Kapitel 18 – Harjii

Es war lange her, seit sie das erste Mal Teleportsteine benutzt hatten. Damals waren sie aus den Bergen des Roten Zirkels zum Reichsforst gelangt. Diesmal war das Ziel mit Sicherheit viel weiter weg. Wohlweislich hatten sie die Augen geschlossen, um nicht geblendet zu werden. Doch nichts schützte vor der Hitze, die über sie hereinbrach. Die Perleninseln lagen in tropischen Gefilden. Sie waren warm, doch die Meeresluft kühlte ausreichend. Jetzt war es schlagartig heiß und trocken. Verwundert sahen sie sich um, und erblickten nichts als Sand, so weit das Auge reichte. Große Dünen erhoben sich um sie herum, während ein leichter Wind wehte. „Das ist eine verdammte Wüste!“ stieß Feron hervor.
Die Sonne brannte hoch am Himmel, während sie sich die Düne empor quälten. Sie hatten Fußspuren im Sand gefunden, denen sie nun folgten. Sie hofften, dass diese Kas'loh'ran gehörten. Oder zumindest in eine Stadt führten. Zwar hatten sie Wasser und Nahrung bei sich, doch waren sie nicht auf die Hitze vorbereitet, die von der strahlend hellen Sonne kam.
„Ich hoffe, das ist keine Fata Morgana.“ stöhnte Awelia, als sie die Häuser sah, die am Horizont aufgetaucht waren. „Eine was?“ fragte Feron verwirrt. „Eine optische Täuschung. So etwas gibt es hier in der Wüste. Man sieht Dinge, die es nicht gibt.“ erklärte die Zauberin und Feron gab ein genervtes Stöhnen von sich. „Was meinst du, welche Wüste ist das?“ fragte Dara. „Es gibt nicht viele Wüsten auf Murea.“ meinte Awelia und senkte nachdenklich den Kopf. „Es könnte das Sandmeer sein. Die Knochenwüste würde ich ausschließen, denn ich habe gelesen, dass es dort viel Salz gibt. Und danach sieht es hier nicht aus.“ Sie machte eine kurze Pause. „Und dann wäre da noch die Harjii.“ „Dann könnten wir doch diese andere Magierin vom Konzil fragen, sie wollte doch da hin.“ gab Feron zu bedenken. „Zauberin.“ korrigierte ihn Dara, und Awelia fügte hinzu „Wenn Seres tatsächlich hier ist, dann ist sie wohl eher mit dem Lösen der Fehlströmungen beschäftigt. Immerhin wurde es vom Konzil so beschlossen.“ Sie klang etwas bedrückt, als sie daran zurück dachte, wie schlecht es damals für sie gelaufen war. „Wie dem auch sei, wir werden es erfahren, wenn wir bei diesen Häusern sind.“

Es dauerte lange, bis sie die Häuser erreichten. Die Spuren, denen sie gefolgt waren, waren längst verschwunden und vergessen. Sie redeten nicht mehr viel, denn weiter zu gehen wurde immer anstrengender. Inzwischen war die Haut da, wo sie unbedeckt war, krebsrot. Die Sonne senkte sich bereits gegen den Horizont, als sie endlich ankamen. Etwa zwei Dutzend Häuser waren um eine Oase erbaut worden. Sie hoben sich mit ihren weißen Wänden deutlich von der Umgebung ab. Ein paar grimmig dreinblickende Männer standen unter einem Vordach und beobachteten sie, als sie näher kamen. Ihre Haut war goldbraun gefärbt und die Gesichter waren mit Piercings verziert. „Das muss das Wüstenvolk sein.“ flüsterte Awelia. Feron wollte den Mund aufmachen um zu fragen, doch Dara kam ihm zuvor. „Sie leben seit unzähligen Generationen in der Wüste und haben sich den hiesigen Gegebenheiten angepasst.“ Einer der Männer trat vor. Er fragte etwas in einer Sprache, die sie nicht verstanden. Awelia und Feron blickten sich erschrocken an, doch Dara antwortete dem Mann in seiner Sprache. Sie unterhielten sich kurz, während der Mann mehrfach auf Feron deutete. Schließlich winkte sie er vorbei, und Dara bedeutete ihnen, ihr ins Dorf zu folgen. „Was war das?“ fragte Awelia leise. „Das waren Stadtwachen, sie waren besorgt wegen Ferons Aussehen.“ antwortete die Wächterin halblaut. „Wieso denn das?“ fragte Feron verblüfft. „Wann hast du dich das letzte mal angeschaut? Deine ganze Kleidung ist voll mit getrocknetem Blut.“ gab Dara grimmig zurück. „Oh.“ „Und woher kannst du ihre Sprache?“ fragte Awelia neugierig. „Ich habe sie vor langer Zeit einmal benötigt, aber ich kann auch nur die Grundlagen.“ antwortete Dara verlegen.

Die Häuser standen im Kreis um ein großes Wasserloch, an dem auch ein paar Palmen wuchsen. Der weiße Lehm leuchtete fast in der Sonne. Zwei Karawanen hatten Zelte aufgeschlagen, während die Kamele tranken. Awelia hatte schon in Büchern von diesen Tieren gelesen, doch Feron starrte sie nur irritiert an. „Warum sehen diese Pferde so komisch aus?“ fragte er verwirrt. „Das sind Kamele. Diese Höcker dienen ihnen dazu, Wasser zu speichern.“ erklärte Awelia lächelnd. „Komische Viecher.“ gab Feron zurück. „Da drüben sind ein paar Stände, da gibt es sicher auch Kleidung.“ sagte Dara und zeigte auf die andere Seite des Wasserlochs.
Die Bewohner des Ortes sahen sie genauso misstrauisch an wie die beiden Stadtwachen. Doch niemand sagte etwas, als sie um den Teich herum gingen. Es waren nicht nur Menschen des Wüstenvolkes, es schien noch mehr Fremde zu geben. Auch wenn diese besser hierher passten als Feron oder Awelia. Dara trug zwar keine Wüstenkleidung, wirkte dank ihrer Rüstung jedoch nicht ganz so deplatziert. Sie erreichten die Stände und der erste Händler rief ihnen freudig zu. Awelia warf einen Blick auf Dara, die nur mit den Schultern zuckte. Offenbar verstand nicht mal die Wächterin den Mann. Sie gingen die Reihe von Ständen entlang. Immer wenn sie in Reichweite eines Standes kamen, begann der dahinter stehende Händler laut zu rufen und seine Waren anzupreisen. So etwas war auf einem normalen Markt schon schlimm genug, doch hier verstanden sie nicht einmal, was gesagt wurde. Sie erreichten eine Frau, die sie stirnrunzelnd anblickte. Die Frau hatte als einzige nicht laut gerufen. „Ihr seid nicht von hier, was?“ brummte sie. Awelia war überrascht, als die Händlerin in ihrer Sprache sprach. „Richtig. Wir suchen neue Kleidung für Feron hier.“ erklärte Awelia. Die Händlerin betrachtete Feron von oben bis unten und nickte dann. „Folgt mir.“ sagte sie lapidar und rief dem Mann am Stand neben ihnen etwas zu, woraufhin dieser eifrig nickte.
Sie folgten der Frau in eines der Häuser. Die Einrichtung machte nicht viel her, doch überall lagen Waren herum. „Ich hab noch Hose und Hemd, sollte in deiner Größe sein. Aber wasch dir erstmal das Blut ab, der Zuber steht da drüben.“ meinte die Händlerin, und begann in einem Stapel herumzuwühlen. „Bitte in Blau. Wenn möglich.“ rief Feron, während er sich am Wasser zu schaffen machte. Die Frau warf ihm stirnrunzelnd einen Blick zu. „Von woher kommt ihr?“ fragte sie, während sie nach passender Kleidung suchte. „Wir sind nur auf der Durchreise.“ antwortete Dara trocken. „Das sind viele. Flieht ihr auch vor einer Anomalie?“ „Anomalie?“ „Die Leute nennen es Oras. Als ob es etwas göttliches wäre. Eine Strafe für etwas, was wir getan hätten. Sie glauben, nur Ramrû Hû'nare kann sie schützen, der Fürst der Harjii.“ erklärte die Händlerin. „Ihr seht das anders?“ fragte Feron. Die Frau schnaubte. „Ich habe gesehen, wie Tiere mitten in der Wüste plötzlich sterben. Wie Reste einer Karawane Feuer fangen. Warum sollten die Götter so etwas tun?“ „Was ist es dann?“ „Das übersteigt meinen Horizont.“ Sie kam zu ihnen herüber und reichte Feron eine blaue Hose und ein blass blaues Hemd. „Ihr seid nicht von hier, und so wie ihr ausseht gehört ihr auch nicht hierher. Aber das geht mich nichts an. Du solltest jedoch einen passenderen Umhang tragen. Das Grün sticht zu sehr heraus.“ erklärte die Händlerin und zeigte auf Awelia. „Ich mag meinen Umhang aber.“ antwortete die Zauberin trotzig. „Zumindest zum Drüberwerfen, dann fallt ihr nicht mehr ganz so auf. Tatsächlich kann ich euch allen einen empfehlen, es kann in der Wüste verdammt heiß werden. Zumindest solltet ihr das bereits wissen. Ich gebe euch etwas gegen den Sonnenbrand.“ Die Händlerin begann wieder zu wühlen, während Feron sich abseits stellte, um seine neue Kleidung anzuprobieren. „Passt wunderbar.“ sagte er, als die Händlerin mit mehreren sandfarbenen Umhängen mit Kapuze zurückkehrte. „Schön, welche Währung habt ihr denn?“

Nachdem sie neu eingekleidet und mit einer komisch riechenden Creme bestrichen das Haus verlassen hatten, zeigte ihnen die Händlerin noch eine Schänke, in der sie übernachten konnten. Doch bevor sie dorthin gingen, streiften sie durch die Oase. Nur noch hier und da wurden sie seltsam angestarrt. „Ich denke, diese … Oras, das sind die Fehlströmungen, von denen Seres gesprochen hatte.“ sagte Awelia, während sie auf die Wüste blickte, die bis zum Horizont reichte. „Sehr wahrscheinlich. Aber wir wissen nicht, wie sie entstehen.“ brummte Dara. „Dann müssen wir Seres finden.“ „Sieh dich doch um. Bis zum Horizont ist nichts als glühender Sand, in jeder Richtung.“ beschwerte sich Feron. „Was schlägst du vor?“ fragte die Wächterin. „Einen Plan. Wie wir durch die Wüste kommen, ohne zu verdursten, ohne zu verbrennen. Und wo wir überhaupt hinmüssen.“ gab der Drachentöter zurück. „Weißt du, wir und Pläne … das hat nie funktioniert.“ lächelte Awelia.
Schließlich kehrten sie in die Schänke ein. Es war viel los, eine Menge andere Leute belegte den Schankraum und unterhielt sich lautstark. Sie bekamen noch einen Tisch an der Rückwand. Das Essen, das gebracht wurde, war eine komisch riechende breiige Masse. Dara mutmaßte, dass die Leute mit dem Ansturm schlicht überfordert waren. Während Awelia lustlos in ihrer Mahlzeit herumstocherte, fand sie, dass die Wächterin recht hatte. Viele der Leute schienen über die Oras zu sprechen, vor denen sie geflohen waren. Oasen, die binnen weniger Tage ausgetrocknet waren. Menschen, die schlagartig verdurstet waren. Sie wollten weiter in die große Stadt Maresal, die nicht weit entfernt war. Der Fürst der Harjii bot Schutz für alle. Awelia spürte, dass hier nichts im Argen lag, zumindest im Moment. Der magische Fluss lag ruhig da, weit unter ihnen. Feron tat seine Skepsis flüsternd kund. Er glaubte nicht, dass das alles Zufall war, und sie und Dara pflichteten ihm bei. Sie brauchte nicht die Augen zu schließen, um zu wissen, dass der Schatten dafür verantwortlich war. Inzwischen war er wie ein Gespenst, was hinter jeder Ecke lauerte. Wo immer sie gingen, er war nur einen Augenblick entfernt. Doch sie drängten ihn zurück, das war, was zählte. Und eines Tages würden sie ihn endgültig besiegen. „Wieso lächelst du?“ fragte Dara plötzlich, und Awelia ging auf, dass sie angefangen hatte, zu grinsen. „Wir haben den Roten Zirkel geschlagen, die Dienerin in Karturas besiegt und die Perleninseln befreit. Jetzt retten wir die Harjii vor dem Feuer. Der Schatten verliert Diener um Diener, einen nach dem anderen. Ganze Elemente, wenn man so will. Viel hat er sicher nicht mehr übrig.“ lächelte die Zauberin.
In der Nacht machte Awelia kein Auge zu. Zwar sank die Temperatur auf ein erträgliches Maß, doch die anderen Gäste unterhielten sich weiterhin lautstark. Feron und Dara schien dies indes nicht zu stören. So verbrachte Awelia die Nacht damit, aus dem Fenster zu blicken und nachzudenken. Sie konnte nicht viele Sterne entdecken, denn direkt unter ihrem Fenster flackerte eine Fackel. Doch wenn sie die Augen schloss, konnte sie in weiter Ferne magische Ströme sehen. Blasse rote Bänder, die über den Himmel zogen. Auch wenn sie schwach erschienen, so musste die darin enthaltene Magie gewaltig sein. Awelia verstand, warum die Menschen diese Fehlströmungen fürchteten. Sie selbst konnte sich nicht erinnern, je etwas derartiges gesehen zu haben. Es war nicht so, als ob der Weltenstrom eine Konstante war. Er variierte in Stärke und Ausrichtung. An einigen Orten lag er sogar über der Erde. Doch was sie da sah war kein Teil des Weltenstromes, nicht mehr. Irgendwas riss die Magie aus ihrem Gefüge und schleuderte sie über gigantische Distanzen, um alles davon getroffene zu verbrennen.

Am nächsten Morgen blieb Awelia mit Feron auf dem Zimmer. Dara wollte sich allein im Ort umhören, wo sie waren und was es neues gab. Awelia starrte aus dem Fenster hinaus in die Wüste. Die Luft flimmerte und keine Wolke zog über den Himmel. „Das erinnert mich an etwas.“ sagte Feron plötzlich. Sie drehte sich überrascht herum. „Es ist schon ein paar Jahre her, da war ich auch mal in einer Wüste. Naja, Steppe. Es gab mehr Gestrüpp und es war nicht ganz so heiß.“ erklärte er. „Und, was hast du dort erlebt?“ fragte Awelia neugierig. „Ich war mit einer heldenhaften Aufgabe betraut worden. Doch es schmerzt mich, es zugeben zu müssen, aber ich hatte mich verlaufen. Die Steppe war ähnlich wie diese Wüste, alles sieht gleich aus. Der einzelne Baum gleicht dem anderen, genauso wie hier bei den Dünen.“ erzählte der Drachentöter. „Und wie bist du wieder aus der Steppe gekommen?“ fragte Awelia. „He, immer langsam. Dass ich mich verlaufen hatte war das eine. Ich irrte drei Tage umher, ich hatte weder Wasser noch Nahrung. Was ich auch versuchte, scheiterte. Versuchte ich, mich an der Landschaft zu orientieren, so glich ein Strauch dem anderen. Versuchte ich, einfach geradeaus zu gehen, so ging ich irgendwann im Kreis.“ „Und hier haben wir nicht einmal Sträucher.“ flüsterte die Zauberin. „ … äh, ja. Jedenfalls, was das ganze noch schlimmer gemacht hat. Ich wurde von einer Meute von Goblins verfolgt.“ „So wie unter dem Schuppenrücken?“ rief Awelia überrascht. „Exakt, nur dass diese noch garstiger waren, mit großen, spitzen Zähnen, die vor Gift troffen. Sie folgten mir schon einige Tage, und ich wusste, ich würde ihnen nicht ewig entkommen. Also wartete ich auf sie. Es war bereits Nacht, und ich hatte mir eine freie Stelle gesucht. Dann kamen sie, ihre giftig grünen Augen leuchteten in der Dunkelheit. Es war ein heroischer Kampf, zumindest von meiner Warte aus. Die Goblins warfen sich auf mich, versuchten, mich zu beißen und zu kratzen. Aber du weißt ja, wie gut ich kämpfen kann. Nicht einer der Goblins erreichte mich, bevor ich sie tötete.“ Feron pausierte stolz. „Aber wie bist du dann aus der Steppe entkommen?“ fragte Awelia skeptisch. „Äh …“ machte Feron perplex, bevor er sich zusammenriss. „Ich habe nach oben geschaut und die Sterne gesehen. Meine Mutter hatte mir einiges beigebracht. Ich fand den Wegstern, und ich folgte ihm. Bald darauf war ich aus der Steppe heraus.“ Awelia lächelte leicht. „Es ist schön, dass du dir Mühe mit den Geschichten gibst.“ sagte sie. „He!“ stieß Feron brüskiert hervor. „Das ist alles passiert!“ Die Zauberin schürzte die Lippen. Zumindest ein Teil davon. dachte sie. Vielleicht warst du tatsächlich in der Steppe, aber so einen Goblinangriff hat es doch nie gegeben. Doch bevor sie ihre Gedanken aussprechen konnte, verkrampfte sich etwas in ihr. Was soll das, er versucht doch nur, mir etwas zu erzählen, damit ich mich nicht langweile. Wen kümmert es, dass es erfunden ist? „Ich mach doch nur Spaß.“ lachte Awelia und stieß Feron freundschaftlich in die Seite.
Eine Weile war es still zwischen ihnen. Feron fühlte, dass Awelias Freude nur vorgetäuscht war. Hatte er wirklich so übertrieben? Kannten sie sich zu gut? Oder war es Awelias langsame Veränderung? Das Letzte machte ihm besonders Angst. Je mehr sie erfährt und von sich wiederentdeckt, desto … abgebrühter wird sie. dachte er betrübt. Er folgte ihr schon so lange, und sie hatten viel Gutes erreicht. Aber was, wenn ihre wirkliche Persönlichkeit noch viel weiter in diese Richtung geht? Die Theorie, dass Awelia und der Schatten Teile voneinander waren, kam wieder herauf. Es war ein beängstigender Gedanke, und bei einem Blick auf die Zauberin wirkte sie nicht so, als ob sie abgrundtief böse wäre. Doch er wusste, dass der Schein trügen konnte. Wenn sie tatsächlich wie der Schatten wäre, dann würde es ihm das Herz brechen.
„Du hast mich tatsächlich auf eine Idee gebracht.“ sagte Awelia plötzlich. „Was?“ „Mit deiner Geschichte. Wie wir aus der Wüste kommen.“ „ … wir warten auf die Sterne?“ fragte Feron verwirrt. „Fast, wir schauen nach oben.“ antwortete sie und schloss die Augen. Feron betrachtete sie stirnrunzelnd. „Was machst du?“ fragte er schließlich. „Ein Zauber. Es nennt sich Adlerauge. So etwas ähnliches habe ich schon in Karturas gemacht. Ich kann die Landschaft in einigen Meilen Umkreis beobachten.“ sagte sie konzentriert. „Und was siehst du?“ flüsterte er. „Nicht viel. Sand. Und zwar reichlich. Eine Karawane auf dem Weg hier her.“ Nach jedem Satz machte Awelia eine längere Pause. „Eine kleinere Oase, aber sie ist ausgetrocknet. Noch eine Karawane, zwei. Dort ist ein Berg, nein ein Felsplateau. Es ist gewaltig, da sind Mauern, eine Stadt.“ „Eine Stadt auf dem Plateau?“ fragte Feron. „Ich kann nicht näher, die Entfernung ist zu groß.“ „Wie weit ist es entfernt?“ „Vielleicht dreißig oder vierzig Meilen. Ich schau mich weiter um.“ erklärte Awlia. „Noch eine Karawane. Da ist eine Ruine, keine Ahnung ob es mal eine Oase war. Ich …“ sie brach ab und griff sich stöhnend an den Kopf. „Was hast du?“ rief Feron und sprang zu ihr. „Es ist über uns.“ knurrte die Zauberin mit zusammengebissenen Zähnen und ging in die Knie. „Was ist über uns?“ „Oras!“
Feron half Awelia auf, nachdem sie gestürzt war. „Was ist passiert?“ fragte sie verwirrt. „Du warst bewusstlos, nur ein paar Sekunden.“ antwortete er besorgt, auch wenn er versuchte, beruhigend zu klingen. „Ja. Der Zauber ist zusammengebrochen.“ erinnerte sich Awelia. „Durch die Anomalie. Sie trifft die Oase, hier.“ „Wir können es aussitzen, wir haben ja Wasser in …“ begann Feron, doch sie unterbrach ihn. „Nein, das kann Tage anhalten, vielleicht länger. In wenigen Stunden wird das Wasser anfangen zu kochen und Stoff sich entzünden. Wenn wir hierbleiben, sterben wir!“ erklärte die Zauberin mit Furcht in den Augen. „Was ist mit all den Leuten?“ fragte Feron mit trockenem Hals. „Hol Dara, ich überlege mir etwas.“

Als Feron die Schänke verließ, war es surreal. Die Leute liefen zwischen den Ständen umher und machten Besorgungen, Kamele tranken an der Oase. Alles wirkte friedlich. Doch das was Awelia gesagt hatte, wie sie es gesagt hatte, belehrte ihn eines besseren. Hastig lief er zwischen den Leuten hindurch und rempelte einige von ihnen an. Er ignorierte die Beschwerden, er musste Dara finden. Immer wieder blickte er nach oben zum wolkenlosen Himmel. Es sah genauso aus wie vor einer Stunde. Er fand die Wächterin abseits des Trubels, nahe einigen Stadtwachen. Keuchend blieb er stehen. „Wir müssen los.“ schnaufte er. In der Nähe spielte ein Kind mit einem Lederball. Es stoppte und blickte zu dem kleinen roten Funken, der vor ihm vom Himmel fiel. Dara wurde bleich. „Los!“ rief Feron und rannte zurück zur Schänke. Rufe ertönten. Zuerst vereinzelt, doch dann nahm die Masse die Worte auf. Die Panik verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Menschen rannten in alle Richtungen durcheinander, griffen sich alles, wessen sie habhaft werden konnten. Rote Funken regneten vom Himmel. Sie brannten, wenn sie die Haut berührten. Feron wollte nicht nach oben schauen, er wollte nicht wissen, wie schlimm es um sie stand. Sie hatten die Schänke fast erreicht, als mit einem gewaltigen Knall der Großteil des obersten Stocks in einer Trümmerwolke auseinander stob. Feron wurde beinahe von einem Stück eines Dachbalkens erschlagen. „Verdammt was war das?“ schrie er. Dara zog ihn hoch. „War Awelia noch da drin?“ fragte sie mit belegter Stimme. „Hoffentlich nicht.“ gab er zurück, und gemeinsam liefen sie in das schwer beschädigte Gebäude.
Die Schänke war in aller Hast verlassen worden. Tische waren umgeworfen und Essen über den Boden verstreut. An der Treppe leckten einige kleinere Flammen. „Was ist hier passiert?“ fragte Dara fassungslos, während sie zwischen den Trümmern hindurch zur Treppe eilte. „Das war ich.“ antwortete Awelia gereizt, die die Treppe herunter gehastet kam und ihnen die restlichen Sachen zuwarf. „Du hast die Schänke zerstört? Wieso?“ fragte Feron geschockt. „Ich wusste, dass das Haus Schaden nehmen würde. Und ich musste mich konzentrieren. Also habe ich die Leute mit etwas Feuer vertrieben. Ich hatte nicht wirklich viel Zeit.“ erklärte sie knapp und drängte an ihnen vorbei. „Was hast du getan?“ fragte Dara misstrauisch. „Ich habe uns Zeit verschafft.“
Als sie nach draußen traten hatte der Funkenregen aufgehört. Feron blickte nach oben und erkannte wieso. Eine gewaltige, halbdurchsichtige Kuppel lag über der Oase. Sie schimmerte violett im Sonnenlicht. Oben, nahe der Spitze, konnten sie sehen, wie die magischen Funken auf die Oberfläche prallten. Es war wie Regen auf einem See. Und beständig wurde die betroffene Fläche größer und das Prasseln der Funken dichter. „Wie lange hält das?“ fragte Dara anerkennend. „Eine Stunde, vielleicht weniger. Ich weiß nicht, wie stark es noch wird. Und ich will nicht hier sein, wenn mein Schutz zusammenbricht.“ erklärte die Zauberin.

Bald darauf verließen sie zusammen mit allen anderen die Oase. Ein Tross aus etwa hundert Leuten setzte sich in Bewegung und marschierte in die Wüste. In der kurzen Zeit hatten die Leute gegriffen, was sie konnten, bevor sie die Flucht ergriffen.
Awelias Schutz hielt etwas länger als erwartet. Sichtbare Flammen leckten über die Kuppel, als sich diese schließlich auflöste. Nach wenigen Minuten stieg Rauch von der Oase auf, da die Gebäude und verstreuten Habseligkeiten angefangen hatten, zu brennen. Mit mulmigem Gefühl blickten sie nach vorn, auf das endlose Dünenmeer. Soweit sie es verstanden, flüchteten die Leute nach Maresal, der Stadt von Ramrû Hû'nare. Es war einer der wenigen Orte, der nicht von den Anomalien betroffen war. „Ich würde mich gern mit diesem Herrn der Wüste unterhalten.“ flüsterte Awelia, mehr zu sich selbst als zu den anderen. Es war das letzte Wort, dass sie bis zum Abend sprachen. Die brütende Hitze und der lange Marsch waren überaus anstrengend und forderten ihren Tribut, da mehrere Gestalten im Sand hinter ihnen zurückblieben. Niemand blieb, um ihnen zu helfen. Als die Nacht hereinbrach, sammelten sie sich auf einer Düne. Um sie herum war bis zum Horizont nichts als Sand. Die Flüchtlinge kamen in Gruppen zusammen und diskutierten. Awelia verstand nicht, was gesagt wurde, doch es schien ernst zu sein. Schließlich brach eine kleine Gruppe auf und verschwand in der Nacht.
Ein frischer Wind kam auf. Zunächst machte er es erträglicher, doch irgendwann wurde es tatsächlich zu kalt. Sie hockten sich auf die windgeschützte Seite der Düne und blickten in den klaren Nachthimmel. „Wie lange brauchen wir noch, bis wir da sind?“ fragte Feron. „Vielleicht morgen, ich weiß es nicht. Ich hoffe nur, dass wir auf dem richtigen Weg sind.“ antwortete Awelia. „Besser eher als später. Wir haben nicht mehr viel Wasser. Ich möchte ungern hier draußen verdursten.“ sagte Dara missmutig.

Als die Sonne aufging, machten sie sich auf den Weg. Über Nacht waren einige ältere Leute entkräftet gestorben, und die anderen machten sich an den Leichen zu schaffen. Awelia hielt es für frevelhaft, die Toten zu bestehlen, doch ihre Verärgerung legte sich, als sie sah, dass man lediglich das Wasser der Verstorbenen nahm. Auch Dara kehrte mit einem Trinkschlauch und ein paar Münzen zurück. „Wir sind fast pleite, und wir werden sicher etwas Geld in Maresal brauchen.“ flüsterte die Wächtern und verzog das Gesicht. Awelia nickte knapp und starrte zu Boden.
Der Weg über die Dünen wirkte quälend langsam. Awelia verlor das Zeitgefühl und konzentrierte sich nur noch darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen. „Hier, trink.“ sagte irgendwer und flößte ihr ein paar Schluck Wasser ein. Doch sie nahm es kaum noch wahr. Langsam fielen ihr die Augen zu. Es war beruhigend, von der erholsamen Dunkelheit empfangen zu werden. Doch dann wurde die Dunkelheit jäh von einem roten Licht durchbrochen. Sie verzog verärgert das Gesicht, doch das Licht blieb. Awelia öffnete die Augen. Da war kein Feuer, nur eine auseinandergezogene Kolonne von Menschen. Doch sie konnte die Magie förmlich spüren. Vor ihnen war eine Anomalie. „Wartet.“ flüsterte sie mit staubtrockener Stimme. Sie schluckte schwer. „Wartet.“ sagte sie und bekam einen Hustenanfall. Dara und Feron traten besorgt neben sie. „Was hast du?“ fragte die Wächterin. „Oras.“ sagte Awelia. Einige Leute hörten sie und blieben überrascht stehen. Das Wort verbreitete sich und alle blieben stehen und starrten Awelia an. „Oras.“ wiederholte sie und zeigte auf die nächste Düne.
Nachdem Awelia mit Daras Hilfe den anderen zu verstehen gab, dass hinter der nächsten Düne eine Anomalie aufgetaucht war, machten sie einen weiten Bogen darum. Trotz allem konnte Awelia einen Blick in das Sandtal erhaschen, in das immer noch Magie regnete. Mehrere Menschen lagen dort zusammengekrümmt, bis zur Unkenntlichkeit vertrocknet. Doch irgendwie hatte sie die Befürchtung, dass es die Gruppe war, die in der Nacht aufgebrochen war.
Das Laufen wurde immer schwerer für Awelia. Die anderen beiden kamen noch gut voran, doch sie selbst wurde immer langsamer. Ich schaff das nicht mehr. gestand sie sich ein. Sie war so weit gekommen, doch in der Wüste hatte sie ihren Meister gefunden. Ich bleibe einfach hier und ruhe mich etwas aus. Ich habe Durst. dachte sie, während sie zu Boden sank. Die Dunkelheit empfing sie. Doch da war ein Licht, das weiter brannte. Es war der Funke tief in ihr, der immer noch schwach leuchtete. Awelia spürte, dass die Magie ihr helfen wollte. Aber sie wusste nicht wie. Es spielt sowieso keine Rolle mehr. Lass mich einfach gehen. dachte sie traurig. Der Funke pulsierte protestierend.

Awelia hustete. Sie wusste nicht, wie lange sie fort gewesen war. Doch die Erschöpfung, die sie spürte, bewies ihr, dass sie noch am Leben war. Wasser rann über ihr Gesicht und sie musste erneut husten. Vorsichtig öffnete sie die Augen. Dicke Wolken hingen über ihr im Himmel. „Geht es dir besser?“ fragte Dara und erschien in ihrem Blickfeld. „Was ist passiert?“ flüsterte Awelia. „Du hast uns alle gerettet. Mal wieder.“ Die Wächterin lächelte.
Sie erhob sich und betrachtete den Himmel. Die Wolken, oder besser die Wolke, war nicht allzu groß, und schwebte genau über ihnen. Es regnete, sicher schon seit ein paar Minuten. Einige der Leute hatten ein Tuch aufgespannt, mit dem sie das Wasser auffingen und die Flaschen füllten. Die Erschöpfung fiel langsam von ihr ab, und irgendwann fühlte sie sich sogar gestärkt. „Ja, das sieht mir ähnlich. War keine Absicht.“ murmelte sie schließlich. „Wahrscheinlich hast du es unbewusst getan. Du warst sehr schwach. Wir sind weit zurückgefallen und die anderen hätten uns sicher zurückgelassen.“ erklärte Dara.
Es regnete noch einige Zeit, bis sich die Wolke auflöste. Laut Feron war sie aus dem Nichts in wenigen Sekunden entstanden. Jetzt wurde sie langsam und auf natürliche Weise vom Wind fortgetragen. „Das wird dem Diener des Schatten nicht entgangen sein.“ sagte Awelia. „Nun, besser als dass ihm entgeht, dass wir tot sind.“ lachte Feron. Die Zauberin grinste. „Wohl wahr. Dann wollen wir ihn nicht warten lassen.“ meinte sie zuversichtlich. Gemeinsam folgten sie der Kolonne, die sich wieder in Bewegung gesetzt hatte.

Am nächsten Tag erreichten sie ihr Ziel. Tatsächlich hatten sie es schon am Abend erahnen können, doch je näher sie kamen, desto beeindruckender war Maresal. Das Plateau war an die fünfzig Schritt hoch, darauf kamen noch einmal zehn Schritt hohe Mauern, die nur den Blick auf die Spitzen der höchsten Dächer und Türme zuließen. Das Felsmassiv mochte zwei oder drei Meilen breit sein. Jetzt, wo das Ziel ihrer Reise endlich in Sicht war, beschleunigten die Menschen ihre Schritte, um nicht einen Moment zu spät in der Zuflucht zu sein. Noch während sie zur Stadt unterwegs waren, kamen mehr Menschen hinzu. Andere Gruppen von Flüchtlingen tauchten zwischen den Dünen auf, alle mit dem selben Ziel. Einige hatte es wesentlich schlimmer getroffen als die Gruppe, mit der sie gereist waren. Doch selbst bei ihnen war ein Drittel unterwegs gestorben. Trotz der Zuversicht spürte Awelia einen Stich. All diese Menschen hatten ihre Heimat verloren. Nur wegen des Schattens. Von den Toten ganz zu schweigen. Sie mochte sich nicht vorstellen, welches Ziel der Schatten hatte, dass er diese Gräuel beging. Aber sie hatte sich vor langer Zeit geschworen, dass es enden würde.
Die senkrechte Felswand ragte vor ihnen auf, so dass sie nicht einmal mehr die Stadtmauer sehen konnten. Vor dem großen, steinernen Tor in der Felswand stauten sich die Flüchtlinge. Die Wachen, grimmig dreinblickendes Wüstenvolk mit Säbeln und Bögen, kontrollierten jeden einzelnen. „Das könnte ein Problem werden.“ flüsterte Dara. Awelia sah sich um, doch sie konnte keinen anderen Eingang entdecken. Das Tor war der einzige Weg in die Stadt, und durch die Luft zu laufen würde nur noch mehr Aufmerksamkeit auf sie ziehen. Die Schlange bewegte sich langsam vorwärts. „Wie wollen wir an den Wachen vorbei kommen? Wenn sie uns suchen, dann haben wir keine Chance.“ fragte Awelia besorgt. „Vielleicht können wir … nein, sie kontrollieren die Gesichter, verdammt!“ fluchte Dara. „Soll sich die Wüste bewegen?“ fragte Feron, offensichtlich verwirrt. „Was meinst du?“ fragte die Wächterin, und auch Awelia sah sich um. Hinter ihnen hatte sich der Horizont verfärbt. Es sah aus, als ob eine riesige Düne auf sie zugerollt kam. „Das ist ein Sandsturm.“ sagte Dara erschrocken. Sie beobachteten den heraufziehenden Sturm, der genau auf die Stadt zuhielt. „Ich war das nicht.“ stellte Awelia trocken fest. „Ja, so verrückt bist nicht einmal du.“ gab die Wächterin bissig zurück. Auch andere bemerkten den heraufziehenden Sturm, und beeilten sich, in die Stadt zu kommen. Es dauerte nicht lange, da erfasste Panik die Menge. Alle drängten auf das Tor zu. Die Wachen versuchten, die Leute zurückzuhalten, doch es war ein hoffnungsloses Unterfangen. Zu hunderten stürmten die Flüchtenden zu dem einzigen Ausweg. Die Menschen brachen durch die Reihe der Wachen und flohen in die Stadt. Hinter ihnen verdunkelte sich der Himmel. Awelia, Dara und Feron drängten mit den anderen durch die Torflügel, deren Wachen sich damit begnügten, die Flüchtenden mit Winken und Schreien aus dem Torbereich zu bekommen. Langsam begannen sich die riesigen, steinernen Torhälften zu schließen, während noch immer Dutzende hindurchdrängten. Awelia wandte den Blick ab. Sie wusste, dass es nicht alle schaffen würden, und vermutlich dort draußen starben. Doch wenn das Tor offen blieb, würde der Sturm sie alle bei lebendigem Leib häuten. Langsam schloss es sich und der unheimliche Lichtschein des heraufziehenden Sandsturms wurde schmaler. Mit einem lauten Knall verstummten die verzweifelten Schreie der Menschen und das Tor war verschlossen.
Sie suchten sich eine ruhige Ecke, während immer wieder Flüchtlinge vorbeihasteten. Das innere Maresals war anders als erwartet. Lange Gänge waren in den Fels gehauen worden, und daran waren die Räume der Häuser angebaut worden. Einige Fassaden waren mit Lehm verschönert worden, so dass es wie ein echtes Gebäude aussah, während andere nur mit Stoff verhangene Höhlen waren. „Drinnen sind wir schon mal.“ sagte Awelia keuchend. „Ja. Aber sieh dich um, die Stadt ist überfüllt mit Flüchtlingen.“ meinte Dara. „Vielleicht weiß Feron etwas. Feron?“ sieh sah sich um, doch sie konnte ihn nirgendwo entdecken. „Feron?“ rief sie, mit aufsteigender Panik. „Verdammt, wir müssen am Tor getrennt worden sein.“ fluchte Dara laut und sah sich um. „Feron!“