Kapitel 15 - Perleninseln

Samthafen war eine raue, aber dennoch belebte Hafenstadt. Viele Arbeiter trieben sich in den Straßen herum. An den Kais standen große Kontore, und ein Adliger hatte sogar eine Karawanserei errichtet, die die exotischen Güter anderer Kontinente über ganz Murea verteilten. Auch die unzähligen Kneipen erfüllten ihren Zweck ebenso wie die großen Werften, in denen neue Schiffe gebaut wurden. Es war der letzte Zipfel von Pyrion in diesen Gefilden.
Sie hatten sich in einer ranzig anmutenden Spelunke eingenistet, während Dara sich nach Schiffen zu den Perleninseln erkunden wollte. Feron streifte durch die Stadt und vertrat sich die Beine. Ein kühler Wind wehte von der Küste herein, und er sah, wie ein großes Schiff mit drei Masten in den Hafen lief. Er verstand nicht viel von Schiffen, doch nach den Soldaten und Bordwaffen zu schätzen musste es wohl eine Galeone sein. Dem Wappen auf den Segeln nach zu urteilen war es ein Schiff des Kaiserreiches Grana. Feron hatte viel von Grana gehört, da das Reich ein übermäßig großes Heer hatte. Die Wandung des Schiffes war von schwarzen Brandstellen übersät. Offenbar war es in einen Kampf geraten. Mit einem unguten Gefühl machte er sich auf den Weg zurück.

Awelia starrte aus dem Fenster. Sie mochte Samthafen nicht besonders. Es war laut und schmutzig. Zudem war ihre Unterkunft katastrophal, aber auf die Schnelle hatten sie nichts besseres finden können. Nachdem sie die dritte Ratte verscheucht hatte, hoffte sie, Dara würde schnell mit guten Nachrichten zurückkehren.
Als sich die Tür öffnete kam Feron herein. Etwas enttäuscht wandte sie sich wieder zum Fenster. „Was ist los?“ fragte Feron. „Egal ob ich das Fenster öffne oder schließe, es stinkt.“ gab die Zauberin missmutig zurück. „Warum teleportierst du uns nicht einfach zu diesen Inseln?“ fragte Feron weiter, „So wie diese Teleportsteine? Dann müssten wir nicht hier rumsitzen.“ „So einfach ist das nicht.“ maulte Awelia. „Die Steine sind eine spezielle, uralte Magie. Sie transportieren jeden, der sie benutzt, zu einem festen Ort. Sogar augenblicklich.“ erklärte sie. Feron zuckte mit den Schultern. Die Tür öffnete sich erneut und Dara kam herein. „Ich hoffe, du bringst gute Neuigkeiten.“ sagte Awelia. Die Wächterin nickte. „Es fährt tatsächlich ein Schiff, die Schwanenschwinge.“ erzählte sie. „Sie legt in vier Tagen ab. Ich habe bereits mit dem Kapitän gesprochen und er wird uns mitnehmen.“ „Von mir aus kann das auch noch länger dauern.“ murmelte Feron und wandte sich ab. „Noch vier Tage in diesem rattenverseuchten Quartier?“ maulte Awelia und warf sich auf das Bett, woraufhin quiekend zwei Ratten darunter hervor gerannt kamen.

Die Zeit bis zur Abreise verging zäh und ereignislos. Sie verließen kaum ihre Unterkunft, während sie darauf warteten, an Bord gehen zu dürfen. Feron war vor der Stadt auf dem Land unterwegs, um sich die Beine zu vertreten, wie er sagte. Awelia war unglaublich langweilig, und sie konnte nicht viel tun, um sich abzulenken. Daher fing sie an, zu zaubern. Sie erzeugte einige Eiszapfen und jonglierte sie mit ihren Gedanken. „Das macht mich nervös.“ murmelte Dara irgendwann. Die Zauberin lachte. „Vielleicht erledige ich so diese verdammten Ratten. Und dann schmilzt das Eis und es gibt keine Tatwaffe. Das perfekte Verbrechen.“ grinste sie. „Allein schon dieser Gedanke ist beängstigend.“ gab die Wächterin finster zurück. „Schon gut.“ stöhnte Awelia auf und ließ die Eiszapfen los. Sie zersplitterten auf dem Boden. Eine Weile lang saß sie still da, dann beschwor sie eine kleine Flamme, die vor ihr in der Luft schwebte. „Hör auf damit!“ rief Dara erschrocken.

Die Sonne stieg gerade am Himmel hinauf, als sie den Kai betraten. Es herrschte bereits geschäftiges Treiben und die letzten Frachtkisten wurden auf ihr Schiff verladen. Es war eine Karavelle mit zwei Masten. Mit dicken Seilen war sie am Steg festgemacht und ein paar Holzbretter halfen den mit Säcken beladenen Männern, auf das Schiff zu kommen. Der Rumpf war weiß lackiert, und auch die Segel waren in dieser Farbe. Der Name Schwanenschwinge stand mit großen schwarzen Lettern am Bug geschrieben. Dara ging voran und sprach mit einem Matrosen, der vor dem Schiff stand. Eine Frau kam hinzu, und schließlich kehrte die Wächterin zurück. „Wir bezahlen sobald wir an Bord sind. Ich habe mit der Steuerfrau gesprochen, es geht alles seinen Gang.“ erzählte sie. Awelia nickte freudig, während Feron missmutig in das schmutzig dunkle Hafenwasser starrte. „Was ist denn los, endlich kommen wir aus diesem heruntergekommenen Ort raus.“ sagte die Zauberin. Feron starrte weiter in das Wasser. „Gibt es wirklich keinen anderen Weg?“ „Was hast du denn?“ Der Drachentöter druckste einen Moment herum. Er hatte die letzten Tage damit verbracht, zu hoffen, doch nicht an Bord eines Schiffes zu müssen. „Ich kann nicht schwimmen.“ gestand er schließlich und starrte peinlich berührt zu Boden. Awelia war sprachlos. Sie blickte zu Dara, die nur mit den Schultern zuckte. „Du wirst kaum schwimmen müssen, diese Leute sehen so aus als wüssten sie, was sie tun. Der Kapitän fährt seit seinem zehnten Geburtstag zur See.“ Feron nickte und blickte hinaus aufs Meer. „Ich brauche nur einen Moment.“
Die Taue wurden gelöst und die Bretter eingezogen. Der Kapitän bellte knappe Befehle, während die Matrosen das Schiff mit langen Holzstangen vom Kai weg stemmten. Die Segel senkten sich ein Stück, und das Schiff fuhr langsam durch die Hafenmündung. Ein Posten der Hafenwache rief ihnen einen Seemannsgruß herüber. Dann lag Samthafen hinter ihnen. Der Kapitän überließ der Steuerfrau die weitere Fahrt. Die Segel entrollten sich vollständig und die Schwanenschwinge nahm rasch Fahrt auf.

Die Schwanenschwinge hielt eine Meile Abstand zur Küste. Awelia hatte sich an die Backbordreling gestellt und beobachtete die Landschaft, die an ihnen vorbeizog. Am Ufer waren abwechselnd kurze Strände und flache Klippen, die in Wälder übergingen. Dahinter erhoben sich Hügel und schließlich, in dunstiger Ferne, die ersten Berge. Immer wieder waren kleine Fischerdörfchen am Wasser gebaut. Und auch andere Schiffe kamen ihnen entgegen. Die Steuerfrau ließ immer, wenn sie ein anderes Schiff passierten, eine Glocke zum Gruß ertönen. Die anderen Schiffe antworteten auf die gleiche Weise. Langsam ging die Sonne unter, und der Abstand zur Küste wurde größer, da die Frau am Steuerrad das Schiff für die Nacht weiter hinaus steuerte. „Wir sollten unter Deck gehen. Es kann nachts recht kalt werden hier draußen.“ sagte Dara neben ihr. Awelia nickte und gemeinsam gingen sie in das Quartier, das sie bekommen hatten. Einige gläserne Lampen, in denen Fett verbrannte, erleuchteten den langen Gang unter Deck. Awelia hielt inne und blickte in ein offenes Zimmer. Einige Matrosen spielten auf einem Fass Karten. Einer von ihnen sah auf. „He, wollt Ihr mitspielen?“ fragte er lächelnd. Die Zauberin lächelte ebenfalls. „Vielleicht ein andermal.“ antwortete sie und ging weiter.
Ihr Quartier war ziemlich eng. Auf der einen Seite stand eine Holzkiste, während auf der anderen übereinander drei Hängematten hingen. Feron saß mit grimmigem Blick auf der Kiste. „Was ist jetzt schon wieder?“ fragte Dara. „Wir sitzen in einem winzigen Verschlag, nur durch eine dünne Bretterwand von einem Ozean aus Wasser getrennt. Und die Küste ist so weit entfernt, dass selbst der beste Schwimmer sie nicht erreichen könnte.“ grummelte er. „Schwarzmaler.“ Dara rollte mit den Augen. „Diese Schiffe werden schon seit Jahrhunderten gebaut, so schnell sinken die nicht.“ Feron murmelte etwas, dass Awelia nicht verstand. „Vielleicht solltest du morgen mit hochkommen, die Aussicht ist herrlich.“ sagte sie aufmunternd. „Ich passe. Ich komme hoch, wenn wir diesen Äppelkahn verlassen.“

Die Hängematten waren nicht das bequemste, in dem Awelia bisher geschlafen hatte, doch sie erfüllten ihren Zweck. Sie bewunderte die platzsparende Bauweise gewissermaßen. Es gab Platz für alle Besatzungsmitglieder und dazu noch hunderte Säcke Ladung. Doch das Beständige hin und her schwanken des Schiffes war belastend. Am nächsten Tag beobachtete sie wieder die Küste. Sie schienen gut voran zu kommen, sie konnte spüren, dass sie weiter südlich waren und wie es wärmer wurde. Die Vegetation änderte sich langsam, sie sah immer weniger Nadelbäume, bis diese ganz verschwanden. Als es Abend wurde, und sie nach unten gingen, wurde sie wieder von einem der Matrosen angesprochen. Awelia nickte und setzte sich auf einen freien Platz. „Es ist ganz einfach …“ sagte einer der Männer und erklärte ihr kurz das Spiel.
Feron hatte den Tag über in der Kabine gesessen. Er versuchte an etwas anderes zu denken als an das Wasser um sie herum. An etwas anderes als die tausend Dinge, die schief gehen konnten und die Ereignisse, an deren Ende sie sich ohne schützende Hülle in diesem Wasser befanden. Es funktionierte nur bedingt. Immer wieder erinnerte er sich zurück, wie er als Kind alleine im Wald umher gestreunt war. Es hatte einen schweren Sturm gegeben, und er hatte auf dem Rückweg den Fluss überqueren müssen. Der Fluss hatte sich in einen reißenden, tobenden Strom verwandelt, und die klägliche Holzbrücke war eingestürzt, als Feron sie betreten hatte. Hilflos war er den Fluten ausgeliefert gewesen, wurde hin und her geschleudert, ohne atmen zu können. Nur durch einen Zufall hatte er überlebt, als er sich in einem entwurzelten Baum verfangen hatte. Mit dem Kopf knapp über Wasser hatte er dort gehangen, bis der Sturm vorbei war, und bis ihn seine Familie gefunden hatte. Die Narbe hatte er noch heute.
Dara betrat die Kabine. „Wo ist Awelia?“ fragte er überrascht. „Beim Kartenspiel.“ antwortete die Wächterin missmutig. „Und du hast Angst, dass sie wegläuft?“ fragte Feron skeptisch. „Ich glaube nicht, dass die Besatzung zum Schatten gehört, aber ich soll auf sie aufpassen.“ „Wir sind mitten im Meer. Wohin sollte sie gehen.“ er lächelte Dara aufmunternd zu und sie nickte.

Die folgenden Tage vergingen ähnlich. Sie fuhren weiter gen Süden und auch der Baustil der Hütten änderte sich. Doch Awelia beschlich ein Gefühl der Übelkeit. Sie hatte Dara danach gefragt, und die Wächterin erzählte ihr, dass man das Seekrankheit nannte. Früher oder später betraf es jeden, und es würde erst verschwinden, wenn sie wieder festen Boden unter den Füßen hatten.
Am vierten Tag ihrer Reise, Awelia betrachtete gerade einen beeindruckenden Felsbogen im Wasser, rief der Ausguck plötzlich erregt herunter. Awelia verstand nicht, was er sagte, doch die Matrosen an Deck blieben stehen und blickten sich geschockt an. Die Steuerfrau rannte an ihr vorbei und zog ein Fernrohr hervor. Sie blickte einen Moment hindurch und ließ das Instrument dann sinken. „Alle Mann an Deck! Piraten voraus!“ brüllte sie aus vollem Hals. Die Matrosen rannten auf ihre Posten, während der Rest hastig die Treppen herauf kam. Die Frau bellte Befehle, während sie zügig zum Ruder ging. Awelia blickte nach vorn. Unter der Sonne war ein einzelnes Schiff aufgetaucht, auf dessen schwarze Segel ein hässlicher weißer Totenkopf gepinselt war. Es hielt direkt auf sie zu. „Dreißig Grad Steuerbord.“ verkündete die Steuerfrau, während der Kapitän neben sie trat und sie nach der Lage fragte, als führe er ein alltägliches Gespräch. Scheinbar waren Piraten für den Mann nichts neues. Das Piratenschiff schwenkte auf ihren neuen Kurs ein, und Awelia vermutete, dass es sie abfangen wollten. Sicherlich wollten die Freibeuter die Ladung des Handelsschiffes plündern. Sie blickte zurück zur Frau hinter dem Steuerrad. Ihr Blick war konzentriert und zuckte rasch zwischen den einzelnen Matrosen hin und her, während sie weitere Anweisungen gab. Sie wusste, was sie tat.
Das Piratenschiff kam immer näher und Awelia konnte bereits die Gestalten auf dem Deck des feindlichen Schiffes erkennen. Barbarische Piraten, die säbelrasselnd darauf warteten, dass ihre Beute in Reichweite kam, während in der zweiten Reihe eine Balliste geladen wurde. Die Zauberin überlegte, wie sie wohl in den kommenden Kampf eingreifen könnte. Sicher wären diese Piraten keine große Herausforderung, schließlich war sie bereits mit Schlimmerem fertig geworden. „Hart Backbord!“ brüllte die Steuerfrau. Praktisch sofort brach die Schwanenschwinge nach links weg, und Awelia musste sich festhalten, um nicht zu stürzten. Das Schiff wurde in eine enge Kurve gezwungen und stand plötzlich senkrecht zur Fahrtrichtung der Piraten. Diese bemühten sich, ihren Kurs anzupassen, während sich die Schwanenschwinge in eine weite Kurve entlang der Küste legte. Schnell wurde klar, dass das Piratenschiff nie rechtzeitig würde wenden können. Entweder aus Trotz oder um sie zu verlangsamen feuerten die Piraten die Balliste ab. Kapitän und Steuerfrau warfen nur einen kurzen Blick auf das heranfliegende Geschoss, bevor sie sich wieder dem Kurs widmeten. Der Bolzen schlug ein Stück neben der Schwanenschwinge ins Wasser, ohne Schaden zu verursachen. Der Kapitän machte seiner Steuerfrau ein knappes Kompliment und ging dann wieder unter Deck.
Als sie am Abend nach unten gingen, saß Feron immer noch auf der Kiste. „Haben dich die Piraten denn überhaupt nicht interessiert?“ fragte Awelia. „Es schien nicht so, als ob sie uns entern würden.“ sagte Feron. Es tat Awelia leid, ihn in diese unangenehme Lage gebracht zu haben. Doch sie mussten irgendwie auf die Perleninseln kommen. Awelia hatte von einem Zauber zur Teleportation über weite Strecken gelesen, doch er kam ihr irgendwie unvollständig vor. Und solange dieses Gefühl da war, würde sie ihn nicht wirken. Deshalb hatte sie auch niemandem davon erzählt. Sie vermutete zwar, dass der Zauber sie tatsächlich über eine weite Strecke teleportieren konnte, aber eben nicht an den Ort, den sie gern hätte.

Drei Tage nach der Begegnung mit den Piraten wandte sich die Schwanenschwinge dem offenen Meer zu. Die Küste Mureas verschwand hinter ihnen am Horizont, und bis zum Horizont war nur noch Wasser zu sehen. Die Frau am Steuerruder erklärte, dass sie in wenigen Tagen die Insel Mahâ erreichen würden, wo sie die Ladung löschen wollten. Genau ließ sich das jedoch wegen des wechselhaften Wetters nicht sagen. Und tatsächlich gab es kurz darauf die ersten Regenschauer.

Awelia starrte hinab auf das Wasser, über dass die Schwanenschwinge mit hoher Geschwindigkeit hinwegrauschte. Mittlerweile war ihr speiübel. Sie würde alles geben, um sich magisch die Beine vertreten zu können, so dass sich ihr Magen wieder beruhigte. Doch niemand hier wusste, dass sie eine Zauberin war, und das sollte auch so bleiben. „Etwas geht vor sich.“ sagte Dara neben ihr leise. Awelia blickte auf. Die Matrosen und auch die Steuerfrau wirkten angespannt. Sie ließ ihren Blick über das Wasser schweifen, doch sie konnte kein Land entdecken. Dafür war vor ihnen eine schwarze Wand am Horizont aufgetaucht. Awelia hatte so etwas schon einmal gesehen. Ein Sturm kam auf sie zu.
Der Wind frischte auf und die Wellen wurden höher. Sie fuhren direkt in den Sturm hinein, aber vermutlich hatten sie keine andere Wahl, da er von links bis rechts den Horizont füllte. Dicke, schwarze Wolken, in denen es immer wieder unheilvoll aufleuchtete. „Das ist kein natürlicher Sturm.“ befand Feron, der plötzlich neben ihr aufgetaucht war. Awelia war geradezu schockiert, ihn an Deck zu sehen. „Was meint Ihr damit?“ fragte die Steuerfrau, die ihn offenbar gehört hatte. Feron zeigte auf die im Wind liegenden Segel und dann auf die heranrasende Sturmfront. „Der Sturm zieht gegen den Wind.“ erklärte er und beließ es dabei. Die Steuerfrau überlegte kurz und nickte dann. „Wir haben keine andere Wahl. Wir nehmen ihn direkt und stoßen zu den Perleninseln durch.“ sagte sie und notierte etwas auf ihrer Seekarte, bevor sie sie von einem Matrosen zum Kapitän bringen ließ. Vor ihnen wuchs die Sturmfront immer weiter.
Bald darauf hatte sie der Sturm erreicht. Der Himmel verdunkelte sich und Regen peitschte über das Deck. Alle, die nicht an Deck arbeiten mussten, flüchteten sich nach unten. Awelia wäre lieber oben geblieben, denn in ihrer engen Kabine fühlte sie sich hilflos. Das Schiff wurde von den Wellen hin und her geschaukelt und das Holz ächzte unter der Belastung. Feron saß mit blassem und ausdruckslosen Gesicht auf der Kiste und starrte ins Nichts. Das einzige Geräusch war das Heulen des Sturms.
Sie wusste nicht, wie lange sie hier unten hockten. Ob Minuten oder Stunden, sie wusste es nicht. Doch der Sturm wurde immer stärker. Das Krachen der Blitze übertönte den Wind, während die Schwanenschwinge nach links und rechts und vor und zurück geschleudert wurde. Immer wieder krachten Wellen gegen den Rumpf und ließen das Holz gemartert ächzen. Sie hörten einen lauten Schrei. Dara sprang auf und hastete in den Gang. Nur einen Augenblick später tauchte sie wieder in der Tür auf, Wasser umspülte ihre Füße. „Hoch!“ schrie sie und zog Awelia mit sich. Sie sah kaum, was geschehen war. Matrosen hasteten umher und riefen sich panisch Anweisungen zu. Irgendwo am Bug war ein Leck. Wasser drang ein und flutete über den Boden. Als sie die Treppe erreichten, stand es ihnen schon bis zu den Knien.
An Deck war es, als ob die Welt untergehen würde. Der Sturm toste ohrenbetäubend und alle paar Augenblicke rollte ein krachende Donner über sie hinweg. Awelia wusste nicht, ob es Nacht war oder ob die Wolken die Sonne verdunkelten. Nur eine einzelne Laterne war an Deck geblieben, und sie zuckte wie ein wildes Tier. Blitze durchbrachen die Dunkelheit und gaben einen kurzen Blick preis auf Wellenberge, die die Schwanenschwinge überragten. Schon jetzt war Awelia bis auf die Haut durchnässt, da der Regen ununterbrochen aus allen Richtungen auf sie einpeitschte. Dara schrie dem Kapitän zu, dass sie ein Leck hatten. Doch wenn er sie überhaupt gehört hatte, kümmerte es ihn nicht. Stählern hielt der Mann das Schiff auf Kurs, das Gesicht von Entschlossenheit und Furcht zerfurcht. Dieser Sturm erforderte das Können eines Kapitäns. Das vordere Segel war zerrissen, und die Matrosen mühten sich, das verbliebene Segel zu halten. Ohne es würden sie zu einem hilflosen Spielball des Sturms werden. Die Männer und auch die Steuerfrau versuchten, es neu auszurichten. Feron rannte zu ihnen, um zu helfen. Awelia wusste nicht, was sie tun sollte. Es war kein gewöhnlicher Sturm, damit hatte Feron recht gehabt. Der einzige Grund, warum sie noch nicht gekentert waren, war die fähige Besatzung der Schwanenschwinge.
Die Welt wurde weiß, als ein Blitz in den großen Masten einschlug. Der ohrenbetäubende Knall ließ alle Geräusche verstummen, selbst den Wind. Sprachlos sah die Zauberin nach oben, sah wie die Spitze des Mastes in Flammen stand. Trotz des Regens fraßen sich die Flammen am Segel entlang, als wäre es Zunder. Brennender Stoff fiel auf das Deck und setzte auch das in Brand. Sie sah wie das Tau, das Feron gepackt hatte, riss, und der Drachentöter über Bord ging. Awelia dachte nicht nach und fing an zu rennen. Dara versuchte, sie festzuhalten, doch sie streifte sie ab.

Das Tau in seinen Händen riss, vom Feuer zerstört. Das ausgefranste, angekohlte Ende zuckte wie eine Peitsche zurück und traf den Mann neben ihm. Feron packte ihn, und verhinderte, dass er über Bord ging. Er selbst wurde von etwas getroffen und kippte über die Reling. Der Matrose griff seinen Arm, doch es war zu spät.
Als er untertauchte, umfing ihn Stille. Das Geräusch des Windes verschwand, und er drehte sich mit dem Gesicht nach oben. Durch Feuer und Blitze erleuchtet sah er die Silhouette der Schwanenschwinge von sich davon treiben, eine Spur aus Trümmern hinter sich herziehend. Er konnte nicht schwimmen, und bei dem Wellengang mitten im Meer hätte es auch keine Rolle gespielt. Feron bemühte sich gar nicht erst, mit wildem Herumgestrampel an der Oberfläche zu bleiben. Er sank in die dunkle Tiefe ab und ergab sich dem Schicksal. Er sah, wie ein Schatten sich ihm näherte. Vielleicht war es eine Meerjungfrau, von denen er Geschichten gehört hatte, sie würden einen Seemann auf seinem letzten Weg begleiten. Aber vielleicht war es auch eine der tödlichen Meeresbestien, von denen er ebenfalls gehört hatte, und die ihn gleich verschlingen würde. Nicht, dass es eine Rolle spielen würde.
Feron spürte, wie er gepackt wurde. Doch statt ihn in die Tiefe zu reißen wurde er nach oben gezogen. Keuchend und nach Luft schnappend durchbrach er die Wasseroberfläche. „Versuch wenigstens, nicht unterzugehen!“ schrie Awelia neben ihm. Mit einer Hand paddelte die Zauberin durch die tosenden Fluten, mit der anderen zog sie ihn mit sich. Er bemühte sich, oben zu bleiben, doch immer wieder ging er doch unter und Awelia musste ihn wieder hochziehen. Schließlich erreichten sie ein Holzbrett, auf das sie ihn zog. Entgegen seiner ersten Befürchtung reichte es aus, um sie beide zu tragen. In der Ferne sahen sie, wie der von Flammen erleuchtete Bug der Schwanenschwinge im Meer versank. Langsam erloschen die Flammen der umhertreibenden Trümmer, und schließlich sackte Feron erschöpft auf ihrem Treibgut zusammen und verlor das Bewusstsein.

Sie hörte ein sanftes Rauschen, doch es war nicht der Sturm. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Sie lag auf einem Strand. Die Wellen rauschten heran und umspülten ihre Beine. Richtig, die Schwanenschwinge ist untergegangen. dachte Awelia. Langsam erhob sie sich und sah sich um. Sie war auf einem weißen Strand, vor ihr waren hochgewachsene Palmen und dahinter erhob sich der Dschungel. In der anderen Richtung sah sie das kristallklare Meer und einige Inseln in der Ferne. Vereinzelte Wolken zogen über den blauen Himmel. Die Sonne hatte den Zenit fast erreicht. Am Strand lag noch jemand. Rasch eilte sie zu der Gestalt. Es war Feron. Awelia drehte ihn herum. „Bin ich tot?“ fragte der Drachentöter, die Augen geschlossen. „Ich denke nicht.“ antwortete sie ihm. „Irgendwie haben wir die Perleninseln erreicht.“ „Was ist passiert?“ „Nachdem du das Bewusstsein verloren hattest, und die letzten Flammen verschwunden waren, ließ der Sturm langsam nach und ging in eine natürliche Form über.“ Feron setzte sich auf und sah sie an. „Und dann hast du uns hier her gebracht?“ fragte er erstaunt. Die Zauberin schüttelte den Kopf. „Ich habe nichts getan, ich hatte Angst der Schatten könnte es bemerken und uns endgültig den Rest geben.“ gestand sie. „Gute Entscheidung.“ nickte Feron und sah sich um, „Wo wir jetzt schon mal hier sind können wir auch weitermachen, nicht wahr?“ Der Drachentöter lächelte sie schelmisch an und sprang auf.
Gemeinsam gingen sie den Strand entlang. Awelia sah zu den Palmen, die am oberen Ende des Strandes einen tropischen Wald bildeten. Dann wandte sich ihr Blick zum Wasser, und sie sah bis zum Horizont nichts als Meer. Sie fragte sich, was mit Dara geschehen war, und der Gedanke versetzte ihr einen Stich. Sie war auf dem Schiff gewesen, welches kurz nach Awelias Sprung in den Fluten versunken war. Feron schien ihren Gedanken zu erraten, denn er sagte „Wenn wir es geschafft haben, dann wahrscheinlich auch andere.“ Awelia schniefte kurz und wischte sich eine Träne weg. Plötzlich hatte sie großen Durst. „Hast du noch den magischen Reinigungskolben?“ fragte sie. Der Drachentöter reichte ihr das seltsame, durchsichtige Artefakt, und sagte „Ein komischer Name.“ Awelia füllte das Artefakt behutsam mit Meerwasser und antwortete „Die fachlich korrekte Bezeichnung ist arkaner Purificator für Flüssigkeiten. Es gibt viele davon, sie reinigen Wasser, aber auch andere Dinge wie Wein.“ Sie lächelte leicht, während sie das Gefäß gegen das Licht hielt. „Glaubst du, dass das funktioniert?“ „Natürlich, sieh doch.“ An der Außenseite des Kolbens bildete sich eine Salzkruste, die Awelia wegwischte. Dann trank sie das klare Wasser, bevor sie den Kolben an Feron weiterreichte. Als der Durst gestillt war, gingen sie weiter. „Siehst du das auch?“ fragte Feron plötzlich. Sie blickte sich um, um zu sehen, was er meinte. Im Dschungel stand jemand und beobachtete sie. Es war schwer auszumachen und wirkte unwirklich. Dann war die Gestalt verschwunden. „Sollten wir uns Sorgen machen?“ fragte sie nervös. „Du fängst erst jetzt damit an?“ fragte Feron zurück. Sie warf ihm einen verstohlenen Blick zu. Etwas war mit ihm passiert, seit er das Schiff betreten hatte. Awelia sorgte sich um ihn, und sein übertrieben sarkastisches Verhalten war beunruhigend. Sie hatte sich nichts weiter gedacht, als er meinte, dass er nicht schwimmen konnte. Doch vielleicht steckte noch mehr dahinter. Sie wusste nicht, wie man so viele Abenteuer, gute wie schlechte, in ein Leben packen konnte. Aber sie würde sich etwas einfallen lassen, um ihm zu helfen.
Sie marschierten durch den Dschungel, oder besser gesagt sie quälten sich. Stellenweise war das Gestrüpp so dicht, dass Feron den Weg mit seinem Schwert frei machte. „Warum gehen wir eigentlich durch den Dschungel? Wohin gehen wir?“ fragte Awelia, als ihr bewusst wurde, dass sie keinen Plan hatten. Feron drehte sich überrascht herum. „Ich dachte wir suchen uns einen Hügel und überblicken die Insel. Vielleicht sind wir ja sogar auf der richtigen gelandet.“ meinte er nachdenklich. Dann sah er sich um. „Wo auch immer hier ein Hügel ist.“ Awelia runzelte die Stirn und wollte ihm antworten, als es vor ihnen zwischen den Bäumen raschelte. Mehrere Wesen traten zwischen den Farnen hervor. Die Zauberin öffnete überrascht den Mund, während Feron unschlüssig sein Schwert senkte. Es waren Echsenmenschen. Menschenähnliche Gestalten mit geschuppter Haut, Reptilienkopf und einem langen Schwanz. Drei von ihnen, die Schuppen in verschiedenen Grüntönen gehalten, standen mit Holzspeeren vor ihnen. Die Echsenmenschen sagten etwas in ihrer eigenen, harten, fauchenden Sprache, das Awelia nicht verstand. Sie wiederholten es und gestikulierten auf den Dschungel hinter sich. „Ich glaube wir sollen mitkommen.“ sagte Awelia langsam und Feron zuckte nur mit den Schultern.

Die Echsenmenschen führten sie in ein kleines Dorf am Rand des Dschungels. Dort waren noch mehr von ihnen, vielleicht zwei Dutzend, darunter Kinder. Sie lebten in spartanischen Holz- und Strohhütten am Rande des Wassers. Im Wasser waren Fischnetze aufgespannt und seltsame Schlammgebilde waren am Ufer gebaut worden. Awelia und Feron wurden in eine Holzhütte geführt, die etwas größer war als die übrigen. Getrocknete Farne und Früchtebündel hingen von der Decke. An den Wänden waren seltsame geflochtene Symbole angebracht. Auf der anderen Seite sah eine Echse überrascht auf. Sie trug goldenen Schmuck und eine silberne Robe lag um ihre Schultern. In einer Hand trug sie einen langen Stab, der in einer blauen Kristallkugel endete. Sie blickte von den zwei Menschen zu den Echsenmenschen, die sie begleiteten. Diese plapperten darauf los und gestikulierten wild, bis die berobte Echse sie schließlich fortscheuchte. „Ihr Kinder desss Sssturmsss.“ sagte die Echse, wobei ihre Stimme weicher war als die der anderen. Offenbar war es eine weibliche Echse, auch wenn es keine äußerlichen Unterschiede gab. Awelia und Feron sahen sich überrascht an. Es war nicht genau klar, ob die Echse eine Frage gestellt oder eine Feststellung getroffen hatte. „Unser Schiff ist gesunken.“ sagte Awelia langsam. Ihr Gegenüber überlegte eine Weile, offenbar um zu verstehen, was sie gerade gesagt hatte. „Ihr nicht Kas'loh'ran.“ sagte die Echse schließlich. Awelia wusste nicht, ob das gut oder schlecht war, doch da sie noch nicht tot waren war es vermutlich ersteres. „Ich bin Awelia. Das ist Feron.“ die Zauberin zeigte erst auf sich selbst, dann auf Feron. „A … Achelia. Feron.“ wiederholte die Echse und zeigte auf sie. Dann zeigte sie auf sich selbst. „Nas'tohl.“ „Nas'tohl.“ wiederholten Awelia und Feron, und bemühten sich, die Aussprache halbwegs richtig hin zu bekommen. Schließlich wollten sie ihre Gastgeberin nicht beleidigen. „Wieso ihr hier?“ fragte Nas'tohl. „Wir suchen jemanden.“ antwortete Feron. „Wie sssein Name?“ „Das wissen wir nicht. Er ist auf einer Insel mit einem riesigen Steinkopf.“ Die Echsen verarbeitete die Worte und legte den Kopf schief. „Wasss ihr wollt. Von jemand.“ fragte sie vorsichtig. Feron warf Awelia einen warnenden Blick zu. Offenbar war das eine heikle Angelegenheit. „Es ist ein böser Mensch. Wir wollen ihn aufhalten.“ antwortete die Zauberin vorsichtig und wartete auf die Reaktion. Die Echse wirkte etwas beruhigt, aber immer noch misstrauisch. „Warten drausssen. Sssprechen ssspäter.“ sagte sie schließlich und schickte sie mit einer Handbewegung fort.

Draußen wurde es langsam dunkel. Die Echsenmenschen hielten Abstand, kümmerten sich aber sonst nicht weiter um sie. Sie mussten nicht allzu lange warten, bis sich etwas tat. Die Echsen machten ehrfürchtig einem Artgenossen Platz, der das Dorf betrat. Er war einen Kopf größer als die anderen und muskulös gebaut. Sein Körper war von Narben aus zahllosen Kämpfen übersät und er trug eine große Axt auf dem Rücken, deren Schneide mit Reißzähnen bestückt war. Awelia fand ihn jetzt schon beängstigend. Die Echse stapfte an ihnen vorbei und betrachtete sie dabei neugierig. Dann verschwand sie in der Hütte von Nas'tohl. Es dauerte nicht lange, bis Nas'tohl und die Kriegerechse die Hütte wieder verließen. „Achelia. Feron.“ sagte Nas'tohl und wies auf die beiden Menschen. Awelia und Feron erhoben sich, und die umstehenden Echsenmenschen traten interessiert näher. Die große Echse beugte sich vor. „Ihr nicht Kas'loh'ran?“ fragte sie mit tiefer, kratzender Stimme. „Ihr wollen besssiegen ssswarze Krieger?“ Feron vermutete, dass er den Schatten meinte und nickte, „Wir jagen jemanden mächtigen, der für viel Leid verantwortlich ist.“ „Losss beweisssen.“ forderte die Echse. Der Drachentöter sah Awelia stirnrunzelnd an. Er hatte keine Ahnung, wie sie ihre Absichten beweisen sollten. Awelia senkte den Kopf und dachte nach. Ich kann ihnen unsere guten Absichten beweisen. dachte sie. Es gibt viele Möglichkeiten, doch ich sollte mich zurückhalten. Wer weiß, wie sie auf Magie reagieren. Und ich will nicht, dass der Schatten merkt, dass ich noch lebe. Dann legte sie sich fest, und der Funken in ihr leuchtete zustimmend auf. Wasser trat aus dem Boden zwischen ihnen hervor. Alle bis auf Awelia traten erschrocken zurück. Nach nur einem Augenblick sprudelte ein Quell hervor und das Wasser schoss mehrere Meter in die Luft. So schnell wie es gekommen war, versiegte der Geysir wieder. Awelias Hände bildeten ein Gefäß, und das Wasser blieb in einem kreisrunden Bereich gefangen, während es langsam im Boden versickerte. Die Echsen um sie herum tuschelten angeregt. Nas'tohl und die große Echse diskutierten miteinander, und wandten sich schließlich den Menschen zu. „Dasss beeindruckend. Aber reicht nicht.“ Awelia war enttäuscht, aber sie nickte. Nas'tohl trat vor. „Ihr müsssen bessstehen Prüfung. Bessstehen Qua'so Nih'mava wir helfen.“ sagte sie. „Okay.“ antwortete Feron und streckte die Hand aus. Die beiden Echsen betrachteten sie als wäre sie ein totes Stück Holz.

Sie hatten sich so weit verständigt, dass sie am Morgen zur Prüfung aufbrechen würden. Die Echsen hatten sich in ihre Hütten zurückgezogen, ihnen etwas gebratenen Fisch dagelassen und Awelia und Feron saßen allein im Dorf. Über ihnen funkelten die Sterne. Das Rauschen der Wellen war kaum zu hören. „Feron?“ fragte Awelia leise. Er sah zu ihr herüber. „Wieso fürchtest du das Meer?“ fragte sie. „Ich habe vor nichts Angst, ich …“ gab er trotzig zurück, doch die Zauberin unterbrach ihn. „Du hast dich unter Deck verkrochen, seit wir an Bord der Schwanenschwinge waren. Erst im Angesicht des Sturmes bist du nach oben gegangen. Und als du über Bord gegangen bist und ich dich gerettet habe, da war es, als ob du einfach aufgegeben hättest. Also lüge mich nicht an.“ sagte sie, schärfer als sie beabsichtigt hatte. Feron starrte sie an. Er war nicht wütend, sondern wirkte erschüttert. Schließlich senkte er den Kopf. „Als ich noch ein Kind war, da bin ich in einem Sturm in einen Fluss gefallen. Ich wäre fast ertrunken.“ flüsterte er. „Ich möchte so etwas nie wieder erleben. Und jetzt, in diesem Sturm … mit der Schwanenschwinge …“ er schluckte schwer. Awelia legte ihre Hand auf seinen Arm. „Erinnerst du dich noch, wie du mich vor den Banditen gerettet hast? Oder wie du den Bauern geholfen hast?“ fragte sie, und langsam nickte er. „Es ist normal, dass du Angst hast. Und es spielt keine Rolle, wovor du Angst hast. Wir alle haben Ängste. Doch wir dürfen uns nicht von ihnen bestimmen lassen. Für einen Moment hattest du deine Angst bezwungen, du bist zu den Matrosen geeilt und hast ihnen geholfen, du hast sogar einen von ihnen davor gerettet, über Bord zu gehen.“ sagte Awelia eindringlich. Feron blickte zu ihr auf und sie fuhr fort. „Ich habe keine Ahnung, was uns morgen bei der Prüfung erwartet. Oder am Tag danach und dem danach. Ich weiß nur, dass der Schatten aufgehalten werden muss. Und das schaffe ich nicht alleine. Also, bitte, sei der Held, den ich kennengelernt habe.“ Etwas in Ferons Augen funkelte. Er nickte und lächelte leicht.

Sie folgten der großen Echse durch den Dschungel. Er hatte sich als Ka'dal vorgestellt. Die Echse kam im Urwald wesentlich besser zurecht als die zwei Menschen. „Was ist das für eine Prüfung?“ fragte Awelia, als sie einen kleinen Flusslauf erreichten, und ihm bergauf folgten. „Ihr müsssen Prüfung bessstehen. Dann wir helfen.“ antwortete Ka'dal nur. Awelia schüttelte den Kopf. Entweder hatte er ihre Frage nicht verstanden, oder er wollte ihr nicht antworten. Doch sie musste sich nicht lange gedulden. Sie erreichten einen kleinen Teich, in dem eine Quelle sprudelte. Das Wasser kam aus der Tiefe geschossen und speiste den Bach, der hinab in Richtung Meer floss. Ka'dal bedeutete ihnen, sich zu setzen. Dann holte er eine Sanduhr hervor, die er behutsam abstellte. „Qua'so Nih'mava! Müsssen bleiben ein Sle in Wassser.“ erklärte die Echse und deutete erst auf die Sanduhr, dann auf die sprudelnde Quelle. Awelia und Feron sahen sich irritiert an. „Wie machen wir das?“ fragte Feron. „Ich hab eine Idee.“ lächelte Awelia und erhob sich. „Nein!“ zischte Ka'dal. „Feron machen Prüfung. Du Sssamanin.“ Die Echse beugte sich zu Awelia vor, so dass ihre Gesichter ganz dicht beieinander waren. Sie konnte die scharfen Zähne im Maul der Echse sehen. „Du nicht misssen ein.“ legte er fest. Die Zauberin schluckte schwer und setzte sich wieder. „Will der mich verarschen?“ flüsterte Feron und sah besorgt auf den Geysir. „Wir müssen das tun. Wir brauchen ihre Hilfe, wir kennen uns hier überhaupt nicht aus.“ antwortete Awelia leise. „Du schaffst das, ich glaube an dich.“
Feron hatte sich aller schweren Gegenstände entledigt und stand jetzt lediglich mit seiner Hose bekleidet im Wasser. „Also ich muss da rein?“ fragte er, an Ka'dal gewandt. „Du müsssen ein Sle. Aber halten, nicht rausss. Ssstehen oder sssitzen egal. Empfehle sssitzen, aber ssstehen besser.“ die Echse lachte, aber Feron war nicht zum Lachen zumute. Er watete vorwärts bis zur Fontäne. Jetzt stand er bis zur Brust im Wasser, aber es überragte ihn immer noch um einen Schritt. Feron holte tief Luft und warf sich vor. Sofort wurde er nach oben gehoben und für einen kurzen Moment blieb er auf dem Wasser, dann stürzte er rückwärts wieder herunter. Prustend tauchte er auf und wischte sich das Wasser aus dem Gesicht. Er versuchte es erneut, und platschte wieder in den Teich. Doch er sah, wo das Problem war. Er musste in die Mitte der Fontäne kommen, damit er gleichmäßig nach oben gedrückt werden würde. Nach ein paar weiteren Versuchen hatte er den Dreh raus. Das half ihm jedoch nicht, nicht vom Geysir abgeworfen zu werden. Er begriff schnell, dass stehen unmöglich war. Das Wasser war zu schnell und die Fläche seiner Füße zu klein, so dass es unmöglich war, das Gleichgewicht zu halten. Eine Echse mochte es durch ihren Schwanz schaffen, doch für Menschen war es ein Ding der Unmöglichkeit. Sitzend ging es bei weitem besser, und er schaffte es, für einige Sekunden oben zu bleiben. Doch der Ausstoß des Geysirs war nicht konstant, immer wieder änderte es sich, so dass Feron das Gleichgewicht verlor und abstürzte.

Awelia sah Ferons Bemühungen schon eine Weile zu. Ka'dal drehte neben ihr mit unglaublicher Geduld die Sanduhr herum und wieder zurück, wenn Feron ein weiteres mal scheiterte. Die Zauberin fand, dass diese Prüfung nicht für Menschen gemacht, und damit ziemlich unfair war. Doch sie traute sich nicht, sich einzumischen. Ka'dal hatte deutlich gemacht, dass er dabei keinen Spaß verstand. „Machst du das öfter?“ fragte sie irgendwann. „Nein. Aber macht Ssspasss.“ antwortete die Echse konzentriert und gestattete sich die kurze Andeutung eines Lächelns, bei der sie ihre Zähne zeigte. „Was machst du denn den Rest der Zeit?“ „Ssstreife durch Inssseln und jage Knochen.“ Awelia hatte keine Ahnung, was er damit meinte, und beließ es bei einem Nicken. Die Sonne zog über den Zenit hinweg, und Feron tat ihr inzwischen nur noch leid. Sein bestes Ergebnis war ein Drittel des Sandes gewesen. „Feron, lass gut sein, es hat keinen Sinn.“ sagte sie laut. Der Drachentöter prustete und sah sie überrascht an. „Ich kann das! Ich werde besser darin!“ protestierte er und warf sich wieder in die Fontäne. Die Zauberin schüttelte den Kopf.
Es wurde langsam dunkel. Feron hatte sein bestes Ergebnis noch einmal geschafft, doch für mehr hatte es nicht gereicht. Mittlerweile war er völlig entkräftet und Awelia machte sich ernsthafte Sorgen. Sie hatte noch ein paar mal versucht, ihn zum Aufhören zu überreden, doch er hatte tapfer weitergemacht. „Ssstop!“ rief Ka'dal laut. Feron brauchte einen Moment, um zu Atem zu kommen, dann schlurfte er mit gesenktem Kopf zum Ufer. Die Echse stellte sich vor ihn. „Du nicht geblieben ein Sle in Wassser. Du versssagt.“ sagte sie düster. „Du versssucht und versssucht. Erbärmlich.“ Feron sah traurig zu Awelia herüber, während Ka'dal weiter fortfuhr. „Aber du versssucht. Versssucht trotz ssslecht. Trotz sssie sssagt nein. Du Qua'so Nih'mava bestanden.“ Verwirrt sah Feron auf. Er wusste nicht, ob sich die Echse über ihn lustig machen wollte. „Ich verstehe nicht.“ brachte er hervor. „Prüfung issst Mava. Mava nicht hier.“ Ka'dal klopfte auf seine muskulösen Arme. „Mava hier.“ die Echse zeigte auf Ferons Herz. „Prüfung bessstanden, wir helfen.“
Die Nacht brach herein und sie blieben an der Quelle. Ka'dal setzte sich ans Ufer, und sie setzten sich neben die Echse, die die Sterne betrachtete. „Ihr kennt Gesssichte von unsss?“ fragte Ka'dal, ohne den Blick abzuwenden. Awelia schüttelte den Kopf. „Wir waren ssstolz. Hütten ausss Ssstein. Waren mächtigesss Volk.“ erzählte die Echse. „Was ist passiert?“ fragte Feron. „Knochen kamen. Griffen an Solta'divan … Kopf ihr nennen. Brachen Ssstolz. Zerssstörten Hütten und Volk. Wir jetzt ssswach.“ Ka'dal wandte sich zu ihnen. „Kas'loh'ran Herrscher von Knochen. Ihr ihn besssiegen?“ „Ja.“ antwortete Awelia ohne zu zögern. Die Echse nickte.

Am Vormittag kehrten sie in das Dorf zurück. Ka'dal bedeutete ihnen, zu warten und verschwand in der Hütte der Schamanin. Es dauerte eine ganze Weile, und mehrmals wurden die Stimmen der beiden laut. Die anderen Echsen im Dorf stoppten in ihrem Tun und blickten besorgt zur Hütte herüber. Als Ka'dal und Nas'tohl herauskamen, wirkten beide gereizt. Die Schamanin zitierte einige der Umstehenden heran und gab ihnen irgendwelche Aufgaben. Man gab den beiden Menschen etwas Proviant, dann befahl Ka'dal Awelia und Feron, ihm zu folgen.
Ka'dal führte sie durch den Dschungel. „Reissse weit. Langer Weg, noch länger nun, aber musss sssein.“ stellte die Echse fest. Nach einiger Zeit wurde der Boden sumpfig und sie erreichten einen großen Tümpel. Am Rand des Wassers standen ein paar mit Farnwedeln bedeckte Hütten und in den Bäumen waren weitere Behausungen. Auch wenn sie nur eine Handvoll Echsen sahen, hatten sie den Eindruck, dass hier mehr lebten als bei der Siedlung am Meer. Eine mit Pfeil und Bogen bewaffnete Echse kam auf sie zu und wirkte nicht besonders erfreut, die Menschen zu sehen. Ka'dal trat vor und es begann ein hitziges Wortgefecht. Feron verstand nicht, was gesagt wurde, und vermutlich war es auch besser so. Sein Blick schweifte über die Siedlung, die um den Tümpel gebaut worden war. Das äußere Wurzelwerk lag frei, es hatte wohl länger nicht geregnet. Der große, mit Moos bewachsene Stein, der nur ein paar Schritt von ihnen entfernt im Wasser lag, bewegte sich plötzlich. Awelia und Feron brauchten einen Moment, um zu begreifen, was sie sahen. Im Wasser trieb eine riesige Schildkröte, an die vier Schritt lang. In dem Moment übertönte Ka'dal die anderen Echsen. Die große Echse war die einzige, die redete, und auch wenn die Menschen die Worte nicht verstanden, so wussten sie, dass es wichtig war. Ka'dal zeigte auf Awelia und Feron, dann auf die anderen Echsen. Er hob den Blick gen Himmel und reckte seine Axt empor. Die anderen Echsen legten ausnahmslos ihre Fäuste auf die Brust. Ka'dal legte seine Pranke auf die Schulter des Bogenschützen, der ihn erwartungsvoll ansah. „Solta'divan.“ sagte die große Echse, und die anderen liefen hastig auseinander und riefen den anderen in der Siedlung zu.
Die große Echse erklärte nicht, was gerade geschehen war, sondern führte sie durch den Dschungel zum Strand. Immer wieder ertönten seltsame Laute aus den Tiefen des Urwalds. Nach einiger Zeit kamen weitere Inseln in Sicht. Sie waren mit großen Wäldern bedeckt, und einige mündeten in blanken Berggipfeln. Die Echse führte sie an einen breiten Strandabschnitt. „Reissse weit. Langer Weg, müsssen vorsssichtig sein. Knochen überall.“ erklärte er und trat ins Wasser. Erschrocken sah Feron Awelia an, die selbst skeptisch auf die nächstgelegene Insel blickte, die mehrere Meilen entfernt war. „Gibt es kein Boot?“ fragte sie laut. Ka'dal lachte laut krächzend. „Wir laufen.“ antwortete er nur und ging los.
Es stellte sich als weniger absurd heraus als sie ursprünglich angenommen hatte. Zwischen den Inseln gab es eine Sandbank, die kurz unter der Wasseroberfläche lag. Das Wasser reichte ihnen bis zur Hüfte, doch sie konnten problemlos laufen. Feron blickte etwas missmutig drein, doch er erklärte, dass er immerhin festen Boden unter den Füßen hatte. Awelia vermied es, ihn darauf hinzuweisen, dass die Sandbank aus Sand bestand, und daher alles andere als fest war. Die Sonne färbte bereits den Horizont rot, als sie das Ufer erreichten. Ka'dal beugte sich zu ihnen. „Gehen weiter morgen. Insssel gefährlich. Ssstill sssein.“ Awelia nickte, und als sie nach oben sah fühlte sie sich irgendwie unwohl.

Awelia wusste nicht, welche Gefahr die Echse gemeint hatte, doch sie hatte gut geschlafen. Sie wachte auf, ohne dass etwas passiert war. Feron ging es genauso, und so brachen sie kurz nach Sonnenaufgang auf. Ka'dal führte sie eine felsige Anhöhe hinauf und stoppte dann zwischen den Bäumen. Awelia konnte entfernte Stimmen hören. „Totensssädel.“ flüsterte die Echse. Langsam und vorsichtig gingen sie weiter und erreichten schließlich einen Abhang. Von dort konnten sie den kleinen Pass überblicken, der unter ihnen lag. Ein Dutzend Männer in dunkler Lederkleidung mühten sich mit Kisten und einigen Säcken ab. „Beeilt Euch, der Boss will ablegen. Wenn wir zu langsam sind müssen wir die Kisten hier lassen und später holen.“ sagte einer von ihnen. „Vielleicht finden wir dann noch ein paar zum Abmurksen.“ lachte ein anderer. Awelia entdeckte erschrocken, dass der Kerl den Hut der Steuerfrau der Schwanenschwinge trug. „Piraten.“ flüsterte sie, und Feron nickte grimmig. „Warten bisss weg.“ gab Ka'dal leise zurück.
Sie beobachteten, wie sich die Piraten abmühten und schließlich die Kisten stehen ließen. Dann hörten sie plötzlich ein neues Geräusch. Jemand hackte Äste ab und fluchte laut. Die Geräusche kamen näher. Noch ein armes Besatzungsmitglied, dass diesen Piraten zum Opfer fallen wird. dachte die Zauberin betrübt. Am Ende des Passes tauchte ein Frau auf, die mit rotem Kopf ein paar letzte Äste abhackte. Sie stapfte in den Pass und bemerkte die Piraten, die sie bereits mit gezogenen Waffen erwarteten. Feron beugte sich vor. „Ist das Dara?“ fragte er überrascht. Awelia war bereits aufgesprungen.
Die Piraten umringten die Wächterin, die mit wütendem Gesicht und gezogenem Schwert bemüht ruhig da stand. „Macht sie kalt!“ befahl jemand, und der erste Pirat stürmte vor, nur um von einem schnellen Schwertstoß aufgespießt zu werden. Awelia hatte sich nicht damit aufgehalten, einen Weg nach unten zu suchen. Sie hatte sich selbst mit dem schwerelosen Lauf verzaubert, der ihr gegen den Roten Zirkel so gute Dienste geleistet hatte, und rannte nun den Abhang hinunter, ohne den Boden zu berühren. Im Laufen schoss sie einen Flammenpfeil ab, der einen Piraten in eine lebendige Fackel verwandelte. Die Kerle drehten sich überrascht zu ihrem schreienden Kumpanen um, was Dara genug Zeit verschaffte, zwei weitere Piraten unschädlich zu machen. „Zurück!“ schrie die Zauberin und ließ in ihrer Hand eine große Kugel aus Flammen entstehen. Dara hastete zurück als Awelia die Kugel auf die Piraten schleuderte. Es gab einen lauten Knall und alles in der Nähe des explodierenden Feuerballs wurde zu Asche verbrannt.
Der Staub legte sich und Awelia ging zu Dara. Bevor sie etwas sagen konnte, fuhr die Wächterin sie an. „Was fällt dir ein, mich einfach zurückzulassen? Einfach von Bord zu springen!“ schrie sie und stockte dann, „Entschuldigung, das war ungehörig. Es wäre besser gewesen, an Bord der Schwanenschwinge zu bleiben.“ „Es tut mir leid Dara. Ich musste es tun, um Feron zu retten.“ antwortete die Zauberin mit gesenktem Kopf. „Ich weiß. Ich habe mir aber sehr große Sorgen gemacht. Und außerdem mag ich nicht alleine durch den Dschungel laufen.“ „Ich bin froh, dass es dir gut geht, ich habe die Schwanenschwinge sinken sehen. Die letzten der Besatzung waren wohl den Piraten getötet worden.“ sagte Awelia und umarmte die Wächterin. Feron und Ka'dal kamen den Hang herunter geschlittert. „Sssein Freund?“ fragte die Echse mit einem Blick auf Dara, und die drei Menschen nickten. „Müsssen weiter, mehr werden kommen. Werden Sssauber von Sssamanin erkennen.“ fuhr Ka'dal ungerührt fort. Gemeinsam verließen sie den Pass. „Ihr müsst mich mal auf den neuesten Stand bringen.“ sagte Dara.

Am Abend erreichten sie den Strand. Das Sternenzelt funkelte über ihnen. Von dem, was sie erkennen konnten, waren die nächsten Inseln weit weg. Ka'dal erklärte, dass es keine Sandbank gab. Sie würden schwimmen müssen. „Nicht unbedingt.“ widersprach Awelia. „Wir können auch über das Wasser laufen.“ „Wie dasss?“ fragte die Echse überrascht. „Ich kann uns verzaubern, so dass wir über dem Wasser laufen können, während du schwimmst.“ erklärte die Zauberin. „Dann wir gehen morgen.“ entschied Ka'dal. Während sie sich am Waldrand einen Schlafplatz suchten, betrachtete Awelia die Silhouette der nächsten Insel. „Wie weit ist es noch bis Solta'divan?“ fragte sie die Echse. „Ein paar Inssseln. Da sssein einige Tage.“ erklärte Ka'dal. „Wir gehen kurze Weg. Gefährlich aber sssnell. Besssondersss da jetzt wisssen von unsss.“ fuhr er fort.
Noch vor Sonnenaufgang brachen sie auf. Ka'dal schwamm voran, während Awelia Feron und Dara und sich selbst verzauberte. Als sie aufbrachen, war die Echse bereits verschwunden. „Das ist doch bescheuert.“ murmelte Feron, während sie eine Hand breit über dem Wasser gingen. „Keine Sorge, solange ich da bin, wirst du nicht hineinfallen.“ antwortete die Zauberin und stupste ihn leicht.
Es war in der Tat beeindruckend, auch wenn Feron dem Frieden nicht ganz traute. Sie liefen einfach über das Wasser, als würden sie auf dem Land gehen. Nur dass unter ihnen jetzt Wasser war. An vielen Stellen konnte er den Grund sehen, weißen Sand und abgestorbene Korallen. Und hin und wieder schwammen Fische vorbei. Sie hatten schon mehr als die Hälfte geschafft, und Feron freute sich bereits darauf, wieder echten Boden unter den Füßen zu haben. „Was ist das?“ fragte Dara plötzlich. Sie drehten sich um. Die Wächterin zeigte auf etwas in der Ferne, das über das Wasser zog. „Das ist ein Schiff.“ sagte Feron. „Kommt es näher?“ fügte er hinzu und kniff die Augen zusammen. „Ich glaube ja.“ antwortete Dara. Ohne ein weiteres Wort fingen sie an zu rennen. Wenn es die Piraten waren, dann wären sie hier draußen wie auf dem Präsentierteller. Während sie auf die Insel vor ihnen zu hasteten, schaute er immer wieder nach dem Schiff. Es kam näher, auch wenn es nicht direkt auf sie zukam. „Sie müssen uns bald sehen.“ keuchte Awelia und blieb stehen. „Was zum …“ fluchte Feron, der sie beinahe umgerannt hätte. „Wenn wir weiter übers Wasser rennen, dann sehen sie uns sicher! Bleiben wir hier und verhalten uns still … vielleicht übersehen sie uns.“ erklärte sie hastig und kauerte sich zusammen. Feron wollte sagen, dass es unsinnig war, sich hier mitten auf die See zu hocken, doch er wollte die beiden nicht einfach zurücklassen. Und tatsächlich sah es so aus, als würde Awelias absurder Plan funktionieren. Die Besatzung des Schiffes beobachtete die Inseln und das Wasser voraus. Ihrer näheren Umgebung schenkten sie jedoch keine Beachtung. Als das Schiff sie fast erreicht hatte, verließ sie jedoch ihr Glück. Das Schiff änderte seinen Kurs und hielt direkt auf sie zu. Dara und Feron fluchten. Sie konnten nichts gegen ein Schiff ausrichten. Andersherum funktionierte das jedoch sehr wohl. Selbst ohne Besatzung könnte das Schiff sie einfach überfahren. Awelia sprang auf und formte eine Kugel aus grellen Flammen in ihren Händen. Sie schleuderte sie auf das Schiff, wo sie mit einem Knall am Bug explodierte. Flammen leckten über das Holz, erloschen jedoch rasch. Aber es schien Wirkung zu zeigen, denn das Schiff drehte ab. Mehrere Pfeile wurden abgeschossen und platschten in ihrer Nähe ins Wasser. „Weg hier!“ rief Dara, während die Zauberin einen weiteren Feuerball nach dem Schiff warf. Sie verfehlte zwar, doch das Schiff setzte seine Flucht fort.
Gemeinsam rannten sie über das Wasser auf die Insel zu, während das Piratenschiff hinter ihnen auf Distanz blieb. Erschöpft erreichten sie den Strand und Awelia hob die Verzauberung auf, so dass sie alle wieder auf dem Boden standen. Ka'dal kam zwischen den Bäumen hervor. „Dachte ihr würden getötet. Gut gemacht.“ lobte die Echse sie, und bedeutete ihnen, ihm zu folgen. Sie traten in das dichte Unterholz des Waldes. „Diesss sssein Kahs'beruu. Grossse Insssel zu durchqueren wird dauern. Müsssen haben Geduld. Und sssein traurig.“ erklärte Ka'dal, plötzlich fast flüsternd. Die drei Menschen sahen sich verwirrt an.

Es dauerte nur ein paar Stunden, bis im Unterholz die ersten Steinhaufen auftauchten. Zuerst dachte Awelia, es wären natürliche Gebilde, doch irgendwann bemerkte sie sich wiederholende Muster. Die Haufen waren aus rechteckigen Ziegeln gebaute Strukturen, die irgendwie abgebrochen wirkten. Meist erhoben sie sich nur hüfthoch, doch einige überragten selbst die Echse. Dann wurde Awelia klar, dass die Steinhaufen, die überall um sie herum waren, in Wirklichkeit Ruinen waren. Einst waren es Gebäude gewesen, Häuser und mehr. Jetzt waren es zusammengefallene Ruinen, die von Ranken und Farnen überwuchert wurden. Nun verstand Awelia, was Ka'dal gemeint hatte, als er sagte, ihr Stolz sei genommen worden. Auf dieser Insel mussten einst hunderte, wenn nicht gar tausende Echsen gelebt haben, und jetzt waren sie die Einzigen hier. Ohne ein Wort zu sprechen setzten sie ihren Weg fort, bis die Nacht hereinbrach. Sie suchten sich in den Resten eines Turms ein Lager, während Wolken über den Himmel zogen und die Sterne verdunkelten.
Da war ein Rauschen. Das Rauschen des Meeres, das sich an die Küste warf. Awelia hörte es, ohne es wirklich zur Kenntnis zu nehmen. Sie sah die Wellen im matten, roten Licht der Nacht. Doch etwas daran war falsch. In der Nacht ist es dunkel. Die Sonne scheint nur am Tag, und sie scheint auch nicht rot. dachte sie verwundert, und hob den Kopf. Der Himmel stand in Flammen. Sie spürte die Hitze im Gesicht, während sie fassungslos auf den glühenden, schmelzenden Himmel starrte. Ein dunkles Lachen kam von da und die Welt löste sich auf in grellem Licht und Hitze.
Sie schreckte hoch. Ihr ganzer Körper war heiß, als hätte sie selbst in Flammen gestanden. Keuchend wälzte sie sich zur Seite und rollte über Feron, der neben ihr an der Wand hockte. „Was ist los?“ stieß der Drachentöter hervor, als er unsanft geweckt wurde. Auch die anderen waren nun wach, alle sahen Awelia an. „Feuer. So viel Feuer, der ganze Himmel brennt.“ brachte sie gequält hervor und blickte zu dem wolkenverhangenen, dunklen Himmel über ihnen empor. „Es war nur ein Traum.“ flüsterte Dara beruhigend, doch Ka'dal beugte sich vor. „Ja. Sssie nutzen Feuer. Sssamanen Feuer. Sssie unsss töten damit.“ zischte die Echse.

Am Morgen brachen sie wieder auf. Langsam brach der Wald auf und öffnete sich zu einer weiten Ebene mit einigen Hügeln. Überall standen Ruinen, steinerne Straßen zogen sich in Mustern über den Boden. Awelia stockte der Atem. Zigtausende mussten einst in dieser Stadt gelebt haben, doch jetzt herrschte Totenstille. „Wo sind wir hier?“ flüsterte sie mit belegter Zunge. „Keinen Namen mehr. Wir nicht sssprechen darüber. Zu grossser Sssmerz.“ sagte Ka'dal traurig. Feron sah sich um. „Ich sehe keine Spuren von Kämpfen. Keine Katapulte oder Barrikaden. Jemand hat diesen Ort zerstört allein um der Zerstörung willen.“ hauchte er angewidert. „Ja.“ sagte die Echse nur.
Während sie tiefer in die Ruinenstadt vordrangen, kamen ihnen plötzlich andere Gestalten entgegen. Ka'dal bedeutete ihnen, zu warten, und ging allein weiter. Er traf auf einige andere Echsen und begann mit ihnen zu reden. „Was glaubst du, was die dort machen?“ fragte Awelia, doch Feron konnte nur mit den Schultern zucken. „Dieser Ort ist mir unheimlich.“ gestand der Drachentöter, „Die ruhelosen Geister der Toten sind hier. Es liegt auf dieser Stadt wie ein sprichwörtliches Leichentuch.“ Die Zauberin musterte ihn. „Was auch immer hier geschehen ist, so grausam es gewesen sein mag, ist vor langer Zeit passiert. Ich kann keine magischen Spuren mehr erkennen.“ erklärte sie gefasst. „Nimmt dich das überhaupt nicht mit?“ fragte Feron verblüfft. „Doch. Und ich packe es auf die lange Liste der Gräuel, die der Schatten begangen hat. Bedauerlicherweise kann ich ihn nur ein mal töten.“ antwortete Awelia finster.
Ka'dal kam zu ihnen zurück. „Müsssen warten hier.“ sagte er zu ihnen und deutete auf die anderen Echsen, die in einiger Entfernung standen und die Menschen neugierig betrachteten. „Wieso?“ fragte Dara. „Warten dasss Wassser in Passs verschwindet. Sssteigt und sssinkt. Wenn sssteigt, Ssströmung zu ssstark.“ erklärte die Echse. „Wenn Wassser verschwinden, wir gehen durch Passs auf andere Ssseite von Berg. Dauern drei Tage.“ „Wieso gehen wir nicht außen herum?“ fragte Feron, doch Ka'dal schüttelte bereits energisch den Kopf. „Unberührbare Tote an Hang.“ sagte er und beließ es dabei.

Sie verbrachten die Zeit bis zum Rückgang des Wassers bei einer kleinen Gruppe von Echsen, die nach dem Ereignis, das die Stadt vernichtet hatte, wieder zurückgekommen war. Sie waren allesamt wortkarg und wirkten ausgelaugt. Sicherlich machte ihnen das Leben in den Ruinen ihrer alten Heimat zu schaffen.
Irgendwann wurde es Awelia zu viel und sie ging in die Ruinen, um sich die Beine zu vertreten. Sie befahl Dara, bei den anderen zu bleiben. Sie musste nachdenken. Etwas an alledem störte sie. Es lag nicht an den Echsen. Vielmehr konnte sie nicht das Ziel des Schatten verstehen. Jeder hatte ein Ziel, einen Antrieb, etwas das er erreichen wollte. Doch sie konnte beim besten Willen nicht verstehen, was der Schatten wollte. Es gab zu viel Widersprüchliches. Während sie zwischen den Ruinen umherwanderte stieß sie plötzlich mit dem Fuß gegen etwas, das klappernd über die Steine davon kullerte. Überrascht sah Awelia dem Knochen nach. Verblüfft bemerkte sie, dass sie neben dem Skelett einer Echse stand. Es schien, als ob sie sich einfach an die Wand gesetzt hätte und gestorben wäre. Als sie sich weiter umsah entdeckte sie weitere Skelette, die überall verstreut lagen. Mit mulmigem Gefühl setzte sie ihren Weg fort. Schließlich kam sie in eine kleine Gasse. Zusammengekauert waren da die Überreste einer Echse die sich schützend über zwei kleine Knochenhaufen gebeugt hatte.
Awelia wusste nicht, wie lange sie die tote Familie angestarrt hatte. Als sich eine Hand um sie legte, wehrte sie sich nicht. „Na komm.“ flüsterte Feron und bugsierte sie von dem Friedhof fort. Irgendwann setzte sie sich auf ein Mauerstück. Feron zögerte, doch dann setzte er sich neben sie. Awelia fühlte sich leer. „Ich verstehe das nicht.“ sagte sie trocken. „So ist das Böse. Es zerstört alles. Da …“ antwortete Feron. „Nein.“ widersprach sie. „Beim letzten Konzil, da habe ich viele Dinge aufgezählt. Es gab dutzende finstere Vorgänge überall auf Murea. Die schwarzen Flecken auf der Karte. Doch das hier, davon wusste ich nicht. Und ich hätte es wissen müssen.“ „Sei nicht so hart zu dir. Selbst du kannst nicht alles wissen. Und vielleicht geht er hier anders vor.“ sagte Feron beschwichtigend und legte den Arm um sie. „Wir übersehen etwas, etwas wichtiges. Ich verstehe sein Ziel nicht. Wenn es um die Dominanz des Todes geht, wieso jagt er mich? Wieso nicht den Meister des Todes im Siebenstern? Es ergibt keinen Sinn.“ sagte sie. Feron ließ sich mit der Antwort Zeit. „Vielleicht, weil du den Schatten entdeckt hast. Oder aber der Schatten ist der Meister des Todes und knöpft sich jetzt die anderen sechs vor.“ schlug er vor. „Vielleicht.“ nickte Awelia, doch sie war nicht überzeugt. Sie wusste, dass sie das Geheimnis ergründet hatte, bevor sie vor dem Schatten geflohen war. Doch jetzt lag es hinter einem undurchdringlichen Ozean aus Nebel verborgen.

Feron war sehr erleichtert, als Ka'dal ihnen sagte, dass es weiter ging. Je eher sie diesen Ort verließen, desto besser. Nachts hatte er ein beständiges Flüstern im Wind gehört, und die bedrückende Stille, die tagsüber herrschte, war keinen Deut besser. Jetzt verließen sie glücklicherweise die Stadt der Toten und Feron sagte sich, dass es nur besser werden konnte.
Die Ruinen wurden weniger und blieben schließlich hinter ihnen zurück. Zwischen den Bäumen konnten sie bereits den steilen Hang des Berges sehen, zu dem Ka'dal sie führte. Kurz darauf erreichten sie die Klippe, die fast senkrecht nach oben ging. An einigen Stellen hatten sich Sträucher und sogar Bäume am kahlen Fels verankert. Ka'dal hatte es gut getroffen, denn nicht weit von ihnen war eine Höhle, die in den Berg führte. Kalte Luft schlug ihnen entgegen. „Issst dunkel. Müsssen tasssten.“ sagte die Echse, als über all ihren Köpfen kleine Leuchtkugeln auftauchten. „Ich hoffe das ist in Ordnung.“ sagte Awelia, während die Echse misstrauisch die Lichtquelle über sich betrachtete. „Weg durch Höhlen. Mir folgen, ich kenne Weg. Oder ihr finden nie mehr hinausss.“ erklärte Ka'dal und ging hinein. Ohne zu zögern folgten sie ihm.
Die Höhlen waren faszinierend und verwirrend zugleich. Es gab alle paar Schritte Abzweigungen und Hohlräume, und sie durchquerten mehrere flache Höhlen, die von Stalagnaten durchsetzt waren. Dabei mussten sie immer wieder durch Wasser waten, und teilweise schwimmen und sogar durch einen Gang tauchen. Feron war froh über Awelias Licht. Andernfalls wären sie längst ertrunken oder hätten sich verirrt. Er hatte Angst gehabt, in den dunklen, verzweigten Tunnel voller Wasser zu gehen, doch er wollte Awelia nicht im Stich lassen. Also hatte er die Zähne zusammengebissen und war nach einem mürrischen Kommentar gefolgt. Inzwischen hatte er den Eindruck, dass sie langsam nach oben gingen, auch wenn die Wasserhöhe ständig wechselte und fast willkürlich erschien. Ka'dal erklärte, dass es an den unterirdischen Quellen lag, die periodisch mehr Wasser hereindrückten.
Schließlich sahen sie ein helles Licht voraus. Sie hatten es geschafft. „Endlich.“ stieß Dara erleichtert hervor. Ka'dal lachte. „Noch wir nicht am Ziel. Großer Zauber vor unsss. Sssie gesssehen Feuer.“ sagte er und deutete auf Awelia. Feron ging an ihnen vorbei und trat ins Freie. Sie waren auf einer Anhöhe gelandet und konnten die Insel und das Meer dahinter überblicken. „Komm schon!“ stöhnte er laut auf, als er die nächstgelegene Insel erblickte. Der kahle Berg darauf spie Feuer und Rauch hoch in den Himmel.