Kapitel 6 - Burg Bruchstein
Awelia saß in der Bibliothek, „Arten von Magienutzern“ auf dem Schoß ruhend. Sie rührte sich nicht und wartete darauf, dass der Magus wie gewohnt kam um sie nach ihrem Fortschritt zu fragen. Es dauerte nicht lange, bis Salaco den Raum betrat. Rasch setzte er sich ihr gegenüber. „Und, welche Fortschritte habt Ihr gemacht?“ fragte er freudig. Dann fiel sein Blick auf das Buch in ihrem Schoß und seine Mine gefror. „Ihr habt mich angelogen.“ sagte Awelia tonlos. „Ich wüsste gern den Grund dafür.“ „Naja, ich … ich …“ stotterte der Magus, während er immer noch das Buch anstarrte. „Ich bin eine Zauberin.“ stellte Awelia fest. „Dachtet Ihr, ich würde Euch etwas wegnehmen? Wolltet Ihr mich studieren?“ fragte sie und bei der letzten Frage zuckte Salaco leicht zusammen. Awelia schüttelte den Kopf. „Was denkt Ihr, dass ich irgendein Versuchsobjekt bin? Wolltet Ihr eine Abhandlung über mich schreiben? Die Zauberin, die nach Amnesie Ihre Fähigkeiten neu entdeckt? Bei all diesen Büchern hier trägt doch keines Euren Namen.“ sagte sie verärgert und leicht spöttisch. Der Magus lief zuerst weiß, dann rot an. „Ich bin ein ehrenhafter Magus der Gilde des Silberstabs, ich habe Euch gerettet, Euch Unterschlupf gegeben. Ich gab Euch Wissen. Und wenn dabei für mich eine Veröffentlichung herausspringt … das seid Ihr mir schuldig.“ antwortete Salaco mit bebender Stimme. Awelia spürte förmlich die Wut, die der Magus auf sie hatte, die Eifersucht um ihre Fähigkeiten. Sie stellte sich vor, wie er nach jedem Gespräch in seine Gemächer rannte und alles niederschrieb. Offenbar hatte er erwartet, dass sie ihm zu Füßen lag. „Ich schulde Euch überhaupt nichts.“ sagte sie kalt. Es überraschte sie selbst, wie abweisend sie plötzlich war, doch sie würde sich nicht dafür entschuldigen. „Ich schulde mein Leben zu aller erst Feron, danach Dara und Hennal, der für seine Bemühungen den Tod fand. Ich kam mit drängenden Fragen hier her, doch statt sie zu beantworten habt Ihr mich im Unwissen gelassen. Ihr habt mich sogar belogen.“ führte sie zunehmend finsterer aus. Der Magus öffnete und schloss den Mund mehrmals. Schließlich rang er sich zu einer Erwiderung durch. „Es tut mir leid.“ sagte er mit trauriger Stimme, während er in sich zusammen sank. Awelia erhob sich und legte das Buch auf den Tisch. „Lernt aus Euren Fehlern.“ sagte sie und ließ Salaco gebrochen zurück. Sie holte ihren Umhang und verließ das Anwesen. Während sie auf die Stadt vor sich blickte, rasten ihre Gedanken. Zuerst würde sie Feron finden, wohin es danach ging wusste sie zwar nicht, aber es konnte nur besser werden.
Feron war früh auf den Beinen. Der Handwerksmeister hatte ihn zu einem neuen Kunden geschickt, der tagsüber einen Marktstand betreute. Nicht nur war es der größte Markt von Elemas, sondern es hatte auch angefangen zu regnen, wodurch die Leute noch mehr hetzten als sonst. Da Feron weder wusste, was der Mann verkaufte, noch wie er aussah, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich durch den ganzen Markt zu fragen. Es dauerte ewig. Feron verlor durch den wolkenbedeckten Himmel das Zeitgefühl, und es mochte kurz nach Mittag sein, als er endlich fündig wurde. Er übergab die Nachricht, und plötzlich spürte er einen leichten Ruck an der Hüfte. Erschrocken blickte er nach unten und stellte fest, dass sein Geldbeutel verschwunden war. Aus dem Augenwinkel sah er jemanden wegrennen. Laut fluchend nahm er die Verfolgung auf, rannte zwischen den Marktbesuchern hindurch dem Dieb hinterher. Dieser hastete im Zickzack durch den Markt, offenbar kannte er das Gelände gut. Feron schlitterte ein paar mal über die Steine und rempelte immer wieder Leute an, während der Abstand immer größer wurde. Er gab sich einen Ruck, sprang auf den Tisch eines Obsthändlers und über den Kopf des wütend protestierenden Mannes hinweg. Damit hatte ein paar Sekunden gutgemacht und sah, wie der Dieb vom Markt in eine Seitengasse lief. Feron blinzelte die Regentropfen weg und hastete hinterher, hinein in das Gewirr von Gässchen und Schleichwegen. Doch der Dieb kannte die Stadt, und Feron schaffte es nicht, ihn einzuholen. Er hastete um eine Ecke, die anschließende Treppe nach oben, und wäre fast in die vor ihm aufragende Gestalt gelaufen. Zunächst dachte er, es wäre der Dieb, doch die Person war etwas größer. Mit dem dunklen Mantel und mitten im Weg stehend sah sie recht bedrohlich aus, und Ferons Hand glitt zum Schwert. Die Gestalt warf ihm etwas zu, dass er perplex auffing. Es war sein Geldbeutel. Verblüfft blickte er auf. „Ich … Danke.“ sagte er verwirrt. Offenbar gab es doch noch nette Menschen. „Keine Ursache.“ sagte eine vertraute Frauenstimme. „Awelia?“ fragte Feron verblüfft. Awelia nahm die Kapuze ihres Umhangs ab. „Ich hab dich jemandem hinterher rennen sehen, und als der hier hoch kam hab ich ihm den Beutel, den er in der Hand hatte, abgenommen.“ erklärte sie als sei es nichts besonderes. „Was machst du hier?“ „Ich habe dich gesucht, dass ich dich gefunden habe ist wohl eher Zufall. Und es wäre doch schade, wenn das Geld, dass dir der Magus gegeben hat, gestohlen wird.“ erklärte sie. Feron blickte stirnrunzelnd auf den Geldbeutel in seiner Hand. „Das habe ich mir selbst erarbeitet. Ich habe nie etwas von irgendeinem Magus erhalten.“ sagte er langsam. Awelia nickte knapp. „Hätte mich auch gewundert.“
Gemeinsam standen sie auf der Treppe und blickten über die Häuser unter ihnen. Der Regen ergoss sich immer noch in Strömen vom Himmel. „Was tun wir jetzt?“ fragte Awelia. „Keine Ahnung, ich bin derzeit Laufbursche für einen Handwerksmeister.“ antwortete Feron, und als er Awelia ansah, bemerkte er den fast schon vorfreudigen Gesichtsausdruck. „Aber ich hab den Eindruck, du hast schon eine Idee.“ „Ich hatte den Gedanken, den Roten Zirkel endgültig zur Strecke zu bringen.“ sagte sie mit einem schelmischen Grinsen. Feron zog die Brauen hoch. „So kenne ich dich ja gar nicht.“ stellte er trocken fest. „Oh, ich hab herausgefunden, dass ich eine Zauberin bin.“ sagte sie leichthin, „Leider weiß ich nicht, wo ich mit dem Suchen anfangen soll.“ „Um ehrlich zu sein, überrascht es mich nicht, dass du eine Zauberin bist. Und zu deiner Suche, da hätte ich eine Idee.“ antwortete Feron und bedeutete ihr, ihm zu folgen.
Nach einiger Zeit erreichten sie den Laden des Kartographen, bei dem Feron vor ein paar Tagen geschäftlich gewesen war. An der Wand hing eine Karte des Großkönigreichs, in der Mitte war Elemas, darüber der Reichsforst. Awelia starrte die Karte verständnislos an. „Was soll uns das bringen?“ fragte sie verwirrt. „Erinnerst du dich an die Höhle? Da war doch auch eine Karte auf dem Tisch.“ sagte Feron und sie nickte langsam. „Ich hab auch etwas gebraucht, aber es ist praktisch die gleiche Karte, die dort gelegen hatte.“ Feron erklärte, wie er während des Kampfes einen kurzen Blick auf die Karte hatte werfen können. „Da oben, an diesem Berg da, da haben sie einen Kreis eingezeichnet gehabt.“ erklärte er und drehte sich zum Kartographen um, der gelangweilt hinter der Theke hockte. „Wissen Sie, was am Berg ist?“ Der Mann raffte sich auf und blickte auf eine der anderen Karten, die überall herumlagen. „Die alte Burg Bruchstein. Aber die wurde aufgegeben.“ sagte er laut.
Als sie den Laden verließen, hatte es aufgehört zu regnen. Sie würden sich mit Vorräten versorgen und dann aufbrechen. Feron musste sich zudem bei Herion abmelden. Dieser nahm die Nachricht, dass sein bester Bote ihn verlassen würde, mit einem traurigen Nicken entgegen, wünschte ihnen aber alles Gute. Dann hatten sie sich für mehrere Tage Vorräte gekauft, womit ein Teil von Ferons Erspartem schon wieder fort war. Kurz darauf schritten sie durch das Stadttor und ließen Elemas hinter sich zurück. Während die Reichshauptstadt hinter ihnen schrumpfte, und der Reichsforst am Horizont immer näher kam, berichtete Awelia, wie es ihr ergangen war und was sie gelernt hatte. Feron erzählte von den Lieferungen, die er getätigt hatte, wobei ihm Awelia gebannt zuhörte.
Am folgenden Tag hatten sie den Reichsforst erreicht und mussten nun nichts weiter tun, als dem Weg bis zum Ende des Waldes zu folgen. Ein mal mitten hindurch. Aber der Rote Zirkel würde sie nicht vergessen haben. Auch wenn sie in Elemas sicher gewesen waren, so waren sie im Reichsforst doch vom Roten Zirkel angegriffen worden. Awelia war zwar durch ihren Umhang geschützt, doch Feron hatte nicht die Fähigkeit, sich vor unerwünschten Blicken zu verbergen. Wenn er wiedererkannt werden würde, wäre klar, dass Awelia nicht weit sein konnte. „Du sagtest, du konntest die Sprüche, die du angewandt hattest, wiedererkennen?“ fragte Feron, worauf Awelia nickte. „Glaubst du, du könntest einen der anderen Sprüche … wirken? Damit wir ungesehen vorankommen?“ fragte er weiter und fühlte sich gleichzeitig blöd, so eine Frage zu stellen.
Awelia überlegte einige Zeit, während sie weitergingen. Welcher der vielen Sprüche, die sie gesehen hatte, würde überhaupt Sinn machen. Fast alle hatten gewisse Rahmenbedingungen, die erfüllt sein müssten. So könnten sie sich mit Hilfe eines Zauberspruches schnell über Wasser bewegen, doch die Bäche hier waren nicht ausreichend und verliefen auch nicht in die richtige Richtung. Schließlich hatte sie eine Idee. „Warte.“ sagte sie halblaut, während sie sich umsah und sicherstellte, dass gerade keine anderen Reisenden in der Nähe waren. Sie griff Ferons Hand, schloss die Augen und atmete tief ein.
Feron verharrte, als Awelia nach seiner Hand griff. Er blickte auf ihr konzentriertes Gesicht und fragte sich, was sie vorhatte. Nach einigen Augenblicken fühlte er sich plötzlich viel leichter, als ob er kein Gewicht mehr hatte. Es war ein komisches Gefühl, das er nicht wirklich einordnen konnte. Awelia ließ ihn los und öffnete die Augen. „Das war das erste mal, dass ich es selbst getan habe.“ sagte sie mit einem gewissen Stolz. „Wie meinst du das?“ fragte Feron irritiert. „Zuvor war es intuitiv. Als ob es seinen eigenen Willen hat.“ erklärte sie, und er nickte. „Und was hast du jetzt genau gemacht?“ „Geh nach oben.“ sagte sie leicht grinsend. Feron blickte sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Awelia rollte die Augen und machte es ihm vor. Sie setzte einen Fuß hoch, als steige sie auf eine unsichtbare Leiter. Dann folgte der zweite Fuß, und anstatt wieder zu Boden zu fallen, schwebte sie einen halben Schritt über dem Boden. Fassungslos starrte Feron sie an, während sie vor ihm schwebte. Sie begann zu lachen. „Stell dich nicht so an, du wirst schon nicht wegfliegen.“ sagte sie mit breitem Grinsen. Er gab sich einen Ruck und folgte ihr nach oben.
Nach wenigen Schritten waren sie über den Baumgipfeln. Es war seltsam, über dem Meer der Bäume zu schweben. Um sie herum war bis zum Horizont nichts als Wald, während über ihnen die Wolken entlangzogen. Sie folgten dem Weg, der gute zehn Schritt unter ihnen lag. „Das ist wirklich beeindruckend.“ sagte Feron nach einer Weile. Awelia blickte ihn mit freudestrahlenden Augen an. „Ich weiß. Es fühlt sich richtig an. Das hier zu tun … mit dir.“ sagte sie gedankenversunken. Feron zog grinsend eine Braue hoch. „Mit mir?“ fragte er spöttisch. Awelia wurde rot. „Nein … ich meine … das gemeinsam … ach jetzt hast du den Moment kaputt gemacht.“ stammelte sie und warf die Hände hoch. Feron lachte leise und gab ihr einen freundschaftlichen Stoß. „Gemeinsam erledigen wir diese Banditen.“ sagte er mit einem Blick nach vorn.
Die Sonne senkte sich langsam dem Horizont entgegen, und sie begannen nach einem Schlafplatz Ausschau zu halten. Sie fanden eine kleine Lichtung um einen großen Felsen, den sie als Nachtlager auserkoren. Nachdem Awelia erklärt hatte, man müsse sich nur vorstellen, eine Leiter oder Treppe hinab zu steigen, liefen sie hinab zum Felsen. Sobald sie beide unten angekommen waren, ließ das mittlerweile vertraute Gefühl der Leichtigkeit nach. Awelia atmete schwer. „Alles in Ordnung?“ fragte Feron besorgt. Sie winkte ab. „Alles gut, es ist nur anstrengend es so lange aufrecht zu halten. Ich muss mich erst wieder daran gewöhnen. Ich hoffe zumindest dass ich früher nichts anderes gemacht habe.“ erklärte sie, während sie sich setzte und durchatmete. Zwar fühlte sie sich erschöpft, aber irgendwie auch glücklich. Sie hatte einfach so einen Zauber gewirkt, der laut Salacos Büchern jahrelange Übung erforderte.
Am nächsten Morgen füllten sie an einem Bach, den sie im Wald in der Nähe des Felsens gesehen hatten, ihre Trinkschläuche auf, und setzten dann ihre Reise über den Wipfeln fort. Gegen Mittag passierten sie einen Burgturm, der über die Bäume hinausragte, doch glücklicherweise war gerade keine Wache auf den Zinnen. Am Nachmittag dann machten sie eine Entdeckung. „Da ist etwas.“ sagte Feron plötzlich und zeigte nach vorn. Awelia kniff die Augen zusammen und starrte angestrengt in die Richtung, in die er zeigte. Jetzt sah sie es auch, eine Bewegung über den Bäumen. Das Etwas kam schnell näher. Während die Kontur deutlicher wurde, hatte Feron eine ungute Befürchtung. „Eine Riesenfledermaus.“ sagte er halblaut. Awelia nickte. „Wir sollten schnell wieder unter die Bäume gehen.“ sagte sie und begann unter das Blätterdach zu sinken. Während sie gemeinsam unter den Baumkronen hingen, lauschten sie nach oben. Nach nicht mal einer Minute hörten sie ledrige Schwingen schlagen, ein Geräusch dass genauso schnell verschwand wie es gekommen war. Feron blickte hinüber zum Weg, der nicht weit entfernt verlief. Ein paar Händler mit einem Ochsenkarren waren zu sehen, doch niemand blickte nach oben zu ihnen. „Sie suchen uns im Wald. Was machen wir jetzt?“ fragte er flüsternd. „Wir müssen trotzdem weiter, aber ich denke, oben kommen wir schneller und ungesehener voran als unten. Wir müssen nur wegen der Fledermäuse aufpassen.“ erklärte sie und stieg langsam nach oben.
Awelia steckte den Kopf aus dem Blätterdach und sah sich um. Die Fledermaus, die über ihnen lang geflogen war, verschwand am Horizont in Richtung Elemas. Sie erblickte auch eine weitere Fledermaus, die offenbar einem anderen Weg weiter östlich folgte. „Alles gut.“ rief sie nach unten und Feron kam nach oben. Sie setzten ihren Weg fort, bis sie gegen Abend in die Nähe eines Dorfes kamen. Nach kurzer Debatte, ob sie hier nächtigen oder einen anderen Schlafplatz suchen sollten, stiegen sie im Wald herab, Awelia löste den Zauber auf und sie betraten das Dorf wie gewöhnliche Leute. Dieses mal war Awelia kaum erschöpft, offenbar ging die Gewöhnung an die Magie schneller als erwartet. Als sie sichergestellt hatten, dass hier kein Mitglied des Roten Zirkels war, erkundigte sich Feron, wie weit es bis zum nördlichen Waldrand war. Wie sich herausstellte, hatten sie in zwei Tagen schon die Hälfte des Weges geschafft. Wenn sie über den Bäumen blieben, dann wären sie in zwei weiteren Tagen am Waldrand und schon fast bei Burg Bruchstein. Als das erledigt war, mieteten sie ein Zimmer für die Nacht.
Den nächsten Tag verbrachten sie abermals über den Bäumen. Sie mussten drei mal abtauchen, um nicht von Fledermäusen entdeckt zu werden. Offenbar suchte der Rote Zirkel akribisch die Wege ab, um sie zu finden. Die letzte Fledermaus kam kurz vor Sonnenuntergang von irgendwo hinter ihnen. Awelia entdeckte sie nur zufällig, als sie einem Vogelschwarm zusah, der plötzlich auseinander stob. Sie mochte sich nicht ausmalen, wie viele Häscher auf den Wegen unter ihnen sein mussten. Am folgenden Tag sahen sie noch mehr Fledermäuse. Feron befürchtete, sie könnten noch einen Tag brauchen, da sie immer wieder untertauchen mussten. Je näher sie dem Waldrand und damit Burg Bruchstein kamen, desto mehr Fledermäuse sahen sie. Am Abend schließlich erreichten sie den Waldrand. Im Licht der untergehenden Sonne erblickten sie einen Berg, etliche Meilen voraus, auf dessen Flanke eine Burg gebaut war. Der Handelsweg führte weit abseits davon neben einem bewaldeten Hügel entlang und verschwand dahinter. Ein kleiner Pfad führte hinauf zur Burg, doch niemand schien ihn zu benutzen. Außerdem gab es plötzlich keine Riesenfledermäuse mehr zu sehen, vermutlich wollte der Rote Zirkel nicht auffallen. „Also, heute sollten wir nicht mehr weitergehen. Aber was machen wir morgen? Wie sollen wir da reinkommen?“ fragte Feron, während er die Landschaft studierte. „Der Weg führt da drüben lang, und da kommt dann ein Abzweig, der zur Burg führt.“ sagte Awelia, während sie auf den Weg zeigte. Feron schüttelte den Kopf. „Die sehen uns doch sofort. Aber da drüben ist eine Reihe kleiner Wäldchen und Baumgruppen. Vielleicht kein direkter Weg, doch wir kommen da ziemlich ungesehen an den Berg ran.“ erklärte er. „Wenn wir dort sind, sehen wir wie das Gelände um die Burg aussieht. Dem Namen nach sollte es hoffentlich zerklüftet sein.“ Awelia dachte darüber nach und nickte dann.
Feron weckte sie zeitig. Die Sonne war noch hinter dem Horizont, färbte den Himmel jedoch bereits in warmes Licht. „Was ist denn los?“ fragte Awelia müde, während sie sich aufsetzte. Er bedeutete ihr still zu sein und zeigte auf den Waldrand. Vom Berg stieg eine schwarze Wolke auf. Nein, keine Wolke. Das ist ein Schwarm. dachte sie erschrocken, während sie regungslos zusah, wie dutzende Riesenfledermäuse zum Wald flogen und über sie hinweg rauschten. Als sie vorbei waren griffen Feron und Awelia hastig ihre Sachen und liefen zum Waldrand. Bis zur nächsten Baumgruppe war es eine gute Meile. Nachdem sie sich umgesehen hatten und weder Fledermäuse noch sonst jemanden entdecken konnten, liefen sie los. Sie hasteten zwischen kniehohen Büschen entlang, wobei sich Feron immer wieder umsah. Schließlich erreichten sie die Baumgruppe und blieben schnaufend stehen. „Das wird ein anstrengender Tag.“ keuchte Awelia und Feron nickte. Langsam gingen sie zum letzten Baum und hielten nach der nächsten Deckung Ausschau. Da war ein kleiner Wald, doch die Strecke war mehr als doppelt so lang. „Verflixt.“ flüsterte Awelia resignierend.
Am Nachmittag erreichten sie den Fuß des Berges. Awelia brach erschöpft zusammen. Inzwischen fand sie ihre Idee, den Roten Zirkel aufzuspüren, einfach nur noch bescheuert. Ein mal hatten sie sich in die Büsche geworfen, weil etwas in ihre Richtung geflogen war. Aber es war nur ein Falke gewesen, also hatten sie ihren Weg fortgesetzt. Feron setzte sich neben sie. „Jetzt können wir uns ausruhen.“ sagte er schwer atmend. „Darauf bestehe ich!“ schnaubte sie, am Boden liegend. „Ja, ist schon anstrengend, selber auf dem Boden zu laufen.“ spottete Feron grinsend. „Haha.“ antwortete Awelia humorlos. „Wir hätten in jedem Fall rennen müssen.“
Während die Sonne unterging beobachteten sie die Burg. Sie lag auf halber Höhe und war direkt in den Hang geschlagen. Der einzige Pfad war gut von der Burg aus einzusehen. Wie Feron vermutete hatte, sah das Gestein tatsächlich brüchig aus, die Burg aber war aus anderen Steinen gebaut worden. Auf den Zinnen liefen ein paar Wachen auf und ab, und als es dunkel wurde kehrten die Riesenfledermäuse zurück und verschwanden im Inneren der Burg. „Das Ding ist wie eine Festung. Wie kommen wir da rein?“ fragte Feron. „Nun, wir können nicht den Pfad nehmen. Aber ich glaube ich habe eine Idee.“ antwortete Awelia und Feron blickte sie gespannt an. „Siehst du den Hang dort drüben, der so aussieht als ob er schon mal abgerutscht ist? Dort können wir ungesehen hoch und dann können wir von oben an die Burg heran, ohne dass sie uns kommen sehen.“ erklärte sie und zeigte den Weg, den sie sich vorstellte. „Guter Plan, aber wie sollen wir im Dunkeln da hoch kommen ohne uns alle Knochen zu brechen?“ fragte Feron nachdenklich. Awelia schenkte ihm einen mitleidigen Blick. „Oh, richtig.“
Als nur noch die Sterne am Himmel standen waren sie aufgebrochen. Sie liefen den Weg, den Awelia vorgeschlagen hatte, nach oben, mit etwas Abstand zu den lockeren Felsen. „Die Alternative wäre natürlich gewesen, in den Himmel zu laufen und dann wieder auf die Burg hinab. Aber wenn die Riesenfledermäuse im Freien sind, dann hätten sie uns sicher gesehen.“ sagte Awelia leichthin, während sie dem Gipfel nahe kamen. „Du bist richtig kreativ mit dem Zeug.“ meinte Feron anerkennend. „Auch wenn es immer der selbe Zauber ist.“ Er meinte, ein Augenrollen zu bemerken, war sich aber nicht sicher.
Endlich standen sie am Gipfel und konnten über die Landschaft blicken. Hinter ihnen lag der Reichsforst dunkel in der Nacht, ohne einen Funken Licht. Und hinter dem Gipfel lag ein weites Land mit vereinzelten, schwach beleuchteten Dörfern, während sich die finsteren Silhouetten weiterer Berge am Horizont abzeichneten. Unter ihnen lag Burg Bruchstein, erkennbar an den Wachen, die mit Fackeln ihre Rundgänge machten. „Bist du bereit?“ fragte Feron mit einem Blick auf Awelia. „Heute Nacht werden wir den Roten Zirkel endgültig zerschlagen.“ antwortete sie entschlossen und lief los, hinab zur Burg.
Unentdeckt schlichen sie bis zur Burg heran. Es war seltsam, von oben die Wachen zu beobachten, die bei ihren Patrouillen nach unten blickten. Hinter einigen der geschlossenen Fenster brannte Licht. „Dort drüben ist eine offene Tür, wenn die Wache das nächste mal durch ist können wir hinein.“ flüsterte Feron und zeigte auf einen Turm. Sie warteten einen Moment, dann huschten sie geduckt von oben auf die Zinne und in den Turm hinein. Der Raum war leer und eine baufällige Wendeltreppe führte nach unten. Awelia löste den Zauber auf und sie huschten nach unten. Nach einigen Stufen zweigte ein Gang mit einer geschlossenen Tür ab. „Wir sollten nach unten. Bislang hatte sich der Zirkel immer ins hinterste Loch verkrochen. Die tiefe Höhle im Nebeltal, der letzte Raum in Sonnenberg. Auch hier wird es irgendeinen Keller geben.“ flüsterte Awelia. Feron schüttelte den Kopf. „Ich will wissen, was hier drin ist.“ sagte er bestimmt und öffnete die Tür. Sie erblickten einen Korridor mit weiteren Türen, das Schlagen vieler lederner Schwingen war deutlich zu hören. Feron schloss die Tür wieder. „Suchen wir den Keller.“ sagte er schaudernd.
Schweigend stiegen sie weiter hinab, vorbei an weiteren Türen, bis sie schließlich das Ende der Treppe erreichten. Feron packte das Schwert fester und schob vorsichtig die Tür auf. Dahinter kam ein großer Raum zum Vorschein, an dessen langen Seiten eiserne Gitterstäbe waren. Es waren Zellen mit Gefangenen, wie er erkannte. Ausgemergelte Gestalten hockten auf dem strohbedeckten Boden, die Köpfe gesenkt. In der Mitte des Raumes saßen zwei Wachen des roten Zirkels an einem Tisch und spielten Karten. Langsam näherte sich Feron den Beiden, und er hatte sie fast erreicht als der Erste überrascht aufsah. Während der Mann aufsprang und dabei den Stuhl umwarf, zog Feron sein Schwert und tötete ihn in der selben Bewegung. Die andere Wache ließ die Karten fallen und riss die Hände hoch. „Nicht!“ rief er halblaut mit zitternder Stimme, während Feron näher kam. „Wir sind nicht wegen Euch hier, sondern wegen Eures Herren, wo ist er?“ fragte Awelia, die mittlerweile den Raum betreten hatte. Sie betrachtete traurig die armen Menschen in den Käfigen. „Ihr meint den Großmeister Berelas? Er ist in den Katakomben. Die Tür hinter mir und die Treppe am Ende des Ganges hinab. Bitte, tötet mich nicht!“ bettelte die Wache angsterfüllt. Feron steckte das Schwert weg und nahm den Zellenschlüssel vom Tisch. „Wenn Ihr mich anlügt werdet Ihr wünschen ich hätte es getan.“ drohte er finster.
Kurze Zeit später hatten sie die Wache in eine der Zellen gesperrt und die Gefangenen aus den ihren gelassen. Es waren Bauern aus dem Umland, Händler und auch ein paar Soldaten des Großkönigs. Sie erzählten, dass einige Gefangene nach oben gebracht worden waren und einige zum Großmeister. Keiner war je zurückgekehrt. Die Gefangenen wollten einen Ausbruch wagen, und Awelia und Feron konnten ihnen nur viel Glück wünschen. Sie ließen die anderen zurück und stiegen tiefer in die Burg hinab. Das Mauerwerk verschwand und die Wände waren nunmehr aus nacktem Stein. Es wurde kalt und feucht, während die Treppe kein Ende zu nehmen schien. Doch irgendwann war auch das geschafft und sie standen in einer Kammer mit einigen gefüllten Bücherregalen und einem Kronleuchter, wie in der anderen Höhle des Roten Zirkels. Auf der anderen Seite war eine große Doppeltür. „Das gefällt mir nicht.“ flüsterte Feron, während Awelia zur Tür ging. „Willst du umkehren?“ fragte sie spöttisch. „Wir sind hier, um es zu Ende zu bringen.“ Feron hatte ein mulmiges Gefühl im Magen. Warum sind hier keine Wachen? Das ist zu einfach, das muss eine Falle sein. dachte er finster.
Awelia öffnete die Tür und trat in die große Kaverne, die dahinter lag. Die Decke war mit leuchtenden Kristallen gespickt, an den Wänden waren die gleichen arkanen Symbole wie in der Höhle im Nebeltal. In der Mitte war ein großes Loch, dessen Rand blutverkrustet war. Und dahinter stand ein Mann mit einer roten Robe, die mit einer Vielzahl von goldenen Symbolen verziert war. Auf dem Kopf trug er ein Diadem. „Großmeister.“ sagte Awelia laut und der Mann horchte auf. „Heute endet es!“ versetzte sie zornig und trat einen Schritt auf ihn zu. Der Großmeister schüttelte sich und drehte sich lachend zu ihr um. „Ja, für Euch!“ rief er und ein Blitz sprang vom Diadem zu Awelia, die völlig überrascht wurde. Sie fühlte sich in die Luft gehoben und schwebte plötzlich in einer violett schillernden Blase. „Lasst mich runter, Mistkerl!“ rief sie, während sie versuchte, sich zu bewegen. „Legt Ihr die Kette an, rasch!“ rief der Großmeister, und mehrere Schergen kamen hinter Säulen und aus Schatten hervor. „Ihr werdet dafür büßen!“ brüllte Awelia mit einer Mischung aus Wut, Trotz und Panik. Wo bleibt Feron? fragte sie sich verzweifelt.
Feron war vor der Tür stehen geblieben, als Awelia die Kaverne betreten hatte. Er war sich sicher, dass es eine Falle war, doch was für eine und wann würde sie zuschnappen? Während er haderte sah er, wie Awelia in die Luft gehoben und von einer seltsamen Blase eingeschlossen wurde. Sein erster Impuls war, in die Kaverne zu laufen, doch er zögerte. Hinter ihm rumpelte es und als er sich umdrehte, war eines der Regale umgestoßen worden. Aus einem Hohlraum in der Wand krochen mehrere Wachen. Das war es also. Sie sollten den Fluchtweg abschneiden und mir in den Rücken fallen. dachte Feron grimmig. Doch sie wussten, dass wir durch das Gefängnis kommen. Warum konnten wir die Gefangenen befreien? Das ergibt keinen Sinn. Feron ging auf die Wachen los. Der Erste, der aus dem Loch kam, wurde aufgeschlitzt. Der Zweite parierte mehrere Hiebe und dann waren weitere Feinde heran und versuchten, ihn einzukreisen. Feron wusste, seine Chancen standen schlecht. Er hatte kaum Platz, und wenn sie ihn erst einmal einkreisten, wäre er erledigt. Rasch ging er in die Defensive und wehrte mehrere halbherzige Hiebe ab, während noch weitere Wachen in Stellung gingen.
Awelia wollte fragen, wieso der Großmeister tat, was er tat. Doch er begann von sich aus zu reden, noch während seine Männer auf sie zukamen. „Als Khemno keine Nachricht schickte, ging ich hin um nachzusehen. Mir war klar, dass Ihr nicht beim Brand gestorben seid, und ich wusste sofort, dass Ihr die Teleportsteine genutzt habt. Und ich weiß wo sie hinführen, daher war es ein leichtes, euch im Forst zu finden. Dass Ihr Elemas erreicht war nicht vorgesehen, und ich weiß nicht, was Euch dieser Idiot Salaco erzählt hat. Aber ich wusste, dass Ihr nach mir suchen würdet. Meine Augen haben Euch gesehen im Wald und ich wusste, Ihr würdet zu mir kommen. Also ließ ich Euch kommen, so wie ich es vorhergesehen habe!“ erzählte er selbstsicher mit breitem Grinsen. Awelia überlegte fieberhaft, wie sie entkommen könnte. Berelas große Klappe war wenig hilfreich. Sie verstand, dass die Blase ihre Kräfte einschränkte, doch wusste sie nicht, was sie dagegen tun konnte. Ihr Blick fiel auf den Schergen mit der Kette. Es war kein gewöhnliches Eisen, vielmehr ein blassgraues Metall mit roten Sprenkeln. Der Funke tief in ihr zog sich krampfartig zusammen und Furcht erfasste Awelia. Sie wusste, was das war, sie hatte es in den Büchern gelesen. Staubstein, ein seltenes Metall, dass die Magie aus der Umgebung absorbierte. Wenn sie ihr diese Kette anlegten, dann wäre sie vollkommen hilflos. Berelas bemerkte ihren Blick. „Ganz genau. Ihr gehört mir, und bald gehört Eure Macht mir. Ich bin einer der mächtigsten Magier des Kontinents, und bald der ganzen Welt.“ rief der Großmeister verzückt und brach in schallendes Gelächter aus. Awelia wurde schlagartig klar, dass er vollkommen verrückt war.
Feron stand mit dem Rücken zur Wand in Abwehrhaltung. Mittlerweile war er davon überzeugt, dass die Sache mit den Gefangenen ein Köder war, der Nachlässigkeit des Roten Zirkels vorgaukeln sollte. Sie waren zu blauäugig an die Sache rangegangen, aber das half ihm jetzt auch nicht weiter. Er hatte drei Angreifer zu Boden geschickt und dabei einige leichte Treffer kassiert. Mit Wechseln zwischen verschiedenen Verteidigungshaltungen und blitzschnellen Ausfällen versuchte er, seine Gegner in Schach zu halten, doch es waren zu viele. Ferons Gedanken glitten zu Awelia, doch sie war ebenso wie er auf sich allein gestellt, und er hoffte, sie schlug sich besser als er selbst. Er wich mit Mühe einem Stoß und gleichzeitig einem Hieb aus. Mit einer Parade brachte er einen der Schurken ins Straucheln und durchstieß mit einem raschen Konter seinen Nebenmann. Ein weiterer Hieb hätte ihm beinahe den Kopf gekostet. Aus den Augenwinkeln sah er Bewegung auf der Treppe, und im ersten Moment fürchtete er schon Verstärkung des Roten Zirkels, doch es waren ein paar der Gefangenen, die die Treppe heruntergehastet kamen. Mehrere vom Roten Zirkel drehten sich überrascht um, und ein Gefangener, der eigentlich Soldat war, ging zum Sturmangriff über.
Die Furcht drohte Awelia zu lähmen, ihre Gedanken hingen wie festgefroren an der Kette. Doch dann sagte eine feste Stimme in ihrem Kopf Nein. Ihre Kräfte waren eingeschränkt, doch noch verfügte sie über sie. Rasch ging sie ihre Möglichkeiten durch. Kein Zauber konnte durch die Blase dringen und wenn der Kerl mit der Kette heran war, wäre es zu spät. Ihr kam der Gedanke einer Rauchwolke, aber bei so wenig Platz würde sie ersticken. Doch profanes konnte heraus, also brauchte sie nur einen Spruch, der eine profane Wirkung erzeugte. Es gab einen Zauber, mit dem man Steine auf seine Feinde schleudern konnte. Awelia atmete tief ein und blickte auf den Kerl mit der Kette. Sie hielt ihre Hand als ob sie einen Stein in der Hand halten würde und der Funke in ihr loderte auf. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie kalten Stein in ihrer Hand fühlte, und mit einer leichten Geste schoss der Stein in Richtung des verdutzten Mannes. Magie hatte den Stein geschaffen und vorwärts geschleudert, doch es war gewöhnlicher Stein. Er passierte die Blase als wäre sie nicht da und traf den Kerl in die Magengrube. Noch während der Kettenträger zusammensackte, manifestierte sich ein weiterer Stein in Awelias anderer Hand.
Der Angriff der Gefangenen verursachte totales Chaos unter den Wachen des Roten Zirkels. Das verschaffte Feron den nötigen Freiraum, um das Blatt zu wenden. Nach nicht einmal einer halben Minute war es vorbei und die Wachen waren tot. „Was ist oben los.“ fragte Feron schwer atmend und mit Blut überströmt, das nicht seines war. „Die haben uns erwartet! Es war eine Übermacht. Alle, die sich nicht sofort ergeben haben sind jetzt hier.“ erklärte der Soldat, der schwer verletzt worden war. „Sie kommen die Treppe herunter!“ rief jemand. Feron blickte zur großen Tür, die irgendjemand während des Kampfes geschlossen hatte. „Ihr müsst sie aufhalten, ich kümmere mich um den Großmeister.“ sagte er und griff sich den Schild, den eine der Wachen getragen hatte.
Awelia streckte mit einem gezielten Schuss den dritten Schurken nieder, da zog sich die Blase um sie herum plötzlich zusammen. Sie konnte sich nicht mehr bewegen, als sich die Hülle der Blase auf sie legte und sie in ihrer Position festhielt. „Netter Versuch.“ kommentierte Berelas grinsend. „Aber am Ende siege immer ich!“ Der Kerl mit der Kette stand wieder auf und kam langsam näher. Panik übermannte Awelia, während sie aus den Augenwinkeln sah, wie er Schritt für Schritt auf sie zukam. Überrascht drehte sich der Mann um, als Feron neben ihm auftauchte, und ihn mit dem Schild niederschlug. „Das Diadem! Das Diadem!“ kreischte Awelia, und Feron brauchte einen Moment bis er verstand, was sie meinte. „Haltet ihn auf!“ brüllte der Großmeister wütend und Feron begann auf ihn zu zu rennen. Zwei Wachen stellten sich ihm in den Weg, doch er blockte ihre Hiebe und tötete sie mit raschen Kontern. Offenbar musste der Großmeister das Diadem auf Awelia gerichtet lassen um sie gefangen zu halten. Feron hieb nach ihm, und Berelas wich im letzten Moment aus. Der Fokus des Diadems verschwand und Awelia stürzte hart zu Boden. Berelas brüllte. „Alles muss man selber machen!“ schrie er und begann zu murmeln. Vor ihm entstand eine kleine, tiefschwarze Kugel. Feron hob schützend den Schild, keinen Moment zu früh. Ein Strahl schoss hervor, der alles Licht der Umgebung auszulöschen schien. Er traf den Schild und es gab einen lauten Knall. Der Schild wurde ausgelöscht und Feron durch die ungeheure Kraft zurückgeschleudert.
Awelia sah, wie der Strahl aus Todesmagie Feron traf und ihn durch den Raum schleuderte. Tief in ihr drin wusste sie, dass er am Leben war, doch der Anblick erfüllte sie mit tiefer Wut. Ein kleiner leuchtender Funke bildete sich in ihrer Hand, wie damals beim Troll. Der Großmeister drehte sich grinsend zu ihr um und sie schickte den Sonnenblitz auf den Weg. Im letztem Moment riss Berelas die Hände hoch und ein schimmernder Schild, ähnlich der Blase, in der er sie gefangen hatte, erschien. Das Feld schütze ihn vor dem Treffer und er begann laut zu lachen. „Ihr könnt mir gar nichts. Gebt einfach auf, das geht schneller.“ Awelia dachte nicht im Traum daran. Sie formte einen Steinbrocken und schleuderte ihn auf den Großmeister. Die Entfernung war zu groß, so dass ihr Gegner spielend ausweichen konnte. Berelas schoss einen weiteren Strahl seiner Todesmagie ab, und während der erste noch so ungezielt war, dass er nicht einmal in ihre Nähe kam, wich sie dem zweiten nur noch knapp aus. Die ganze Zeit hielt er sein Schutzfeld aufrecht. Awelia schoss einen weiteren Stein auf ihn ab, doch sie war zu langsam. Dem dritten Strahl konnte sie nicht mehr ausweichen. Der Funke in ihr flackerte auf, ein violetter Blitz löschte den Strahl aus, kurz bevor er sie traf. Sie wusste, sie könnten noch ewig so weitermachen, sie würde den Großmeister nicht treffen. Und wenn sie näher heranging, blieb weniger Zeit um seine Angriffe abzuwehren. Plötzlich hatte sie eine Idee, wie sie all die Vorteile des Großmeisters ausgleichen konnte.
Feron rappelte sich auf. Sein Arm fühlte sich an, als wäre er zertrümmert worden. Doch er war am Leben. Als er sich umsah sah er wie sich Awelia und der Großmeister magisch duellierten. Die umstehenden Mitglieder des Roten Zirkels beobachteten das Geschehen gebannt, doch wagten sie nicht, einzugreifen. Selbst um ihn kümmerte sich niemand, obwohl zwei Wachen nur wenige Schritte neben ihm standen. Während er seinen schmerzenden Arm hielt blieb ihm nichts weiter übrig, als ebenso das Geschehen zu betrachten.
Awelia bereitete sich mental auf den nächsten Angriff vor. Der Großmeister würde einen weiteren Strahl auf sie abschießen, den sie abwehren musste, und dann war sie am Zug. Der Funke tief in ihr reagierte instinktiv und wehrte den Todesstrahl ab. Sofort schleuderte Awelia einen Felsen in Richtung des Großmeisters, dem dieser wieder ausweichen würde. Doch sofort danach ließ sie in ihrer anderen Hand einen Leuchtfunken aufflammen. Der Sonnenblitz schoss dem Brocken hinterer und das Letzte, das sie für einige Momente sah, war der überraschte Gesichtsausdruck Berelas als Nachbild im gleißenden Licht. Der Blitz traf den Stein und sprengte ihn in einer grellen Explosion auseinander. Dutzende scharfe Splitter trafen den Großmeister, und er stützte schwer verletzt zu Boden. Die übrigen Mitglieder des Roten Zirkels starrten erschrocken auf die gebrochene Gestalt ihres Herrn. Awelia ging zu Berelas, der stark blutend auf dem Boden lag. „Was wollt Ihr von mir? Wie habe ich mein Gedächtnis verloren?“ fragte sie laut. Der Großmeister spuckte Blut. „Ich will … Eure Macht … um unsterblich zu werden.“ röchelte er leise, während Blut aus seinem Mund lief. „Ihr habt Euer Gedächtnis selbst genommen … und ich … habe die Gelegenheit ergriffen. Es ist … wegen … dem Schatten …“ führte er aus, während seine Stimme immer langsamer und leiser wurde. An den Schatten, von dem er zu sprechen begonnen hatte, erinnerte sie sich aus ihrem Traum. Sie wartete, dass er weitersprechen würde, doch Großmeister Berelas war tot. Der Rote Zirkel war besiegt. Um sich herum hörte sie wie Waffen zu Boden fielen, als den Mitgliedern des Zirkels bewusst wurde, was geschehen war. Sie blickten entsetzt und ängstlich von ihrem erschlagenen Meister zu der Zauberin, die ihn gerichtet hatte. Awelia blickte zu Feron, der ihr zunickte. Dann wandte sie sich an die Mitglieder des Roten Zirkels, „Großmeister Berelas ist besiegt, der Rote Zirkel ist nicht mehr. Stellt das Kämpfen ein und verlasst diesen Ort. Es liegt nicht in meiner Verantwortung, über Euch zu urteilen, doch seid euch gewiss dass diejenigen, die die dunklen Künste unterstützt haben, zur Rechenschaft gezogen werden.“
Nach dem Tod des Großmeisters hatten die verbliebenen Mitglieder stillschweigend ihr Schicksal akzeptiert. Awelia sah nach Ferons Arm, doch die Schmerzen rührte allein von der Zerstörung des Schildes, der damit sein Leben gerettet hatte. Gemeinsam verließen sie Burg Bruchstein, während sich die ehemaligen Bewohner und Gefangenen in alle Winde verstreuten. „Was kommt als nächstes?“ fragte Feron erschöpft, während die Sonne langsam aufging. „Was meinst du? Der Zirkel ist erledigt, es ist vollbracht.“ antwortete Awelia irritiert. „Na hör mal! Dein Gedächtnis ist immer noch nicht wieder zurückgekehrt, und was ist mit dem Schatten, von dem der Großmeister gesprochen hat?“ „Du willst wirklich bei mir bleiben?“ „Irgendjemand muss ja auf dich aufpassen.“ lachte Feron und drückte den Rücken durch. Awelia lachte ebenfalls und stutzte dann. „Danke, dass du bei mir bleibst.“ flüsterte sie und küsste ihn auf die Wange.