Kapitel 3 - Unbekanntes Land

Ratlos standen sie auf dem kleinen Plateau, das sich knapp über eine weite Wiese mit vereinzelten Bäumen erhob. Die Sonne stand hoch am strahlend blauen Himmel, nur ein paar Wolken waren zu sehen. In der Ferne machten sie einen großen Wald aus, in der Gegenrichtung einige Berge und davor ein See. Von den Steinen oder gar der Schlucht gab es keine Spur. „Was ist gerade passiert?“ fragte Feron mühsam beherrscht. Awelia sah sich weiter um. „Ich weiß es nicht.“ sagte sie langsam. „Komm schon, du wusstest was passiert, als du den Stein angefasst hast.“ stieß Feron hervor. „Vielleicht nicht bewusst, aber du hast die Steine zum Leuchten gebracht und dann mit einer Bewegung dafür gesorgt, dass wir jetzt hier sind.“ „Ich weiß nicht, warum ich das getan habe, aber sicher nicht um uns zu schaden.“ antwortete Awelia verletzt. „Ich denke ich weiß was passiert ist.“ rief Dara, die während des Gesprächs herumgelaufen war. „Erleuchte uns!“ maulte Feron, sichtlich ungehalten. „Eigentlich hätte ich sofort drauf kommen müssen. Es sind Teleportsteine.“ antwortete Dara ernst. „Ich hatte darüber gelesen, es gibt überall auf der Welt solche Steinkreise. Wenn sie aktiviert werden, teleportieren sie alle, die sich im Kreis befinden, über weite Distanzen.“ erklärte sie. „Aber warum dann hier, wieso nicht zum Beispiel Sonnenberg?“ fragte Feron irritiert mit Blick auf Awelia. „Keiner von uns kennt diesen Ort.“ Dara schüttelte den Kopf. „Nein, der Teleport hat ein festes Ziel. Der gleiche Steinkreis wird einen immer an den gleichen Zielpunkt schicken.“ Awelia überlegte. „Und was machen wir jetzt?“ fragte sie besorgt. „Ich habe eine Ansiedlung gesehen.“ sagte Dara und zeigte auf einen Fleck in der groben Nähe des Waldes. „Wir gehen dort hin, versorgen uns und finden heraus, wo wir sind.“ bestimmte sie, und damit war es entschieden.
Die Ansiedlung schien näher zu sein als der Wald. Zumindest wurde sie schneller größer. Während des Weges rekapitulierten sie ihre Situation, und beratschlagten was sie den Leuten sagen würden. Der Hochmeister des Roten Zirkels mochte tot sein, doch es war zu bezweifeln, dass das das Ende war. Sie wollten Awelia an einen anderen Ort schaffen, also gab es noch höhere Mitglieder oder jemand hatte den Auftrag gegeben. So oder so war es noch nicht vorbei. Da sie jetzt hier waren und keiner von ihnen wusste, wo genau sie waren, hofften sie, außerhalb der Reichweite des Roten Zirkels zu sein. Sie würden den Zirkel auch niemandem gegenüber erwähnen. Ein großes Problem war, dass sie unbewaffnet waren, kein Geld hatten und auch keine Vorräte. Zudem war da Ferons verletzte Hand. Zwar ging die Schwellung zurück, und auch das aufgeriebene Gelenk würde wieder heilen, doch der Daumen musste richtig versorgt werden, sonst würde er schief bleiben. Nach der Grundversorgung mit Essen und Wasser war Ferons Gesundheit das Wichtigste. Sie hatten sich eine halbwegs glaubwürdige Geschichte ausgedacht. Vor ein paar Tagen waren sie vom Weg abgekommen und hatten sich entschlossen, über die Ebene zu laufen, in der Hoffnung es wäre eine Abkürzung. Unterwegs war Feron unglücklich auf einen Stein gestürzt und hatte sich dabei den Daumen gebrochen. Dara hoffte, dass der große Wald, den sie hinter der Ansiedlung sahen, der Reichsforst war, denn dann würden sie schon bald in Sicherheit sein, wie sie sagte.
Als die Sonne den Horizont berührte erreichten sie die Ansiedlung. Es gab mehrere große Äcker die durch einen Graben von der scheinbar endlosen Wiese getrennt waren. Es wuchsen verschiedene Getreide und am Rand auch ein paar Früchte. Inmitten der Äcker waren drei Häuser und ebenso viele Scheunen gebaut. Die hölzernen Gebäude mit Strohdächern machten einen heruntergekommenen Eindruck, doch es brannte Licht im Inneren. „Wer ist da?“ rief eine Stimme. Als sie sich umsahen trat ein älterer Mann, der sie nachdenklich betrachtete, zwischen den Getreidehalmen hervor. Er trug eine dicke, zerschlissene Hose und ein stark ausgebeultes Hemd. „Werter Herr, wir sind erschöpfte Reisende. Hättet Ihr die Güte, uns eine Unterkunft für die Nacht und vielleicht eine warme Brühe zu gewähren?“ fragte Dara mit Bettlerstimme. „Woher kommt ihr?“ fragte der Mann, während er misstrauisch die drei Gestalten vor sich betrachtete. Sie erzählte, wie sie vom Weg abgekommen und über die weite Wiese gelaufen waren, in der Hoffnung, zum Reichsforst zu gelangen. Der Mann nickte schließlich. „Dann habt ihr eine beschwerliche Reise hinter euch. Gern könnt ihr bei uns nächtigen.“ sagte er mit einer einladenden Geste auf das nächste Haus.
Als sie das Haus betraten duftete es nach Essen. Sie standen in der Stube, der Esstisch war bereits für zwei gedeckt. „Hilja, wir haben Gäste.“ sagte der Mann laut, und eine Frau in ärmlicher Bauernkleidung kam in die Stube. „Machst du ihnen etwas zu essen, ich werde ein Zimmer vorbereiten.“ sagte er und ging eine schmale Treppe nach oben. Die Frau, Hilja, nickte und verschwand wieder. Awelia, Dara und Feron standen nun allein im Raum und sahen sich um. Das Zimmer war nur mit dem Nötigsten eingerichtet, was offenbar neben dem Tisch und einigen Stühlen nur eine Kommode war. Die Wände waren nackt und es herrschte die gleiche Temperatur wie draußen. „Das sind aber nicht auch noch Beschützer, oder?“ raunte Awelia zu Dara. Diese schüttelte lächelnd den Kopf. „Das sind ganz normale Bauern.“ flüsterte sie. Hilja kehrte mit Tellern und Besteck zurück. „Ihr seht erschöpft aus.“ sagte sie freundlich mit warmer Stimme. „Ihr könnt gleich etwas essen.“ Die Bäuerin deckte den Tisch und verschwand wieder in der Küche.
Kurz darauf saßen sie zu fünft am Tisch und aßen eine Gemüsebrühe. Der Mann hatte sich inzwischen als Arik vorgestellt. Während des Essens erzählten sie etwas über ihre Reise. Das meiste kam von Dara, die erzählte, sie wären von irgendeiner Mark gekommen. Von den beiden Bauern erfuhren sie, dass dies einer von acht Höfen des Baronen Silios war. Der große Wald war tatsächlich der Reichsforst, und er lag nur einen Tag von hier. Während des Essens bemerkte Arik Ferons Verletzung und bot an, sie danach zu behandeln. Offenbar hatte er Erfahrung mit Brüchen und Quetschungen, und richtete, schiente und verband den Finger mit geübten Handgriffen. Feron ließ die Prozedur stoisch über sich ergehen und bedankte sich höflich. Schließlich zogen sie sich auf ihre Zimmer zurück.
Awelia, Dara und Feron teilten sich ein Zimmer. Da es nur zwei Betten gab, würde Feron eines allein bekommen. Sein Daumen war gerichtet und geschient worden und steckte jetzt in einem matschfarbenen Verband. Awelia saß im Bett und blickte durchs Fenster nach draußen. Doch dort war nichts zu sehen außer pechschwarzer Nacht. „Wie geht es jetzt weiter?“ fragte sie tonlos. „Arik sagt, ich solle die Hand zwei Wochen schonen. Und er würde den Verband gern in zwei oder drei Tagen wechseln wollen, hat wohl was mit der Salbe zu tun.“ erklärte Feron, während er auf seine verhüllte Hand starrte. „Wir können diesen Leuten zwar dahingehend trauen.“ begann Dara halblaut. „Doch ich würde nicht zwei Wochen hier rumsitzen wollen. Wir müssen noch immer herausfinden, wo genau wir uns befinden. Danach verschwinden wir hier.“ sagte sie mit befehlendem Unterton. „Aber wir wissen doch, dass wir beim Reichsforst sind.“ warf Awelia verwundert ein. „Der Reichsforst ist riesig, man braucht eine Woche um ihn zu Fuß zu durchqueren.“ belehrte sie Feron, und Dara nickte. „Und wenn wir wissen, wo wir sind, was dann?“ fragte Awelia weiter. „Dann verschwinden wir.“ wiederholte Dara. „Ist das nicht gemein? Wir müssen uns doch für die Gastfreundschaft revanchieren!“ murrte Awelia, doch Dara schüttelte entschieden den Kopf. „Der Rote Zirkel, oder die, die ihn beauftragt haben, sind gefährliche Feinde. Sie verfügten über genug Macht, Euch in Kleetal aufzuspüren. Sie können uns auch hier finden. Wenn wir länger als nötig hier bleiben bringen wir diese Menschen in Gefahr.“ Awelia lehnte sich betrübt an die Wand und starrte ins Nichts.

Die Sonne war bereits aufgegangen als Awelia erwachte. Dara war verschwunden, aber Feron hockte auf dem anderen Bett und beobachtete sie. „Wo ist Dara?“ fragte Awelia langsam, während sie sich streckte. „Sie hilft den Bauern.“ antwortete Feron mit leichtem Lächeln. „Und was starrst du so an?“ Awelia zog die Bettdecke bis zum Hals. „Oh entschuldige.“ rief Feron und wandte sich ab. „Dara meinte, ich soll auf dich aufpassen. Und da, naja …“ stammelte er und wurde rot. „Da dachtest du, du könntest mir beim Aufstehen zuschaun?“ fragte Awelia mit süffisantem Grinsen. „Nein, ich … so war das nicht gemeint … ich …“ stammelte Feron weiter und sein Kopf sah mittlerweile aus wie eine reife Tomate. „Ist schon in Ordnung.“ meinte sie achselzuckend und schlug die Bettdecke zurück. Da ihr kalt gewesen war hatte sie ihre Kleidung anbehalten. Während sie sich lachend aus dem Bett schwang, schlug Feron kopfschüttelnd die Hände ins Gesicht.
Der Rest des Tages verging mehr oder weniger ereignislos. Dara half Arik und Hilja auf den Feldern, während Feron und Awelia versuchten, die Zeit totzuschlagen. Die anderen Bauern kümmerten sich nicht um sie und waren mit ihrer Arbeit beschäftigt. Schlussendlich spazierten sie den ganzen Tag um den Hof und in der näheren Umgebung herum. Sie sprachen wenig, Awelia hatte nichts zu erzählen und Feron wollte auch keine Geschichten erzählen. Awelia fürchtete, ihn am Morgen verletzt zu haben, doch sie sagte nichts. Am Abend aßen sie wieder alle zusammen. Dara war noch nicht weiter, was den Ort anging. Niemand hatte ihr sagen können, wo genau sie waren. Auch der nächste Tag verlief so. Gegen Mittag zogen dunkle Wolken auf, und am Nachmittag begann es zu regnen. Nach wenigen Minuten goss es wie aus Eimern und alle flüchteten sich in die Häuser. Arik und Hilja nahmen es gelassen, sie hofften, dass das letzte Saatgut endlich austreiben würde. Einzig Awelia schien sich daran zu stören. Sie saß betrübt am Fenster und starrte den Regen an, als ob sie ihn so aufhalten könnte. Dara fragte sie, ob sie ihr irgendwie helfen konnte, doch Awelia verneinte. Bis zum Essen blieb sie gedankenversunken am Fenster sitzen.

Der Regen hörte in der Nacht auf. Am Morgen waren die Wolken verschwunden, auch wenn der Boden noch nass war. Awelias Laune besserte sich und sie lief draußen am Feld entlang. Arik wechselte Ferons Verband und war überzeugt, dass der Bruch gut heilte. Feron gesellte sich zu Awelia und sie beobachteten eine Weile die Bauern bei ihrer Arbeit. Gegen Mittag kam Arik plötzlich zu ihnen gelaufen. „Ihr müsst ins Haus, rasch!“ rief er ihnen zu. Feron hüpfte vom Holzzaun, auf dem er gesessen hatte. „Was ist los?“ fragte er besorgt. „Der Vogt kommt, er ist nicht unbedingt für seine Freundlichkeit bekannt.“ erklärte der Bauer hastig und zeigte auf einige Gestalten, die sich durch die Wiese näherten. Feron nickte knapp und lief mit Awelia im Schlepptau ins Haus. Dara wartete schon auf sie und gemeinsam stellten sie sich ans Fenster. Es dauerte noch einige Minuten, bis eine Gruppe Reiter in ihrem Blickfeld auftauchte. Es waren zwei Knappen und zwei hochgestellte Persönlichkeiten. Einer hatte eine gut gearbeitete gelbe Weste, darunter ein verziertes Hemd mit Goldrand. Das musste wohl der Vogt sein. Der Andere war weniger aufwendig gekleidet, doch hob er sich immer noch von den Knappen ab. Feron vermutete einen Beamten. Der Vogt sprang vom Pferd ab und lief mit weit ausholenden Schritten zu Arik. Die übrigen Bauern wichen ängstlich zurück. Es gab einen erregten Wortwechsel, doch sie konnten nicht verstehen, worum es ging. Was dann folgte, war aber umso deutlicher. Der Vogt schlug Arik in den Magen und stieß ihn zu Boden. Er brüllte den Bauern an und drohte ihm, bevor er mit weiten Schritten zurück zu seinem Ross ging.
Als der Vogt und seine Kumpane verschwunden waren, liefen sie aus dem Haus um nach Arik zu sehen. Der hatte sich inzwischen aufgerappelt und hob beschwichtigend die Hände. „Es ist alles in Ordnung.“ keuchte er und hielt sich die Rippen. „Was sollte das, worum ging es?“ fragte Feron ernst. Arik wollte abwinken, doch Feron hielt ihn fest und starrte ihn durchdringend an. „Der Vogt bemängelte gerechtfertigterweise, dass ein Teil des Feldes nicht bewachsen ist. Und wenn ich das nicht bald ändere, erhalte ich keinen Nachlass mehr auf Nahrungsmittel.“ erklärte der Bauer kleinlaut. Feron trat irritiert einen Schritt zurück. „Nachlass? Aber ihr habt doch nur euren Zehnt zu zahlen?“ fragte er verwirrt. Der Bauer schüttelte den Kopf und erklärte, dass die Baronie keinen Zehnt eintrieb. Vielmehr kaufte der Baron die gesamte Ernte und die Bauern kauften die daraus entstandenen Nahrungsmittel zu günstigeren Preisen. Viel blieb nicht übrig, doch es reichte für die reisenden Händler. „Das geht uns nichts an.“ flüsterte Dara zu Feron, und er wandte sich kopfschüttelnd ab.
Die Nacht war hereingebrochen und sie hatten es sich in ihrem Zimmer so gemütlich wie möglich gemacht. „Wir haben unsere eigenen Probleme. Ich habe keine Lust, mich wegen einer Lappalie mit irgendeinem Lehnsherren anzulegen.“ sagte Dara finster mit gesenkter Stimme. „Lappalie? Diese Leute werden völlig ausgebeutet.“ raunte Feron entgeistert. „Sie müssen das Essen kaufen. Das, das sie selbst angebaut haben. Das ist doch bescheuert!“ „Mein Auftrag ist nicht, hier Kritiker zu spielen, sondern Awelia sicher dort hin zu bringen, wo sie hin soll.“ flüsterte Dara giftig zurück. „Aber der Mann war doch gemein, einen unbescholtenen Bauern anzugreifen.“ warf Awelia betrübt ein. „Darum kann sich jemand anderes kümmern. Wir müssen dich in Sicherheit bringen, das hat oberste Priorität.“ sagte Dara beschwichtigend. „Und jetzt wird geschlafen.“

Am nächsten Morgen hatte es zu nieseln begonnen. Die Bauern beratschlagten, was wegen Ariks Feld zu tun sein, fanden aber keine Lösung. Awelia saß im Haus und beobachtete die kleinen Tropfen, die vom Himmel fielen. Dara saß neben ihr und Feron lief auf und ab. „Du heckst jetzt aber keinen Plan aus, oder?“ fragte Dara misstrauisch. Feron schüttelte den Kopf. „Mir ist nur langweilig, und bevor ich im Sitzen einschlafe, laufe ich lieber herum.“ antwortete er, machte kehrt und lief wieder zurück durch den Raum. Nach einiger Zeit kam Feron herüber zum Fenster. „Schon eine Idee, wie wir herausbekommen, wo wir sind?“ fragte er laut in den Raum hinein. „Um ehrlich zu sein, ja.“ antwortete Dara und drehte sich zu ihm um. „Sobald es dir besser geht würde ich einfach den Baron fragen.“ Feron nickte knapp und blickte sie nachdenklich an. „Und wo ist der Baron?“ Dara fing an zu grinsen. „Hab mich schon erkundigt, wir müssen dem Pfad weiter folgen, auf dem wir hergekommen sind und binnen vier Stunden wären wir da.“ erklärte sie mit einer Geste in die grobe Richtung. „Warum fragen wir nicht die da?“ fragte Awelia plötzlich. Dara und Feron traten neben sie und schauten aus dem Fenster. Zwei Männer mit einem bepackten Pferd im Schlepptau waren zwischen den Häusern aufgetaucht.
Die Bauern standen bei den Fremden und unterhielten sich mit ihnen. Offenbar waren die Fremden Händler, und die Bauern feilschten um bessere Preise. Als Dara näher trat, wurde sie von einem der Händler überschwänglich begrüßt. „Hallo! Ihr scheint nicht von hier zu sein, für Eure sicher anstrengende Reise könnte ich …“ begann der Mann wie ein Wasserfall zu reden, bevor Dara ihn unterbrach. „Bedaure, ich habe kein Interesse an Euren Waren. Noch nicht.“ sagte sie, und fuhr nach einer kurzen Pause fort „Vielmehr haben wir uns etwas verlaufen und wollten nach dem Weg fragen.“ Sie deutete auf Awelia und Feron, die ein paar Schritt hinter ihr standen. „Wo genau am Reichsforst befinden wir uns?“ fragte sie den Händler. Der überlegte und fragte seinen Kollegen. Schließlich schüttelte er den Kopf. „Tut mir leid, wir kommen von der Bergstadt hinter dem großen See, wir reisen durch die Höfe und Ansiedlungen bis zur Baronie Silios. Und dann wieder zurück. Mehr kann ich Euch leider nicht sagen.“ erklärte der Mann mit aufrichtigem Bedauern. Dara bedankte sich und wandte sich den anderen beiden zu. „Kein Glück.“ berichtete sie missmutig.

Nach dem Besuch der Händler vergingen drei Tage ereignislos. Ferons Daumen heilte gut, doch Arik wusste immer noch nicht, wieso auf einem Teil des Feldes nichts wuchs. Er hatte neu ausgesät, doch keimten die Samen einfach nicht. Der Bauer hatte sich inzwischen damit abgefunden, dieses Jahr weniger zu ernten und auch mehr Geld für Essen zu bezahlen.
Die Sonne schien und es war fast Mittag. Awelia und Dara halfen Hilja im Haus, während Feron sich draußen an die Scheune gelehnt hatte und die Sonne genoss. Er döste leicht, als er plötzlich Hufschlag hörte. Langsam richtete er sich auf und sah sich nach der Quelle des Lärms um. Ein paar Reiter hatten den Hof erreicht und Feron erkannte den Vogt wieder. Der sprang gerade aus dem Sattel und stapfte durch Ariks Feld zur kahlen Stelle. Langsam ging Feron in Richtung des Vogts. Die zwei Knappen waren ebenfalls da und saßen auf ihren Pferden. Der Vogt betrachtete die Erde und rief dann Arik heran. Feron war jetzt noch zwei dutzend Schritt entfernt und beobachtete die Szene. Arik bemühte sich, zu erklären, dass es zu spät für die Saat war. Doch der Vogt begann ihn erst anzuschreien, dann drohte er mit einer Verteuerung aller Lebensmittel. Der Bauer fiel auf die Knie und flehte um Gnade. Aber der Vogt lachte nur gehässig und stieß ihn mit einem Fußtritt zu Boden. Feron hatte genug gesehen. Mit weiten Schritten lief er aufs Feld. „Aufhören!“ bellte er laut und der Vogt drehte sich überrascht um. Sofort wich die Überraschung der Wut. „Was willst du denn, Kerl? Das geht dich nichts an, verschwinde!“ schnauzte der Vogt, doch Feron lief unbeirrt weiter und blieb erst einen Schritt vor dem anderen stehen. „Lassen Sie den Mann in Ruhe. Er macht seine Arbeit und wenn er es nicht zum Wachsen bringt, dann schaffen Sie das erst recht nicht.“ sagte Feron kalt, während er sich vor dem Vogt aufbaute. Der Vogt lächelte spöttisch. „So, du willst wohl eine Abreibung.“ feixte er und griff nach dem Dolch, der an seinem Gürtel baumelte. Noch bevor er die Waffe ziehen konnte streckte Feron ihn mit einem Schlag seiner gesunden Faust zu Boden. Die Knappen zogen ihre Schwerter und Feron hob beschwichtigend die Hände. „Ich verlange den Baron zu sprechen.“ sagte er eindringlich. „Was bringt Euch auf die Idee, wir würden Euch zum Baron bringen?“ fragte einer der Knappen. „Ich berufe mich auf den Ethos von Myriander.“ antwortete Feron laut. Die Knappen warfen sich einen überraschten Blick zu. „Was redet Ihr da?“ fragte der andere verblüfft. „Nach dem Ethos habe ich das Recht, die Schwachen zu verteidigen, wie ich es gerade getan habe. Und für den Angriff eines Adligen oder Lehnsherren, oder Diener dieser, steht mir hiernach eine faire Verhandlung zu.“ erklärte Feron, halb den Ethos zitierend. Die Knappen wirkten unruhig, doch sie steckten ihre Schwerter weg. „Der Vogt wird hier warten.“ fuhr Feron fort und ging zu dessen Pferd.

Awelia und Dara beobachteten, wie Feron mit den Knappen von dannen ritt. Er hatte nicht gesagt, wo er hin wollte, er hatte sich aufs Pferd geschwungen und war verschwunden. Der Vogt blieb zurück und wirkte äußerst deplatziert. Während er ratlos mit geschwollenem Gesicht auf dem Feld stand, kamen die Bauern herbei. Einen Moment schon dachte Awelia, die Bauern würden über den Vogt herfallen, doch sie hielten entweder respektvoll oder ängstlich Abstand, genau ließ es sich nicht sagen. Arik, der offenbar genauso verwundert war wie der Vogt, trat neben diesen. „Ich gehe und mache Euch etwas zu essen.“ sagte er nachdenklich und ging zum Haus.

Feron ritt hinter den Knappen, die ein gemäßigtes Tempo hielten. Es dauerte nicht lange, und er konnte Burg des Baronen sehen. Sie machte nicht viel her, die Mauern waren kurz gewachsen und hatten wenig Umfang. Dahinter erhoben sich wenige Dächer und ein einzelner Turm. Aber mehr hatte Feron auch nicht erwartet. Der Baron wachte immerhin nur über ein paar Bauernhöfe. Feron fragte sich, was für ein Mann hinter der Mauer lebte. Ob er wusste, was draußen geschah? Oder vertraute er nur auf seinen Beraterstab? Feron hatte schon beides erlebt, und beides hatte sowohl Vor- als auch Nachteile.
Als sie in die Burg einritten, erblickte Feron ein eher ärmliches Innenleben. Es gab eine Stallung, eine Schmiede und zwei Langhäuser. Zudem waren da noch ein paar Scheunen. Das zweistöckige Haupthaus war direkt mit dem Burgturm verbunden. Am Turm und über der Doppeltür des Haupthauses hing das Banner des Barons, eine goldene Ähre auf grünem Grund. Einige wenige schmuddelige Bewohner eilten herum, der Schmied stand regungslos neben seinem Amboss und starrte den Himmel an. Als Feron vom Pferd stieg, kam ein Junge und brachte das Tier in den Stall. Die Knappen saßen ebenfalls ab und ließen ihre Pferde stehen. Sie bedeuteten Feron, ihnen zu folgen und gemeinsam machten sie sich auf ins Haupthaus. Drinnen sah es nicht mehr ganz so ärmlich aus. Kerzen brannten in den Wandhalterungen des Flures, in regelmäßigen Abständen hingen zu beiden Seiten Banner, die fast bis zum Boden reichten. Zudem gab es mehrere Wandgemälde, für die Feron jedoch keinen Blick hatte. Er folgte den Knappen durch den Korridor, bis sie in einem größeren Raum standen. „Ihr wartet hier und rührt Euch nicht von der Stelle.“ befand einer der Beiden, bevor sie ihn stehen ließen und durch eine große Doppeltür verschwanden, an der zwei Wachen standen.
Feron wartete einige Zeit. Mehrere Bedienstete durchquerten den Raum, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Bei einem drehte sich Feron überrascht um. „Ich kenne Euch.“ sagte er zu dem Mann, der ihn verwundert ansah. „Ihr wart zusammen mit dem Vogt auf dem Hof von Arik.“ „Das mag sein, aber ich kenne Euch nicht.“ antwortete sein Gegenüber vorsichtig. „Ihr seid Beamter, oder?“ fragte Feron, die unterschwellige Frage des Mannes ignorierend. Der Mann nickte. „Ich bin Hofmagister Bylion, ich notiere die Ernteerträge und den Verbrauch des Saatgutes.“ erklärte er. „Mein Name ist Feron.“ sagte Feron mit leichter Verbeugung. „Als der Vogt den Bauern … zurecht gewiesen habt, wirktet Ihr verstimmt.“ sagte er leichthin. „Es war nicht nötig, Arik für etwas zu bestrafen, das er nicht verschuldet hat.“ erklärte Bylion. Er blickte nachdenklich auf Feron. „Er hat es wieder getan, deswegen seid Ihr hier, oder?“ fragte er Feron vorsichtig. Feron nickte. „Euer System, den Bauern alles 'abzukaufen' ist schon dämlich genug, aber diese Art der Einschüchterung und Schikane muss aufhören.“ antwortete er mit kaum verhohlener Wut. „Ich gebe zu, dass die Art der Abgabe nicht optimal ist, aber wir verlangen nichts unmögliches.“ erklärte der Hofmagister und hob beschwichtigend die Hände. „Wenn Ihr mich entschuldigt, ich wurde zu einer Unterredung gerufen.“ Damit verschwand er.

Awelia und Dara saßen am Feldrand. Arik hatte den Vogt ins Haus gebracht und ihm etwas zu essen gemacht, was dieser nun kommentarlos herunterschlang. „Was hatte Feron eigentlich gesagt?“ fragte Awelia nachdenklich. „Nichts, er ist einfach losgeritten.“ antwortete Dara. „Nein, davor. Er hatte etwas zu den Knappen gesagt.“ fragte Awelia weiter. Dara überlegte kurz. „Er sagte etwas vom Ethos von Myriander.“ „Und was ist das nun wieder?“ „Das ist eine Form von Kriegerehre, so etwas wie Ritterlichkeit. Nur dass dieser Ethos ein ausgearbeitetes Regelwerk der Kriegerakademie in Myriander ist.“ erklärte Dara nach einigem Nachdenken. „Ich hoffe nur, dass er keine Dummheiten macht.“ fügte sie vorsichtig hinzu. Awelia überging die Bemerkung. „Wir warten, bis er wieder da ist, und dann gehen wir zum Reichsforst.“ sagte sie mit einem Blick auf den Wald, der durch die Ähren zu erahnen war. „Aber was bringt es uns, wenn wir nicht wissen, wo wir sind?“ fragte Dara überrascht. „Das können wir im Wald immer noch herausfinden. Ich will nicht hier herumsitzen, ich will endlich Antworten. Und je näher wir unserem Ziel kommen, desto näher bin ich den Antworten.“ flüsterte Awelia mit bebender Stimme. Sie hatte es satt, nichts tuend auf dem Hof zu warten. Immer wieder stellte sie sich die selben Fragen, ohne sie beantworten zu können. Es raubte ihr den Verstand. „Gut, dann machen wir es so.“ antwortete Dara stockend, von dem offenen Schmerz überrascht. „Wenn es gut läuft, ist Feron morgen wieder da.“

Feron wartete noch einige Zeit, bis schließlich ein buckeliger Diener den Raum betrat, und ihm bedeutete, ihm zu folgen. Nach wenigen Schritten stand er in einer Art Thronsaal. Es gab eine Tafel für Mahlzeiten hoher Persönlichkeiten, weitere, größere Banner, und einen Thron mit poliertem Gold, auf dem ein älterer Mann saß. Der Baron mochte an die fünfzig Sommer alt sein, er trug einen gepflegten Backenbart, dicke, teure Kleidung in den Baroniefarben und wirkte etwas gelangweilt. Es waren noch weitere Leute anwesend. Neben dem Thron standen zwei Wachen, die wesentlich besser ausgebildet wirkten als die Knappen. Zudem hielten sich einige Bedienstete am Rand auf. „Ihr wurdet hergebracht, da Ihr Meinen Vogt niedergeschlagen habt. Und danach berieft Ihr Euch auf den Ethos von Myriander.“ sagte Baron Silios laut ohne sich zu erheben. Feron verneigte sich, wie es sich gehörte. „Erklärt Euer Handeln!“ verlangte Silios und blickte drohend herab. „Sehr gern, Euer Hochgeboren. Vor einigen Tagen beobachtete ich, wie der Vogt einen Eurer Bauern schlug und ihm mit finanziellen Schäden drohte. Anlass dafür war ein nicht austreibendes Stück Feld. Heute griff der Vogt abermals diesen Bauern an und wiederholte seine Drohungen. Dieses Verhalten verstößt gegen den Grundsatz der Milde, denn den Bauer trifft hierbei keine unmittelbare Schuld. Als Verfechter des Ethos sah ich mich gezwungen, den Vogt mit Gewalt an seinem Tun zu hindern.“ erklärte Feron. „Das sind schwere Anschuldigungen.“ sagte der Baron finster. „Der Vogt ist ein ehrenhafter Mann, der stets zuverlässig und gerecht war. Ihr hingegen seid ein Fremder in meiner Baronie, wieso sollte ich Euch glauben?“ Feron überlegte kurz. Er hatte sich die Antwort bereits im Vorfeld überlegt, da er mit dieser Frage gerechnet hatte. Jetzt eine Pause zu machen erweckte den Eindruck, dass er tatsächlich über die Frage nachdachte. „Ja, ich bin ein Fremder. Doch könntet Ihr Eure Knappen befragen, die den Vogt begleitet haben. Oder den Beamten, der beim ersten Vorfall zugegen war.“ antwortete Feron nachdenklich. Der Baron grübelte kurz und sah sich dann um. „Bylion!“ rief er laut. „Tretet hervor!“ Bylion, den Feron schon bei Betreten des Raumes entdeckt hatte, trat mit bemüht ausdruckslosem Gesicht vor seinen Herrn. „Ja mein Herr?“ fragte er tonlos. „Ihr habt den Vorwurf dieses Burschen gehört. Was könnt Ihr zur Klärung beitragen?“ fragte Silios, zugleich befehlend und drohend. Der Beamte drehte sich mit missmutig verzogenem Gesicht zu Feron, der ihm auffordernd zunickte. Nach kurzem Zögern raffte der Mann offenbar seinen Mut zusammen. „Für den ersten berichteten Vorfall kann ich den Übergriff des Vogts bestätigen.“ antwortete Bylion vorsichtig. Der Baron beugte sich vor. „Und weiter? War das das erste mal? Gab es weitere Vorfälle?“ fragte er drohend. Bylion nickte knapp. „Der Vogt war bereits mehrmals gegen den Bauern übergriffig geworden, zuletzt bei der Aussaat. Es gab auch beim nordwestlichen Hof ähnliche Übergriffe.“ erklärte er nervös. Feron hörte regungslos zu. Silios schien genug Anstand zu haben, die Sache nicht einfach unter den Teppich zu kehren, und auch der Beamte erzählte wie erhofft die Wahrheit. Der Baron lehnte sich zurück in seinen Thron, offenbar überrascht von den geschilderten Vorgängen. „War das Handeln des Vogts in Euren Augen gerechtfertigt?“ fragte er langsam. Bylion brauchte einen Moment, bis er eine für ihn selbst zufriedenstellende Antwort parat hatte. „Er hat die Übergriffe begründet, jedoch waren die Anlässe stets nicht direkt von den Bauern verursacht. Ich gehe davon aus, dass das dem Vogt bekannt war. Ich habe ihn zudem informiert, dass ich das Saatgut betreffend einen gewissen Verlustanteil in die Kalkulationen mit einbeziehe. Aber er ist der Vogt.“ erklärte der Beamte und betonte den letzten Satz. Für einige Sekunden herrschte Stille, während alle auf die Antwort des Barons warteten. Schließlich erhob sich Silios vom Thron. „Ihr, der Hofmagister, habt Mich also nicht eher informiert, weil der Vogt der Übeltäter ist? Glücklicherweise hatte dieser Fremde mehr Rückgrat als Ihr.“ verkündete der Baron laut und sichtlich unzufrieden. „Ich danke Euch.“ sagte er in Ferons Richtung, und dann in den Raum hinein. „Ich ziehe mich zu einer Beratung zurück, um zu entscheiden, wie in der Angelegenheit verfahren wird.“ Die Bediensteten verließen eilig den Raum und Feron folgte ihnen nach einer Verbeugung.

Die Sonne war gerade untergegangen und Awelia und Dara aßen zusammen mit Arik, Hilja und dem Vogt zu Abend. Während die Kerzen beruhigend flackerten, herrschte Stille, bis auf das Kratzen der Löffel auf den Tellern. Der Vogt hatte bislang kaum ein Wort gesagt, sondern stets nur griesgrämig dreingeschaut. Als sie ihren Teller geleert hatte räusperte sich Awelia. „Warum seid Ihr so gemein zu Arik?“ fragte sie den Vogt neugierig. Der Mann starrte sie an, als hätte er erst jetzt ihre Existenz bemerkt. „Ist doch nur ein Bauer.“ sagte der Vogt grimmig und wandte sich wieder seinem Essen zu. „Nur weil er ein Bauer ist, könnt Ihr doch nicht so gemein sein.“ Erzürnt fuhr der Vogt auf. „Ich kann machen was ich will, ich bin schließlich der Vogt! Und wenn der da die Ernte des Barons zerstört, dann weise ich ihn zurecht.“ schnauzte er und verließ wütend den Raum. „Das hättet Ihr nicht tun sollen.“ sagte Arik ernst. „Jetzt wird es nur noch schlimmer.“
Awelia und Dara saßen in ihrem Zimmer. Es hatte angefangen zu regnen und sie hörten die Tropfen an die Scheibe prasseln. „Du solltest dem Vogt lieber aus dem Weg gehen.“ sagte Dara vorsichtig. „Wieso?“ fragte Awelia angriffslustig. Sie war immer noch überrascht und wütend, dass der Vogt tatsächlich so gemein war. „Weil er ein mächtiger Mann ist. Wir müssen uns nicht noch mehr Feinde machen, als wir ohnehin schon haben.“ Awelia murrte und wickelte sich in ihre Decke.
Sie lag eine Weile im Bett, wachgehalten von ihren Gedanken. Sie überlegte, wie sie es dem Vogt heimzahlen könnte, auch wenn sie wusste, dass es keine gute Idee war. Doch was konnte sie schon ausrichten? Ich muss doch etwas machen können, dachte sie nachdenklich und starrte in die Schwärze über ihr. Ist das vielleicht normal? Ich kenne dieses Reich nicht, aber es fühlt sich falsch an. Ihre Gedanken kehrten immer wieder zurück zu Arik, zu dem der Vogt so gemein war. Und plötzlich wusste sie, was zu tun war. Es war kein wirklicher Plan, sondern eine Intuition, die sie aufstehen ließ. Sie bewegte sich leise um Dara nicht zu wecken, die im anderen Bett schlief. Vorsichtig tastete sie sich zur Tür und huschte in den Flur. Es ging quälend langsam, in der Dunkelheit durch das Haus zu kommen, ohne Lärm zu verursachen. Doch nach endlosen Minuten stand sie endlich im Freien. Der Mond schien schwach durch die Regenwolken am Himmel, und ganz kurz erhaschte Awelia einen Blick auf die Sterne, bevor die Wolken die Lücke schlossen. Sie konnte nur wenige Schritt weit schauen, doch sie schien allein zu sein. In keinem der Häuser war mehr Licht und sie hörte nichts außer dem Regen, der auf den Boden, die Häuser und sie selbst niederging. Während das Wasser durch ihre Haare rann, ging sie zu Ariks Feld herüber. Sie lief neben den finsteren Umrissen des wachsenden Getreides her, bis sie zu der Stelle kam, an der nichts wuchs. Es war ein Streifen am Rand des Feldes, der ihr nicht besonders groß vorkam, doch sie kannte sich nicht mit dem Anbau von Pflanzen aus. Langsam hockte sie sich auf die Erde und legte die Hände auf den durchnässten Boden. Sie griff zu und zerrieb den Schlamm zwischen ihren Fingern, bis sie nur noch ein Saatkorn in der Hand hatte. Awelia schloss die Augen und atmete tief ein. Sie roch das feuchte Gras und Getreide um sie herum. Der Funke in ihr, kaum größer als das Korn in ihrer Hand, leuchtete hell auf. Als sie die Augen öffnete, war ihre Hand in ein schwaches, warmes Licht getaucht. Vorsichtig steckte sie das Saatkorn wieder in den Boden und legte die Hand neben die Andere. Der Funken tief in ihr schrumpfte mit einem Pulsieren wieder auf seine vorherige Größe. Und das Licht löste sich von ihrer Hand und pulsierte wie eine Welle über das Feld. Awelia hockte wieder in der Dunkelheit, während das Wasser in Strömen an ihr herunterfloss. Mit einem Lächeln erhob sie sich und schlich wieder zurück ins Haus.

Feron lehnte an der Wand des Vorraums im Haupthaus. Es war spät und die Besprechung des Barons lief schon eine ganze Weile. Irgendwann betrat Bylion den Raum und Feron richtete sich auf. Der Beamte kam zu ihm herüber und sah sich kurz um, um sicherzugehen, dass sie allein waren. „Die Besprechung dauert noch an. Baron Silios scheint die Sache als persönlichen Affront zu empfinden … auch von mir.“ sagte er halblaut und sichtbar geschafft. Feron nickte. Es war gut, dass der Baron so reagierte, denn er selbst hatte sich mit seiner Aktion ziemlich aus dem Fenster gelehnt. Wäre der Baron zu sehr auf sein Ansehen bedacht, hätte Feron genausogut im Kerker landen können. „Wie geht es weiter?“ fragte Feron. „Es wird wohl noch dauern, bis der Baron sich entschieden hat, was genau er tun wird. Ich denke in jedem Fall wird der Vogt morgen früh abgeholt. Wenn Ihr wollt, lasse ich Euch ein Lager für die Nacht herrichten.“ erklärte Bylion, und Feron nahm das Angebot dankend an. „Eine Sache hätte ich noch, ein persönliches Anliegen.“ flüsterte Feron. „Ich bin mit einigen anderen Reisenden vom Weg abgekommen und über die weite Wiese zu eurer Baronie gekommen. Doch wir wissen nicht, wo genau wir hier sind.“ erzählte er. Bylion nickte und bedeutete, ihm zu folgen.
Sie betraten eine kleine Kammer, deren Wände von Regalen verdeckt wurden. Überall lagen Schriftrollen und Papierstapel. Bylion entzündete eine Öllampe, die an der Decke hing und kramte in einem Regal herum. Schließlich zog er eine einzelne Rolle hervor und breitete sie auf dem Tisch in der Mitte des Raumes aus. Es war eine Karte eines großen Waldes. Feron suchte die Baronie, doch fand er sie erst, als der Beamte darauf zeigte. Sie lag am Rand des Waldes, im Osten, wie anhand des Nordpfeils zu erkennen war. Es führte eine Straße oder ein Pfad von der Baronie in den Wald hinein. Die erste Ansiedlung war 'Blattkrone'. Der Name war Feron nicht vertraut, im Gegensatz zu Burg Wildberg, die ein Stück weiter südlich lag. Ganz im Süden lag am Rand der Karte die Reichshauptstadt Elemas. „Ich hoffe, das hilft Euch weiter.“ sagte Bylion, während Feron die Karte studierte. „Ja, danke.“ sagte Feron mit freundlichem Nicken.

Am frühen Morgen erwachte Awelia. Es hatte aufgehört zu regnen und das Licht der aufgehenden Sonne schien durch das Fenster herein. Dara war bereits auf und schien auf sie zu warten. „Was ist los?“ fragte Awelia, noch etwas schläfrig. „Ich weiß nicht. Irgendetwas scheint vorgefallen zu sein.“ antwortete Dara angespannt. Awelia stieg aus dem Bett und gemeinsam verließen sie das Zimmer. Der Rest des Hauses war verlassen. In der Stube stand Gedeck auf dem Tisch, das Essen war zum Teil verzehrt und liegen gelassen worden. Von draußen hörten sie Stimmen. Als sie ihnen folgten sahen sie eine Gruppe von Bauern, bei denen auch der Vogt war, am Rand des Feldes stehen. Als sie näher kamen, kam ihnen Arik entgegen. „Es ist ein Wunder, ein Wunder!“ rief er freudestrahlend mit Tränen in den Augen. Awelia und Dara stellten sich neben die anderen Bauern und ihnen stockte der Atem. Dort wo am Vortag noch ein lebloses Stück Feld gewesen war, wuchs jetzt Getreide. Es war noch nicht voll ausgewachsen, aber bereits kniehoch. Während Dara staunend auf die Pflanzen starrte, musste Awelia ein Schmunzeln unterdrücken. Ihre Intuition hatte das Richtige bewirkt und innerlich lobte sie den Funken in ihr.
Es war noch Vormittag, als Feron zurückkehrte. Er ritt auf dem Pferd des Vogts, wieder in Begleitung der zwei Knappen. Als er das Haus erreichte, stieg er vom Pferd und übergab es dem Vogt. „Ich bin verwundert, dass Ihr nicht im Kerker schmort.“ sagte der Mann grimmig. Er wollte noch weiter reden, doch ein Knappe fiel ihm ins Wort. „Vogt, der Baron verlangt Euch zu sehen, sofort.“ Der Vogt war überrascht ob des feindseligen Tons, doch nach einem kurzen Zögern leistete er dem Befehl folge. Ohne ein weiteres Wort ritten die drei davon.
„Also, wie war es so beim Baron?“ fragte Awelia leichthin. „Oh, ganz anständig. Der Vogt wird für seine Vergehen bestraft werden. Man war so gütig, mir für meine Hilfsbereitschaft eine kleine Entschädigung zu geben. Oder damit ich den Mund halte, wer weiß.“ erklärte Feron und deutete auf den Geldbeutel an seinem Gürtel. „Das ist alles?“ fragte Dara etwas enttäuscht. „Hm … hmm.“ machte Feron, während er so tat als ob er angestrengt überlegte. „Ich weiß jetzt wo wir sind.“ platzte er lachend hervor. Dara hob misstrauisch eine Braue. „Wir sind östlich des Reichsforst, die nächste Siedlung ist Blattkrone, dahinter folgt Burg Wildberg.“ erklärte er und plötzlich nickte Dara eifrig. „Dann weiß ich, wo wir lang müssen. Wir sollten aufbrechen so bald wir können.“ antwortete sie. „Und, was habe ich verpasst?“ fragte Feron in die Runde. Awelia berichtete knapp vom Feld, was Feron erstaunt zur Kenntnis nahm.
Kurz darauf hatten sie sich von den Bauern verabschiedet und waren aufgebrochen. Am Nachmittag ragte der Reichsforst vor ihnen auf. Die Bäume waren an die zehn Schritt hoch, ihre Kronen bildeten ein dichtes, grünes Blätterdach. „Wo müssen wir schlussendlich hin, wenn wir dort drinnen sind?“ fragte Feron. „Durch den Forst nach Süden. Zur Reichshauptstadt.“ antwortete Dara. Von einem Schritt auf den anderen verschluckte der Reichsforst sie und die weite Wiese blieb hinter ihnen zurück.