Kapitel 4 - Der Reichsforst
Sie waren einige Stunden in den Reichsforst gegangen, als es begann, dunkel zu werden. Das Blätterdach der großen Bäume ließ nur hin und wieder Lichtstrahlen hindurch, daher war der Wald um sie herum in diffuses grünes Licht getaucht. Abseits des Weges war dichtes Unterholz und sie konnten nur wenige dutzend Schritt in den Wald hineinsehen. Rasch suchten sie nach einem Nachtlager, bevor es völlig dunkel wurde. Von Arik hatten sie zwar etwas Essen bekommen, doch sie hatten keine Möglichkeit ein Feuer zu entzünden oder gar Waffen, um wilde Tiere abzuwehren.
Nach langem Suchen hatten sie eine halbwegs brauchbare Stelle gefunden. Ein großer, flacher Felsbrocken lag ein gutes Stück vom Weg entfernt. Um auf den Stein zu kommen, mussten sie einen Baum hochklettern und sich am Ast hinüber hangeln. Oben angekommen war es so sicher wie es eben ging.
Awelia ließ sich auf dem moosbewachsenen Fels nieder. „Wie weit ist es bis Blattkrone?“ fragte sie, während sie eine nicht ganz so harte Stelle zu finden versuchte. „Von der Karte, die ich gesehen habe, sollten wir morgen ankommen. Vielleicht am Nachmittag.“ antwortete Feron. Er begutachtete zusammen mit Dara ihr vorübergehendes Domizil. „Besser als nichts.“ befand Dara, nachdem sie sich eine Zeit lang umgesehen hatte. „Wilde Tiere werden hier wohl kaum hochkommen.“ „Feron, was hat das mit dem Ethos von Myriander auf sich? Bist du von dieser Akademie?“ fragte Awelia plötzlich. Feron blickte überrascht zu ihr herüber. „Nein, aber ich habe einige von ihren Kriegern kennengelernt und den Ethos von ihnen angenommen. Er erschien mir erstrebenswert.“ antwortete Feron.
Als sie am nächsten Morgen erwachten, war die Sonne bereits aufgegangen. Vorsichtig kletterten sie vom Fels herab und setzten ihren Weg fort. Am späten Nachmittag erreichten sie Blattkrone. Dicke, drei Schritt hohe Palisaden ragten vor ihnen auf. Das Tor indes stand offen. Eine Wache begutachtete sie, doch sie konnten kommentarlos passieren. Als sie Blattkrone betraten, blieb der Wald hinter ihnen zurück. Über ihnen strahlte die Sonne am leicht bewölkten Himmel. Ein befestigter Weg, der zwischen einigen Langhäusern auf einen Platz führte, lag vor ihnen. Am Rand standen weitere Wohngebäude, aber auch ein Gasthaus und ein Krämer. In der Mitte des Dorfplatzes war ein Brunnen, von dem der Schmied gerade Wasser zu seiner Schmiede schleppte. Während Dara und Awelia zum Gasthaus gingen, lief Feron zum Krämer.
Der Gastraum war gut gefüllt mit Reisenden und auch einigen Einheimischen. Das Feuer im Kamin strahlte eine angenehme Wärme aus, und während Awelia sich etwas umsah, ging Dara ein Zimmer für die Nacht kaufen. Danach setzten sie sich an einen Tisch und warteten, dass Feron zurückkehrte. Es dauerte nicht lange, als er das Gasthaus betrat und sich zu ihnen gesellte. Er hatte einen Beutel bei sich. „Fündig geworden?“ fragte Dara leichthin. Feron nickte. „Zwei Fackeln, Feuersteine und ich hab dem Krämer ein altes Messer aus den Rippen geleiert.“ berichtete er. Damit war ihr gerade erst gewonnenes Geld schon fast wieder fort. „Morgen früh brechen wir auf. Ich hoffe, dass wir in vielleicht vier Tagen in Elemas sind.“ sagte Dara. „Was passiert, wenn wir in Elemas sind?“ fragte Awelia neugierig. Dara überlegte einen Moment. „Das darf ich leider nicht sagen.“ antwortete sie mit ehrlichem Bedauern, und Awelia rollte mit den Augen. „Darf ich wenigstens erfahren, wie Elemas so ist, und vom welchem Reich es überhaupt die Hauptstadt ist?“ fragte Awelia genervt. Dara nickte. „Elemas ist eine riesige Stadt, viel größer als Sonnenberg. Sie liegt zwischen zwei Hügeln und wird von gewaltigen Festungsmauern geschützt.“ erklärte sie, und fuhr nach einer kurzen Pause fort „Elemas ist die Hauptstadt des Großkönigreichs Pyrion, regiert vom Großkönig Pyriander.“ „Wie groß ist Pyrion?“ fragte Awelia neugierig, und Dara begann zu erzählen von den vierzehn Königreichen und Herzogtümern, aus denen das Großkönigreich bestand. Sie erzählte, wie es vor über achthundert Jahren vom ersten Großkönig Pyriander nach einem finsteren Zeitalter geschaffen wurde, und beantwortete alle Fragen Awelias so gut sie konnte. Schließlich wurde es spät und Feron schlug vor, die Geschichtsstunde ein andermal fortzusetzen.
Am nächsten Morgen saßen sie gemeinsam im Gasthaus und frühstückten. Die Sonne war bereits aufgegangen und sie waren nicht allein. Andere Leute saßen ebenfalls beim Essen. „Ich hab etwas nachgedacht.“ sagte Awelia zwischen zwei Bissen. „Du hast gesagt, dass die Baronie Farest am Sturmgebirge liegt. Aber wozu, also zu welchem Land, gehört eigentlich das Gebirge?“ fragte sie. „Ans Sturmgebirge grenzen mehrere Reiche, aber keines davor erhebt Anspruch darauf. Es ist eine äußerst unwirtliche Gegend.“ antwortete Dara. Feron nickte. „Ich war einmal dort, am Rand. Es hat seinen Namen nicht von ungefähr, der Wind dort ist beständig, stark und eiskalt. Niemand geht dort hin, denn es gibt dort nichts.“ erzählte er. „Gut, andere Frage. Wo ich aufgewacht bin, war das in Pyrion, und in welchem Teil davon?“ fragte Awelia weiter. „Ja, im Königreich Esbaht. Erinnerst du dich, eines der zentralen Teilkönigreiche.“ antwortete Dara. „Und woher wusstest du, dass ich dort sein werde?“ diese Frage hatte sich Awelia schon eine ganze Weile gestellt. Dara öffnete den Mund und brachte dann ein schiefes Grinsen zu Stande. „Darüber darf ich nicht sprechen.“ sagte sie bedauernd. Awelia fluchte, aber es war den Versuch wert gewesen.
Schließlich verließen sie das Gasthaus und gingen über den Platz in Richtung des Tores. Awelia sah einige Menschen, die stehen geblieben waren und zum Himmel empor blickten. „Was schau´n die denn?“ wunderte sie sich laut und folgte den Blicken. Über Blattkrone kreiste ein Vogel. Aber er sah seltsam aus, seine Flügel waren viel zu groß und zackig. „Was ist denn das für ein Vieh?“ fragte Feron überrascht, als er ebenfalls nach oben sah. „Oh verdammt!“ fluchte Dara laut. „Wir müssen los, jetzt gleich!“ rief sie und lief los. „Was ist denn?“ fragte Awelia, während sie sich bemühte, Schritt zu halten. „Das ist eine Riesenfledermaus. Abgesehen davon, dass Fledermäuse nachtaktiv sind, werden sie auch als Späher eingesetzt.“ erklärte Dara, das Tempo steigernd. „Wir müssen weg hier, zwischen die Bäume! Schnell!“ Sie erreichten das Tor, dessen Besatzung ebenfalls die Kreatur am Himmel im Auge behielt. Mit weiten Schritten hasteten sie unter das Blätterdach, doch Dara gestatte ihnen erst nachdem das Dorf außer Sicht war, das Tempo zu drosseln. „Es hat uns wahrscheinlich trotzdem gesehen.“ merkte Feron leicht keuchend an. „War das der Rote Zirkel?“ fragte Awelia außer Atem, und Dara nickte stumm. „Wie haben sie uns gefunden?“ fragte sie weiter. „Ich habe nicht die leiseste Ahnung.“
Den Rest des Tages legten sie ein gutes Tempo vor und kamen gut voran. Sie begegneten nicht vielen Reisenden, und glücklicherweise waren keine Mitglieder des Roten Zirkels darunter. Gegen Mittag passierten sie einen Fluss, über den sich eine alte Holzbrücke spannte, wo sich das Blätterdach öffnete. Doch die befürchtete Riesenfledermaus erblickten sie nicht. Schließlich wurde es dunkel und sie suchten sich ein Nachtlager. Feron schätzte, dass sie am nächsten Tag Burg Wildberg erreichen konnten. Sie hofften immer noch, dass der Rote Zirkel nicht wusste, wo sie waren. Aber wenn die Fledermaus zu ihnen gehörte, dann wussten sie auf welchem Weg sie waren, und bislang hatte es keine Abzweigung gegeben.
Auch am nächsten Tag kamen sie gut voran. Sie hatten schon einige Reisende passiert, als sie direkt nach einer Biege eine größere Gruppe entdeckten, die ihnen entgegen kamen. Einige trugen rote Kleidung. Auf Daras geflüsterten Befehl hin rannten sie zur Seite ins Unterholz. Nach vielleicht dreißig Schritt warfen sie sich hinter die Bäume und blieben mucksmäuschenstill liegen. Nur Sekunden später trampelten Pferdehufe über den Weg. „Sie waren genau hier!“ rief eine finstere Männerstimme. „Sucht sie!“ rief ein weiterer und mehrere Männer brachen ins Unterholz hinein. Wortlos zog Dara Awelia tiefer in den Wald hinein. Feron war nur wenige Schritt neben ihnen. Sie bemühten sich, leise zu sein, doch immer wieder brachen Äste oder raschelte Laub. Durch ihre Bemühungen kamen sie nur langsam voran, im Gegensatz zu ihren Verfolgern, die einfach in den Wald hinein rannten. Schließlich rief einer „Da sind sie!“, und nur eine Sekunde später Schlug ein Pfeil neben Feron in einen Baum. „Los!“ brüllte Dara und sie nahmen die Beine in die Hand. Awelia rannte zwischen Dara und Feron, Äste schlugen ihr ins Gesicht. Sie achtete nicht mehr auf die anderen, sondern stürzte zwischen den Bäumen entlang, die Hände schützend erhoben, nur weg von den Stimmen hinter ihr. Plötzlich blieb ihr Fuß an einer Wurzel hängen und sie schlug der Länge nach hin. Tränen schossen ihr in die Augen, doch sie konnte nicht liegen bleiben. „Da drüben!“ schrie jemand, und Awelia rappelte sich auf. Sie rannte weiter, bis sie irgendwann nicht mehr konnte. Keuchend und vor Angst und Anstrengung schwitzend blieb sie stehen und blickte sich um. Um sie herum war nur der Wald. Niemand sonst war da. Keine Verfolger, aber auch kein Feron und keine Dara.
Die Männer waren ihnen dicht auf den Fersen. Lange würden sie ihnen nicht mehr davonlaufen können, das wusste Feron. Er sprang hinter einen Baum, während Dara weiterlief. Deutlich hörte er, wie sich die Verfolger durchs Unterholz näherten. Im richtigen Moment hielt er einen Fuß nach draußen und brachte einen von ihnen zu Fall. Der Kerl hatte einen Umhang des Roten Zirkels, und war sichtbar unerfahren, denn er hatte sein Schwert schon gezogen. Beim Sturz war die Waffe jedoch zu Boden gefallen, genau neben Feron. Er hob die Waffe auf, währen zwei weitere Schurken angerannt kamen. Im Bruchteil einer Sekunde schätzte Feron das Schwert als solide Massenware ein, und stach es dem Ersten in den Bauch. Während der Mann schreiend zu Boden ging, parierte Feron den Schlag des Zweiten. Der Kerl, dem Feron das Bein gestellt hatte, mühte sich in seinem Rücken wieder hoch zu kommen. Doch Dara hatte kehrt gemacht und trat ihm ins Gesicht, wodurch er wieder stürzte. Feron parierte einige weitere Hiebe, bis er seinen Gegner mit einem Konter zu Boden beförderte. Dara schnappte sich ebenfalls ein Schwert und zog an ihm. „Wir müssen weg hier, bevor noch mehr kommen!“ sagte sie eindringlich. Feron sah sich um. „Wo ist Awelia?“ fragte er besorgt.
Awelia wusste nicht, wo die anderen abgeblieben waren. Sie musste in eine andere Richtung gerannt sein als sie. Aber sie wusste nicht einmal mehr, woher sie überhaupt gekommen war. Doch hier konnte sie nicht bleiben. Alles was sie tun konnte, war weiterzugehen und zu hoffen, dass sie die anderen finden würde. Langsam lief sie durch den Wald und hielt Ausschau nach den anderen. Ihr Arm schmerzte, doch als sie ihn betrachtete, konnte sie keine Verletzung feststellen. Wahrscheinlich hatte sie ihn sich geprellt, als sie gestürzt war. Sie fühlte sich verlassen, doch sie wusste, dass es nicht so war. Sie besann sich auf die Kraft, die tief in ihr schlummerte, zurück und augenblicklich war sie mit einer beruhigenden Wärme erfüllt. Mit einem leichten Lächeln betrachtete sie den Himmel, der durch das Blätterdach schien, und sie war sich sicher, dass sie die anderen finden würde. Bis ihre Füße ins Leere traten.
Awelia schrie nicht, als sie in die Tiefe stürzte. Vielmehr rollte sie sich zusammen und hoffte, möglichst unbeschadet unten anzukommen. Sie kullerte einen Hang hinab und erhielt mehrere Schläge auf Arme und Beine und den Rücken. Nach wenigen Sekunden kam sie zum Liegen, doch sie verharrte noch einige Augenblicke aus Angst, sie könnte weiter stürzten. Tränen standen in ihren zusammengekniffenen Augen, während ihr ganzer Körper schmerzte. Vorsichtig setzte sie sich auf und öffnete die Augen, die Tränen wegblinzelnd. Sie war in eine kleine, enge Schlucht gestürzt. Der Weg, den sie unfreiwillig genommen hatte, war steil und gespickt mit Wurzeln und treppenähnlichen Steinbrocken. Es war ein Wunder, dass sie noch lebte. Direkt vor ihr war eine Höhle. Mehr noch, der Höhleneingang war ein großer, schwarzer Fels, der einen Schädel darstellte. Die Augen waren tot und eingefallen und die Mundöffnung, hinter der die Höhle war, war einst von dicken Steinsäulen versperrt worden. Doch diese lagen jetzt zerbrochen auf dem Boden. Der verfallene Zustand dieses Ortes war wohl schuld, dass sie ihn nicht von oben erkannt hatte.
Awelia wusste, sie sollte Angst vor dem Schlund haben, und doch war sie neugierig. Vorsichtig näherte sie sich der Öffnung, bis sie mit den Füßen an die Reste der Säulen stieß. Schon nach wenigen Schritten verlor sich die Höhle in der Dunkelheit. Schade, dass ich nicht weiter kann. Ich würde gern wissen, was sich in dieser Höhle verbirgt. dachte Awelia betrübt. Leider kann ich im Dunkeln nicht sehen. Noch während sie das dachte, regte sich der Funke in ihr wie aus Protest. Ein schwaches Licht erschien knapp über Awelias Kopf und blieb dort, als sie tiefer in den Eingang trat. Mit einem leichten Lächeln betrat sie die Höhle.
Feron hatte sich zusammen mit Dara hinter einem Baum versteckt. Sie hatten nach Awelia gesucht, sie aber nicht finden können. Dafür hatten sie weitere Gruppen des Roten Zirkels entdeckt, die den Wald durchsuchten. Offenbar war Awelia verschwunden. Dara war von Minute zu Minute wütender geworden, und hatte sich Vorwürfe gemacht, sie hätte versagt. Feron musste erst auf sie einreden, dass Awelia schlicht und einfach im Wald umherirrte und nicht etwa in den Fängen des Roten Zirkels war. Schließlich hatte sie sich beruhigt, doch sie wussten nicht, wie sie Awelia finden sollten. „Wenn wir in der Nähe des Zirkels bleiben, merken wir, wenn die sie finden.“ schlug Feron vor. „Das sind mindestens dreißig, die können wir unmöglich alle besiegen. Wir sollten stattdessen die Spuren verfolgen und sie so zuerst finden.“ warf Dara ein. „Hier rennt eine Bande von Menschenfängern durch den Wald, wie willst du da Spuren unterscheiden?“ „Sie ist leichter, daran werden wir ihre Spur erkennen.“ Feron schüttelte den Kopf. „Das ist in jedem Fall zu langsam. Wir brauchen eine bessere Idee.“ Er überlegte einige Sekunden angestrengt. „Die Bäume stehen nicht allzu dicht. Wenn wir eine erhöhte Position finden, können wir sie vielleicht entdecken.“ schlug er vor. Dara nickte.
Die Höhle war größer und anders als erwartet. Es war ein verzweigtes System aus Gängen und Kammern, die grob in die Erde geschlagen worden waren. Immer wieder hatten dicke Wurzeln die Decke durchbrochen, so dass Awelia sich bücken musste. Der Boden war überall mit Steinkacheln ausgelegt, auch wenn die Wände unbearbeiteter Fels oder gar Erde waren. Es gab bei jedem Kammereingang eine Steintür, doch die meisten waren umgefallen. Die wenigen, die noch standen, ließen sich nicht öffnen. Die Kammern waren gefüllt mit dreckverkrusteten Vasen, verfallenen Möbeln aus Stein und verrottetem Holz, und jeder Menge Staub. Sie entdeckte auch einige Skelette, die ihr viel zu groß vorkamen. Nachdem sie einige Zeit die Höhle erkundet hatte, betrat sie einen Säulengang. Zwei parallele Reihen großer Säulen, die mit merkwürdigen Verzierungen geschmückt waren, führten durch eine große Kammer, die höher war als die bisherigen. Die einzige andere Tür lag ihr gegenüber, und hing halb zerbrochen in den dahinterliegenden Raum.
Vorsichtig und mit einem flauen Gefühl im Bauch betrat Awelia die Kammer. Sie versuchte, den Abbildungen auf den Säulen einen Sinn zu geben. Die Säulen eines Paares zeigten immer das gleiche. Das erste Paar zeigte eine hochgewachsene Gestalt in Rüstung, so groß, dass Awelia sie selbst mit ihrem Licht nicht vollständig sehen konnte. Die folgenden Figuren wurden kleiner und die Abbildungen komplexer. Einige kleine Kreaturen sammelten etwas wie Getreide und gaben es größeren Kreaturen. Kleine Kreaturen beteten eine große an. Mehrere große Kreaturen schienen miteinander zu tanzen. Kleine Kreaturen griffen die großen Kreaturen an. Eine große Kreatur stand über einem Berg kleiner Kreaturen. Awelia begriff, dass die Bilder eine Geschichte erzählten. Die großen Kreaturen waren ihr unbekannt, doch die kleinen schienen Menschen zu sein. Offenbar wurden die Menschen von den großen Kreaturen unterdrückt, und ihr Aufstand wurde blutig niedergeschlagen. Und Awelia stand mitten im Reich der großen Kreaturen. Ein kalter Schauer lief über ihren Rücken, als ein Windzug leise durch die Kammer pfiff. Wie lange das wohl her ist, fragte sie sich, während sie sich ängstlich umsah. Bedächtig, ohne ein Geräusch zu verursachen, ging sie das letzte Stück zur zerstörten Tür. Einer der Flügel stand noch, während der andere aus seiner Verankerung gebrochen und umgestürzt war, und jetzt halb in die nächste Kammer hing. Vorsichtig kletterte Awelia auf die Tür und hüpfte auf der anderen Seite hinunter. Sie befand sich jetzt in einer großen Halle mit mehreren erloschenen Feuerstellen. Mehrere Skelette mit schweren Rüstungen lagen auf dem Boden. Und in der Mitte des Raumes war ein großer Thron mit einer zusammengesunkenen Gestalt. Awelia stockte der Atem, als sie sah, dass die Gestalt kein Skelett war.
„He, ich glaube da ist eine Anhöhe.“ sagte Feron und zeigte auf ein Stück Wald voraus, wo sich der Boden zu heben schien. „Von dort können wir zumindest über die Sträucher sehen. Besser als nichts.“ stimmte Dara zu, und geduckt liefen sie los. Es war tatsächlich eine Anhöhe, eine ziemlich große sogar. Es ging plötzlich einige Dutzend Schritt bergauf und die Bäume standen mit etwas größerem Abstand. Sie kamen gut voran, bis jemand nicht weit entfernt schrie. Irritiert sahen sie sich um und entdeckten einen Mann des Roten Zirkels am Fuß der Anhöhe, der in ihre Richtung zeigte. „Da oben! Da oben sind sie!“ brüllte der Kerl, und weitere Männer tauchten auf. Feron fluchte, während er sich mit erhobenem Schwert neben Dara stellte.
Während die Angreifer den Hang hinaufstürmten, bereitete sich Feron auf den kommenden Kampf vor. Er zählte acht Gegner, glücklicherweise war niemand mit einem Bogen oder gar einer Armbrust darunter. Das Gelände stand gegen den Zirkel, doch wenn sie sie einkreisten wären sie verloren. Die Angreifer, wild brüllend, waren fast heran. Feron machte einen Ausfallschritt und stieß sein erbeutetes Schwert mit aller Macht vor. Es durchstieß den Kopf des ersten Angreifers. Dara neben ihm blieb in der Defensive. Nachdem er seine Klinge befreit hatte, stieg Feron über den Toten hinweg und zog sie dem nächsten Feind über die Brust. Er begann, sich den Hang hinab zu kämpfen, doch rasch tauchte jemand in seiner Seite auf. Blitzschnell sprang er zurück und begegnete dem neuen Widersacher. Der war besser als die anderen, und es gelang ihm, mehrere von Ferons Angriffen zu parieren. Feron wechselte die Taktik und ging auf die Knie. Mit einem ausholenden Schlag trennte er dem Kerl ein Bein am Knie ab. Der Mann stürzte und rollte hangabwärts davon. Rasch blickte sich Feron um. Dara wurde von drei Gegner bedrängt und hatte einen Treffer einstecken müssen, doch sie hielt sich aufrecht. Er eilte zu ihr hinüber und vergrub sein Schwert im Rücken des ersten. Einer der anderen drehte sich um, doch Feron tötete ihn, bevor er mehr tun konnte. Den letzten erledigte Dara.
Schwer atmend sahen sie sich um. Die meisten Angreifer des Roten Zirkels waren tot, aber einige lagen verwundet am Boden. Da keine Verstärkung in der Nähe zu sein schien, nutzen Feron und Dara die Gunst der Stunde und durchsuchten die Toten und hielten Abstand zu den Verwundeten. Sie nahmen Schwertscheiden, Wasser, Nahrungsrationen und eine Karte an sich, und Dara säuberte ihre Schnittwunde. Als sie fertig waren, eilten sie weiter die Anhöhe hinauf.
Awelia starrte gebannt auf die große Kreatur im Thron, doch die regte sich nicht. Nach endlosen Sekunden schlich sie sich vorsichtig vorwärts, aus Furcht, ein Geräusch oder eine zu schnelle Bewegung könnte das Wesen aufwecken. Sie ging zwischen den Überresten der gerüsteten großen Kreaturen entlang. Die Rüstungen waren mit tiefen, langen Schrammen übersät. Am Fuß der Treppe zum Thron lag eine Gestalt, die kleiner war als die anderen, und fast genauso groß wie Awelia selbst. Vorsichtig bückte sie sich herab. Es musste ein mal ein Mensch gewesen sein. Die Rüstung war bis auf einige Metallteile zu Staub zerfallen, die Klinge, die neben der offenen Hand lag, war zerbrochen. Nur der dunkle Umhang war noch intakt. Awelia betrachtete ihn genauer. Abgesehen davon, dass er dunkelgrün war, schien er genauso zu sein wie der, den sie selbst trug. Aber irgendetwas hatte ihn die Zeit überdauern lassen. Vorsichtig löste sie die Manschette und hob den Umhang hoch. Der Staub viel von ihm ab und der Stoff glänzte matt im Lichtschein.
Aus den Augenwinkeln nahm Awelia eine Bewegung wahr. Langsam drehte sie den Kopf und erblasste. Die Kreatur, die auf dem Thron saß, hatte sich ihr zugewandt. Sie blickte in die schwarzen Augen und hatte das Gefühl, in einen Abgrund zu fallen. Mit lautem Brüllen erhob sich das Monster. Awelia stürzte vor Schreck zu Boden und kroch rückwärts, um Abstand zu gewinnen. Das Monstrum, doppelt so groß wie sie, kam mit mächtigen Schritten auf sie zu und ließ den Boden erbeben. Es hatte eine riesige Axt, die sogar größer als Awelia zu sein schien. Langsam holte die Kreatur aus, um Awelia in zwei Teile zu schlagen. Ihre Angst lähmte sie, doch im letzten Moment fasste sie sich, gerade genug, um zur Seite zu rollen. Die Axt schlug Funken, als sie die Bodenplatten zertrümmerte. Strauchelnd kam sie auf die Beine und die Waffe durchschnitt die Luft hinter ihr. Awelias Blick ging zur Tür, doch der gebrochene Flügel hing so hoch, dass sie unmöglich schnell genug entkommen konnte. Sie musste einen anderen Weg finden, bevor sie in Stücke gehackt wurde. Während sie durch den Thronraum lief und sich nach einem Ausweg umsah, folgte ihr das Monster mit schweren Schritten und hieb mehrmals eher halbherzig nach ihr. Doch plötzlich änderte es seine Taktik und machte einen blitzschnellen Satz nach vorn. Awelia war so überrascht, dass sie fast in die heranrasende Axt gelaufen wäre. Im letzte Moment ließ sie sich fallen und hörte das leise Pfeifen, mit dem die Schneide durch die Luft glitt. Sie hastete weiter und kroch zwischen den Beinen der Kreatur hindurch, die sich mit einem verärgertem Brüllen umdrehte. Im Kriechen bekam Awelia einen guten Blick auf ihren Gegner. Die graue Haut war rissig und wirkte wie ausgetrocknet. Und die Kleidungsfetzen, die an der Kreatur herunterhingen, waren dick und aufgeplustert, als hätte es einst einen Wintermantel getragen. Doch wie sollte ihr das helfen. Denk nach! schalt sie sich, während sie wieder Abstand gewann. Ich kann dem Ding nicht ewig davonlaufen. Und plötzlich hatte sie eine Idee. Sie war schlecht, aber das Beste was sie hatte. Wenn sie die Kleidungsreste in Brand setzen könnte, würde die Kreatur vielleicht sterben. Doch wo sollte sie nur Feuer herbekommen. Awelia wusste, dass Feron Feuersteine gekauft hatte, doch er war nicht hier, und sie konnte in dem Thronraum auch nichts dergleichen ausmachen. Die Axt sauste erneut auf sie herab und diesmal büßte sie ein Drittel ihres Umhangs ein. Keuchend sprang sie vor und knallte gegen die Wand. Angsterfüllt drehte sie sich herum, und das Monstrum stand nur einen Schritt vor ihr. Während es mit der Axt ausholte, stand Awelia starr da. Sie konnte nur auf sie scharfe Klingen starren, die sie gleich zerteilen würde.
Der Funke tief in ihrem Inneren brach erneut hervor. Awelia sah alles wie in Zeitlupe, während sie die Hände hob. Sie zog sich innerlich zurück und überließ das Handeln der Flamme, die jetzt in ihr loderte. Zwischen ihren Händen bildete sich eine kleine Flammenkugel, während sie die Arme vor ihrem Körper hielt. Sie zog eine Hand zurück und die Kugel wurde in die Länge gezogen. Es war, als würde sie einen Bogen spannen. Awelia übernahm wieder die Kontrolle und zielte auf die Kreatur, deren Waffe jetzt auf sie zugerast kam. Brenne! dachte sie und der Flammenpfeil schoss los. Die kurze Distanz wurde in einem Sekundenbruchteil überbrückt und das Feuer breite sich über das Monster aus, als hätte man einen Eimer Wasser vergossen. Kleidungsfetzen entzündeten sich sofort und die trockene Haut wurde wie altes Holz von den Flammen gefressen. Awelia taumelte ob der großen Hitze zur Seite. Die Kreatur stürzte sich brüllend und wild um sich schlagend nach vorn, um Awelia mit in Brand zu stecken, doch sie war bereits weg. Dicker, schwarzer Rauch stieg auf, während das Monstrum versuchte, sie zu finden, und mit der Axt blind um sich hieb. Sie warf die Reste ihres Umhangs auf die Kreatur und verdeckte ihr so die restliche Sicht. Die Kreatur verfiel in eine Raserei, doch schnell wurden die Bewegungen schwächer. Schließlich brach sie zusammen und blieb brennend liegen.
Awelia hustete stark und sah sich um. Das brennende Monster lag nahe der Tür und blockierte so ihre Flucht. Doch sie musste hier raus, bevor das Feuer die Luft verbraucht hatte und sie erstickte. Für einen Moment dachte sie zurück an das Nebeltal, wie sie nur knapp entkommen waren, und sie hoffte, dass Dara und Feron mehr Glück hatten als sie. Sie bemerkte, dass die Schwaden von der Tür wegzogen, durch den Thronraum auf die andere Seite. Also musste es einen zweiten Ausgang geben. Hastig nahm sie den seltsamen Umhang, den sie hatte fallenlassen, als das Monster angegriffen hatte. Sie folgte dem Rauch und fand eine eingestürzte Tür hinter dem Thron. Der Korridor endete schon nach wenigen Schritten in einer Höhle, die sich mit mehreren Abzweigungen durch das Erdreich schlängelte. Glücklicherweise brauchte Awelia nur dem Qualm zu folgen und bald sah sie das Tageslicht.
Während sie die Anhöhe erklommen, studierte Feron die Karte. „Also hier ist Blattkrone. Und den Weg haben wir genommen.“ murmelte er. „Irgendwelche brauchbaren Informationen? Wegposten, Lager des Roten Zirkels?“ fragte Dara, während sie zurückblickte und nach Verfolgern Ausschau hielt. Feron las die aufgekrizelten Zeichen und Worte. „Nur Entfernungs- und Zeitangaben der Wege, von Abzweig zu Abzweig.“ antwortete er. „Zeig mal, wo sind wir?“ fragte Dara und stellte sich neben ihn. „Irgendwo hier.“ sagte er und erklärte ihr die Karte. Er zeigte den Weg, wo sie in den Wald gelangt waren. Das sich erschließende Areal, in dem sie sich befanden, war durch den Weg selbst, einen anderen Weg, der fast senkrecht dazu verlief, und den Waldrand abgegrenzt. Es gab wohl einen alten Turm nahe der Wegkreuzung, doch den konnten sie von der Anhöhe aus nicht entdecken. Außerdem waren da noch eine Siedlung und eine Burg an dem anderen Weg sowie zwei Siedlungen am Waldrand. „Wir sind aus grob dieser Richtung gekommen.“ sagte Dara schließlich und zeigte zurück den Hang hinab. „Wir sollten, wenn wir endlich Awelia gefunden haben, genau in die andere Richtung gehen. Bis wir entweder den Waldrand oder den anderen Weg erreichen.“ erklärte sie mit leicht bebender Stimme. Feron nickte und Schuldgefühle stiegen in ihm auf. Nach dem Kampf hatte er für einen Moment vergessen, dass Awelia immer noch verschwunden war. Sie hätten besser auf sie aufpassen müssen.
„He, da brennt was.“ stieß er plötzlich hervor, als er eine Rauchfahne hangabwärts sah. Gemeinsam liefen sie im Laufschritt darauf zu. Nach wenigen Minuten erreichten sie die Quelle des Rauchs, eine Höhlenöffnung im Boden. Dicker, schwarzer Qualm drang daraus hervor. „Ob das was mit dem Roten Zirkel zu tun hat?“ fragte Dara verwundert, doch Feron konnte nur mit den Schultern zucken. Er konnte sich keinen Reim darauf machen. „Nein, das war ich.“ hustete eine Stimme hinter ihnen. Rasch drehten sie sich um, doch da war niemand. Feron blickte angestrengt von links nach rechts, doch er konnte niemanden entdecken. „Zeigt Euch!“ rief er laut und legte die Hand ans Schwert. „Ich bin doch hier.“ kam die leicht genervte Antwort, nicht weit von ihm entfernt. Diesmal erkannten sie die Stimme. „Awelia?“ fragte Dara erleichtert. Eine Gestalt mit grünem Umhang erschien zwischen den Bäumen. „Wer denn sonst? Habt ihr was auf den Augen?“ fragte Awelia leicht spöttisch. Sie stand vielleicht ein Dutzend Schritt entfernt von ihnen, doch Feron hatte sie nicht gesehen. „Möglich, geh´ bitte noch mal zurück.“ sagte Feron, sichtlich irritiert. Awelia tat wie ihr geheißen, und nach wenigen Schritten verschwamm ihre Gestalt und sie verschwand. „Wo bist du?“ fragte Dara. „Na hier.“ kam die genervte Antwort von dort, wo Awelia verschwunden war. Dara und Feron blickten sich an. „Wir sehen dich nicht mehr.“ Nach einigen Sekunden tauchte Awelia wieder auf und kam auf sie zu. „Das muss an dem Umhang liegen.“ sagte sie nachdenklich, während sie daran herumzupfte. „Woher hast du den? Und was ist mit dem Rauch?“ fragte Dara eindringlich. Awelia erzählte, wie sie eine uralte Behausung entdeckt hatte, die einst von großen Kreaturen bewohnt wurde. Rasch führte sie aus, wie sie den Herrscher der Kreaturen entdeckte und schließlich besiegt, und wie sie den Umhang bekommen hatte. Feron und Dara lauschten erstaunt. „Und, was habt ihr geschafft?“ fragte Awelia schließlich. „Oh, wir haben gegen den Roten Zirkel gekämpft und nach dir gesucht.“ antwortete Dara kleinlaut, als ob ihre Leistungen zurückständen. Einen Moment lang herrschte peinliches Schweigen, bis Feron erklärte, wohin sie nun gehen müssten.
Sie durchquerten den Wald, glücklicherweise ohne auf weitere Mitglieder des Roten Zirkels zu stoßen. Nachdem Awelia zwei mal verschwunden war, befahl Dara ihr, dass sie immer neben ihr bleiben musste. Am Vormittag des folgenden Tages konnten sie ihre Wasservorräte an einem kleinen Bach auffüllen. „Ich kenne da eine Geschichte über ein paar Schurken in einer Höhle, willst du sie hören?“ fragte Feron plötzlich. Awelia nickte. „Sehr gerne.“ sagte sie fröhlich. „Also, es begab sich vor vielen Jahren, da kam ein junger Held in ein Dorf, das tief in einem Wald lag. Die Menschen dort hatten Angst, und hatten sich in ihren Häusern verkrochen. Der Held klopfte an jede Tür, doch niemand öffnete ihm. Schließlich fand er ein kleines Mädchen und fragte 'Was ist hier geschehen?'. 'Banditen haben uns überfallen und uns alles genommen.' antwortete das Mädchen traurig. 'Zeig mit wo sie sind, und ich erschlage diese Unholde!' erklärte der Held. Und so zog er in den Wald hinein, auf zur Höhle der Banditen. Es war ein finsterer Ort, doch der Held zeigte keine Furcht. Er drang immer tiefer in das Labyrinth ein und fand schließlich den Unterschlupf, wo sich die Banditen mit den Besitztümern der armen Dorfbewohner amüsierten. Der Held trat den zehn Banditen furchtlos gegenüber und …“ „Du allein gegen zehn Banditen?“ unterbrach Dara misstrauisch. Feron blickte sie irritiert an. „Es ist eine wahre Geschichte.“ erklärte er. „Schon gut, fahr fort.“ „Also, wo war ich … ach ja. Der Held trat den fünfzehn Banditen …“ Dara stieß ein spöttisches Schnauben aus. „Pssst!“ machte Awelia, leicht verärgert. „Danke.“ sagte Feron. „Also, der Held trat den zehn Banditen gegenüber und sprach, 'Ihr da, Schurken! Gebt die Besitztümer der armen, unschuldigen Dorfbewohner heraus, oder ihr bekommt es mit mir zu tun!'. Die Banditen aber lachten, und ihr Anführer rief 'Wir werden mit jedem dahergelaufenen Bauern fertig!'. Dies konnte der Held nicht auf sich sitzen lassen und zog sein Schwert. Die hinterhältigen Banditen griffen ihn an, und er besiegte sie alle, bis nur noch der Anführer übrig war. Der Schurke rief 'Wenn du mich willst, stirbt sie!', und zog das kleine Mädchen aus dem Dorf vor sich und hielt ihm die Klinge an die Kehle.“ „Oh nein!“ hauchte Awelia. „Woher hat er das Mädchen?“ fragte Dara skeptisch. „Äh, es hatte dem Helden den Weg gezeigt und war dann von den Banditen entführt worden.“ antwortete Feron ausweichend. „Jedenfalls, der Anführer hielt das Mädchen fest und sprach 'Verschwinde und komm nie wieder, oder ich töte sie!'. Der Held zögerte. Er konnte gehen und damit das Leben des Mädchens retten, doch würde das Dorf weiter hilflos den Banditen ausgeliefert sein. Oder er konnte die Banditen ein für alle mal besiegen, doch würde das Mädchen sterben. Mit ernstem Gesicht wandte er sich ab, wie um die Höhle zu verlassen, und der Bandit lockerte seinen Griff. Dann schnellte der Held herum und warf sein Schwert mit aller Kraft. Einen Moment lang stand die Zeit still, dann durchbohrte die Klinge den Schurken. Das Mädchen rannte überglücklich zum Helden und dankte ihm für seine Rettung. Sie kehrten ins Dorf zurück und alle waren überglücklich, von den Banditen befreit worden zu sein. Sie veranstalteten ein großen Fest und der Held wurde fortan immer bejubelt, wenn er in das Dorf kam.“ „Das ist wirklich so passiert?“ fragte Awelia staunend. „Natürlich, es ist ja eine wahre Geschichte.“ antwortete Feron mit Stolz. „Aufschneider.“ murmelte Dara schnaubend und ignorierte Awelias verärgerten Blick.
Gegen Abend erreichten sie den Weg. Sie wussten nicht, wo genau sie herausgekommen waren, sie sahen keine Bauten und keine anderen Reisenden. Sie entschieden sich, wieder ein Stück in den Wald hineinzugehen und sich ein Nachtlager zu suchen. Schließlich fanden sie einen alten, umgekippten Baum, dessen Krone in einem anderen Baum hing. Nachdem sie die Stabilität ausreichend getestet hatten, kletterten sie in die Krone.
Am nächsten Morgen setzten sie ihre Reise fort. Mittag erreichten sie die Burg, die auf der Karte verzeichnet war, und machten Rast. Während sie für den Rest ihres Geldes Wasser und Nahrung kauften, erkundigte sich Dara, wie weit es bis Elemas war. Wie sie erfuhr, waren es noch anderthalb Tage. Erleichtert berichtete sie Awelia davon, dass sie fast in Sicherheit war. Auf Awelias Nachfrage, was diese ominöse Sicherheit war, konnte Dara jedoch keine Antwort geben. Schließlich setzten sie ihre Reise fort und am Mittag des nächsten Tages erreichten sie ohne weitere Zwischenfälle den Waldrand. Übergangslos verschwanden die Bäume und machten einer weiten Gras- und Ackerlandschaft Platz. Vor ihnen, zwischen zwei Hügeln, lag eine große Stadt. Sie hatte keine hohen Türme wie Sonnenberg, doch war sie viel größer. „Das ist Elemas.“ sagte Dara. „Die Stadt der Könige.“