Kapitel 13 – Das Konzil
„Hallo Awelia.“ Salaco stand grinsend im Flur, wie von Dara angekündigt. „Es freut mich, Euch wohlbehalten zu sehen.“ Awelia seufzte. „Was wollt Ihr?“ fragte sie trocken. „Oh, da das Konzil in wenigen Tagen beginnt wollte ich nur mal hallo sagen. Ich bin vor zwei Tagen eingetroffen, hatte aber noch keine Möglichkeit, mit Euch zu sprechen.“ „Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen – was wollt Ihr?“ „Oh, nun ja, ich hätte ein Anliegen beim Konzil vorzutragen und wäre Euch verbunden, wenn Ihr dabei auf meiner Seite stündet.“ Die Zauberin seufzte erneut. „Was für ein Anliegen? „Es geht um eine Expedition zum Rand des Kontinents. Ich plane, nach …“ erklärte Salaco, doch sie unterbrach ihn. „Ich werde mir meine Meinung bilden, wenn Ihr das beim Konzil vortragt.“
Der Magier verdrückte sich und Awelia ging wieder ihr Zimmer. „Keine Ahnung was das sollte.“ murmelte sie. „Offenbar hast du vergessen, dass das Konzil ein bisschen wie Politik ist.“ Dara hatte während des Gesprächs hinter ihr gestanden, und lächelte jetzt. „Ich weiß, dass wir eine Art Sitzungsordnung erstellen und dann die Themen diskutieren.“ „Ja. Aber du musst dir vorher Leute ins Boot holen, damit deine Meinung mehr Gewicht hat. Schließlich musst du eine Mehrheit auf deiner Seite haben. Denn wenn das Konzil erst einmal richtig begonnen hat, dann denkt jeder nur an seins und glaubt, dass es das Wichtigste wäre. Und vergiss nicht, je weiter hinten dein Thema auf der Liste ist, desto weniger Zeit bleibt womöglich am Ende.“ Die Zauberin ließ sich ins Bett fallen. „Ich hab eine Befürchtung, wie das ausgeht.“ maulte sie ins Kissen hinein.
Feron blickte hoch an den Himmel, und sah den Adler um den großen Turm kreisen. Nach der Rettung der Stadt, und nachdem sie das erschlagene Untier zur Akademie gebracht hatten, war ihnen von verschiedenen Leuten gratuliert worden. Nach einem ausgiebigen Bad hatte sich Feron im Rathaus zum Abendessen mit dem Stadtrat wiedergefunden. Es gab einen kleinen Festakt mit irgendwelchen Würdenträgern, die er nicht kannte. Er bezweifelte, dass er lange in Erinnerung bleiben würde, doch es war schön, wie ein Held gefeiert zu werden. Jetzt schritt er über den Hof der Akademie, gespannt wie Awelia reagieren würde. Zumindest an der Wache hatte er nicht einmal seinen Passierschein zeigen müssen.
Er klopfte und öffnete die Tür. „Hallo Feron! Es ist schön, dich zu sehen.“ sagte Awelia freudig, als er eintrat. Der Drachentöter drückte den Rücken durch. „Du fragst dich vielleicht, was ich die letzten Tage gemacht habe.“ fragte er rhetorisch. „Jetzt geht’s los.“ murmelte Dara. „Diese Akademie, in der wir gerade stehen, hat ein Monster erschaffen, das in den Untergrund unter Karturas geflüchtet ist. Tagelang habe ich die dunklen Gänge abgesucht, bis ich auf eine Gruppe von Magiern stieß, mit denen ich mich zusammen getan habe. Gemeinsam haben wir die Bestie gefunden, die dabei war, in die Wasserversorgung der Stadt einzubrechen. Du musst wissen, dass das Monstrum eine starke Säure abgesondert hat, die einem binnen Sekunden die Haut von den Knochen frisst. Die ganze Stadt schwebte in Lebensgefahr.“ „Wie dramatisch.“ hauchte Dara und erntete einen giftigen Blick von Feron. „Jedenfalls … wir haben gegen das Monstrum gekämpft. Ein schwerer, gefährlicher Kampf. Fast so gefährlich wie Zakar. Die Kreatur war mit einer magischen Immunität belegt. So viele Zauber die Magier dem Untier auch entgegenschleuderten, alles prallte wirkungslos ab. Also war es an mir. Ich wich der tödlichen Säure und den messerscharfen, armlangen Zähnen aus. Schließlich gelang es mir, es zu verwunden und in einem heldenhaften Zweikampf zu töten. Und so habe ich Karturas gerettet.“ „Das ist ja Wahnsinn!“ staunte Awelia. „Ist das wahr?“ fragte sie an Dara gewandt. „Im großen und ganzen schon …“ meinte die Wächterin trocken. „Dann schuldet dir die Stadt und auch die Akademie großen Dank!“ sagte die Zauberin freudig. Dara schnaubte, „Aufschneider.“ Awelia gab ihr einen verweisenden Blick.
„Also, was hast du gelernt?“ fragte Feron und setzte sich. „Oh, einiges.“ Die Zauberin überlegte kurz. „Der Adler, der über der Akademie kreist, den habe ich beschworen. Und ich habe Todesmagie gewirkt.“ Dara kniff die Augen zusammen. „Ich nehme an, das war nötig?“ fragte sie zähneknirschend. Awelia nickte. „Eigentlich haben wir gerade darüber gesprochen, als du eingetroffen bist. Dadurch, dass ich jetzt weiß, wie sich Todesmagie … anfühlt … ich habe ein Lagerhaus entdeckt, in dem sich wahrscheinlich ein Diener des Schattens aufhält.“ „Bist du dir sicher?“ fragte Feron skeptisch. „Wer sollte es sonst sein? Nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass es so ist.“ Der Drachentöter nickte. „Was hast du also vor?“
„Das ist es?“ fragte Dara. Sie standen vor einem großen, fensterlosen Gebäude, dessen unteres Stockwerk aus Stein und das obere aus Holz bestand. In der Stadt war viel Betrieb, doch die Stadtwachen, die sie zu Hilfe geholt hatten, hatten die Straße abgesperrt. Es machte sich bezahlt, von der Akademie zu sein. Awelia nickte, und zwei der Männer machten sich daran, die Tür mit einem speziellen Werkzeug zu öffnen. Mit deutlichem Knacken brach das Schloss auf, und sofort stürmten die Stadtwachen hinein. Die Zauberin folgte ihnen, Dara und Feron im Schlepptau.
Drinnen war es ziemlich finster. Im Runddach gab es vier große Fenster, was zumindest für etwas Licht sorgte. Unzählige Kisten und Fässer waren in langen Reihen gestapelt, aber offenbar seit einiger Zeit nicht mehr bewegt worden. Die Rufe der Stadtwachen hallten unheimlich wieder. Awelia bemerkte den modrigen Gestank, der in der Luft lag. Der Ursprung wurde offensichtlich, als sie die Mitte des Gebäudes erreichten. Jemand hatte einige Tische und Gestelle aufgebaut. Awelia musste würgen. Leichen lagen auf den Tischen und hingen in den Gestellen. Überall war Blut. Es stank geradezu nach dunkler Magie. „Das ist einfach krank.“ sagte Feron mit belegter Stimme, während er einen zerstückelten Leichnam betrachtete. Awelia trat an eines der Gestelle. Eine junge Magd hing dort, mit verkrusteten Speichelfäden um den Mund und leeren Augen. Auf einer Ablage daneben lagen eine Säge und ein Handbohrer. Sie war sich sicher, dass die Frau vor kurzem noch gelebt hatte. Die Männer der Stadtwache waren auf Abstand geblieben, doch jetzt kam ein Offizier zu ihr. „Wir haben alles abgesucht, konnten aber niemanden finden. Es gibt einen Zugang in den Untergrund. Wenn Ihr wollt, werden wir dort weitersuchen.“ berichtete der Mann. „Das ist nicht nötig. Der Schwarzmagier ist längst verschwunden.“ antwortete Feron knapp, während die Zauberin zu ihnen trat. „Wer auch immer das hier getan hat … er wollte Marionetten erschaffen, willenlose Sklaven. Und noch etwas weitaus gefährlicheres. Glücklicherweise konnte er sein Werk nicht vollenden.“ flüsterte Awelia und drehte sich im Kreis. „Was sollen wir jetzt tun?“ fragte der Offizier. „Verständigt die Akademie, Erzmagier Wolmats soll kommen.“ flüsterte Awelia, und Feron fügte hinzu „Und verdoppelt die Patrouillen.“
Die Sonne ging langsam unter, und durch Awelias Zimmerfenster war der Feuerschein deutlich zu sehen, wo das Lagerhaus kontrolliert niedergebrannt wurde. Der Erzmagier hatte entschieden, dass es zu gefährlich sei, die mit Todesmagie verzauberten Körper zu bewegen. Awelia hielt es für etwas übervorsichtig, aber so würde niemand sonst diese Gräuel sehen müssen. Sie selbst hatte die Bilder so gut sie konnte aus ihrem Bewusstsein verdrängt. Doch der Schuldige war noch irgendwo da draußen und lauerte auf seine nächste Chance. Der Schatten wollte sie aufhalten, und das sicher bevor sie vom Konzil Hilfe erhielt. Sein Diener würde vor dem Ende des Konzils zuschlagen. „Der Erzmagier will dich sehen.“ sagte Dara, die gerade zur Tür hineintrat. „Das habe ich erwartet.“
„Kommt nur herein.“ sagte der Erzmagier, und bedeutete ihr, sich zu setzen. Awelia wich einem Aktenstapel aus und setzte sich. Der Erzmagier sah niedergeschlagen und blass aus, und dem Hofmeister ging es nicht besser. „Gute Arbeit mit dem, was Ihr da gefunden habt. Eine unvorstellbare Grausamkeit, aber wir konnten noch größeres Unheil verhindern. Und wenn wir den Täter erwischen, wird er sich wünschen, gleich mit seinen kranken Schöpfungen verbrannt zu seien.“ Die Zauberin nickte knapp. „Wobei sich mir aber die Frage stellt …“ fuhr Wolmats fort. „ … wie Ihr diesen Ort überhaupt gefunden habt.“ „Ich habe danach gesucht. Und das Lager war nun einmal der größte Abdruck von Todesmagie in der Stadt.“ antwortete Awelia. „Und das hat nicht zufälligerweise mit einem zerstörten Bett in der Akademie zu tun?“ bohrte der Erzmagier nach, und die Zauberin schwieg. „Ihr habt meine Schülerin zu Tode erschreckt! Sie dachte, Ihr wäret den dunklen Künsten verfallen.“ fuhr er grimmig fort. „Wenn ich gefragt hätte, hättet Ihr es mir gestattet?“ fragte Awelia zurück. „Natürlich nicht.“ „Ich habe getan, was nötig war, um schlimmeres zu verhindern. Wenn Ihr mich dafür der Akademie verweisen wollt, nur zu.“ Awelia erhob sich. Wolmats überlegte. „Nein. Aber warnt mich nächstes mal.“ Die Zauberin ging zur Tür, drehte sich jedoch noch einmal um. „Es ist noch nicht vorbei. Vor Ende des Konzils wird er zuschlagen.“
Die Sonne stach ihm in die Augen und grummelnd drehte sich Feron zur Seite. „Aufwachen, Faulpelz.“ sagte eine Stimme und langsam erhob er sich. „Was ist den los?“ murmelte er verschlafen. „Nichts, du sollst nur endlich aufstehen.“ Feron rieb sich die Augen. Awelia und Dara saßen da und betrachteten ihn amüsiert bis resigniert. „Ich habe schlecht geschlafen.“ gab er zu. In der Nacht war er mehrfach erschrocken aufgewacht, wegen dem, was er im Lagerhaus gesehen hatte. Er hatte schon viel Tod und Zerstörung gesehen, doch diese Willkür und Brutalität, und die magische Perversion, das machte ihm zu schaffen. „Wir werden ihn finden.“ sagte Awelia zuversichtlich, als ob sie seine Gedanken erraten hatte.
Gemeinsam saßen sie im Speiseraum der Akademie. Der Erzmagier hatte zum Essen geladen, und ein Bankett war aufgebaut worden. Feron schaufelte sich geröstete Kartoffeln auf den Teller und kippte etwas, was er für Kräutersauce hielt, darüber. Während er zu den anderen beiden zurückkehrte, sah er sich um. So weit er es beurteilen konnte, war ein Teil der Spektabilität anwesend, darunter auch der Erzmagier. Die Meisten schienen jedoch Teilnehmer des Konzils zu sein, das heute beginnen sollte. Fast zwei Dutzend Leute waren hier. Feron schätzte, dass das für Magier viel sein musste. Er nahm neben Awelia Platz und musste feststellen, dass er Salaco gegenüber saß. „Ihr seid auch hier?“ murmelte er halblaut und stieß die Gabel in die Kartoffeln. Der Magier hatte offenbar gerade zu Awelia gesprochen und drehte sich irritiert herum. „Aber natürlich, das Konzil ist ein außerordentlich wichtiges Ereignis. Ich empfinde es als Pflicht, daran teilzunehmen.“ erklärte der Mann, und fuhr an die Zauberin gewandt fort, „Jedenfalls, wie ich gerade sagte, der Vorschlag hat durchaus seine Vorzüge …“ „Dann könnt Ihr die doch sicher beim Konzil vortragen. Anstatt mich beim Essen zu belästigen.“ gab Awelia resigniert zurück. „Ein intellektuelles Gespräch ist doch sicher ganz anregend, und sollte Eurer Mahlzeit keinen Abbruch tun.“ Ihrem Gesichtsausdruck nach wollte Awelia etwas sehr unschönes erwidern, doch jemand anderes trat an den Tisch. „Hallo, Awelia.“ sagte ein älterer Mann. Feron schätzte, dass er über fünfzig sein musste. Zumindest hatte er kaum noch Haare auf dem Kopf. Hinter ihm war eine Frau gleichen Alters. „Hallo.“ antwortete Awelia höflich. Der Mann schien auf mehr zu warten, fuhr jedoch nach einem Moment fort. „Euch auch einen schönen Tag, Salaco.“ „Magister Ruberk, ich hoffe Eure Reise hierher verlief angenehm.“ „Wir sind mit einer Kutsche angereist. Die Aussicht war malerisch. In den guten alten Tagen hätte ich meine Leinwand herausgeholt und den Wasserfall von Jôh Cil gemalt. Die Seerosen sind wahrlich bezaubernd.“ Es ging einige Zeit so weiter, doch Feron hörte nicht mehr hin, sondern konzentrierte sich auf seine Mahlzeit. Als er fertig war redeten Ruberk und Salaco immer noch. Feron sah sich um. Er entdeckte eine Gruppe von Elfen und etliche weitere Gäste in geschmückten und verzierten Kleidungen. Eine Schar von Kriegern mit schweren Rüstungen stand nahe dem Buffet, und er konnte an den Wappen mit den brennenden Säbeln erkennen, dass sie zu einem der Kriegerclans aus dem Süden gehörten. Auch eine Frau mit von Runen bedeckter Wüstenkleidung stand da, auch wenn sie mit ihrer dunklen Haut nicht so sehr zu den Wüstenmenschen passte, die er bislang gesehen hatte. Selbst ihr Gesicht hatte Runen eintätowiert.
Awelia ließ sich auf ihr Bett fallen. „Kommen die anderen Mitglieder des Siebensterns auch?“ fragte sie, an Dara gewandt. „Es sieht nicht danach aus. Sie nehmen nur sehr selten teil, wenn es etwas wirklich dringendes gibt.“ „Was ist der Siebenstern genau, das hast du mir noch nicht genau erklärt.“ Die Wächterin schwieg. „Siebenstern?“ fragte Feron irritiert. Awelia sah erst ihn an, dann Dara, die mit verschränkten Armen da stand. Die Zauberin rollte mit den Augen. „Nach allem, was wir zusammen erlebt haben, macht es keinen Unterschied. Er kann es ruhig hören.“ „Mein Problem ist, dass er viel quatscht. Und der Siebenstern sollte geheim bleiben.“ gab die Wächterin bissig zurück. „Wie stehen denn die Chancen, dass ich jemanden heldenhaft rette oder ein Monster besiege?“ fragte Feron. Dara nickte. „Also gut.“ sagte sie trocken. „Der Siebenstern ist ein loser Zusammenschluss von Zauberern der ganzen Welt. Nicht nur Murea, von hier kommen nur drei der sieben. Sie achten darauf, das die Welt und die Elemente im Gleichgewicht bleiben. Ein jeder ist Meister seines Elements, alle sieben, daher auch der Name. Das und die Anordnung in der großen Halle auf der Quellinsel.“ „Quellinsel?“ fragte Awelia nachdenklich. „Ein kleines Eiland, irgendwo weit draußen im Meer. Es heißt, die See entspringt dort, ebenso wie die Magie.“ Awelia dachte an eine Insel, aus der ein reißender Strom in ein endloses Meer floss, und darunter sich ein Meer aus magischer Energie ausbreitete. Zwar nur eine vereinfachte Vorstellung, aber sicher treffend. „Moment mal.“ sagte Feron plötzlich. „Wieso sieben? Es gibt doch nur sechs Elemente. Feuer, Wasser, Erde, Luft, Leben und Tod.“ Dara lächelte fast mitleidig. Awelia hatte sich gewundert, welches Element sie wohl repräsentierte, da sie schon Zauber verschiedenster Elemente gewirkt hatte. „Das siebte Element ist Kosmos.“ sagte sie leise. Es war keines der normalen Elemente, vielmehr ein Sammelsurium an Kräften, die dem Spektrum der sechs Elemente nicht zugeordnet werden konnten. „Von mir aus.“ Feron zuckte mit den Schultern und murmelte „Ich hab davon keine Ahnung.“ „Und wieso brauchen wir Wächter? Nichts gegen dich, aber wieso muss eine geheime Gruppe weit ab von der Welt beschützt werden?“ fragte Awelia weiter. „Also mit der Geschichte kenne ich mich nicht so aus. Aber ich weiß, dass der Siebenstern gegründet wurde, nachdem die Welt durch ein schreckliches Unheil beinahe zugrunde gegangen wäre. Das war vor vielen Äonen. Seitdem gab es immer wieder große Gefahren. So wie etwa du angegriffen wurdest. Und nicht jeder ist ein Kämpfer, daher haben sie vertrauensvolle, gute Wächter, die sie schützen.“ erklärte Dara. Awelia nickte lächelnd. „Ja, ohne eure Hilfe würde ich jetzt sicher nicht hier stehen und dumme Fragen stellen.“
Es war Nachmittag, und der Erzmagier hatte die Teilnehmer des Konzils im Fuß des Turms versammelt. Eine Ehrengarde der Stadtwache war auf dem Hof der Akademie aufmarschiert und hatte die Gebäude als Wachen gesichert, wohl nicht zuletzt wegen der kürzlichen Ereignisse. „Ich möchte alle Teilnehmer zum siebzehnten Konvent der Magier Mureas begrüßen. Bevor wir die Tagesordnung festlegen, möchte ich kurz die anwesenden Vertreter vorstellen.“ erklärte Wolmats, und begann, reihum auf die versammelten Teilnehmer zu zeigen. „Hochzauberer Buriko.“ Ein voll gerüsteter Kämpfer, umgeben von fünf ähnlichen Gestalten, hob halbherzig die Hand. Er hatte einen gepflegten Bart und eine finstere Mine aufgesetzt. „Magierin Echara.“ Eine in lange, blaue Roben gekleidete Frau mit kurzen Haaren sah sich schüchtern um. „Zauberin Seres.“ Die dunkelhäutige Frau mit dem Wüstenwams nickte knapp, während neben ihr ein regungsloser Feuerelementar schwebte. „Fürst Kâhn Dahlî.“ Der hochgewachsene Elf reckte den Kopf zu einer majestätischen Pose. Die zwei mit langen Speeren bewaffneten Elfenkrieger hinter ihm blickten stur geradeaus. „Meister Ruberk.“ Der alte Mann vom Frühstück nickte lächelnd. „Meister Salaco.“ Salaco brachte ein gekünsteltes Winken zu Stande. „Zauberin Awelia.“ Sie blickte sich mit angespannter Mine im Raum um. „Magier Espiroth.“ Der junge Mann neben ihr bekam plötzlich einen roten Kopf, da sich alle Augen auf ihn richteten. „Lord Pahl-Tesi.“ Der Hühne ganz am Ende der Reihe verbeugte sich, und die zwei geflügelten Frauen neben ihm taten es ihm gleich. Awelia erkannte die zwei Astren, geflügelte Wesen vom Volk der Hühnen. „Und zu guter Letzt meine Wenigkeit, Erzmagier Wolmats.“ Der Erzmagier blickte zum Hofmeister neben sich, der die ganze Zeit mitgeschrieben hatte. „Das wäre die Anwesenheit. Jeder der Genannten hat eine Stimme, natürlich für jede eventuelle Abstimmung. Ein Vorschlag gilt dann als angenommen, wenn mindestens die Hälfte der Stimmen eine Fürsprache sind. Wir fahren fort mit dem Erstellen der Tagesordnung.“ Er drehte eine Sanduhr um, und der Sand begann nach unten zu rieseln.
Awelia drehte sich zu Dara um. „Du erinnerst dich doch bestimmt an letztes mal, was muss ich jetzt machen?“ fragte sie peinlich berührt. „Du hast sicher eine Idee für einen Vorschlag oder etwas derartiges, du gehst jetzt zu den anderen und machst ihnen die Dringlichkeit deines Anliegens klar. Dann wird per Abstimmung die Reihenfolge der Punkte festgelegt.“ erklärte die Wächterin halblaut. Awelias Blick fiel auf Feron, der grimmig in den Raum starrte. „Was ist los?“ fragte sie verwundert. „Das ist der Bruder des Elfen, der unser Dorf den Orks überlassen hat.“ antwortete er hasserfüllt. Sie blickte hinüber zu Fürst Kâhn Dehlî, der sie bislang keines Blickes gewürdigt hatte. „Feron, das ist jetzt nicht der richtige Augenblick dafür.“ flüsterte Dara und nahm den Drachentöter zur Seite. Awelia ging zu der Traube hinüber, die sich gebildet hatte. Mehrere Anwesende redeten durcheinander. „Bitte, bitte, einer nach dem anderen.“ rief Ruberk beschwichtigend, und tatsächlich sprach nur noch einer. Zu Awelias Bedauern war es der Elf, der im Gegensatz zu allen anderen den Magier ignoriert und einfach weitergesprochen hatte. „ … kann nicht angehen, dass wir dafür bestraft werden. Ich möchte daran erinnern, dass wir es waren, die die Invasion in Kaló gestoppt haben. Wir waren es, die den Menschenfänger von Haml gestoppt haben, und wir haben die Stadt Elbüras gerettet. Ohne uns wäre der halbe Kontinent in Finsternis versunken.“ Der Elf beendete seine Tirade und für einen Moment war es still. „In der Wüste Harjii zerstören magische Fehlströmungen die Oasen und Städte.“ berichtete Seres. „Ich möchte um Unterstützung für das Finden der Ursache ersuchen, mindestens ein magischer Schild ist nötig. Tausende Leben sind in Gefahr.“ „Ich möchte eine Expedition zu den Ruinen von Larn Umbea durchführen.“ erklärte Salaco, und Awelia rollte verstohlen mit den Augen. Jemand stupste sie an der Schulter an. „Was ist Euer Anliegen?“ fragte Espiroth, der erst neben ihr gestanden hatte. „Ich benötige Unterstützung gleich welcher Art, um einen äußerst mächtigen Schwarzmagier zur Strecke zu bringen.“ erklärte sie stockend. „Immer noch? Das hatten wir doch das letzte mal schon.“ sagte der Elfenfürst höhnisch. Awelia starrte betreten zu Boden. Sie fühlte sich plötzlich dumm und naiv.
Eine Glocke läutete und Stille kehrte ein. „Die Zeit ist um.“ stellte Wolmats fest und wies auf die Sanduhr. „Jeden, der einen Tagesordnungspunkt einbringen möchte, bitte ich um Handzeichen.“ Einige hoben die Hände, darunter Awelia. „Wir beginnen mit der Dringlichkeitsbekundung. Jeder, der einen vorgetragenen Vorschlag für dringlich erachtet, soll dies kundtun. Fürst Kâhn Dahlî, wie lautet Euer Vorschlag.“ „Im Namen der Elfenfürsten Mureas fordere ich die Exclusion der Elfen aus dem Magischen Codex.“ sagte der Elf laut. Es dauerte einen Moment, dann gingen fast alle Hände nach oben. Lediglich Awelia meldete sich nicht. Der Hofmeister notierte das Ergebnis und nickte dann dem Erzmagier zu. „Zauberin Seres, wie lautet Euer Vorschlag.“ „Ich bitte um Unterstützung, um die magischen Fehlströmungen der Harjii zu lösen.“ sagte die Zauberin. Awelia hob die Hand. Es folgten einige weitere Vorschläge, doch nur die Hälfte der Anwesenden machte einen. Schließlich war sie selbst an der Reihe. „Zauberin Awelia, wie lautet Euer Vorschlag.“ „Ich benötige Hilfe bei der Ergreifung eines gefährlichen Schwarzmagiers.“ sagte sie belegt. Beinahe hätte sie Schatten gesagt. Doch sie wollte nicht sagen, dass sie Albträume hatte, dass sie sich fürchtete. Vom Elfenfürsten kam ein kaum unterdrücktes Lachen. Irritiert und gekränkt sah sie zu ihm hinüber. Er betrachtete sie mit einer Mischung aus Mitleid und Verachtung. Niemand hob die Hand. Der Erzmagier studierte die Notizen des Hofmeisters. „Im Ergebnis der ersten Abstimmungsrunde, der erste Tagesordnungspunkt ist die Exclusion der Elfen vom Magischen Codex. Der zweite Tagesordnungspunkt ist die Lösung der magischen Fehlströmungen der Harjii. Dritter und vierter Punkt sind noch offen. Der fünfte Tagesordnungspunkt ist Ergreifung des Schwarzmagiers.“ trug Wolmats vor. „Durch Stimmengleichstand kommt es zum Stechen zwischen den Vorschlägen von Meister Salaco und Hochzauberer Buriko. Ich bitte um erneute Handzeichen.“
Nach der zweiten, ebenfalls unentschiedenen, Runde überließ Salaco Buriko den Vortritt und reihte sich damit vor Awelia ein. Der Erzmagier las noch einmal die Tagesordnung vor und erklärte, der erste Punkt würde am kommenden Morgen zu Sonnenaufgang beginnen. Die Teilnehmer und ihre Gefolge verließen den Raum. Awelia blieb niedergeschlagen und gedankenversunken stehen. Dara hatte recht gehabt, ich hätte vorher die anderen auf meine Seite ziehen müssen. Jetzt komme ich vielleicht gar nicht zum Zug. dachte sie. Ihr war zum Heulen zumute. Doch sie konnte nichts mehr daran ändern.
Feron hätte nicht gedacht, dass es so viele Probleme gab. Zugegeben, es waren nicht viele Teilnehmer, und dennoch hatte jeder Zweite ein Anliegen, dass er für wichtig erachtete. In den meisten Fällen war es dies auch. Jedes mal, wenn der Elf gesprochen hatte, hatte Feron möglichst laut mit den Augen gerollt. Leider hatte es niemand gehört. Jetzt war es vorbei, und die Menge zerstreute sich. Awelia stand da, mit gesenktem Kopf. „Was …“ begann er, doch Dara fasste ihn an der Schulter. „Sie braucht einen Moment für sich, um das Ergebnis zu verdauen.“ flüsterte sie. Feron nickte beklommen.
Langsam ging sie zu dem großen Brunnen, der in der Mitte des Raumes stand. Er war ihr bis jetzt gar nicht aufgefallen. Das Wasser stand eine Handbreit unter der Oberkante, die Oberfläche spiegelglatt wie die ruhige See. Gedankenversunken strich sie mit der Hand durch das Wasser. Was kann ich nur tun? Ich brauche Hilfe, um den Schatten zu besiegen. Sie zog die Hand heraus und stupste mit dem Finger auf die sich glättende Oberfläche. Ein Bild erschien im Wasser. Awelia blinzelte. Sie sah Bäume, einen Wald, aber es war seltsam. Es war fast so, als ob sie auf dem Boden liegen würde, als sie das Bild betrachtete. Sie dachte daran, das Bild zu drehen, und auf einmal spürte sie, wie etwas an ihr zerrte. Ihr Körper verschwand, und das Bild wurde klarer. Es drehte sich, und sie sah sanft im Wind wogende Bäume. Das Bild verschob sich, und als sich Awelia umsah, entdeckte sie unter sich einen von Ranken überwucherten Brunnen, wie der, an dem sie gerade gestanden hatte. Spiegelteich. der Gedanke durchfuhr sie wie ein Schlag. Sie hatte in der Bibliothek der Akademie davon gelesen. Eine magische Struktur, verbunden mit gleichartigen Brunnen überall in Murea. Damit konnte man zu weit entfernten Orten sehen.
Das Gegenstück, durch das sie gerade blickte, befand sich in irgendeinem Wald. Das Unterholz war dicht und verwildert. Awelia glaubte nicht, dass es hier etwas von Interesse zu entdecken gab. Sie ließ sich in das Wasser fallen und tauchte in ein schimmerndes Meer. Um sie herum schwebten Bilder im Wasser, einige waren deutlicher als andere. Awelia vermutete, dass es mit der Nähe der Brunnen zueinander zusammenhing. Sie wandte sich einem der klaren Bilder zu. Langsam tauchte ihr körperloser Blick aus dem Spiegelteich auf. Sie erkannte die markanten Mauern wieder. Dies war Elemas, womöglich der Palast des Königs. Wie um sie zu bestätigen trat der König, in edle Gewänder gekleidet, hinter einem großen Rosenbusch hervor. Die Königin war an seiner Seite. „Siehst du, Schatz.“ sagte die Königin. „Wir könnten noch mehr pflanzen. Das Muster wäre exquisit.“ Awelia lächelte und ließ sich wieder zurückfallen. Sie betrat eines der entfernteren Bilder. Die Zauberin spürte die Anstrengung, die es sie kostete, in das Bild einzutauchen. Sie erhob sich aus dem Spiegelteich und fand sich in einer endlosen Eiswüste wieder. Ein schwerer Schneesturm zog herauf, doch noch hatte er den Brunnen nicht erreicht. In der Ferne sah Awelia einen einzelnen Berg, und darauf eine Burg. Sie fragte sich, wer so weit hier im Norden leben mochte. Plötzlich zogen Wellen über den Horizont und den Boden, als ob jemand einen Stein ins Wasser geworfen hätte.
Awelia schrak auf. Neben ihr stand Magier Espiroth. „Verzeiht, ich wollte Euch nicht stören.“ entschuldigte er sich rasch. „Oh, schon gut.“ sie winkte ab, und fragte „Wie kann ich Euch behilflich sein?“ „Ich wollte … naja … der Schwarzmagier von dem Ihr gesprochen habt. Ich wollte fragen … da Ihr dieses Anliegen wohl das letzte mal schon vorgebracht habt …“ stammelte er. „Warum ich das Problem noch nicht aus der Welt geschafft habe?“ führte sie die Frage zu Ende, und Espiroth nickte. „Es ist kompliziert. Ich war nah dran, aber ich bin gescheitert. Seitdem versuche ich weiter, ihn zur Strecke zu bringen.“ „Also ist er entkommen? Der Herr Elf hatte so etwas angedeutet.“ druckste Espiroth einen Moment. Awelia legte den Kopf schief und überlegte, wie viel sie ihm sagen sollte. Sie wählte ihre nächsten Worte vorsichtig. „Es ist ein sehr mächtiges Wesen, nicht nur einfach ein menschlicher Magier. Ich weiß nicht genau, was es ist, aber es hat mich mithilfe seiner Diener gejagt. Es verfügt über mächtige magische Artefakte und geht äußert gerissen vor.“ erklärte sie. Der junge Magier wirkte nachdenklich, antwortete jedoch nicht, also verließ Awelia den Raum.
Feron war allein, als Awelia kam. Sie betrat das Zimmer und setzte sich kommentarlos aufs Bett. „Das lief nicht so optimal.“ merkte Feron an. Die Zauberin vergrub das Gesicht in den Händen. „Ich habe womöglich die einzige Chance auf Hilfe vertan.“ sagte sie mit belegter Stimme. „Ich habe gedacht, Fakten würden reichen. Aber dazu bin ich nicht mal gekommen. Und jetzt bin ich ganz am Schluss dran, wenn überhaupt. Dara hatte recht, ich hätte vorher mit den anderen reden sollen.“ Feron trat zu ihr heran. „Sei nicht so streng zu dir.“ sagte er sanft. Awelia sah ihn an, Tränen in den Augen. „Glaubst du, der Elf hätte dir je geholfen? Ich bin für dich da, so wie Dara. Und wenn es nicht reicht, werden wir andere finden, die uns helfen. Bisher haben wir noch alles überstanden.“ Er lächelte sie an, und sie schluckte. „Kopf hoch.“ sagte Feron und drückte Awelia.
Dara trat ein. Feron, der immer noch die Arme um Awelia gelegt hatte, sah auf. Die Wächterin sah ihn einen Moment durchdringend an, nickte ihm dann aber leicht lächelnd zu. „Also …“ sagte die Wächterin laut, und Awelia löste sich von ihm. „… morgen der Elfenfürst.“ „Oh, erinnre mich bloß nicht.“ stöhnte Awelia. „Was ist überhaupt so schlimm daran, wenn die Elfen aus dem Codex austreten?“ fragte Feron. „Der Codex gibt allen Magiern und Zauberern gewisse Rechte, bürdet ihnen aber auch Pflichten auf.“ erklärte Dara. „Nicht unter dem Codex zu stehen bedeutet zum einen, auf Rechte zu verzichten, aber auch die Pflichten nicht erfüllen zu müssen.“ „Oh“ sagte Feron perplex, „Da die Elfen ihre eigenen Herrschaftsgebiete haben, haben sie ja sowieso Rechte …“ „Und umgehen so ihre Pflichten.“ führte Dara zu Ende. „Vereinfacht ausgedrückt.“ Plötzlich verstand er sehr gut, warum die Wächterin die Mine verzogen hatte, als der Fürst sein Gesuch vorgetragen hatte.
Awelia betrat den Fuß des Turmes. Es waren bereits einige Teilnehmer des Konzils anwesend, aber noch nicht alle. Für die direkten Teilnehmer waren edle Stühle, deren Sitzfläche mit Samt bestickt war, hergeschafft und im Kreis um den Spiegelteich aufgestellt worden, während die Begleitungen stehen mussten. Sie nahm platz und Dara und Feron stellten sich hinter sie. Einige der anderen unterhielten sich. Der Elfenfürst war bereits da und saß regungslos auf seinem Stuhl.
Als sie vollzählig waren schloss der Hofmeister die Tür. „Wir beginnen mit dem ersten Tagesordnungspunkt, die Exclusion der Elfen aus dem Magischen Codex. Eingebracht von Fürst Kâhn Dahlî, erhält ebendieser nun das Wort.“ erklärte Erzmagier Wolmats laut und setzte sich. Dahlî erhob sich. „Ich bringe dieses Anliegen im Namen aller elfischen Fürsten und Lords Mureas und damit stellvertretend für alle Elfen vor.“ erklärte er mit lauter Stimme. „Wir arbeiten seit Jahrhunderten unermüdlich für den Schutz Mureas. Doch mittlerweile wird durch große Reiche wie Pyrion ein derartiger Einfluss auf den Codex ausgeübt, und es werden völlig abstruse Regelungen aufgenommen, dass wir kaum mehr in der Lage sind, diesen Schutz zu gewährleisten. Stellt Euch vor, wir schützen eine Nation, nur damit uns eine andere, die sich einen Vorteil erhofft, uns einen Verstoß gegen den Codex vorwirft. Ein bezeichnendes Beispiel ist die Besetzung der Opalinsel. Nachdem wir die Insel für das nahe Fürstentum von den Barbaren befreit hatten, warf uns ein anderes Königreich die Verletzung des Magischen Codex vor. Das unser selbstloses Handeln zu Verbrechen umgedichtet wird wird ist nicht hinnehmbar.“ Die Worte des Fürsten hatten eine fast schon betäubende Wirkung. Etliche Teilnehmer nickten zustimmend. Vielleicht lag es an Ferons Paranoia gegenüber Elfen, oder sie selbst war einfach etwas misstrauisch, in jedem Fall war Awelia nicht überzeugt. „Die Regelungen werden per Abstimmung in den Codex aufgenommen.“ sagte sie nachdenklich. „Wieso haben die Elfen, die ja selbst mehrere Reiche haben, nicht dagegen gestimmt?“ „Wenn sich mehrere große Menschenreiche zusammentun und gegen unser Volk verbünden, dann wird es auch für uns schwer, sie zu überstimmen.“ antwortete der Elf anschuldigend. Awelia kannte sich nicht allzu gut in der Politik aus, aber sie bezweifelte ernsthaft eine Verschwörung gegen die Elfen. „Nennt doch bitte die Regelungen, die Euch missfallen.“ forderte sie den Elfen stirnrunzelnd auf. „Ein bezeichnendes Beispiel ist die Regelung, die es Elfen untersagt, auf Turnieren Magie zu wirken. So dürfen wir nicht einmal die Wunden der Kontrahenten heilen, ohne gegen den Kodex zu verstoßen.“ Awelia hatte glücklicherweise von dieser Regel gelesen. „Wenn Ihr den Text korrekt gelesen hättet, wäre Euch hoffentlich aufgefallen, dass es generell Magiern und Zauberern nicht gestattet ist, mit Magie in den Turnierablauf einzugreifen. Wohlgemerkt einzugreifen, also ist eine Wundheilung keineswegs verboten. Die explizite Erwähnung der Elfen geschah erst vor etwa dreißig Jahren, als einer Eures Volkes bei mehreren Turnieren im Bogenschießen seine eigenen Pfeile an der Zielscheibe spaltete.“ erläuterte sie. Der Elf starrte sie wütend an. „Und was ist mit …“ „Ist es nicht eher so, dass Ihr Euren Einfluss ausdehnen wollt?“ fragte Seres fast schon mitleidig. „Nachdem die Elfen den Orkkönig Brutus gerechtfertigtermaßen getötet hatten, haben sie schlicht die ganze Hochebene besetzt, ungeachtet der Königreiche, deren Land es einst war.“ Der Elf zischte eine Antwort, die Awelia nicht verstand, die andere Zauberin jedoch mit einer hochgezogenen Braue quittierte. Es entbrannte eine hitzige Diskussion zwischen den Teilnehmern des Konzils. Während der Elf und seine Unterstützer immer wieder bekundeten, wie wichtig die Taten der Elfen waren, und wie ungerecht sie behandelt wurden, so hielten Seres und Awelia immer wieder dagegen, wie die Elfen Ihre Macht ausnutzten. Die anderen stellten hin und wieder zumindest kritische Zwischenfragen in beide Richtungen. Rasch erkannte Awelia, wer wie stimmen würde. Salaco und Ruberk waren deutlich auf Seiten der Elfen. Neben Seres und Awelia schien nur Espiroth den Elfen kritisch gegenüber zu stehen. Der Rest hatte sich noch nicht entschieden.
Gegen Mittag machten sie eine kurze Pause. Awelia drehte sich zum ersten mal seit Beginn wieder zu ihren zwei Begleitern um. Dara hatte ein völlig ausdrucksloses Gesicht, während Feron eine Grimasse schnitt. „Was?“ fragte die Zauberin. „Ich ringe noch mit mir, ob ich einen Lachanfall bekommen oder den Armleuchter aufschneiden soll.“ sagte er lustlos. Die Wächterin neben ihm lächelte kurz. „Ich gehe lieber, bevor ich dich in Schwierigkeiten bringe.“ erklärte er und verließ den Raum. Salaco trat zu ihr heran. „Denkt Ihr nicht, Ihr seid etwas zu streng? Die Elfen geben Ihr bestes, um Murea zu schützen.“ sagte er freundlich. „Ihr könnt ja Feron fragen, wie nobel die Elfen bei seinem Dorf nicht waren.“ antwortete sie sarkastisch. Der Magier hob beschwichtigend die Hände. „Die Taten einzelner Elfen sollte doch nicht für die Gesamtheit sprechen.“ „Die Taten hoher Anführer der Elfen hingegen schon, meint Ihr nicht?“ fauchte Awelia zurück.
Nachdem eine kleine Stärkung gereicht worden war, ging es weiter. Awelia hielt sich immer mehr zurück, denn die ganze Zankerei ermüdete sie. Tief in der Nacht ebbten schließlich die Diskussionen langsam ab, nachdem Seres, die sich mittlerweile heiser geredet hatte, zum unendlichsten mal auf Ruinen von Flussstadt verwiesen hatte, deren Einwohner ohne Ausnahme von den Elfen vertrieben worden waren. Diese Schandtat konnte Kâhn Dahlî auch mit der Verteidigung der Silberinseln gegen die Barbaren nicht übertünchen. Als eine Weile niemand mehr etwas gesagt hatte, erhob sich Erzmagier Wolmats. „Da nun der Diskurs zu einem Abschluss gekommen ist, bitte ich um ein Schlusswort des Fürsten Kâhn Dahlî.“ erklärte er. Der Fürst erhob sich. „Auch wenn es einige nicht wahrhaben wollen, haben wir Elfen unendlich viel für Murea geleistet. Ohne uns würde niemand heute hier sitzen. Unser Ersuchen auszuschlagen wäre ein schwerer Schlag für den Kontinent, und wird ohne Zweifel viele ins Elend stürzen.“ der Elf setzte sich. „Ich bitte um Handzeichen, wer stimmt der Exclusion der Elfen aus dem Magischen Codex zu.“ sagte Wolmats laut. Der Elf, Salaco und einige andere hoben die Hände. „Gegenstimmen.“ Awelia, Seres und Espiroth meldeten sich. „Enthaltungen.“ Mehrere Hände gingen nach oben. Der Erzmagier warf einen Blick zum Hofmeister. „Fünf dafür. Drei dagegen. Vier Enthaltungen. Das Gesuch wird abgelehnt.“ verkündete er laut. Der Elfenfürst starrte mit wutentbranntem Gesicht auf Seres und Awelia. „Ich verlange eine Neuauszählung der Stimmen.“ rief er laut. Seres lachte spitz auf. „Versucht es in vier Jahren nochmal, ich werde da sein.“
Feron blickte auf, als Awelia und Dara eintraten. „Wie ist es gelaufen?“ fragte er vorsichtig. „Er hasst mich.“ antwortete die Zauberin mit breitem Grinsen. „Die Exclusion wurde knapp abgelehnt.“ fügte Dara hinzu. „Das ist doch gut. Geschieht diesen Spitzohren recht!“ sagte er freudig. „Was liegt als nächstes an?“ „Erstmal schlafen. Nach Sonnenaufgang geht es weiter.“ antwortete Awelia mit lautem Gähnen.
Kurz nach Sonnenaufgang versammelten sie sich wieder um den Spiegelteich. Diesmal war es an Seres, ihr Anliegen zu vertreten. Die Zauberin erhob sich, als der Erzmagier ihr das Wort erteilte. „Seit einigen Monaten wird die Harjii von magischen Fehlströmungen geplagt. Sie trocknen die Oasen aus und lassen Vieh verdursten. Mehrere Wüstenstämme mussten bereits ihre Heimat aufgeben, da es keine Nahrung mehr gibt. Die Strömungen werden immer zahlreicher, und ich fürchte, dass am Ende ein Leben in der Harjii unmöglich sein könnte.“ erklärte Seres. Awelia hatte keine Vorstellung, wie viele Leute in der Wüste lebten, oder wieso man überhaupt an einem so unwirtlichen Ort leben sollte. Doch sie erinnerte sich an die Burg in der endlosen Eiswüste. Es mochten hunderte, wenn nicht gar tausende, in der Wüste leben. „Was genau verlangt Ihr von uns?“ fragte Kâhn Dahlî vorsichtig. „Wir brauchen Hilfe, wenn nicht bei der Behebung dessen, was die Störung verursacht, dann zumindest dabei, die Auswirkungen abzumildern.“ „Wir würden gern helfen, doch bedauerlicherweise muss sich unser Volk darum kümmern, nicht von den anderen Großreichen ausgemerzt zu werden.“ befand der Elf, und der Sarkasmus in seinen Worten war nicht zu überhören. Seres würdigte ihn keines weiteren Blickes. „Was wisst Ihr über die Fehlströmungen? Wie verhalten sie sich und was sind eventuelle Quellen? Nur so können wir Euch helfen.“ fragte Lord Pahl-Tesi, und einige andere nickten zustimmend. Seres erklärte ausführlich, was sie, zusammen mit verschiedenen Bewohnern der Harjii, herausgefunden hatte, und beantwortete die vielen Zwischenfragen so gut wie möglich. Die Störungen schienen von einer tief unter dem Wüstenboden liegenden Überschneidung mehrerer magischer Strömungen auszugehen. Auch wenn der darüber liegende Ort nicht betroffen war, so ging rohe magische Energie wie ein Platzregen in weitem Umkreis nieder. Seres beschrieb es als Nordlicht, dass den Boden berührte. Sie erklärte, wie sich der Boden aufheizte und das Wasser der Oasen zu kochen begann. Binnen weniger Tage wurden einzelne Inseln in der Wüste zu ebenso leblosen Orten wie ihre Umgebung. Awelia lauschte aufmerksam. Es klang nicht nur besorgniserregend, sondern erschreckend. Und sie glaubte nicht, dass es ein natürliches Phänomen war. Zu einer anderen Zeit hätte sie Seres sofort geholfen, doch sie musste sich auf den Schatten konzentrieren. Sie hoffte, die andere Zauberin würde erfolgreich sein.
Es war bereits dunkel, als die Fragen und Erklärungen zum Ende kamen. „Zauberin Seres, wie soll das Konzil zu Eurem Gesuch abstimmen, um was ersucht Ihr die magische Gemeinschaft Mureas?“ fragte Erzmagier Wolmats schließlich. „Nach dem, was bereits alles gesagt wurde, ersuche ich um Hilfe bei der Suche nach der Ursache der Fehlströmungen.“ antwortete Seres knapp. „Ich bitte um Handzeichen, wer stimmt der Verpflichtung der magischen Gemeinschaft Mureas zur Ursachenforschung der Fehlströmungen in der Harjii zu?“ Awelia und viele andere hoben die Hände. „Wer stimmt dagegen? Gibt es Enthaltungen?“ Der Erzmagier warf einen Blick zum Hofmeister. „Neun dafür, eins dagegen, zwei Enthaltungen. Auf Beschluss des siebzehnten Konzils ist die magische Gemeinschaft Mureas verpflichtet, bei der Ursachenfindung der Fehlströmungen in der Harjii mitzuwirken.“ Sie beugte sich zu Dara hinüber. „Was bedeutet das genau, müssen wir jetzt sofort in die Wüste?“ fragte sie leise. „Nein, aber die magische Gemeinschaft ist angehalten in jeder möglichen Form zu helfen. Sei es in die Harjii zu reisen, in Bibliotheken nach Wissen zu suchen, oder einfach nur weiter seinen Studien zu folgen.“ flüsterte die Wächterin zurück.
Am nächsten Morgen folgte der nächste Tagesordnungspunkt. Awelia hatte nur unruhig geschlafen, das ganze stundenlange Debattieren und das Drumherum waren wirklich erschöpfend. Dinge, die einleuchtend schienen, bedurften eines enormen Aufwands, um das Konzil dazu zu bringen, sie zu erkennen. Jetzt begann Hochzauberer Buriko, sein Anliegen zu erklären. Awelia hörte nur halb hin. Soweit sie es verstand, wollte der Hochzauberer, im Namen seines Kriegerclans, dass das Verbot einer Version der Wiederbelebung aufgehoben wurde. Es gab mehrere Arten der Wiederbelebung. Gemeinhin verstand man darunter die dunkle Magie der Reanimation der Toten. Aber es gab ein lebensmagisches Gegenstück, dass die Seelen der Toten in eine magische Form fasste. Das Problem dabei war jedoch, dass die Seelen unter der Kontrolle des Zauberers standen. Daher war der Zauber in Murea verboten worden. Doch immer wieder drifteten Awelias Gedanken ab. Sie fragte sich, was der nächste Zug des Schattens sein würde. Würde er tatsächlich das Konzil angreifen? Die Menge an versammelten Zauberkundigen und ausgebildeter Stadtwachen würde den Schatten und seine Schergen sicher im Kampf besiegen. Doch der Schatten war gerissen, er würde keinen offenen Kampf wählen. Wenn er hier gewann, dann würde er mit einem Schlag alle besiegen, die ihm im Weg standen. Nachdenklich blickte sie auf den Spiegelteich. Sie wusste, etwas daran war wichtig. Aber was? Sosehr sie sich auch bemühte, sie kam nicht darauf. Schließlich war es Zeit für die Abstimmung. Awelia tat ihren Teil, damit der unsinnige Vorschlag abgelehnt wurde. Glücklicherweise war es nicht ganz so knapp wie bei Kâhn Dahlî.
Den Abend verbrachten sie auf ihrem Zimmer. „Ich dachte, beim Konzil könnte ich Hilfe bekommen, um den Schatten zu bezwingen. Doch jetzt bin ich mir nicht mehr sicher.“ gab die Zauberin seufzend zu. „Wieso denn das?“ fragte Feron überrascht. „Selbst wenn ich um Hilfe frage, ich habe keinen Anhaltspunkt, wohin wir gehen müssen. Was ist der nächste Schritt des Weges, wie besiegen wir den Schatten? Ich weiß, dass ich damals den Weg gefunden habe. Doch ich erinnere mich nicht.“ „Du sitzt die ganze Zeit hier mit all diesen schlauen Köpfen und brütest über Problemen, die ich nicht einmal buchstabieren könnte.“ sagte Feron teils aufmunternd, teils sarkastisch. „Was schlägst du vor?“ fragte Awelia und sah ihn an.
Feron stieß die Tür auf und trat in den Schankraum. „Echt jetzt? Du willst, dass wir uns besaufen?“ fragte Dara finster. „Quatsch, aber mal rauskommen aus der verstockten Akademie.“ gab der Drachentöter zurück und ließ lächelnd den Blick über die Gäste schweifen, die sich an den Tischen verteilt hatten. Sie fanden einen freien Tisch und setzten sich. „Ich weiß ja nicht.“ sagte Awelia skeptisch. „Meine letzte Begegnung mit Alkohol war nicht so gut ausgegangen.“ „Keine Sorge, das Zeug hier ist bei weitem nicht so stark wie Zwergenmet.“ scherzte Feron. Als die Schankmaid kam, orderte er eine Runde.
Während sie tranken erzählten sie Geschichten. Feron von seinen ersten Abenteuern, die auf witzige Art und Weise nach hinten losgegangen waren, während Dara lustige und absurde Geschichten zum Besten gab. Awelia lachte viel, und es freute Feron, sie so zu sehen. Nach dem dritten Bier machte er eine Entdeckung. „He, die da drüben, die spielen Stich Drei! Das haben wir als Kinder gespielt, ich hab immer gewonnen. Die Kerle werde ich abziehen.“ Dara zog spöttisch eine Braue hoch. „Sieh zu und lerne.“ grinste Feron und ging zum anderen Tisch. „Das wird böse enden.“ befand die Wächterin hinter ihm.
Es dauerte nicht allzu lange, bis ihre Worte wahr wurden. Es sah so aus als spiele Feron sehr gut. Vor ihm sammelte sich immer mehr Geld, zum Unmut seiner Kontrahenten. Als einer davon seine letzten Münzen verlor, beschuldigte er den Neuen am Tisch des Betrugs. Feron lachte und winkte ab. Der Mann sprang vor und versuchte, den Drachentöter zu packen. Doch der war schneller, wich aus und schlug mit dem Bierhumpen zu. Jammernd sackte der Kerl zurück, und sein Kumpel übernahm. Feron blockte den Angriff und warf seinen Gegner aus der Bewegung heraus auf den Tisch, der mit lautem Krachen zerbrach. Für einen Moment herrschte Stille in der Schenke, als alle auf Feron starrten. Die Geldstücke, die über den Boden rollten, waren deutlich zu hören. Im nächsten Augenblick schien der Raum zu explodieren. Die Leute stürzten sich aufeinander und eine große Schlägerei begann.
Feron trat seinem Nebenmann die Beine weg und begann seinem Geld hinterher zu laufen. Jemand stieß unsanft gegen ihn und er schubste den Mann weg. Ein weiterer Kerl kam auf ihn zu und der Drachentöter sprang ihm mit dem Fuß voran entgegen. Er packte den am Boden liegenden Stuhl und schlug damit die nächste Gestalt nieder, einen der Elfen von diesem aufgeblasenen Fürsten. Er gestattete sich ein Lächeln, doch im nächsten Moment brüllte ein bulliger, einäugiger Arbeiter auf und pflügte durch den Raum. Jeder, der nicht schnell genug war, wurde von dem Wahnsinnigen niedergetrampelt. Feron rollte sich zur Seite und wurde von einer Holzlatte an der Schulter getroffen. Er duckte sich unter einem zweiten Schlag hindurch, der stattdessen den Burschen erwischte, der ihn von hinten packen wollte, und trat dem Angreifer in die Genitalien. Dann sah er eine Münze über den Boden rollen und erinnerte sich, dass er nicht zum Spaß hier war.
Awelia stand neben Dara und betrachtete die Schlägerei mehr staunend als alles andere. „Sollen wir nicht etwas tun?“ fragte sie unschlüssig. „Die Stadtwache wird das gleich auflösen.“ antwortete die Wächterin gelassen und streckte mit einem Faustschlag einen Kerl nieder, der ihnen zu nahe kam. Es vergingen keine zwei Minuten, als der Lärm der Schlägerei von Trillerpfeifen durchbrochen wurde. Ein Dutzend Stadtwachen stürmte mit Holzknüppeln in den Schankraum und schlug jeden nieder, der sich nicht sofort auf den Boden warf. Offenbar erkannten sie Awelia als Zauberin, denn weder sie noch Dara wurden belangt. „Können wir gehen?“ fragte Feron, der grinsend neben ihnen aufgetaucht war. Er hatte ein paar Schrammen im Gesicht und würde vielleicht ein blaues Auge bekommen. Doch die wimmernd am Boden liegenden Gestalten hatte es weitaus schlimmer erwischt.
Die Stadtwachen stellten ihnen keine Fragen, als sie die völlig demolierte Schenke verließen, sondern machten vielmehr der Zauberin platz. Ungehindert erreichten sie die Akademie. „Das war verrückt!“ stellte Awelia fest, als sie sich auf das Bett fallen ließ. „Du hast dich besser geschlagen als erwartet, dafür, dass du die Schlägerei angezettelt hast.“ sagte Dara anerkennend zu Feron. Der Drachentöter versuchte zu grinsen, während er ein feuchtes Tuch an sein geschwollenes Auge hielt. „Wohin unser Weg auch führt, eine Weile kommen wir über die Runden.“ Er zeigte auf seine gut gefüllten Taschen. Die Zauberin schüttelte belustigt den Kopf.
Awelia stand vor den Türen zum Nexus. Sie sah sich um, denn sie wusste nicht, wie sie hierher gekommen war. Doch der Gang war menschenleer. Von drinnen hörte sie Stimmen. Vorsichtig öffnete sie die Tür und trat ein. Etliche Leute standen im Raum, ihre Aufmerksamkeit auf etwas im Zentrum gerichtet. Einige erkannte sie, wie den Elfenfürsten oder Salaco, und auch Meister Ruberk und Erzmagier Wolmats waren da. Andere wiederum waren bloße Schatten aus grauem Rauch. „Was ist denn hier los?“ fragte sie und fasste Salaco an der Schulter. Ihre Hand ging glatt durch den Mann hindurch, und er schien ihre Anwesenheit nicht zur Kenntnis zu nehmen. Verwirrt zog sie die Hand zurück. Etwas stimmte hier ganz und gar nicht. Awelia versuchte es erneut, doch wieder griff sie durch Salaco hindurch, als wäre er nicht da. Sie fasste ihren Mut zusammen und trat durch ihn hindurch. Es gab keinen Widerstand. Als sie ihre Augen öffnete hätte sie beinahe erschrocken einen Satz zurück gemacht. Vor ihr stand sie selbst, auf der anderen Seite des Spiegelteichs. Mit ernstem Gesicht blickte ihr zweites Ich über die versammelten Leute. Sie trug eine lange Robe, die sie bereits in einem Traum getragen hatte. Hinter ihr standen Hennal und Dara. Ist das ein Traum? Oder eine Erinnerung? Es ist anders als alles, das ich je erlebt habe. dachte die Zauberin verwirrt. Die andere Awelia begann zu sprechen. „Es muss schon mehrere Jahre andauern, bevor es mir aufgefallen ist. Wer auch immer dahintersteckt ist sehr subtil. Er hat seine Diener überall verteilt. Sie agieren aus den Schatten heraus, und sie bereiten etwas sehr großes und komplexes vor. Nichts gutes kann dabei herauskommen.“ Mehrere Gestalten widersprachen. „Und was soll das bitte sein? Bevor wir hier alle Anstrengung auf Euer Anliegen verschwenden, gebt uns doch bitte etwas handfestes, etwas was nicht nur aus Mutmaßungen besteht.“ sagte der Elfenfürst. Mit einer Handbewegung hob die zweite Awelia eine Wasserkugel aus dem Spiegelteich. In einem Augenblick hatte sie sich zu einer Weltkarte gewandelt, die langsam rotierte. „Gut, also hier haben wir eine Dürre. Es hat seit einem Jahr nicht mehr geregnet und das ganze Sumpfland ist ausgetrocknet. Die Bewohner sprechen von einer schwarzen Schlange, die nur totes Land hinterlässt. Der König von den Silberlanden ließ unlängst alle Lebensmagier wegen Hochverrats hinrichten. Und auf dem westlichen Kontinent ist eine Nekromantie entstanden, die beständig an Boden gewinnt. Und es gibt dutzende kleinere Vorkommnisse. Es gibt dunkle Omen, kleine Dörfer verschwinden und finstere Kreaturen fallen über das Land her.“ während die zweite Awelia sprach färbten sich Teile der Weltkugel schwarz. „Könnt Ihr auch nur irgendetwas davon beweisen? Das sind doch alles nur lose Behauptungen.“ gab der Elf zurück. „Ihr seid ein Idiot.“ stellte die Zauberin kategorisch fest. Unbemerkt von allen außer der echten Awelia ging eine sanfte Welle über die Wasseroberfläche. Verwundert trat sie näher. Etwas schimmerte unter der Oberfläche. Sie griff hinein, und im Wasser ertönte ein Geräusch. Der Funke in ihr flammte protestierend auf. Es war das hämisch-finstere Lachen des Schattens.
Ein Schrei ließ Feron auffahren. Von einem Moment zum Nächsten war er hellwach. „Scheiße!“ brüllte Awelia, und er griff nach seinem Schwert. Doch es waren keine Eindringlinge zu sehen. Auch Dara war überrascht und verwirrt. Ohne weiteren Kommentar stürmte die Zauberin aus dem Raum. Feron und Dara hatten Mühe ihr zu folgen. „Was ist den los?“ fragte der offensichtlich übermüdete Hofmeister, nachdem Awelia ihn fast über den Haufen gerannt hatte. Er stellte die Akten, die er gerade geschleppt hatte, ab, und lief ihnen hinterher. „So wartet doch!“ rief er, doch niemand beachtete ihn. Awelia führte sie schnurstracks zu dem Raum, wo sie die ganzen Tage gesessen hatten. Mit einem Windstoß wurden die Türen aufgeworfen und schlugen vor die Wände. Die Zauberin ging zu dem Brunnen in der Mitte des Raums und eine violette Kugel bildete sich in ihrer Hand. „Was ist los?“ verlangte der Hofmeister zu wissen. „Wir sind alle Idioten, das ist los!“ schnauzte Awelia aufgebracht und ließ die Hand aufs Wasser klatschen. Ein grelles violettes Licht blendete sie alle, dann lag der Raum still da. Das Wasser dampfte leicht, und Feron bildete sich ein, ein entferntes Knurren zu hören. „Er hat uns die ganze Zeit beobachtet.“ sagte sie an Dara gerichtet. „Ich war dumm, nicht eher daran zu denken. Er hat uns beobachtet, und er wusste genau, was wir vorhatten.“ „Was habt Ihr getan?“ fragte der Hofmeister verwirrt.
Feron wartete zusammen mit Dara auf dem Zimmer. Draußen hob sich langsam der orangene Schimmer des Sonnenaufgangs hinter den Mauern ab. „Weißt du, worum es da gerade ging?“ fragte er schließlich. „Nicht wirklich. Aber offenbar hat uns der Schatten beobachtet.“ antwortete Dara. „Ich hoffe nur, sie bekommt nicht zu viel Ärger.“ „Wieso das?“ „Der Brunnen ist irgendein magisches Artefakt. Meine Magiekenntnisse sind begrenzt, aber sie hat eine Antimagie darauf gewirkt.“ Feron rang sich zu einem Lächeln durch. „Was kann schlimmstenfalls passieren?“ Die Wächterin funkelte ihn an. „Siebenstern oder nicht, Awelia könnte aus der magischen Gemeinschaft ausgeschlossen werden. Der Magische Codex würde seine Gültigkeit für sie verlieren und sie wäre vogelfrei.“ Feron schluckte schwer.
Die Tür öffnete sich und Awelia trat ein. „Hätte schlimmer laufen können.“ sagte sie gelassen, als sie die angespannten Gesichter sah. „Ich darf keine Magie mehr in der Stadt wirken, und ganz besonders nicht in der Akademie.“ Feron spürte Erleichterung. „Was war überhaupt passiert?“ fragte er. „Der Spiegelteich, auch der Schatten hat einen. So konnte er uns beim letzten Konzil beobachten. Er wusste, was wir vorhaben.“ „Der was?“ fragten Dara und Feron wie aus einem Mund. Die Zauberin rollte mit den Augen. „Der Brunnen. Es ist ein … spezielles magisches Bauwerk, ähnlich wie die Teleportsteine. Der Spiegelteich ermöglicht es, zu anderen Spiegelteichen zu sehen. Man kann sehen was geschieht, und hören was gesagt wird. Ich habe diesen hier jedoch versiegelt.“ erklärte sie. „Du wirst ihn aber wieder öffnen, schließlich gehört er der Akademie.“ „Wenn ich es nicht vergesse.“ Awelia versuchte, unschuldig drein zu blicken, doch es gelang ihr nicht wirklich.
Als das Konzil zusammentrat, erläuterte der Erzmagier kurz die Ereignisse der Nacht und machte die Notwendig deutlich. Kâhn Dahlî wies spöttisch darauf hin, dass der Spiegelteich anderen Zauberkundlern die Möglichkeit eröffnen sollte, das Konzil zu beobachten. Awelia gähnte nur. Schließlich bekam Salaco das Wort, um sein Anliegen vorzutragen. Lang und breit erklärte er die Expedition, die er vorhatte, und welchen überwältigenden Wissensschatz er sich davor erhoffte. Awelia wusste, dass er nur selber Ruhm wollte, schließlich wäre er der Expeditionsleiter. Damit könnte er sicher ein paar Bücher füllen. Einige machten kritische Anmerkungen ob der Route und wiesen auf mögliche Gefahren hin. Sie musste schmunzeln, als Seres erklärte, dass im Riesengebirge gefräßige Riesenspinnen hausten, die mit Sicherheit die Expedition angreifen würden. Andere waren hellauf begeistert. Espiroth meldete sich sogar freiwillig. Die Abstimmung endete mit einer Reihe Fürstimmen und zwei Enthaltungen von Seres und Awelia.
„Morgen ist dein großer Tag.“ sagte Dara, als sie auf das Zimmer kamen. Draußen war es bereits dunkel. Der Großteil des Tages hatte aus Salacos Wiederholungen und seinen ausgedehnten Selbstbeweihräucherungen bestanden. „Ich glaube nicht, dass es etwas bringt.“ gab Awelia nachdenklich zu. „Nur nicht den Kopf in den Sand stecken.“ „Nein, ich meine bereits das letzte mal hat niemand zugehört. Ich habe praktisch das Ende der Welt prophezeit, und jetzt stehen wir wieder hier und ich werde wohl das gleiche sagen.“ „Das Problem besteht aber weiterhin, das wissen wir.“ gab die Wächterin zu bedenken. „Ja, aber das wissen die anderen nicht, wie soll ich sie davon überzeugen? Wie soll ich sie überzeugen, wenn man mir das letzte mal schon nicht geglaubt hat.“ Die beiden Frauen starrten zu Boden. „Vielleicht müssen wir das gar nicht.“ sagte Feron plötzlich. „Du sagtest doch, dass der Schatten vor dem Ende des Konzils wieder zuschlagen wird.“ „Da bin ich ehrlich gesagt skeptisch.“ meinte Dara. „Wieso sollte er sich aus der Deckung wagen. Wir haben keinen Anhaltspunkt, wo er ist. Keine Spur der wir folgen können. Wenn er jetzt die Füße still hält, dann verlieren wir womöglich Monate.“ Feron lächelte. „Im Sommerwald hat der Schatten Awelia angegriffen, als sie etwas über ihre Vergangenheit erfahren hatte. Jetzt hat sie den Spiegelteich versiegelt und ihn somit vom Konzil abgeschnitten. Sie hat ihn herausgefordert. Und ich bin sicher, dass der Schatten nicht anders kann, als die Herausforderung anzunehmen.“ „Du meinst also, statt mich um eine Zustimmung zu bemühen soll ich seinen hiesigen Diener aus der Reserve locken?“ ein Lächeln erschien auf dem Gesicht der Zauberin.
Awelia setzte sich auf ihren Platz, als der Erzmagier zu sprechen begann. Sie warf einen kurzen Blick zu Feron und Dara, und beide nickten knapp. Wenn sich der Diener des Schattens offenbarte, würden sie bereit sein. Es war der letzte Tag des Konzils, heute war Awelia am Zug. Und der Schatten wusste das.
„Wir kommen zum letzten Tagesordnungspunkt. Die Anfrage nach Unterstützung zur Ergreifung eines Schwarzmagiers.“ verkündete Erzmagier Wolmats laut. Awelia erhob sich. „Ich weiß, dass ich beim letzten mal wegen eines ähnlichen Anliegens hier stand.“ Der Elf schnaubte abfällig. „Doch seit damals haben sich die Dinge etwas geändert. Es wäre mir beinahe gelungen, den Schwarzmagier zur Strecke zu bringen. Er wusste damals, was ich vorhatte, doch diesmal wird es anders sein.“ erklärte sie ruhig und ignorierte den Elf. „Wie? Wenn es Euch nicht gelungen ist, den Schwarzmagier beim ersten Versuch zu vernichten, was macht Euch so sicher, dass es Euch diesmal gelingen wird?“ fragte Seres nachdenklich, und mehrere andere nickten zustimmend. „Seine bisherigen Pläne wurden erheblich gestört. In Pyrion ist es uns gelungen, einen ganzen Kult zu zerschlagen, der von dem Schwarzmagier geleitet wurde.“ Sie stutzte kurz. „Schwarzmagier trifft es nicht wirklich. Was auch immer er ist, er ist extrem mächtig. Er war in der Lage, zumindest kurzzeitig geistig in den Sommerwald einzudringen, der von uralter Weltenmagie geschützt wird. Er verfügt über mächtige Artefakte, nicht zuletzt einen Spiegelteich.“ führte Awelia aus. „Und es besteht Grund zur Annahme, dass sich in dieser Akademie einer seiner Diener befindet. Jemand, der für die Gräuel verantwortlich ist, die kürzlich in Karturas entdeckt wurden.“
Ein kurzer Tumult brach aus, als mehrere Teilnehmer entrüstet Fragen stellten. Der Erzmagier hob die Hand, und die Menge beruhigte sich. „Das ist eine schwere Anschuldigung.“ stellte Meister Ruberk fest. „Der Kult, den wir zerschlagen haben, wurde von einem Absolventen dieser Akademie geleitet.“ Awelia sah den Erzmagier auffordernd an. Wolmats Miene verdunkelte sich. „Bedauerlicherweise ist einer unserer Schüler von dem Weg abgekommen. Wir untersuchen noch, wie das geschehen konnte.“ erklärte er mit bemüht ruhiger Stimme. „Das erfahren wir jetzt?“ rief Lord Pahl-Tesi erschrocken. Die anderen stimmten ihm zu. „Mindestens ein weiterer Absolvent der Akademie ist den dunklen Künsten verfallen und treibt derzeit sein Unwesen.“ gab Awelia laut bekannt. „Könnt ihr irgendetwas davon beweisen? Oder wird das genau so wie beim letzten mal?“ fragte der Kâhn Dahlî fast gelangweilt. Auf so einen Einwand hatte Awelia gewartet. „Ihr wart das letzte mal hier. Ihr habt damals wie heute handfeste Belege ignoriert. Wie just die Wort des Erzmagiers. Entweder ist euch das Schicksal Mureas gleichgültig, oder ihr verbergt etwas.“ Sie glaubte nicht ernsthaft, dass der Elf mehr als ein egoistischer Idiot war, doch es lies für den Diener den Anschein entstehen, dass sie ihn nicht in jemand anderem erwarten würde. Hoffentlich würde es ihn herauslocken.
Der Angriff, den sie erwartete, kam nicht. Sie diskutierte hauptsächlich mit dem Elfen, der sich über sie lustig machte und sie ins Lächerliche zog, während der Rest sich zurückhielt. Schließlich kam es zur Abstimmung. Ihr Antrag wurde überdeutlich abgelehnt. Erzmagier Wolmats erhob sich. „Hiermit erkläre ich das siebzehnte Konzil der Magier Mureas für beendet. Die Ergebnisse dieses Konzils werden der magischen Gemeinschaft per Botenvogel zugesandt.“ erklärte er und ließ eine Glocke ertönen. Das Konzil war vorbei. Einige Mitglieder hatten bereits vor der letzten Abstimmung ihre Sachen gepackt und machten sich nun mit ihrem Gefolge auf den Heimweg.
Als sie die Tür ihres Zimmers geschlossen hatte, sah sie Dara und Feron an. „Das ist nach hinten losgegangen. Was machen wir jetzt?“ in ihrer Stimme war weder Resignation noch Wut, aber eine gewisse Anspannung. „Vielleicht ist es der Elf, und er hat nur nicht angebissen?“ meinte Feron zögerlich. Die Zauberin schüttelte den Kopf. „Der ist nur ein Dummkopf, sonst nichts. Mit hat die ganze Zeit schon etwas gewundert. Beim letzten Konzil muss ein Anliegen dringender gewesen sein. Eines das genug Aufwand erforderte, dass man mir nicht geholfen hat. Irgendjemand hat mich damit beim letzten Konzil aus dem Rennen geworfen.“ „Ich kümmere mich darum, gleich morgen früh.“ sagte Dara. Sie blickten aus dem Fenster, wo die Sonne dem Horizont entgegen sank und die Dächer von Karturas berührte. Unten im Hof bestieg der Hühe mit den Astren eine große und von vier Pferden gezogene Kutsche. Die Krieger des Südvolkes marschierten in Formation hinter ihrem Hochzauberer hinterher. Salaco war direkt nach dem Konzil abgereist, mit Espiroth im Schlepptau. Awelia hatte das flaue Gefühl, dass sie da stand, wo sie schon vor vier Jahren gestanden hatte.
Ein Meer aus Nebel umgab sie. Awelia schwebte regungslos darin, während die Nebelfetzen, von unsichtbaren Winden getragen, durcheinander wirbelten. Langsam bildete sich der altbekannte Raum des Nexus heraus. Doch etwas stimmte nicht. Zum einen blieb der Raum leer. Und zum anderen schwebte sie weiterhin in der Luft. Die Fenster barsten und große Risse entstanden im Boden. Brocken stürzten von der Decke und schlugen Löcher in den Boden. Trümmer passierten Awelia, als sei sie nicht da, doch die Akademie stürzte in einen unendlich tiefen Abgrund. Aber es war noch nicht vorbei. Wie eine Welle setzte sich der Kollaps fort und verschlang ganz Karturas. Nur ein pechschwarzes Loch blieb zurück, dessen Ränder in dunklen Nebel gehüllt waren.
Schwer atmend setzte sie sich auf. Sofort überkamen sie Kopfschmerzen. „Was ist los?“ kam eine besorgte Stimme aus der Dunkelheit. „Etwas … ist passiert.“ sie griff sich an den Kopf, und der Schmerz ging glücklicherweise auf ein erträgliches Niveau zurück. „Awelia, was ist los?“ fragte Dara eindringlich, während sie an sie herantrat. Als Awelia die Augen schloss, sah sie das Meer tief unter ihnen. Ein schwarzer Fleck klaffte darin, wie eine eitrige Wunde. „Der Fluss … er korrumpiert den Fluss.“ stöhnte sie und griff sich an den Kopf. „Der magische Fluss unter der Stadt … er wird von Tod und Verderbnis verseucht. … es wächst, mit jedem Augenblick.“ keuchte die Zauberin, während sie die schwarze Masse betrachtete. Die Wächterin starrte sie schockiert an. „Wie ist das möglich?“ fragte sie fassungslos. „Er muss dort unten sein. Wahrscheinlich dringt der Schatten durch seinen Diener in den Fluss ein.“ „Kannst du ihn stoppen?“ „Ich weiß es nicht. Aber jemand muss dort hinunter und ihn aufhalten. Vielleicht kann ich es etwas verlangsamen.“ „Ich wecke Feron.“ sagte Dara hastig und wandte sich zum noch immer schlafenden Drachentöter um.
Feron hatte von der Riesenschnecke geträumt. Ein Monstrum, dass ganze Straßenzüge verschlang, bis er selbst es eigenhändig besiegt hatte. Der Traum endete in dem Moment, als ihn jemand bei den Schultern packte. Noch bevor er die Augen öffnen konnte, brüllte ihn derselbe jemand an. „Wach auf, los, hoch mit dir!“ Feron erkannte Dara und sprang auf. „Was ist los?“ fragte er überrascht. „Der Schatten greift den magischen Fluss an. Es gibt in der Kanalisation einen Schacht, der in die Tiefe führt. Das ist …“ „Ich weiß, was du meinst.“ antwortete Feron knapp und hellwach, da ihm die Bedeutung der Worte bewusst wurde. „Dort werden sie am ehesten sein. Du musst sie aufhalten, bevor sie ihr Werk vollenden können.“ „Wo wirst du sein?“ „Ich bleibe hier, falls sie Awelia töten wollen.“
Er hatte sich seine notwendigsten Sachen gegriffen und war losgerannt. Mit einer Fackel, die er aus einer Wandhalterung gerissen hatte, hastete er durch die Straßen. Feron spürte, dass etwas im Gange war. Es war mitten in der Nacht, doch er traf auf nicht eine einzige Stadtwache. Es war, als wenn ein Gefühl der Angst die ganze Stadt beschlichen hätte, und sich alle in ihren Häusern verstecken würden. Ein Gefühl, das er teilte. Und es wurde beständig stärker.
Awelia sah das leuchtende Meer unter sich und das pechschwarze, sich ausbreitende Geschwür darin. Sie mochte sich nicht ausmalen, was geschah, wenn der ganze Strom korrumpiert wäre. Wahrscheinlich würde es den Rest des Kontinents verseuchen, wenn sie es nicht stoppte. Doch was konnte sie tun? Ich könnte die Verbindung zum Rest des Weltenstroms trennen, doch so viel Todesmagie auf einem Fleck würde den ganzen Landstrich auslöschen. Aber wenn ich versuche, es einzudämmen … und der Schatten stärker ist, dann ist ganz Murea dem Untergang geweiht. Es war eine unmögliche Entscheidung. Wenn sie sich irrte, sich überschätzte oder unterschätzte, dann würden unzählige Unschuldige einen hohen Preis dafür bezahlen. Ihr Gesicht musste den Konflikt widerspiegeln, denn Dara beugte sich zu ihr. „Was geschieht dort unten?“ fragte die Wächterin besorgt. „Ich muss es aufhalten, aber alle Möglichkeiten sind katastrophal. Entweder wir sterben, oder es entkommt und wir verlieren Murea.“ Dara wollte antworten, doch in dem Moment flog die Tür auf. Seres stand mit bleichem Gesicht da. Die Wächterin wollte ihr Schwert ziehen, doch stockte als sie die Zauberin erkannte. „Davor habt Ihr also gewarnt. Also, wie ist Euer Plan?“ fragte sie knapp. „Wir müssen Karturas vom Weltenstrom lösen. Auch wenn wir sterben, können wir so den Schatten stoppen.“ erklärte Awelia. „Der Schatten wirkt nur durch seinen Diener. Bist du sicher, dass dieses Opfer gerechtfertigt ist?“ fragte Dara, und Awelia zweifelte. Ihre Gedanken rasten. In jedem Augenblick wuchs das Geschwür, jeder Atemzug raubte ihnen wertvolle Zeit. Es gab keinen Raum für Fehler. Ein Plan setzte sich zusammen. Es war ein lächerlicher Plan, von einer Myriade Kleinigkeiten abhängig, die ihn zum Scheitern bringen konnten. Doch es war das Einzige, was noch blieb.
„Seres, wir werden es verlangsamen. Dara, finde heraus, wer von der Akademie der Diener des Schatten ist. Wir müssen darauf bauen, dass Feron in der Kanalisation erfolgreich ist. Wenn auch nur einer von uns scheitert sind wir verloren.“ wies Awelia hastig an. „Wer beschützt euch?“ warf Dara ein. Wie aufs Stichwort erschien Seres Feuerelementar in der Tür. Die Wächterin nickte und lief los.
Awelia ging auf die Knie und schloss die Augen. Sie wusste, dass die andere Zauberin neben ihr das selbe tat. Sie kannte sie erst ein paar Tage, aber sie hatte sich als verantwortungsbewusst und weitsichtig gezeigt. Sie vertraute ihr, auch wenn sie sowieso keine andere Wahl hatte. Tief unter ihnen, unter Karturas, bedeckte das korrupte Geschwür inzwischen fast ein Drittel des Meeres aus Magie. Awelia fragte sich, wie lange es wohl noch wachsen musste, bis es sich selbst erhalten konnte. Nein, so weit darf es nicht kommen! Sie sandte ein schmales, leuchtendes Band aus, das sie mit dem Meer verband. Gedanklich folgte sie nach unten und tauchte in die magischen Strömungen ein. Es war überwältigend. Die Macht, die hier unten verborgen lag, ließ sich nicht in Worte fassen. Sie raste zwischen Milliarden winziger Funken hindurch und zu der wabernden, pulsierenden schwarzen Wand, die immer mehr Funken verschlang und in ihre eigene Masse einfügte. Awelia wusste nicht wirklich, wie sie tief unter der Erde und körperlos kämpfen sollte. Daher überließ sie das dem Funken, der tief in ihr wohnte. Ein Puls ging wie eine Welle von ihr aus, löste einen Teil des Geschwürs auf und befreite die magischen Funken darin. Doch sofort begann die schwarze Masse, den freien Raum wieder zurückzuerobern. Neben ihr traf ein weiterer Puls die finstere Wand. Seres half ihr. Kontinuierlich lösten sie die Todesmagie auf, und sie kamen tatsächlich voran. Doch sie mussten feststellen, dass das Geschwür begann, um sie herum zu wachsen. Wir müssen uns aufteilen. ereilte sie der Gedanke von der anderen Zauberin. Sie hatte recht, sie konnten nicht riskieren, eingeschlossen zu werden. Mittlerweile war der Angriff des Schattens zu weit fortgeschritten, als dass sie ihn hätten stoppen können. Jetzt hing alles an Feron.
Er war froh, dass er sich bereits einigermaßen hier unten auskannte. Seine Fackel beleuchtete die Wände, während er durch die Kanalisation hastete. Feron konnte die Angst und den Gestank des Todes inzwischen riechen. Er wusste nicht, ob es daran lag, dass sich der Angriff ausweitete, oder weil er der Quelle näher kam. Aber das war egal, er musste es beenden.
Nachdem er schon befürchtet hatte, sich verlaufen zu haben, fand er schließlich den Eingang zu der langen Treppe nach unten. Ein Spinnennetz hing im Weg. Er war sich sicher, bei seinem letzten Besuch, alle Netze entfernt zu haben. Er griff zum Schwert, um es zu zerschneiden, doch etwas warnte ihn. Vielleicht ist es so etwas wie ein Alarm. dachte er und kroch vorsichtig darunter durch. Vor ihm lag die scheinbar unberührte Treppe. Er versuchte leise zu sein und zu Atem zu kommen, während er nach unten stieg. Die Fackel hielt er halb hinter sich, um die Diener des Schattens nicht früher zu warnen als nötig. Schließlich erreichte er das Ende der Treppe. Feron wusste nicht, was er erwartet hatte. Doch es sah schlimm aus. Viele der Kristalle im Fels waren blass und matt, einige sogar gesprungen. Am Abgrund saß eine vermummte Gestalt, die halb über eine Kristallkugel gebeugt war. Während die Gestalt murmelte und irgendwelche Gesten vollführte, floss eine schwarze Masse von der Kugel in die Tiefe. Feron konnte keine weiteren Schergen erkennen, also gab es wohl nur einen Diener des Schatten. Leise zog er sein Schwert, dann griff er an. Die Klinge hätte den Schurken enthaupten sollen, doch sie blieb mit einem Glockenschlag in der Luft stehen. Ein violetter Schimmer breitete sich in der Luft aus, und der Diener fuhr überrascht herum. Feron versuchte es erneut, doch wieder blieb sein Schwert, Silberschlag, stecken. Der Schurke schleuderte einen Zauber, dem Feron knapp auswich. Beinahe wäre er in die Tiefe gestürzt. Er schlug mit der Fackel zu, die ihm funken stiebend aus der Hand gerissen wurde. Silberschlag fuhr auf. Es war, als ob es seinen Arm bewegen würde, und er führte einen gezielten Stoß. Und diesmal zeigte es Wirkung. Risse entstanden in der Luft, und der magische Schild seinen Gegners platzte in einem Regen aus tausenden Scherben.
Feron sah das überraschte Gesicht seines Gegenübers. Es war eine Frau. Doch ihre Überraschung währte nur einen Moment, dann zeigte sich Wut. „Stirb!“ brüllte sie, und schleuderte einen Zauber auf ihn. Feron wurde halb von etwas getroffen und zur Seite geworfen. Er rutschte über den Abgrund hinaus und suchte verzweifelt nach einem Halt. Seine Finger glitten über die Kristallkugel, die davonrollte. Im letzten Moment verkeilte sich Silberschlag zwischen zwei hervorstehenden Kristallen. Die Dienerin schrie auf, als die Kugel in die Tiefe stürzte. Kreischend versuchte sie, sie noch zu fangen, doch es war zu spät. Für einige Sekunden herrschte Stille, dann stieß die Kristallkugel auf ihrem Sturz irgendwo gegen und zersprang mit einem lauten Scheppern. Die Dienerin fluchte lauthals und rannte die Treppe nach oben. Das wenige Licht, das hier unten gewesen war, verschwand mit ihr. Die Fackel wahr während des Kampfes in der Tiefe verschwunden und erloschen. Langsam zog er sich nach oben und ruhte sich keuchend einen Moment aus. Schließlich erhob sich Feron und machte sich blind umher tastend auf den Rückweg.
Awelia fühlte sich ausgelaugt. Sie wusste nicht, wie lange sie das Geschwür der Todesmagie schon bekämpften, aber mittlerweile verlor sie an Geschwindigkeit und Kraft. Doch anstatt wie befürchtet weiter zu wachsen, geschah das Gegenteil. Sie drängten es zurück. Feron musste erfolgreich gewesen sein. Jetzt mussten die beiden Zauberinnen es vollständig zerstören, und der Plan des Schatten, den Kontinent in Tod zu tränken, wäre vereitelt.
Irgendwann erreichte er das Ende der Treppe. Er wusste nicht genau, wie er je den Ausgang der Kanalisation wiederfinden sollte. Vielleicht sollte er einfach warten, bis man ihn suchen kam. Aber die Dienerin des Schattens war immer noch auf der Flucht. Was wenn sie Awelia angriff? Nein, er musste zurück zur Akademie.
Er begann, sich vorwärts zu tasten, als neben ihm ein Licht erschien. Eine Gestalt mit einer Fackel war plötzlich neben ihm aufgetaucht. Im ersten Moment befürchtete er schon, die Dienerin sei zurück gekehrt, um ihm den Rest zu geben. Doch sie würde wohl kaum eine Fackel nutzen. „Man will deinen Tod, Drachentöter.“ sagte eine Stimme hinter ihm. „Das spricht für dich.“ Die Gestalt mit der Fackel reichte ihm selbige. Verblüfft nahm Feron die Fackel und drehte sich um. Niemand war da. Und als er sich zurückdrehte war auch die Gestalt, die ihm die Fackel gegeben hatte, verschwunden. Kopfschüttelnd machte sich Feron auf den Weg zurück zur Akademie. Er würde später herausfinden, was gerade geschehen war.
Langsam öffnete Awelia die Augen. Es hatte lange gedauert und war unglaublich anstrengend gewesen, doch schlussendlich war es ihnen gelungen, die Todesmagie auszumerzen und den ursprünglichen Zustand der magischen Strömungen wiederherzustellen. Auch wenn sie körperlich die ganze Zeit über hier gewesen war, fühlte sie sich wie gerädert. Stöhnend stand sie auf und sah sich um. Seres saß immer noch mit geschlossenen Augen da, wahrscheinlich wollte sie sicherstellen, dass es wirklich vorbei war. Awelia musste jedoch Dara finden, denn sie mussten wissen, wer der Diener des Schatten war. Als sie den Raum verließ, ließ der Feuerelementar sie bereitwillig passieren.
Sie fand Dara vor dem Haupteingang, nachdem der Hofmeister ihr gesagt hatte, wo sie war. Mehrere Schüler und Lehrer waren hier draußen und beratschlagten sich wegen der Ereignisse. Die Wächterin kam von der Bibliothek herüber, mehrere Pergamentseiten in den Händen. „Ich habe es gefunden. Beim letzten Konzil wurde ein Antrag eingebracht zur Restaurierung des arkanen Knotens von Pyrion. Den Antrag gestellt hat …“ „Meisterin Feach.“ beendete Awelia den Satz. Die Magierin war im Eingang zur Akademie aufgetaucht und blieb überrascht stehen, als sie Awelia sah. Dara ließ die Seiten fallen und zog ihr Schwert. „Was hat das zu bedeuten?“ verlangte Erzmagier Wolmats mit lauter Stimme zu wissen. „Meisterin Feach ist eine Todesmagierin.“ erklärte Awelia. „Sie hat gerade versucht, den magischen Fluss unter Karturas zu korrumpieren. Sie stinkt geradezu nach Tod.“ „Feach, ist das wahr?“ Alle Augen waren auf die Magierin gerichtet. Die Frau verkrampfte und wägte ihre Optionen ab. „So muss das doch nicht enden.“ sagte Meister Ruberk beschwichtigend und trat an die Dienerin des Schatten heran. Was auch immer er bezwecken wollte, funktionierte nicht. Die Magierin warf ihm einen flüchtigen Blick zu und schleuderte einen Blitz auf ihn. Der Treffer schleuderte den alten Mann zurück, und er blieb reglos liegen. Feach sah Awelia an. „Nach dem Magischen Codex fordere ich dich zum Duell heraus!“ schrie sie. Awelia lockerte sich. „So sei es.“ stellte sie fest und schleuderte einen Sonnenblitz. Ein antimagischer Schild schützte die Magierin vor Schaden. Lachend schoss die Frau einen Blitz ab, und der Funken in Awelia flammte auf. Ungehindert trat die Zauberin einen Schritt vor und formte mit ihren Händen einen Flammenpfeil. Der Schild hielt dem Angriff abermals stand, und sie schuf einen Stein, den sie wie ein Geschoss auf die Magierin fliegen ließ. Feach wich mit einem Sprung zur Seite aus und antwortete mit einem Strahl aus Todesmagie.
Als Feron zur Akademie zurückkehrte musste er sich durch eine Gruppe von Stadtwachen durchschieben, die irgendetwas beobachteten. Nachdem er endlich an ihnen vorbei war, sah er auch was. Awelia duellierte sich magisch mit der Dienerin aus der Kanalisation. Und die ganze Akademie sah zu.
Feron blieb nichts weiter übrig, als ebenfalls gebannt das Geschehen zu beobachten. Niemand griff ein, wahrscheinlich waren die Regeln ähnlich denen eines Ritterduells. Es schien ein ausgeglichener Kampf zu sein, was aber sicher daran lag, dass Awelia sehr erschöpft schien. Und er wurde das Gefühl nicht los, dass der Schatten seine Dienerin irgendwie unterstützte. Die Magierin wirkte einen Zauber nach dem anderen, ohne aus der Puste zu kommen. Der Hof wurde immer wieder in gleißendes Licht getaucht, als die beiden Frauen sich nach dem Leben trachteten. Schließlich forderte Awelias Erschöpfung ihren Tribut. Die Zauberin sank auf die Knie, und ihre Kontrahentin lachte triumphierend auf. Sie bereitete sich auf den Todesstoß vor, um Awelias Leben zu beenden. Feron sah Dara wie versteinert dastehen und geschockt die Szene beobachten. Durfte er eingreifen, oder würde man ihn aufhalten? Immerhin war Todesmagie im Spiel. Er machte einen ersten Schritt und wusste, er würde nie rechtzeitig eintreffen. Die Hände der Magierin senkten sich zum Angriff, als sie von etwas getroffen und fortgerissen wurde.
Ein Schrei ging durch die Menge der Zuschauer, gefolgt vom panischen Kreischen der Magierin. Etwas großes war auf der Frau gelandet und begann, sie in Stücke zu reißen. Wie Feron erst jetzt erkannte, war es der große Adler, der über der Akademie geflogen war. Er hatte keinen Gedanken mehr an das Geschöpf verschwendet, wie offenbar alle anderen auch. Der Adler hielt inne, und Awelia kippte zur Seite. Feron rannte los und erreichte sie gemeinsam mit Dara. Leute von der Akademie kamen ebenfalls zur Hilfe. „Ist sie verletzt?“ fragte Feron. Angst lag in seiner Stimme. „Wir kümmern uns darum. Zurück!“ befahl jemand, und er trat von der daliegenden Zauberin zurück. Feron sah sich um. Um die Dienerin des Schattens hatten sich ebenfalls einige Leute versammelt, die Stadtwachen hatten ihre Waffen gezogen. Der Adler war verschwunden. Die Frau versuchte sich zu erheben, doch der alte Kauz, Meister Eiron, der so feindselig zu Feron und Awelia gewesen war, schlug sie mit einem schweren Buch nieder. Er drehte sich zurück und musste hilflos mit ansehen, wie Awelia in die Akademie getragen wurde.