Kapitel 11 – Weg nach Karturas

Awelia ging zusammen mit dem Einhorn durch den Sommerwald. Lange herrschte Schweigen zwischen ihnen. Sie grübelte über die Erlebnisse in der Gedankenwelt nach, und was sie wohl zu bedeuten hatten. Was war es für ein seltsamer Ort gewesen, an dem sie vor der Wiese gewesen waren. Die Treppen, die der Logik trotzten, und den unwirklichen Schatten. War dies die Heimstadt der Stimme, oder war es nur ein seltsamer, magischer Ort? Und wieso war sie von dort weggegangen? War sie geflohen, oder war etwas bei dem Zauber, den sie gewirkt hatte, schief gegangen? Und hatte sie mit ihrer Vermutung recht, dass die Stimme der Schatten war, von dem Großmeister Berelas gesprochen hatte? Sie wusste es nicht. Aber sie musste herausfinden, was dieser seltsame Ort war. Wo er war. Und was war diese Prophezeiung, von der die Stimme gesprochen hatte.
Awelia erinnerte sich an etwas, nachdem sie aus der Gedankenwelt aufgewacht war. „Was meintest du, es sei ein Kampf Magie gegen Magie?“ fragte sie das Einhorn. Das Zauberwesen wandte den Kopf zu ihr herum und schien ihre Gedanken zu erraten. „Du, Zauberin, bist aus Magie geboren. Dein Widersacher ist es auch. Er steht außerhalb der göttlichen Ordnung, ganz gleich welche Götter man auch verehrt. Was immer diese Kreatur ist, sie gehört nicht zu dieser unserer Welt, und doch gehört sie zu ihr. Es als Schatten zu bezeichnen, das scheint mir das treffendste.“ erklärte das Einhorn und blickte nach vorn, „Die Siedlung der Elfen liegt in dieser Richtung. Ihre Späher sind nah. Ich werde dich jetzt verlassen. Lebe wohl, Zauberin. Und viel Glück.“ Awelia blickte dem Zauberwesen hinterher, dass in den Wald davon trottete. „Lebe wohl, und danke für alles.“ flüsterte sie. „Der, den du suchst, wird bald kommen.“ die Stimme des Einhorns verhallte und ließ Awelia allein im Sommerwald zurück. Verblüfft starrte sie vor sich hin. Hatte das Einhorn etwa Feron gemeint?

Feron folgte dem Pfad durch den Wald. Überrascht hatte er festgestellt, dass seine lädierte Kleidung wieder ganz war, zusammengefügt mit blauen, kaum sichtbaren Seidenfäden. Ein Abschiedsgeschenk von Átia. Als es dunkel wurde, suchte er sich einen Unterschlupf ein Stück abseits vom Wegesrand. Er achtete darauf, dass keine Naturgeister in der Nähe waren. Feron hatte Glück und schlief bis zum nächsten Morgen ungestört. Danach setzte er seinen Weg fort und am Mittag bemerkte er, dass er beobachtet wurde. Aus den Augenwinkeln sah er Gestalten im Unterholz, die hin und her huschten. „Verdammte Elfen.“ murmelte er leise. Awelia wird hoffentlich nicht mehr weit sein. dachte er und lächelte leicht, während er eine Hand auf sein Schwert legte.

Awelia ging eine Zeit lang weiter, bis ihr eine vermummte Gestalt in den Weg trat. Trotz der Geschichten über die waldkundigen Elfen war sie überrascht, dass diese sie trotz ihres Umhangs entdeckt hatten. Die feste Kleidung und der Kapuzenumhang ihres Gegenüber waren in dunklem Grün gehalten, ebenso wie der Bogen in den behandschuhten Händen. Sie betrachtete kurz den eingelegten Pfeil, der zum Boden zeigte, und sah sich dann um, nur um weitere Elfen zu entdecken. „Was tut Ihr in Unserem Wald? Sprecht rasch!“ sagte der Elf vor ihr barsch und hob den Bogen leicht an. „Das ist nicht Euer Wald.“ antwortete Awelia freundlich. „Ihr seid hier nur Gäste, genau wie ich.“ Sie sah das wütende Funkeln in den Augen ihres Gegenüber und lächelte leicht. „Ich reise nach Karturas. Ich würde mich freuen, in Eurer Siedlung nächtigen zu können, während ich auf einen Freund warte, der im Schuppenrücken verlorenging.“ „Tragt Euer Anliegen dem Fürsten vor. Hier entlang.“
Die Gruppe Waldläufer führte die Zauberin in die nahegelegene Siedlung. Awelia war erstaunt, keine gebauten Häuser zu sehen. Stattdessen lebten die Elfen in Baumhäusern, die in den Kronen der Bäume hingen und mit schmalen Seilbrücken miteinander verbunden waren. Sie kletterten eine Strickleiter nach oben, und Awelia bemerkte weitere Elfen, die mit Bögen auf sie zielten. Vor einem filigran verzierten, runden Holzhaus stoppten sie. Während die zwei mit Schwertern bewaffneten Wachen sie misstrauisch betrachteten und sich mit den Waldläufern auf elfisch unterhielten, warf Awelia einen Blick auf das Haus. Die Verzierungen waren verschnörkelte Bilder von Elfen in heroischen Posen, offenbar große Momente aus der Geschichte der Siedlung. Sie waren in das Holz gekerbt und mit Naturfarben in gelb, rot und blau bemalt worden. Während die Zauberin die Bilder betrachtete, lauschte sie den Worten der Elfen. Der Dialekt war ungewohnt und blumig, doch von dem, was sie verstand, hielten die Elfen sie für eine Streunerin und berieten, ob sie eingesperrt werden sollte. Innerlich lächelte Awelia. Zwar wusste sie nicht, woher sie die Sprache der Elfen kannte, doch war dies genau das überhebliche Verhalten, das Feron erwartet hätte.
Awelia betrat flankiert von den zwei Wächtern das Haus des Fürsten. Innen war es warm. Eine große, warme Leuchtkugel hing unter der Decke. Blätterbedeckte Ranken mit wunderschönen Blüten wanden sich an den Wänden entlang und bildeten ein Awelia unbekanntes Muster. Am Boden führte ein feiner, moosgrüner Teppich zum Thron des Fürsten. Der Thron war eine alte, ausgekerbte und mit Elfenrunen und Blüten verzierte Wurzel, die von Ranken knapp über dem Boden gehalten wurde. Darauf saß ein hochgewachsener Elf, in feinste Kleider gehüllt und mit einer Blumenkrone auf dem Kopf. Der Fürst warf einen gelangweilten Blick auf Awelia und griff sich einen Apfel aus der Früchteschale neben dem Thron. Wenn sie es nicht besser wüsste, hätte sie geglaubt, der Sommerwald gehöre ihm. „Eure Hoheit.“ sagte eine der Wachen, zu Awelias Überraschung in ihrer Sprache. „Wir haben diese Menschenfrau kurz vor der Siedlung aufgegriffen. Sie behauptet, sie will hier auf jemanden aus dem Schuppenrücken warten.“ Sie musste sich zusammenreißen, um nicht mit den Augen zu rollen. Der Fürst machte eine Geste und die Wachen traten zurück und stellten sich an der Tür auf. Dann beugte er sich vor. „So, auf wen wartest du denn?“ fragte er herablassend. Als er an ihr herabsah, änderte sich seine Mine. Langsam erhob er sich und trat auf sie zu. „Sag mir, woher hast du diesen Umhang?“ Die Überheblichkeit in seiner Stimme war Vorsicht gewichen. Awelia überlegte, welche der Fragen sie beantworten sollte. „Mein Wegbegleiter und ich wurden im Schuppenrücken getrennt, als wir von Goblins angegriffen wurden.“ antwortete sie wahrheitsgemäß, und fügte dann hinzu „Diesen Umhang habe ich gefunden.“ „Ihr wisst, dass er magisch ist.“ Awelia nickte leicht. „Ihr seid eine Magierin?“ fragte der Fürst überrascht, doch Awelia schüttelte den Kopf. „Ich bin eine Zauberin.“ sagte sie ohne jede Regung. Der Elf betrachtete sie lange und nickte schließlich. „Ihr kommt aus dem Schuppenrücken? Ist Euer Freund ein Zwerg?“ fragte er höflich, doch die Zauberin wusste, dass es eine Falle war. Soll ich ihm sagen, dass wir sein Tor geöffnet haben? fragte sie sich, doch sie ließ sich mit einer Antwort zu lange Zeit. „Er ist also ein Zwerg?“ „Nein.“ „Sagt mir, wie habt Ihr die Póhr Câlio überwunden?“ fragte der Fürst mit neugierig Unterton. Awelia sah ein, dass es wenig Sinn hatte, zu lügen. „Ich bin auf dem Weg nach Karturas, und die Zwerge haben uns gestattet, durch ihr Territorium zu reisen. Bedauerlicherweise war Eure Pforte verschlossen, also habe ich das Rätsel gelöst und sie geöffnet.“ erklärte Awelia ruhig, und versuchte, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen. Doch das Gesicht des Fürsten verfinsterte sich. „Wir haben diese Pforte geschaffen, um uns vor den kriegerischen Zwergen zu schützen. Mit Eurer Tat gefährdet Ihr unsere Siedlung und den Sommerwald.“ scholt er sie kopfschüttelnd. „Die Zwerge wollen Euch nicht angreifen, sie wollen nur in Ruhe gelassen werden.“ sagte Awelia beschwichtigend. Der Fürst hob belehrend den Finger. „Wegen Eurer Unbesonnenheit müssen wir abermals leiden! Die Zwerge werden sich für erfundene Dinge rächen wollen. Sie werden den Sommerwald abholzen, die Tiere als Nahrung schlachten, und jeden töten, der sich ihnen widersetzt. Ich lasse Euch von meinen Wachen in ein Nachtquartier bringen.“ erklärte er belehrend und beschuldigend zugleich. Awelias erster Impuls war, den Worten Folge zu leisten. Doch sie besann sich eines besseren. Ich bin eine Zauberin. Ich stehe sicher auf der gleichen Stufe wie dieser aufgeblasene Fatzke. „Ich kam hierher als Euer Gast!“ sagte sie laut und verschränkte die Arme. „Bedeuten Euch die Regeln der Gastfreundschaft nichts?“ Der Fürst lachte hohl. „Ihr gefährdet den Sommerwald und redet von Gastfreundschaft.“ „Der Sommerwald gehört nicht Euch, er gehört niemandem. Und Ihr seid auch nicht sein Beschützer, sonder nur Gäste. Genau wie ich.“ Nachdenklich legte der Elf den Kopf schief. „Ihr habt mit dem Einhorn gesprochen.“ „Ja, das habe ich. Aber auch so ist Eure Drohung ein Verstoß gegen die guten Sitten.“ Der Fürst wollte auffahren, doch Awelia brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. „Ein letztes noch. Die Zwerge leben seit je her in den Bergen. Ihr lebt seit je her in den Wäldern. Eine Bedrohung Eurer Siedlung ist nichts als eingebildet.“ führte sie kühl aus. In der folgenden Stille konnte sie ihren eigenen Herzschlag hören. Bin ich wirklich so kalt? Stimmt Ferons Befürchtung, dass ich früher böse war? fragte sie sich einen Moment, doch sie verwarf den Gedanken, bevor sie weiter darüber nachdenken konnte. Schließlich rührte sich der Fürst. „Ihr habt recht. Ich möchte mich für mein Benehmen entschuldigen. Ihr dürft gerne in unserer Siedlung auf Euren Begleiter warten.“ erklärte der Elf bedauernd und wies eine der Wachen an, ihr ein Zimmer herzurichten.

Zwei vermummte Gestalten huschten aus dem Unterholz in Ferons Weg. „Halt!“ riefen sie, während sie mit Bögen auf ihn zielten. Ferons Hand packte sein Schwert. Er wusste, dass die beiden nicht allein waren. „Gebt den Weg frei, Wegelagerer.“ schnauzte Feron, während er seine Chancen gegen ein halbes Dutzend Elfen abschätzte. Sie standen wohl nicht besonders gut. „Wenn ihr keine Wegelagerer seid, geht zur Seite. Andernfalls wird es euch schlecht ergehen.“ rief er laut. Die beiden Waldläufer senkten ihre Waffen. „Ihr seid ungefragt in unsere Ländereien eingedrungen.“ rief einer der beiden. „Werft euer Schwert weg und ergebt euch.“ Feron nahm die Hand vom Schwert und verschränkte die Arme. „Der Sommerwald gehört niemandem. Wer seid Ihr, dass Ihr Anspruch darauf erhebt?“ fragte er leicht wütend. „Der hohe Fürst Îshnar regiert hier. Ihr werdet uns begleiten, und Eure Anwesenheit auf unserem Land besser gut erklären.“
Feron war erstaunt über die Arroganz, die die Elfen an den Tag legten. Er wusste, dass sie arrogant waren, aber dass sie mal eben einen ganzen Wald als ihr Eigentum ausgaben war neu. Stumm lief er in ihrer Mitte, während sie ihn zur Siedlung eskortierten. Die Elfen hatten zwar auf Fesseln verzichtet, doch Feron wusste, dass hinter ihm zwei mit gezogenen Schwertern waren. Er machte sich nicht die Mühe, wegzulaufen, denn er wusste, das Awelia irgendwo voraus sein musste. Und das wahrscheinlichste war die Siedlung der Elfen.

„Gut, was kann Ich für Euch tun?“ fragte der Fürst neugierig. Awelia war über den Verhaltenswandel überrascht, aber ließ sich nichts anmerken. „Wie bereits gesagt, ich will nach Karturas, und warte auf einen Begleiter.“ Der Elf nickte. „Erzählt Mir, wie Ihr die Póhr Câlio überwunden habt.“ forderte er sie mit einer Geste auf. Die Zauberin erzählte knapp, wie sie die Figuren zu einer wohlgefälligen Geschichte geordnet hatte, um das Tor zu öffnen. Der Fürst zeigte sich beeindruckt. „Ja, das kommt dem, was damals geschehen ist, ziemlich nahe.“ sagte er lächelnd und applaudierte leicht. Awelia war drauf und dran, die Augen zu verdrehen, als eine Wache hereinkam. Die Elfe berichtete über einen weiteren Menschen, der festgenommen wurde.

Die Elfen führten Feron in ihre Siedlung. Er betrachtete grimmig die Baumhäuser, auf denen Bogenschützen standen. „Wartet hier.“ sagte einer der Waldläufer, als sie die Mitte des Platzes gleich neben dem Brunnen erreicht hatten. Mehrere von ihnen besprachen sich kurz mit einigen gerüsteten Kriegern, die daraufhin zu einem der Baumhäuser hinaufkletterten. Feron blieb nichts übrig, als zu warten. „Könnte ich etwas Wasser bekommen?“ fragte er, da er ohnehin neben dem Brunnen stand. „Still.“ befahl der Waldläufer, und der Drachentöter zuckte mit den Schultern.
Nach wenigen Minuten kam die Wache zurück, weitere Leute im Schlepptau. „Feron!“ rief jemand und er blickte auf. Feron lächelte, als er Awelia sah, und ging in ihre Richtung. Er hatte nicht mal einen Schritt geschafft, als eine Hand ihn zurückzog. „Wartet hier.“ befahl der Waldläufer erneut. Feron blickte zornig über die Schulter. „Nimm die Hand weg, oder ich breche sie dir.“ sagte er finster, und der Elf zog sich rasch zurück. Er ging zu Awelia, die gerade die Strickleiter heruntergeklettert kam. Freudestrahlend umarmte sie ihn. „Du hast das beste verpasst, ich habe das Mistvieh erlegt.“ sagte Feron grinsend. „Wirklich? Die Kriegsbestie?“ Er nickte. Awelia wurde wieder ernst. „Das mit dem Licht tut mir leid, es war ein dummer Fehler.“ Der Drachentöter zuckte mit den Schultern. „Ich war praktisch schon draußen.“ „Willkommen im Sommerwald.“ sagte ein Elf neben ihm, der von der Kleidung her der Fürst sein musste. „Fürst Îshnar.“ Feron verbeugte sich knapp. „Ich bin nur hier, um zu meiner Begleiterin aufzuschließen.“ „Sehr wohl. Ihr könnt gerne hier nächtigen, ich lasse Betten für Euch herrichten.“ Feron erinnerte sich an Átias Warnung und wollte ausschlagen, doch Awelia kam ihm zuvor. „Habt Dank. Gerne nehmen wir Euer großzügiges Angebot an.“

Es war dunkel geworden, als sie in einem Zimmer standen. Es hatte etwas gedauert, überhaupt ein Zimmer zu bekommen. Der Fürst wollte zunächst Awelia nahe seinem Thron unterbringen und Feron neben dem Brunnen schlafen lassen. Schlussendlich hatten sie ihn zu einer Unterkunft in einem Zimmer im nächstgelegenen Baumhaus überreden können. Sicherlich nicht zuletzt weil Feron unterschwellig gedroht hatte, sich in den Brunnen zu erleichtern. „Ich habe einige Antworten gefunden.“ sagte Awelia leichthin, während sie sich auf ihr Bett fallen ließ. „Ich habe …“ „Nicht hier.“ unterbrach Feron. „Sie belauschen uns. Ganz recht, ihr Spitzohren!“ Die Zauberin rollte die Augen und nahm eine der Früchte, die in der Schale neben dem Bett standen. „Gut. Und, was hast du getan, nachdem du die Kriegsbestie getötet und aus dem Schuppenrücken herausgekommen bist?“ fragte sie neugierig. „Ich will nicht darüber reden.“ grummelte er, während er leicht errötete. „Na, das klingt ja spannend.“ sagte Awelia belustigt. „Morgen früh brechen wir auf.“ legte Feron fest und löschte das Licht.

Awelia schwebte im Nichts. Sie kannte es bereits von früheren Träumen und war gespannt, was diesmal passieren würde. Vielleicht fand sie heraus, wer die mysteriöse Frau war. Doch etwas stimmte nicht. Anstatt wie erwartet in den Nebel einzutauchen, blieb es schwarz. Stattdessen hörte sie eine ihr nur zu gut bekannte Stimme. „Ich komme dich holen!“ fauchte der Schatten böse. „Du kannst dich nicht verstecken.“ Das Einhorn galoppierte durch das Nichts auf Awelia zu, doch sein Kopf war ein lachender Schatten. Sie rannte weg, aber das Monster kam unaufhaltsam näher. Es erreichte sie, und sie stürzte in seinen geöffneten Schlund.
Awelia lag schwer keuchend in der Dunkelheit. Hat es mich geholt? fragte sie sich mit aufkeimender Panik. Sie konnte nichts sehen, wusste nicht wo sie war. Eine flüsternde Stimme ertönte nicht weit von ihr, und für einen Moment war sie starr vor Schreck. „Ist alles in Ordnung?“ fragte Feron leise. „Du hast im Schlaf gemurmelt.“ „Ich dachte es holt mich, es war da. Es wollte mich fressen.“ Awelia blickte sich ängstlich in der Dunkelheit um. „Du hattest einen Albtraum, alles ist gut.“ sagte Feron und sie spürte, wie er sich neben sie setzte. Sie griff nach ihm. „Albtraum oder nicht, es weiß wo ich bin.“ flüsterte sie. „Keine Sorge, ich bin ja da. Dir wird nichts passieren.“ antwortete Feron, während er ihre Hand tätschelte. „Warum bist du wach?“ fragte Awelia nach einiger Zeit. „Ich traue den Elfen nicht über den Weg.“ antwortete er knapp. Die Zauberin seufzte.
Sie gestand sich ein, dass sie keinen Schlaf mehr finden würde. Schließlich beschlossen sie, einfach aufzubrechen. Leise verließen sie das Baumhaus, nur um draußen auf zwei Wachen zu stoßen. „Ihr solltet bis zum Sonnenaufgang hier bleiben.“ sagte eine der Wachen und deutete auf das Haus. „Dort draußen ist es nicht sicher.“ „Dort draußen ist es sicher, solange das Einhorn über den Wald wacht.“ gab Awelia zurück und versuchte nicht einmal, ihren Unmut über die Bevormundung zu verbergen. Dann schob sie sich an ihnen vorbei und stieg die Strickleiter hinab. Feron folgte ihr kommentarlos.
Sie hatten die Siedlung fast verlassen, als eine Stimme ertönte. „Wartet. Bitte.“ sagte Fürst Îshnar, der hinter ihnen angelaufen kam. „Ich weiß, dass Euch etwas schreckliches, etwas furchtbares belastet. Etwas jenseits von uns. Ich weiß nicht, was es ist, doch Ihr werdet jede Hilfe gebrauchen können.“ erklärte er eindringlich. „Nehmt dieses Geschenk von Mir, es wird Euch sicher helfen.“ er hielt ein kleines hölzernes Kästchen hoch. Bevor Awelia danach greifen konnte trat Feron vor. „Nein, danke.“ sagte er entschieden, „Wir können auf Eure Tricksereien und Vorteilnahme verzichten.“ Feron nahm Awelia sanft am Arm und wandte sich um zum Gehen. Sie ließen den verblüfften Fürsten stehen und verließen die Siedlung der Elfen.

Es war still in der Nacht. Die Bäume des Sommerwaldes wogten sanft im Wind, während der Mond hin und wieder durch die Blätter schien. Sie hatten die Siedlung hinter sich gelassen und folgten dem Pfad durch den Wald. Feron hatte sich immer wieder umgesehen, um sicherzugehen, dass sie nicht verfolgt wurden. Irgendwann hatte er damit aufgehört. Awelia gestand sich ein, dass das Geschenk des Fürsten vermutlich nur ihn selbst gut dastehen gelassen hätte. „Also, dein Albtraum, hat er mit dem zu tun, was heute geschehen ist?“ fragte er schließlich leise. Awelia nickte missmutig. „Ich habe ein paar Antworten bekommen.“ „Es ist schlimm?“ „Es ist sogar sehr schlimm.“ Sie nahm ihren Mut zusammen und erzählte ihm dann, was sie über den Schatten erfahren hatte, und wie er sie gefangen hatte. „Jedes mal, wenn ich die Augen schließe, habe ich Angst, nicht mehr aufzuwachen.“ gestand sie. Feron lächelte leicht und legte einen Arm um sie. „Keine Sorge, ich bin da und passe auf dich auf.“ „Wie willst du mich in meinen Träumen beschützen?“ „Da wird mir schon was einfallen.“
Kurz nach Sonnenaufgang erreichten sie den Waldrand. Der Wald öffnete sich einem weiten Tal und der Pfad verlief sich in einer weiten Wiese. Unter sich sahen sie eine ausgebaute Straße, auf der einige Fuhrwerke und Reisende unterwegs waren. In regelmäßigen Abständen säumten Bäume den Straßenrand und machten die Route so für alle ersichtlich. Sie brauchten nicht lange und als sie die Straße erreichten, erkundigten sie sich nach dem Weg. „Wieso hasst du die Elfen so sehr?“ fragte Awelia, während sie die Straße entlang gingen. „Hassen ist nicht das richtige Wort …“ begann Feron, doch sie unterbrach ihn. „Ich habe dich nie etwas positives über sie sagen hören. Irgendetwas muss geschehen sein. Erzähle es mir.“ Feron seufzte. „Na gut. Vor vielen Jahren, als ich noch klein war. Da stand nahe unserem Dorf ein Baum auf einer großen Wiese. Es war ein großer, majestätischer Baum. Meine Mutter sagte stets, solch einer würde auch vor dem Palast in Elemas stehen. Wir Kinder sind immer dort hingegangen und haben gespielt. Wettrennen über die Lichtung, Herumklettern im Baum, was Kinder eben so machen. Doch eines Tages, als wir zu dem Baum kamen, war da schon jemand. Eine Gruppe von Elfen hatte ihr Lager aufgeschlagen, und ihre Soldaten brachten uns ins Dorf zurück. Sie sagten, wir dürfen nicht mehr zu dem Baum. Und sie untersagten uns, 'ihren' Wald zu betreten.“ erzählte er traurig. „Das war sehr gemein von den Elfen, und es hat dich und die anderen Kinder sicher sehr getroffen. Aber es war doch nur ein Erlebnis.“ „Glaubst du? Ein paar Monate später tauchten Orks nahe unserem Dorf auf. Der Dorfälteste und einige andere gingen zu den Elfen und baten um Hilfe. Doch die Elfen verweigerten sich und zogen weiter. Die Orks plünderten unser Dorf und töteten einige von uns, bevor sie schließlich verschwanden.“ Sie spürte, dass da noch mehr war, doch Feron sagte nichts mehr. Schweigend gingen sie weiter, und Awelia wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie verstand Ferons Misstrauen gegenüber den Elfen, auch wenn sie es nicht teilte.
Am Abend erreichten sie ein kleines Dorf am Rand des Tals und warfen einen letzten Blick auf den Sommerwald, der jetzt in weiter Ferne lag. Das Licht der untergehenden Sonne färbte das weite Blätterdach rot, und Awelia hoffte, dass der Schatten den Wald nicht heimsuchen würde.

Das Dorf hatte keinen wirklichen Namen. Die wenigen Bewohner gaben ihm zwar verschiedene Spitznamen, die jedoch keine Bedeutung hatten. Awelia und Feron kamen in einem Rasthaus namens 'Zum Durchweg' unter. Durchweg war der Name der Straße, an der sie reisten. Der Weg entsprang dem hohen Norden Mureas und endete an einer der großen Küstenstädte des Südens. Nachdem sie gegessen hatten, zogen sie sich auf das gemietete Zimmer zurück. Es war ziemlich dürftig eingerichtet, doch für die Nacht würde es reichen. Während die Sonne unterging berieten sie, wie es weitergehen sollte. Karturas war offenbar nur drei Tagesmärsche entfernt und Awelia konnte es kaum erwarten, dort anzukommen. Feron wollte ihre Aufregung nicht bremsen, doch er war skeptisch, ob es so einfach werden würde. Nach dem, was sie ihm erzählt hatte, war ihr Gegner unvorstellbar mächtig und sehr gefährlich.
Irgendwann saßen sie einfach nur noch da und starrten aus dem Fenster hinaus. Die Sonne verschwand hinter den Hügeln und das Land wurde in rotes Licht getaucht. „Ich kann mich immer noch nicht erinnern.“ sagte Awelia plötzlich. „Aber ich glaube, ich habe etwas wichtiges getan.“ Sie ließ einen kleinen Funken vor sich entstehen und lenkte ihn mit leichten Handbewegungen hin und her. Feron betrachtete das Licht nachdenklich. „Was mir der Lebensbaum gezeigt hat … ich glaube, dass ich gegen den Schatten gekämpft habe, und er knapp gewonnen hat.“ flüsterte die Zauberin. „Es ist ein mächtiger, einflussreicher Feind.“ befand Feron. „Er kontrollierte den Roten Zirkel, hat dir Monster auf den Hals gehetzt und dich im Sommerwald gefunden. Ich mag mir nicht ausmalen, wie weit sein Einfluss noch reicht.“ Er blickte zu Awelia. „Ich hoffe, du erinnerst dich, bevor wir auf ihn treffen.“ „Das hoffe ich auch.“ flüsterte sie. Ihre Gesichter waren nur eine Handbreit voneinander entfernt. Feron beugte sich leicht vor. „Du hast mir noch nicht gesagt, was dir im Sommerwald widerfahren ist, du Schwerenöter.“ sagte Awelia unvermittelt und Feron wurde rot. „Ich will nicht darüber reden.“ murrte er und sah aus dem Fenster. „Na komm, schlimmer als bei mir kann es nicht sein.“ lächelte sie. Feron zögerte und Awelia klappte der Unterkiefer herunter. „Als ich schwer verletzt aus in den Sommerwald kam dachte ich, ich würde wohl sterben. Dann kam ich an diesen See. Und ich war nicht allein. Da war diese Frau …“ erzählte er. „Es war eine Nymphe. Sie hat mich verzaubert, und ich habe mich dumm verhalten.“ Feron blickte betreten zu Boden. „Hast du mit ihr geschlafen?“ „Nein. Aber ich bin ein anständiger Mann, und das dort war einfach nur falsch.“ „Es ist nicht dein Fehler. Es sind Zauberwesen, die leicht die Gefühle beeinflussen können, selbst bei so jemand willensstarkem.“ Feron blickte leicht auf. „Das sagst du doch nur so.“ „Du bist vom Anfang an bei mir, hast mich so oft vor Gefahren geschützt und mir geholfen. Du hast dein eigenes Leben mehr als ein mal aufs Spiel gesetzt.“ Awelia lächelte ihm zu. „Wir reden nie wieder darüber.“ versprach sie.

Am nächsten Morgen brachen sie auf. Awelia hatte geschlafen wie ein Stein, worüber sie reichlich froh war. Die Straße war gut ausgebaut und so kam sie schnell voran. Die Landschaft veränderte sich. Das Land wurde rauer, die Hügel kantiger. Selbst die Pflanzen wirkten stachelig und feindselig. Nach drei Tagesmärschen erreichten sie eine kleine Stadt an einem See. Im Gasthaus 'Am See' mieteten sie ein Zimmer. Es war nur noch ein Tagesmarsch, bis sie Karturas erreichen würden.
Awelia fiel durch einen dichten Nebel. Ein entferntes Rauschen von Wind hallte in ihren Ohren. Der Nebel verdichtete sich und nahm Gestalt an. Sie fand sich in dem Raum wieder, den sie schon zuvor in ihren Träumen gesehen hatte. In der Mitte stand die seltsame Frau und hatte ihr den Rücken zugewandt. Als sich Awelia umsah war sie überzeugt, dass sich die umstehenden Gestalten verfestigt hatten. Sie zählte mindestens ein Dutzend, und erkannte Salaco ganz genau. Im Hintergrund war ein beständiges, vielstimmiges Murmeln zu hören. Doch es war zu weit entfernt, um es zu verstehen. Die Frau drehte sich um, und Awelia starrte verblüfft in das Gesicht. Ihr eigenes Gesicht. Sie sah sich selbst mit ernster Mine zu den Schattengestalten sprechen. Die Kleidung, die sie trug, war ihr gänzlich unbekannt. Es war eine lange, dunkle Robe auf der dasselbe Symbol prangte wie auf ihrem Amulett. Farbe sickerte in den Nebel und ließ die Frau in rauchigem, dunklen Blau erscheinen. Awelia war so auf die Gestalt fixiert, dass sie fast nicht auf die Umgebung geachtet hätte. Zum ersten mal fiel ihr auf, dass die Frau, sie selbst, an einer hüfthohen Mauer mitten im Raum stand. Und jetzt, da sie sich umgedreht hatte, wurde der Blick frei auf eine seltsame Sphäre, auf der mehrere Flecken waren. Awelia wusste nichts damit anzufangen, und während sie darüber grübelte zerfaserte der Nebel.
Feron drehte sich im Bett herum. Er starrte die Decke an, wälzte sich zur Seite und starrte auf die schlecht gearbeiteten Wandbretter. Schließlich setzte er sich auf und starrte auf das Fenster. Es war geschlossen, doch in so schlechtem Zustand, dass mehrere Spalten im Holz klafften und sogar eines der Einsetzgläser fehlte. Beständig hörte er, wie draußen die Wellen gegen die Boote klatschten, und immer wieder wurde der Geruch von gammeligem Fisch hereingetragen. Der Lärm und der Gestank ließen ihn nicht einschlafen. Feron warf einen Blick zu Awelia, die tief und fest schlief. Mit einem resignierten Kopfschütteln ließ er sich wieder ins Bett sinken und versuchte weiter, einzuschlafen. Rhythmisch platschte das Wasser gegen die Boote. Und dazwischen das Knarren von Holzdielen. Schlagartig war Ferons Unmut verschwunden und von Anspannung ersetzt. Er lauschte einige Zeit, doch das Knarren wiederholte sich nicht. Aber er wusste, er hatte es sich nicht eingebildet. Es musste im Gang vor der Tür gewesen sein. Die Sonne war schon lange hinter dem Horizont verschwunden, und auch eine Laterne hatte er nicht unter der Tür durchscheinen sehen. Langsam setzte er sich auf. Er wollte nach seinem Schwert greifen, doch es war an das Fenster gelehnt, damit es überhaupt geschlossen blieb. Da draußen konnte wer weiß wer sein und er wollte Awelia nicht unnötig wecken. Vorsichtig stand er auf und ging so geräuschlos wie möglich zur Tür. Ganz deutlich hörte er das Knacken einer Bodendiele auf der anderen Seite der Tür. Vorsichtig zog Feron die Tür auf. Niemand lauerte auf der anderen Seite. Als er den Kopf nach draußen streckte sah er an der Treppe eine einzelne brennende Laterne stehen. Er hörte kurz das Wasserplätschern von unten heraufdringen, als jemand durch die Tür nach draußen ging. Feron ging rasch hinterher, die Treppe hinunter in den Gastraum. Eine weitere Laterne hing beim Tresen, doch nicht einmal der Wirt war zu sehen. Als er schließlich ins Freie trat, stand er in der nur vom Mond erleuchteten Nacht. Eine dunkle Gestalt huschte in eine Seitengasse auf der anderen Straßenseite. Feron lief hinterher. Er wusste, wie dumm er sich im Grunde verhielt, doch er wollte wissen, wer mitten in der Nacht im Gasthaus herumschlich. Die Gasse war kurz und führte zur Straße am See. Ein Lichtkegel schob sich über die Hauswand und reflexartig duckte er sich hinter ein Fass. Eine Stadtwache patrouillierte am See entlang und pfiff leise ein Liedchen. Feron wartete, bis der Mann ihn passiert hatte, und huschte dann unbemerkt über die Straße. Von der Gestalt war keine Spur mehr zu sehen. Feron sah die Straße entlang, doch die Stadtwache war die einzige Person weit und breit. Vorsichtig bewegte er sich zwischen alten Fässern und Kisten zum Hafen, doch die Gestalt blieb verschwunden. In seiner Nähe schwankte ein kleines Boot im Wasser, die Wellen klatschten gegen den Rumpf. Feron ließ seinen Blick über den See schweifen, als er die Gestalt wieder entdeckte. Mitten auf dem See bewegte sich ein Boot lautlos über das Wasser. Die Gestalt stand am Heck und sah ihn direkt an.
Awelia streckte sich, als die aufgehende Sonne in das Zimmer leuchtete. „Ich habe gut geschlafen.“ sagte sie freudig, und verstummte, als sie Feron sah. „Du offenbar nicht.“ sagte sie kleinlaut. „Mal abgesehen davon, dass man in diesem grauenvollen Zimmer sowieso nicht schlafen kann, habe ich letzte Nacht jemanden verfolgt.“ grummelte er müde. Awelia machte große Augen, während Feron ihr erzählte, was geschehen war. „Aber es war nicht der Rote Zirkel?“ fragte sie schließlich mit einer unguten Vorahnung. „Das ist sehr unwahrscheinlich.“ antwortete Feron. „Wer glaubst du war es dann?“ „Ich weiß es nicht. Aber ich habe so eine Ahnung, dass wir es bald herausfinden werden.“

Zwei Tage später tauchte vor ihnen die Silhouette einer Stadt auf. Sie war nicht so groß wie Elemas, nur ein Stückchen größer als Sonnenberg. Doch sie strahlte eine gewisse Macht aus. Dicke Mauern umgaben die hohen Steinhäuser, deren graue Dächer in der Sonne glänzten. Davor waren mehrere Dörfer und ausgiebige Farmen. Am Stadtrand, gerade noch innerhalb der Mauern, ragte ein hoher Turm empor, der in einer gezackten Krone mündete. Karturas lag vor ihnen.