Kapitel 14 – Ein neues Ziel

Feron betrat das Zimmer, nachdem er die schriftliche Erlaubnis des Erzmagiers bei den beiden Wache haltenden Stadtwachen vorgezeigt hatte. Dara lehnte dösend an der Wand und blickte auf, als er eintrat. „Wie geht es ihr?“ fragte er und betrachtete Awelia, die regungslos im Bett lag. Sie wirkte erschöpft und blass, auch wenn sie unverletzt schien. „Den Umständen entsprechend. Die Gelehrten meinten, sie hätte … ihre Lamina ausgezehrt. Ich verstehe davon nicht besonders viel.“ sagte Dara. „Was bedeutet das?“ „Es ist … du weißt, dass Menschen eine Anatomie haben. Muskeln, Blutgefäße, all das. Das Lamina sind sozusagen die Blutgefäße der Magier und Zauberer. Oder das Gewebe, ich weiß nicht genau. Nur dass darin magische Energie fließt und man sie nicht sehen kann.“ erklärte Dara während sie angestrengt darüber nachdachte. „Aber sie wird wieder gesund?“ „Sie muss sich erholen, es wird eine Weile dauern. Aber ja, sie wird wieder gesund.“ Die Wächterin stieß sich ab und stellte sich neben Feron. „Ich werde auf sie aufpassen, sei dir dessen gewiss.“ Er nickte nachdenklich. „Ich habe gehört, die Schwarzmagierin ist in den Kerkern gelandet?“ fragte er. „Ja, sie wurde im Bannkreis angekettet. Ihre Verletzungen waren schwer, doch auch sie wird überleben. Es tut mir nur um Meister Ruberk und seine Frau leid.“ erklärte Dara. Feron hatte nicht gewusst, dass der Mann verheiratet gewesen war. Er murmelte ein kurzes Gebet, auf dass die Seele des Mannes Frieden finden möge. „Wir müssen herausfinden, wie Feach mit dem Schatten kommuniziert hat.“ sagte Dara schließlich. „Sie hatte eine Kristallkugel. Doch die ist zerstört.“ „Es muss noch etwas anderes geben, wir brauchen einen Anhaltspunkt, wo wir den Schatten suchen müssen.“ Feron dachte nach. „Als ich sie dort unten vertrieben hatte, war ich im Dunkeln. Ich meine, es gab kein Licht. Ich bin eine Weile blind umher geirrt, als ich plötzlich angesprochen wurde. Jemand kannte mich, und gab mir eine Fackel.“ erzählte er und sah die Wächterin an. „Ich verstehe es nicht, was kann das gewesen sein?“ Es dauerte eine Weile bis sie antwortete. „Ich weiß es nicht. Vielleicht ist dir jemand in die Kanalisation gefolgt, oder es waren die Götter.“ Feron dachte darüber nach. Niemand außer ihnen und Seres wusste, dass er dort hinunter gegangen war. Und die Götter? Er hatte in den Jahren den Glauben eher stiefmütterlich behandelt. War das nun ein Zeichen von irgendeinem Gott, der ihn in Richtung der Weltenrettung gestupst hatte? Dara räusperte sich. „Natürlich ist es auch möglich, dass du dir das nur eingebildet hast, gewissermaßen eine Wahnvorstellung.“ sagte sie trocken. Der Drachentöter sah sie missmutig an. „Bei dem was du sonst so von dir gibst …“ sie schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter.

Eine Verbindung zum Schatten zu finden gestaltete sich als schwieriger als erwartet. Die Spektabilität hatte bereits das Zimmer der Todesmagierin auf den Kopf gestellt und alle ihre Habseligkeiten untersucht. Doch sie hatten nichts gefunden. Da die Dienerin des Schattens noch nicht wieder aufgewacht war, hatte man sie auch nicht befragen können. Aber Dara hatte recht, sie mussten etwas finden, ansonsten könnte der Schatten sein finsteres Werk munter fortsetzen.
Feron hatte sich neben Awelia gesetzt und nachgedacht. Was könnte ein Hinweis auf den Schatten sein? Seit ihrer Ankunft in Karturas war so viel passiert. Vielleicht zu viel. Der alte Kauz, Meister Eiron? Nein, der hat die Dienerin niedergeschlagen, unmöglich dass er zum Schatten gehört. Die Riesenschnecke? Nein, nichts davon war gegen Awelia gerichtet. Oder ein Teilnehmer des Konzils? Praktisch jeder, der auch nur ein bisschen in Frage kommt, ist schon wieder abgereist. Und das Lagerhaus wurde abgebrannt. Was verdammt übersehe ich? Ferons Gedankengänge bereiteten ihm Kopfschmerzen. Er war nicht gut in so etwas, er ging Probleme lieber direkt an. Als er aus dem Fenster sah, stellte er fest, dass es bereits dunkel war. Feron erinnerte sich, wie er sich am Tag, bevor das Konzil begonnen hatte, nachts auf der Suche nach der Toilette verlaufen hatte. Es war seltsam gewesen, nirgendwo war ihm jemand begegnet. Die einzige Person, die er gesehen hatte, war in den großen Raum mit dem Spiegelteich gegangen. Er stutzte. Wenn er sich richtig erinnerte, war es Feach gewesen. Er fragte sich, was sie wohl getrieben hatte.
Feron stand vor der Tür zum Versammlungsraum. Wie in der anderen Nacht war niemand zu sehen. Doch er bezweifelte, dass ihm die Magierin über den Weg laufen würde. Vorsichtig öffnete er die Tür und trat ein. Während tagsüber Licht durch die Fenster des Turms gefallen war, war es jetzt fast völlig dunkel. Lediglich der Brunnen strahlte etwas Licht aus. Es war ein gespenstischer Anblick. Irgendwo im Wasser war ein Leuchten, das Schatten an die Wände warf. Er fragte sich, ob der Schutz von Awelia noch Bestand hatte. Oder ob der Schatten ihn in diesem Moment beobachtete. Er wollte es lieber nicht herausfinden. Rasch holte er eine Fackel von draußen und suchte oberflächlich nach Spuren, ohne dem Spiegelteich zu nahe zu kommen. Erst dann fiel ihm die Tür auf. Es gab noch eine zweite Tür hinter dem Platz, wo der Erzmagier gesessen hatte. Feron machte sich keine großen Hoffnungen und zog am Griff. Die Tür öffnete sich und gab den Blick frei auf eine Wendeltreppe, die nach oben führte. „Solange es nicht nach unten geht.“ murmelte der Drachentöter verdrießlich.

Er wusste nicht, was er erwartet hatte. Vielleicht ein Kämmerlein, oder irgendein magischer Raum. Doch er war auf der Spitze des Turms gelandet. Feron blickte nach unten auf Karturas, das still und überwiegend dunkel da lag. In einigen Häusern brannte noch Licht, und er sah einige Fackeln, die sich durch die Straßen bewegten. Hoch über ihm stand der Mond am Himmel und in der Ferne konnte er die Silhouette der Landschaft erahnen. Awelia hätte sich gewiss über den Anblick gefreut. Er wandte sich ab und betrachtete die Turmspitze. Am Kranz waren mannshohe Zinnen, aber man musste trotzdem aufpassen, nicht in die Tiefe zu fallen. Auf dem Boden waren ausschweifende Linien eingraviert, die ein Muster bildeten. Doch er konnte nichts damit anfangen. Während er herumtastete, in der Hoffnung, vielleicht etwas zu finden, das Feach platziert hatte, bemerkte er ein seltsames Licht. Auch wenn es wie eine Fackel wirkte, war es auf mehrere Arten seltsam. Zum einen war es auf einem Dach, und zum anderen es wurde rhythmisch heller und dunkler. Feron hielt seine eigene Fackel hinter eine der großen Zacken. Das andere Licht leuchtete ein letztes mal auf, dann erlosch es.
Nachdenklich ging er zurück. Irgendjemand hatte gerade mit ihm Kontakt aufgenommen. Doch wer, und wieso? Er konnte es nicht sagen. Und in der Nacht würde er es auch nicht herausfinden, er wollte nicht in einen Hinterhalt stolpern. Feron hatte sich das Gebäude gemerkt, es stand direkt neben einem Tempel an einem kleinen Platz. Morgen würde er der Sache nachgehen.

Feron hatte sich an den Rand des Platzes gestellt und das Haus, auf dem er das Licht gesehen hatte, eine Zeit lang beobachtet. Es herrschte reges Treiben und viele Leute besuchten den Tempel. Doch das Haus betrat oder verließ niemand. Auch schien niemand Feron zu beobachten. Zumindest hoffte er das. Er hatte einen beunruhigenden Gedanken. Was wenn hier noch weitere Diener des Schatten waren, die versucht hatten, mit Feach Kontakt aufzunehmen? Möglich, dass sie noch nicht wussten, dass die Schwarzmagierin gescheitert war.
Feron setzte sich in Bewegung und ging in die Gasse neben dem Haus. Niemand war zu sehen, all die Stadtbewohner nutzten die breitere Straße. Oben war ein Fenster geöffnet, und darunter stand eine Reihe von Fässern und Paletten. Absicht oder nicht, es war eine gute Gelegenheit, unbemerkt in das Haus zu kommen. Der Drachentöter sah sich ein letztes mal um und stieg dann über die Fässer durch das Fenster.
Das Zimmer, in dem er gelandet war, war leer. Nicht ein einziges Möbelstück war hier, doch es wirkte ungewöhnlich sauber, als ob erst vor kurzem jemand gefegt hätte. Vorsichtig und mit gezogenem Schwert ging er zur Tür auf der anderen Seite. Er lauschte einen Moment, dann zog er sie auf. Es war ein Treppenhaus. Wer auch immer sich hier eingenistet hatte, hatte sich ein leerstehendes Haus gesucht. Die Treppe führte in zwei Richtungen, doch die Dachbodenluke war mit einem schweren Schloss versperrt. Von unten hörte er Stimmen. Als er die Treppe herunterstieg, versuchte er zu verstehen, was gesagt wurde. Doch er war noch zu weit entfernt. Feron hatte das untere Ende fast erreicht, als er auf eine morsche Stufe trat. Es knarrte laut und die Stimmen erstarben. Er fluchte leise. Jetzt hatte es nicht mehr viel Sinn, leise zu sein. Es kam nur noch darauf an, ob er es mit Dienern des Schatten zu tun hatte oder nicht. Feron machte einen Satz und landete am Ende der Treppe. Kampfbereit wartete er auf den Angriff, und er musste sich nicht lange gedulden. Eine Gestalt schoss aus einer offenen Tür heraus und er parierte den Angriff gerade noch rechtzeitig. Die Geschwindigkeit war verblüffend und mit nichts zu vergleichen, dass er je gesehen hatte. Der Angreifer versuchte, in seine Flanke zu kommen, und Feron konnte einen weiteren Schlag nur mit Mühe abwenden. „Halt.“ sagte eine ruhige Stimme.
Die Gestalt, die Feron angegriffen hatte, hörte auf und zog sich zur Tür zurück. „Dann hast du unsere Nachricht gesehen, Drachentöter. Wir waren nicht sicher ob du kommen würdest.“ ein älterer Mann trat aus dem Raum, aus dem auch die andere Gestalt gekommen war. Er trug einen weißen Wams, und hatte den Gesichtsnarben nach zu urteilen schon einige Kämpfe erlebt. Feron erkannte die Stimme wieder, er hatte sie in der Kanalisation gehört. Doch er war skeptisch. „Oder Ihr wolltet mit Eurer … Freundin Kontakt aufnehmen.“ gab er nüchtern zurück und wich etwas nach hinten, um beide im Blick zu haben. „Ich versichere Euch, wir sind nicht die Bösen. Wir sind uns leider selbst nicht ganz im klaren darüber, was geschieht.“ Feron antwortete nicht. Der Mann flüsterte etwas, und die zweite Gestalt verließ den Raum. „Ich gebe zu, an Eurer Stelle wäre ich auch vorsichtig. Ein Beweis ist natürlich schwer. Wir wissen, dass eine Schwarzmagierin in der Akademie getötet wurde. Ich hoffe natürlich, dass die Zauberin, die Ihr begleitet, sich wieder erholt. Eine finstere Macht greift nach Murea. Ganze Landstriche versinken in Dunkelheit und Chaos. Und es hängt irgendwie mit Euch zusammen. Wir beobachten Euch seitdem wir vom Tod Zakars erfahren haben.“ Feron lächelte leicht. „Danke für die Blumen, aber es geht dabei mehr um Awelia. Ein Gruppe von Schwarzmagiern versucht, Murea nach ihren Wünschen umzugestalten.“ erzählte er. Aber er sah keinen Grund, diesen Unbekannten die volle Wahrheit zu erzählen. „Bevor die hiesige Zuflucht der Schwarzmagierin zerstört wurde, gelang es uns, einige Nexus-Artefakte zu stehlen. Ich glaube, Ihr werdet sie mehr brauchen als wir.“ der Mann zeigte ihm eine kleine Schatulle mit vier ovalen Steinen. Feron zögerte. „Wart Ihr das, in dieser Seestadt? Und unter Karturas?“ fragte er. „Ich gebe zu, der Versuch euch in der Seestadt zu belauschen war nicht sehr durchdacht. Aber als der Angriff auf den Weltenstrom begann, haben wir Euch gesehen und sind Euch gefolgt.“ erklärte der Mann. „Ihr habt Euch ziemlich Zeit gelassen.“ gab Feron missmutig zurück. „Es tut mir Leid, wir mischen uns nur in wirklichen Notfällen ein, und uns war das genaue Ausmaß der Katastrophe nicht bewusst. Ich bedaure zutiefst, dass es so gekommen ist.“ der Mann verbeugte sich mit ehrlichem Bedauern. Feron stutzte. Plötzlich wurde ihm etwas bewusst. Er trat an dem Mann vorbei zur Tür und sah vier andere Männer und Frauen in weißer Kleidung, die ihn überrascht ansahen. Langsam drehte er sich zu dem Mann um. „Ihr seid Krallen.“ stellte er beeindruckt fest. „Du hast von uns gehört?“ fragte eine Frau. „Ich habe Geschichten gehört.“ sagte Feron. Seine Mutter hatte ihm vor vielen Jahren von einer verschworenen Gemeinschaft erzählt, die über Murea wachte. Mit weißen Gewändern und entschlossenen Handlungen richteten sie aus den Schatten all jene, die den Menschen schaden wollten. Ließen Gerechtigkeit walten, wo es keine Gerichte mehr gab. Wächter und Beschützer derer, die sich nicht selbst schützen konnten. Er hatte es immer für ein Märchen gehalten, doch jetzt standen sie hier. „Sagt das beim nächsten mal gleich.“ meinte Feron trocken zu dem Mann vor sich. Sein Gegenüber lächelte und reichte ihm die Schatulle.

Ein langsames, gleichmäßiges Geräusch durchbrach die endlose Stille. Sie nahm es zur Kenntnis, wusste jedoch nichts damit anzufangen. Es dauerte lange, bis sie einen fertigen Gedanken fasste. Was sie hörte, war ihr eigener Atem. Etwas ist geschehen. dachte sie verwundert. War es wichtig? Spielt es eine Rolle? Sie fand keine Antwort darauf. Es war, als ob sie noch nie ihren Verstand gebraucht hatte. Irgendwann kamen Erinnerungsfetzen aus dem Nichts emporgetrieben. Ein Kampf, magische Gewalt, jemand ging zu Boden. Die Erinnerungen hingen da, während der Verstand langsam seine Arbeit aufnahm. Doch da war noch mehr. Ein leuchtendes Band, ein riesiger Steinkopf, ein überraschtes Stöhnen. Sie atmete weiter, und ihre Welt erweiterte sich langsam. Sie spürte ihren Körper, matt aber unversehrt. Ich liege. Was ist passiert? Die Gedanken jagten einander immer schneller. Feach. Ich habe gegen Feach gekämpft. Habe ich gewonnen? fragte sie sich. Ihre Welt erweiterte sich abermals. Die natürliche Dunkelheit wurde von einem hellen Schleier durchbrochen. Was ist das? fragte sie sich überrascht.
Awelia öffnete die Augen, und kniff sie sofort wieder zusammen. Stöhnend schlug sie die Hände vor das Gesicht. „Sie ist wach!“ rief jemand. „Awelia, ganz ruhig, du bist in Sicherheit.“ Die Worte strahlten eine beruhigende Wärme aus. Langsam öffnete sie die Augen und gewöhnte sich an das Licht. Sie sah Feron vor sich, dessen ermüdetes Gesicht zugleich Sorge als auch Freude ausdrückte. „Was ist passiert?“ fragte sie mit schwerer Stimme. „Du hast die Dienerin des Schattens im letzten Moment besiegt.“
Es dauerte eine Weile, doch schließlich erinnerte sich Awelia daran, was geschehen war. Sie hatte den Schatten und seine Dienerin gestoppt, bevor sie völlig entkräftet war. „Da ist noch etwas.“ sagte sie. „Ich merkte, dass ich auf Dauer nicht gewinnen konnte, denn sie wurde vom Schatten gestützt. Er hatte sich mit ihr verbunden und mit immer mehr Kraft versorgt. Deswegen habe ich den Adler auf sie gehetzt. Damit haben die beiden nicht gerechnet. Und noch etwas, es ist mir gelungen, in Feachs … Magie einzudringen. Die hübsche Hülle hatte viele Risse, unter der ein verdorbenes Inneres lag. Ich konnte der magischen Verbindung zum Schatten folgen, wenngleich er mich ausgesperrt hat.“ erklärte die Zauberin und begann zu lächeln. „Ich habe gesehen, wo sich ein anderer Diener aufhält.“ Dara klappte der Mund auf und Feron pfiff anerkennend. „Was hast du gesehen?“ fragte Dara vorsichtig. „Ein weiter Ozean, und darin Inseln. Dutzende Inseln, mit weißen Stränden und Palmen.“ flüsterte Awelia. „Es gibt nicht viele solcher Inselgruppen. Das könnte die Küste vor der Stadt der vier Flüsse sein, die Regenbucht oder die Perleninseln.“ sagte Dara nachdenklich, „Ich werde einige Karten holen, ich hoffe du kannst es wiedererkennen.“ „Ich hätte da vielleicht auch noch etwas.“ warf Feron ein und holte die Artefakte hervor, die er erhalten hatte.

Gemeinsam betraten sie die Turmspitze. Feron hatte sich ausgeschwiegen, wie er die Steine erhalten hatte, doch Awelia vertraute ihm. Sie betrachtete das Muster im Boden. Instinktiv wusste sie, was zu tun war. Sie nahm die Artefakte und folgte den Linien. „Es ist eine sehr spezielle Form der Magie.“ erklärte sie, und setzte den ersten Stein in das Muster. „Zum einen eine Aufzeichnung, zum anderen ein gegenwärtiges Abbild.“ Sie setzte den zweiten Stein am Rand ein. „Es hängt mit dem magischen Strom unter uns zusammen. Ich kann es selbst nicht genau erklären.“ Die Zauberin setzte die letzten beiden Steine und alle warteten. „Natürlich muss man es noch aktivieren.“ sagte eine Stimme von der Treppe aus. Sie drehten sich überrascht um. Seres betrat die Turmspitze, und das Muster begann blass zu leuchten. Weiße Bänder schossen von den Artefakten nach oben und begannen, umeinander zu kreisen, bis sie eine Scheibe über ihnen bildeten. Die Scheibe klärte sich auf, und es war wie ein Spiegel zu einem anderen Ort. Sie sahen eine Insel mit einem großen Fels, der sicher über zweihundert Schritt in die Höhe ragte. Und in den Fels hineingearbeitet war ein Gesicht, das sie mit seinem weit geöffneten Mund anstarrte. „Wahnsinn.“ sagte Feron beeindruckt. „War das auch in deinem Traum?“ fragte Dara, doch Awelia schüttelte den Kopf. „Ich habe mal davon gehört.“ meinte Seres hinter ihnen. „Ein riesiger Steinmensch in den Inseln im Süden. Ich dachte immer, damit sei einer der uralten Riesen gemeint.“ Awelia neigte den Kopf, während das Bild sich langsam auflöste. Dara rollte die Karten aus, dies sie mitgebracht hatte. Es dauerte ein bisschen, doch es wurde überdeutlich, dass die Inseln, die sie gesehen hatte, auf den Perleninseln sein mussten. Seres fügte hinzu, dass der Steinmensch ebenfalls auf den Perleninseln war. Damit war ihr nächstes Reiseziel klar, und dort wartete ein weiterer Diener des Schatten auf sie.

Die folgenden Tage hatten sie sich auf das kommende Abenteuer vorbereitet. Mit den Karten in der Akademie hatten sie sich besser für die Reise gewappnet. Doch die Perleninseln waren weit weg, und lagen weit im Ozean. Dara hatte eine Route ausgearbeitet, während Feron Besorgungen in der Stadt machte. Awelia hatte nicht wirklich etwas zu tun, was ihr immerhin die Gelegenheit gab, sich von Seres zu verabschieden, die in die Harjii aufbrach. Die andere Zauberin wünschte ihr viel Erfolg bei der Suche in den Perleninseln. Awelia wusste nicht, ob die Vorgänge in der Harjii mit dem Schatten zu tun hatten, doch sie riet Seres, den Grund für die Geschehnisse zu hinterfragen.
Feron hatte Verpflegung geholt, und für sich selbst bei der Gelegenheit noch neue Hose und Hemd gekauft, natürlich wieder in blassem Blau. Und auf Daras Empfehlung hatte er noch ein komisches Artefakt gekauft, was aussah wie ein Kolben von einem Alchemisten. Es sollte wohl Wasser trinkbar machen. Feron wusste zwar nicht, wieso man das Wasser nicht trinken können sollte, aber er fragte nicht weiter nach. Er war ohnehin nicht besonders begeistert, was das kommende Abenteuer anging.
Jetzt wo sie alles zusammen hatten, trafen sie sich im Hof der Akademie. Feron schleppte zwei Rucksäcke, während Awelia ihm respektvoll zusah. Dara hatte zwei Pferde, kräftige Tiere mit pechschwarzem Fell, aufgetrieben, in deren Satteltaschen sie nun alles verstauten. „Ich weiß ja, dass du nicht reiten kannst, also, bei wem willst du mitreiten?“ fragte die Wächterin und schien auf eine bestimmte Antwort zu warten. „Ha, da fällt mir eine Geschichte ein.“ begann Feron, während er sich auf eines der Tiere schwang. „Feron.“ sagte Awelia lächelnd, und Dara schüttelte den Kopf.

Sie ließen Karturas hinter sich und folgten der Straße in Richtung Westen. Dara meinte, selbst reitend würden sie anderthalb Wochen brauchen, um ihr Ziel zu erreichen. Die Stadt Samthafen lag an der Küste und hatte einen der größten Häfen. Von dort würden sie mit einem Schiff zu den Perleninseln fahren. Während Karturas hinter ihnen immer kleiner wurde, drehte sich Feron halb zu Awelia herum. „Um noch mal auf die Geschichte zurück zu kommen. Hab ich dir schon erzählt, wie ich das Reiten gelernt habe?“ Er wartete nicht auf eine Antwort, sondern fuhr nach einer Kunstpause fort. „Es war vor vielen Jahren, da war ich noch klein. Mein Vater hatte mich ausnahmsweise mal in den Wald mitgenommen. Weil wir einen großen Baumstamm zum Dorf zurückbringen mussten, hatte sich mein Vater ein Pferd genommen. Er hatte mich …“ „War dein Vater Holzfäller?“ unterbrach ihn Awelia plötzlich interessiert. „Äh nein, wieso?“ fragte Feron irritiert zurück. „Nun, es ist ein wichtiger, aber trotzdem einsamer Beruf.“ „Nein. Mein Vater hat immer da geholfen, wo er gebraucht wurde. Er ist ein richtiger Tausendsassa.“ schüttelte er den Kopf. „Jedenfalls, wo war ich. Also wir sind in den Wald geritten, ich saß vor meinem Vater und durfte sogar mal die Zügel halten. Er hat mir verschiedene Dinge gezeigt, bestimmte Lichtungen, den Pfad zum großen Fluss, und die Felsgartenmarsche. Schließlich haben wir den Baumstamm geholt, ein großes, schweres Ding, bestimmt zwanzig Schritt lang. Wir haben ihn an den Sattel gebunden und haben uns auf den Heimweg gemacht. Es dauerte nicht lange, da riss plötzlich das Seil. Das Pferd machte einen erschrockenen Satz vor und mein Vater fiel hintenüber. Erschrocken ging das Tier durch, und galoppierte durch den Wald. Nur ich saß noch drauf, und wusste nicht, was zu tun war. Doch intuitiv griff ich die Zügel und brachte das Pferd zum Stehen. Dann, ohne darüber nachzudenken, lenkte ich es herum und führte es zurück zu meinem Vater, der schon auf mich wartete.“ schloss Feron. „Dann kommst du ja genau nach deinem Vater.“ sagte Awelia erstaunt, die gebannt der Geschichte gelauscht hatte. Dara schnaubte, und erntete einen bösen Blick von Feron.

Sie ritten durch Wälder, Wiesen und über Steppen. Die Landschaft änderte sich beständig. Awelia brauchte nichts weiter tun als sich festzuhalten. Und so beobachtete sie fasziniert, was um sie herum war. In den wenigen Tagen ihrer Reise passierten sie Königreiche und Handelsstädte, ritten über Flüsse und Schluchten, mal auf zwischen Büschen verborgenen Trampelpfaden und mal auf ausgebauten Straßen. Awelia genoss die Ruhe, einmal nicht in Gefahr zu sein. Sie beobachte die Menschen bei ihrer täglichen Arbeit, wie sie Felder bestellten, in Dorfschmieden arbeiteten oder sich mittags in die Sonne legten. Die Welt kann so friedlich sein. dachte sie, doch dann fiel ihr der Grund ihrer Reise ein. Mit einer Mischung aus Trauer und Entschlossenheit blickte sie nach vorn.

Von dem Hügel, auf dem sie waren, konnten sie Samthafen gut einsehen. Die Stadt erstreckte sich entlang einer Bucht und folgte dem Flusslauf ein Stück den Hang hinauf. „Das ist wirklich ein großer Hafen.“ kommentierte Feron beeindruckt. Awelia zählte fast ein Dutzend große Schiffe in der Bucht, und zwei weitere draußen vor der Küste. Dazu kamen noch viele kleinere Boote, die zwischen den Schiffen und den Hafenanlagen hin und her pendelten. Dara hatte ihnen erzählt, dass Samthafen die wichtigste Verbindung zum Nachbarkontinent war, der sie mit exotischen Waren versorgte.