Kapitel 12 – Karturas

Als Awelia Karturas betrat, spürte sie die Magie in diesem Ort. Es war nicht die Stadt selbst, vielmehr lag die Magie tief unter ihr. Wenn sie die Augen schloss konnte sie ein leuchtendes, fließendes Meer unter sich erkennen. Die Magie gab es zwar überall auf der Welt, doch hier war so eine gewaltige Menge davon, dass Awelia zunächst dachte, es sei der Ursprung aller Magie. Doch irgendwie kam ihr der Gedanke nicht richtig vor. Sie erinnerte sich, dass es in den Büchern hieß, dass Magie allgegenwärtig und überall vorhanden war. Der Weltenstrom war ein allumfassendes Gewebe, wie ein Ozean der Magie. Und wie ein richtiger Ozean hatte er tiefe und flache Stellen und Bereiche mit größerer Aktivität. Als sie Feron fragte, ob auch er die Magie spüre, schüttelte er nur mit dem Kopf.
Sie schlenderten über den Marktplatz, der zur Mittagszeit nur halb gefüllt war. „Dieser Turm.“ sagte Awelia, während sie zur Seite auf das große Gebäude blickte, dass das alles andere überragte. „Ich bin sicher, dass er zur Akademie gehört.“ „Ich auch, ich habe die Wegweiser am Stadteingang gesehen.“ grinste Feron, während er die Auslage betrachtete. „Ich bin gespannt, welchen Zweck er erfüllt.“ „Wir sind zwar früh dran, aber du kannst doch trotzdem in die Akademie gehen.“ Die Zauberin blickte ihn irritiert an. „Willst du nicht mitkommen?“ „Nach dem, wie mich dein Kollege Salaco behandelt hat, lassen die mich sicher nicht da rein.“ Awelia verzog das Gesicht. „Na hör mal, ein Abenteurer wie du wird sich doch von einer schlechten Erfahrung nicht gleich abschrecken lassen.“ Feron drückte den Rücken durch. „Nie und nimmer!“
Bald darauf standen sie vor den Stufen zur Akademie der arkanen Künste zu Karturas. Am oberen Ende war ein großer Torbogen in die Mauer gelassen, davor standen einige herausgeputzte Stadtwachen. Die Treppe war mehr als doppelt so breit wie das Tor, und Awelia zählte zweiundzwanzig Stufen. Sie wusste, dass die Anzahl etwas zu bedeuten hatte, doch was? Die anderen Leute gingen allesamt an der Akademie vorbei und würdigten sie keines Blickes. Awelia begann die Treppe hinaufzusteigen und Feron folgte ihr. Oben angekommen standen sie vor einem Sockel, auf dem eine Sphäre aus milchig trübem Glas lag. Eine Stadtwache trat vor. „Passierschein bitte.“ sagte der Mann höflich. Die Zauberin streckte die Hand aus, ohne genau zu wissen, was sie tat. Ihre Finger strichen über die Sphäre, und das Glas klärte sich für einige Augenblicke. Es musste die ihr innewohnende Magie erkannt haben. Die Wache salutierte zackig und trat zur Seite. „Verzeihen sie, hochgelehrte Dame.“ „Das war ja einfach.“ murmelte Feron und gemeinsam betraten sie die Akademie.

Sie durchquerten einen kleinen Vorhof, an dessen Ende ein alter Mann stand. In eine graue Leinenrobe gehüllt kratzte er sich mit einem Federkiel durch den langen, grauen Bart. Die zittrigen Finger holten eine vergilbte Pergamentrolle hervor. „Die Namen bitte.“ krächzte er mürrisch. „Awelia, das hier ist Feron.“ antwortete die Zauberin freundlich. „Willkommen in der Akademie der arkanen Künste zu Karturas.“ grummelte er, während er ihre Namen auf das Papier schrieb. Dann wandte er sich ab und würdigte sie keines weiteren Blickes, während er durch eine bis gerade eben verborgene Tür entschwand. Awelia und Feron wechselten einen flüchtigen Blick und gingen weiter.
Der Haupthof der Akademie war ein geräumiges, freies Areal mit sicher hundert Schritt Durchmesser, dessen Boden mit großen, weißen Fließen bedeckt war. Vor ihnen lag ein vierstöckiges Gebäude, hinter dem der Turm emporragte, und zu den Seiten schlossen kleinere Flügel den Hof ab. Bis auf einen Mann, der eine braune Robe trug, war niemand zu sehen. Er war dabei, mit einem Besen den Hof zu kehren. Sie gingen zu ihm hinüber. Aus der Nähe betrachtet war er vielleicht zwanzig Sommer alt. „Sei mir gegrüßt, …“ begann Awelia. „Arnak, werte Dame, werter Herr.“ sagte der Junge überrascht und verbeugte sich hastig. „Ich bin …“ „Zauberin Awelia. Verzeiht. Ich nehme an Ihr seid wegen des Konvents hier.“ plapperte Arnak darauf los und starrte dann betreten zu Boden. „Ihr kennt mich?“ Awelia war aufrichtig überrascht. „Ich sah Euch beim letzten Konvent, ich war selbst noch ein Schüler. Ich hörte Euren Namen. Verzeiht meine Aufdringlichkeit.“ „Nein, es ist in Ordnung. Ihr habt recht, ich bin wegen des Konvents hier. Mein Gedächtnis hat etwas gelitten, könntet Ihr mir kurz erklären, was wo ist, und wo ich mich hinbegeben muss?“ Arnak nickte eifrig und erklärte den Grundaufbau der Akademie. Der Flügel links des Haupthauses beinhaltete die Elementarmagie, während im anderen die Beschwörung magischer Wesenheiten gelehrt wurde. Im Haupthaus war der große Versammlungssaal und zudem wohnte in den oberen Stockwerken die Spektabilität. „Und was ist mit dem Turm?“ fragte die Zauberin. Der Junge blickte sie überrascht an. „Ich denke, Ihr wisst mehr über den Nexus als ich. Es ist mir nicht gestattet, ihn zu betreten.“

Awelia und Feron betraten das Haupthaus. Der Boden war mit verzierten Marmorfliesen bedeckt. Büsten und kleine Fresken waren an den Wänden angebracht und von der Decke hing ein funkelnder Kronleuchter, der stark dem von Hochmeister Kehmno ähnelte. Doch dies hier war keine Höhle des Roten Zirkels. Zu beiden Seiten führten Treppen nach oben, während die schwere Doppeltür voraus wohl zum Turm führte. Ein alter Mann mit einer grauen Robe trat mit langsamen Schritten durch eine Seitentür ein. „Seht an, seht an.“ sagte er mit finsterer Stimme. „Awelia. Seid Ihr hier, um wieder den Leuten Flausen in den Kopf zu setzen? Habt Ihr bei Eurem letzten Besuch denn nicht genug Furcht verbreitet?“ „Meister Eiron.“ sagte Awelia knapp, und war selbst überrascht, seinen Namen zu kennen. „Ich bin hier auf Einladung des Hofmeisters.“ Eiron winkte unwirsch ab und bemerkte dann Feron. „Und was ist das für ein dahergelaufener Streuner?“ „Das ist kein Streuner, sondern ein erfahrener Krieger.“ erklang eine neue Stimme hinter dem Meister. Eine gerüstete, bewaffnete Frau trat hervor. Awelia lächelte. „Dara, es tut gut, dich wiederzusehen.“ „Die Freude ist ganz meinerseits. Meister Eiron, Ihr habt sicher noch Versuche durchzuführen.“ Eiron warf Dara einen bösen Blick zu und marschierte davon. „Entschuldigt, Meister Eiron ist von Natur aus unleidlich.“ sagte Dara, während Awelia ihr um den Hals fiel. „Feron, wie ich sehe bist du noch am Leben.“ „Es war ein paar mal ganz knapp, aber irgendwer muss ja auf Awelia aufpassen. Zudem habe ich ein neue Geschichten zu erzählen.“ Dara lachte spöttisch. „Da bin ich mal gespannt. Ich gehe und sage dem Hofmeister Bescheid, sollte er nicht schon Bescheid wissen.“ In der Tür stockte sie. „Macht keinen Blödsinn.“

Zu dritt saßen sie im bescheidenen Zimmer, das der Hofmeister bereits für Awelia und Feron bereitgestellt hatte, denn ihr Kommen war wohl bereits durch den Mann im Vorhof angekündigt worden. Neben zwei Betten gab es lediglich einen Schrank und einen Tisch samt Stühlen. Awelia hatte Dara erzählt, wie sie nach Karturas gereist waren, und Feron hatte äußerst ausgiebig und fantasievoll beschrieben, wie er Zakar getötet hatte. Dara war zunächst skeptisch, aber nachdem die Zauberin die Geschichte weitestgehend bestätigt hatte, war sie tief beeindruckt.
„Also, um auf das Konvent zu sprechen zu kommen …“ sagte Dara schließlich und sah Awelia an. „ … ihr seid früh dran. Es findet erst in zweieinhalb Wochen statt. Bis dahin, und natürlich bis zum Abschluss des Konvents, steht euch das Zimmer zur Verfügung.“ „Puh, was machen wir denn in der Zwischenzeit?“ fragte die Zauberin. „Du kannst die Bibliothek besuchen, dich in den Unterricht der Schüler setzen, oder aber in einem der dafür vorgesehenen Räume üben.“ erklärte Dara mit einem warmen Lächeln. „Und was kann ich machen?“ fragte Feron neugierig. „Bedauerlicherweise wenig. Da du kein Magier bist, ist dir kaum Zugang gestattet. Tatsächlich darfst du nur in der Akademie sein, da Awelia dich mit hineingenommen hat.“ antwortete Dara bedauernd. „Ich lasse dir jedoch einen Passierschein ausstellen, damit du jeder Zeit kommen und gehen kannst.“ Eine betretene Stille trat ein. „Kopf hoch, das letzte mal hat es doch auch alles gut geklappt.“ sagte Awelia und gab Feron einen leichten Stoß. Plötzlich fiel ihr etwas ein, was ihr in den vergangenen Tagen immer wieder in den Sinn gekommen war. „Als der Schatten mich im Sommerwald angegriffen hatte, da sprach er von einer Prophezeiung, die er erfüllen würde.“ sagte sie. Durch den Kampf hatte sie die Worte des Schatten fast vergessen gehabt. „Sagte er auch, was für eine Prophezeiung?“ fragte Feron nachdenklich. Die Zauberin schüttelte den Kopf, „Leider nein.“ „Ich lasse euch jetzt erst einmal allein. Aber ich höre mich mal um wegen so einer Prophezeiung. Falls ihr noch etwas benötigt, sagt mir oder dem Hofmeister Bescheid.“ sagte Dara.
Nachdem Dara gegangen war, saßen sie noch eine Weile still im Zimmer. „Was machen wir jetzt?“ fragte Feron irgendwann. „Ich werde wohl in die Bibliothek gehen.“ seufzte Awelia. „Ich muss wissen, was beim letzten Konvent geschehen ist, und was der Schatten ist. Ich hoffe, du verstehst das.“ „Ist schon gut. Mal sehen, was die Stadt zu bieten hat. Ich hoffe ich mache keinen … Wie hat sie es genannt? Blödsinn.“ Feron grinste. „Sei rechtzeitig zurück, ich bin sicher, ich werde dich brauchen.“ lachte Awelia und drückte ihn.

Am nächsten Morgen verließ Feron die Akademie. Auch wenn Karturas nicht so groß war wie Elemas, so gab es doch sicher viel zu entdecken. Er hoffte nur, nicht wieder endlos Botengänge machen zu müssen. Am Tor versicherte er sich nochmals, dass er den Passierschein hatte.
Abseits der wenigen breiten Straßen waren die Gassen schmal und verwinkelt. Feron schätzte, dass über die Jahre die Häuser wohl so gebaut worden waren, wie man gerade lustig war. Dennoch fand er sich gut zurecht. Es gab einen großen Markt nahe dem Rathaus, auf dem er vorher mit Awelia gewesen war, und einen kleineren nicht weit von der Akademie entfernt. Ein Fluss schnitt Karturas im Süden. Dort waren auch die Schmieden und Tischler. Zudem fand Feron zwei Schänken, die sich von den übrigen Spelunken abhoben. Sowohl im „Sprechenden Hut“ als auch in „Karturas Schänke“ wurde unverdünntes Bier angeboten, und es gab Geschäftspartner, die keine Halsabschneider waren. Feron kam mit mehreren Handwerksmeistern und sogar einem Stadtrat ins Gespräch, doch niemand hatte Arbeit für ihn. Als es dunkel wurde stampfte er in die Akademie zurück und hoffte auf den nächsten Tag.

Awelia machte es sich in der Bibliothek gemütlich. Sie sah etliche Bücher, die sie bei Salaco gelesen hatte. Aber sie entdeckte auch neues. Sie fand Traktate zur Beschwörung magischer Wesen, und eine Historie von Karturas, die über tausend Jahre zurückreichte. Awelia hatte bei vielem das Gefühl, es bereits zu kennen. Dennoch half es ihr, zumindest einiges Wissen wieder hervorzukramen, auch wenn ihr nicht einfiel, was beim letzten Konvent geschehen war.
Awelia hörte ein Poltern, gefolgt von leisem Fluchen. Sie hatte nicht bemerkt, dass noch jemand in der Bibliothek war. Langsam stand sie auf und sah sich um. Sie musste nicht lange suchen. Nur zwei Reihen weiter bemühte sich der Junge, Arnak, einen viel zu großen Stapel Bücher wieder aufzuheben. „Kann ich helfen?“ fragte sie vorsichtig. Arnak erschrak und ließ die Bücher wieder fallen. „Verzeiht mein Missgeschick. Meister Eiron hat mir aufgetragen, diese Bücher zurückzubringen.“ entschuldigte er sich hastig und begann, die Bücher erneut aufzusammeln. Awelia bückte sich und hob eines der Bücher auf. Sie erinnerte sich an ein ähnliches Buch in einem anderen Regal. „Lasst mich helfen. Zu zweit geht es schneller.“ „Ja, danke.“ der Junge wurde rot. „Bitte erzählt es nicht Meister Eiron.“ „Seid Ihr sein Schüler?“ „Sein Adept, ja.“ Eine Weile herrschte Schweigen zwischen ihnen, während sie die Bücher einsortierten. „Ihr wollt Magier werden?“ fragte Awelia während sie eines der letzten Bücher betrachtete. Arnak nickte. „Auf welches Gebiet lenkt Ihr Eure Studien?“ Der Junge druckste einen Moment herum. „Ich würde gern die Luftmagie erlernen.“ Er blickte zu Boden. „Meister Eiron hält das für Zeitverschwendung.“ „Vielleicht hat der Meister etwas in Euch gesehen, weswegen er eine andere Fachrichtung für geeigneter hält.“ sagte Awelia nachdenklich. „Er hat sich nicht genau festgelegt.“ „Nun, was Ihr auch lernt, verzichtet bitte auf dieses.“ die Zauberin drehte das geöffnete Buch herum. Der Abschnitt, den sie aufgeschlagen hatte, beschrieb die magische Wiedererweckung von Toten. Arnak erbleichte. „Meister Eiron wird sicher seine Gründe dafür haben, dieses Buch zu studieren. Aber lasst euch gesagt sein, Todesmagie im allgemeinen und Nekromantie im speziellen sind in Murea zu recht verboten.“ erklärte Awelia. „Bei den Elementen, das wusste ich nicht. Also … ich weiß, dass es verboten ist, aber dieses Buch …“ stotterte Arnak und starrte ängstlich abwechselnd Awelia und das Buch an. Die Zauberin klappte es zu und schob es ins Regal. „Was werdet Ihr jetzt tun?“ fragte der Junge mit zitternder Stimme. „Beruhigt Euch. Ich werde mich wieder dort vorn in den Sessel setzen und weiter lesen. Ich werde Euch auch nicht an Meister Eiron verpfeifen.“ sagte Awelia halblaut und lächelte Arnak warm an.

Als Feron zurückkehrte wartete Awelia bereits auf ihn. „Na, die Welt gerettet?“ fragte sie scherzhaft. „Fast.“ antwortete Feron und schüttelte den Kopf. „Niemand benötigt meine Dienste, was nicht heißt, dass sich das nicht ändert.“ Die Zauberin nickte gespannt und schien darauf zu warten, dass er sie fragte. „Und was hast du so getrieben?“ „Oh ich habe etliche Bücher gelesen. Naja, überflogen. Und ich habe den Hofmeister um Einsicht in die Absolventenliste gebeten.“ „Du möchtest wissen, ob Großmeister Berelas von hier kam.“ riet Feron, und Awelia nickte. „Irgendwo muss er gelernt haben. Und wenn es hier war, stehen die Chancen gut, seinen Lehrer zu finden.“ „Du glaubst, dass er zum Schatten gehört? Ist das nicht zu lange her?“ Awelia dachte einen Moment nach. „Das Konzil findet aller vier Jahre statt. Was auch immer das ist, dem wir nachjagen, es geht schon weitaus länger als vier Jahre.“ Feron sah sich um, um sicherzustellen dass sie allein waren. „Wenn das zutrifft, dann erklärt es durchaus Kulte wie den Roten Zirkel und einen bösen Lehrer samt Schüler. Aber das bedeutet auch, dass wir überall mit weiteren Dienern des Schatten rechnen müssen.“ erklärte er halblaut. „Ich bin vorsichtig.“ versprach Awelia.

Am nächsten Morgen kam der Hofmeister zu Awelia und brachte ihr die Absolventenliste. Sie brauchte nicht lange zu suchen. Berelas, genauer gesagt Kelan Berelas, hatte vor gut neun Jahren seine Ausbildung zum Magier abgeschlossen und hatte eine Thesis zur Antimagie als letzte Prüfung geschrieben. „Ich würde gern Einsicht in die Unterlagen über diesen ehemaligen Schüler erhalten, einschließlich seiner Arbeiten.“ bat Awelia den Hofmeister. Der Mann verzog das Gesicht. „Dieses Anliegen müsst ihr der Spektabilität vortragen. Euer Gesuch muss zudem wohlbegründet sein, denn wir achten sehr auf die Vertraulichkeit der persönlichen Entwicklung unserer Schüler.“ Die Zauberin nickte.
Sie betraten ein großes, aber dennoch beengtes Büro im obersten Stock des Haupthauses. Die Wände waren mit Bücherregalen und überladenen Ablagen förmlich tapeziert. Es gab nur zwei Schreibtische, doch überall waren Stapel aus Kartons und große Gerätschaften und Artefakte. Ein Globus stand direkt neben der Tür, während auf einem der Tische zwischen Pergamentstapeln ein Fernrohr lag. „Ich gehe den hohen Gelehrten suchen.“ sagte der Hofmeister etwas düpiert und bahnte sich einen Weg durch das Chaos. Awelia nahm sich die Zeit, um sich weiter umzusehen. Sie entdeckte einen goldenen Sextanten zwischen zwei Papierstapeln. Dann fiel ihr Blick auf den Globus. In blassem Braun war Murea abgebildet, umgeben von Wasser. Die wichtigsten Straßen und Städte waren eingezeichnet, ebenso wie Landesgrenzen und die größten Flüsse. Es schien eine ziemlich akkurate Darstellung zu sein. Sie drehte die Kugel herum und suchte die Ebene, auf der sie aufgewacht war. Nach einigem erfolglosen Suchen fand sie immerhin den Städtebund, der als kleiner Klecks an der Küste eingezeichnet war. Von dort konnte sie schätzen, wo sie einst aufgewacht war, und auch den Weg, den sie seitdem zurückgelegt hatte. Von so weit draußen betrachtet machte es nicht viel her. Hätte sie sich nicht an all die Abenteuer und Gefahren erinnert, wäre es ihr recht langweilig vorgekommen. Ein Rascheln und Poltern war zu vernehmen und riss die Zauberin aus ihren Gedanken. Ein alter Mann mit einem langen, weißen Bart war erschienen und bemühte sich mit dem Hofmeister im Schlepptau, zu einem der Schreibtische zu kommen. Seine weite, weiße Robe blieb immer wieder an Kartons und Pergamenten hängen und schliff einen Teil davon mit.
Nachdem sich der Greis gesetzt hatte, wandte er sich Awelia zu. „Seid mir gegrüßt Awelia.“ brummte er mit tiefer Stimme. „Erzmagier Wolmats, es freut mich, Euch zu sehen.“ Die Zauberin verneigte sich. „Nun, wie ich höre habt Ihr ein sehr ernstes Anliegen.“ sagte der Erzmagier. „Euer Gesuch, könnt Ihr es begründen?“ „Kelan Berelas, auch bekannt als Großmeister Berelas, hat in Pyrion einen Kult geführt, der eine Vielzahl Verbrechen begangen hat, einschließlich das des Mordes. Zudem hat er Riesenfledermäuse beschworen und die bekanntermaßen verbotene Todesmagie gewirkt, im Ritual als auch im Angriff.“ erzählte Awelia, und der Erzmagier starrte sie schockiert an. Die Mine des Hofmeisters war wie versteinert. „Das sind schwere Anschuldigungen, ich werde nach Kelan Berelas fahnden lassen.“ stieß der Magier entrüstet hervor, doch die Zauberin schüttelte den Kopf. „Nachdem ich ihn gestellt hatte, war ich gezwungen, ihn zu töten.“ „Hmm.“ brummte der alte Magier. „Ich werde das untersuchen lassen, könnt Ihr mir mehr darüber erzählen?“ Awelia erzählte, wie sie von Mitgliedern des Roten Zirkels gejagt wurde, von der Gruppe nahe Sonnenberg, und wie sie den selbsternannten Großmeister schließlich in Burg Bruchstein stellte. Sowohl der Erzmagier als auch der Hofmeister hörten aufmerksam zu. „Feron kann es bezeugen, und Dara war bis zu meiner Ankunft in Elemas ebenfalls zugegen.“
Als sie geendet hatte, legte Wolmats kategorisch fest „Wir werden mit Dara sprechen, aber ich glaube Euch. Wir werden diese Verbrechen nicht unaufgeklärt lassen. Wir werden uns dessen annehmen und die Vorgänge aufklären, sowie übrige Schwarzmagier vor Gericht stellen.“ Er blickte Awelia an. „Ich nehme an, Ihr habt Euer Gesuch gestellt, da Ihr vermutet, Berelas ist in unserer Akademie zum Verbrecher geworden?“ Die Zauberin nickte. „Leider vermute ich das tatsächlich.“ „Es kränkt mich, das zu hören. Aber im Lichte der geschilderten Vorgänge ein nachvollziehbarer Gedanke. Ich gebe Eurem Gesuch statt. Hofmeister Belahan wird sich darum kümmern.“

Es herrschte reges Treiben in Karturas. Die Bauern aus dem Umland besuchten die Märkte und Reisende füllten die Tavernen. Feron hatte jemanden, den er für einen Akademieschüler hielt, aus Spaß verfolgt, doch dann im Gedränge des großen Marktes verloren. Jetzt ging er am Rathaus entlang und beobachtete die Wachablösung der Stadtwache. Es war eine feierliche Zeremonie, direkt vor einem Anbau am Rathaus, der wohl eine Zisterne war. Sein Blick fiel auf das Schwarze Brett, an dem wichtige Neuigkeiten angeschlagen waren. Groß war die nächste Sitzung des Stadtrats aufgemacht, zusammen mit der Tagesordnung. Auch ein neuer Erlass prangte an der Wand, der den Preis für Weizen auf acht Taler begrenzte. Was Feron aber wirklich ins Auge fiel hing am unteren Rand. Es war kein offizieller Anschlag der Stadt, doch von einem Magier unterschrieben. Angeblich trieb sich eine magische Wesenheit unter der Stadt herum und stellte eine Gefahr für die Bewohner da. Der Schreiber bat die Bürger, vorerst nicht mehr die Toiletten zu benutzen. Feron musste grinsen, als er die Nachricht gelesen hatte. Er glaubte kaum, dass irgendwelche magischen Monster durch das Klo gekrochen kamen, doch etwas wahres musste dran sein. Und sei es, dass jemand ungestört sein wollte.
Feron betrat das Rathaus. Innen war es aufwändig ausgeschmückt. Mit Silber behangene Kronleuchter hingen von der Decke und in der Galerie waren die Büsten der bisherigen Stadtältesten aufgestellt. Feron sah einen kleinen Tresen nahe der Tür und ging zu der dahinter wartenden Beamtin. „Einen schönen guten Tag. Kann ich mich bei Fragen zur Stadt an Sie wenden?“ fragte er höflich. Die Frau blickte von ihrem Buch auf und musterte ihn gelangweilt. „Ja.“ sagte sie monoton. „Ich habe den Aushang über das Kanalmonster gesehen, wissen Sie etwas darüber?“ „Da müssen Sie schon die Akademie fragen, das ist deren Sache.“ antwortete die Beamtin genervt, und wandte sich wieder ihrem Buch zu.
Als Feron auf die Straße trat, war er guter Dinge. An der Geschichte schien doch etwas dran zu sein, und es würde sicher interessant sein, dem nachzugehen. Zumindest besser, als bis zum Konvent auf dem Hintern zu sitzen. Bei der Akademie würde er nicht vorstellig werden, die Stadt war schon nicht gesprächig gewesen, und Magier waren noch eigenbrötlerischer. Awelia natürlich ausgenommen. Er dachte einen Moment darüber nach, sie um Hilfe zu fragen, doch er wusste, dass sie mit wichtigen Nachforschungen beschäftigt war. Also machte er sich auf die Suche nach einem Weg in Karturas Untergrund. Anstatt jedoch wie ein Idiot durch die Stadt zu laufen und nach einem Loch im Boden zu suchen, machte er auf dem Absatz kehrt und ging zurück ins Rathaus. „Hallo, ich würde gern mit dem Archivar sprechen.“ sagte er höflich, als er zur Beamten an den Tresen trat. Die Frau blickte abermals gelangweilt von ihrem Buch auf und musterte ihn einen Moment. „Die Treppe hoch und rechts. Vierte Tür auf der linken Seite.“ sagte sie monoton, und sie schien sich nicht an Feron zu erinnern, obwohl er erst vor wenigen Minuten vor ihr gestanden hatte. Der Drachentöter folgte der Wegbeschreibung und stand schließlich vor einer vergilbten Holztür. Vorsichtig klopfte er, und nach einigen Augenblicken hörte er eine gedämpfte Stimme, die ihn hereinbat.
Feron betrat das Büro des Archivars. Es war säuberlich aufgeräumt und in großen Regalen, die bis zur Decke reichten, waren Dokumente verstaut. Der alte Mann hinter dem Tisch starrte einen Moment gerade aus, bis er die Anwesenheit eines Besuchers zur Kenntnis nahm und sich ihm zuwandte. „Was … was kann ich für Sie tun.“ sagte der Beamte hustend und hielt sich ein Stofftuch vor den Mund. „Ich würde gern die Baupläne der Katakomben und Kanäle unter der Stadt einsehen.“ antwortete Feron. „Haben Sie … haben Sie die entsprechende Vollmacht?“ „Ich komme von der Akademie. Es geht um die magische Kreatur.“ Feron hielt den Passierschein hoch. „Oh, na dann.“ Der Beamte stand auf und ging zu einem Fach, in dem Kartenrollen gelagert waren. Eine Zeit lang wühlte er, doch schließlich kehrte er mit einigen Karten zurück. Feron war überrascht, dass das so einfach war. Offenbar hatte die Akademie weitreichende Befugnisse. „Also, hier haben wir die Pläne des Grundbaus, beachten Sie bitte das Datum. Da … das ist der erste Ausbau und hier der Zweite. Und … und das ...“ der Beamte hatte einen schweren Hustenanfall und ließ sich in seinen Stuhl fallen. „Ein Karte der Kellergewölbe?“ fragte Feron, und der Mann nickte mit tränenden Augen. „Bringen … Sie sie zurück … wenn Sie fertig sind.“

Der Hofmeister brachte ihr die Unterlagen auf das Zimmer, und ließ Awelia dann allein. Sie begann mit der Aufnahme von Berelas in die Akademie, und arbeitete sich dann durch die Schriftstücke. Als sich die Tür öffnete blickte sie auf. „Lass dich nicht stören.“ sagte Dara halblaut und setzte sich aufs andere Bett. Die Tür öffnete sich erneut und Feron trat ein. „So früh schon zurück?“ fragte die Zauberin überrascht. „Es ist dunkel.“ gab Feron irritiert zurück. Awelia blickte zuerst durch das Fenster, dann auf die brennende Kerze auf dem Tisch. „Dara, du bist doch gerade erst hereingekommen.“ „Das war vor über zwei Stunden.“ antwortete Dara lächelnd, und Awelia schenkte ihr einen verweisenden Blick. „Dann sag doch was!“ „Ich wollte nicht stören.“ „Oh bitte, als könntest du stören.“ lächelte Awelia. Die Zauberin räumte die Unterlagen zusammen und stellte fest, dass sie gespannt angestarrt wurde. „Ich warte auch nochmal zwei Stunden.“ sagte Dara trocken, und alle lachten.
„Der Anfang ist unverfänglich. Ich glaube, er hat sich zunächst für magische Artefakte interessiert. Doch im ersten Jahr hat er sich dann auf Erdmagie fixiert. Im zweiten Jahr begannen seine Gedanken in Richtung der Todesmagie zu wandern. Es ist sehr subtil. Ich glaube auch nicht, dass er von selbst darauf kam. Er wurde langsam in die Richtung gelenkt, aber ich weiß nicht von wem. Er wurde Adept nachdem der Wandel begann, und dann hatte er drei verschiedene Lehrer bis zu seinem Abschluss.“ erzählte Awelia. „Welche drei?“ fragte Dara. „Meister Askebyr, Meister Renron und Meister Eiron.“ „Askebyr hat vor vielen Jahren die Fachrichtung gewechselt, was wohl den ersten Wechsel erklärt. Meister Renron ist bedauerlicherweise bei einem misslungenen Ritual ums Leben gekommen. Und Meister Eiron kennst du ja.“ erklärte Dara nachdenklich und blickte dann auf. „Glaubst du, dass es Meister Eiron war?“ Awelia dachte nach. „Er ist der offensichtlichste Kandidat, er ist schon ohnehin unausstehlich. Und er scheint sich tatsächlich für die dunklen Künste zu interessieren. Aber irgendwie glaube ich nicht, dass er zu so etwas subtilem fähig ist. Ich meine, wir wissen, was Berelas getan hat, und wenn ich mir diese Texte ansehe ist es offensichtlich. Doch der Akademie ist es verborgen geblieben.“ Feron blickte nachdenklich zu Boden. „Wenn wir das hier unter uns besprechen, heißt das, dass du auch die Leitung der Akademie verdächtigst?“ fragte er. Die Zauberin verzog das Gesicht. „Grundsätzlich ist jeder verdächtig, der damals unterrichtet hat oder für längere Zeit hier gearbeitet hat. Aber genauso gut kann es jemand in der Stadt gewesen sein, der mit Berelas befreundet war. Also eine Menge Leute.“
Dara räusperte sich. „Bezüglich der Prophezeiung hatte ich leider kein Glück.Es gibt zwar fast zwei Dutzend alte, bestehende Prophezeiungen, doch nichts hängt mit dir oder dem Schatten zusammen.“ sagte sie. Awelia blickte nachdenklich zu Boden. „Was, wenn es keine Prophezeiung gibt?“ fragte Feron in den Raum hinein. „Wie, du meinst es war eine List?“ fragte die Zauberin verblüfft. Er nickte, „Nun ja, er hat eine Prophezeiung erwähnt, aber nichts genaueres. Wer hat sie ausgesprochen, wie ist der Wortlaut? Für gewöhnlich sind Prophezeiungen doch mehrdeutig. Und nun suchen wir nach einer Prophezeiung, die zu ihm oder dir passt. Doch wir wissen nicht einmal, wonach genau wir suchen sollen. Auch Dara ist das ganze neu. Die Prophezeiungen, die ich kenne, erfüllten sich stets dadurch, dass man versuchte, sie zu vermeiden oder zu verhindern. Was, wenn es keine gibt? Wir verschwenden Zeit und laufen etwas her, was der Schatten vielleicht sogar ausnutzen kann.“ Awelia nickte langsam, „ So habe ich das noch gar nicht gesehen. Gut, keine Prophezeiung.“
„Was sind das überhaupt für Karten, die du mitgebracht hast?“ fragte Dara an Feron gewandt. „Oh, ich habe endlich eine Aufgabe gefunden.“ sagte Feron freudig und entrollte eine der Karten. „Was denn?“ fragte Awelia neugierig. „Das sage ich, wenn ich fertig bin.“ grinste er. Dara blickte auf die Karte. „Also …“ begann sie und überlegte einen Moment. „Nein, das lass ich dich mal selber machen. Mal schaun ob du es hinbekommst.“ meinte sie schmunzelnd. „Aber natürlich. Immerhin habe ich einen Drachen im Alleingang getötet. … naja fast im Alleingang.“

Am nächsten Tag war Feron früh aufgebrochen. Awelia wusste nicht, was er vorhatte, doch Dara schien sich keine Sorgen zu machen, und so machte sie sich selbst auch keine. Sie hatte nachgedacht, wie sie den geheimnisvollen Lehrer, der Berelas zur Todesmagie verleitet hat, enttarnen sollte. Doch es wäre ein sicher hoffnungsloses Unterfangen, jemanden, der so verborgen vorging, allein zu finden. Daher hatte sie sich entschlossen, darauf zu warten, dass der Schatten seinen Zug machte. Bis zum Konvent, da war Awelia sicher, würde der, der Berelas die dunklen Künste näher gebracht hatte, aus dem Schatten treten.
Als Awelia den Raum betrat, trat schlagartig Stille ein. Doch nur für einen Moment, dann begannen die Schüler untereinander zu tuscheln. Die Zauberin hatte sich entschieden, sich in die Unterrichtsstunden der Akademieschüler zu setzen. Sie würde zwar kaum etwas lernen, aber vielleicht erinnerte sie sich an etwas. Dara hatte ihr den Stundenplan gegeben, bis auf die letzte Unterrichtsstunde fand alles im Flügel der Elementarmagie statt. Die gesamte Spektabilität bestand aus Magiern, doch einige der Schüler waren Zauberer. Awelia ging durch die Bankreihen und setzte sich ganz hinten hin. Hier und da wurde sie angestarrt, weil sie älter war als die Schüler, und sie hörte sie tuscheln, wer sie denn sei. In der letzten Reihe wartete sie mit einem leichten Lächeln auf den Unterrichtsbeginn.
Meister Askebyr betrat den Raum und das Tuscheln verstummte. Er war ein steinalter Greis, der nur mit einem Krückstock stehen, geschweige denn laufen konnte. Awelia hatte nicht beabsichtigt, den Meister zu beobachten, doch er unterrichtete das Fach Magische Geschichte. „Sind wir alle vollzählig?“ fragte Askebyr in die Runde und blieb bei Awelia hängen. „Äh, ich verstehe nicht, gelehrte Dame. Führen Sie eine Evaluation durch?“ fragte er weiter, offensichtlich verwirrt. „Nein, Meister Askebyr, ich vertreibe mir nur etwas die Zeit bis zum Konvent. Beachten Sie mich nicht.“ antwortete die Zauberin höflich. Der Meister nickte stockend. „Äh, wo war ich …“ Awelia zwinkerte einem Mädchen vom Volk der Halblinge, dass sie mit offenem Mund anstarrte, zu. Auch wenn sie führ ihre Art hochgewachsen war, so war sie dennoch einen Kopf kleiner als die anderen Schüler. Dann wandte sie ihre Aufmerksamkeit nach vorn.

Feron hatte am Abend die Karten studiert. Es war keine hohe Kunst, sie zu lesen, auch wenn ihm die aufgekritzelten Zahlen und Notizen nichts sagten. Es gab über die Stadt verteilt vielleicht ein Dutzend Zugänge zu den Katakomben. Aber da war er sich nicht ganz sicher, denn auf den verschiedenen Plänen waren ganze Räume neu gebaut worden oder wieder verschwunden. Es war schwierig gewesen, die unterirdische Welt der oberirdischen zuzuordnen. Doch zum Glück hatte er den Brunnen gefunden, der auf dem großen Markt stand. Jetzt ging er die Gassen nahe der Stadtmauer ab, da hier hoffentlich einer der Zugänge war.
Feron musste nicht lange suchen, bis er eine deutliche Erhebung auf dem gepflasterten Weg fand. Sie befand sich in einer ruhigen Seitengasse, und weit und breit war niemand zu sehen. Er betrachtete die Stelle näher, es war ein steinerner Deckel, in den das Stadtwappen eingraviert war. Auf einer Seite war ein dickes Scharnier angebracht, auf der anderen hing ein rostiges Eisenschloss, das den Deckel fest mit dem Boden verband. Feron blickte sich um und zog sein Schwert. Irgendwie schien es, als mochte Silberschlag nicht wirklich, was er mit ihm vorhatte. Feron schüttelte den Kopf, vermutlich hatte er sich das nur eingebildet. Mit einem lauten Husten, das kaum den Schlag von Metall auf Metall verdeckte, zerschlug er das Schloss. Dann machte er sich daran, den Deckel hoch zu wuchten.
Mit einem dumpfen Knall schloss sich der Deckel über ihm, und Dunkelheit umfing Feron. Doch nur für einen Moment, dann entzündete er die Fackel, die er mitgebracht hatte. Der Feuerschein erleuchtete die steinerne Leiter, auf der er sich befand, und auch den Gang darunter. Es roch vermodert und die Luft war stickig, doch es ging auszuhalten. Feron kletterte hinab und sah sich um. Er stand in einem langen Gang, der parallel zur Stadtmauer verlief. Die gebogene Decke war gerade hoch genug, das er darin stehen konnte, und auch zu den Seiten war nicht viel Platz. Feron machte sich auf den Weg und ging in den ersten Seitengang. Er hatte die Karten in der Akademie gelassen, denn er wollte sich heute nur etwas umsehen. Immer wieder gab es Türen mit schweren Eisenschlössern, die zu Kellern und Lagerräumen führten. Natürlich waren sie abgeschlossen, doch Feron hatte es schon auf den Karten gesehen. Während er tiefer unter Karturas vordrang, begann die Luft zu stinken, und schon bald hörte er Wasser plätschern. Schließlich betrat er einen Kanal, durch den ein kleines, aber stetiges Rinnsal floss. Es stank erbärmlich, und Feron musste nicht hinsehen, um zu wissen was es war. Von den Wänden hallte ein Plätschern wieder. Er folgte der schwachen Strömung, die wahrscheinlich ins Zentrum führte. Er war noch nicht weit gekommen, als er gerade noch rechtzeitig einen Schritt zurück machte. Aus einem Rohr in der Wand schoss ein Schwall Abwasser. Feron kniff die Augen zusammen und schüttelte sich.

Als Meister Askebyr seinen Unterricht beendete, folgte eine kurze Pause. Das, was Awelia gehört hatte, war stellenweise interessant und überwiegend einschläfernd gewesen. Die meisten Schüler hatten zuletzt auf den Bänken gelegen, und offensichtlich das Ende herbeigesehnt. Was der Zauberin in Erinnerung geblieben war, war dass sich vier große magische Ströme unter Karturas kreuzten, und daher die Akademie hier vor über zweihundert Jahren gebaut wurde.
Die Pause wurde allgemein genutzt, um zu Essen und zu quatschen. Das Mädchen, das sie zu Beginn bereits angestarrt hatte, kam zu Awelia. „Seid Ihr eine Magierin?“ fragte es geradeheraus. Awelia schüttelte lächelnd den Kopf. „Ich bin eine Zauberin.“ antwortete sie leichthin und das Mädchen starrte sie mit großen Augen an. „Wirklich wahr?“ „Ja.“ „Wenn ich mal groß bin will ich Luftmagierin werden, glaubt Ihr ich schaffe das?“ „Warum willst du denn Luftmagierin werden?“ „Luft ist überall, und man ganz tolle Sachen damit machen!“ „Wenn du fleißig lernst dann wirst du das bestimmst schaffen.“
Die folgenden zwei Stunden unterrichtete Meister Jalin, ein hochgewachsener Mann mit blasser Haut, das Fach Elementarmagische Zusammenhänge. Awelia erinnerte sich, über die Hühnen gelesen zu haben, einem noblen Volk mit hoher Moral. Meister Jalin schwadronierte hauptsächlich über die Gegensätze der Elemente, etwa Wasser und Feuer, und wie Elemente zusammenwirken konnten. Die Schüler wirkten, als hätten sie alles schon mehrmals gehört. Einer der Schüler, ein Elf, machte in seiner Muttersprache einige abfällige Bemerkungen, doch den Meister schien es nicht zu stören, wenn er es überhaupt mitbekam. Im Anschluss folgte eine weitere Unterrichtseinheit bei Meister Askebyr. Awelia war wenig überrascht, dass einige Schüler sich Zettel zusteckten, malten, oder versuchsweise Magie unter ihren Bänken wirkten. Askebyr war in einen monotonen Vortrag verfallen, und lamentierte ununterbrochen irgendwelche Geschichten herunter. Er wurde lediglich unterbrochen, als ein Schüler schließlich wegnickte und sein Kopf auf die Bank schlug.
Die Klasse wechselte in den Beschwörungsflügel, und Awelia ging mit ihnen. Die Schüler durften sich in einer Übung unter der Aufsicht von Erzmagier Wolmats höchstpersönlich an der Beschwörung eines magischen Wesens versuchen. Es war ein spezieller Raum, in dessen Wände große Runen aus Staubstein eingraviert waren, die fehlgeleitete Strömungen sicher ableiten oder ansorbieren sollten. Zudem waren zwei weitere Magier anwesend, darunter Meister Eiron. Auch Arnak war da, offenbar um die Erfolge mitzuschreiben. Der Erzmagier belehrte die Schüler nochmals, sich nicht selbst zu überschätzen, und empfahl ihnen, mit einer einfachen Beschwörung zu beginnen. Awelia stand am Rand und beobachtete die Schüler. Fast alle waren nervös und aufgeregt. Sie selbst hatte nie eine Beschwörung durchgeführt, zumindest so weit sie sich erinnerte. Das neugierige Mädchen begann. Es stellte sich mitten im Raum auf, und begann eine Zauberformel zu murmeln. Tatsächlich begann die Luft vor ihr zu schimmern, doch nur für einen Moment. Die Runen glommen schwach auf, dann war es vorbei. Mit nach unten gezogenen Mundwinkeln ging das Mädchen zurück zu den Anderen. Awelia schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln.
Die Versuche der meisten Schüler endeten auf diese Art. Nur zwei brachten einen gewissen Erfolg zustande. Der Elfenjunge beschwor einen mickrigen Eber, der grunzend im Raum stand. Als sich der Elf breit grinsend umdrehte, stieß ihm der Eber in den Hintern, kurz bevor der Erzmagier die Kreatur bannte. Ein anderer Junge versuchte eine Feuerfee oder etwas ähnliches herbeizuzaubern. Ein Mädchen schrie noch „Nicht!“, bevor das unfertige Geschöpf wild hin und her raste und nach wenigen Sekunden von den jetzt rot leuchtenden Runen absorbiert wurde. Alle erhoben sich langsam, nachdem sie sich sicherheitshalber zu Boden geworfen hatten, und der Erzmagier blickte den Schüler strafend an. „Was habe ich dir über Feuer gesagt, Junge?“ grummelte er. „Verzeiht, Erzmagier.“ sagte der Schüler und starrte betreten zu Boden.
Der Erzmagier wandte sich an alle. „Nun, das lief weniger erfolgreich, als ich erwartet hatte. Aber ich bin sicher, wenn alle weiter fleißig üben und lernen, werdet ihr auch die Kunst der Beschwörung beherrschen.“ erklärte er. „Im Zuge des anstehenden Konzils haben wir bereits den ersten Gast. Zauberin Awelia, wärt Ihr so frei, unseren Schülern eine korrekte Beschwörung zu demonstrieren?“ Awelia war etwas überrascht. „Wie Ihr wünscht.“ sagte sie nach kurzem Überlegen und verbeugte sich. Die Zauberin trat vor, und nun war ihr selbst etwas flau im Magen. Alle Augen waren auf sie gerichtet. Sie wusste, dass sie es konnte, doch würde sie es auch schaffen? Was sollte sie beschwören? Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf den Funken, der tief in ihr glomm. Ist es wichtig, was ich beschwöre? Es muss doch nichts großes sein. Aber was soll ich beschwören? fragte sie sich, während der Funke vor sich hin flackerte. Es spielt keine Rolle, ich überlasse es meiner Intuition. Alles was sie wollte, war ein magisches Geschöpf. Etwas, was niemanden anspringt oder in Brand setzt. schalt sie sich in Gedanken. Sie hob eine Hand und der Funke in ihr loderte auf. Awelia hörte das gedämpfte Raunen, und spürte wie die Magie in das neu geschaffene Wesen floss und mit ihr verbunden war. Vor ihr entstand eine Manifestation der Magie, welche die Welt durchströmte, und sie kontrollierte jetzt diesen Teil. Als der Funken wieder abflaute öffnete sie die Augen. Vor ihr saß ein menschengroßer Adler, der die Zauberin neugierig anstarrte. Das Gefieder funkelte leicht im Licht. Immer, wenn sie die Augen schloss, konnte Awelia das dünne Band sehen, das sie und den pulsierenden Kern des großen Adlers verband. „Seht ihr, so einfach ist eine Beschwörung, wenn man nur fleißig genug geübt hat.“ sagte der Erzmagier hinter ihr. „Ich danke Euch, gelehrte Dame.“ Die Schüler blickten staunend auf den Adler und die Zauberin, einige trauten sich sogar vor und streichelten das Gefieder der Kreatur. Aus den Augenwinkeln sah Awelia, wie Meister Eiron sie fast hasserfüllt anstarrte. Sie schenkte ihm ein zuckersüßes Lächeln.

Es war bereits dunkel, als Feron zurückkehrte. Awelia und Dara warteten bereits auf ihn. „Na, wie war dein Tag?“ fragte Dara etwas belustigt. „Erstmal etwas Erkundungsarbeit, aber bis zum Konzil habe ich ja noch etwas Zeit.“ antwortete Feron. Awelia rümpfte die Nase. „Was stinkt denn hier so? Wo hast du dich denn herumgetrieben?“ „An unerfreulichen Orten.“ grummelte der Drachentöter. „Riechst du das nicht?“ fragte Awelia Dara überrascht, die die ganze Zeit nur lächelnd dagesessen hatte. Die Frau holte eine kleine Dose heraus und öffnete sie. „Nein.“ sagte sie schlicht und zeigte ihnen eine durchsichtige Schmiere. Sie nahm etwas davon und rieb es Awelia unter die Nase. Der Geruch, genauer genommen alle Gerüche, war verschwunden. „Das Zimmer wird er trotzdem vollstinken.“
Kurz darauf saß Feron in einer der billigen Absteigen und nippte am Bier. Es schmeckte fast wie abgestandenes Wasser. Auch wenn er den Rausschmiss verstehen konnte, so war er doch etwas gekränkt. Wenigstens hatte ihm Dara die Dose überlassen und so musste er selbst nicht mehr den Gestank unter der Stadt ertragen. Er erhob sich und ging nach oben in das gemietete Zimmer.

Am nächsten Morgen setzte sich Awelia wieder in den Unterricht. Erzmagier Wolmats persönlich unterrichtete Grundlagen der Beschwörung. Es war sehr interessant. Aufgrund des eher miserablen Ergebnisses am Vortag wiederholte der Erzmagier die wichtigen Punkte einer Beschwörung und erklärte wie das Band zur Weltenmagie geschmiedet wurde. Awelia spürte die Verbindung zum Großen Adler, der seit dem letzten Abend hoch über der Akademie kreiste, so wie sie es ihm aufgetragen hatte. Das dünne Band stieg selbst für sie fast unsichtbar in den Himmel hinauf und verband sie mit dem magischen Geschöpf.
Es folgte Schutz und Antimagie bei Meisterin Feach. Sie erklärte, wie man einen Zauber auflösen konnte. Wenn man genug Zeit hatte, verständlicherweise. Awelia hatte sich bislang darauf verlassen, dass sie jeden Angriff intuitiv abwehren konnte, doch es war gut zu wissen, dass man auch auf anderem Wege Zauber beenden konnte. Man musste sich nur auf den Zauber oder den Zauberwirker konzentrieren und die Magie zerstäuben. Einigen halfen Handbewegungen oder Worte, sich ganz auf die Abwehr zu konzentrieren. Und es half natürlich, den Angriff zu kennen, denn dann konnte man die magische Struktur des Zaubers einfacher auflösen.

Feron hatte sich vor Sonnenaufgang aus dem Bett gequält. Er hatte ein paar Geschäfte und die Märkte abgeklappert, und sich vorbereitet. Als er jetzt zum Kanaleinstieg ging, trug er hohe, wasserfeste Stiefel und einen wasserfesten, abgenutzten Umhang. Zudem hatte er mehrere Ersatzfackeln am Gürtel festgemacht. Er achtete darauf, dass niemand ihn beobachtete, dann stieg er in den Untergrund hinab. Am Abend hatte er nochmals die Karten studiert. Da es ein magisches Wesen war, und Awelia gesagt hatte, dass sich die Magie tief unter ihnen befand, baute er darauf, dass sich die Kreatur die tiefste Stelle suchen würde. Es war nicht der Brunnen, wie Feron ursprünglich angenommen hatte. Auf einer der Karten war ein alter Minenschacht oder etwas ähnliches verzeichnet. Dort hin war er jetzt unterwegs.
Er wählte eine möglichst direkte Route, um sich nicht zu verlaufen. Zusätzlich markierte Feron den Weg mit kleinen Pfeilen an der Wand. Am Morgen hatte er ein Stück schwarze Kreide gekauft, die Striche fielen hoffentlich nicht weiter auf. Unterwegs kreuzte er zwei Abwasserbäche, die er jedoch leichtfüßig überspringen konnte. Glücklicherweise musste er den Gestank nicht riechen.
Feron wusste nicht, wie spät es war, als er endlich sein Ziel erreichte. Ein schmaler Gang war mit vermoderten Brettern versperrt worden. Feron riss die Barrikade ein, und die Holzteile knallten scheppernd zu Boden. Ihm offenbarte sich eine lange Treppe nach unten, die schon nach wenigen Schritten in der Dunkelheit verschwand. Mit seiner Fackel brannte er ein paar Spinnweben weg und machte sich auf den Weg.

Nachdem Meisterin Feach den theoretischen Teil abgeschlossen hatte, folgte eine praktische Aufgabe. Das Wasser in einem Becken war mit einem Zauber gefroren worden, und die Schüler mussten nun der Reihe nach versuchen, den Zauber aufzuheben. Wie bei den Beschwörungen am Vortag gab es kaum Erfolg. Nur eine Schülerin schaffte es. Sie hob den Zauber auf und im Becken war wieder klares Wasser. Da sie nicht die letzte war, fror Feach das Wasser sofort wieder ein.
Danach unterrichtete Askebyr Magisches Recht. Awelia hatte vermutet, dass viele Länder gewisse Gesetze bezüglich Magie hatten. Aber sie hatte nicht gewusst, dass es einen ganzen Katalog an Regularien gab, der allgemein bindend für alle Magier und Zauberer Mureas war.

Der Weg nach unten endete abrupt an einem tiefen Abgrund. Es war als hätte etwas ein gewaltiges Loch in den Gang gerissen. Feron kniete sich vorsichtig an den Rand und brach eine lose Ecke der Treppe ab. Er lauschte und zählte. Als er bei dreißig ankam, stand er wieder auf. „Verdammt tiefes Loch.“ murmelte er zu sich. Er zündete eine neue Fackel an und warf die alte in den Abgrund. Auf dem Weg nach unten erleuchtete der Feuerschein seltsame Kristalle an den Felswänden, die das Licht in allen Regenbogenfarben reflektierten. Feron glaubte schon, die Fackel würde unendlich tief fallen, als sich tatsächlich etwas tat. Zuerst dachte er, die Fackel würde wieder nach oben kommen. Doch dann sah er, dass es eine das Loch ausfüllende Feuerwand war. Hastig drehte er sich um und rannte die Treppe nach oben. Er hatte vielleicht zwanzig Schritte geschafft, als ihn die Flammen einholten. Ein heißer Schwall rollte über ihn hinweg und warf ihn zu Boden. Für einen Moment kauerte er so und atmete tief durch, dann setzte er sich auf. Er lebte noch, und wenigstens brannte er nicht. Wahrscheinlich hatten sich die stinkenden Gase hier unten über Jahrzehnte gesammelt, Feron hatte schon einmal gehört, dass es in den Kanälen unter Elemas gebrannt hatte.
Oben angekommen machte er sich wieder auf den Rückweg. Seine Vermutung hatte sich als falsch herausgestellt, aber das gehörte für ihn dazu. Morgen würde er an einer anderen Stelle suchen. Halb in Gedanken versunken folgte er seinen Markierungen zurück und wischte sie dabei weg, damit er morgen nicht in die Irre geleitet wurde. Nachdem er den zweiten Bach übersprungen hatte blieb er stehen und drehte stutzig den Kopf. Die Decke wurde in regelmäßigen Abständen von Säulen gestützt. Doch eine der Säulen fehlte. Feron war sich nicht ganz sicher, ob es am Morgen schon so gewesen war, doch es wäre ihm sicher aufgefallen. Sich vorsichtig umsehend ging er zu der Stelle, wo die Säule hätte stehen sollen. Der Fuß und auch die Deckenverbindung waren noch da, doch der Mittelteil war herausgerissen und verschwunden. Etwas grünes klebte an der scharfkantigen Bruchstelle des Fußes. Feron kratzte mit dem Stiel seiner Fackel daran. Es zischte und etwas Rauch stieg auf, als sich die grüne Substanz in das Holz fraß. Mit großen Augen schaute Feron der Säure zu, die erst aufhörte, als eine Handbreit vom Stiel verschwunden war.
Als er wieder in die Absteige kam und sich etwas zu Essen gönnte, dachte er über das Erlebte nach. Das tiefe Loch führte wohl zu dem magischen Meer, das Awelia gesehen hatte. Doch das half ihm nicht bei der Suche weiter. Die Säure hingegen war der Beweis, dass etwas an der Geschichte dran war, und dass es gefährlich werden würde. Als er sein Geschirr wegbrachte, fiel ihm ein anderer Gast auf. Die meisten Gäste waren bereits am Vortag da gewesen. Feron glaubte, dass er auch diesen bereits gestern gesehen hatte. Doch er saß allein, und der Drachentöter spürte förmlich den Blick von unter der dunklen Kapuze, die das Gesicht verbarg. Er musste vorsichtig sein.

Dara wartete bereits auf sie, als Awelia auf ihr Zimmer kam. „Guten Abend.“ sagte die Zauberin und setzte sich zur anderen Frau. „Was ist los?“ „Während du … andere Dinge getan hast, habe ich mich mal etwas schlau gemacht.“ flüsterte Dara leise. Awelia hörte sehr deutlich den Vorwurf in ihren Worten. „Berelas ist möglicherweise nicht der einzige Akademieabsolvent, der sich der Todesmagie zugewandt hat. Schlimmer noch, es gibt Berichte über einen Nekromanten in der Düstersteppe. Ich habe seine Beschreibung mit den Schülern der letzten Jahre verglichen, und es könnte sich um Berelas Bruder handeln, der ein Jahr vor ihm die Akademie verlassen hat.“ erzählte Dara. Awelia schwieg einen Moment, bevor sie antwortete. „Der Schatten ist dafür verantwortlich, wir müssen ihn aufhalten. Ich will damit nicht sagen, dass wir diesen Kerl ignorieren sollen. Aber das sind alles kleine Handlanger. Buschbrände, wenn du so willst, und es werden immer mehr, bis wir den Schatten aufgehalten haben.“ Dara nickte. „Aber wenn wir nicht bald etwas unternehmen, und sei es diese Buschbrände zu löschen, dann haben wir einen Flächenbrand. Und dann kann uns niemand mehr helfen. Das hast du schon damals geahnt.“ Die Zauberin blickte verdutzt auf. „Wie meinst du das?“ „Beim letzten Konzil hast du die Gefahr erkannt, der wir heute gegenüberstehen. Aber du verhältst dich, als wäre das alles neu. Vielleicht liegt es daran, dass du dich an nichts erinnern kannst, aber du musst das hier wirklich ernst nehmen. Es steht zu viel auf dem Spiel.“ Awelia war wie geohrfeigt. „Dann sag mir, bitte, was ich beim letzten Konzil gesagt habe, was ich gesehen habe!“ Dara verzog das Gesicht. „Das kann ich nicht, denn du hast es mir verboten.“ Plötzlich war es still im Raum.
„Hast du dich nie gefragt, wer ich eigentlich bin?“ fragte Dara leise. „Ich bin nicht irgendeine Söldnerin, die Salaco oder jemand anders angeheuert hat. Ich bin eine Wächterin des Siebensterns.“ Bilder blitzten vor Awelias innerem Auge auf. Eine große Kammer. Ein sechszackiger Stern in den Boden gearbeitet. Ein Kreis aus hitzig diskutierenden Gestalten. Bewaffnete Krieger hinter ihnen. Sie war dort, und Dara auch. „Du selbst hast mir aufgetragen, niemals jemandem davon zu erzählen, was du nach dem Konzil gesagt hast. Einschließlich dir selbst. Du hast wenig gesagt, bevor du gingst. Das einzige, was ich wusste, war wohin ich gehen sollte. Hennal und ich, wir haben gewartet, in der Hütte im Grasland. Auf dich.“ erklärte Dara ruhig. „Wie lange?“ flüsterte Awelia. „Drei Jahre.“ Tränen stiegen in Awelias Augen. „Es tut mir leid.“ flüsterte sie. „Ich habe einen Eid geschworen. Es geht um mehr als drei Jahre, um so viel mehr. Deswegen ist es wichtig, dass du dich erinnerst, und dass du einen Plan hast. Also nicht weinen.“ Dara legte die Arme um sie und drückte sie.

Am nächsten Morgen setzte sich Awelia wieder in den Unterricht. Meister Jalin unterrichtete wieder Elementarmagische Zusammenhänge. Doch sie hörte nur halb hin. Dara hatte recht gehabt. Jeden Tag, den sie darauf wartete, dass der Schatten seinen Zug machte, war ein vergeudeter Tag. Sie hatte sich Tinte und Feder und ein paar Pergamentblätter besorgt und krakelte darauf herum. Zunächst hatte sie sich Details über den Roten Zirkel notiert, an die sie sich erinnerte. Später würde sie versuchen, in der Bibliothek mehr darüber herauszufinden. Dann hatte sie eine Liste gemacht, was ihr zur Todesmagie einfiel. Am Anfang war es schwierig gewesen, doch je mehr sie aufschrieb, desto mehr fiel ihr ein, was Awelia durchaus beunruhigend fand. Als in der Pause das neugierige Mädchen zu ihr kam drehte sie rasch das vollgeschriebene Blatt um. „Was macht Ihr da?“ fragte das Mädchen. „Notizen, für eine Aufgabe, die ich lösen muss.“ „Kann ich helfen?“ Awelia wollte antworten, als Meister Eiron das Zimmer betrat. Sie erinnerte sich, seinen Namen auf dem Plan gesehen zu haben. Er unterrichtete Fortgeschrittene Elementarmagie. Als er die Zauberin sah, verzog sich sein Gesicht zu einer Grimasse. „Was macht Ihr hier, gelehrte Dame?“ Eiron spuckte die Worte förmlich aus. „Ich überbrücke die Zeit bis zum Konzil.“ antwortete Awelia höflich. „Wenn Ihr nicht als Schülerin eingeschrieben seit, was ich bezweifle, könnt Ihr nicht an der Veranstaltung teilnehmen. Bitte geht.“ Die Zauberin schmunzelte leicht und erhob sich. „Ich wünsche einen schönen Tag.“ sagte sie lapidar, als sie das Zimmer verließ.

Feron war kurz nach Tagesanbruch bereits auf dem Weg. Er würde nach weiteren Spuren suchen, im Umkreis der zerstörten Säule. Schnellen Schritts bog er in die Gasse ein, in der sich der Kanalzugang befand. Nur um drei Stadtwachen zu sehen, die um den geöffneten Deckel standen. Glücklicherweise schaute niemand in seine Richtung. Zwei der Männer starrten in die Tiefe und diskutierten mit einem abgehalfterten Bürger, während der Dritte das zerstörte Schloss nachdenklich in den Händen drehte. Feron machte auf dem Absatz kehrt und fluchte leise. Er würde sich einen neuen Zugang suchen und eine neue Route ausarbeiten müssen. Das würde dauern.
Es war später Vormittag, als er wieder in das angemietete Zimmer kam. Feron glaubte zwar, nicht verfolgt worden zu sein, aber sicherheitshalber hatte er einen Gang über den Markt getätigt und eine Weile in einer verlassenen Seitenstraße gewartet. Jetzt holte er die Karten aus dem löchrigen Kissen hervor, das auf dem Bett lag. Rasch sah er sich nach anderen Zugängen um, und entschied sich dann für einen in der Nähe. Zum einen wollte er nicht noch mehr Zeit verlieren, zum anderen waren die meisten anderen Orte zu belebt, und einer sogar direkt neben der Garnison. Er stopfte die Karten zurück und machte sich auf den Weg.
Als Feron den Zugang erreichte, beeilte er sich. Niemand war zu sehen, und mit einem Schwertstreich war das Schloss offen. Er wusste, dass die Stadtwache alle Deckel überprüfen würde. Je eher er nach unten kam, desto besser. Bevor der Deckel zufiel, klemmte er ein kleines Holzstück ein. Sollte jemand vor ihm öffnen, so wäre er gewarnt. Dann folgte er mit der Fackel in der Hand dem Gang in die Tiefe unter die Stadt.
Als er auf eine Markierung stieß, die ihm entgegen zeigte, gestand sich Feron ein, dass er sich verlaufen hatte. Er stand einen Moment auf der Stelle und drehte sich im Kreis. „Scheiße!“ fluchte er mit zusammengebissenen Zähnen. Er wusste nicht, in welche Richtung er gehen musste. Leise fluchend ging er den Weg bis zur letzten Abzweigung zurück. Sein Fluch hallte von den Wänden wieder. Feron runzelte die Stirn. Bislang hatten nicht einmal seine Schritte ein Echo erzeugt, schließlich war er kein Elefant. Und geschrien hatte er auch nicht. Die Stille wurde von einem weiteren Echo durchbrochen. Im ersten Moment befürchtete er, die Stadtwache würde ihn hier unten suchen. Doch wurde die Kreatur nicht auch von der Akademie gesucht? Vorsichtig lauschte er, und die Stimme ertönte zum dritten mal, sicher von geradeaus. Zügig und verstohlen folgte Feron dem Gang. Die Stimmen wurden lauter und es dauerte nicht lange, bis er einen Lichtschein sah. Es war kein warmer Feuerschein wie der seiner Fackel, sondern ein helles Weiß, ähnlich dem vom Awelias Leuchtkugeln. Jetzt konnte er auch verstehen, was gesagt wurde. „ … und ich sage dir, es ist nicht hier. Hörst du überhaupt nicht zu?“ sagte jemand, ein Mann, offensichtlich genervt. „Es war hier, das weiß ich.“ antwortete eine Frau wütend. „Oh ho, aber jetzt ist es nicht mehr hier.“ kam die Stimme des Ersten. „Hört auf ihr beiden, wir müssen es finden. Oder wollt ihr mit leeren Händen zurück?“ sagte ein zweiter Mann. Feron trat langsam hervor. „Vielleicht kann ich helfen.“ sagte er laut. Die drei schraken herum. „Schleicht Euch nicht so an, verdammt!“ schimpfte der, der zuerst gesprochen hatte. Es war ein hochgewachsener Mann mit verschmutzter Robe, und über seinem Kopf schwebte ein magisches Licht. Die Frau, einen Kopf kleiner als Feron, und mit noch sauberer Robe, musterte ihn abschätzig. „Ich glaube kaum, dass wir die Hilfe von einem dahergelaufenem Penner brauchen.“ sagte sie überheblich. Feron zog seinen Passierschein hervor. „Toll, ein akademischer Penner. Der Passierschein beweist gar nichts.“ „Na na, kein Grund unhöflich zu sein.“ sagte der andere Mann und schob sich an der Frau vorbei. „Wer seid Ihr?“ fragte er. „Mein Name ist Feron. Ich bin seit ein paar Tagen in der Stadt und habe von einem Monsterproblem gehört. Der magischen Sorte.“ antwortete Feron. Die Frau schnaubte abfällig. So langsam ging sie Feron auf die Nerven. „Ich bin mit der Zauberin Awelia hergekommen.“ fügte er hinzu. Die drei sahen sich an. „Vielleicht stimmt es, sie ist in Begleitung gekommen.“ „Ja, aber der da?“ „Er sieht schon irgendwie gefährlich aus.“ Feron verschränkte die Arme. Die Frau wandte sich an ihn. „Seid ihr Zauberer?“ Er schüttelte den Kopf. „Also ein Magier …“ Feron schüttelte weiter den Kopf. „Was, etwa gewöhnlicher Pöbel?“ „Ich bin Drachentöter.“ erwiderte Feron und die Frau lachte. „Drachentöter, dass ich nicht lache.“ lästerte sie. Bevor irgendjemand reagieren konnte, zog Feron sein Schwert und machte einen Satz nach vorn. Die Klinge hatte den Hals der Frau um eine handbreit verfehlt und einen Pils, der an der Wand gewachsen war, sauber abgeschnitten. Feron ließ das Schwert wieder in der Scheide verschwinden. Die drei wurden bleich und starrten den Drachentöter an. Einer der Männer ergriff das Wort. „Ich glaube Euch. Und bitte tut so etwas nie wieder.“ Die Frau, kreidebleich, sagte nichts.
Nacheinander stellten sich die drei vor. Der Mann, der zuerst gesprochen hatte war Irsel, ein Zauberer, der irgendeinem Meister Askebyr half. Die Frau war Magierin Nawana, die übermäßig stolz auf ihre Wassermagie war. Der dritte war Perno, ein weiterer Magier, und Schüler von Meisterin Feach. Feron erzählte ihnen, was er wusste, was gewissermaßen nicht viel war. Doch zumindest beim Aufspüren des Wesens waren sie gleichauf. Nawana wollte Feron wegschicken, doch er insistierte, dass zwei zusätzliche Augen und vor allem ein weiterer Kämpfer nicht schaden konnten. Irsel und Perno überstimmten die Magierin, und Feron durfte mit ihnen kommen.

Awelia setzte sich auf einen Fenstersims im Hof und ging ihre Notizen durch. Im Hintergrund hörte sie Arnak, wie er den Hof fegte. Sie überlegte, wie sie das Wissen um die dunkeln Künste nutzen konnte. Es selbst zu wirken stand natürlich außer Frage, aber auch so würde niemand so töricht sein, Todesmagie zu wirken. Awelia stutzte. Wenn man nicht wusste, wie Todesmagie aussah, wie sie wirkte, wie konnte man sie dann erkennen? Sie wusste, dass es Zauberern und in seltenen Fällen auch Magiern möglich war, gewissermaßen die Art der Magie zu spüren. Es war ein komplexes, vielschichtiges Gefühl, und mächtige Zauber konnten einen zeitweiligen Rückstand hinterlassen. Sie wusste, dass sie die Zauber, die sie selbst gewirkt hatte, auch mit geschlossenen Augen erkennen konnte. Doch würde die Todesmagie, die Berelas gewirkt hatte, ausreichen, um es wiederzuerkennen? Nachdenklich schaute sie auf das Blatt.
„Hallo.“ sagte jemand neben ihr. Awelia blickte überrascht auf und lächelte, als sie das Mädchen sah. Im Eingang hinter ihr waren einige andere Schüler, die neugierig herübersahen. „Das war nicht sehr nett von Meister Eiron.“ sagte das Mädchen halblaut. „Es ist sein Unterricht, und vielleicht bin ich tatsächlich etwas störend für euch.“ die Zauberin zwinkerte. „Was tut Ihr da?“ fragte das Mädchen und zeigte auf das Blatt. Awelia überging die Frage und stand auf. „Ihr seid bestimmt hier, weil ihr etwas sehen wollt, nicht wahr?“ fragte sie laut. Ein paar der Schüler murmelten halblaut. Awelia sah zu Arnak herüber, der noch nicht mal ein Drittel des Hofes geschafft hatte. Es lag nicht besonders viel Schmutz, aber am Morgen hatte eine Kutsche etwas Dreck hereingefahren. Die Zauberin schloss die Augen und konzentrierte sich. Ein leichter Wind kam auf, und sie formte mit ihren Händen einen Strudel. Der Wind zirkulierte über dem Hof, dann ließ Awelia ihn hinunter peitschen. Der Schmutz wurde von den Platten geblasen und von der nächsten Böe weitergetragen. Es sah sicherlich albern aus, wie sie mit den Händen herumfuchtelte, aber es half ihr, sich auf die Luftströmungen zu konzentrieren. Binnen einer Minute hatte sie die Hälfte des Hofes gesäubert und den Schmutz zu einem groben Haufen zusammengeworfen. So würde Arnak ihn zwar immer noch zusammenkehren müssen, aber er würde nicht noch einen Tag dafür brauchen. Arnak kam zu ihr, während die Schüler staunend dastanden. „Ihr habt mir gerade einen gehörigen Schrecken eingejagt. Aber habt dank, dass Ihr mit geholfen habt.“ Awelia nickte lächelnd. „Was hat das zu bedeuten?“ rief Meister Eiron aufgebracht. „Adept, wieder an die Arbeit, hier liegt ja noch überall Dreck herum. Und ihr, ihr habt Unterricht.“ schimpfte er lautstark. „Gelehrte Dame, Ihr solltet besser nicht den Betrieb der Akademie aufhalten.“ sagte Eiron, und Awelia zog eine Braue hoch. Doch sie sagte nichts. Eiron wartete noch einen Moment, dann stapfte er davon, um seinen Adepten weiter anzumeckern. Kopfschüttelnd folgte Awelia den Schülern. Sie holte das neugierige Mädchen ein und hielt es zurück. Verstohlen fragte sie „Sag mal, du kennst doch bestimmt einen Ort, wo man ungestört sein kann oder.“ Das Mädchen nickte.

Feron folgte den Magiern zu deren Unterschlupf. Anstatt durch einen der Kanalzugänge nach oben zu klettern, öffneten sie eine Tür, die in einen Keller führte. Als alle hindurch waren verriegelte Perno die Tür. „Da wären wir.“ sagte er. „Wo sind wir?“ fragte Feron. „Unter einem Lager am kleinen Markt.“ Die drei Magier setzten sich und sahen Feron an. „Also wisst Ihr nicht, womit wir es zu tun haben?“ Der Drachentöter schüttelte den Kopf. Irsel beugte sich vor. „Es ist schrecklich viel schief gegangen. Ich erspare Euch die Einzelheiten. Aber wir hatten ein sehr junges Exemplar einer Riesenschnecke. Es wurden Zauber darauf gewirkt und es ist mit dem magischen Strom unter der Stadt verbunden worden. Jetzt ist es groß, und aus der Akademie ausgebrochen.“ erklärte er. „Was habt Ihr bislang versucht, um es zur Strecke zu bringen?“ fragte Feron. „Die verantwortlichen Meister haben versucht, es zu töten. Aber ihre Zauber waren … wirkungslos. Es hätte beinahe zwei von ihnen getötet.“ „Also habt Ihr ein magieimmunes Monstrum geschaffen, dass Säure absondert und unkontrolliert im Untergrund der Stadt herumschleicht?“ fasste Feron nüchtern zusammen. „Hey, wir erledigen das Vieh, mit oder ohne Euch!“ maulte Nawana. Der Drachentöter zuckte mit den Schultern. „Wenn Magie nutzlos ist, dann ist es doch gut ein altmodisches Schwert zu haben.“

Die kommenden Tage verbrachte Awelia zum Teil in der Bibliothek, und zum Teil übte sie. Was sie in den Büchern fand, war weniger hilfreich als erhofft. Die meisten Autoren hatten höchstens beschrieben, wie entsetzlich Todesmagie war, doch sich nicht tiefer in die Materie gewagt. Vom Roten Zirkel oder ähnlichen Gruppen ganz zu schweigen. Wenn sie das Zaubern übte, so ging es ihr flüssig von der Hand. Schon lange hatte sie keine Probleme mehr damit, einfache Zauber zu wirken. Doch sie arbeitete auf etwas größeres hin, im Gegensatz dazu war der Wind auf dem Hof ein laues Lüftchen. Und sie wollte sich sicher sein, wenn sie eines der wichtigsten Gesetze brach.

Die selbsternannte Expedition durchsuchte die Tiefen von Karturas nach der entflohenen Kreatur. Feron hatte die Karten herangeholt, mit denen sie sich besser zurechtfanden. Doch egal, ob sie systematisch suchten oder von den Magiern vorgeschlagene Orte beobachteten, konnten sie es nicht finden. Hin und wieder hörten sie scharrende Geräusche, die von überall zu kommen schienen. Und zwei mal fanden sie weitere Säurespuren. Es war am dritten Tag, als Perno abermals die Unterlagen der Akademie durchlas. „Hier steht, dass die Riesenschnecke Frischwasser bevorzugt.“ murmelte er und blätterte weiter. „Wir haben alles auf den Kopf gestellt, nirgendwo gibt es Frischwasser.“ antwortete Feron gähnend. „Pah, dass Vieh ist längst aus der Stadt verschwunden. Nicht mehr unser Problem.“ maulte Irsel. „Und außerdem gibt es den Steigfluss, der das Wasser magisch in die zentrale Zisterne befördert, du Kretin.“ fügte Nawana hinzu. Feron war sich sicher, dass sie ihn gerade beleidigt hatte. Aber etwas anderes an ihren Worten ließ ihn aufhorchen. „Der was?“ fragte er und setzte sich auf. Die Magierin rollte die Augen. „Der Steigfluss transportiert Wasser vom Fluss in die große Zisterne am Rathaus. Der Kanal dazu ist ein geschlossenes System.“ erklärte sie. Ihre Augen weiteten sich. „Glaubst du, dass es dort ist?“ „Wenn das Scharren, das wir gehört haben, in Wirklichkeit ein Grabegeräusch gewesen ist, dann kann das gut sein.“ Die Müdigkeit war wie weggewischt. „Verdammt! Ich will mir nicht vorstellen, welchen Schaden es dort anrichten kann. Die Wasserversorgung der ganzen Stadt ist dort.“ flüsterte Nawana erschrocken. „Sollten wir nicht jemandem Bescheid sagen?“ fragte Irsel ängstlich. „Dafür bleibt keine Zeit. Wenn es durchbricht und die Säure ins Wasser kommt, dann könnten Hunderte sterben.“

Awelia saß in ihrem Zimmer und Dara stand ihr gegenüber. „Also, was ist es?“ fragte Dara. „Ich habe einen Plan. Zugegeben nicht der Beste, aber immerhin ein Plan.“ Die andere Frau lauschte regungslos. „Als Wächterin des Siebensterns, würdest du mich beschützen?“ Dara nickte. „Selbst wenn ich Regeln breche?“ „Welche Regeln?“ Awelia blickte zur Seite. „Das mag ich nicht sagen, nicht dass du mir aus einer anderen Verpflichtung heraus den Kopf abschlagen musst oder so.“ „So schlimm?“ „Manchmal muss man Regeln brechen, um die Welt zu retten.“ Dara lächelte. „Das hast du das letzte mal auch gesagt. Keine Sorge, ich beschütze dich.“
Kurz nach dem Gespräch kam Awelia in ein ausgeräumtes Gästezimmer im Keller des Elementarflügels. Das Mädchen hatte ihr erzählt, dass das Schloss kaputt war. Nachdem sie sichergestellt hatte, dass sie nicht beobachtet wurde, ging sie hinein und schloss die Tür wieder. Sie erzeugte ein kleines Licht über der Tür und sah sich um. Es waren nur ein alter Schrank und ein an die Wand gelehntes Bett im Raum verblieben. Awelia betrachtete einen Moment die Szenerie und nahm all ihren Mut zusammen. Sie stellte sich dem Bett gegenüber und schloss die Augen. Der Funken in ihrem Inneren leuchtete flackernd auf. Er hatte offenbar keine Hemmungen mit dem, was sie im Begriff war zu tun. Die Zauberin hob die Hand vor das Gesicht und öffnete die Augen. Eine pechschwarze Kugel lag in ihrer Hand, und schien langsam zu pulsieren. Für einen kurzen Augenblick war Awelia fasziniert davon, wie einfach etwas so gefährliches sein konnte. Dann machte sie eine rasche Bewegung und die Kugel bildete einen das Licht auslöschenden Bogen. Ein hässliches Geräusch wie von brechenden Knochen erklang, dann war ein großes, schwarzes Loch in das Bett gefressen. Die Zauberin betrachtete das Ergebnis der Todesmagie. Aber sie interessierte sich weniger für das Ergebnis an sich, sondern viel mehr dafür, wie es sich anfühlte.

Schon bevor Nawana sie zur einzigen Verbindung zum Steigfluss gebracht hatte, sahen sie überall zerbröselten Fels herumliegen. „Das ist nicht gut.“ keuchte sie, während sie gemeinsam durch die Gänge hasteten. Sie hörten das Rauschen von Wasser, das beständig lauter wurde. Und das Schaben von Stein auf Stein.
Sie kamen in eine große Kaverne und Feron rannte in Irsel, der abrupt stehen geblieben war. Als er sich an dem Zauberer vorbei schob, sah Feron auch warum. Überall lagen Trümmer herum, und zwischen zwei zerstörten Säulen war ein großes, hässliches Monstrum dabei, sich durch die Wand zu fressen. Aus dem Loch drang das Geräusch rauschenden Wassers. Nawana schrie vor Wut und Entsetzen auf. Die Riesenschnecke, jetzt auf sie aufmerksam geworden, kroch aus dem Loch und kam auf sie zu. Der schleimig glitschige Körper, der im Licht giftig grün schimmerte, stand im starken Kontrast zu dem mit Ring um Ring an Reißzähnen bewährten Schlund. Die Kreatur war an die zehn Schritt lang und berührte fast die Decke. Feron hielt es eher für einen Wurm als für eine Schnecke, es hatte weder Haus noch die charakteristischen Fühler, doch die korrekte Benennung würde hier kaum helfen. Nawana begann zu murmeln und mit den Armen zu wedeln, und Perno tat es ihr gleich. Irsel stand einfach nur da, wie zur Salzsäule erstarrt. Feron zog sein Schwert.
Die Riesenschnecke kroch auf sie zu. Da Feron nicht den Eindruck hatte, die Magier würden allzu schnell etwas unternehmen, lief er vor und versuchte, der Kreatur in die Seite zu fallen. Mit ungeahnter Schnelligkeit drehte sich die Schnecke zu ihm und sprühte eine grüne, dampfende Substanz aus Drüsen, die sich um das Maul befanden. Hastig stolperte der Drachentöter zurück und entging der Säure knapp. Mittlerweile schien zumindest die Wassermagierin weiter zu sein, denn sie schleuderte eine Reihe großer Eiszapfen auf die Riesenschnecke. Als die Eiszapfen die Haut der Kreatur trafen zerbarsten sie in tausende kleinere Splitter, ohne einen Kratzer zu hinterlassen. „Willst du mich verarschen?“ heulte Nawana auf. „So wird das nichts.“ rief Perno. Feron war damit beschäftigt, auf Distanz zu bleiben, denn die Riesenschnecke folgte ihm nach wie vor. Die Kreatur begann violett zu schimmern und stoppte. Sie wandte sich zu den Magiern herum. Nawana schleuderte weitere Eiszapfen, mit dem gleichen ernüchternden Resultat wie zuvor. Perno war immer noch mit seinem Zauber beschäftigt, während Irsel mit offenem Mund die Hand hob, um auf die Riesenschnecke zu zeigen. Feron fluchte und rannte los. Er erreichte den Magier knapp vor der Kreatur und riss ihn zur Seite. Hinter ihnen biss die Riesenschnecke eine Säule in winzige Stückchen. „Reiß dich zusammen, verdammt!“ schrie Feron den Zauberer an und schlug ihm mit dem Handrücken ins Gesicht. Irsel starrte ihn an und nickte.
„Wie sieht der Plan aus?“ wollte Feron von Perno wissen. Der Magier war der Panik nahe. „Ich will seine magische Immunität aufheben, aber dafür brauche ich Zeit.“ stammelte er. „Gut. Ihr zwei, schützt ihn. Ich werde das Vieh beschäftigen.“ sagte Feron. Die Riesenschnecke hatte sich in der Zwischenzeit in Richtung des Loches zurückgezogen. Er wusste, sollte sie hindurch gelangen, dann stand ihnen ein ganz anderer Kampf bevor. Entschlossen, es nicht so weit kommen zu lassen, rannte Feron der Kreatur hinterher. Die Riesenschnecke drehte sich zu ihm herum. Er rannte am Maul vorbei und hieb ihr in die Seite. Krampfhaft zog sich die Riesenschnecke zusammen und grünes Blut spritzte aus dem Schnitt. Wieder spie die Kreatur Säure, doch diesmal war Feron nicht schnell genug. Mehrere Spritzer landeten auf dem Umhang und begannen, ihn zu zersetzen. Der Drachentöter riss die zerstörte Kleidung herunter und sah, dass die Riesenschnecke wieder zu schimmern begonnen hatte. Sie wollte sich abwenden, doch Feron sprang vor und verpasste ihr einen weiteren Schnitt in die Seite. Das Blut floss auf den Boden und dampfte leicht. Die Klinge in seiner Hand hatte ebenfalls Spritzer abbekommen und Feron befürchtete schon, dass die Klinge davon zersetzt werden würde. Doch die ätzende Flüssigkeit perlte einfach von Silberschlag ab ohne Schaden zu hinterlassen. Feron achtete darauf, nicht in die größer werdende Lache zu treten, während er gleichzeitig das Monster im Auge behielt.
Zwei mal wich er der Säure aus, dann rief Perno „Jetzt!“. Erneut rasten Eiszapfen durch die Luft. Sie schlugen in die weiche Haut der Riesenschnecke als ob ein Zimmermann Nägel in ein Brett schlug. Das Blut gefror an den Wundrändern und die Riesenschnecke wand sich zischend hin und her. Ein Flammenpfeil schoss in das weit geöffnete Maul der Kreatur und verbrannte ihre Innereien. Ein letztes mal bäumte sie sich auf, dann knallte die Riesenschnecke auf den Boden und war tot.

Awelia kehrte in ihr Zimmer zurück. Sie hatte Dara gebeten, hier zu warten. „Sollte irgendjemand kommen, ich möchte nicht gestört werden.“ sagte die Zauberin knapp und legte sich auf das Bett. Die Wächterin nickte und setzte sich mit Blick auf die Tür. Awelia schloss die Augen. Sie sah das schwache Band, das sie mit dem großen Adler, der hoch über ihr kreiste, verband. Sie folgte ihm bis zu dem magischen Geschöpf hinauf. Der Funke in ihrem Inneren leuchtete auf, da sie das Band verstärkte. Ein Teil ihres Bewusstseins floss zum Adler, und als sie die Augen öffnete, sah Awelia durch die Augen des Adlers. Unter ihr lag Karturas im Sonnenlicht. Sie spürte den Wind in Federn, die sie nicht hatte, und den leichten Nervenkitzel, als der Adler in einer engen Kurve nach unten schoss. Awelia hatte nicht die komplette Kontrolle übernommen, sie sagte ihm nach wie vor, wohin er zu fliegen hatte. Doch nun sah sie durch seine Augen. Der Adler fing seinen Sturz ab, und sie schloss die Augen. Tief unter der Erde erkannte sie das Meer an Magie, doch sie blendete es aus. Sie suchte nach Spuren von Todesmagie, die sie jetzt kannte. Über der Akademie begann sie die Suche, und machte dann einen weiten Bogen über die Stadt. Awelia wurde fündig. Ein kleiner, aber starker Fleck, ein Gefühl von Macht und Tod. Während sie weitersuchte fand sie noch weitere Spuren. Sie öffnete die Augen und sah sich die Fundorte an. In einer abgelegenen Gasse waren Reste von Todesmagie, vielleicht ein oder zwei Sprüche wie der Todesstrahl. Dieses Gefühl verblasste rasch. Der große Fund war ein Lagerhaus mitten in der Stadt.
Awelia öffnete ihre richtigen Augen und fand sich in ihrem Zimmer wieder. Dara blickte sie fragend an. „Jemand in der Stadt wendet die dunklen Künste an.“ Die Wächterin nickte. „Dann werden wir uns dem annehmen. Zuerst wartet jedoch ein alter Bekannter auf dem Flur, der mit dir reden will. Magus Salaco.“ Bei Erwähnung des Namens stöhnte die Zauberin genervt auf.

Feron stank nach Abwasser und Schmutz. Teile seiner Kleidung waren zerrissen und von Säure zerfressen. Er hatte mehrere Schnitt- und Schürfwunden davongetragen, die er erst nach dem Kampf bemerkt hatte. Doch als er jetzt durch die Stadt schritt lächelte er. Hinter ihm folgten die drei Magier und wurden von Stadtwachen flankiert. Sie hatten die Riesenschnecke gestoppt, bevor sie vollständig durchgebrochen war, und hatten so Karturas gerettet. Nach dem Tod der Kreatur hatten sie die Stadtwache informiert, die sofort mit einem Großaufgebot den Steigfluss gesichert hatte. Der Kadaver war geborgen worden und wurde jetzt auf einem eisernen Karren hinter ihnen zur Akademie gefahren. Die Leute versammelten sich auf der Straße und betrachteten staunend die Prozession. Applaus brandete ihnen entgegen, als sie die Akademie erreichten. Der Erzmagier persönlich erwartete sie, schüttelte ihnen die Hände und dankte ihnen für die Rettung der Stadt.