Kapitel 8 – Unter den Bergen

Zakars Tod war nicht lange her. Gemeinsam sahen sie sich im Hort des Drachen um, die bloße Menge der Schätze war überwältigend. Goldmünzen vieler verschiedener Prägungen lagen hier, manche Jahrhunderte alt. Feron war sicher, dass er die Schätze in zehn Leben nicht würde ausgeben können. Er nahm eine Hand voll Edelsteine, und ließ sie zurück auf den Haufen prasseln. „Ist es vermessen zu fragen, wie viel wir mitnehmen sollten?“ fragte er zögernd. „Ich habe einige düstere Geschichten über Drachenschätze gehört.“ „Es ist eine Frage der Tragkraft und deiner Bescheidenheit.“ antwortete Awelia lächelnd. „Es liegt kein Fluch auf dem Schatz, dass ist nur Aberglaube. Doch von den Folianten würde ich abraten.“ Sie hatte die Folianten kurz nach dem Kampf entdeckt, die ein Stück abseits der anderen Schätze lagen. Es waren nicht viele, und sie musste sie nicht aufschlagen, um zu wissen, dass sie gefährlich waren. Von ihnen ging eine finstere, lebendige Magie aus, die nur darauf wartete, dass jemand einen davon öffnete, um ihn in ihren Bann zu ziehen. Der Drachentöter nickte. Als er weiterging, verzog er schmerzhaft das Gesicht. Im Kampf hatte er die Wunden ignorieren können, doch nun kamen die Schmerzen zurück. „Lass mich mal sehen.“ sagte Awelia und bedeutete ihm, sich zu setzen. „Sag bloß, du kannst die Wunden wegzaubern?“ fragte er verwundert. Die Zauberin nickte leicht. „Das wäre nach dem Kampf in Burg Bruchstein ganz hilfreich gewesen, da hätte ich mich nicht eine Woche lang herumquälen müssen.“ sagte er spöttisch, und sie rollte mit den Augen. „Es ist mir erst eingefallen, als wir in diesem Sturm waren. Ich habe mich während dieser Strapazen an ein paar Dinge erinnert … Die Bücher Salacos enthielten Sprüche, die sich eher auf Krankheiten und magische Gebrechen konzentrierten. Es wurde eine Abwandlung eines der Sprüche erwähnt, und ich glaube, ich bekomme es hin.“ erklärte sie, „Und zudem sollte man bei der Heilung von Todesmagie keinen Fehler machen.“ Dann nahm Awelia ihr letztes Wasser und schloss die Augen. Sie ließ das Wasser in ihre Hand fließen, wo es anfing, leicht zu leuchten. „Trink.“ flüsterte sie konzentriert. Feron war zunächst skeptisch, aber in der Vergangenheit hatte Awelias Zauberei immer funktioniert. Vorsichtig trank er das leuchtende Wasser. Es fühlte sich seltsam an, als ob er Medizin getrunken hätte. Bald darauf gingen die Schwellungen und Schnitte zurück, seine Schmerzen verschwanden und er konnte sich wieder ungehindert bewegen. „Danke.“ sagte Feron beeindruckt, während er an sich herabblickte.
Sie erforschten weiter die Höhle, doch außer den angehäuften Schätzen gab es nichts weiter zu entdecken. Aber die Schätze allein waren schon von unermesslichem Wert. „Ich wünschte Zakar hätte alles sortiert.“ sagte Awelia schließlich, während sie zurück zu dem erschlagenen Drachen gingen. Feron begann in einem der glänzenden Haufen zu wühlen, während sie die tote Bestie betrachtete. Sie hatte gelesen, dass man gewisse Bestandteile magischer Geschöpfe alchemistisch verwerten konnte. Etwa das Blut eines Drachen, das für bestimmte Tränke und Tinkturen verwendet wurde. Oder gemahlene Knochen. Awelia hielt davon wenig, denn es kam ihr wie Leichenschändung vor. Feron kam zu ihr herüber, nun mit einer Scheide für sein Schwert. Awelia warf einen Blick darauf und erstarrte. Sie erinnerte sich an die Wissensfetzen, die bei den Worten Zakars in ihr aufgetaucht waren. „Silberschlag.“ flüsterte sie. „Geschmiedet in den Hallen Dorans, aus dem besten Stahl der Hohlen Minen. Hergestellt von Schmiedemeister Dorakin persönlich. Lange vor dem heutigen Tag hat bereits ein Held diese Klinge geführt, der Leibwächter von König Quatas. Mit diesem Schwert erschlug er viele Monster, doch er scheiterte schlussendlich an dem Großen Feuersturm, der ihn und den König ermordete.“ Feron musterte das Schwert und flüsterte „Dann hat es nun seinen alten Herrn gerächt.“ Es mochte Einbildung sein, doch er hätte schwören können, dass das Schwert bei den Worten von selbst zitterte.
Feron betrachtete die Schätze. Wenn er sich die Taschen vollstopfte, könnte er den Rest seines Lebens wie ein König leben. Nicht dass das sein Lebensziel war, aber allein der Gedanke der Möglichkeiten, die sich durch all den angehäuften Reichtum eröffneten, war überwältigend. Nachdenklich drehte er einen faustgroßen Rohdiamanten in der Hand. Allein damit könnte ich mir ein Dorf kaufen. Ein paar davon für ein ganzes Land, mein eigenes kleines Reich. dachte er. Nein, das wäre nicht richtig. Awelia hat recht, die einzige Grenze ist die zwischen Gier und Bescheidenheit. Rasch legte er den Edelstein zurück. Dann begann er, Münzen, die er kannte, zusammenzusuchen. Er sammelte gerade so viele, dass es für zwei Monate genug war. Das und das meisterhafte Schwert würden reichen. Sein Blick fiel auf den toten Drachen. Wer würde ihm glauben, dass er einen Drachen erlegt hatte? Feron brauchte einen Beweis, eine Trophäe. Doch alles an dem Drachen war riesig, was könnte er mitnehmen, ohne dass es zu groß zum Tragen und zu klein zum Erkennen war? Selbst die kleinen Zähne waren so lang wie sein Arm, und das meiste Andere würde verfaulen. Feron sah eine herausstechende Stelle auf der Stirn des Drachen. Zunächst dachte er, dass es Blut vom Einstich war, doch dann sah er genauer hin. Es war eine einzelne, dunkelrote Schuppe, die mit Obsidian gesprenkelt zu sein schien. Anderthalb Finger lang, eine perfekte Schuppe. So etwas hatte Feron noch nie gesehen, und es war geradezu überdeutlich, dass es von einem Drachen stammte. Vorsichtig machte er sich daran, sie herauszulösen.
Awelia war zwischen den Schatzhaufen umhergewandert auf der Suche nach weiteren magischen Artefakten. Zwar fand sie eine ganze Reihe davon, aber nur wenige mit denen sie etwas anfangen konnte. Vielfach waren es magische Waffen oder Rüstungen, die den Träger stärker oder widerstandsfähiger machten. Doch sie nahm nichts davon mit, denn die Folianten hatten ihr einen ziemlichen Schrecken eingejagt. Immer wieder fiel ihr Blick auf den Leichnam Zakars. Der Drache hatte gewusst, wer sie war. Wäre er nicht so erpicht auf einen Kampf gewesen, dann hätte sie vielleicht einige Antworten bekommen können. Sie schüttelte den Kopf, um den nagenden Gedanken loszuwerden.

Es dämmerte bereits, als sie die Höhle verließen. Wolken zogen über den Abendhimmel und wurden in das rötliche Licht der untergehenden Sonne getaucht. Es ging ein leichter Wind, doch sonst lag die Welt still und ruhig da. Awelia setzte sich an den Rand des kleinen Plateaus und ließ die Beine über den Hang baumeln. „Also, Drachentöter …“ sagte sie leise, während sich Feron neben sie setzte. „ … ohne dich hätte ich das nicht geschafft. Danke.“ „Auch wenn ich die meiste Arbeit gemacht habe, warst du nicht ganz unschuldig.“ antwortete er grinsend. „Aber wie soll es jetzt weitergehen?“ „Wir machen uns auf den Weg nach Karturas.“ sagte die Zauberin mit einem Seitenblick auf ihn. Feron wurde wieder ernst. „Wir haben weder Wasser noch Nahrung. Wir verdursten, bevor wir es zum nächsten Fluss schaffen.“ meinte er grimmig. Awelia zuckte mit den Schultern. „Wir haben gerade eine der größten Plagen der Welt bezwungen. Ich glaube nicht, dass die Welt uns jetzt verdursten lässt.“

Am nächsten Morgen machten sie sich auf den Weg. Sie hatten die Nacht vor der Höhle verbracht, und waren nun zwischen den Bergen unterwegs. Feron hatte Hunger und Durst, und Awelia musste es gewiss genauso gehen. Der Weg war nicht gerade schwierig, es gab kaum Geröll an den Hängen oder in den Tälern. Doch sahen sie keinen Fluss oder See, um den Durst zu stillen. Es war gegen Mittag, als sie gerade über eine Bergflanke stiegen und zum ersten Mal seit Bergbach andere Leute sahen. Eine Kolonne aus vielleicht dreißig gerüsteten Kriegern marschierte den Hang hinauf und ihnen entgegen. Feron und Awelia gingen langsam weiter. Sie hatten die Entfernung zunächst ziemlich groß eingeschätzt, doch die Krieger kamen schnell näher. Schließlich erkannte Feron, dass sie klein waren, nur knapp halb so groß wie er selbst. Es waren Zwerge.
Mit metallenem Scheppern hielt die Kolonne vor ihnen. Der Zwerg, der sie führte, trat hervor. Es war ein griesgrämig blickender Kerl mit langem, schwarzen Bart und einer großen Axt. Eine alte Narbe lief quer über sein Gesicht. Im Gegensatz zu den mattgrauen Rüstungen seinen Kameraden war seine silbern und mit goldenen Bändern verziert. „Seid mir gegrüßt, Menschen!“ sagte er mit lauter, tiefer Stimme. „Herr Zwerg.“ nickte Awelia. „Mein Name ist Horemias. Meine Kriegerschar ist auf der Jagd nach einem Drachen, der in diesen Bergen haust. Habt Ihr vielleicht etwas gesehen?“ fragte er. Awelia und Feron warfen sich einen kurzen Blick zu. „Ja. Wir haben ihn getötet.“ antwortete Feron grinsend. Horemias starrte ihn einen Moment lang an und fing dann donnern an zu lachen. Als er sich halbwegs beruhigt hatte, sagte er glucksend „Ihr Menschen und euer Humor. Also, falls Ihr tatsächlich einen Drachen gesehen habt, lasst es uns wissen.“ „Es stimmt was er sagt, wir haben Zakar getötet.“ erklärte Awelia ernst, und Feron zog die Schuppe des Drachen hervor. Das Lachen verstummte und der Zwerg nahm die Schuppe in die Hand. Er drehte sie hin und her und betrachtete sie eingehend, bevor er sich wieder den Menschen zuwandte. „Potzblitz! Ihr habt den Großen Feuersturm erschlagen? Das lässt uns aber ziemlich dumm dastehen.“ rief Horemias laut.

Sie berichteten den Zwergen, wie Zakar Bergbach niedergebrannt hatte, und sie ihn danach in seine Höhle verfolgt hatten. Wie sich herausstellte, wollten die Zwerge dem Drachen ebenfalls für die Zerstörung der Stadt und einiger Dörfer an die Schuppen. Nachdem sie ins Gespräch gekommen waren, sagte Awelia, dass sie nach Karturas mussten. Die Zwerge boten an, sie mitzunehmen, denn ihre Stadt bot eine gute Abkürzung durch den Schuppenrücken. Zudem teilten sie bereitwillig ihr Wasser mit ihnen, so dass niemand mehr Gefahr lief, zu verdursten. Da sich die Zwerge von Zakars Tod überzeugen mussten, begleiteten Awelia und Feron sie zurück zur Höhle.
Staunend standen die Zwerge vor der erschlagenen Bestie. „Wahrlich, Ihr habt nicht gelogen.“ donnerte Horemias beeindruckt. „König Nasafor wird begeistert sein. Seit Jahrhunderten versuchen wir schon, dieses Monster zur Strecke zu bringen, und Euch ist es gelungen.“ Die nächsten Minuten verbrachten sie damit, nochmal genau zu erzählen, wie sie Zakar getötet hatten. Schließlich nickte Horemias. Die Zwerge berieten sich und beschlossen, am nächsten Morgen zurück zu kehren. Sie sandten Awelia und Feron nach draußen. Was auch immer sie im Hort taten, sie wollten nicht gestört werden.
Vor der Höhle sahen sie die Sonne untergehen. Sie würden an der gleichen Stelle schlafen wie letzte Nacht. „Was hältst du von ihnen?“ fragte Awelia leise. „Es sind Zwerge. Meist mürrisch und griesgrämig. Aber ich denke, sie werden uns schneller ans Ziel bringen.“ antwortete Feron langsam. Sie fragte sich, wie es wohl in Karturas aussah, und ob sie endlich Antworten erhalten würde.

Als die Sonne zwischen den Bergen hervorkroch, brachen sie auf. Wie Horemias sie knapp informierte, würde die Reise vier Tage dauern. Das Ziel war der Dornenberg, und die darin gelegene Stadt Loria. Unterwegs sagten die Zwerge kaum ein Wort. Während in den Tälern Awelia und Feron ihre Schritte bremsen mussten, um den anderen nicht davon zu laufen, so kamen sie im Geröll und an den Hängen langsamer voran. Feron gestand sich ein, dass die Zwerge die besten Kletterer waren, die er je gesehen hatte. Sie mochten klein sein, aber jeder Handgriff im schwierigen Geländer saß. Immer wenn die Menschen Schwierigkeiten hatten halfen die Zwerge aus, zeigten auf kleine Pfade oder günstige Steine.
Die kommenden Tage marschierten sie quer durch den Schuppenrücken. Sie rasteten an Bächen oder kleinen Wäldern, ohne andere Leute auch nur von der Ferne aus zu Gesicht zu bekommen. Von der Straße aus war der Schuppenrücken eine faszinierende Aneinanderkettung von Berggipfeln, die den Eindruck eines eingegrabenen, gigantischen Reptils erweckten. Doch innen, zwischen den vermeintlichen Schuppen, war es noch beeindruckender. Hinter jeder Bergflanke erhoben sich weitere Kuppen, bis sich das Gebirge schließlich im dunstigen Horizont verlor. Während in den grünen Tälern Flüsse in Bergseen mündeten, so waren die Gipfel schneebedeckte weiße Spitzen. Zwischendurch fanden sie ein paar Büsche, an denen essbare Beeren wuchsen. Dann, am vierten Tag ihrer Reise, erblickten sie den Dornenberg. Ein massiver, grauer Fels, dessen oberes Drittel von Schnee und Eis bedeckt war. Er war deutlich größer als die anderen Berge des Gebirges und wurde direkt von drei anderen Bergen umgeben. Das Tal am Fuß des Dornenbergs, und an dessen Rand sie jetzt standen, war zerklüftet und ein großer See befand sich in der Mitte. Weder Awelia noch Feron wunderten sich, dass sich die Zwerge hier wohlfühlten.
Während sie das Tal durchquerten wurden weitere Details sichtbar. Auf den Hängen des Berges waren mehrere Zinnen und Türme herausgehauen worden. Sicher war ihre Gruppe bereits gesichtet worden. Direkt hinter dem See war ein großer Torbogen in die Bergflanke gearbeitet, dessen massige Eisentore bereits aus der Entfernung sichtbar waren.

Mit letztem Scheppern der Rüstungen hielt die Kolonne der Zwerge mit den beiden Menschen vor dem Tor. Vier Zwerge standen dort, mit langen Hellebarden bewaffnet, und guckten grimmig. Eine der Wachen trat hervor. „Kesh nar, Horemias?“ fragte er auf zwergisch. Horemias antwortete und deutete auf die Menschen. Die Wachen blickten sich überrascht an, und schließlich sagten sie „Jeder Feind der Echsen ist unser Freund. Tretet ein!“ Die großen Torflügel öffneten sich lautlos und sie betraten den Berg.
Loria war wie eine andere Welt. Sie hatten in den Stunden seit ihrer Ankunft nur einen winzigen Teil gesehen, doch es war extrem beeindruckend. Die Zwerge hatten eine Stadt tief in den Berg gebaut, die ihresgleichen suchte. Es gab lange, verwinkelte Gänge und gewaltige Hohlräume, in denen Erz abgebaut oder Nahrung angebaut wurde. Praktisch alles bestand aus den Materialien, die der Berg hergab. Mauern waren direkt in den Fels gearbeitet, Tore bestanden aus Steinblöcken. Verschiedene Eisenerze waren zu Scharnieren und Gittern verarbeitet worden, einige Türen waren mit Gold und Silber beschlagen. Geschliffene Kristalle und große Edelsteine funkelten in den Fassungen großer Statuen. Öl brannte in steinernen Becken und in den tragbaren Eisenlampen, und tauchte alles in sanftes Licht. Dinge, die in den Ländern der Welt ein unschätzbares Vermögen wert waren, wurden hier für alltägliches verwendet. Dagegen war Holz eine Seltenheit. Es musste über einen weiten Weg heran transportiert werden, und war für die Zwerge ein Luxusgut, das nur in meisterhaften Waffen oder beim Mobiliar gehobener Persönlichkeiten Verwendung fand. Das Wasser, was die Zwerge sowohl für ihre Arbeit als auch als Trinkwasser verwendeten, stammte aus unterirdischen Seen und Bächen. Die Nahrung bestand aus verschiedenen Pilzen, die an den Ufern der Gewässer oder in feuchten Höhlen angebaut wurden. Irgendwann durchquerten sie eine Höhle, in der vor vielen Jahrhunderten einmal eine reiche Goldader abgebaut worden war. Die Brücke, breit genug, das zwei Zwerge nebeneinander gehen konnten, und über hundert Schritt lang, ragte ohne Stützen über einen bodenlosen Abgrund. Über ihnen war die Decke deutlich zu erkennen, doch unter ihnen verlor sich die Wand nebst einiger weiterer Brücken in der Schwärze. „Wie tief geht es dort hinunter?“ fragte Awelia, während sie vorsichtig hinab spähte. Horemias zuckte mit den Schultern. „Als es zu warm wurde haben wir aufgehört zu graben.“ grummelte er nur.
Schließlich erreichten sie eine kurze Treppe, die zu einer großen, hölzernen Doppeltür führte, die mit Gold und Edelsteinen beschlagen war. Zehn Zwerge standen davor Spalier und nahmen zackig Haltung an, als sie sich näherten. „König Nasafor erwartet Euch. Antwortet wahrheitsgemäß, wenn Ihr gefragt werdet.“ erklärte Horemias. „Folgt mir.“

Der Thronsaal war beeindruckend. Es war eine lange Kammer mit großen, massiven Säulen, und mehreren Emporen, die auf halber Höhe waren. Der Boden war aus Marmor und die Gemälde an den Säulen und der Decke bestanden aus tausenden winzigen Edelsteinen. Sie zeigten Bildnisse von früheren Königen und große Siege gegen Drachen. Awelia fiel auf, dass die Zwerge einiges mit den verhassten Drachen gemeinsam hatten. Nicht nur lebten beide gern in Höhlen, sondern horteten unermessliche Reichtümer. Vor ihnen, am Ende eines goldbestickten Teppichs, stand der Thron. Groß genug, dass ein Troll darauf hätte Platz nehmen können, war er aus einem einzelnen Brocken Eisenerz geschlagen worden. Doch nicht irgendein Erz, sondern ein dunkles Grau mit goldenen Sprenkeln. Feron hatte den sogenannten Goldstahl bisher nur in Büchern gesehen. Dort auf dem Thron saß König Nasafor. Er trug einen Mantel aus Oltanis, dem seltensten Metall der Welt. Übersetzt bedeutete es so viel wie Stoff der Götter. Es konnte ausschließlich in sehr großen Tiefen gefunden werden, und nur die Zwerge hatten das Wissen, es zu verarbeiten. Dann war es unglaublich widerstandsfähig, und angeblich schützte es sogar vor Magie.
Es wurde still, als sie vor den König traten, alle Augen im Raum waren auf Awelia und Feron gerichtet. Nasafor erhob sich, sein Bart reichte nun fast bis auf den Boden, und richtete seinen Blick auf sie. „Das sind also die Menschen, die den Großen Feuersturm erschlagen haben.“ sagte er mit dröhnender Stimme. „So erzählt uns, wie Ihr geschafft habt, woran wir ein Äon lang gescheitert sind.“ Awelia warf Feron einen ermutigenden Blick zu. Sie wusste, dass er viel besser Geschichten erzählen konnte. Feron räusperte sich leicht und begann zu erzählen. „Wir waren auf der Reise nach Karturas und machten in einer Stadt namens Bergbach Rast. Mitten in der Nacht griff Zakar an. Er brannte die Stadt nieder und raubte alles Gold aus der Schatzkammer. Wir sind nur mit Mühe entkommen, als wir in den Fluss sprangen, während brennende Trümmer vom Himmel regneten.“ erzählte er ernst, doch mit dramatischer Stimme. „Am nächsten Morgen betrachteten wir die kläglichen Überreste der einstmals schönen Stadt. Alles war zerstört worden, und überall lagen die Leichen dieser grausamen Tat. Wir beschlossen, dass dieses Verbrechen nicht ungesühnt bleiben durfte. Und so nahmen wir die Verfolgung auf.“ erzählte er weiter, während ihm die Zwerge gebannt zuhörten. Awelia musste sich ein Lächeln verkneifen, denn Feron machte seine Sache gut, auch wenn er vieles verdrehte. „Wir folgten dem Drachen in den Schuppenrücken, und meiner Gefährtin, eine Zauberin müsst Ihr wissen, gelang es, die Höhle des Untiers aufzuspüren. Und dort trafen wir auch Zakar an, inmitten seiner Schätze, die er in all der Zeit zusammengeklaubt hatte. Wir forderten ihn heraus, und er begegnete uns mit seinem Feueratem. Wieder und wieder spie er seine Flammen und schmolz Berge von Schätzen zu glühenden Pfützen. Es dauerte eine Weile, nah genug heranzukommen, während ihn meine Gefährtin ablenkte. Sie schleuderte mächtige Zauber, von denen jeder einen Troll getötet hätte. Doch Zakar, bebend unter den Schlägen, blieb unversehrt. Schließlich erreichte ich ihn, und ein Zweikampf begann. Der Drache versuchte mich unter seinen gewaltigen Klauen zu zerquetschen und mit seinem riesigen Maul zu verschlingen. Ich entkam den Angriffen nur knapp. Seht meine abgerissene Hose hier an. Jedenfalls blieb ich nicht untätig. Meine Hiebe prasselten auf die Bestie ein, doch die Schuppen waren zu dick, um sie zu durchdringen. Schließlich nahm ich all meinen Mut zusammen, und sprang in Zakars geöffnetes Maul. Er war genauso überrascht, wie Ihr es jetzt seid! Ich hob meine Klinge und stieß sie durch den Kiefer in sein Hirn. Bevor die Kiefer sich wieder schlossen, sprang ich heraus und sah, wie das Licht in den Augen des Drachen erlosch.“ Awelia stellte sich den Kampf vor, den Feron beschrieb. Ein Kampf, der so nie stattgefunden hatte. Doch es war ein heldenhafter Kampf gegen ein gewaltiges, überlegenes Ungeheuer, und das gefiel den Zwergen. Sogar König Nasafor folgte den Worten des Drachentöters gebannt. Als Feron schließlich geendet hatte, brach Jubel hervor. Dann machte der König eine Geste und die Menge beruhigte sich. Er ergriff das Wort. „Das war eine außergewöhnliche Heldentat. Mutig und entschlossen.“ sagte er leise. „Ganz Loria steht tief in Eurer Schuld. Wenn Ihr Eure Reise nach Karturas fortsetzen möchtet, so werden wir Euch auf die andere Seite des Gebirges führen. Aber jetzt, jetzt wird gefeiert! Seid unsere Gäste!“ Die Zwerge jubelten.

Die Feier war ausgelassen. Überall betranken sich Zwerge, und es gab reichlich zu Essen. Nicht nur im Thronraum, sondern auch in der Umgebung wurde gefeiert und lautstark gesungen. Awelia und Feron standen im Zentrum der Aufmerksamkeit. Immer fort gratulierte ihnen jemand, klopfte ihnen auf die Schulter oder wollte mit ihnen anstoßen. Doch das Getümmel wurde den Menschen schnell zu viel. Das Geschrei und die Sauferei erreichten einen Punkt, wo es nur noch belastend war, daneben zu stehen. Trotzdem dauerte dauerte es noch Stunden, bis sie sich absetzen konnten. Schließlich gelang es ihnen, sich in eine fast leere Kammer zu flüchten. „Die Zwerge sind zu recht berüchtigt für ihre Trinkgelage.“ stöhnte Feron und hielt sich den Kopf. Um ihn drehte sich alles. Awelia sagte gar nichts. Sie war zu Boden gesunken und rieb sich angestrengt die Stirn. „Alles in Ordnung?“ fragte er sie. „Ich glaube mir kommt alles wieder hoch.“ flüsterte sie und stieß auf. Feron beugte sich zu ihr hinunter und rieb ihr den Rücken. Das war das Letzte, woran er sich erinnern konnte.

Langsam kam Awelia wieder zu sich. Sie fühlte sich grauenvoll und hatte die schlimmsten Kopfschmerzen ihres Lebens. Jede noch so kleine Bewegung erzeugte ein Dröhnen in ihrem Kopf. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Zunächst dachte sie, die Tür wäre über ihr und sie wäre in ein Loch gefallen. Doch dann ging ihr auf, dass sie auf der Seite lag. Langsam nahm die Umgebung sinnvolle Formen an. Awelia befand sich in einem verlassenen Lagerraum. Behutsam richtete sie sich auf. Sofort schossen Sterne vor ihre Augen und sie sank wieder zurück.
Schließlich hatte sie sich so weit akklimatisiert, dass sie langsam gehen konnte. Sie verließ das Lager und trat in einen der verwinkelten Korridore. Awelia war sich sicher, dass sie hier noch nicht gewesen war, sie hatte auch keine Ahnung, wie sie hergekommen war. Der verdammte Zwergenmet ist extrem stark! dachte sie finster. Ich trinke nie wieder was, was die mir anbieten! Nirgendwo war jemand zu sehen, auch zu hören war nichts. Sie musste Feron finden. Sich an der Wand abstützend bewegte sich Awelia vorwärts. Es dauerte eine Zeit lang, doch irgendwann endete der Gang in einer Kaverne. Ein paar Zwerge bewirtschafteten eines der Pilzfelder. Aus den Augenwinkeln sah sie eine größere Gestalt, die hinter einem Stalagnaten lag. Es war Feron. Sie beugte sich über ihn und schüttelte seine Schultern. Mit einem Grunzen öffnete er die Augen. „Awelia, was ist denn los?“ nuschelte er benommen. „Was ist passiert?“ fragte sie. Der Drachentöter zuckte zurück. „Oh verdammt. Bei aller Freundschaft, du musst dich mal etwas frisch machen.“ stöhnte er. „So wie du riechst hast du den Met absolut nicht vertragen.“ Awelia blickte schockiert an sich herab. Zumindest ihre Schuhe hatten deutliche gelbe Spritzer, und als sie sich ins Gesicht fasste, fühlte sie verkrustete Klumpen unter ihrem Mund. Sie spürte, wie sie rot wurde.
Ihr Kopf verschwand im Eimer und tauchte nach ein paar Sekunden wieder auf. Awelia prustete mit geschlossenen Augen und rieb sich das Gesicht. Feron betrachtete sie mitleidig. Sie wiederholte die Prozedur noch ein paar Mal, dann schüttete sie das Wasser in die Latrine. „Wie sehe ich aus?“ fragte sie schließlich. Der Dreck aus ihrem Gesicht war verschwunden, und auch der Geruch war fast nicht mehr da. „Besser.“ antwortete Feron leicht lächelnd. „Das ist wirklich peinlich. Ich möchte mich dafür entschuldigen.“ flüsterte Awelia geknickt. Er legte einen Arm um sie. „Das ist in Ordnung, das kann jedem mal passieren.“ „Ich bin eine Zauberin, so etwas sollte mir nicht passieren.“ „Schwamm drüber, hat ja keiner mitbekommen.“ Feron schenkte ihr ein warmes Lächeln und sie nickte dankend. „Und … was tun wir nun?“ fragte sie vorsichtig. „Wir sollten Horemias suchen, damit er uns durch den Berg führt.“