Kapitel 5 - Erste Antworten
Elemas war gewaltig. Die Reichshauptstadt lag zwischen zwei großen Hügeln, die von den Ausläufern, der sogenannten Vorstadt, überwuchert wurden. Die eigentliche Stadt wurde von einer zehn Schritt hohen Mauer geschützt. Es gab noch eine zweite Mauer, die den Palast des Großkönigs umgab. Der Palast war das höchste und größte Gebäude der Stadt. Auch wenn sie ihn nur aus der Ferne gesehen hatten, so war er doch beeindruckend. Er wirkte mit seinen vielen Flügeln, mehrstöckigen Anbauten und Türmen wie eine eigene kleine Stadt. Elemas war mit Abstand die größte Stadt, die Awelia bisher gesehen hatte, mehrfach so groß wie Sonnenberg. Es war schon viel los, als sie durch die Vorstadt gingen, doch als sie das große, massive Tor durchschritten, war es wie eine andere Welt. Große Steinhäuser erhoben sich zu allen Seiten, und überall herrschte dichtes Gedränge. Awelia wusste gar nicht, wo sie zuerst hinschauen sollte. Überall waren Menschen und die Lautstärke war beträchtlich. Es mussten zigtausende sein, aus allen Schichten der Gesellschaft, die durch die gepflasterten Straßen wuselten.
Dara führte sie auf einen Platz nahe der zweiten Mauer. Zwischen Fachwerkhäusern stand ein umzäuntes Anwesen. Sie steuerten direkt darauf zu, und als sie näher kamen, erkannten sie Wachen vor dem Tor. Dara passierte die Männer, und auch Awelia betrat das Anwesen, doch Feron blieb ruckartig stehen, als sich Hellebarden senkten und ihm den Weg versperrten. „Sie nicht.“ sagte eine der Wachen finster. „Das geht in Ordnung, er gehört zu uns.“ rief Dara irritiert. „Anweisung des Magus, nur Sie und das Mädchen.“ antwortete die andere Wache. „Das war es also? Nach allem?“ fragte Feron verblüfft. „Ich veranlasse, dass Ihr entsprechend entschädigt werdet.“ sagte Dara laut, nachdem sie einen Moment nachgedacht hatte. „Aber warum kann er denn nicht mit rein?“ fragte Awelia geschockt. Dara schob sie kommentarlos in Richtung Tür. Awelia wollte protestieren, doch Dara zischte ihr zu, sie solle still sein und jetzt keine Szene machen. Sie warf einen letzten Blick auf Feron, während sich die Tür schloss. Dann war er verschwunden. Awelia starrtet fassungslos zuerst auf die Tür und dann auf Dara, doch die vermied den Blickkontakt.
Das Innere des Anwesens wirkte warm und gemütlich. Der gesamte Fußboden war mit Teppichen ausgelegt, und im Eingangsbereich standen zwei Sessel für wartende Gäste. Verzierte Kerzenhalter erleuchteten die Gänge und kleine Leuchter die Räume. Sie mussten nur kurz warten, bis ein Bediensteter kam, und ihnen erklärte, dass der Magus sie erwartete. Sie folgten ihm und Awelia bemerkte mehrere Regale und Wandbretter, auf denen Bücher standen. Offenbar war dieser Magus ein sehr belesener Mann. Sie erreichten eine kleine Bibliothek im ersten Stock, und der Bedienstete stellte ihnen den Magus als hochbegabten Herrn Salaco vor. Salaco war ein etwas korpulenter Mann mittleren Alters mit Geheimratsecken. Er trug einen gefütterten, gelben Hausmantel mit bunten Verzierungen, dazu ein paar gemütlich wirkende Schuhe. Als er Awelia sah, begann er zu grinsen. Dara räusperte sich. „Mein Herr, hier ist sie. Wohlbehalten und unbeschadet. Leider hatten wir unterwegs einige Schwierigkeiten, Hennal ist … “ erzählte sie, bis der Magus sie unterbrach. „Ja ja, den Bericht heben wir uns für später auf. Lasst uns allein.“ befahl er, ohne den Blick von Awelia abzuwenden. „Draußen wartet ein Mann, der uns … “ begann Dara, doch der Magus brachte sie mit einem verärgerten Blick zum Schweigen. Dara und der Bedienstete verließen den Raum. „Awelia. Es ist mir eine Freude.“ sagte Salaco, während er sie betrachtete, als sei sie eine Trophäe. „Bitte, setzt Euch.“ Er deutete auf ein paar Sessel, die in der Bibliothek standen. Awelia zögerte, doch setzte sie sich. Der Magus nahm ebenfalls Platz, ihr direkt gegenüber. „Nun, offenbar gab es einige Schwierigkeiten. Was ist denn geschehen?“ fragte er interessiert, leicht vorgebeugt. „Ich kann mich nicht mehr an viel erinnern. Wir wurden vom Roten Zirkel gejagt. Sie haben Hennal getötet und uns fast auch.“ antwortete Awelia betrübt. „Das ist ja furchtbar, aber zum Glück ist Euch nichts passiert.“ Salaco bombardierte sie geradezu mit Fragen, über den Zirkel, ab wann sie sich an Dinge erinnern konnte, wie sie den Troll besiegt hatte, und so weiter. Es kam ihr vor, als würde er stundenlang Dinge fragen, ohne dass sie eine Gelegenheit bekam, selbst Fragen zu stellen. Schließlich wurde es ihr zu viel. „Stopp.“ sagte sie und hob schützend die Hände, als könnte sie damit seine Fragen aufhalten. Und tatsächlich hielt der Magus inne. „Was hat das alles zu bedeuten?“ fragte sie ihn, die Hände langsam wieder senkend. Er lächelte. „Habt Ihr das noch nicht herausgefunden? Ihr seid eine Magierin.“ „Was?“ fragte Awelia verwirrt. „Ihr meint ich kann zaubern?“ „Genau.“ stimmte ihr der Magus zu. „Was Ihr mir über den Troll erzählt habt kann nur ein Sonnenblitz gewesen sein. Oder als Ihr diese Kreatur in den Höhlen bezwungen habt, das war zweifelsohne ein Flammenpfeil.“ erklärte er. Awelia war sprachlos. Nach all den Dingen, die ihr in den letzten Wochen widerfahren waren, hatte sie das noch gar nicht in Betracht gezogen. Bin ich eine Magierin? fragte sie sich, doch etwas in ihr protestierte. Sie wusste nicht wieso, doch für den Moment musste diese Erklärung reichen. „Nach und nach wird Euer Gedächtnis zurückkehren.“ erklärte Salaco. „Bis es wieder vollständig da ist, werdet Ihr hierbleiben. Ihr könnt die Bibliothek nutzen, so viel Ihr möchtet.“
Feron wartete schon über eine Stunde, doch niemand kam aus dem Anwesen heraus. Er hatte überlegt sich hinein zu schleichen, doch vermutlich wäre ihm Awelia böse. Auch ein Versuch, die Wachen anders zu überzeugen, schied wegen seiner bescheidenen finanziellen Mittel aus. Schließlich gab er mit lautem Seufzen auf. Es hatte keinen Zweck, sich die Füße in den Bauch zu stehen. Dieser Magus interessierte sich keinen Deut um hilfsbereite Leute. Er trottete über den Platz zurück in die angrenzenden Straßen. An der äußeren Stadtmauer hatte er ein Gasthaus gesehen, und dort würde er seine letzten Münzen für Essen und einen Schlafplatz ausgeben. Er stand wieder da, wo er schon zuvor gestanden hatte. Es ärgerte ihn sehr, dass es so gekommen war, dass er sich nun wieder von einer Möglichkeit zur nächsten durchhangeln musste. Und Awelia gehen zu sehen hatte ihm einen Stich versetzt. Er hatte sie gemocht. Aber im Nachhinein betrachtet war es nicht verwunderlich, dass er hatte draußen bleiben müssen. Wer war er schon, irgendein dahergelaufener Möchtegern.
Als er sich in der „Wallschenke“ einquartiert hatte, hatte er sich etwas umgehört. Zwar gab es in der Stadt für alles Dienstleister, doch manche suchten sich anderweitig Hilfe, um Geld zu sparen oder die Dinge unauffällig zu erledigen. Feron war mit Meister Herion, einem Handwerksmeister, ins Gespräch gekommen, der jemanden suchte, um Botengänge durchzuführen. Nach dem zweiten Bier hatte Feron die Aussicht, am nächsten Tag einen dieser Botengänge übernehmen zu können.
Awelia saß in der Bibliothek. Sie hatte sich einige Bücher herausgesucht und begonnen, die interessanten Kapitel zu lesen. Gerade hatte sie „Grundlagen der arkanen Künste“ aufgeschlagen und las, wie Magie entstand und wie sie auf die Welt wirkte. Vieles kam ihr seltsam vertraut vor, und bei einigem hatte sie den Verdacht, dass das im Buch geschriebene falsch war. Woher weiß ich das alles? fragte sie sich, während sie einen Abschnitt überflog. Was habe ich vorher getan, bevor ich das Gedächtnis verlor? Hat der Magus recht, bin ich eine Magierin? Aber wieso fühlt es sich dann falsch an? Sie beschloss, den Magus bei nächster Gelegenheit zu fragen. Nachdem er sei nicht mehr mit Fragen bombardiert hatte, war er gegangen. Seitdem war sie allein in der Bibliothek. Sie sah hinüber zum Fenster und stellte fest, dass es bereits dunkel war. Sie legte das Buch zur Seite und verließ die Bibliothek. Der Bedienstete erwartete sie im Flur. „Ich zeige Euch Euer Schlafgemach.“ sagte er förmlich und brachte sie zu einem Schlafzimmer, wo er sie zurückließ. Der Raum war mit einem großen Bett und anderen prunkvollen Möbeln ausgestattet. Nachdem Awelia die Tür geschlossen hatte, stellte sie einen Stuhl davor. Sie trat ans Fenster und blickte nach draußen. An vielen Stellen Elemas brannte Licht, so dass sie kaum Sterne erkennen konnte. Unter ihr war der Platz, über den sie gekommen waren. Aber außer den Wachen konnte sie niemanden entdecken. Sie fragte sich, was aus Feron geworden war. Schuldgefühle stiegen in ihr auf, da sie ihn einfach stehen gelassen hatte. Wäre er nicht gewesen, würde sie jetzt für eine Bande dreckiger Räuber kochen. Sie ließ sich ins Bett fallen. Ich bin hier, und er ist irgendwo dort draußen. Ich hoffe, er hat wenigstens etwas Geld bekommen. dachte sie betrübt.
Feron traf sich kurz nach Sonnenaufgang mit dem Handwerksmeister am Südwest-Tor. „Hier, bringt diese Nachricht zum Hohen Herrn Woling in die Essiggasse im Königsviertel. Bringt mir danach die Antwort, ich bin heute Abend im Gildenhaus.“ erklärte Herion und übergab ihm eine verplombte Schriftrolle. Feron nickte und machte sich auf den Weg. Wegen der Bezahlung machte er sich keine Sorgen. Er hatte am Vorabend im Gespräch seine Fähigkeiten und Zuverlässigkeit unterstreichen können, und auch Herion schien anständig zu sein. Noch dazu würde er im Gildenhaus sicher nicht den Ärger einer unbezahlten Dienstleistung haben wollen.
Feron musste nach der zweiten Mauer mehrmals nach dem Weg fragen, weil es entgegen seiner Erwartung zwei Stadtteile innerhalb dieser Mauer gab und auch noch zwei Essiggassen. Er erfuhr sogar den Grund dafür. Das große Essighaus, in dem Essig hergestellt wurde, war zunächst in der einen Gasse, zog dann vor ein paar Jahrzehnten in die andere Gasse um. Warum das Essighaus hinter der zweiten Mauer stand und warum überhaupt eine Straße danach benannt wurde, konnte jedoch niemand erklären. Schließlich stand er in der richtigen Gasse vor einem Haus, dass nach dem Schild zu urteilen von einem Herrn Woling bewohnt wurde. Der Mann war auch zu Hause und nahm freudig die Nachricht entgegen. Seinem Aussehen und Wohnort nach zu urteilen war er ein niederer Adliger. „Für die Antwort brauche ich eine Weile. Ich hoffe es macht Ihnen nichts aus draußen zu warten. Nachdem zwei mal eingebrochen wurde traue ich Fremden nicht mehr.“ sagte der Mann und verschwand nach drinnen. Feron lehnte sich an die Mauer und wartete. Es dauerte eine ganze Weile bis Herr Woling wieder herauskam und ihm eine Nachricht für den Handwerksmeister mitgab. Feron machte sich auf den Weg zum Gildenhaus, wo er am späten Nachmittag ankam. Der Handwerksmeister war schon da und er überreichte ihm die Nachricht. Feron bekam etwas Geld und den Tipp, am nächsten Tag wieder zum Südwest-Tor zu kommen. Draußen zählte er die Münzen durch, und wenn er etwas knauserte würde vielleicht etwas übrig bleiben, dass er zur Seite legen konnte.
Awelia war fast den ganzen Tag in der Bibliothek. Am Vormittag kam der Magus vorbei, und während er dabei war, Luft zu holen, nutze sie die Gunst der Stunde. „Ihr sagtet, ich sei eine Magierin. Ich kann mich damit nicht so recht anfreunden.“ sagte sie laut. Sie mochte sich irren, aber sie hätte schwören können, dass ein Schatten über Salacos Gesicht gehuscht war. „Nun, aber Ihr seid es. Ich bin sicher, es kommt mit der Zeit zurück. Seht Ihr, ich bin ebenfalls Magier. Ich widme mich dem Studium der arkanen Künste, und kann sogar Magie wirken.“ erklärte er, sanft lächelnd. „Das erste, woran ich mich erinnern kann, ist wie ich im Feld aufgewacht bin. Was war davor?“ fragte sie, ohne auf ihn einzugehen. Die Gesichtszüge des Magus froren kurz ein, während er nach einer für sich selbst zufriedenstellenden Antwort suchte. „Nun, Ihr habt an einem mächtigen Artefakt gearbeitet, ein Fehler hat Euch dort hin gebracht und Eure Amnesie ausgelöst.“ sagte er, und warf damit nur noch mehr Fragen auf. „Was für ein Artefakt?“ „Das kann ich Euch leider nicht sagen.“ Schon wieder verheimlichte man ihr Dinge, was ihre Stimmung von Neugier zu Verärgerung umschlagen ließ. Könnt Ihr nicht oder wollt Ihr nicht? fragte sie sich finster, ohne die Worte auszusprechen. „Als ich aufgewacht bin, da hatte ich diesen Zettel in der Hand.“ sagte sie stattdessen und holte den zerknitterten Zettel aus der Tasche, den sie seit dem ersten Tag aufbewahrt und inzwischen fast vergessen hatte. Salaco nickte. „Ja, Ihr hattet ihn geschrieben, zumindest ist das Eure Handschrift. Offenbar wusstet Ihr, wo Ihr landet und dass Ihr danach zu mir müsst.“ erklärte er mit leichtem Lächeln. „Wo ist Dara?“ fragte sie bemüht höflich. „Oh, da Ihr nun hier seid habe ich sie aus ihren Diensten entlassen. Sie ist schon gestern gegangen.“ antwortete der Magus überrascht. „Habt Ihr wenigstens Feron etwas für seine außerordentlichen Bemühungen gegeben?“ fragte sie weiter, doch diesmal ohne den Versuch, höflich zu sein. Der Magus überlegte einen Moment, bevor er antwortete. „Oh, Ihr meint diesen … Burschen. Er war nicht mehr da, als ich nach ihm gesehen habe.“ Die Art, wie er über Feron sprach, machte Awelia wütend. „Dieser Bursche, wie Ihr ihn nennt, hat mir vom ersten Tag an geholfen. Ohne ihn wäre ich jetzt tot! Also wagt es nicht so über ihn zu sprechen!“ schrie sie aufgebracht und Salaco schrak erschrocken zurück. „Verzeiht, das wusste ich nicht.“ stammelte er. „Ich habe eine Beschreibung von ihm, ich schicke jemanden aus, der ihn findet und ihm eine angemessene Belohnung gibt.“ „Tut das lieber.“ sagte Awelia finster, während der Magus hastig die Bibliothek verließ.
Awelia stöberte weiter in den Büchern. Sie las gerade eine mehrteilige Abhandlung über gewirkte Magie, in der Einleitung Zaubersprüche genannt. Den Sonnenblitz hatte sie schon wieder entdeckt, die Beschreibung im Buch passte genau auf das Geschehene. Nur ein paar Seiten später entdeckte sie etwas namens Steinhaut, was die Haut des Magiers in eine Rüstung verwandelte. Sie erinnerte sich, wie sie etwas derartiges auf Feron gewirkt hatte, als sie gegen den Hochmeister gekämpft hatten. Betrübt erinnerte sie sich, wie Hennal getötet worden war. Sie wünschte nach wie vor, sie hätte ihn retten können. Rasch legte sie das Buch zur Seite und schlug das nächste auf. Es behandelte komplexe Magie und Sprüche, die laut dem Kommentar des Autors nur von den allergrößten Magiern und nur nach jahrelangem Studium gemeistert werden konnten. Im Versuch, die schlechten Erinnerungen zu verdrängen, blätterte sie das Buch ohne zu lesen durch. Doch an einer Stelle blieb sie plötzlich hängen. Die Zeichnung zeigte aus der Erde gewachsene Ähren und der Text beschrieb grob eine Magiewirkung, die Land fruchtbar machte. In ihren Gedanken blitzte die Nacht auf dem Hof auf, als sie das Getreide hatte wachsen lassen. Hatte sie damals diese Magie gewirkt? Nach dem Autor des Buches, der eine beachtliche Aneinanderreihung an Titeln aufwies, war das nicht möglich. Nur ein Magus mit jahrelanger Übung und sehr viel Erfahrung war dazu in der Lage. Sie selbst war viel zu jung dafür, wie alt sie auch immer sein mochte. Langsam schüttelte sie den Kopf und legte das Buch zur Seite, doch der Gedanke ließ sie nicht mehr los.
Am späten Nachmittag kam der Magus zurück. „Habt Ihr Feron finden können?“ fragte Awelia direkt. „Äh ja, er war in der Unterstadt, und glaubt mir, er wurde mehr als angemessen entschädigt.“ erklärte Salaco mit einer Verbeugung. Awelia nickte dankbar. Danach fragte der Magus sie, was sie gelesen hatte, und ob sie sich an weitere Dinge erinnerte. Sie beantwortete seine Fragen, die Sache mit dem Getreide aber behielt sie für sich. Er würde ihr ohnehin nichts dazu sagen.
Feron übernahm einen weiteren Botengang für den Handwerksmeister. Diesmal ging es auf einen der Hügel außerhalb der Stadtmauern, wobei er auch den großen Tempel des Gottes des Lichts passierte, der kurz vor der Stadtmauer lag. Herion arbeitete an der Innengestaltung eines Hausbades für einen Adligen, und alles musste auf Kundenwunsch diskret verlaufen. Also brachte Feron einige Skizzen zu einem Bildhauer und überbrachte von diesem die veranschlagten Kosten und benötigte Zeit an den Handwerksmeister, und die Bestätigung eben dieser wieder an den Bildhauer. Er war den ganzen Tag damit beschäftigt, seinen Weg durch die Straßen und Gassen zu finden, und er fragte sich, was Awelia wohl machte. Mal stellte er sich vor, wie sie wie eine Trophäe in einem Stuhl saß, mal wie sie mit irgendwelchen Adligen Wein trank und Trauben aß, und mal wie sie in einem Kämmerlein eingesperrt ein altes Buch las. Schließlich gestand er sich ein, dass er keine Ahnung hatte, was sie tat. Sie hätte genauso gut auf der anderen Seite des Reichsforsts sein können, er würde sie nie wieder sehen.
Am Abend bekam er von Herion seine Belohnung, die etwas höher als am Vortag ausfiel. Der Handwerksmeister erklärte sich sogar bereit, Ferons Dienste dauerhaft zu nutzen. Feron bedankte sich und freute sich darüber. Er hatte keinesfalls vor, in Elemas Wurzeln zu schlagen, doch bis er genug Geld zusammengeknausert hatte war es eine sehr gute Arbeit. Nachdem er gegessen hatte, zog er sich in sein Quartier in der Wallschenke zurück. Vielleicht hatte er in ein paar Tagen genug zusammen, um das Zimmer eine ganze Woche zu mieten. Das war etwas günstiger als sieben einzelne Tage. Er hielt den Beutel mit dem übrigen Geld auch beim Schlafen bei sich, denn er wusste, in großen Städten gab es immer Taschendiebe. Man hatte ihn schon einmal bestohlen, vor einigen Jahren, und die Zeit danach war nicht schön gewesen. Sein ganzes Geld war fort gewesen, und er hatte daher weder Unterkunft noch Essen bekommen. Mit Mühe hatte er sich in der Wildnis durchgeschlagen, bis er wieder an ein paar Münzen gekommen war. Er wollte das nicht noch einmal durchleben.
Awelia verbrachte auch die nächsten Tage hauptsächlich in der Bibliothek. Der Magus besuchte sie immer wieder und erkundigte sich nach ihren Fortschritten und ob sie sich an etwas erinnerte. Er war nicht mehr ganz so penetrant wie zu Beginn, doch Awelia fühlte sich immer mehr wie seine Gefangene. Sie hatte ihn gefragt, ob sie nach draußen in die Stadt durfte. Salaco hatte es ihr zwar nicht verboten, aber mehrfach sehr deutlich gemacht, dass er es für keine gute Idee hielt und sie draußen in Gefahr wäre. Die Bücher lenkten sie in gewissem Maße davon ab. Die Informationen kamen ihr nach wie vor bekannt vor, doch sie trat mit der Lösung auf der Stelle. Sie hoffte auf eine Vision ihrer Vergangenheit, doch es geschah nichts. Stattdessen überflog sie ein Buch über Magie nach dem anderen, las über berühmte Magier, magisches Recht, Akademien der arkanen Künste und so weiter. Es half alles nichts.
Inzwischen hatte sie alle Bücher entweder gelesen oder als unnütz abgetan. Zwar hatte sie überlegt, die Unnützen trotzdem durchzugehen, aber nachdem sie ein Kapitel über die fehlende Magie gewöhnlicher Kühe gelesen hatte, hatte sie den Gedanken wieder verworfen. Die Bücher in den Fluren waren erst recht keine Hilfe, weil es gewöhnliche Pamphlete und dergleichen waren. Gelangweilt betrachtete sie die Regale und überlegte, was sie tun sollte. Da fiel ihr Blick auf einen eingestaubten Globus, der ganz oben in einem Regal stand. Sie hatte ihn bislang ignoriert, weil er allein in seinem Fach stand. Doch jetzt entdeckte sie, dass daneben in der Ecke ein Buch stand. Vorsichtig stellte sich Awelia auf einen Sessel und holte das Buch herunter. Seltsam, dass sie es bislang übersehen hatte. Der graue, staubige Umschlag titelte „Arten von Magienutzern“. Awelia pustete den Staub weg und schlug das Buch auf. Diesmal überflog sie es nicht, sondern las es vollständig. Die Texte handelten von fantastischen Geschöpfen, die ihre eigene Verbindung zum Magiegefüge hatten, oder gar aus Magie bestanden. Und er ging auf die verschiedenen Magienutzer bei Menschen ein. Es gab Magier, und es gab Zauberer. Magier lernten in langem Studium, die Magie nutzbar zu machen, während Zauberer mit einem Magiegespür und einer Verbindung zur Magie geboren wurden. Und plötzlich ergab es einen Sinn, wieso sie intuitiv so komplizierte Dinge tun konnte wie ein Feld fruchtbar zu machen. Sie war keine Magierin, sie war eine Zauberin. Und diesmal fühlte sich das Wort richtig an.
Feron war weiterhin als Bote für den Handwerksmeister tätig. Wie sich herausstellte, war dieser sehr gefragt und hatte entsprechend viele Kunden. Feron überbrachte Nachrichten in fast alle Stadtviertel und an viele verschiedene Leute. Einen Tag überbrachte er sogar einen Auftrag an einen Zwerg, der in einer Hütte am Stadtrand arbeitete. Es war interessant zu sehen, dass die eigentliche Werkstatt im Untergeschoss war, offenbar hatten Zwerge tatsächlich eine Neigung, unter Tage zu sein. Ein andermal wurde er zu einem Priester geschickt, der eine neue Büste samt Schrein für seine Kathedrale benötigte. Auch wenn Feron nur Laufbursche war und nichts zu sagen hatte, es wurde nie langweilig. Schon bald hatte er einige Münzen zusammen und er überlegte, was er nun tun könnte, und wohin er reisen sollte. Er hörte sich in einigen Schenken, in denen Reisende einkehrten, um und erfuhr so, dass an der Küste Piraten ihr Unwesen trieben, und weit im Norden in den schneebedeckten Gipfeln Räuberbanden die Dörfer plagten. Der Reichsforst schien derzeit ruhig zu sein. Feron besuchte den Laden eines Vermessers, den er bei einem Botengang entdeckt hatte, und schätzte ab, wie lange er wohl brauchen würde. Bis zur Küste war es eine Woche, aber in die Richtung wollte er nicht. Er hatte ohnehin kein Schiff, da wäre es schwer Piraten zu finden. Die Gegend, in der die Räuberbanden waren, war noch weiter entfernt, und sein Geld würde nicht bis dort hin reichen. Zudem konnten die Banden schon zerschlagen sein, bevor er dort ankam. Daher entschied er, vorerst weiter zu sparen, bis sich eine bessere Gelegenheit bot.
Awelia lag im Bett und starrte in die Dunkelheit. Sie fragte sich, ob es wahr sein konnte, was sie gelesen hatte. Es würde alles erklären, doch warum konnte sie sich an nichts erinnern. Dieser Funke in mir, ist es diese angeborene Verbindung zur Magie? wunderte sie sich. Alle anderen Bücher sprechen von Magiern, etwa weil der Magus selbst ein Magier ist? Warum ist da nur ein Buch, was Zauberer behandelt, hat er Angst, dass ich es herausfinde? Sie wusste, früher oder später musste sie den Magus zur Rede stellen. Aufgewühlt drehte sie sich zur Seite und schloss die Augen. Langsam glitt sie in den Schlaf hinab.
Awelia schwebte im Nichts, von einer sanften, unsichtbaren Strömung getragen. Sie hatte keinen Körper und konnte sich nur von der Strömung treiben lassen. Vor ihr tauchte plötzlich ein Funke auf, klein aber dennoch kraftvoll. Sie erkannte ihn wieder als das, was in ihr schlummerte. Es war, als wäre sie nur eine Zuschauerin, die einem Bühnenstück beiwohnte. Während sie am Funken vorbeizog, bildete sich vor ihr ein Nebel. Sie tauchte darin ein und die Farben verblassten ins schwarz-weiß. Der Nebel veränderte und formte sich, und sie befand sich in einem grob umrissenen Raum, der abseits vom Zentrum an Substanz verlor. Eine Frau mit einem Umhang und langen Haaren stand da, vor einer großen, schimmernden Kugel. Weitere Gestalten, bloße Schemen ohne richtige Form, standen hinter ihr. Sie begann sich umzudrehen und eine undurchdringliche Schwärze zerfetzte den Nebel wie eine wilde Bestie. Awelia schrak erschrocken auf und fand sich im Zimmer des Anwesens wieder. Sie war schweißgebadet und ein kalter Schauer lief ihr den Rücken herab.