen, auch wenn sie selbst gefesselt war. Der Funke, der tief in ihr schlummerte, brach erneut hervor. Es war wie ein Stern, der plötzlich aufleuchtete. Awelia atmete ein, während der Funke aufflammte. Nach einem Gedanken war er hell wie ein Feuer, und ihre linke Hand zeigte mit zwei Fingern auf Feron. Sie spürte, wie die Kraft einen unsichtbaren Bogen zwischen ihnen spannte und etwas mit Feron tat. Dann ebbte das Gefühl ab, und zwei Pfeile flogen durch den Raum.
Feron hatte ein seltsames Gefühl wie nie zuvor in seinem Leben. Seine Haut juckte, und während er überrascht auf seine Hände blickte, wurden sie blass und Risse bildeten sich, als ob er austrocknen würde. Mit Furcht und aufsteigender Panik erstarrte er und blickte an sich herunter. Seine gesamte Haut änderte sich dergestalt, und er fürchtete, die Macht des Hochmeisters tötete ihn. Etwas hartes traf ihn an Schulter und Arm und ließ ihn taumeln. Er sah den Objekten nach und erkannte, dass es Pfeile waren. Sie hätten seinen Körper durchbohren sollen, und doch hatten sie es nicht getan. Mit einer sonderbaren Ahnung drehte er sich zu Awelia um. Sie stand immer noch gefesselt an der Wand und sah ihn erwartungsvoll an. Feron nickte ihr leicht zu und wandte sich zum Hochmeister um. Kehmno und seine Schergen hatten bei den Pfeilschüssen ihren Streit eingestellt und starrten Feron an. Offenbar waren sie genauso überrascht wie er. Kommentarlos stürmte er vor, und schlug mit der Kette nach dem Hochmeister. Dieser sprang hastig zurück, während er seinen Schergen befahl, Feron zu töten. Beide zogen ihre Schwerter und traten schützend vor den Hochmeister. Der erste sprang vor, doch Feron sah den Angriff kommen und blockierte den Schlag mit der Kette. Aber der andere folgte nur eine Sekunde später und Feron war zu langsam. Der Hieb war auf seine Seite gezielt und hätte ihm normalerweise tief in den Bauch geschnitten. Doch die Klinge prallte mit einem hohlen Klang ab, ohne Feron zu verletzen. Endlich verstand er, was Awelia getan hatte. Seine Haut sah nicht nur aus wie Stein, sie war tatsächlich Stein. Bevor der verdutzte Scherge seine Überraschung überwinden konnte, hieb Feron mit der Kette nach ihm wie mit einer Peitsche. Er traf den Mann im Gesicht und dieser ging heulend zu Boden. Der Zweite griff erneut an und traf Ferons Rücken. Das Schwert prallte zwar wieder ab, doch hatte er den Angriff deutlich gespürt. Er musste vorsichtig sein, denn er war nicht unverwundbar. Schwungvoll drehte er sich um und hieb mit der Kette nach dem Angreifer. Doch der erste Treffer war wohl eher auf Glück zurückzuführen, denn nun verfehlte Feron und traf sich auch noch selbst. Mit einem Fluch wich er dem nächsten Angriff aus und griff nach der Klinge. Der Scherge versuchte, seine Waffe zu befreien, doch Feron zog ihn zu sich heran und schickte ihn mit einem Schlag zu Boden.
Awelia sah gespannt zu, wie Feron kämpfte. Sie wusste selbst nicht genau, was sie getan hatte, doch schienen ihm die Treffer nichts anzuhaben. Kehmno griff nicht in den Kampf ein, sondern hastete um die Kämpfenden herum zu den Gefangenen. Gerade als Feron den letzten Schergen zu Boden schickte, erreichte der Hochmeister sie. „Aufhören!“ brüllte er. „Oder ich töte sie!“ Die Klinge war nur eine Handbreit von Awelias Kehle entfernt. Feron sah zu ihnen herüber, und auch die zwei Bogenschützen hielten inne. „Feron, hinter dir! Das Seil!“ schrie Awelia ihm zu. Sie hatte es erst während des Kampfes bemerkt. Zwischen zwei Regalen war die Halterung des Kronleuchters angebracht. Feron fuhr herum und schlug es mit dem erbeuteten Schwert entzwei. Der Hochmeister machte einen Schritt auf Feron zu und sah dann den herabfallenden Leuchter. Die Zeit um sie herum schien still zu stehen, während der Leuchter hinuntersauste. Die Schergen auf dem Steg hasteten aus dem Raum und kurz bevor der Kronleuchter aufschlug begann Feron zu rennen. Das Metall verbog sich beim Aufprall auf den Boden, einige der Kristalle sprangen aus den Fassungen während andere sofort zerplatzten. Rote Funken stoben durch die Luft, und es wurden noch mehr als die umherfliegenden Kristalle zerbrachen. Wo die Bücher und Regale von den Funken getroffen wurden, fingen sie sofort Feuer. Für einen Moment verschwand Feron hinter aufzüngelnden Flammen, dann kam er aus dem Funkenschwarm gerannt und schlug den Hochmeister nieder. Während sich Kehmno am Boden krümmte, löste Feron Awelias und Daras Fesseln. Als sie frei war, hastete Awelia sofort zu Kehmno. Sie griff in seine Taschen und holte ihr Amulett hervor. „Das gehört mir!“sagte sie kalt, während der Hochmeister sie hasserfüllt anstarrte. Die Flammen griffen immer weiter um sich, die Regale brannten bereits lichterloh. Ein dumpfes Dröhnen ertönte von unten und eine Fontäne aus Flammen schoss aus dem Loch im Boden. Hastig zogen sich Feron, Dara und nun auch Awelia zum nächstgelegenen Gang zurück. Das Feuer erreichte Kehmno und fraß sich an seiner Kleidung entlang. Nach wenigen Sekunden war der Hochmeister vollständig in Flammen gehüllt. Wild kreischend und um sich schlagend rollte er über den Boden, doch alles, was er erreichte, war das Feuer weiter zu verteilen. Die immer größere Hitze und der Rauch trieben alle Überlebenden aus dem Raum heraus, während hinter ihnen die Schreie schwächer wurden.
Feron hockte neben Awelia und Dara und hustete stark. Dicke Rauchschwaden wallten über die Decke des Ganges, in den sie sich geflüchtet hatten. Sie hielten sich geduckt und krochen den Gang entlang. „Wir müssen hier raus, bevor wir ersticken!“ rief Dara hustend. „Aber wo geht es raus? Wir sind genau in der entgegengesetzten Richtung, wie wir reingekommen sind.“ antwortete Feron schwer atmend. „Und wenn wir dem Rauch folgen?“ fragte Awelia mit einem Blick auf die Schwaden über ihren Köpfen. „Die verteilen sich im ganzen Höhlensystem, ihnen zu folgen bringt uns nicht weiter!“ gab Dara zurück. Awelia blieb stehen und dachte nach. Feron wollte sie weiterziehen, doch sie bedeutete ihm, zu warten. „Wir müssen nach oben!“ rief sie nach einigen Sekunden. Feron blickte sie unsicher an. „Der Rote Zirkel hat uns beobachtet, aber sie sind nicht vor uns durch den Nebel, das hätten wir bemerkt. Es muss einen weiteren Eingang über uns geben.“erklärte sie hastig, da sie husten musste. „Das ist eine ziemlich riskante Annahme. Der Rauch sammelt sich oben. Wenn du dich irrst, sterben wir.“ gab Dara zu bedenken. „Da ist ein Ausgang über uns.“ sagte Awelia entschlossen. Feron nickte. „Wir gehen bei der nächsten möglichen Abzweigung nach oben.“ rief er und kroch weiter.
Einen Weg nach oben zu finden war einfacher als erwartet, denn schon an der nächsten Gabelung hab es einen solchen Gang. Dennoch irrten sie noch lange Minuten, die ihnen wie Stunden vorkamen, durch das Labyrinth, während der Rauch immer dichter wurde. Awelia wurde mehrmals schwarz vor Augen, doch sie nahm sich zusammen und kroch weiter. Dann, als sie schon die Hoffnung aufgegeben hatte, je wieder hier herauszukommen, nahm sie einen verschwommenen Lichtschein wahr. „Dort!“ krächzte sie mit malträtierter Kehle und sank sofort in einem Hustenanfall zusammen. Sie fühlte sich gepackt und wurde über den harten Felsboden geschleift. Licht fiel auf ihre geschlossenen Augen und als sie sie öffnete erkannte sie den Himmel. Sie sah Feron nicht weit von ihr entfernt keuchend nach Luft ringen. Dara war direkt neben ihr und erbrach schwarzen Schleim. Angewidert und dennoch besorgt wandte sich Awelia ab. Vor ihr waren etliche Bäume, aber auch große Felsen, die aus dem Boden ragten. Es schien den Berghang des Nebeltals hinauf zu gehen, doch die Bäume versperrten schon nach wenigen dutzend Schritt die Sicht. Hinter ihr war der Höhlenausgang, aus dem dicker schwarzer Rauch quoll. Es gab noch eine weitere Rauchsäule. Als Awelia über den Rand hinabsah konnte sie das ganze Nebeltal überblicken. Von hier oben mussten sie bei ihrer Ankunft trotz des Nebels gut zu erkennen gewesen sein. Der Eingang weit unter ihnen spie Rauch aus, wenn auch weniger als der Ausgang hier oben. So wie es aussah waren einige Mitglieder des Roten Zirkels ins Tal hinein geflohen, sie konnte sehen, wie sie im Nebel zwischen den Bäumen verschwanden. Als sie ihre Entdeckung kundtat, wurde das lediglich mit einem Nicken kommentiert. Immerhin waren keine Schergen hier hoch geflüchtet.
Nachdem sie sich wieder gesammelt hatten berieten sie, wie es weitergehen sollte. Durch die Höhle konnten sie nicht zurück, und auch am Berghang konnten sie nicht hinab. Damit blieb ihnen nur der Weg auf den Berg hinauf und hoffentlich in ein anderes Tal hinab. Zudem hatten sie keinerlei Nahrung oder gar Wasser. Und wie Feron feststellte waren die Fesseln, die sie noch immer trugen, ein weiteres Problem. Nicht nur, dass sie sie behinderten, alle anderen mussten denken, sie wären entflohene Gefangene. Dara nahm sich einen spitzen Stein und begann auf das Gelenk ihrer Fessel zu schlagen. „Ich glaube dein Daumen ist gebrochen.“ sagte sie beiläufig, darauf konzentriert, sich nicht selbst zu verletzen. Feron blickte auf den abstehenden Finger. Seine Haut sah inzwischen wieder normal aus, was auch immer Awelia getan hatte war verflogen. „Ich weiß, kennst du dich mit diesen Verletzungen aus?“ fragte er Dara. Sie nickte. „Ich kann die Hand schienen, aber wir müssen trotzdem einen Mediziner finden.“ Feron rückte an Awelia heran. „Danke für die Hilfe.“ „Ich wollte nicht zwei Freunde an einem Tag verlieren.“ flüsterte sie und lehnte sich an seine Schulter. Dara hatte inzwischen eine Hand befreien können, und machte sich nun daran, die andere Seite zu öffnen.
Schließlich waren alle Fesseln gelöst und Dara hatte Ferons Daumen notdürftig mit einem Ast und einem Stofffetzen ihres Hemds geschient. Sie begannen ihren Aufstieg auf den Berg, während die Sonne dem Horizont entgegen sank. Schon nach kurzer Zeit suchten sie ein Nachtlager, zu groß war die Erschöpfung. Während Dara sich zwischen den Bäumen und Felsen umsah ließ sich Awelia einfach in das spärliche Gras fallen. Dieser Fleck war für sie so gut wie jeder andere. Feron trat an sie heran. „Ist alles in Ordnung?“ fragte er vorsichtig. „Ich hab Hunger. Und Durst.“ grummelte sie betrübt. Er kniete sich neben sie und strich ihr sanft über den Kopf. „Wir werden das schon schaffen. Morgen, du musst nur etwas durchhalten.“ sagte er aufmunternd und legte seine Hand auf ihre Stirn. „Du bist nur erschöpft, dass geht vorbei.“ Sie nickte leicht. „Wir bleiben heute Nacht hier.“ rief Dara, die gerade zurückkam. „Weiter oben scheint ein Pass zu sein. Morgen sehen wir uns das an.“ Feron blickte zur Sonne, die langsam hinter dem Rand des Tals verschwand, und alles in orangenes Licht tauchte. Die Rauchfahnen waren schwächer geworden, doch nicht ganz verschwunden. Wenn wir das überlebt haben, schaffen wir es auch ins nächste Tal, dachte er grimmig.
Als Awelia die Augen aufschlug, hing sie in Ketten. Sie war wieder in der Höhle, gefangen im großen Raum. Der Hochmeister schob mit einer Handbewegung den Tisch beiseite und Hennal stürzte auf die Öffnung im Boden. „Nein, nicht!“ schrie Awelia, doch der Hochmeister trennte Hennal den Kopf ab und das Blut floss in Strömen in die Tiefe. Die Zeichen an der Wand leuchteten blutrot auf und ein Strudel roten Rauchs bildete sich unter der Decke. Mit schallendem Lachen tauchte ein verbranntes Gesicht vor dem ihren auf. „Ich hab dein Amulett!“ kicherte der verbrannte Hochmeister und legte sich ihr Amulett um. Dara trat dazwischen und sah Awelia wütend an. „Warum hast du Feron gerettet und nicht Hennal?“ fragte sie hasserfüllt. Das Gesicht verwandelte sich in das von Hennal, doch die Stimme blieb gleich. „Du bist Schuld! Du hast ihn getötet!“ schrie sie anklagend.
Awelia schreckte schweißgebadet auf. Sie atmete schwer und ihr Herz raste. Es war dunkel und langsam erinnerte sie sich. Sie hatte sich zwischen den Bäumen zum Schlafen gelegt, sie musste einen Albtraum gehabt haben. Vereinzelte Sterne waren am Himmel zu sehen, doch es schien sehr bewölkt zu sein. „Ist alles in Ordnung?“ flüsterte eine leise Stimme neben ihr. Awelia brauchte einen Moment, um sie Feron zuzuordnen. „Ich habe schlecht geträumt.“ antwortete sie langsam. Sie spürte, wie er sich neben sie setzte. „Dara gibt mir die Schuld an Hennals Tod.“ flüsterte sie tonlos. „Das ist nicht wahr. Du konntest nichts tun, als der Hochmeister ihn ermordet hat.“ antwortete Feron sanft. „Aber ich habe dir geholfen … ihm nicht. Ich hätte ihn retten können, doch stattdessen …“ flüsterte Awelia mit bebender Stimme. Feron griff ihre Hand. „Es ist nicht deine Schuld.“ sagte er mitfühlend, aber bestimmt. „Was auch immer du getan hast, du kannst es nicht kontrollieren. Dara weiß das, sie gibt dir keine Schuld.“ flüsterte er und strich ihr sanft über den Kopf. „Ich habe Angst, dass ihr auch sterbt.“ flüsterte sie bedrückt. „Soll ich dir eine Geschichte erzählen?“ fragte Feron leise. Awelia nickte nach kurzem Zögern. „Ja.“
„Es begab sich vor vielen Jahren, ich war noch ein Kind, dass ich mit einem anderen Dorfjungen im Wald spielen war. Wir spielten oft Verstecken, oder Fangen. Dinge die Kinder so spielen. Jedenfalls, eines Tages standen wir plötzlich einer Gruppe Wildschweine gegenüber. Die Erwachsenen hatten uns oft erzählt, dass Wildschweine gefährlich sind, also hatten wir Angst. Der andere Junge stand ganz still, doch sie kamen Hufe scharrend näher. Und ich bin weggerannt. Ich habe ihn stehen lassen und bin gerannt. Ich habe mich eine Höhle geflüchtet und bin einfach weitergelaufen. Als ich endlich erschöpft stehen blieb, war ich allein in der Dunkelheit.“ erzählte Feron traurig, während Awelia stumm lauschte. „Ich versuchte mich zurecht zu tasten, und immer wieder sah ich das Gesicht des Jungen vor mir in der Dunkelheit. Er war böse auf mich. Er sagte mir, ich sei Schuld daran, dass die Wildschweine ihn getötet haben. Ich hätte bei ihm bleiben sollen. Und nach einer Weile sah ich andere Gesichter. Erwachsene aus dem Dorf, sie gaben mir die Schuld daran, dass der andere Junge tot war. Meine Mutter sagte mir, ich sei nicht mehr ihr Sohn.“ Nachdem er einige Augenblicke nicht weiter geredet hatte, flüsterte Awelia „Das muss schrecklich gewesen sein, so fühle ich mich gerade.“ „Das war es.“ antwortete Feron. „Ich fühlte mich furchtbar, und ich wünschte mir, die Wildschweine hätten mich anstatt seiner getötet. Ich wollte einfach aufgeben, doch irgendwie habe ich mich weiter getastet. Und schließlich bin ich wieder aus der Höhle herausgekommen. Ich bin zurück ins Dorf gelaufen. Und als ich dort ankam … war niemand böse auf mich.“ „Aber du hattest doch den anderen Jungen im Stich gelassen.“ flüsterte Awelia verwundert. Feron fuhr unbeirrt fort. „Niemand gab mit die Schuld. Sie waren froh, dass ich wieder da war. Sie hatten zwei Tage nach mir gesucht. Niemand hat ein böses Wort verloren. Alle waren glücklich, dass ich gesund war.“ erzählte er. „Was war mit dem anderen Jungen?“ fragte Awelia vorsichtig. „Er hatte sich schwer verletzt auf einen Baum retten können. Später sagte er mir, er wünschte, er wäre auch gerannt. Doch auch er gab mir keine Schuld, kein Vorwurf dass ich weggerannt bin.“ Awelia dachte darüber nach. „Aber Hennal ist durch meine Nachlässigkeit gestorben, das ist doch etwas anderes.“ sagte sie traurig. „Nein, das ist es nicht.“ antwortete Feron sanft. „Du kannst deine Kräfte nicht kontrollieren. Wir sind froh, dass du uns vor dem sicheren Tod gerettet hast. Niemand ist böse auf dich.“ „Aber Dara …“ begann Awelia flach, doch Feron unterbrach sie. „Auch Dara ist dir nicht böse. Du hast dein Bestes gegeben, und das weiß sie.“ Regentropfen fielen aus dem bewölkten Himmel auf sie nieder. „Siehst du.“ sagte Feron aufmunternd. „Es wird alles wieder gut.“
Als die Sonne aufging, lies der Regen nach. Awelia hatte die restliche Nacht zwar nur gedöst, aber es ging ihr besser. Feron und auch Dara hatten in abgepflückten Blättern versucht, den Regen zu sammeln. Es reichte zumindest, um den Durst zu löschen. Awelias Umhang war völlig durchnässt, und sie legte ihn über einen Stein zum Trocknen. Zu dritt sahen sie zu, wie die Wolkendecke aufbrach. Die Rauchfahnen waren verschwunden, doch es würde noch Tage oder Wochen dauern, bis man die Höhle gefahrlos durchqueren konnte. Das Nebeltal lag nun ohne Nebel unter ihnen, und sie sahen einige Rehe zwischen den Bäumen entlang stapfen. Awelia trat neben Dara. „Dara ich …“ begann sie mit belegter Stimme, doch hielt inne. Alles, was sie sich überlegt hatte, was sie sagen könnte, war plötzlich weg. Die ältere Frau drehte sich zu ihr um und betrachtete sie mit einem nicht zu entziffernden Gesichtsausdruck. „Es tut mir leid, was mit Hennal passiert ist.“ sagte Awelia traurig. „Ich weiß, dass Ihr Euch lange kanntet, und sicher eine Menge durchgemacht habt. Ich wünschte, ich hätte ihn retten können. Es tut mir leid.“ Dara nickte traurig. „Ich danke dir.“
Als die Sonne vollständig hinter den Bergen hervorgekrochen war, brachen sie auf. Awelia schlang den immer noch feuchten Umhang um den Bauch und knotete die Enden vorn zusammen. Gemeinsam begannen sie den Aufstieg in den Berg. Es dauerte vielleicht eine Stunde, bis sie den Pass erreichten, von dem Dara gesprochen hatte. Die Bäume blieben hinter ihnen zurück und vor ihnen war schon von weitem die Schlucht zu erkennen, die zwischen den zwei Bergrücken wirkte, als hätte sie ein Riese mit einem großen Schwert in den Berg geschlagen. Die Hänge waren steil und sahen brüchig aus, doch in dem Pfad zwischen ihnen lag kein Schutt. Sie hatten genug Platz, um nebeneinander zu gehen, während sich um sie herum Gestein schloss. Nach wenigen Schritten war die Sonne verschwunden und nur noch das Licht, das über die Schluchtränder drang, blieb. Unwillkürlich begann Awelia zu frieren, doch sie sagte nichts. Sie hatte keine Angst vor diesem Ort, doch war sie ehrfürchtig gegenüber dem Naturmonument. Die Felswände wirkten unüberwindlich, ihre raue, zerfurchte Oberfläche schien jedes Wetter abzuwehren. Awelia stellte sich vor, wie es hier vor tausenden Jahren genauso aussah, ohne sich jemals zu ändern. Das Regenwasser, das von den Bergen herab geflossen war, bildete ein kleines Rinnsal, welches zum Nebeltal floss. Sie pausierten kurz um zu trinken, dann setzten sie ihren Weg fort. Nach einiger Zeit, es mochte Mittag sein, so genau ließ sich das nicht sagen, wurde vor ihnen eine Felswand sichtbar. Feron vermutete, die Schlucht bog ins nächste Tal ab, und Dara war der Meinung, es wäre eine weitere Höhle. Awelia hatte keine Erfahrung mit Schluchten, also hielt sie den Mund.
Bald darauf weitete sich die Schlucht und wurde zu einem langgezogenen, tropfenförmigen Tal. Große Steinklötze waren im Kreis aufgestellt, während um sie herum Felswände aufragten. Es ging nicht weiter, der Weg, durch den sie gekommen waren, war der einzige. Dara machte sich auf die Suche nach einem Höhleneingang, während sich Feron nachdenklich umsah. Die Steine wirkten seltsam vertraut auf Awelia, doch sie konnte nicht genau sagen wieso. „Hast du solche Steine schon mal gesehen?“ fragte sie Feron. Er schüttelte den Kopf. „Nein, vielleicht eine Ritualstätte von einem längst verschwundenen Volk.“ mutmaßte er achselzuckend. Nach einiger Zeit kam Dara zurück. „Ich hab nichts gefunden.“ sagte sie laut. „Das ergibt keinen Sinn. Wer baut etwas so tief in die Berge, ohne eine Möglichkeit, auf zweitem Weg herauszukommen.“ fuhr sie frustriert fort. „Nun, man kann doch durch die Schlucht zum Nebeltal.“ gab Feron zu bedenken. Dara schüttelte heftig den Kopf. „Was wenn ein Steinschlag den Pfad verschüttet. Oder ein Feind die Schlucht belagert. Man säße hier drinnen fest, ohne Nahrung oder Ausweg.“ erklärte sie und Feron nickte nachdenklich. Was sie sagte, machte Sinn. Es musste hier etwas geben.
Sie saßen auf der großen, mit spärlichem Gras bewachsenen Fläche zwischen den Steinen. Dara und Feron überlegten lautstark, was es hier geben könnte, und wonach sie überhaupt suchen sollten. Awelia war immer noch mit den Steinen beschäftigt. Es waren zehn spitze Kolosse, an die vier Schritt hoch, und aus hellerem Gestein als die Berge um sie herum. Sie durchschritt den Kreis, den die Steine bildeten und maß etwas über zwanzig Schritt. Sie trat an den vor ihr stehenden Koloss und legte die Hand auf die kalte Oberfläche. Sie spürte etwas tief im Stein und konzentrierte sich. Dort war eine Kraft in dem Stein eingeschlossen. Awelia dachte daran, die Kraft zu wecken um zu wissen, was dort im Stein schlummerte, und ihre eigene Kraft, die wie ein Funken in ihr schlummerte, blinkte kurz auf. „He … was hast du getan?“ rief Feron plötzlich. Sie drehte sich irritiert um und nahm die Hand vom Stein. Dara und Feron waren aufgesprungen. Mit einiger Überraschung erkannte Awelia auch, warum. Alle zehn großen Brocken strahlten ein sanftes blau-grünes Licht aus, das langsam abwechselnd schwächer und wieder stärker wurde. „Was tust du da?“ fragte Dara besorgt. Awelia wusste es selbst nicht so genau. „Ich glaube nicht, dass es gefährlich ist.“ sagte sie nachdenklich. Sie legte aus einer Intuition heraus beide Hände zurück auf den Stein. „Warte, nichts überstürzten!“ rief Feron erschrocken. Awelia drehte sich herum, eine Hand am Stein behaltend. Während sie sich drehte zeigte sie mit der freien Hand auf die anderen Steine, die schlagartig auf ihre höchste Leuchtkraft sprangen. Als die Hand in seine Richtung kam warf sich Feron zu Boden und Dara zuckte zusammen. Dann hatte Awelia den Kreis geschlossen und für einen kurzen Moment leuchteten alle zehn Steine. Ein blauweißes Leuchten erstrahlte in der Mitte des Steinkreises und breitete sich wie eine Schockwelle aus.
Geblendet rieben sie sich die Augen. „Ich sagte warte!“ beschwerte sich Feron lauthals. „Ich hab direkt hineingesehen!“ Awelias Sicht kehrte langsam wieder zurück. Die Steine waren verschwunden. Und auch sonst hatte sich ihre Umgebung verändert. Sie waren nicht länger in der Schlucht, sondern standen auf einem Plateau über einer weiten Wiese. Hastig tastete Awelia in der Luft herum, doch der Fels war nicht unsichtbar. Es war keine Illusion, sondern real.