Kapitel 9 – Póhr Câlio
Sie fanden Horemias in einem der Minenschächte. In dem gewaltigen Hohlraum, der über hundert Schritt maß, bauten dutzende Zwerge Silber und Eisen ab. Sie hingen an Seilen von den Vorsprüngen, während sie mit Spitzhacken den Fels bearbeiteten. An einigen Stellen ragten wackelige Holzkonstruktionen um die riesigen Stalagnaten auf, auf denen weitere Zwerge arbeiteten, und von und zu denen eiserne Loren mit Abraum oder Erz fuhren. Die Zwerge hatten ein ausgeklügeltes Seilsystem installiert, mit dem jeweils ein halbes Dutzend von ihnen eine Lore zog. Horemias hatte Hände und Kinn auf seinen Hammer gestützt und beobachtete die Szenerie. „Herr Horemias?“ fragte Awelia leise, um ihn nicht aufzuschrecken. Langsam drehte sich der Zwerg herum und ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Entschuldigt. Ich komme gern hierher, um nachzudenken. Dieser Ort hat eine gewisse Ruhe.“ erklärte er mit einer Geste auf die Arbeiten hinter sich. Feron warf einen Blick auf das emsige Treiben und versuchte den Lärm zu ignorieren. „Wir wollten Euch bitten, uns durch das Gebirge nach Karturas zu bringen.“ sagte er. Der Zwerg nickte. „Es ist ein Fußmarsch von drei Tagen, Ihr solltet Euch entsprechenden Proviant besorgen.“
Kurz darauf hatten sie sich mit Proviant und Kletterzeug ausgerüstet und machten sich auf den Weg. Horemias führte sie durch Loria, vorbei an steinernen Häusern und mit Öllampen beleuchteten Alleen, bis sie schließlich die Zwergenstadt hinter sich ließen. Sie passierten ein massives steinernes Tor und der Lärm blieb zusammen mit den letzten Wachen hinter ihnen zurück. Nur ihre Lampen erleuchteten die verlassenen Gänge und großen Höhlen. Awelia fragte sich, wie tief sie unter der Erde waren. Sie konnte nicht sagen ob es zehn Schritt waren oder hundert. Hier unten in den dunklen Gängen fühlte sie sich verloren, auch wenn Feron direkt neben ihr stand. Die von den Zwergen verlassenen Kavernen, in denen immer noch Gerätschaften lagen, wirkten noch gespenstischer als die natürlichen tiefen Abgründe, die sie passierten.
Sie hatten schon zwei Tage hinter sich gebracht, als sie an einem Wasserfall rasteten. Das Wasser hatte sich im Laufe der Jahrtausende einen Weg durch den Fels gebahnt, war zu einem Bach angeschwollen und in die hohe Kammer gebrochen, in der sie sich jetzt befanden. Irgendwo weit über ihnen schoss das Wasser in den Hohlraum, rauschte an ihnen vorbei in die Tiefe und verschwand in der Dunkelheit. Ein feiner Sprühnebel befeuchtete alle Oberflächen, und Moos wucherte an einigen Stellen. Beim Überqueren der schmalen Brücke, die auf die andere Seite führte, mussten sie sehr vorsichtig gehen, um nicht dem Wasser in die Tiefe zu folgen. Nachdem sie die andere Seite erreicht hatten, wandte sich Awelia zu Horemias. „Sagt, wo kommen wir hin, wenn wir das Gebirge verlassen?“ fragte sie neugierig. „Am Fuße des Schuppenrücken liegt der Sommerwald. Dort wird es nie Winter, irgendein Zauber der Elfen, die im Wald hausen.“ Awelia erinnerte sich, dass die Zwerge mit den Elfen nicht gut auskamen. Es kam zwar nur sehr selten zu offenen Konflikten, doch man begegnete sich nur abschätzig. Der Grund dafür lag Jahrtausende zurück und war längst vergessen. „Da ist doch etwas, was Ihr uns verschweigt.“ sagte die Zauberin langsam. Horemias druckste etwas herum, bevor er schließlich antwortete. „Das Tor der Hinterlist. Es gab vor ein paar Jahren einen Streit. Danach haben die Elfen den einzigen Pfad zum Sommerwald mit dem Tor versperrt, dass sie Póhr Câlio nennen. Wir konnten es bislang nicht öffnen.“ erzählte er traurig. „Typisch Elfen! Machen nichts als Ärger!“ schimpfte Feron plötzlich los. „Genau. Wir haben nicht angefangen. Die Elfen haben uns provoziert, und als wir ihnen nicht gaben, was sie wollen, haben sie das Tor gebaut.“ erklärte der Zwerg weiter, jetzt jedoch aufgebracht. Awelia musste sich bemühen, nicht mit den Augen zu rollen. „Ich habe gehofft, einer Zauberin und einem Drachentöter wäre es möglich, das Tor zu öffnen.“ schloss Horemias resigniert. „Wo wäre der nächste Weg nach Karturas?“ fragte die Zauberin ruhig. „Ein Stück weiter westlich gibt es einen alten Fluchtschacht, der zum Fluss Meanor führt. Dann müsst Ihr aber einen Teil des Schuppenrückens umgehen. Selbst für Euch dauert es zwei Wochen länger.“ erklärte der Zwerg. Die Menschen wechselten einen Blick. „Ich denke, wir können ein paar Tage erübrigen, und uns das Tor ansehen.“ antwortete Feron mit einem Nicken.
Das Tor stand mitten in einem langen Höhlengang. Davor stand eine Gruppe bewaffneter Zwerge. Horemias ging zu seinen Kameraden, während Awelia und Feron vor das Tor traten. Es war eine massive und dennoch filigrane Konstruktion, die perfekt mit dem Fels abschloss. Die beiden hohen Torflügel waren mit Figuren verziert, die eine Geschichte zu erzählen schienen. Zudem hatten sie keinen Knauf. Auf dem Torbogen standen große Lettern in der Sprache der Elfen. Feron klopfte gegen das Holz. „Ziemlich dick.“ bemerkte er. „Ich glaube, es ist ein Rätsel.“ mutmaßte Awelia, die immer noch die Figuren betrachtete. Horemias gesellte sich wieder zu ihnen. „Wir haben versucht es einzureißen, doch unsere Werkzeuge können das Tor nicht beschädigen. Selbes gilt für den Fels hier. Wir haben erfolglos versucht, uns drum herum zu graben.“ sagte er beiläufig. Mit einem Blick auf die zurückliegende Kreuzung fügte er hinzu „Wir sind nicht allein. Die anderen meinen, Goblins gehört zu haben.“ Feron legte den Kopf in den Nacken. „Was bedeuten diese Worte auf dem Bogen?“ fragte er den Zwerg. „Zutritt nur für Elfenfreunde.“ kam die grummelige Antwort. Die Zauberin schüttelte den Kopf. „Nein, da steht 'Auf Geheiß des Fürsten öffnet sich die Pforte für Freunde der Elfen.'“ erklärte sie nachdenklich. „Ich wusste nicht, dass du die Elfenschrift lesen kannst.“ sagte Feron beeindruckt. „Ich auch nicht.“ antwortete Awelia abwesend. Feron drehte sich nachdenklich zum Tor. „Was ist das elfische Wort für Freund?“ fragte er. „Calîos.“ Einige Sekunden lang starrten sie das Tor an, doch nichts geschah. „Elfen sind hinterhältige Nichtsnutze!“ schnauzte Horemias und stapfte davon. Awelia wandte sich an Feron. „Ich weiß ich sollte es wissen.“ flüsterte sie. „ Aber was sind Goblins?“
Nachdem Feron sie aufgeklärt hatte, wusste sie nun, dass Goblins kleine, glubschäugige, humanoide Kreaturen waren, die in Höhlen oder selbstgegrabenen Erdlöchern hausten. Sie lebten meist in großen Gruppen und waren sehr primitiv. Als das geklärt war, hatten sie sich wieder dem Tor zugewandt. Die Zwerge hatten versucht, es zu zerstören oder drumherum zu graben. Doch nichts war erfolgreich gewesen. Nun war es an ihnen, das Rätsel zu lösen. Feron war bislang leider keine große Hilfe. So blieb es an Awelia, das Tor schließlich zu öffnen. Doch das war leichter gesagt als getan. Sie wusste, das Elfen Rätsel liebten, verschachtelte umso mehr. Zunächst müsste sie erst einmal herausfinden, was das richtige Rätsel war. War es der Schriftzug, der nur Freunde der Elfen passieren ließ? Oder war es in den Verzierungen versteckt, und hatte etwas mit der abgebildeten Geschichte zu tun? Vielleicht war es auch das Tor selbst und seine Umgebung. Und mit Pech war es eine Kombination der Möglichkeiten oder etwas ganz anderes. Ihr blieb keine andere Wahl, als alle Möglichkeiten durchzugehen und entweder auszuschließen, oder das Tor zu öffnen.
Ein Freund der Elfen. dachte Awelia, während sie sich wieder und wieder den Satz durchlas. Aber wie wird man ein Freund der Elfen? Dazu müsste man sie ja erstmal kennen lernen. Und welcher Freund der Elfen wandert tagelang durch Zwergenhöhlen? Sie legte den Kopf schief. Nein, die wörtliche Auslegung des Satzes machte keinen Sinn. Was wenn 'Freund' jemand war, der den Elfen wohlgesonnen war? Kein Zwerg würde das Tor öffnen können. Feron fiel damit auch weg und sie selbst wusste zu wenig, um wohlgesonnen zu sein.
Nachdem sie eine Weile über den Worten gebrütet hatte, sah sie ein, dass sie auf der Stelle trat. Es war an der Zeit einen der anderen Ansätze zu probieren. Awelia trat näher und betrachtete die Figuren. Es dauerte einen Moment, bis sie den Anfang fand. Die Geschichte begann unten links, folgte dem Torbogen hinauf und auf der anderen Torhälfte wieder hinab. Ein großes, geflügeltes Wesen, einem Drachen nicht unähnlich, kroch in ein Loch. Kleine Männchen, vermutlich Zwerge, attackierten das größere Geschöpf, und verletzten es offenbar schwer. Der Drache zog sich zurück und traf auf einige Männchen, die größer als die Zwerge waren. Anscheinend redeten sie. Dann stellten sich die größeren Männchen vor den Drachen und redeten mit den Zwergen. Diese griffen daraufhin an und bekämpften die größeren Männchen, während der Drache in einen Wald floh. Nachdenklich betrachtete die Zauberin die letzten Bilder.
Feron hatte sich zu den Zwergen gesellt und eine Weile über die Vor- und Nachteile von Schwertern und Hämmern gefachsimpelt. Schnell war klar geworden, dass sie völlig unterschiedliche Kampfstile hatten. Während er selbst agil kämpfte, setzten die Zwerge auf brachiale Gewalt. Gerade führte eine der Wachen ihre Speerkünste vor und stieß kraftvoll nach einem imaginären Gegner, als Awelia herbei geschlendert kam. „Sagt, haben die Elfen einen Drachen vor euch geschützt?“ fragte sie Horemias direkt. Der Zwerg blickte sie verblüfft an und begann dann schallend zu lachen. Nachdem er sich halbwegs beruhigt hatte, wischte er sich eine Träne aus den Augen. „Nein, geehrte Frau Zauberin. Die Geschichte, die Ihr meint, ist ein Hirngespinst der Elfen. Vermutlich um zu zeigen, wie nobel sie doch seien. Aber ich versichere Euch, was dort abgebildet ist, ist komplett erfunden.“ erklärte der Zwerg. Awelia nickte, doch sie schien nicht gänzlich überzeugt.
Etwas abseits stellte sich Feron neben Awelia. „Hast du schon eine Idee?“ fragte er leise. „Oh ich hab schon einige. Aber bislang weiß ich nicht, wie wir das Tor öffnen können.“ antwortete sie in der selben Lautstärke. Er blickte hinüber zum Tor. „Wie wäre es, wenn du … naja … es mit einem Zauber aufsprengst?“ schlug er mit schelmischem Grinsen vor. Der Gedanke war Awelia tatsächlich gekommen. Sie erklärte Feron, wie sie in den vielen Büchern Salacos gelernt hatte, dass der Zugang der Völker zu Magie und Zauberei ganz unterschiedlich war. Praktisch jeder Mensch konnte Magier werden, doch es waren nur sehr wenige Zauberer unter ihnen. Die Elfen hingegen hatten viele Zauberer, und auch jeder andere Elf war zumindest etwas mit Magie vertraut. Die Zwerge jedoch taten sich selbst als Magier sehr schwer. Und bei anderen Völkern sah es nocheinmal anders aus. „Ich glaube kaum, dass das Tor gegen Zauber geschützt ist. Aber es kommt mir nicht richtig vor, das Rätsel so zu lösen.“ schloss die Zauberin schließlich. Feron nickte. „Fragen kostet nichts. Wenn du mich für irgendwas brauchst, sag Bescheid.“ sagte er halblaut, und trottete zurück zu den Zwergen.
Mittlerweile waren sie bereits einen Tag hier, ohne dass Awelia das Tor öffnen konnte. Sie hatte zusammen mit Feron mehrmals versucht, Horemias davon zu überzeugen, die Geschichte um das Tor zu erzählen. Doch der Zwerg wiegelte jedes mal ab. Es stehe nur dem König zu, darüber zu reden, sagte er dann. Awelia hatte sich mittlerweile zusammengereimt, dass die Elfen etwas aus den Höhlen mitgenommen hatten, was die Zwerge haben wollten. Doch sie wusste nicht, was es war, oder ob es überhaupt mit dem Rätsel zusammenhing. Seufzend setzte sie sich vor das Tor. Auf einmal legte sie den Kopf schief. Gerade war ihr im Lampenschein etwas aufgefallen. Die Figuren warfen Schatten. Natürlich waren sie aus dem Holz herausgearbeitet worden, das hatte sie schon zu Beginn bemerkt. Doch üblicherweise waren Reliefs nicht bemalt. Man mochte es der Extravaganz der Elfen zuschreiben, doch es war eigenartig. Awelia erhob sich und trat vor das Tor. Langsam strichen ihre Finger über die Figuren. Sie waren aus dem selben Holz wie das Tor. Doch als sie auf eine der Drachenfiguren drückte, gab diese nach und ließ sich ein Stück nach hinten schieben. Nach einigen Augenblicken ertönte ein leises Klicken und die Figur sprang wieder in die Ausgangsposition. Die Zauberin lächelte leicht. Jetzt hab ich es. Ich muss die Geschichte freundlich für die Elfen darstellen, damit sich das Tor öffnet. dachte sie, innerlich jubelnd. Doch sie fasste sich rasch wieder. Es gibt ja nur an die fünfzig Figuren, das schränkt die Möglichkeiten etwas ein.
Feron betrachtete Awelia aus einiger Entfernung, wie sie am Tor stand. Er hoffte, sie würde bald zu einer Lösung kommen, denn sonst mussten sie wohl oder übel den Umweg nehmen. Im Seitengang hörte er ein Geräusch, als ob etwas über den Stein kratzte. Feron drehte sich herum, und auch die Zwerge hatten das Geräusch gehört. „Was war das?“ fragte er leise. „Goblins.“ antwortete Horemias grimmig, den Hammer in beiden Händen. Wie zu seiner Bestätigung leuchteten gelbe Augen im Tunnel auf.
Die Goblins kamen durch den Gang auf sie zu. Einige rannten gebückt, während andere an den Wänden und der Decke entlang kraxelten. Die grauhäutigen Kreaturen waren einen halben Kopf kleiner als die Zwerge, wirkten wie abgemagerte Menschlein mit großen, gelben Augen. Sie trugen nur einen Lendenschurz, und primitive Messer und Speere. Doch sie waren schnell. Feron hatte kaum sein Schwert gezogen, als der erste Goblin heran war. Die Kreatur sprang vor und einen der Zwerge an. Der Hammer sauste schneller nieder als Feron von so einem schwer gerüsteten Krieger erwartet hätte, und der Goblin wurde jaulend zur Seite geschleudert. Schon waren weitere Feinde heran, und auch Feron wurde angegriffen. Eine Kreatur mit einem Messer sprang frontal auf ihn zu, und er begegnete ihr auf gleiche Weise mit dem Schwert. Der Goblin wurde aufgespießt, was ihn nicht davon abhielt wild kreischend mit dem Messer herumzufuchteln. Feron schlug die Klinge zur Seite, packte den Widersacher am Kopf, und befreite sein Schwert. Ein weiterer Goblin ließ sich mit einem Speer von der Decke fallen, und der Drachentöter sprang im letzten Moment zurück. Sofort ging er zum Gegenangriff über. Sein erster Hieb kostete dem Goblin den Waffenarm, der Zweite den Kopf. Feron nutze den Freiraum um sich einen Überblick zu verschaffen. Die Zwerge behaupteten sich, Horemias schleuderte gerade mit einem kraftvollen Hieb eine Kreatur in vier ihrer Artgenossen. Doch sie waren bereits zwei zu eins unterlegen und weitere Goblins kamen aus der Dunkelheit angerannt. Er hoffte nur, dass keiner der Goblins an ihnen vorbei rannte und Awelia angriff. Ein Blick nach hinten zeigte ihm die unbehelligte Zauberin, die immer noch an dem Tor stand.
Awelia bemühte sich, den Kampflärm auszublenden. Doch es war schwierig, da die Schreie, das Waffenklirren und vor allem das wilde Gequieke von den Wänden widerhallte. Stattdessen versuchte sie, sich auf das Rätsel zu konzentrieren. Sie musste die Figuren in einer bestimmten Reihenfolge drücken, damit eine den Elfen wohlgefällige Geschichte entstand. Mit ihren ersten Versuchen hatte sie herausgefunden, dass die Figuren kurz nach ihrer letzten Eingabe wieder in die Ausgangsposition gerückt wurden. Zudem wurde das Puzzle zurückgesetzt, wenn sie offensichtlich falsche Lösungen eingab, etwa drei Drachen drückte. Aber sie hatte auch kleine Erhebungen zwischen den Szenen auf dem Tor gefunden, die offenbar den Abschluss einer Szene markierten. Sie musste sich nur noch eine Geschichte ausdenken, die die Elfen freundlich darstellte. Awelia bezweifelte, dass es die Geschichte auf dem Tor war, denn das wäre zu einfach. Hinter ihr hörte sie einen Schrei und sie fuhr erschrocken herum.
Feron warf einen kurzen Blick zur Seite. Einer der Zwerge war von einem halben Dutzend Goblins zu Boden gerungen worden, die sich nun daran machten, sein Gesicht zu zerhacken. Doch Feron wurde selbst von zwei der Kreaturen bedrängt, und eine Dritte hatte gerade ihren Speer geschleudert und ihn knapp verfehlt. Rasch machte er einen Ausfall und entledigte sich eines Gegners. Ein Goblin segelte an ihm vorbei, wahrscheinlich von einem Hammer getroffen. Feron machte einen Schritt zurück und tötete den Goblin neben sich, der Horemias anspringen wollte. Dann kam ein weiterer Speer geflogen und er schaffte es nicht mehr, auszuweichen. Die Spitze schnitt durch Stoff und Fleisch. Schmerz brach in seiner Schulter hervor und er biss die Zähne zusammen. Aber er erlaubte sich nur einen kurzen Blick auf die Wunde. Glücklicherweise war der Speer nicht steckengeblieben, sondern hatte ihn nur gestreift. Die Wunde war nicht allzu tief, doch es quoll bereits Blut heraus. Feron sprang den nächsten Goblin an und enthauptete ihn.
Das Geschrei und das Waffenklirren machte es schwer, sich zu konzentrieren. Awelia hatte einen guten Gedanken für eine Geschichte gehabt, der ihr dann jedoch wieder entfallen war, als irgendetwas besonders laut gekreischt hatte. Als ihr dann wieder etwas Brauchbares eingefallen war, hatte sie gezögert, als sie ein Klirren in ihrer Nähe gehört hatte, und die Figuren waren wieder in ihre Ausgangsposition zurückgegangen. Ich hätte das Feron überlassen sollen! dachte sie mit zusammengekniffenen Augen. Er kann gut Geschichten erzählen. Sie betrachtete das Tor noch einmal und holte tief Luft. „Die Elfen werden von einem Drachen angegriffen. Sie fangen ihn, doch Zwerge kommen, und greifen die Elfen an.“ murmelte sie, während sie Figuren hineindrückte.
Langsam aber stetig wurden die Zwerge und Feron zurückgedrängt. Ein Zwerg war bereits gefallen, zwei weitere schwer verletzt. Wenn sie hier blieben, würden die Goblins sie schlicht und einfach durch ihre schiere Anzahl überwältigen. „Wir müssen zur Spalte von Dûn Mahr! Dort nützt ihnen ihre Zahl nichts!“ brüllte Horemias, während er mit seinem Hammer einen Goblin zu Brei schlug. Sie waren bereits so weit zurückgewichen, dass Awelia gleich schutzlos sein würde. Es war Zeit, das Tor aufzugeben. In den Tiefen der dunklen Gänge brüllte etwas. Feron hatte diesen Laut zuletzt vor vielen Jahren gehört und gehofft, ihn nie wieder zu hören. Es lief ihm kalt den Rücken runter. „Wir müssen sofort weg!“ schrie einer der Zwerge. „Es öffnet sich!“ rief jemand anders. Es war Awelia. Er sah sich nach ihr um und tatsächlich schwangen die Torflügel langsam auf. Feron schlug einen Goblin nieder, der zur Zauberin rennen wollte. „Horemias, das Tor ist offen, zieht Euch zurück!“ rief er zu den Zwergen. „Viel Glück!“ grunzte der Zwerg, als er einer Kreatur mit einem Kopfstoß den Schädel einschlug.
Feron rannte auf sie zu, die Goblins direkt hinter sich. Awelias Hände legten einen imaginären Pfeil auf einen imaginären Bogen und schossen ihn ab. Ein Flammenpfeil schoss knapp am Drachentöter vorbei und verwandelte den ersten Goblin in eine quiekende Fackel. Sie wiederholte den Angriff noch einmal, dann war Feron bei ihr. Mittlerweile hatte sich das Tor vollständig geöffnet. Der Weg dahinter war dunkel und leer. Ein gutturales Brüllen erscholl. „Was war das?“ fragte sie verängstigt, während sie einen weiteren Pfeil abschoss, um die Goblins auf Distanz zu halten. „Kriegsbestie.“ rief Feron. „Wir müssen hier weg, dagegen können wir nichts ausrichten.“ Awelia wollte widersprechen, doch da kam das Ungeheuer aus den Schatten hervor. Es war eine ungeschlachte Bestie, so groß wie zwei Männer. Seine massiven Beine zertrampelten mühelos einen im Weg stehenden Goblin. Das reißzahnbewährte Maul stand weit offen und Geifer troff daraus hervor. In einem der muskulösen Arme hielt es eine schwere, stählerne Klinge, zwei Schritt lang und mit spitzen Reißzähnen besetzt. Beim Anblick der Kriegsbestie drehte sich Awelia um und floh. Feron war dicht hinter ihr, während sie den Weg entlang rannten und die Bestie ihnen brüllend folgte.
Als die Dunkelheit sie empfing stellte Feron fluchend fest, dass sie die Laterne am Tor liegen gelassen hatten. Ohne innezuhalten beschwor Awelia Leuchtkugeln über ihren Köpfen. Sie hasteten weiter durch den langen Gang, während hinter ihnen die Kriegsbestie rannte und brüllte. Immer wieder scharrte das riesige Schwert an die Wände.
Vor ihnen öffnete sich eine kleine Höhle. Sie rannten hinein und sahen sich rasch um. Es gab ein paar Stalagnaten, und sie erblickten zwei weitere Wege, die zu den Seiten abgingen. „Wo müssen wir lang?“ rief Feron hektisch, während er sich der Bestie zuwandte. Sie war dicht hinter ihnen und raste in die Höhle herein. „Hier lang!“ schrie Awelia panisch. Feron stolperte zurück, als die Kriegsbestie mit dem Schwert nach ihm hieb. Für ihre Größe war sie sehr schnell. Er wich einem weiteren Hieb aus, und er hatte nicht das Verlangen, gegen die Kreatur zu kämpfen. Vor vielen Jahren hatte er eine dieser Kriegsbestien kämpfen sehen, und der Gedanke daran ließ ihn erschaudern. Mit einer Rolle wich er dem nächsten Schwinger aus und blickte sich nach Awelia um. Sie war verschwunden. Er wusste nicht, in welchen Gang sie gerannt war. Fluchend sprintete er auf die nächste Öffnung zu.
Awelia rannte, und irgendwann stellte sie fest, dass das Geräusch der Bestie verschwunden war. Sie wurde langsamer und drehte sich um, ohne ganz stehen zu bleiben. Hinter ihr war nichts und niemand. Auch Feron nicht. „Oh nein.“ flüsterte sie und hielt inne. Sie überlegte, ob sie zurückgehen und ihn suchen sollte. Aber was, wenn die grauenvolle Bestie immer noch da war? Der Funken in ihrem Inneren regte sich, und ihr fiel ein, dass sie auch über Feron ein Licht gezaubert hatte. Awelia wusste, dass es noch da war, sie konnte es spüren. Es war an Feron gebunden und solange er am Leben war, würde es weiter leuchten. Zumindest hoffte sie, dass es so war. Der Funke in ihr hielt den magischen Fluss aufrecht, und sie spürte, wie sich die Strömung leicht änderte. Feron musste sich also noch bewegen. Sie beschloss, dass es das Beste war, den Ausgang zu finden, und hoffte, unterwegs Feron irgendwo zu entdecken.
Die Kriegsbestie folgte ihm brüllend durch den Gang. Feron bemühte sich, auf Distanz zu bleiben und war froh über das Licht über seinem Kopf. Im Gegensatz zu ihm konnte die Kreatur in der Dunkelheit sehen, und ohne Licht wäre er verloren. Strauchelnd bog er um eine Ecke und rannte direkt in eine Kaverne. Mehrere Stalaktiten hingen von der Decke, voraus tropfte ein kleines Rinnsal von einem hohen Vorsprung und sammelte sich in einem kleinen Becken. Er konnte nicht sehen, was hinter dem Vorsprung lag, doch hier unten gab es keinen anderen Ausgang. Zum Klettern blieb keine Zeit, denn die Kriegsbestie war direkt hinter ihm. Feron hatte keine andere Wahl, als sich dem Monster zu stellen.
Mit gezogenem Schwert stand er in Kaverne, das Becken im Rücken. Die Kriegsbestie stürmte hinein und blieb stehen. Das riesige Schwert kratzte funkensprühend über den Boden, sie beugte sich vor und brüllte ihn an. Geifer flog ihm entgegen, doch Feron blieb regungslos stehen. „Komm her, Scheißvieh!“ knurrte er. Die Kriegsbestie folgte der Einladung und stürzte sich mit einem Satz auf ihn. Er entkam dem Hammerschlag knapp und rollte sich unter einem Schwinger hindurch. Als er wieder hoch kam, stand er direkt vor der Bestie und zog ihr sein Schwert über den Oberschenkel. Dickflüssiges, grünes Blut quoll aus dem Schnitt. Da er die Reichweite unterlaufen hatte, konnte das Zwei-Schritt-Schwert nichts mehr ausrichten. Feron setzte zum zweiten Streich an, als er von der freien Pranke getroffen wurde. Er wurde mehrere Schritt zur Seite geschleudert. Jetzt weiß ich, wie sich diese Goblins gefühlt haben müssen. dachte er stöhnend, während er sich aufrappelte. Die Bestie stapfte auf ihn zu und hieb mit dem Riesenschwert nach ihm. Feron versuchte, den Angriff zu parieren und bereute die Entscheidung sofort. Die Wucht ließ seinen Arm erbeben und schleuderte ihn erneut zu Boden. Der Arm fühlte sich an, als wäre jeder Knochen zertrümmert. Das Schwert in seiner Hand summte wie aus Protest. Galle sammelte sich in seinem Mund und er spuckte sie aus. Rasch wechselte er das Schwert in die andere Hand und stolperte zurück, um dem nächsten Angriff zu entgehen. Brüllend stürzte sich die Kriegsbestie vor und führte einen Schwinger, um ihn zu enthaupten. Instinktiv ließ sich Feron fallen und rollte sich gleichzeitig zur Seite. Das Riesenschwert schnitt durch sein Hemd und die Zähne rissen die ohnehin schon geschundene Schulter auf. Tränen schossen in seine Augen und er heulte schmerzerfüllt auf. Sein Blut spritzte über den Boden, als er hinter der Bestie wieder auf die Knie kam. Jetzt oder nie. dachte er mit einer Mischung aus Wut und Todesangst. Feron stieß sich ab, und flog mit dem Schwert voran in die sich umdrehende Bestie. Die Klinge schnitt tief in den Bauch und öffnete ihn ganz. Manisch brüllend stolperte die Kriegsbestie zurück, während ihre Gedärme herausquollen. Doch noch war sie nicht tot. Zitternd setzte sie einen Fuß nach vorn und schwang ihr Schwert nach Feron. Ihm fehlte die Kraft, um auszuweichen. Seine Knie gaben nach, und er sackte in sich zusammen. Die blutigen Reißzähne zogen knapp über seinem Kopf vorbei, doch Feron nahm es kaum noch wahr. Er bemühte sich, bei Bewusstsein zu bleiben, während die Kriegsbestie einen weiteren zögernden Schritt auf ihn zukam, und dabei ihre eigenen Innereien zertrampelte. Ihm wurde schwarz vor Augen und er wurde ohnmächtig.
Feron kam langsam wieder zu sich. Er fragte sich, ob er tot war. Nach einiger Zeit öffnete er die Augen und fand er sich in der Kaverne wieder, das Wasserbecken direkt vor sich. Als er den Arm ausstreckte, um zu trinken, wusste er, dass er noch lebte. Die Schmerzen in seinem malträtierten Körper kamen schlagartig zurück. Heftiger, dumpfer Schmerz dröhnte von seiner Schulter. Zitternd und stöhnend führte er eine Hand voll Wasser zum Mund. Dann schluckte er kühles Bergwasser und Erbrochenes hinunter. Feron trank noch etwas, bevor er versuchte, aufzustehen. Die Schmerzen vereinten sich zu einem dumpfen Nebel, doch er schaffte es, schwankend hochzukommen. Als er sich herumdrehte, erblickte er die tote Kriegsbestie. Sie war schließlich ihren schweren Verletzungen erlegen, glücklicherweise bevor sie ihn mit in den Tod reißen konnte. Als er sich nach seinem Schwert umsah, fand er es in der Waffe der Kriegsbestie steckend, die davon fast halbiert worden war. Er musste sich im letzten Moment verteidigt haben, doch er konnte sich nicht erinnern. Mit einem erleichterten Seufzen sank Feron auf die Knie. Die nächsten Minuten verbrachte er damit, zu Kräften zu kommen und unter Schmerzensschreien seine Wunde mit dem Bergwasser zu säubern. Dann steckte er das Schwert, Silberschlag, zurück in die Scheide. Schließlich blickte er zum Vorsprung hinauf. Es waren nur drei Schritt, die er hinaufklettern musste, doch in seinem jetzigen Zustand war es eine gewaltige Anstrengung. Aber es war womöglich der einzige Ausweg.
Awelia lief weiter den Gang entlang. Sie hoffte, Feron ging es gut. Eine kurze Zeit hatte sie keine Bewegung seines Lichts gespürt, doch sie vertraute darauf, dass es Bestand hatte, solange er am Leben war. Nachdenklich dachte sie zurück, was Horemias über das Tor gesagt hatte. Es durfte doch nicht allzu weit vom Sommerwald entfernt sein. Plötzlich roch sie etwas. Normalerweise hätte sie es nie wahrgenommen, doch wenn man tagelang unter der Erde herumirrte, gewöhnte man sich an diesen leicht abgestandenen Geruch der kühlen Luft des Berges. Und jetzt roch sie frische Luft, so wie sie über der Erde roch. Aufgeregt beschleunigte sie ihre Schritte. Und tatsächlich sah sie schon bald einen goldenen Funken am Ende des Ganges. Der Funke wurde größer, wuchs zu einer grell leuchtenden Kugel und löste sich dann in ein Bergpanorama auf. Geblendet nahm Awelia die Hand vor die Augen und stolperte vorwärts. Ihre Augen brauchten eine Minute, um sich an das Licht zu gewöhnen, doch schließlich trat sie nach draußen. Sie fand sich auf einem kleinen Plateau einer Bergflanke wieder, unter sich, nur hundert Schritt entfernt, standen die ersten Bäume eines Waldes, der bis zum Horizont reichte. Die Sonne stand hoch am Himmel. Awelia atmete erleichtert die frische Luft ein. Endlich frei. dachte sie glücklich und löste die Leuchtkugel über ihrem Kopf auf. Ihr Lächeln gefror und sie erstarrte. Sie hatte soeben nicht nur ihr eigenes Licht aufgelöst, sondern auch das von Feron. Das ließ sich nicht rückgängig machen. Wenn er immer noch im Berg war, wäre er in ewiger Dunkelheit gefangen. Ihr wurde kalt und sie schrie vor Wut und Verzweiflung auf.
Feron hatte den größten Teil der Wand geschafft. Nur noch wenige Handgriffe, und er wäre oben. Dann würde sich zeigen, ob sich die unglaublichen Anstrengungen gelohnt hätten. Plötzlich wurde es dunkel. Das Licht über seinem Kopf erlosch schlagartig und ließ ihn in absoluter Finsternis zurück. Er fragte sich, was passiert war, und hoffte, Awelia war nichts geschehen. Erschöpft schloss er die Augen und griff nach oben. Lange tastete er herum, bis er einen sicheren Griff fand. Vor Schmerzend stöhnend zog er sich ein Stück weit nach oben. Dann suchte er nach der nächsten Griffmöglichkeit. Er wusste nicht, wie lange es dauerte, bis er sich schließlich über den Vorsprung zog, und auch nicht, wie er überhaupt die Kraft dazu aufbrachte. Oben blieb er schwer keuchend im Rinnsal liegen. Schließlich öffnete er die Augen. Zunächst dachte er, sein Verstand würde ihm einen Streich spielen, doch er sah tatsächlich ein Licht in weiter Ferne. Mit neuer Kraft und Hoffnung erfüllt begann er, auf das Licht zu zu kriechen.