Kapitel 7 – Der Große Feuersturm
Über einen Mond war es her, seit sie den Roten Zirkel besiegt hatten. Ferons Verletzungen waren verheilt, doch Awelia hatte immer noch keine weiteren Antworten. Zumal sie keine Ahnung hatte, wohin sie nun gehen sollten. Nach ihrer anfänglichen Euphorie über die Vernichtung des Roten Zirkels war sie verzweifelt gewesen. Aber Feron hatte sich neben sie gesetzt und mit ihr zusammen alles, was sie wusste, durchgesprochen. Schließlich hatte er sie gefragt, ob sie tatsächlich glaubte, ihre Notiz, nach Osten zu gehen, wäre auf Salaco bezogen. Awelia glaubte nicht daran. Salaco hatte sich selbst profilieren wollen, und ihr kaum Antworten auf ihre Fragen gegeben. Feron hatte auf einen Pass gezeigt, und erklärt, dass es dort nach Osten ging. Und so waren sie aufgebrochen, mit der Hoffnung, irgendwo Anhaltspunkte zu finden, und Antworten auf die Fragen, die sie hatte. Der Weg führte fort vom Großkönigreich Pyrion, hinaus in die weite Welt. Sie hatten darauf verzichtet, durch die Luft zu gehen, da es sehr auffällig gewesen wäre. Awelia fragte sich, was sie wohl erwartete. Feron hatte ihr von schneebedeckten Gebirgen, endlosen Meeren und heißen Wüsten erzählt. Von anderen Völkern, die dort draußen lebten, seltsame Kreaturen und finstere Schrecken. Doch auch von der Schönheit, die hinter vielen Dingen verborgen lag. Und so war Awelia frohen Mutes, als sie die äußerste Grenze von Pyrion erreichten.
Sie hatten die letzte Siedlung hinter sich gelassen und folgten dem Weg durch ein Tal, das von felsigen Hügeln abgegrenzt wurde. Voraus war ein Pass, an dem zwei gewaltige Statuen aus dem grauen Fels geschlagen worden waren. Awelia schätzte, dass sie über fünfzig Schritt hoch sein mussten, während sie in den Schatten einer der Statuen traten. Es waren gerüstete, streng blickende Krieger, das Schwert in Händen zu Boden gesenkt. Beide standen sich gegenüber, getrennt durch den Pfad, und ihre Blicke fielen auf all jene, die passierten. „Die Pforte von Orimáro.“ sagte Feron ehrfürchtig. „Die Wächter schützen das Land vor den Riesen, schon seit tausenden von Jahren. Kein Gegner Pyrions hat es je gewagt, diesen Weg zu beschreiten.“ erklärte er, während sie die Pforte durchschritten. Awelia sagte nichts, sondern starrte ehrfürchtig nach oben. Jeder musste von diesen Wachen beeindruckt sein.
Nachdem sie die Pforte passiert hatten, öffnete sich der Pass und vor ihnen breitete sich ein weites Land aus. Der Weg schlängelte sich zwischen sanften Hügeln und weiten Wiesen entlang und entschwand in der Ferne. Vereinzelt standen Baumgruppen in der Landschaft, und am dunstigen Horizont waren einige Berge zu erahnen. „Wo sind wir hier?“ fragte Awelia neugierig. Feron schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht, hier war ich noch nie.“ „Aber du bist doch schon so viel herumgereist.“ „Die Welt ist groß, größer als du dir vielleicht vorstellst. Das Großkönigreich nimmt nur einen kleinen Teil von Murea ein, und hinter dem Meer gibt es weitere Kontinente, die ich noch nicht einmal gesehen habe.“ erklärte Feron. „Was glaubst du, werden wir am Ende des Weges finden?“ fragte sie, während sie den Blick schweifen ließ. „Du meinst ganz am Ende? Nun hoffentlich die Antworten, die wir suchen. Zumindest werden wir nicht über das Ende der Welt hinausfallen.“ antwortete er trocken mit einem leichten Lächeln. Awelia lachte. Auch wenn es weithin bekannt war, dass die Welt eine Kugel war, so gab es doch noch Leute, die vehement behaupteten, sie sei eine Scheibe.
In dem unbekannten Land schien es nicht viele Bewohner zu geben. Genau genommen hatten sie bislang noch niemanden gesehen, was Awelia seltsam fand. Sie erinnerte sich, wie sie vor einigen Tagen an einem Tal entlanggekommen waren, um das sie einen großen Bogen gemacht hatten. Feron hatte ihr erzählt, dass vor einigen Jahren die ganze Bevölkerung des Tals getötet worden war und niemand wusste von wem oder gar warum. Jedoch schien dies hier anders zu sein, denn sie konnte nichts bedrohliches erkennen.
Alles um sie herum fruchtbares Land. Immer wieder gab es Tümpel und Aushöhlungen im Boden, in denen sich Wasser gesammelt hatte. Als sie Feron danach gefragt hatte, hatte er nur mit den Schultern gezuckt. Er kannte dieses Land genauso wenig wie sie. Zumindest war das Wasser trinkbar, also mussten sie sich zumindest darum keine Sorgen machen. Schließlich wurde es dunkel, doch sie fanden keinen geeigneten Schlafplatz, und so gingen sie die Nacht durch weiter. Über ihnen leuchteten die Sterne, der Mond war nur eine schmale Sichel und keine Wolke trübte den Blick. Das Licht reichte gerade aus, um den Weg zu erkennen. „Es ist wunderschön.“ hauchte Awelia, den Kopf in den Himmel gereckt. „Sag mal, kennst du dich mit Sternen aus?“ flüsterte sie, als ob sie jemanden stören könnte. „Geht so.“ brummte Feron und sah sich um. „Der Stern da, der am hellsten leuchtet, das ist der Wegstern, oder auch Kundschafter, er bringt Reisende und Wanderer sicher ans Ziel.“ sagte er, während er auf den Stern zeigte, „Es gibt viele Sternbilder, aber ich kenne nur wenige. Da drüben ist die Stadtwache, und da ist das Reh.“ Feron zeigte auf verschiedene Konstellationen, und Awelia versuchte, darin das zu erkennen, was er beschrieb. Mit viel Fantasie schaffte sie es. Dann erklärte Feron zu den Sternbildern, die er kannte, was diese symbolisierten. Das Reh etwa war den Sagen nach einst die sterbliche Geliebte des Jagdgottes Araras. Der Schmiedegott Fortos, Araras Bruder, war so eifersüchtig auf ihn, dass er die Frau in ein Reh verwandelte. Araras auf der Jagd verfolgte unwissend seine Geliebte und erkannte sie erst im letzten Moment. In seiner Trauer erhob sie daraufhin an den Nachthimmel, so dass kein Jäger sie fangen würde und sie für immer in seiner Nähe war. „Und was ist dieses breite Band, das quer über den Himmel geht?“ fragte Awelia schließlich und zeigte auf ein Meer aus winzigen, funkelnden Sternen. „Das ist die Himmelsstraße. Es heißt, dass man auf dieser Straße vom Rand der Welt in den Himmel gehen kann, zur Stadt der Götter.“ erklärte Feron leise.
Langsam brach der Tag herein. Die Sonne kletterte über den Horizont und tauchte das Land in blass-rotes Licht. Awelia streckte sich und gähnte. „Vielleicht finden wir tagsüber einen guten Schlafplatz.“ meinte Feron, und sie nickte zustimmend. Es dauerte noch einige Zeit, und die Sonne kroch schon hoch zum Zenit, als sie endlich fündig wurden. Auf einem Hügel abseits des Weges standen mehrere Bäume eng zusammen, und schützten so zumindest vor Blicken. Sie hatten bislang kaum Tiere gesehen, nur einige Eidechsen, die faul in der Sonne lagen. Auch nach einiger Suche von dem Hügel aus hatten sie weder Menschen noch Bauten irgendeiner Form entdecken können. Nachdem sie sich mit ihrem langsam schwindenden Proviant gestärkt hatten, legten sie sich zwischen den Bäumen schlafen.
Es war später Nachmittag, als Awelia erwachte. Feron rüttelte an ihren Schultern. „Genug geschlafen!“ rief er, und sie setzte sich auf. „Was ist los?“ fragte sie müde. Kommentarlos zeigte Feron hinter sie. Awelia drehte sich um und ihre Augen weiteten sich vor Schreck. Eine gewaltige schwarze Wolkenwand zog über das Land, direkt auf sie zu. Sie konnte die Schleier unter den Wolken sehen, wo es regnete. „Wenn du nichts dagegen machen kannst, dann sollten wir sofort aufbrechen!“ rief Feron. Rasch sprang sie auf und folgte ihm. „Aber wir kommen genau hinein!“ protestierte sie laut. „Wir kommen in jedem Fall in den Sturm, aber je eher wir losgehen, desto eher kommen wir am Ende des Weges an. Am Ende muss eine Stadt sein, sonst gäbe es keinen Weg!“ sagte Feron bestimmt, und gemeinsam liefen sie den Weg entlang, während die Wolkenfront immer näher kam.
Pechschwarze Wolken zogen vor die Sonne und tauchten das Land in Dunkelheit. Schlagartig setzte ein kühler Wind ein, und der Schatten breitete sich immer weiter aus, bis das Licht nur noch am Horizont zu sehen war. Kurz darauf begann es zu regnen. Vereinzelte Tropfen zuerst, doch bald goss es wie aus Eimern. Sie konnten keine fünf Schritte mehr weit sehen, und Awelia erschuf eine leuchtende Kugel über ihrem Kopf. So konnten sie sich immerhin nicht mehr verlieren. Der Boden unter ihnen sog das Wasser begierig auf und verwandelte sich binnen Minuten zu einem sumpfigen Schlamm. Abseits des Weges bildeten sich kleine Flüsse und Seen, da die Erde die Wassermengen nicht mehr aufnehmen konnte.
Awelia und Feron bemühten sich, voran zu kommen, doch sie versanken bei jedem Schritt bis zu den Knöcheln im Schlamm. Das Wasser floss in Strömen über sie, und schon bald waren sie völlig durchnässt. „Können wir nicht einfach abwarten?“ rief Awelia laut, um Wind und Regen zu übertönen. „Wir müssen weiter, um aus diesem Sturm herauszukommen!“ antwortete Feron in der selben Lautstärke. Voraus gab es einen grellen Blitz, der für einen Moment die Landschaft taghell erleuchtete. Der Donner, der kurze Zeit später heranrollte, wurde fast vollständig vom pfeifenden Wind und dem Prasseln des Regens übertönt. Schon bald darauf gab es weitere Blitze, und der Wind nahm nochmals zu, so dass sie geduckt weitergehen mussten. Immer wenn ein Blitz das Land erhellte, sahen sie für einen Augenblick, was um sie herum war. Regen peitschte die Wiesen, Bäume bogen sich im Wind, und Geäst fing bei Blitzschlag für einige Sekunden Feuer, bevor die Flammen ertränkt wurden. Awelia war, als würden sie sich eine Ewigkeit durch den Sturm kämpfen. Es war unglaublich anstrengend, aber Feron hatte recht, sie mussten weiter.
Mittlerweile war Awelia völlig erschöpft. Sie wusste nicht mehr, wie lange sie sich vorwärts kämpften oder wie spät es überhaupt war. Feron war nur wenige Schritte vor ihr, während ihre Leuchtkugel, die mit der Zeit immer schwächer wurde, seinen Rücken beschien. Es war schwer zu sagen, doch sie glaubte, die Blitze wurden weniger. Allein diese Tatsache war ein Hoffnungsschimmer, dass der Sturm irgendwann enden würde. Und tatsächlich hörten die Blitze bald darauf auf und auch der Regen ließ langsam nach. „Dort drüben!“ rief Feron, und zeigte in die Richtung, aus der die Wolken kamen. Awelia glaubte, eine dünne graue Linie, einen Horizont, zu erkennen. Erleichtert atmete sie durch. Sie hatten es fast geschafft. Der Regen hörte schließlich ganz auf, und die Wolkendecke öffnete sich. „Die Sonne geht auf.“ sagte Feron erleichtert, als die ersten schwachen Strahlen durch die Lücken fielen. „Ich dachte es hört niemals auf.“ antwortete Awelia mürrisch, als ob sie es noch nicht recht glauben mochte. „Hast du etwas zu essen? Ich habe schon seit Stunden Hunger.“ fragte sie mit laut knurrendem Magen. Feron kramte in seinen Taschen und holte dann eine handvoll Pampe hervor. „Das kann man nicht mehr essen.“ stellte er ernüchternd fest und Awelia stöhnte laut auf.
Vereinzelte Wolken standen noch am Himmel, aber der Sturm war am Horizont verschwunden. Das Land um sie herum sah aus, als wenn bis gerade eben ein Meer hier gewesen wäre. Der Boden war vollgesogen und schlammig, überall glitzerten riesige Pfützen wie Seen in der Sonne. Nun verstand Feron auch, warum hier keine Dörfer oder Höfe waren. Jedes Bauwerk musste unweigerlich im Boden versinken. „Mein Umhang schützt nicht gegen Wasser.“ stellte Awelia hinter ihm missmutig fest. Sie versuchte, den Umhang auszuwringen, aber er blieb klitschnass. „Wir sollten weitergehen, wir trocknen unterwegs von selbst.“ antwortete Feron erschöpft. „Ich will aber nicht krank werden.“ warf Awelia ein. Sie mochte recht haben, doch Feron wusste nicht, was sie sonst machen sollten, schließlich hatten sie keine Wechselkleidung. „Warte mal, ich hab eine Idee.“ sagte Awelia, während sie zum nächsten Baum ging und ihren Umhang, der nun leicht verschwamm, an einen Ast hing. Feron wusste nicht, was sie tat, doch er war sich sicher, dass es Zauberei sein musste, denn plötzlich stieg Dampf vom Umhang auf. Awelia trat ein paar Schritte zurück, um sicherzustellen, dass ihre magische Kleidung noch funktionierte, dann nahm sie den Umhang ab. „Trocken!“ rief sie freudig und Feron zeigte ihr den gehobenen Daumen, bevor er sich kopfschüttelnd abwandte. „Magie …“ murmelte er halblaut, während er sich nochmals die Umgebung ansah. Es war niemand zu sehen, doch voraus waren am Horizont die dunstigen Silhouetten von Bergen aufgetaucht, und er vermutete, dass es dort eine Siedlung gab. Langsam drehte er sich zu Awelia zurück und erstarrte. Was um alles in der Welt …, dachte er, während er auf die Zauberin starrte, die nun nackt da stand. Sie hatte ihre restliche Kleidung auf den Baum gehängt und verzauberte sie nun offenbar genauso wie den Umhang. Ferons Blick wanderte von ihren grazilen Beinen über ihre schlanke Gestalt zu ihren üppigen Brüsten. Sie ist wirklich schön. dachte er und schalt sich gleichzeitig für den Gedanken. Awelia war seine Weggefährtin, da ziemten sich solche Gedanken nicht. Rasch wandte er den Kopf ab und hoffte, dass sie es nicht bemerkt hatte.
Nach eine paar Minuten kam Awelia angezogen zu ihm zurück. „Kannst du meine Sachen auch trocknen?“ fragte Feron trocken, während er Blickkontakt vermied. „Das geht schon, aber der Zauber trocknet nicht, sondern verdampft Flüssigkeiten. Du müsstest dich also ausziehen.“ Feron starrte Awelia an, während sein Kopf rot anlief. Die Zauberin grinste süffisant. „Bei mir hat´s auch geklappt.“ „Aber nicht gucken.“ maulte Feron und wurde rot. „Das sagt der Richtige.“ grinste Awelia, und sie fürchtete schon, sein Kopf würde vor Scham explodieren, während sie schallend loslachte.
Awelia versuchte, auch ihr Essen zu trocknen, doch sie konnte nur einen kleinen Teil retten. Die entstehende Masse war zum Teil steinhart und zum Teil klebrig wie Harz. Sie versuchten, einige Bissen zu nehmen, doch gaben dann auf. Mit trockenen Kleidern und nicht wirklich gesättigt setzten sie ihre Reise fort, doch es dauerte noch zwei Tage, bis sie wieder in bewohnte Gefilde kamen. Die Berge waren die Vorhut eines Gebirges, das sich über einem felsigen Hügelland erhob. Schon von weitem sahen sie eine kleine Stadt, die vor den Bergen am Rand des Landes lag, das sie gerade durchquert hatten. Auch wenn es seit dem großen Sturm nicht mehr geregnet hatte, so hatten sie immer wieder schwarze Wolken gesehen, die über das Land zogen. Starkregen und apokalyptische Stürme schien hier keine Seltenheit zu sein.
Kurz vor der Stadt stand ein Schild, auf welchem stand 'Sie betreten die Freie Handelsstadt Reest'. „Sagt dir das was?“ fragte Awelia, während sie das Schild betrachtete. Feron schüttelte den Kopf. „Aber es ist nicht unüblich, dass freie Städte an großen Wegkreuzungen liegen. Zumindest außerhalb des Großkönigreichs. Wo wir schon mal hier sind, sollten wir etwas zu essen holen, ich bin am Verhungern.“ erklärte er. Awelia nickte stark, während ihr Magen knurrte. Gemeinsam betraten sie Reest, eine Ansammlung von etwa drei dutzend Häusern dort, wo ihr Pfad auf eine feste Straße traf. Reest hatte keine Palisade, doch vor der Stadt wurden sie von zwei Wachen in grauen Uniformen begrüßt. Awelia fand, dass Reest nichts besonderes war, im Vergleich zu den anderen Städten die sie bereits gesehen hatte. Es waren lediglich viele Reisende auf der Straße, ansonsten war der Ort sehr schlicht. Sie passierten zwei große Getreidespeicher und betraten das Gasthaus, wo Feron ihnen ein Zimmer für die Nacht mietete und etwas zu essen besorgte.
Als sie nun im Gastraum saßen, beobachtete Awelia die anderen Leute, die an den Tischen saßen oder am Tresen standen. Einer der Gäste saß allein an einem Tisch in der Ecke. Er hatte langes, goldenes Haar und merkwürdige spitze Ohren. „Was ist das für einer?“ fragte Awelia leise, während sie mit dem Kopf in die Richtung nickte. „Ein Elf.“ schnaubte Feron. „Von denen hab ich dir erzählt, erinnerst du dich?“ „Ja, du mochtest sie nicht besonders.“ Feron nickte knapp. Awelia erinnerte sich, wie er mehrere Minuten damit verbracht hatte, lang und breit zu erläutern, dass die Elfen doch verschlagen seien, in Rätseln sprachen, und nur an sich dachten. Sie hatte sich nach den Erzählungen eine gemeine Kreatur vorgestellt, die einem Kobold nicht unähnlich war und die immerwährend hinterlistig guckte. Nun wo sie einen echten Elfen sah, hatte sie nicht den Eindruck sie wären besonders verschlagen, und sie hatte das Gefühl, Feron hatte schlicht und einfach Pech gehabt bei denen, die er getroffen hatte. Awelia sah sich weiter um. „Der Mann dort mit dem Stab mit diesem seltsamen Symbol oben drauf, das ist ein Priester, oder?“ fragte sie, als sie einen alten Mann mit weiß-grauer Robe mit aufgestickten Ornamenten, einem knorrigen Stab und einem kleinen Weihrauchfässchen entdeckte. „Ja, an der Bestickung seiner Robe kannst du erkennen, welchem Gott er dient. Du siehst vorne auf der Brust dieses Stiefelsymbol, mit den kleinen Flügeln? Er dient dem Gott der Reisenden und der Boten. Das ist keiner der großen Götter, doch hier draußen nicht unwichtig.“ erklärte er. Awelia beobachtete den Mann und fragte dann, „Ich dachte, die Götterkulte sind nur in Pyrion vertreten?“ Feron schüttelte den Kopf. „Auch wenn sie dort stark vertreten sind, gerade der Gott des Lichts, so ist der Götterglauben auf ganz Murea verbreitet. Unter dem ein oder anderen Namen.“ erzählte er. „Und du? Welchem Gott folgst du?“ fragte Awelia neugierig. Feron blickte sich vorsichtig um, bevor er antwortete. „Als ich in die Welt hinausgezogen bin und die vielen Völker gesehen habe, die es gibt, und ihre Kultur kennengelernt habe … da habe ich festgestellt, dass es keine Rolle spielt. Viele beten die selben Götter an, auch wenn sie ihnen andere Namen geben oder sie auf verschiedene Weisen verehren. Und da habe ich gesehen, dass es keine Rolle spielt, solange man an etwas glaubt.“ erklärte er leise, und fügte nach einer kurzen Pause hinzu „Ich denke, dass irgendwer, oder irgendetwas, über die Rechtschaffenen wacht, und die schützt, die sich für Andere auch ohne Vorteilsnahme einsetzen.“
Als die Sonne dem Horizont entgegen sank, hatten sie sich auf das Zimmer zurückgezogen. Viel hatten sie nicht über die Umgebung in Erfahrung bringen können. Reest lag am Schuppenrücken, einem langgezogenen Gebirge, dass seinen Namen von den vielen Bergen hatte, aus denen es bestand. Die Straße nordwestwärts führte zu ein paar kleineren Baronien und Fürstentümern, die Straße nach Südosten führte über die Stadt Bergbach zum Großherzogtum Kandur. Sie würden sich weiter Richtung Osten halten, also war Bergbach ihr nächstes Ziel. Awelia stand am Fenster und starrte nach draußen. Sie ließ ihre Gedanken davongleiten und dachte daran, wie aufregend es gewesen war, bewusst zu zaubern. Für einen Moment war sie verleitet, einfach etwas zu zaubern und ihre Möglichkeiten zu erforschen. Doch sie wusste, dass sie sich die Magie aufheben sollte bis es nötig wurde. Feron spielt schließlich auch nicht mit seinem Schwert herum, dachte sie und wunderte sich über das Pochen, das sie hörte. Irritiert blickte sie sich nach der Quelle um, bis sie den Vogel sah, der am Fenster saß und mit dem Schnabel gegen das Glas klopfte. Er sah seltsam aus, mit seinem silbern funkelnden Gefieder und den leicht glimmenden Augen. Doch es war offensichtlich, dass er zu ihr wollte. Vorsichtig öffnete Awelia das Fenster, und der Vogel sprang in ihre Hand. Erst jetzt sah sie, dass an seinem Bein eine Schriftrolle festgemacht war. Rasch löste sie die Rolle, und der Vogel zerstob in einer Wolke magischer Funken. Eine magisch überbrachte Nachricht. dachte Awelia verblüfft, während sie auf die Schriftrolle in ihrer Hand starrte. „Was machst du da?“ fragte Feron, der hinter ihr stand und von den Funken zu Awelia blickte. „Ich habe Post bekommen.“ sagte Awelia leicht grinsend. Feron starrte sie entgeistert an. „Genau.“ antwortete er tonlos. „Nein wirklich, dieses Papier hier!“ sagte sie rasch und zeigte ihm die Rolle. „Und was steht drin?“ fragte er nach ein paar Sekunden, nach denen er entschieden hatte, das einfach so hinzunehmen. „Geehrte Zauberin Awelia, Ihr seid herzlich eingeladen zum siebzehnten Konvent der Magier Mureas. Das Konvent wird gemäß dem Beschluss über das Konvent der magischen Gemeinschaft Mureas in Karturas stattfinden, am ersten Tag des Mittsommers des Jahres eintausendzwanzig in Karturas. Gezeichnet Hofmagus Belahan, Akademie der arkanen Künste zu Karturas.“ las Awelia laut vor. Feron starrte sie endlose Sekunden lang an, bis er sich rührte. „Ich hab von dem Ort schon mal gehört, aber ich weiß nicht genau, wo er ist.“ sagte er schließlich und wandte sich kopfschüttelnd ab.
Am nächsten Morgen verließen sie Reest und machten sich auf den Weg nach Bergbach. Feron hatte nach dem Brief nicht mehr viel mit Awelia gesprochen. Zwar freute er sich für sie, aber zugleich fragte er sich, was er hier überhaupt machte. Er wollte ihr helfen, doch im Vergleich zu ihrer Magie wirkte er fast schon mitleidig. Während sie Blitze schleudern und durch die Luft laufen konnte, hatte er nur ein billiges Schwert. Worauf habe ich mich nur eingelassen?, fragte er sich, während er hinter Awelia herstapfte.
Die Reise nach Bergbach, immer am Schuppenrücken entlang, dauerte drei Tage. Auf der Straße waren viele Reisende und Händler unterwegs, einige sogar mit Wagengespannen. Bergbach war Reest sehr ähnlich, wenn auch etwas größer. Das lag wahrscheinlich daran, dass es ein größerer Handelsknoten war. Aus den Bergen des Gebirges kam ein Fluss, der den Ort teilte. Beide Ortsteile wurden von einer breiten Holzbrücke verbunden, und es gab einen Wegzoll, wenn man sie überqueren wollte. Auf der anderen Seite stand die Handelskammer, das größte Gebäude der Stadt. Es war ein massives Steingebäude, auf dem goldene Lettern prangten, und das die Reichtümer der Bergbachs enthielt. „Wir sollten erst einmal nachfragen, wo wir hin müssen. Nicht dass wir wieder auf diese Seite zurück müssen und doppelt zahlen.“ schlug Feron vor. Awelia grinste schelmisch. „Wie wäre es, wenn wir einfach über das Wasser gehen?“ fragte sie leise, doch Feron schüttelte den Kopf. „Wenn das jemand bemerkt, dann bekommen wir richtig Ärger.“ „Spielverderber.“ maulte Awelia, doch sie beließ es dabei.
Im Gasthaus 'Reisender Pöbel', wo entgegen dem Namen auch wohlhabendere Reisende abstiegen, fragten sie nach Karturas, und wie man dort hin kam. Sie hatten Glück. Ein bärtiger Wildniskundiger aus dem hohen Norden, der auch jetzt in einen dicken Wintermantel gehüllt war, erzählte ihnen, dass die Stadt im Nordosten hinter dem Schuppenrücken lag. Und er war bereit, sie für ein entsprechendes Entgelt zu führen. Als Feron ablehnte, war der Mann plötzlich nicht mehr ganz so freundlich. Danach berieten sich Awelia und Feron. Da sich keiner von ihnen im Gebirge auskannte, mussten sie wohl oder übel um das Gebirge herum gehen. Awelia hoffte, dass sie rechtzeitig ankamen, doch Feron beruhigte sie. Sie hatten noch über einen Monat Zeit. Am nächsten Morgen würden sie sich wieder auf den Weg machen. Feron hatte bereits die Münzen abgezählt, doch um ihre Reisekasse stand es schlecht. Schon bald müssten sie sich von irgendwo Geld besorgen müssen.
Awelia schwebte wieder durch die Leere. Wie im Traum, den sie in Elemas gehabt hatte, tauchte sie in den Nebel hinein, aus dem sich der Raum mit der unbekannten Frau bildete. Doch etwas hatte sich verändert. Im ersten Moment bemerkte sie es gar nicht, doch während die Frau Awelia den Rücken zuwandte, erkannte sie Salaco unter den gesichtslosen Umstehenden wieder. Awelia wusste nicht, was er mit alledem zu tun hatte, doch hatte er es ihr verschwiegen. Die Frau in der Mitte des Raumes begann sich umzudrehen, als Awelia durch die grob vom Nebel gezeichneten Fenster einen rötlichen Schein sah. Der Nebel verflog und sie stürzte ins Nichts, während um sie herum ein dunkles, rotes Licht pulsierte. Vor ihr öffneten sich zwei große goldene Augen, deren Pupillen schwarze Schlitze waren, wie bei einer Echse. Als sich der Blick auf sie fixierte, hallten die Worte einer finsteren Stimme in ihrem Kopf wider. „Du wirst brennen!“
Awelia riss die Augen auf und war schlagartig wach. Sie war nach wie vor im Gasthaus, nichts hatte sich verändert. Auch Feron war noch da und schlief ruhig im anderen Bett. Doch auch hier drang von draußen ein rötlicher Schein ins Zimmer. Vorsichtig ging sie ans Fenster, und ihre Augen weiteren sich vor Furcht. Bergbach brannte. Jetzt hörte sie gedämpfte Schreie von draußen, und noch etwas anderes. Das Schlagen riesiger Flügel. Hastig sprang sie hinüber zu Feron und zog ihn hoch. „Was ist denn los?“ fragte er verwundert, noch halb schlafend. „Die Stadt wird angegriffen.“ zischte Awelia und deutete auf das Fenster, hinter dem die Flammen nun deutlich sichtbar waren. Feron sprang auf und griff sich seine Sachen. „Wie viele sind es?“ fragte er, während er sein Schwert zog und zur Tür ging. „Einer.“ antwortete Awelia, während sie ihre Angst unterdrückte, so gut sie konnte. „Ein Drache.“
Als sie aus dem Gasthaus kamen, rannten sie mitten in ein Inferno. Überall um sie herum standen die Gebäude lichterloh in Flammen. Menschen rannten schreiend in Panik durch die Straßen, selbst die Soldaten der Stadtwache hatten alles stehen und liegen gelassen und rannten davon. Eine monströse Gestalt teilte den Vorhang aus Feuer und Rauch, während ihr mit Schuppen gepanzerter Körper fast lautlos durch die Nacht glitt. Dann ging ein blendender Feuerstrahl auf die Brücke nieder, die keine fünfzig Schritt von ihnen entfernt war. In einem Augenblick war die Holzbrücke in Flammen gehüllt, ebenso wie die angrenzenden Gebäude. Brennende Menschen taumelten von der Brücke fort, und brachen nach wenigen Schritten zusammen. „Wir müssen hier weg!“ schrie Feron und zog Awelia zurück. Doch sie riss sich los. „Im Umland können wir uns nicht vor ihm verstecken! Im Wasser haben wir eine Chance!“ rief sie, und deutete auf die brennende Brücke. Feron öffnete den Mund um zu diskutieren, doch eigentlich wollte er nur weg von hier, egal in welche Richtung. Sie rannten los zum Fluss, als es erneut Feuer aus dem Himmel regnete. Das Gasthaus wurde von Flammen überzogen, ebenso wie die Straße und etliche weitere Häuser. Die Hitze war unbeschreiblich. Feron und Awelia stürzten zu Boden, während die kochend heiße Luft über sie hinweg rollte. Hektisch schlug Feron einige Flammen aus, die an seiner Kleidung nagten, dann rappelten sie sich wieder auf. Gebückt stolperten sie vorbei an einstürzenden Gebäuden und verkohlten Leichen. Sie hatten das Wasser fast erreicht, als sich der Drache auf Bergbach senkte. Mit ohrenbetäubendem Lärm landete die Kreatur mitten in der Stadt, und ihr massiger Körper zermalmte dutzende Gebäude. Trümmer wurden in alle Richtungen geschleudert, bis der Drache schließlich vor der Handelskammer zum Stillstand kam. Doch nur für einen Moment, bis er mit seinen Klauen begann, das Gebäude auseinander zu reißen, um an die Schätze im Inneren zu kommen. Sie hatten nun einen beängstigend guten Blick auf den Drachen, der die Gebäude um ein gutes Stück überragte. Seine roten Schuppen glänzten matt im Feuerschein, die Klauen waren scharf wie Schwerter und die ledrigen Flügel waren so groß wie die Kreatur selbst. Während sein gieriger Blick auf die Schätze fiel, gestattete er sich ein Lächeln, das große, messerscharfe Zähne zeigte. Die pechschwarzen Hörner auf dem Kopf schimmerten matt. „Rasch jetzt.“ sagte Awelia und sprang ins Wasser, während der Drache abgelenkt war. Feron brauchte einen Moment, um sich von dem furchterregenden Anblick loszureißen. Er zögerte noch einen Augenblick, als er das dunkle Wasser sah, dann sprang auch er.
Ein gutes Stück flussabwärts gingen sie an Land, wo ein Felsen etwas Sichtschutz bot. Sie waren nicht die einzigen, etwa ein Dutzend andere hatten den gleichen Gedanken gehabt. Bauern, Reisende und auch ein Händler hockten zusammengekauert hinter dem Brocken und starrten gebannt auf die Flammenwand, zu der die einstige Handelsstadt geworden war. Der Drache war noch immer damit beschäftigt, die Reichtümer zu plündern. Schließlich erhob er sich wieder in den Himmel, und bedachte Bergbach mit einem letzten Flammenstoß, der den Feuersturm nochmals zunehmen ließ.
Erst nach dem Sonnenaufgang trauten sie sich zusammen mit den anderen Leuten wieder zurück. Unzählige Rauchsäulen stiegen aus dem zerstörten Ort auf, und Teile von Bergbach brannten noch immer. Fast alle Häuser waren bis auf die Grundmauern niedergebrannt. Die Brücke war in der Nacht verschwunden, und nichts zeugte mehr von ihrer Existenz. Es gab noch weitere Überlebende, die sich rechtzeitig ins Umland geflüchtet hatten. In der Stadt selbst hatte niemand überlebt. Auf den Straßen lagen verkohlte Leichen, die Glieder verdreht und die Münder geöffnet zu stummen, immerwährenden Schreien. Awelia war schockiert vom grauenvollen Anblick und wandte sich schließlich ab. Sie lehnte sich schwer atmend an die Trümmer der Handelskammer und ihr Blick fiel auf die Goldmünzen, die geschmolzen und wieder erstarrt waren, und nun wie Regenpfützen überall um sie herum den Boden bedeckten. „Alles in Ordnung?“ fragte Feron leise. „Ein Drache hat all diese Leute getötet, für etwas Gold. Nein, nichts ist in Ordnung!“ fauchte Awelia zurück. „Lass uns gehen, wir können hier nichts tun.“ sagte Feron vorsichtig und legte den Arm um sie. Er wusste, wie ihr zumute war, denn auch er fühlte sich elend. Ohne Vorwarnung war der ganze Ort binnen weniger Minuten vernichtet worden, ohne dass irgendjemand etwas hätte tun können.
Die Ruinen von Bergbach blieben hinter ihnen zurück, während sie schweigend dem Weg folgten. Feron bezweifelte, dass der Ort jemals wieder aufgebaut werden würde. Er betrachtete Awelia, die offenbar immer noch wütend und erschüttert war, und nun mit gesenktem Kopf vor ihm her stapfte. Plötzlich änderte sie die Richtung und wandte sich dem Gebirge zu. „He, was tust du da?“ rief Feron überrascht und lief ihr hinterher. „Du irrst dich.“ sagte sie laut und blickte zu ihm zurück. Er sah sie verwirrt an. „Wir können etwas tun. Wir werden die Feuerechse erschlagen.“ fuhr sie mit fester Stimme fort. Feron hastete vor und packte sie am Arm. „Das ist keine Bande dahergelaufener Räuber, sondern ein Drache!“ warnte er eindringlich. „Hast du Angst?“ „Ja.“ gab er nach kurzem Zögern zu. „Du hast gesehen, was der Drache getan hat. Er wird nicht aufhören. Wenn niemand mehr diese Handelsstraße benutzt, denkst du, der Drache wird in seiner Höhle bleiben? Er wird weiterziehen und die nächsten Städte angreifen.“ Feron wusste, dass sie recht hatte, doch wollte er nicht sehenden Auges in sein Verderben laufen. „Wir zwei gegen einen feuerspeienden Drachen?“ fragte er mit einer Mischung aus Skepsis und Spott. „Du wolltest mich begleiten und auf mich aufpassen. Du kannst also entweder mitkommen oder deiner Wege gehen.“ antwortete Awelia bissig und lief weiter. Feron schluckte schwer. Nun hatte er die Wahl, in den sicheren Tod zu gehen oder seine Ehre zu verlieren. Weder das eine noch das andere gefiel ihm. „Lieber tot als ehrlos.“ murmelte er zu sich selbst und folgte Awelia. „Weißt du, es zählt nicht als holde Maid in Nöten, wenn sich die Maid absichtlich in Gefahr begibt.“ sagte er laut. „Sehe ich wie eine holde Maid aus?“ fragte Awelia lächelnd. „Wie willst du den Drachen überhaupt finden?“ fragte Feron zurück. „Ich habe ihn in der Nacht wegfliegen sehen. Sein Bauch leuchtete vom Feuer, das darin brannte. Ich kenne zumindest die Richtung, in die wir müssen.“ antwortete sie zögernd. Feron wusste, dass sie etwas zurückhielt, und sah sie auffordernd an. „Nicht das Feuer hat mich geweckt, sondern der Drache. Es war als wäre er in meinen Traum eingedrungen. Es ist die Art wie sie sprechen, auf einer geistigen Ebene. Ich werde wissen, wenn wir in der Nähe sind.“ sagte sie langsam. Feron nickte. Er glaubte, es zu verstehen.
Sie kamen schnell voran, und kurz nach Mittag warfen sie einen letzten Blick auf die Handelsstraße, bevor sie hinter den Bergen verschwand. Auch wenn noch eine Dunstwolke um die Ruinen Bergbachs wehte, so waren die Feuer erloschen. Feron hatte noch ein paar mal versucht, Awelia von ihrem wahnsinnigen Vorhaben abzubringen, aber ohne Erfolg. Seit Elemas war sie wie ausgewechselt. „Eines wundert mich.“ sagte er langsam, und sie drehte sich zu ihm um. „Nachdem du erfahren hast, dass du eine Zauberin bist, verhältst du dich sehr konfrontativ. Wieso?“ Awelia überlegte einen Moment, bevor sie antwortete. „Ich denke, ich habe einen Teil von mir wiederentdeckt, der vorher … verborgen war. Ich kann zumindest erahnen, wozu ich fähig bin.“ antwortete sie schließlich, „Das mag vielleicht überheblich klingen, aber du hast selbst gesehen, was alles geschehen ist. Ich habe den Troll besiegt, ohne darüber nachzudenken, und ich habe den Anführer des Roten Zirkels besiegt.“ Feron nickte. „Ich mache mir nur Sorgen, was dein wahres Ich sein könnte. Du hast viele gute Dinge bewirkt, aber … Feuerbälle und Blitze, in einigen Fällen hast du deine Macht zerstörerisch eingesetzt. Was, wenn du in der Vergangenheit diese Macht nicht für gute Dinge benutzt hast? Wenn du Menschen unterdrückt hast, oder finsteren Gestalten dientest?“ fragte er und fühlte sich elend, den Gedanken auszusprechen. Ein Schatten huschte über Awelias Gesicht und sie wurde nachdenklich. Sie wusste, dass das, was er sagte, nicht von der Hand zu weisen war. Es war ein Gedanke, den sie bislang unterdrückt hatte. Bin ich ein Monster? fragte sie sich beunruhigt, und an Feron gewandt mit brüchiger Stimme „Glaubst du, ich bin böse?“ Er starrte sie an. „Nein, das glaube ich nicht. Aber ich weiß nicht, was du einmal warst. Wenn es etwas Schlechtes war, solltest du nicht wieder dazu werden.“ Lange Zeit herrschte Stille zwischen ihnen. „Glaubst du, den Drachen zu töten wäre etwas Gutes?“ fragte Awelia schließlich, etwas skeptisch. „Ja. Und ich glaube, dass wir dabei sterben.“ antwortete Feron leichthin.
Sie hatten zwar in der folgenden Nach gut geschlafen, doch sie hatten nichts zu essen und nur noch wenig Wasser von einem kleinen Gebirgsbach, den sie am Vortag passiert hatten. Am Vormittag dann entdeckten sie eine Höhlenöffnung bei dem Berg, der ihrem gegenüberlag. Feron fragte Awelia, ob der Drache in der Höhle sei, und sie schloss ihre Augen und atmete tief durch. Zunächst war es dunkel, doch dann sah sie zwei goldene Augen. Da ist jemand. hauchte eine Stimme in ihrem Kopf. Jemand der sich mit mir messen will. Ein Herausforderer. Komm, zeige dich. Nur zu, tritt aus dem Schatten. knurrte die Stimme weiter. Awelia bemerkte, dass der Funken in ihrem Inneren leuchtete. Die Magie will mich vor dem Drachen schützen. stellte sie überrascht fest, und öffnete die Augen, bevor der Drache herausfinden konnte, wo sie war. „Er ist in der Höhle.“ sagte sie zu Feron. „Und er weiß, dass wir kommen.“
Es dauerte noch gute vier Stunden, bis sie die Höhle erreicht hatten. Der Weg war alles andere als zugänglich. Nun standen sie auf dem Plateau vor dem Eingang, und starrten auf den großen Gang, der sich in der Dunkelheit verlor. „Du bist dir sicher, dass er da drin ist?“ fragte Feron leise. Awelia nickte. „Siehst du die Spuren seiner Klauen im Stein? Er lebt hier.“ flüsterte sie, während sie die tiefen Kerben im Gestein betrachtete. Sie wollte die Höhle betreten, doch Feron hielt sie zurück. „Erinnerst du dich, was wir wegen Plänen gesagt haben?“ fragte er ernst. Awelia nickte langsam, sie hatte sich überhaupt keine Gedanken darüber gemacht. „Wir gehen da rein und töten den Drachen.“ sagte sie, während sie auf die Höhle deutete. „Das passiert, wenn wir erfolgreich sind. Doch dafür brauchen wir einen Plan.“ sagte Feron kopfschüttelnd, „Wir wissen nicht, wie es da drin aussieht, oder wo der Drache ist. Es könnte ein wahres Labyrinth sein. Bleib hinter mir, bis wir ihn gefunden haben.“ erklärte er weiter. „Und was dann?“ fragte sie. „Dann tun wir, was wir am besten können.“ „Also ohne Plan vorgehen?“ Awelia grinste, wurde aber gleich wieder ernst. „Nein, wir teilen uns auf und immer einer lenkt das Monster ab, während der andere versucht, eine Schwachstelle zu finden.“ sagte Feron und blickte in die Schwärze vor sich. Vorsichtig betraten sie die Höhle, darum bemüht, kein Geräusch zu verursachen. Eine kleine Leuchtkugel erschien über Awelias Kopf, gerade genug Licht, um die nächsten paar Schritte zu sehen. Ein gewundener Gang führte in den Berg hinein, dessen Ränder von Stalaktiten gesäumt waren. Feron hatte sein Schwert gezogen, doch bislang war nichts vom Drachen zu sehen. Schließlich öffnete sich der Gang in eine große Kaverne.
Es Kaverne zu nennen war eine Untertreibung. Awelias Licht vermochte nicht, weniger als zwei Dutzend Schritt weit Decke und Boden zu erhellen, also ließ sie es aufsteigen und stärker leuchten. Selbst dann konnten sie nicht das gesamte Ausmaß der Höhle erblicken, sie musste über hundert Schritt messen. Was sie sahen, war beeindruckend. Berge von Goldmünzen, Edelsteinen und Schmuckstücken, so weit das Auge reichte. Edle Rüstungsteile und verzierte Waffen lagen einfach herum, ebenso wie schmuckvolle Folianten und andere Artefakte. Die Schätze funkelten im Licht, so dass es wirkte, als glänzten sie von selbst. Awelia korrigierte ihre Größenschätzung deutlich nach oben. Sie waren im Hort des Drachen, nur sahen sie keinen Drachen. „Wo ist er?“ flüsterte Feron besorgt, während er sich umsah. Die Zauberin schloss die Augen. Direkt vor ihr schwebten die großen Augen des Drachen, dann schälte sich der Rest seines gewaltigen Körpers aus der Dunkelheit in ihrem Verstand. Da bist du ja. fauchte die Stimme in ihrem Kopf. Eine übermütige Zauberin und ihr Schoßhund. Ihr wollt die jämmerlichen Wichte aus der armseligen Stadt rächen? Was glaubt ihr, mir entgegensetzen zu können? Ich bin Zakar, der Große Feuersturm! verkündete der Drache mit dröhnender Stimme, und sein Name hallte in dutzenden Sprachen nach, die Awelia völlig fremd waren. Der Schlächter von Bes'bun, Mörder von König Quatas und die Geißel von Murea. dachte sie grimmig. Sie wusste nicht, woher dieses Wissen kam, doch als sie den Namen des Drachen gehört hatte, stiegen Erinnerungsfetzen aus den Tiefen auf. Bilder blitzten vor ihrem inneren Auge auf, ein sterbendes Königreich, Tod und Zerstörung, eine Welt in Flammen. Der Drache wich verunsichert zurück. Interessant … aber das ändert nichts. Du wirst brennen! brüllte die Stimme in ihrem Kopf. Awelia riss die Augen auf und ihr Blick raste zur Decke. Während des kurzen Gedankengesprächs hatte sie gespürt, wo genau der Drache war. „Da oben!“ rief sie, während sich Zakar von der Decke löste. Die riesigen Flügel des Drachen öffneten sich, und er kam genau auf sie zu. Feron riss sie zur Seite, gerade rechtzeitig. Die massige Gestalt rauschte vorbei und setzte donnernd zwischen den Schätzen auf. Dann wandte sich die Bestie herum und stampfte langsam auf sie zu, während jeder Schritt den Boden beben und die Schätze klimpern ließ. Feron stellte sich mit erhobenem Schwert vor Awelia. „Oh wie allerliebst.“ spottete Zakar mit tiefer, dröhnender Stimme. Er bäumte sich vor ihnen auf, und plötzlich trat Awelia hinter Feron hervor. Sie schleuderte einen Sonnenblitz auf den Drachen, der ihn am Hals traf. Zakar zuckte fauchend zurück, doch dann begann sein Bauch von innen zu glühen. Feron und Awelia rannten auseinander, als der Drache sein Feuer spie. Die Flammenwand rollte zwischen den Schatzbergen entlang und schmolz die äußersten Münzen. Die Zauberin schoss einen weiteren Sonnenblitz ab, doch der Drache schien den Treffer nicht einmal zu spüren. „Du kannst mir nichts anhaben.“ dröhnte er belustigt. „Meine Haut ist ein Wall! Anders herum hingegen …“ Die gewaltigen Kiefer schnappten nach Awelia, und sie konnte ihnen nur mit Mühe entgehen, während sie den heißen Atem spürte. Sie hastete mit wehendem Umhang zwischen den Schätze entlang, doch sie konnte den Drachen, der ihr hinterher stapfte, nicht abschütteln.
Feron sah, wie das Untier Awelia verfolgte. Der Drache hatte bereits mehrere Gelegenheiten gehabt, die Zauberin zu töten. Er spielt mit ihr. dachte Feron verblüfft. Es dauerte einen Moment, bis er sich aus seiner Starre losriss. Ich sollte ihr helfen! beschloss er, und rannte hinterher. Feron hatte schon einige Abenteuer erlebt, Trolle erschlagen und Banditen besiegt. Aber ein Drache, das war ein paar Nummern größer. Ihm hinterher zu laufen, geschweige denn ihn anzugreifen, widersprach jeder Logik. Und dennoch tat er genau das. Dann hatte er die Bestie erreicht. Mit gezogenem Schwert stürmte er dem Drachen in die Seite. Wenn dieser den Schlag überhaupt gespürt hatte, so ließ er sich nichts anmerken. Feron wich dem durch die Luft rauschenden Schwanz aus, rannte über einen Berg aus Goldmünzen und auf das Ende des Schwanzes zu. Er hob das Schwert über den Kopf zum Hammerschlag und versuchte, einen Teil des Schwanzes abzuhacken. Ein lautes metallenes Klirren ertönte, als die Klinge brach. Teile des Schwertes flogen umher, und auch noch etwas anderes. Feron sah eine einzelne Schuppe über den Boden kullern.
Awelia rannte knapp vor Zakar, der sich offenbar einen Spaß daraus machte, sie zu jagen. Sie überlegte fieberhaft, wie sie den Drachen besiegen konnte. Es war ihre Idee gewesen, herzukommen, denn sie fand, dass er zur Rechenschaft gezogen werden musste für das, was er getan hatte. Mehr noch für das, was er vor vielen Jahrzehnten getan hatte. Doch im Moment hielt Awelia ihren Entschluss für ausgesprochen dumm. Feron hatte sie gewarnt, und nun hatte sie den Salat. Durch den Schuppenpanzer und die natürliche Resistenz gegenüber Magie konnte sie kaum etwas ausrichten. Die einzige Möglichkeit, die ihr einfiel, war ungepanzerte Stellen wie die Augen oder das Maul anzugreifen. Awelia stoppte und wandte sich zu Zakar herum. Der Drache wurde langsamer und baute sich dann vor ihr auf. Bevor die Zauberin zum Zug kam, fuhr die Kreatur mit tiefem Zischen herum. Feron hatte sein Schwert irgendwie in den Schwanz des Drachen gerammt. Zakars Schwanz peitschte herum und schleuderte Feron mehrere Schritt durch die Luft in einen großen Schatzhaufen.
Feron war einen kurzen Moment weggetreten, doch dann fand er sich zwischen Kelchen und Diamanten wieder. Sein Körper schmerzte dort, wo er vom Schwanz des Drachen getroffen worden war, und vielleicht hatte er sich ein paar Knochen gebrochen. Der Drache blickte ihn erzürnt mit seinen großen Augen an und zeigte seine messerscharfen Zähne. „Du Wicht wagst es, mich anzugreifen?“ fauchte der Drache, und seine wütende Stimme ließ die Luft erzittern. Feron blickte zu seinen Händen, doch er musste feststellen, dass das Schwert verschwunden war. Es war zwar schlecht gearbeitet gewesen, doch es war wenigstens etwas. Nun hatte er nichts, und das machte sich schlecht, wenn ein wütender Drache auf einen zukam. Hastig wich er zurück, während die Bestie näher kam. „Oh, was hast du?“ fragte der Drache spottend. „Keine Waffe, um dein erbärmliches Leben zu verteidigen? Ich versichere dir, es wird nicht schnell vorbei sein.“ Feron kroch den Haufen hinauf, weg von dem Drachen und auf der Suche nach etwas, um sich zu verteidigen. Er rutschte ein Stück zurück und plötzlich fanden seine Finger einen Griff. Instinktiv schloss sich die Hand darum, und er hieb mit was auch immer es sein mochte nach der Klaue, die sich auf ihn senkte. Der Drache brüllte auf, vor Wut und Schmerz. Zwei Krallen fehlten der Klaue, und Feron blickte erstaunt auf den Gegenstand in seiner Hand. Es war ein Schwert.
Awelia hatte hilflos mit ansehen müssen, wie Zakar Feron beinahe zermalmt hätte. Es war ihr nicht gelungen, sich in eine gute Position zu bringen, um den Drachen anzugreifen. Doch nun hatte es Feron irgendwie geschafft, die Bestie ernsthaft zu verletzen. Sie sah, wie er verblüfft das Schwert in seiner Hand anstarrte, und wäre wohl gestorben, wenn Zakar nicht ebenso überrascht gewesen wäre. Awelia wusste, sie musste den Drachen ablenken, bis Feron sich wieder zusammengerissen hatte. Sie schloss die Augen, und die des Drachen waren direkt vor ihr. Sein Blick versprühte tiefen Hass. Ich werde euch vernichten! Und dann werde ich eure Geburtsorte aufsuchen und alle abschlachten! brüllte Zakar wütend. Nein, du wirst bezahlen für das, was du getan hast. antwortete Awelia bemüht ruhig. Sie befanden sich zwar auf einer mentalen Ebene, doch sie wusste, dass man hier Schaden am Geist nehmen konnte. Der Funke in ihr strahlte hell, da er den Versuch des Drachen abwehrte, ihren Verstand zu brechen. Zakar wand sich vor ihr, denn offenbar spürte er, wie sie sich widersetzte. Ich werde zuerst euren Schoßhund schlachten und fressen, und dann werde ich dasselbe mit euch tun! fauchte er zornig. Awelia wusste, dass in der wirklichen Welt nur wenige Sekunden vergangen waren. Sie musste mehr Zeit gewinnen, doch Zakar war dabei, die Gedankenwelt zu verlassen. Als der Körper des Drachen langsam verblasste, griff sie zu und bekam eine Klaue zu fassen. In ihren Gedanken schaffte sie es tatsächlich, die Klaue vollständig zu umfassen, und Zakar konnte sich nicht weiter zurückziehen. Unglauben und eine Spur Furcht traten in seine Augen. Sein Blick brannte sich in ihren und dann mischte sich Panik in seinen Blick. Ihr seid das? Das ist unmöglich! kreischte er, während er versuchte, sich loszureißen. Awelia wusste nicht, was er damit meinte, doch sie hatte keine Gelegenheit, ihn zu fragen. Sie hielt ihn nur weiter fest.
Die matt-silberne Klinge war meisterhaft geschmiedet und Symbole waren hineingraviert. Der Griff lag gut in der Hand und war mit Edelsteinen verziert. Das Schwert war hervorragend austariert und war weder zu schwer noch zu leicht. Ferons Blick glitt von der Waffe zum Drachen, der ihn anstarrte. Doch dann bemerkte er, dass der Drache durch ihn hindurchsah, und dass Furcht in seinem Blick lag. Vorsichtig stand er auf, doch die Kreatur rührte sich nicht. Feron sah sich um und entdeckte Awelia ein gutes Stück hinter dem Drachen, ebenfalls still stehend, den Blick auf das monströse Untier gerichtet. Es war wohl ihr Werk, und er wollte die gewonnene Zeit nicht unnütz verstreichen lassen. Rasch setzte er sich in Bewegung und rannte zur verletzten Klaue, die einen halben Schritt über dem Boden schwebte. Feron dachte nicht lange nach, holte aus und schlug mit aller Kraft zu.
Awelia spürte, wie ihre Kräfte nachließen. Es wurde immer anstrengender, Zakar festzuhalten, und keiner von ihnen sprach ein Wort. Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, doch lange würde sie wohl nicht mehr durchhalten. Jetzt konnte sie lediglich hoffen, dass Feron sich beeilte. Wie sich schnell herausstellte, wurde sie nicht enttäuscht. Urplötzlich waren Zakars Augen schmerzerfüllt, und einen Moment später war er aus ihren Gedanken verschwunden. Awelia riss die Augen auf und sah wie sich der Drache kreischend aufbäumte. Die schon angeschlagene Klaue hing stark nach vorn, da sie zur Hälfte abgeschnitten worden war. Dickes Blut quoll aus der Wunde und regnete zu Boden. Feron stürmte mit blutiger Klinge vor und zog sie Zakar über den weichen Unterbauch. Das Schwert schien die Schuppen zu durchschneiden wie ein nasses Hemd. Mehr Blut floss und der Drache stürzte hintenüber. Das Beben war gewaltig, und der Schatzhaufen, auf dem Awelia stand, brach in einer Lawine aus Münzen und Edelsteinen zusammen.
Feron ging in die Knie, als der Drache fiel. Die Bestie tobte und brüllte, doch noch war der Kampf nicht gewonnen. Der Drache warf sich herum, während in seinem Bauch das Feuer aufloderte. Mit einem Hechtsprung rettete sich Feron, als die Flammen kamen, doch der Drache hielt den Feueratem aufrecht. Feron kauerte sich hinter einen Haufen aus Goldketten und Kelchen, während das tosende Feuer in seinen Ohren klang. Er war zwar in Sicherheit, doch er fragte sich, wie lange. Die Luft wurde unerträglich heiß und die Schätze begannen zusammenzuschmelzen, so dass sie rasch eine klebrige Masse bildeten. Abrupt hörte das Feuer auf. Feron hastete taumelnd nach vorn, keinen Moment zu spät. Der Drache brach durch die heiße Schlacke und verspritzte glühendes Gold in alle Richtungen. Einige Spritzer trafen Feron, und es brannte höllisch, doch er unterdrückte den Schmerz. Stattdessen wandte er sich zu dem Monster um, das wenige Schritte hinter ihm war. In den Augen der Echse glommen Wut und Hass. „Du wirst bezahlen, Wicht.“ fauchte sie finster, während sie auf ihn zu stapfte. Plötzlich machte der Drache einen gewaltigen Satz nach vorn und versuchte, Feron zu verschlingen. Er schaffte es gerade rechtzeitig, sich zur Seite zu werfen, und das Maul verfehlte ihn um Haaresbreite. Die Klinge in Ferons Hand streifte wie von selbst über das Gesicht der Bestie und schlug Funken, als Schuppen durchschnitten wurden. Dann rollte er sich in die andere Richtung, um nicht von den Klauen zerquetscht zu werden.
Awelia zog tief die Luft ein, als Feron unter dem Drachen verschwand. Dann, einen schier endlosen Augenblick später, kam er wieder zum Vorschein, offenbar unversehrt. Selbst verletzt war Zakars Geschwindigkeit beängstigend. In seiner Wut konzentrierte sich der Drache allein auf Feron, nicht dass die Zauberin viel hätte machen können. Doch wo viele sich von ihrer Wut blenden ließen und dumme Fehler begingen, steigerte sich Zakar in massive Gewalt. Eine rote Linie tauchte auf, wo die Klinge sein Gesicht berührte. Doch er machte keinen weiteren Sturmangriff, denn Feron hockte auf einer großen, freien Fläche, wo ihm nichts Schutz bot. Der Bauch des Drachen begann zu glühen, bereit, das Drachenfeuer ein mal mehr zu entfesseln. Awelia hatte die Flammen beobachtet. Man konnte meinen, sie seien eine alchemistische Reaktion, eine Flüssigkeit aus den Eingeweiden der Bestie, die sich an der Luft entzündete. Doch es war wesentlich mehr. Das Feuer war magisch. Und seit dem Kampf gegen den Hochmeister wusste sie, wie man magische Angriffe aufhalten konnte. Sie konzentrierte sich auf den Funken in ihrem Inneren und hoffte inständig, dass es reichen würde. Dann hob sie beide Hände in Ferons Richtung und zog sie auseinander.
Als er das Glühen sah, wusste Feron wie aussichtslos seine Lage war. Er würde es nie und nimmer in Deckung schaffen, bevor ihn der Drache verbrannte. Also starrte er dem Drachen trotzig in die Augen, in dessen Blick Triumph aufblitzte. Dann öffnete sich das große Maul und aus dem Rachen schoss eine Flammenwalze auf ihn zu. Nur wenige Schritt bevor sie ihn erreichte, stoben die Flammen auseinander. Vor ihm loderte das Feuer über eine unsichtbare Wand, die ein weiteres Vordringen der Flammen verhinderte, doch die Hitze war unglaublich. Feron kniff die Augen zusammen und wandte den Kopf ab. Er konnte nicht atmen, sich nicht bewegen, während Schweißperlen auf seine Stirn schossen. Dann ließ die Hitze schlagartig nach, und er blickte wieder nach vorn. Der Triumph im Blick des Drachen war noch da, doch er schwand bereits und wich Fassungslosigkeit. Mit einem wilden Schrei sprang Feron auf und stürmte auf den Drachen zu. Dieser fauchte kurz, dann setzte auch er sich in Bewegung, den Unterkiefer über den Boden schleifend. Er will mich wieder verschlingen. dachte Feron, als sei es das Offensichtlichste der Welt. Sie waren noch wenige Schritte voneinander entfernt, als der Drache vorschnellte. Doch Feron war bereit, machte einen knappen Sprung zur Seite und verlor einen Teil seiner Hose an die scharfen Zähne. Er drückte sich am Unterkiefer ab und bekam eines der Hörner zu packen. Als der Drache dort lang rauschte, wo Feron gerade noch gestanden hatte, landete dieser auf seinem Rücken. Wie Awelia später erzählte, war der Blick der Bestie voller Entsetzen gewesen. Doch Zakar hatte keine Gelegenheit mehr, zu reagieren. Mit einem Schrei rammte Feron das Schwert zwischen den Hörnern in den Kopf des Drachen. Die Klinge verschwand fast bis zum Heft, während die Echse dröhnend kreischte. Der Laut wurde leiser und verging schließlich in den Echos seiner selbst.
Awelia lief durch die Schatzberge. Vor ihr lag Zakar, die Augen erloschen. Nach Jahrhunderten des Schreckens war der Große Feuersturm besiegt. Sie blickte auf zu Feron, der schwer atmend, doch lächelnd auf der erschlagenen Bestie stand. „Drachentöter!“ jubelte Awelia und Feron hielt triumphierend das Schwert in die Höhe.