Kapitel 17 – Schlacht um Solta'divan

Der Vulkan lag still da, die Aschewolke war in der Nacht abgezogen und der Blick auf den unbewölkten Himmel war frei. Kas'hal'mar spreizte seine mächtigen, geschundenen Schwingen, zum ersten mal seit langer Zeit. Sein Brüllen war ein Ausdruck der Erlösung und eine Herausforderung an jene, die ihn gefangen hatten. Die Menschen gingen in Deckung, als die gewaltigen Flügel schlugen und Staub aufwirbelten. Langsam erhob sich der Drache vom Boden und stieg in den Himmel, der aufgehenden Sonne entgegen. Awelia wusste nicht, was Kas'hal'mar vorhatte. Doch sie konnte die Wut des Drachen spüren, als er davon flog. Sie hoffte, sie war erfolgreich gewesen und hatte ihn retten können.
„Wir bald da.“ sagte Ka'dal, nachdem der Drache verschwunden war. „Hoffe, Kas'hal'mar unsss helfen. Erreichen Solta'divan und ihr tötet Kas'loh'ran.“ Die Menschen nickten. Dann setzen sie ihre Reise fort. Sie gingen an der Bergflanke hinab, durchquerten den Dschungel der Vulkaninsel und erreichten bald darauf den Strand.

Hinter einigen winzigen Inseln lag Solta'divan, das einstige Zentrum des Echsenreiches. Selbst von hier aus konnten sie die Bauten sehen, die immer noch große Teile der Insel bedeckten. Auf der einen Seite war ein großer Berg, in den der riesige Schädel gearbeitet war. Jetzt wo Awelia es in echt sah, war es noch viel beeindruckender. Das annähernd menschliche Gesicht blickte starr über die Perleninseln, während der geöffnete Mund durch eine lange Brücke mit der tieferliegenden Stadt auf der anderen Inselseite verbunden war. Ka'dal starrte lange auf die Insel. „Gehen wir.“ sagte er schließlich und ging ins Wasser. Awelia verzauberte die anderen wie gewohnt, so dass sie über das Wasser gehen konnten. „Glaubst du nicht, dass sie uns sehen?“ fragte Feron skeptisch. „Sie wissen, dass wir kommen.“ antwortete Awelia, und blickte zu dem Steinkopf. „Dann können sie auch ihr Verderben kommen sehen.“ Die Zauberin lächelte leicht.
Sie erreichten eine der winzigen Inseln, die sie mit wenigen Schritten durchquert hatten. Jedoch stoppten sie an der einzigen Palme, die im sandigen Boden wuchs, und betrachteten Solta'divan. Jetzt konnten sie mehr Details erkennen. Einige Piratenschiffe fuhren auf die Insel zu oder lagen dort vor Anker. Auf den Türmen des Hafens waren Geschütze stationiert worden, und sie entdeckten mindestens einen weiteren Knochenhorror. „Das ist ne ganze Menge.“ gab Feron zu bedenken. „Ja, und sie sind gut vorbereitet.“ fügte Dara hinzu. Awelia schluckte. Sie traute sich einiges zu, doch auch sie hatte Grenzen. Die Heilung des Drachen war erschöpfend gewesen, und auch wenn sie sich wieder fit fühlte, zeigte es ihr gut auf, wo die Grenzen lagen. Sie würden den Schergen des Schatten schwer zusetzen, doch letztendlich würden sie scheitern. Gerade wollte sie ihre ernüchternde Erkenntnis mit den anderen teilen, da hörte sie einen Laut im Wind. Sie brauchte einen Moment, um es einzuordnen. Es war ein Horn, das geblasen wurde. Das hohe Geräusch wiederholte sich, und andere Hörner fielen ein. Ka'dal begann laut zu lachen.
Auf anderen Inseln in der Nähe und im Wasser war Bewegung. Sie konnten Echsenmenschen auf den Inseln ausmachen, und im Wasser schwammen große Kreaturen. Hinter ihnen kamen ein Dutzend Echsen auf die Insel, mit Speeren und Bögen bewaffnet. Ka'dal rief ihnen etwas zu, und sie nahmen die Waffen herunter. Es folgte ein schneller Wortwechsel, den die Menschen nicht verstanden. Die neu hinzu gekommenen Echsen gestikulierten wild in Richtung des Hafens und schoben sich schließlich an Ka'dal vorbei. „Was ist los?“ fragte Dara. „Heute holen wir unsss unssser Reich zurück.“ antwortete die Echse inbrünstig und rannte den anderen nach.

Zu dritt rannten sie über das Wasser, den Echsenmenschen hinterher. Feron sah sich um. Überall war das Wasser aufgewühlt, da Echsenmenschen und andere Kreaturen auf die große Insel zuschwommen. Es mussten hunderte sein. Auch in die Verteidiger war Bewegung gekommen. Die Schiffe liefen aus dem Hafen aus und auf den Türmen wurden die Geschütze geladen. Es gab einen kurzen Moment, in dem sich die beiden ungleichen Streitkräfte aufeinander zu bewegten, und in dem es praktisch still war, als hielte die Welt den Atem an. Während die Echsen direkt und ungeordnet auf den Hafen Kurs nahmen, bemühten sich die Piratenschiffe, eine Verteidigungslinie zu bilden. Dann eröffneten die Geschütze das Feuer. Steinbrocken und Ballisten-Bolzen regneten in das Wasser. Kurz darauf begannen Bogenschützen von den Schiffen zu schießen. Feron sah, wie Echsen getroffen wurden und in die Tiefe sanken. Das Wasser färbte sich rot. Doch die Echsen wehrten sich. Große Schildkröten, auf deren Rücken Belagerungswaffen gebunden waren, tauchten aus dem Wasser auf. Während die Schildkröten weiter schwammen, bedienten Echsenmenschen die Waffen und begannen, die Piratenschiffe zu beschießen.
Pfeile kamen ihnen entgegen und schlugen ins Wasser. Awelia schleuderte einen Feuerball auf das nächstgelegene Schiff, der auf dem Deck explodierte und es in Brand setzte. Brennende Piraten sprangen schreiend von Bord. Andere Schiffe wurden von den Belagerungswaffen getroffen und begannen zu sinken, oder wurden von Echsenmenschen geentert. Awelia setzte die Flanke eines weiteren Schiffes in Brand. Einer der Türme hatte sie als Ziel auserkoren, und Feron zerrte sie gerade rechtzeitig zur Seite, bevor ein überdimensionierter Bolzen die Luft durchschnitt. Hastig gingen sie hinter dem brennenden Schiff in Deckung. „Hilfe!“ rief eine Stimme. Awelia blickte sich verblüfft um, und entdeckte einige Piraten im Wasser. „Helft uns!“ rief einer von ihnen und wedelte hilflos mit den Armen. „Das hättet Ihr Euch vorher überlegen können, Schwachköpfe.“ gab die Zauberin zurück und lief ans andere Ende des Schiffs. Der Turm, der sie beschossen hatte, war in einer Rauchwolke verschwunden. „Los, weiter!“ rief Feron und lief an ihr vorbei.

Sie erreichten den Hafen kurz nach den ersten Echsenmenschen. Die hastig aufgebauten Barrikaden hatten den Echsen nicht standhalten können. Überall waren die Knochen von zerschlagenen Skelettkriegern, und auch einige gefallene Piraten lagen auf dem Kai. Die meisten Menschen hatten sich jedoch ergeben und hockten jetzt zusammengekauert in einer Ecke, während sie von grimmig dreinschauenden Echsenmenschen bewacht wurden. Awelia blickte zurück aufs Meer. Die Flotte an Piratenschiffen war besiegt, alles was nicht versenkt worden war, wimmelte vor Echsenmenschen. Viele der Schildkröten waren draußen auf dem Wasser geblieben und schossen jetzt auf andere Teile der Insel. Immer mehr Echsen kamen im Hafen an Land und drängten auf die Insel. Sie konnte die Zuversicht fast spüren. Zum ersten Mal, seit sie vertrieben worden waren, waren sie wieder hier, im Zentrum ihres einstigen Reiches. „Worauf ihr warten?“ schrie jemand. Sie sah sich plötzlich Ka'dal gegenüber, der ungeduldig mit seiner Axt fuchtelte. „Losss!“ zischte die Echse, und sie bemühten sich, ihm zu folgen.
Die an den Hafen grenzende, mit großen Pflastersteinen befestigte Straße war von verfallenen Zweistöckigen Häusern gesäumt. Es wurde bereits gekämpft, und die ersten Echsen säuberten die Gegend von den verhassten Skelettkriegern. Während sie zusammen mit dutzenden anderen die Straße entlang stürmten, stellte sich ihnen eine Wand von Skeletten in den Weg. Awelia wollte nicht zu den mit Schwertern und auch Schilden bewaffneten magischen Kreaturen, doch die Masse der Echsen um sie herum ließ ihr keine Wahl. Sie schaffte es, eines der Skelette aufzulösen, bevor sie, durch die Leiber nach vorn gedrängt, den Feind erreichte. Die Echse neben ihr wurde sofort von einem Schwert durchbohrt. Sie selbst entging dem ersten Schlag und begann mit dem Skelett um die Waffe zu ringen. Es war klar, dass sie keine Chance hatte, und nach wenigen Augenblicken hatte sich ihr Gegner befreit. Erschrocken sah die Zauberin auf, und das Skelett wurde von einem umherfliegenden Pfeil getroffen und enthauptet. Awelia wollte sich nach dem Schützen umsehen, doch überall um sie herum wurde gekämpft. Der Lärm war ohrenbetäubend. Das Klirren der Klingen, die Kriegs- und Todesschreie. Sie wusste nicht, wo die anderen abgeblieben waren, um sie herum waren nur noch Echsen und Skelette. Awelia löste die Magie eines weiteren Kriegers auf. Plötzlich wurde sie zur Seite gerissen, als eine Echse ein Skelett hinter ihr zerstörte, nur um selbst einen Augenblick später zu fallen. Sie blickte dem zu Boden sinkenden Körper hinterher und schickte einen Sonnenblitz zu seinem Mörder, der in tausend Stücke gesprengt wurde.
Awelia verschaffte sich eine kurze Atempause und sie nutzte den Moment, um sich umzusehen. Es gab keine Ordnung, keine Formation. Jeder kämpfe gegen das, was ihm am nächsten stand, ein einzelner unbedeutender Zweikampf von Dutzenden. Wie auch immer sie sich eine Schlacht vorgestellt hatte, das hier war Wahnsinn und Chaos. In dem Moment, wo die Körper aufeinander geprallt waren, war jede Absprache vergessen und jeder kämpfte um sein eigenes Leben. Sie sah Skelette und Echsen gleichermaßen sterben, doch von hinten rückten immer neue Kämpfer nach. Ernüchternd und entsetzt stellte sie fest, dass die Seite gewinnen würde, die am längsten Körper in den Kampf werfen konnte.
Feron riss den Schild des Skelettes nach unten und spaltete seinen Brustkorb. Er nahm den Schild seines auseinanderfallenden Gegners und zerstörte einen weiteren. Ein Skelettkrieger stürmte auf ihn zu und er parierte den Schlag mit dem Schild. Ein zweiter Angreifer kam hinzu und der Drachentöter wich zurück. Als eines der Skelette erneut angriff, machte Feron einen Ausfall und schlug ihm den Arm ab. Bevor das andere angreifen konnte, wurde es von hinten von einer Echse niedergestreckt. Feron zerstörte den übrigen Gegner. Er wollte etwas zur Echse sagen, doch sie war bereits verschwunden. Überall wurde gekämpft. Gleich zu Beginn hatte er Awelia aus den Augen verloren. Dara war in seiner Nähe, sie schlug sich gut. Feron hatte schon einige Kämpfe bestritten, doch in einer Schlacht war er noch nie gewesen. Die Wildheit der Echsenmenschen war beeindruckend, auch wenn viele von ihnen gegen die emotionslosen Diener des Schatten fielen. Er kämpfte sich weiter durch die aus dem Schlachtgetümmel auftauchenden Skelette. Es spielte keine Rolle, wo er hinging, überall waren Gegner. Ein Pfeil traf ihn in die Schulter und er strauchelte grunzend. Er rutschte aus und stürzte. Der Boden war glitschig vor Blut. Feron zog sich über die Leiche eines Echsenmenschen hinweg und warf einen Blick auf seine verletzte Schulter. Der Pfeil steckte nicht tief. Er griff nach unten und stopfte sich sein Hemd in den Mund. Dann zog er den Pfeil heraus. Tränen stiegen in Ferons Augen, als ihn der Schmerz in Wellen überkam. Die Wunde blutete und er rappelte sich gerade rechtzeitig auf, um dem angreifenden Skelettkrieger zu begegnen. Der Drachentöter wollte ihm den Schild ins Gesicht schlagen, doch er hatte ihn irgendwo verloren. Stattdessen brach er dem Skelett die Nasenreste und sich selbst vielleicht einen Finger. Mit einem Schwerthieb halbierte er seinen Gegner und hielt nach dem nächsten Ausschau.

Awelia taumelte wie betäubt durch das Schlachtfeld. Hin und wieder vernichtete sie ein Skelett mit einem Zauber. Auf einmal blieben die Kämpfer hinter ihr zurück. Verblüfft drehte sie sich um. Sie blickte den Weg zurück auf die leicht abschüssige Straße hinab zum Hafen. Wie viele Echsenmenschen hier auch kämpften und starben, hunderte mehr strömten vom Hafen herauf. Ihre bloße Masse würde ausreichen, den Kampf zu ihren Gunsten zu entscheiden. Die Skelette konnten dem wilden Angriff der zu allem entschlossenen Echsen, die zum ersten mal die Freiheit rochen, nicht widerstehen. Die Zauberin sah hoch zum Steinkopf und revidierte ihre Meinung. Auf der Straße vor ihr war ein Knochenhorror aufgetaucht, mit zwei Dutzend Skelettkriegern im Schlepptau. Awelia verzog das Gesicht und sammelte ihre Kraft. Ein Schatten rauschte über sie hinweg und wie aus dem Nichts senkten sich gewaltige Klauen herab. Der Knochenhorror wurde in einem Schauer aus Knochensplittern zerfetzt, die wie Geschosse in die dahinter gehenden Skelette rasten und die Mehrzahl niederstreckten. Kas'hal'mar flog knapp über den Ruinen und zog einen engen Bogen, bevor er die restlichen Skelette zusammen mit einer der Ruinen ausradierte. Der Drache brüllte.
Das Erscheinen des Drachen war wie ein Dammbruch. Mit neuem Mut stürzten sich die Echsen wie ein Mann vor und machten die restlichen Skelette nieder. Feron fand Dara und zusammen mit den Echsen rannten sie die Straße hinauf. Sie mussten kein Wort wechseln, sie wussten, dass sie Awelia finden mussten, die irgendwo in der Masse der Echsenmenschen war. Wann immer sich Skelette blicken ließen, fielen die Echsen wie eine Welle über sie her. Der Widerstand war gebrochen und die Echsenmenschen säuberten Straße um Straße, Haus um Haus von dem verhassten Feind. Immer wieder ging der Drache über ihnen in den Sturzflug über, donnerte über die Ruinen hinweg und löschte ganze Gruppen von Skeletten aus.

Awelia lief mit der Spitze des Angriffs. Die Echsenmenschen schwappten wie eine Flutwelle durch ihre ehemalige Hauptstadt. Voraus, kurz vor dem Plateau mit der Brücke, erkannte sie zwei Türme. Bolzen rasten durch die Luft. Awelia wollte in Deckung gehen, doch die Geschosse flogen hoch über ihr durch die Luft. Sie brauchte einen Moment, bis sie begriff, dass die Geschütze versuchten, Kas'hal'mar abzuschießen. Der Drache schoss hoch in den Himmel, kreiste kurz und schoss dann hinab. Kurz vor dem Aufschlag breiteten sich die gewaltigen, löchrigen Schwingen aus und er raste über die Stellungen der Schergen hinweg. Während er über die geschockten Verteidiger hinwegzog, spie er seinen Drachenfluch auf sie. Doch statt des Feuers, dass Awelia erwartet hatte, kam eine pechschwarze Wolke aus dem Maul, die das Leben von allem raubte, das sie berührte. Urplötzlich lagen die Türme still vor ihnen. Selbst die Echsen rückten jetzt langsamer vor. Das Bild, das sich Awelia bot, war erschreckend. Von den menschlichen Verteidigern waren nur leere, verfallene Hüllen übrig geblieben. Sie waren in wenigen Augenblicken um Jahrzehnte gealtert durch die Todesenergie, die Kas'hal'mar freigesetzt hatte. Die Zauberin war besorgt, doch sie hatte wenig Zeit, darüber nachzudenken, denn die Echsenmenschen drängten weiter vor. Über ihnen griff der Drache das Plateau an. Awelia musste dort hin, denn auch der Diener des Schatten würde dort sein. Ich muss ihn erreichen, bevor Kas'hal'mar ihn tötet. Nur so kann ich herausfinden, was der Schatten vorhat. dachte sie düster. Zusammen mit dutzenden Echsen lief sie die Rampe zum Plateau hinauf. Der riesige Steinkopf kam in Sicht und die Augen waren starr auf die heranstürmenden Krieger gerichtet. Der Sieg schien zum Greifen nah. Awelia warf einen kurzen Blick zurück, die Echsenmenschen hatten die Stadt unter ihnen eingenommen und vom Meer kamen immer noch Nachzügler herein. Nein, die Schergen des Schatten hatten bereits verloren. dachte sie. Kas'hal'mar zog über sie hinweg, brach jedoch plötzlich zur Seite aus. Ein greller Lichtblitz verfehlte den Drachen nur knapp.
Feron folgte mit Dara den Echsen, die auf das Plateau stürmten. Doch die Menge stockte. Von vorn ertönte Kampflärm. „Das letzte Aufgebot.“ flüsterte er, mehr zu sich selbst. Einige der Echsen vor ihnen hasteten zur Seite, während sie von hinten weiter geschoben wurden. Schwarz gerüstete Krieger hatten den Angriff der Echsen abgefangen und ein blutiger Nahkampf war entbrannt. Von irgendwo war Ka'dal aufgetaucht. „Gehen helfen Achelia!“ fauchte die große Echse. „Wo?“ rief Feron zurück, denn er konnte die Zauberin nicht entdecken. „Da, bei Kas'loh'ran.“ Ka'dal zeigte über ihre Köpfe hinweg in Richtung der Brücke, bevor er laut fauchend vorstürmte und einen der feindlichen Krieger niedermachte.

Als sie sich durch die letzten Echsen hindurchgedrängt hatten, sahen sie endlich Awelia. Sie stand vor einem der Krieger, doch dieser war mindestens genauso groß wie Ka'dal. Seine mit seltsamen Ornamenten verzierte Rüstung schien matt zu leuchten, den Helm schmückte eine groteske Fratze irgendeiner Bestie, die den Blick auf das Gesicht verbarg. Die beiden schienen zu diskutieren. Als sich Feron und Dara näherten, wandte Kas'loh'ran den Kopf zu ihnen. „Ah, das Schoßhündchen.“ sagte er belustigt, wobei seine Stimme vom Helm gedämpft wurde. „Du hast keinen Ausweg, ergib dich jetzt.“ forderte Awelia laut, doch der Schurke ignorierte sie. „Ich habe schon einiges gehört. Es wird sicherlich amüsant, bevor ich dich in Streifen schneide.“ lachte er. Feron trat mit gezogenem Schwert vor Awelia. „Ich hab schon größere getötet als dich.“ antwortete er lapidar und zuckte mit den Schultern. Kas'loh'ran zog seine Klinge. Es war ein filigranes, mit Runen verziertes Schwert. Als es aus der Scheide gezogen wurde, begann es blass zu leuchten. Ferons Augen weiteten sich vor Schreck, doch er fing sich schnell wieder. Seelenfänger. Es existiert also wirklich. Ich hab es immer für einen Mythos gehalten. dachte er überrascht. Ein noch so kleiner Schnitt, und meine Seele wird in dieser Klinge gefangen, bis in alle Ewigkeit. „Oh, du kennst es?“ fragte der Schurke. „Ich habe schon hunderte damit getötet, die besser waren als du.“ „Das ändert gar nichts.“ knurrte Feron und stürzte sich vor. Sein erster Schlag wurde von Seelenfänger pariert, auch die folgenden wehrte sein Gegner ab, ohne sich von der Stelle zu bewegen. „Lachhaft.“ kommentierte Kas'loh'ran und griff nun seinerseits an. Feron wich zur Seite aus und parierte den Rückhandschlag. Seine ermüdeten und geschundenen Muskeln protestierten schmerzhaft, doch der Drachentöter ignorierte es. Mit einer Finte überwand er die Deckung und es gelang ihm, einen Treffer anzubringen, der jedoch nicht durch die Rüstung ging. Sein Gegner lachte amüsiert auf und bewegte sich mit einer Abfolge schneller Schläge auf ihn zu. Feron rollte sich zur Seite und scheiterte abermals an der Rüstung. „Mehr hast du nicht auf Lager?“ fragte Kas'loh'ran höhnisch, und der Drachentöter entging Seelenfänger um Haaresbreite. Der Bastard spielt nur mit mir! dachte er wütend und setzte mit einem schnellen Stoß vor. Doch es war, als hätte der Diener des Schatten den Angriff vorhergesehen und parierte ihn mühelos. „Wird Zeit, dieses Trauerspiel zu beenden.“ sagte er gelangweilt. Feron sah den Angriff kommen, dem er nicht ausweichen konnte. Wie von selbst hob sich Silberschlag und parierte den Angriff. Mehr als jemals zuvor in der Zeit, seit er das Schwert in Zakars Höhle an sich genommen hatte, machte sich die Eigenwilligkeit Silberschlags bemerkbar. Es war kein normales Schwert, es war als hätte es einen eigenen Willen. Er spürte Silberschlags Gedanken, dass es wütend war auf die Perversion, die Seelenfängers Existenz darstellte. Die beiden Schwerter kollidierten und magische Funken sprühten, als sie versuchten, einander zu bekämpfen. Ein hohes Summen erklang von seinem Schwert, ob durch den Aufprall oder das plötzliche Eigenleben konnte Feron nicht sagen. Doch er nutzte die Sekunde des Schocks, der Kas'loh'ran überkommen hatte. Der Drachentöter rollte sich zur Seite und stieß zu. Diesmal durchbrach er die Rüstung und sein Gegner schrie auf. Die gepanzerte Faust traf Feron im Gesicht und schleuderte ihn zu Boden. Blut lief über sein Gesicht und vernebelte seinen Blick. „Nicht schlecht, aber jetzt stirbst du!“ brüllte Kas'loh'ran. Seelenfänger fuhr auf ihn nieder, und Feron parierte im letzten Moment. Taumelnd rappelte er sich auf. Er hatte heute schon zu viel einstecken müssen, er spürte, wie ihn die Kräfte verließen. Kas'loh'ran setzte ihm nach und Feron war zu langsam. Seelenfänger schnitt tief in seinen ohnehin schon geschundenen Arm.

Awelia betrachtete mit mulmigem Gefühl den Kampf. Sie wollte nicht eingreifen, um Feron nicht in seiner Ehre zu verletzen. Sie traute ihm viel zu, doch was Dara über das Schwert von Kas'loh'ran gesagt hatte, machte ihr große Sorgen. Wenn es stimmte, dann brauchte es nur einen Treffer und Feron würde sterben. Sie hatte die Kämpfe auf dem Weg hierher miterlebt, sie wusste, dass der Drachentöter mitten drin gewesen war. Er war verletzt und erschöpft, während Kas'loh'ran gut erholt hier gewartet hatte.
Sie betrachtete geschockt, wie Feron zu Boden ging. Er kam wieder hoch, doch er war sichtbar geschwächt. Kas'loh'rans Schwert traf ihn und er kippte zur Seite. Awelia stand da mit offenem Mund wie gelähmt. „Steh auf.“ flüsterte sie entsetzt. „Mach schon, steh auf.“ „So viel zum Schoßhund.“ lachte Kas'loh'ran laut. Wut flammte in Awelia auf. Der Diener des Schatten hatte seine Leute die Drecksarbeit machen lassen und obendrein mit unfairen Mitteln gekämpft. Er hatte unfair gekämpft und Feron getötet. Er hatte Feron getötet. Die Wut kochte in ihr hoch. Vergiss das Verhandeln. Scheiß auf den Schatten. Kas'loh'ran stirbt jetzt. dachte sie grimmig. Die Zauberin hob eine Hand und ein Sonnenblitz schoss auf den Diener des Schatten zu. Kas'loh'ran riss gerade noch rechtzeitig die Hände hoch und erzeugte einen Zauberschutz. Er wollte etwas sagen, doch Awelia schleuderte einen Feuerball. Als sich der Rauch verzogen hatte, stand Kas'loh'ran lachend hinter seinem Schild. Die Zauberin schnippte mit den Fingern und der Schutz zersprang in tausend winzige Splitter. Das Lachen erstarb. Awelia kanalisierte die rohe Magie und ließ sie auf ihren Gegner los. Kas'loh'ran hielt Seelenfänger schützten vor sich, und es teilte lenkte die Magie zu den Seiten ab, um seinen Meister zu schützen. Das Schwert hielt der Magie stand. Doch nicht lange, denn Awelia konnte durch den magischen Sturm, den sie entfesselt hatte, die wachsenden Risse erkennen, die das verfluchte Mordinstrument überzogen, und selbst über das Tosen der arkanen Kraft konnte sie das schmerzhafte Schreien hören.
Als Seelenfänger starb, fegte eine gewaltige Schockwelle über das Plateau und riss alle von den Füßen. Die Seelen, die seit Äonen in dem Schwert gefangen waren, wurden schlagartig befreit. Ihr wildes, unheimliches Heulen, als sie in alle Winde davon rasten, war markerschütternd. Doch Awelia hörte davon nichts. Alles, was sie interessierte, war Kas'loh'ran zur Strecke zu bringen. In ihrer Hand bildete sich eine hell leuchtende Kugel, die vor Energie knisterte. Ein Lichtbogen, gleich einem Blitz aus den Wolken, spannte sich zwischen Ihr und dem Diener des Schatten. Die Rüstung leitete den magischen Blitz gut, und er schrie vor Schmerz auf. Ohne Waffe und ohne Möglichkeit, sich zu verteidigen, trat Kas'loh'ran die Flucht an. Der Diener des Schatten rannte so schnell er konnte über die Brücke. Awelia schleuderte einen weiteren Zauber nach ihm, der jedoch in einem schwarzen Schleier verschwand, der sich plötzlich zwischen ihnen bildete. Die Zauberin machte weiter, bis sie das Knurren des Schatten hörte, der schützend seine Hand vor Kas'loh'ran hielt. „Feigling!“ schrie Awelia aus vollem Hals. „Hörst du mich, du verdammter Feigling? Komm zurück und kämpfe!“

Ein helles, diffuses Licht schien auf ihn herab. Er wusste nicht, wie er hierher gekommen war, oder was das hier überhaupt war. In weiter Ferne zog weißer Nebel entlang, langsam und gleichmäßig, ohne wirklich die Form zu verändern. „Hallo!“ rief er laut, doch niemand antwortete. Was ist das hier? Wo bin ich? fragte er sich verwirrt. Dann trat eine wichtigere Frage an die Stelle der anderen. Was ist passiert? Es hatte einen Kampf gegeben, daran konnte er sich erinnern. Doch was war dann geschehen? Er erinnerte sich an einen schwarzen Ritter, der ihn angegriffen hatte. „Richtig, ich habe gegen Kas'loh'ran gekämpft.“ flüsterte er nachdenklich. Doch wenn er sich richtig erinnerte, dann hatte sein Gegner gewonnen und ihn mit seiner verderbten Waffe getroffen. Demzufolge musste das hier das Gefängnis von Seelenfänger sein. „Sieht nicht nach viel aus.“ murmelte Feron. Langsam ging er los, über die endlose Ebene.
Feron hatte viel Zeit zum Nachdenken. Die Landschaft veränderte sich kein bisschen, und auch der Nebel blieb stets in der gleichen Entfernung. Immerhin ermüdete er auch nicht, und so waren seine Gedanken das Einzige, was ihm Gesellschaft leistete. Anfangs fragte er sich, was er bei dem Kampf hätte anders machen sollen. Was hätte er tun können, um Kas'loh'ran zu besiegen? Doch es wurde offensichtlich, dass er über kurz oder lang in jedem Fall verloren hätte. Er war zu erschöpft gewesen, um ernsthaft einen Sieg zu erwarten. Schließlich richtete er seine Gedanken auf etwas anderes. Was hatte der Schatten davon, die Perleninseln zu unterjochen und zu zerstören? Zusammen mit den anderen Dienern, und mit dem, was Awelia noch gesehen hatte, wirkte es sinnlos und zufällig. Doch niemand wendete einfach so diese Menge von Ressourcen auf. Es musste einen Plan geben, sie verstanden nur nicht, welchen. Am Anfang hatte Feron gedacht, der Schatten war ein mächtiger Schwarzmagier. Der Rote Zirkel und selbst die Dienerin in Karturas waren deutlich von Todesmagie beeinflusst. Doch passten die Vorkommnisse auf den Perleninseln nicht ins Bild. Vielleicht hatte Awelia es deswegen übersehen. Plötzlich nutzte der Schatten Feuermagie, die sich wie ein Teppich über das Inselreich legte. Aber wieso hatte er nicht alles in totes Land verwandelt?
Je länger er darüber nachdachte, desto ausgereifter wurde Ferons Theorie. Er verstand sie selbst nicht vollständig, dafür verstand er zu wenig von Magie. Doch mit dem, was er wusste, konnte er sich etwas zusammenreimen. Man musste ein mächtiger Zauberer sein, um etwas so großes wie die Perleninseln zu verzaubern. Noch dazu schien der Schatten auf vielen magischen Gebieten bewandert zu sein. In gewisser Weise waren er und Awelia sich ähnlich, auch wenn er das lieber für sich behielt. Die Zauberin hatte problemlos Magie gegensätzlicher Elemente gewirkt. Vielleicht war sie Teil von etwas Größerem, eine Art innerer Kampf, der nach außen getragen wurde, und durch den ihr Gedächtnis verloren gegangen war. Feron schüttelte den Kopf, denn der Gedanke war absolut lächerlich.
Irgendwann erweckte etwas seine Aufmerksamkeit. Ein Leuchten am Rande seines Blickfelds, dass sich schwach vom Hintergrund abhob. Feron drehte sich herum, und betrachtete, wie das Licht langsam über die Ebene wanderte. Er lief darauf zu und folgte ihm, wobei er deutlich schneller war. Das Licht hing einfach in der Luft, es gab keine Flamme oder dergleichen. Mit monotoner Geschwindigkeit schwebte es über die Ebene, während Feron ihm hinterher lief. Irgendwann hielt das Licht unvermittelt an, und er wäre fast in es hineingelaufen. Still stand der Drachentöter da und beobachtete das Licht. „Hallo.“ ertönte eine Stimme. „Hallo?“ antwortete Feron überrascht. „Es ist lange her, dass ich jemanden getroffen habe.“ sagte das Licht. „Was bist du?“ fragte Feron neugierig. „Einst war ich ein … Mensch, denke ich. So wie du.“ antwortete das Licht zögernd. „Ich bin Feron, und wie heißt du?“ „Ich … weiß nicht. Ich kann mich nicht erinnern. Ich habe meinen Namen vor langer Zeit verloren, ebenso wie meinen Körper.“ „Wie lange bist du schon in Seelenfänger gefangen?“ fragte Feron. „Seelenfänger … das sagt mir nichts.“ „Das Schwert mit dem du getötet wurdest.“ Das Licht überlegte eine Weile. „Ich glaube nicht, dass ich ermordet wurde.“ meinte es schließlich. „Aber das ist doch das Gefängnis des magischen Schwerts. Es verschlingt die Seelen seiner Opfer.“ erklärte Feron verwirrt. Das Licht lachte und pulsierte leicht. „Nein, das hier ist vieles, aber kein Gefängnis.“ sagte es. „Dann … bin ich tot?“ fragte Feron. „Ja. Und nein. Dies, was du hier siehst, ist für all jene, die nicht mehr unter den Lebenden weilen, aber noch immer mit der sterblichen Welt verbunden sind.“ Es machte eine Pause, bevor es fortfuhr. „Es ist der Fluch, weder zum Jenseits gehen zu dürfen, noch zum Diesseits zurückkehren zu können. Wir sind beide verlorene Seelen, auf Ewig gestrandet in einer Halbwelt.“

Awelia sah hilflos mit an, wie Kas'loh'ran das andere Ende der Brücke erreichte. Sie wartete auf das höhnische Lachen des Schatten, doch es kam nicht. Nachdem sein Diener in Sicherheit war, ließ er seinen Schutz fallen, und der Schleier löste sich auf. Sie beide, Awelia und der Schatten, hatten heute viel verloren. Awelia drehte sich um. Dara stand hinter ihr, den Blick auf den Steinkopf gerichtet. Dann erblickte sie Ferons leblose Gestalt. Sie rannte zu ihm und kniete sich neben ihn. „Oh nein. Oh nein.“ flüsterte sie, während sie den Drachentöter betrachtete. Er lag in einer großen Lache aus Blut, das Schwert musste die Arterie getroffen haben. Awelia nahm den Kolben von ihrem Gürtel, in dem noch etwas Wasser war, und schloss die Augen. Sie ließ die Magie in das Wasser fließen, wie sie es schon einmal getan hatte. Ferons Wunden würden heilen, alles würde so werden wie es war. Vorsichtig träufelte die Zauberin das Wasser über die Verletzungen. Schon nach wenigen Sekunden begannen sich die Wunden zu verschließen, und es war, als hätte es sie nie gegeben. „Komm schon, steh auf.“ flüsterte Awelia, Tränen in den Augen. „Steh auf, ich flehe dich an, steh auf!“ Eine Hand legte sich auf ihre Schulter. „Seelenfänger hat ihm seine Seele entrissen. Auch wenn das Schwert zerstört wurde, es gibt nichts mehr, was wir tun können. Awelia, es tut mir leid, er ist tot.“ flüsterte Dara. „Nein, nicht nach all dem, das darf nicht sein.“ schluchzte sie, während Tränen über ihr Gesicht rannen. Die Wächterin nahm sie vorsichtig in die Arme und zog sie von Ferons Leiche fort.

„Aber irgendwie müssen wir doch von hier fortkommen.“ sagte Feron. „Ja, irgendwann wird sich der Bezug lösen, der uns an der sterblichen Welt festhält, und wir werden endlich wirklich sterben.“ antwortete das Licht. „Ich weiß noch, dass ich an einem Artefakt gearbeitet habe. Ich hoffe, wenn sich seine Energie irgendwann erschöpft, dass ich endlich sterben kann.“ „Aber ich muss zurück. Die Welt ist in Gefahr.“ protestierte Feron. „Hm. Die meisten, die ich traf, fanden ihren Weg ins Jenseits. Nur einer kehrte ins Diesseits zurück. Was hält dich an der Welt der Lebenden?“ fragte das Licht. Feron überlegte. „Ich weiß es nicht.“ antwortete er schließlich. „Aber wie viele hast du denn gesehen?“ „Ich denke es waren acht. Aber da bin ich mir nicht sicher.“ meinte das Licht. „Und der eine, der zurückkehren durfte, was hat er getan?“ „Es tut mir leid, ich weiß es nicht. Damals hatte ich noch einen Körper.“ sagte das Licht. „Aber wenn du möchtest, kann ich dir Gesellschaft leisten. Die Ewigkeit ist erträglicher, wenn man nicht allein ist.“
Gemeinsam gingen sie über die endlose Ebene. Es gab nicht viel zu sehen, und Feron erzählte dem Licht, was in der Welt geschehen war. Leider konnte sich das Licht an nichts vor seinem Ableben erinnern, doch es erzählte von den andern, die es getroffen hatte. Feron glaubte, zumindest von einem der anderen gehört zu haben. Irgendein Magier, der bei einem Experiment ums Leben gekommen war. Doch er konnte sich partout nicht an den Namen erinnern. Dafür konnte das Licht viel von der Ebene erzählen, auf der sie sich befanden. Sie war keineswegs so monoton wie gedacht. An einigen Stellen schien das allgegenwärtige Leuchten stärker zu sein, und Ferons Begleiter mutmaßte, es wären die endlosen Sterne am Firmament. Und er schwor Stein und Bein, ein mal eine Pflanze am Rand des Nebels gesehen zu haben. Doch so sehr er sich auch bemühte, er konnte sie nicht erreichen. Als er sich schlussendlich abwandte, war sie verschwunden.
Seit einiger Zeit nun schon gingen sie schweigend. Feron dachte an Awelia, und wie sie nun ohne ihn auskommen musste. Er hoffte, sie würde den Schatten besiegen können. Das schlimmste wäre, sie hier irgendwann zu treffen. Für einen kurzen Moment verdunkelte sich das Leuchten. „Was war das?“ fragte Feron überrascht. „Es wird Zeit für einen von uns, diese Welt zu verlassen.“ erklärte das Licht. Gebannt starrten sie einander an. Dann war es, als ob das Licht empor stieg. Doch nur für einen Moment, denn Feron spürte, wie seine Füße kalt wurden. Er hatte seit seiner Ankunft in dieser Zwischenwelt nichts mehr gespürt, und das Gefühl überraschte ihn mehr als alles andere. „Ich beneide dich.“ sagte das Licht, während Feron langsam im Boden versank. Der Drachentöter sah an sich hinab. Er war bereits bis zu den Knien im Boden versunken. Es war, als ob er in einem Moor stünde. „Du darfst zurückkehren zu den Lebenden.“ sagte das Licht. „Nutze die Chance, die man dir schenkt. Und eine Bitte …“ „Wie sieht das Artefakt aus?“ fragte Feron, während er schon bis zur Brust versunken war. „Ich weiß es nicht.“ antwortete das Licht. „Ich halte Ausschau danach.“ sagte Feron zuversichtlich, und versuchte, einen nach oben gestreckten Daumen zu zeigen, während der Boden ihn vollständig verschlang.
Als der kalte, tote Boden ihn umschloss, fühlte Feron Angst in sich aufsteigen. So hatte er sich eine Rückkehr nicht vorgestellt. Vielmehr hatte er eine himmlisches Wesen erwartet, dass ihn mit Harfenklängen zu den Perleninseln brachte. Doch die Realität war weit weniger freundlich. Der Boden drückte auf ihn ein und Erde floss in seinen Mund, füllte seine Lungen. Jede Faser seines Körpers schmerzte. Er war blind und konnte sich nicht bewegen, konnte nicht atmen. Vielleicht würde er nun einfach sterben.

Awelia hatte sich mühsam gesammelt. Dara hatte sie getröstet, und es half etwas. Ka'dal trat an sie heran. „War guter Kämpfer. Hat viel geholfen. Issst nun bei Ahnen.“ sagte die Echse anerkennend. Sie war von Blut bedeckt, dass nicht ihr eigenes war. Die Zauberin schniefte und nickte. Die Echsenmenschen hatten gewonnen und die letzten Schergen des Schatten besiegt. Viele waren gestorben, doch sie hatten nach all der Unterdrückung und all den Schrecken ihr Land, ihre Inseln zurückerobert. Kas'hal'mar zog hoch über ihnen seine Kreise. Awelia versuchte, sich zu einem Lächeln durchzuringen, doch es wollte ihr nicht gelingen. „Müsssen gehen über Brücke. Kas'loh'ran finden und töten.“ erklärte die Echse und versammelte einige Echsenmenschen um sich. „Dann lasst uns gehen.“ sagte Awelia mit belegter Stimme. Sie hörte ein Würgen und Prusten. Verwirrt sah sie zu Dara, die fassungslos auf etwas starrte. Irritiert trat sie neben die Wächterin, und traute ihren Augen nicht. Feron lag bebend auf dem Boden, während Erbrochenes aus seinem Mund lief. Dara überwand ihren Schrecken als erstes und eilte zum Drachentöter. Sie richtete ihn auf und schlug ihm wiederholt auf den Rücken.
Feron hatte Tränen in den Augen, doch konnte endlich wieder frei atmen. „Mann, ist das Scheiße.“ hustete er hervor. „Wie ist das möglich? Du warst tot. Ich habe alles versucht, doch es hat nichts genützt.“ weinte Awelia fassungslos, die neben ihm aufgetaucht war. „Ich war fast tot. Aber etwas hat mich hier gehalten.“ antwortete der Drachentöter, während er sich die Tränen aus den Augen wischte. „Aber was?“ „Keine Ahnung.“ Er blickte auf Silberschlag, das nach wie vor in seiner Hand lag, dann auf Awelia. „Im Kampf habe ich plötzlich die Gedanken des Schwerts gespürt … ich weiß es nicht.“ wiederholte er. „Sssolange ihm nicht dasss Fleisss von den Knochen fällt. Habe ssson ssslimmeresss gesssehen. Losss jetzt. Holen wir Kas'loh'ran.“ sagte Ka'dal. Awelia fiel Feron um den Hals. „Jage mir nie wieder so einen Schrecken ein. Ich brauche dich.“ flüsterte sie schluchzend. Über ihnen flog Kas'hal'mar vorüber und ließ sein donnerndes Brüllen ertönen, bevor er sich dem Meer zuwandte.

Feron brauchte noch einen Moment, um sich wieder zurecht zu finden. Dara erzählte ihm, dass Kas'loh'ran geflohen war, während Awelia ihn immer noch ungläubig betrachtete. Schließlich setzten sie sich zusammen mit einem Dutzend Echsenmenschen in Bewegung und überquerten die Brücke. Es war ein seltsames Gefühl, sich dem Kopf und dem aufgerissenen Mund zu nähern. Sie blickten ehrfürchtig auf zu dem riesigen Gesicht, dessen Augen zu ihnen hinab starrten. Der bewaldete Abgrund unter ihnen war über hundert Schritt tief, und sie konnten das Rauschen der Brandung hören. Sie erreichten das Ende der Brücke und standen vor dem Mund, der eine Höhle von mindestens fünf Schritt Höhe war. Die Echsen waren sicher, dass Kas'loh'ran in die Höhle vor ihnen geflohen war. Awelia erzeugte eine Lichtkugel über ihnen und sandte eine weitere in die Höhle hinein. Vorsichtig rückten sie hinter den Echsen vor.
Es dauerte nicht lange, da endete die Höhle plötzlich. Es war eine Sackgasse. Sie blickten sich irritiert an. Ka'dal rief seinen Leuten Befehle zu. „Hier mussss ein Geheimgang sssein.“ sagte er eindringlich. Feron sah sich um. Er hatte bisher nur ein paar seltsame Runen im Stein gesehen, nichts was auf einen Geheimgang hindeutete. „Er kann ja nicht einfach verschwunden sein.“ meinte er vorsichtig. „Doch.“ antwortete Awelia resigniert. „Was meinst du?“ fragte Feron. „Diese Runen …“ Die Zauberin deutete auf die Symbole, die ringförmig über Wände, Decke und Boden verteilt waren und einen Kreis bildeten, „… sind Teleportsteine.“ „Oh, komm schon!“ stöhnte Feron frustriert, „Das alles, und er haut einfach ab?“ „Ich verssstehe nicht.“ drängte sich Ka'dal dazwischen. „Teleportsteine transportieren den Anwender in einem Augenblick über sehr weite Entfernungen.“ erklärte Awelia. „Dann kann Kas'loh'ran überall sssein?“ fragte die Echse ungläubig. „Nein, die Teleportsteine haben ein fixes Ziel. Ich weiß nicht, wo diese hinführen. Aber wir werden es herausfinden. Und bevor du fragst, es geht nur in eine Richtung. Also wenn ihr mitkämt, würdet ihr vielleicht nie wieder zurückkehren können.“ erklärte sie weiter. „Dasss egal, wir …“ begann Ka'dal, doch Feron unterbrach ihn. „Nein, sie hat recht. Wir haben uns vor langer Zeit entschlossen, den Schatten zu besiegen. Aber ihr werdet hier gebraucht. Euer Volk braucht euch. Ihr könnt nicht gehen.“ Die Echse nickte. „Aber dann lassst euch geben, wasss wir können.“

Die Echsen eilten zurück über die Brücke, und kehrten nach einiger Zeit zurück. Sie brachten ihnen Essen und Wasser, Feuersteine und einen Beutel mit etwas, dass sie Lav'sem nannten. Ka'dal trat zu ihnen. „Ssstehen tief in eurer Sssuld. Ihr ssstoppen Sssauber. Ihr vertreiben Kas'loh'ran. Ihr gebt Hoffnung, Hoffnung auf neue Sssukunft. Achelia und Feron, ihr sseid Sal'me Mava. Ich ssseid die Retter der Perleninssseln.“ sagte die große Echse, schlug sich mit der Faust auf die Brust und verneigte sich. Die Echsen hinter ihm taten es ihm gleich. Dann verabschiedeten sie sich und verließen die Mundhöhle. Awelia blickte zu Feron und Dara. Sie nickten. Awelia schloss die Augen und aktivierte die Teleportsteine.