Kapitel 10 – Sommerwald

Das Sonnenlicht schien zwischen den grünen Blättern hindurch und tauchte die Waldlandschaft in sanftes Licht. Farne und Gräser, die zwischen den Bäumen wuchsen, wogten in leichten Brisen. An einigen Stellen gab es kleine Bäche und Teiche. Vögel zwitscherten in den Kronen, und hin und wieder raschelte es im Unterholz. Der Sommerwald war malerisch. Awelia wanderte durch den Wald und bestaunte seine Schönheit. Doch sie konnte sich nicht recht darauf konzentrieren. Immer wieder musste sie an ihren Fehler zurückdenken. Die Unwissenheit, was mit Feron geschehen sein mochte, nagte an ihr. Durch ihre Nachlässigkeit konnte sie ihm schlimmstenfalls das Leben gekostet haben. Sie hoffte, dass es ihm gut ging, denn andernfalls würde sie es sich nie verzeihen können.
Als die Sonne unterging erreichte sie einen weiteren der kleinen Bäche. Sie setzte sich an das Ufer. Seltsamerweise fühlte sie sich hier im Wald geborgen, und dachte kaum daran, ein sicheres Lager zu suchen. Als es dunkel wurde, betrachtete sie ihr Spiegelbild im Wasser. Was ist nur mit mir geschehen? fragte sie sich traurig. Sie wusste nicht, wieso sie an jenem Tag im Feld aufgewacht war, doch seitdem versuchte sie es zu ergründen. Ihre Reise hatte ihr bereits einige Antworten gegeben. Wer war ich? Was war ich? fragte sie sich weiter. Awelia wusste von Salaco, dass Magier und Zauberer gleichermaßen einsame Leben lebten, weit über den Köpfen derer, die nicht über derartige Begabungen verfügten. Doch wieso vermisste sie Feron und fühlte sich so elendig? In der Zeit seit ihrer ersten Begegnung war er ihr ans Herz gewachsen. Sie mochte ihn, mit seiner witzigen Art und Abenteuerlust. Er hatte die ganze Zeit zu ihr gehalten und sich um sie gekümmert. Und sie hatte ihn dafür in einer dunklen Höhle mit einer mörderischen Bestie zurückgelassen. Tränen rannen über ihre Wangen.

Um ihn herum waren Bäume. Er erinnerte sich nicht, wie er hier hergekommen war. Alles, woran er sich seit der Kriegsbestie erinnern konnte, war bruchstückhaft. Da war ein langer Tunnel mit Wasser, ein helles Licht, dann ein Wald hangabwärts. Und nun stand er zwischen Bäumen und Sträuchern in einem Wald. Seine Schulter schmerzte noch immer, es war ein dumpfes Pochen, dass zu einem Stechen anschwoll, wenn er den Arm bewegte. Die Blutung hatte irgendwann in den letzten Stunden aufgehört. Er fühlte sich unendlich erschöpft und durstig, doch er hatte weder Wasser noch Essen. Die Nacht brach herein und er lehnte sich an einen Baum. Feron hoffte, dass er den nächsten Morgen erleben würde und schloss müde die Augen.

Awelia erwachte ausgeruht am Bach. Nachdem sie sich frisch gemacht hatte, setzte sie ihren Weg fort. Sie wusste nicht, in welcher Richtung Karturas lag. Zuerst musste sie die Siedlung der Elfen finden, dort würde sie nach dem Weg fragen. Sie staunte über den wahrhaft malerischen Wald und seine gewissermaßen majestätische Ausstrahlung. Die Sonnenstrahlen, die durch das Blätterdach fielen. Schmetterlinge, die über die kleinen Blumenwiesen flatterten. Melodisches Vogelgezwitscher, dass aus den Wipfeln erklang. Awelia verlor sich in der wunderschönen Umgebung.

Feron erwachte mit Kopfschmerzen. Die Sonne stach in seine Augen und er rollte sich stöhnend zur Seite. Sofort spürte er die Schmerzen seiner verletzten Schulter aufwallen, und hätte sich beinahe übergeben. Er blieb noch so lange liegen, bis der Schmerz wieder zu einem dumpfen Dröhnen abgeschwollen war, dann rappelte er sich auf. Feron irrte weiter durch den Wald, in der Hoffnung, entweder Awelia zu finden, oder einen Heiler.
Irgendwann taumelte er auf eine größere Lichtung, die von einem Teich ausgefüllt wurde. Er hielt kurz inne und blickte sich um. Ein Teil des Ufers wurde von Schilf eingenommen, und im Teich befand sich eine kleine Insel, auf der zwei Trauerweiden wuchsen, deren Blattwerk fast ins Wasser ragte. Feron konnte niemanden entdecken, also ging er zum Ufer und setzte sich. Er nahm die Hände voll Wasser und trank. Als sein Durst für den Moment gestillt war, machte er sich daran, die Wunde zu reinigen. Als er das verkrustete Blut weggewaschen hatte, pulte er vorsichtig und mit zusammengebissenen Zähnen den Dreck heraus, den er unterwegs in die Wunde bekommen hatte. Das Wasser zu seinen Füßen war rot gefärbt vom Blut. Schließlich war die Wunde sauber, auch wenn sie wieder gehörig blutete. Stöhnend ließ sich Feron ins Gras sinken.
Er betrachtete die Wolken, die über ihn hinwegzogen. Es waren kleine Schäfchenwolken, die immer wieder die Sonne verdeckten. Am Rande seines Blickfeldes wogten die Wipfel sanft im Wind. „Oh, du armes Geschöpf.“ erklang eine sanfte Stimme, erfüllt von Mitleid. Überrascht setzte sich Feron auf und drehte sich um, und verzog sofort schmerzerfüllt das Gesicht. Er sah sich nach dem Ursprung der Stimme um, doch er konnte niemanden entdecken. Nach einigen Sekunden raschelte es im Schilf nicht weit von ihm. „Wie hast du armes Ding dich denn so schwer verletzt?“ fragte die Stimme. Feron erkannte, dass sie von einer Frau kam, doch es war sicher nicht Awelia. „Ich habe gekämpft, dabei wurde ich verwundet.“ antwortete er knapp und versuchte, sein Gegenüber im Schilf zu entdecken. „Ein Kampf? Wie kann man nur so etwas Schreckliches tun?“ fragte die Stimme überrascht und schien zurückzuschrecken. Die Trauer der Stimme wandelte sich in eine anklagende Art. Feron war überrascht. „Ich wanderte mit anderen unter dem Schuppenrücken, als wir von Goblins angegriffen wurden. Ich habe lediglich mein Leben geschützt.“ verteidigte er sich stirnrunzelnd. Sein unsichtbares Gegenüber schwieg eine Zeit lang, bis sie erneut sprach. „Garstige kleine Kobolde, doch auch sie sollen sein.“ Nun war die Stimme wieder von Mitleid erfüllt. Feron war der Meinung, dass jeder Schurke weniger etwas gutes war, und wusste nicht, was er sagen sollte. Eine Zeit lang herrschte Stille, bis die Frau weitersprach. „Wenn du dein Leben verteidigen musstest, soll dich keine Schuld treffen. Und wenn du es wünscht, werde ich deine Wunden heilen.“ Feron überlegte einen Moment. „Wenn du das könntest, wäre ich dir sehr dankbar.“ antwortete er. Eine Gestalt trat zwischen den Schilfhalmen hervor, und ihm klappte das Kinn herunter.

Awelia rastete an einem kristallklaren Bach. Ein paar kleine Fische schossen spielend in der sanften Strömung umher. Die Landschaft war immer noch malerisch, und die Sonne stand mittlerweile fast im Zenit. Sie fühlte sich frisch und ausgeruht, und setzte ihren Weg fort.
Bald darauf erreichte sie einen kleinen, schmalen Pfad, der zwischen den Bäumen entlang führte. Awelia vermutete, dass er zu den Elfen führte, also folgte sie ihm. „Sei mir gegrüßt, Zauberin.“ sagte eine freundliche Stimme. Awelia drehte sich herum. „So jemanden wie dich habe ich schon lange nicht mehr gesehen.“ Zwischen den Bäumen, nur zwanzig Schritt von ihr entfernt, stand eine weiße Stute mit einer prachtvollen Mähne, die sie interessiert betrachtete. Nein, es mehr als das. Awelia starrte wie gebannt auf das Horn, das aus der Stirn des Wesens wuchs. Es war ein Einhorn.
Das Einhorn wieherte amüsiert. „Nun schau doch nicht so überrascht, Zauberin. Wir sind beide aus Magie geboren.“ Es sprach nicht wirklich, die Worte erschollen einfach klar und deutlich in Awelias Kopf, ähnlich wie es bei Zakar gewesen war. Awelia riss sich zusammen und starrte betreten auf den Boden. „Es tut mir leid, ich habe noch nie ein Einhorn gesehen.“ sagte sie halblaut. Das Zauberwesen kam vorsichtig einige Schritte näher. „Das überrascht mich, wo du doch schon so lange auf der Welt wandeln musst.“ Awelia verzog das Gesicht. „Ich kann mich nicht daran erinnern.“ gab sie zu. Traurig legte das Einhorn den Kopf schief. „Ja, ein dunkler Schatten liegt auf deiner Seele.“

Vor Feron stand eine wunderschöne Frau. Das hübsche, runde Gesicht wurde von langem, blassblauem Haar eingerahmt, das bis zu den Schultern wallte. Die schlanke, grazile Gestalt betonte die üppigen Brüste. Wassertropfen funkelten auf ihrer blassen Haut, sie war völlig unbekleidet. Feron spürte, wie er rot anlief. Er blinzelte mehrmals, in der Hoffnung, jemand anderes würde vor ihm stehen, und er versuchte vergeblich, nicht zu starren. „W … wer bist du?“ fragte er stotternd. „Du kannst mich Átia nennen. Das hier ist meine Heimat.“ sagte sie sanft, während sie langsam näher kam. Feron konnte nicht anders, als sich zu ihr hingezogen zu fühlen. Sie ist bezaubernd. dachte er, während er wie gebannt Átia anstarrte. Das ist nicht richtig. kam eine Stimme aus seinem Kopf. Er versuchte, den Gedanken zu halten, doch er verschwand, als Átia seine Schulter berührte.

Awelia sah sich um und betrachtete die Schönheit des Sommerwaldes. Dann wandte sie sich dem Einhorn zu. „Ist dies dein Wald?“ fragte sie anerkennend. Das Einhorn schüttelte den Kopf. „Ich beschütze den Wald. So lange ich lebe, wird niemandem ein Leid geschehen. Die Bäume bleiben immer grün und es ist auf ewig Sommer.“ „Wie lange tust du das schon?“ „Ich weiß nicht, lange bevor es Menschen gab. Als ich geboren wurde, gab es nur den Lebensbaum.“ Das Einhorn legte den Kopf schief und sah sie an. „Sag mir, Zauberin, warum bist du in den Sommerwald gekommen.“ „Ich bin auf dem Weg nach Karturas, und hoffe, dort Antworten zu meiner Vergangenheit zu finden. Ich bin durch den Schuppenrücken gereist, da es ein kürzerer Weg ist, und suche jetzt die Siedlung der Elfen. In den Bergen habe ich meinen Begleiter, einen Menschen, verloren. Hast du ihn gesehen?“ sprudelte es aus Awelia heraus, die letzte Frage flehend. „Es tut mir leid, aber einen Sterblichen habe ich nicht bemerkt. Aber wenn du möchtest, kann ich dich zum Dorf der Elfen geleiten.“
Gemeinsam gingen sie durch den Wald. Sie folgten nicht dem Weg, aber Awelia vertraute dem Einhorn. Die Zauberin erzählte von ihrer Reise unter dem Schuppenrücken, den Zwergen und dem Angriff der Goblins. Das Einhorn stellte gelegentlich Fragen, etwa wie die Zwerge ohne Sonnenlicht leben konnten, oder ob das Wasser im Fels anders schmeckte als hier. Als Awelia vom Kampf am Tor erzählte, wurde das Einhorn traurig. „Es tut mir leid, wenn dich die Erzählung bedrückt.“ sagte die Zauberin mit gesenktem Kopf, als sie fertig erzählt hatte. „Die Welt da draußen ist weit weniger friedlich als der Sommerwald.“ „Ich weiß. Aber es kommt mir wie ein schreckliches Leben vor, hinter allem etwas Böses zu vermuten.“ Awelia nickte. „Es ist nicht leicht, aber es gibt viele gute Leute. Die anderen helfen, einfach weil es das Richtige ist.“ sagte sie leise, und dachte an Feron. „Auch ich würde diesen Wald gegen alle Gefahren verteidigen.“ stellte das Einhorn schlicht fest, und führte sie auf eine große Lichtung. Dicke Wurzeln bedeckten den Boden. Vor ihnen stand ein gewaltiger Baum, höher als die Türme Sonnenbergs und mit vollem Blattwerk. Die Krone war sowohl gewaltig als auch majestätisch. Die grünen Blätter wogten sanft im Wind und sie spürten die Präsens des Lebensbaumes. Einige Eichhörnchen, Hasen und Rehe wichen vor Awelia und dem Einhorn zurück, als sie näher traten. Dies war das Herz des Waldes.

Die Zeit zerfloss zu einem undefinierbaren Strom. Feron fühlte sich in der Nähe von Átia so wohl wie nie zuvor in seinem Leben. Seine Wunden waren wie von Zauberhand verheilt, dank dieser wunderbaren Gestalt. Sie lagen nebeneinander am Wasser, die Weiden wogten sanft im Wind. Von irgendwo tief in seinem Unterbewusstsein drang eine Stimme hervor. Das ist nicht richtig. Der Gedanke wurde verdrängt, als die wunderschöne Frau sich zu ihm drehte und ihre Hand auf seine Brust legte. Aber nicht völlig. Energisch flammte der Gedanke erneut auf. Reiß dich zusammen! Das ist ein Schwindel. Der Gedanke hielt sich eisern fest und Feron wandte den Kopf zur Seite. Langsam dämmerte ihm, dass er in Schwierigkeiten steckte. Er hatte sich immer anständig gegenüber Frauen verhalten, und nun lag er hier mit einer völlig Fremden. Seine Hand tastete nach seinem Schwert, doch es war nicht da. „Ist alles in Ordnung?“ fragte Átia mit süßer Stimme und rückte näher. Ihre nackten Brüste berührten seine Haut. Feron konnte im Nachhinein nicht mehr sagen, ob sein Anstand oder Todesangst den Zauber besiegte. Er rollte sich mit einem erstickten Schrei zur Seite und sprang auf, nur um sofort zu stürzen. Die Frau blickte ihn mit einer Mischung aus Überraschung und Schrecken an. Feron sah sich nach seinem Schwert um. Zu seinem Schreck erblickte er es hinter der Frau, die sich gerade erhob. „Was zur Hölle bist du?“ schrie er sie an und sah sich nach einer Möglichkeit um, um an sein Schwert zu kommen. Oder etwas anderem, das er als Waffe verwenden konnte. Erst jetzt wurde ihm klar, dass er auf der Insel war. Er wusste nicht wie er überhaupt hier her gekommen war. „Oh du armes kleines Ding. Komm nur her, alles wird wieder gut.“ sagte Átia und kam mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu. Ferons Blick begann sich wieder zu vernebeln. Er wusste, wenn er wieder in ihren Bann geriet, dann wäre er endgültig verloren. Fluchend rannte er zur Weide. Mehrere der Äste hingen niedrig genug, dass er sie greifen konnte. Er packte einen und riss ihn mit einem beherzten Ruck ab. Hinter ihm ertönte ein Schrei und er fuhr kampfbereit herum.
Átia war stehen geblieben und hatte die Hände aufs Herz gelegt. Das Gesicht war vor Schmerz verzogen, die Haut blass. Das ist kein Mensch! dachte Feron, war jedoch nicht wirklich überrascht. Er griff nach einem weiteren Ast. „Nein!“ schrie das Wesen vor ihm. „Ich höre auf, du musst nicht noch mehr zerstören.“ Ferons Schwert erschien vor seinen Füßen. Er ließ den Ast fallen und hob es rasch auf. „Also nochmal, was bist du?“ fragte er wütend, das Schwert auf Átia gerichtet. „Ich bin ein Naturgeist. Ich lebe in diesen Bäumen und dem See. Ich sehe so selten jemanden deines Schlages, da ist es über mich gekommen. Es tut mir leid, das war töricht. Sei versichert, ich will dir nichts böses.“ sagte sie fast kleinlaut, während ein blauer, seidener Umhang an ihrem Körper erschien.

Awelia bestaunte den Lebensbaum. Es war mit weitem Abstand der größte Baum, den sie je gesehen hatte. „Was tun wir hier?“ fragte sie ehrfürchtig. „Der Lebensbaum wird den Schatten auf deiner Seele erleuchten, und du wirst dich an alles erinnern können.“ antwortete das Einhorn und führte sie unter das Blätterdach. Awelia betrachtete den uralten Baum vor ihr. Nach all den Jahrhunderten musste die Weisheit praktisch grenzenlos sein. „Hier, lege deine Hände auf diese Wurzel.“ sagte das Einhorn. Awelia tat wie gehießen und ging auf die Knie. „Schließe deine Augen und konzentriere dich auf den Puls des Lebensbaumes.“ Die Zauberin schloss die Augen und lauschte. Es dauerte einen Moment, doch sie spürte tatsächlich ein rhythmisches Pulsieren, das wie ein Pochen in einer Ader durch die Wurzel lief. Nach wenigen Atemzügen spürte Awelia den Herzschlag des Lebensbaumes durch ihren Körper fließen.
Alles um sie herum verblasste, nur ein grünes Samenkorn schwebte vor ihr in der Luft. Die Essenz des Lebensbaums. dachte sie überrascht. Das Korn begann zu pulsieren und strahlte ein grünes Licht aus. Rasch begann sich das Licht zu verfestigen und bildete eine Landschaft. Ein kleines Tal, dessen Boden komplett mit Gras bedeckt war. Awelia erkannte die Landschaft wieder. Es war der Ort, wo sie aufgewacht war. Das erste, woran sie sich erinnern konnte. Jetzt schwebte sie ein Stück über dem Boden, und als sie nach unten sah, erblickte sie sich selbst. Sie lag zusammengesunken in einem verbrannten Kreis, und öffnete die Augen. Das Gras wogte leicht im Wind, doch plötzlich stoppte die Bewegung. Im nächsten Moment schien es, als hätte der Wind die Richtung geändert. Die Zauberin runzelte die Stirn, denn das war damals nicht passiert. Doch dann erkannte sie, dass die Erinnerung nun rückwärts ablief. Ihr Ebenbild auf der Wiese schloss die Augen. Awelia wartete gebannt, was passieren würde. An das, was nun geschah, konnte sie sich nicht mehr erinnern. Langsam und mit immer noch geschlossenen Augen erhob sich ihr Abbild wie an unsichtbaren Fäden, bis es aufrecht stand, und dann noch etwas weiter in die Luft. Sie schwebte mit verkrampften Armen und schmerzverzerrtem Gesicht über dem Boden. Überall um sie herum bildeten sich hell leuchtende Funken, die eine große Kugel bildeten. Die Funken bewegten sich auf Awelias Abbild zu und verdichteten sich zu einer geschlossenen Oberfläche. Dort, wo diese den Boden berührte, verwandelte sich das verbrannte Gras in grüne Halme zurück. Schließlich hüllte die leuchtende Kugel Awelia direkt ein. Sie war gespannt, was als nächstes geschah. Die Landschaft verschwand und es bildete sich ein altes Gemäuer mit glatten Wänden heraus. Schatten tanzten über die Oberflächen, obwohl sie keine Lichtquelle sah. Es war ein seltsamer Ort, der jeglicher Logik spottete. Treppen und Toröffnungen waren an der Decke und den Wänden, Wege begannen im Nichts und hörten abrupt wieder auf, und es gab unendlich tiefen Schluchten. Die Kugel stand hier knapp über dem Boden einer Brücke, die über einen Abgrund führte. Die Leuchtkraft ließ nach und schließlich stand Awelias Abbild dort.
Plötzlich bekam der Boden Risse. Nein, nicht der Boden, das geschaffene Abbild. dachte Awelia erschrocken. Um sie herum brachen Stücke aus der vom Lebensbaum geschaffenen Realität und verschwanden in einer undurchdringlichen Schwärze. Ein tiefes Rasseln ertönte, Ketten und Atem zugleich. „Ah … die Zauberin.“ hauchte eine finstere Stimme, in der eine fast unheimliche Vorfreude mitschwang. „Ja, du tappst im Dunkeln. Doch gräme dich nicht, ich werde dich finden. Ob du dich erinnerst oder nicht, noch einmal entkommst du nicht. Du wirst in ewiger Dunkelheit gefangen werden, zum Zusehen verdammt!“ die Stimme gestattete sich ein bösartiges Lachen. Awelia schwebte in der Finsternis und sah nichts als Schwärze. Eine Angst befiel sie, wie sie sie noch nie gehabt hatte. Sie fühlte sich hilflos und einer Macht weit über ihrem Verständnis ausgeliefert. „Wer bist du?“ fragte sie mit zitternder Stimme. „Oh, du möchtest Antworten und Hinweise? Nein Awelia, die werde ich dir nicht geben. Ja, ich kenne deinen Namen … ich kenne ihn gut. Ich weiß, dass du im Sommerwald bist, beim Lebensbaum. Du kannst dich nirgendwo vor mir verstecken. Wohin du auch gehst, ich werde dich immer finden. Ich werde die Prophezeiung erfüllen und dich vom Antlitz der Welt fegen!“ fauchte die Stimme süffisant. Todesangst überkam Awelia und sie begann sich zu winden, doch da war nichts, wovon sie sich befreien konnte. Sie war in einer ewigen Dunkelheit gefangen. Sie wollte schreien, doch sie hatte keinen Mund.

Feron betrachtete misstrauisch die Gestalt, die sich ans Ufer der Insel gesetzt hatte. „Also du bist wirklich ein Naturgeist?“ fragte er skeptisch. „Ja. Ich bin eine Waldnymphe.“ Átia nickte bekräftigend, „Ich wollte dir wirklich nichts böses. Bitte glaube mir.“ „Warum hast du das dann getan?“ fragte Feron grummelnd. „Das hätte genauso gut ein Dämon machen können!“ Die Nymphe fuhr erschrocken herum. „Ich versuche denen, die meinen Hain entdecken, Freude zu bringen. Nach all den Jahren, die ich hier allein war, habe ich offenbar übertrieben. Das tut mir aufrichtig leid.“ Feron seufzte. „Danke, dass du meine Verletzungen geheilt hast. Ich wäre sonst wohl gestorben.“ sagte er schließlich. „Hast du eine andere Frau gesehen? Eine Zauberin?“ „Nein, nicht in letzter Zeit.“ antwortete Átia und legte den Kopf schief. „Du vermisst sie?“ „Ja.“ gab Feron knapp zurück. „Wir wurden getrennt. Ich glaube, sie wird zu der Elfensiedlung im Sommerwald gehen.“ „Oh, die Elfen.“ schnaubte die Nymphe mit genervtem Unterton. „Sie sind waldverbunden, aber achten nur auf sich. Sie wollten mir sogar vorschreiben, was ich zu tun habe.“ Átia verzog das Gesicht und verstellte die Stimme. Dann äffte sie jemanden auf elfisch nach und schüttelte schließlich den Kopf. „Ich kann dir den Weg weisen, wenn du unbedingt dort hin willst.“ sagte sie und fuhr nach kurzer Pause eindringlich fort „Aber sei gewarnt, was auch immer Er dir anbietet, lehne es ab.“ Feron nickte und die Nymphe erklärte ihm den Weg, den er nehmen musste. „Danke. Ich muss Awelia finden. Ich hoffe, dass sie es aus dem Schuppenrücken geschafft hat.“ „Du vermisst sie wirklich.“ flüsterte Átia und umarmte ihn zum Abschied.

Awelia war gefangen in der Dunkelheit. Sie konnte sich nicht bewegen, hatte keinen Körper, war hilflos der endlosen Schwärze ausgeliefert. Immer wieder hörte sie die Stimme boshaft lachen. Krampfhaft versuchte sie sich auf etwas anderes zu konzentrieren, doch sie hatte Angst, nie wieder in ihren Körper zurück zu kehren. „Das ist richtig.“ flüsterte die Stimme amüsiert. „Du bleibst hier auf alle Ewigkeit.“ In der Dunkelheit entstanden pechschwarze Abbilder einer hässlichen, lachenden Fratze. Awelia hoffte, dass der Lebensbaum sie wecken würde, doch sie wusste, dass die Stimme stärker war. Die Stimme wusste alles über sie. Wer sie war, wo sie war, was sie seit jenem Tag getan hatte. Traurig dachte sie an Feron zurück und hoffte, dass er entkommen war. Nein. sagte eine Stimme in ihrem Kopf. Wenn die Stimme von Feron wüsste, dann hätte sie mir das unter die Nase gerieben. Sie hätte ihn ebenfalls gefangen und würde mich mit diesem Wissen quälen. Der Gedanke gab Awelia neue Kraft und die Angst schwand. In der Finsternis schwebend schätzte sie die Situation ein. Die Stimme hatte sie gefangen, als der Lebensbaum ihre verborgenen Erinnerungen freigelegt hatte. Dadurch wusste die Stimme, wo sie war. Sie hielt sie in der Gedankenwelt des Lebensbaumes gefangen, wogegen der Lebensbaum sicher ankämpfte. Deswegen war es sicher auch so lange still, denn die Stimme musste ihren Einfluss halten. Doch würde sie auch gegen Awelia bestehen, wenn sie zugleich aus ihrem Gefängnis ausbrach? Es gibt nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. dachte sie mit grimmiger Entschlossenheit und begann, sich zu konzentrieren. Sie spürte den Funken, der unendlich weit entfernt in ihrem Körper bebte. Sie griff mit ihren Gedanken danach und zog ihn zu sich. Und tatsächlich tauchte ein winziger Lichtpunkt auf. Ja! Innerlich jubelte die Zauberin. Sie griff wieder zu und ein weiterer Lichtpunkt tauchte auf. Es waren winzig-kleine Risse im Gefängnis, gerade groß genug, dass Magie hindurch fließen konnte. Awelia ließ den Funken auflodern und zog die freigesetzte Kraft durch die Lichtpunkte. Gleißende Speere aus weißfunkelndem Licht durchbrachen die Dunkelheit. Sie rasten auf ihr gefangenes Selbst zu und begannen, es zu umkreisen. Ein spröder Körper aus Licht bildete sich. „Nein, das kann nicht sein!“ schrie die Stimme ihres Peinigers. Schwarze Ranken schlangen sich um die Lichtstrahlen und versuchten, sie zu zerreißen. Awelia streckte ihren Arm aus und sandte einen Blitz zur nächsten Ranke, die vom Aufschlag in Stücke gesprengt wurde. „Wo Schatten ist, da ist auch Licht!“ brüllte sie und ließ das Licht in alle Richtungen rasen. Heller als die Sonne zerriss das Licht die Schwärze und löschte sie aus. Um sie herum zerbrach das Gefängnis, in das die Stimme sie gesperrt hatte. Grüne Wellen brachen durch die übrige Finsternis und ließen sie zu nichts zerfallen. Lediglich ein alles absorbierender Fleck blieb übrig. „Du denkst du hättest gewonnen?“ kreischte die Stimme hasserfüllt. „Ich werde zurückkehren und dich auslöschen, ein für alle mal! Nichts und niemand kann mich aufhalten!“ Der letzte Fleck entschwand durch einen Riss aus der Gedankenwelt. Awelia schleuderte einen Lichtstrahl wie einen Anker. Sie traf und hielt sich am Flecken fest, der versuchte, sich auf die andere Seite zu flüchten. Die Stimme versuchte, den Strahl, mit dem sie ihn festhielt, zu durchtrennen, während sie ihn zurückzog. Awelia sah finstere Zähne, die den Strahl durchtrennten. Mit einem Knall schloss sich der Riss.
Awelias Muskeln verkrampften, doch nur für einen kurzen Moment. Als sie die Augen aufriss fand sie sich unter der weiten Krone des Lebensbaumes wieder. Es war dunkel. „Ist das echt? Bin ich frei?“ fragte sie keuchend. „Ja, das ist echt.“ sagte das Einhorn. „Etwas wahrhaftig böses hat dich und den Wald angegriffen. Ich habe dergleichen noch nie erlebt.“ „Jetzt ist es fort.“ „Ja, doch es lauert noch immer dort draußen.“ Awelia setzte sich und betrachtete den großen Baum. Etliche Blätter waren verwelkt und herabgefallen. Sie fühlte sich elendig bei dem Anblick, der Lebensbaum hatte wegen ihr gelitten. „Ich weiß nicht, was ich tun soll. Könnt ihr mir helfen?“ flüsterte sie leise. Das Einhorn wieherte. „Dies ist kein Kampf Gut gegen Böse. Es ist ein Kampf Magie gegen Magie. Du musst den Schatten selbst bezwingen, sonst wird er dich für immer in Dunkelheit hüllen.“

Feron folgte dem Pfad, auf den er dank Átia gestoßen war, durch den Wald. Er musste zugeben, dass die Umgebung malerisch war. Zum ersten mal seit langem fühlte er eine innere Ruhe, den Frieden des Waldes. Seine Schulter war verheilt und er konnte sich endlich wieder ohne Schmerzen bewegen. Er blickte nach vorn und hoffte, Awelia bald wiederzusehen.