Kapitel 19 – Krallen

Feron stützte sich an der Wand ab und kam langsam wieder zu Atem. Am Tor wäre er beinahe gestolpert und unter den Füßen verschwunden. Von da an war er von der Menge in die verwinkelten Gassen getragen worden wie von einem reißenden Strom. In ihrer Panik hatten die Leute auf nichts Rücksicht genommen, und Feron hatte keine andere Wahl gehabt, als mitzulaufen. Jetzt war er in irgendeiner miefigen Ecke gelandet und wusste nicht, wo er überhaupt war. Als er sich kurz umsah, konnte er weder Awelia noch Dara entdecken. Er hatte bereits befürchtet, dass sie getrennt worden wären.
Nachdem er endlich wieder zu Atem gekommen war, sah er sich genauer um. Er war allein in einer dunklen Gasse gelandet. Der Gang war in den Fels gehauen worden und irgendwann vor langer Zeit war das vordere Ende verputzt worden, doch der Putz bröckelte langsam ab. Hin und wieder hastete Wüstenvolk oder ein anderer Flüchtling vorbei. Wollen wir doch mal sehen. dachte Feron und schätzte seine Lage ab. Ich bin allein und weiß nicht wo ich bin. Ich spreche die Sprache nicht und kenne die Kultur nicht. Zudem ist hier vielleicht irgendwo der Diener des Schatten, der mich einen Kopf kürzer machen will. Aber ich lebe und bin bewaffnet. Feron nickte leicht. Seine Lage war verbesserbar, aber er konnte damit arbeiten. Vorsichtig ging er zum Ende der Gasse und sah in den breiteren Weg. Einige Leute waren zu sehen, doch niemand schenkte ihm Beachtung. Er ging weiter und den Weg zurück in Richtung des großen Tores, von wo er gekommen war. Viele Wege zweigten ab und es gab Leitern und Rampen, die nach oben und unten führten. In Ferons Kopf formte sich ein Plan. Durch eine glückliche Fügung würde er Awelia finden und vor irgendwelchen Schergen retten. Sollte das nicht klappen, dann würde er den Diener des Schatten im Zweikampf besiegen und dann Awelia retten. Der Drachentöter begann zu grinsen. Das war ein Abenteuer nach seinem Geschmack.

Bald gestand sich Feron ein, dass er vielleicht etwas voreilig gewesen war. Er irrte in den Straßen umher, ohne zu wissen, wo er hin sollte. Noch dazu hatte er Hunger und Durst. Aber er machte ein paar Beobachtungen, die ihm an der Stadt interessant vorkamen. So verwinkelt die Stadt auch war, so gab es doch immer wieder kleine Luftlöcher, die zur Oberfläche führten und den Rauch der Fackeln ableiteten. Und es hatten sich auch hier Viertel gebildet, die durch wenige Gänge miteinander verbunden waren, wobei es in einigen Nebenstraßen Leitern gab, die nach oben oder unten zu anderen Bereichen führten. Die Wege, die ihn zur Oberfläche gebracht hätten, waren wegen des Sturms versperrt und grimmig dreinblickende Wachen standen vor den Toren.
Schließlich fand er eine Schenke. Nachdem er sich endlich mit der Bedienung verständigen konnte, gab er sein letztes Geld für eine Mahlzeit und einen Krug von irgendeinem wässrigen Bier her. Feron setzte sich in eine Ecke und beobachtete die anderen Gäste. Die meisten waren einheimisches Wüstenvolk, in lange Gewänder gekleidet. Einige wenige Flüchtlinge waren auch da, doch sie hielten sich am Rande, während die Bewohner der Stadt in lautstarke Gespräche verwickelt waren. Feron dachte über seine Situation nach. Toll, ich bin pleite, mal wieder. Jetzt habe ich keinen Schlafplatz und das ist meine letzte Mahlzeit. dachte er enttäuscht. Eine Arbeit finde ich hier nicht. Ich stehle nur sehr ungern, aber mir bleibt wohl kaum etwas anderes übrig. Missmutig blickte Feron über die Menge, um vielleicht gleich hier ein passendes Opfer zu finden. Erst jetzt bemerkte er die Stadtwachen, die den Gastraum betreten hatten. Drei davon blickten sich wachsam um, während der vierte mit dem Wirt sprach. Die Männer trugen Lederwesten und hatten Säbel am Gürtel. Der Wirt zeigte in die Richtung, in der auch Feron saß. Er wusste nicht, ob sie tatsächlich wegen ihm hier waren, aber er wollte es auch nicht herausfinden. Als sich die Männer in Bewegung setzten, trank der Drachentöter den letzten Rest seiner Plörre und ging gebeugt zum Nachbartisch. Die Gäste waren am lauten Diskutieren und trinken, und so fiel es kaum auf, dass Feron zum nächsten Tisch schnellte und ihn halb umrundete. Feron tat so, als würde er sich den Schuh zubinden, während eine der Wachen nur zwei Schritt von ihm entfernt lang ging. Sofort setzte er sich wieder in Bewegung und ging Richtung Ausgang. Er bemühte sich, sich nichts anmerken zu lassen und blickte nicht zurück. Jemand rief etwas und schwere Stiefel trampelten über den Boden. Feron musste sich nicht umdrehen um zu wissen, was passierte. Er hastete zur Tür hinaus und rannte die Stadtwache um, die vor dem Haus gewartet hatte.
Draußen waren mehrere Wachen, die verdutzt auf den Drachentöter und ihren gestürzten Kameraden blickten. Feron ließ ihnen keine Zeit, sich zu sammeln, sondern rannte los. Hinter ihm ertönten Rufe. Er rannte durch die spärlich beleuchteten Gassen der Stadt, vorbei an verriegelten Türen und gelöschten Lampen. Nur an den Kreuzungen und Ecken brannte noch Licht. Rufe hallten von verschiedenen Richtungen wieder.

Feron gestand sich ein, dass er in Schwierigkeiten steckte. Die Kerle hatten ihn erkannt, sie haben nach ihm gesucht. Keine Ahnung, wie sie mich gefunden haben, aber ganz sicher stecken der Schatten und sein Diener dahinter. dachte er verärgert, während er in der schmalen Gasse zu Atem kam. Er hatte sich hinter einigen Kisten versteckt, während die Stadtwache ihn immer noch suchte. Inzwischen hatte er jede Orientierung verloren. Ich muss im Verborgenen bleiben, und ich kann niemandem trauen. Wenn mich schon die Stadtwache sucht, wer weiß wer dann noch alles hinter mir her ist. Feron folgte den verschlungenen Gassen durch die Stadt. Ein paar mal sah er Stadtwachen, die mit gezogenen Waffen vorbei eilten. Doch andere Leute konnte er nicht entdecken. Vermutlich hatten die Bewohner ein Gespür für Ärger.
Feron konnte sich nicht ewig verstecken, das wusste er. Früher oder später würden sie ihn finden. Aber er könnte zumindest dafür sorgen, dass es mehr oder weniger zu seinen Bedingungen passierte. Die verwinkelten Gassen, die sich überraschend verzweigten oder in Sackgassen endeten, machten es ihm jedoch unmöglich, einen guten Platz zum Kämpfen zu finden. Plötzlich hörte er hinter sich jemanden rufen. Als sich Feron umdrehte, sah er drei Stadtwachen, die auf ihn zu liefen. Er fing an zu rennen, die drei Männer wenige Meter hinter sich. Feron hastete durch die Gasse, stieß sich an der Wand ab und stolperte in eine weitere Gasse. Es kam, wie es kommen musste. Er blickte auf die nackte Wand am Ende der Sackgasse.
Rasch drehte sich um, als die Stadtwachen mit gezogenen Waffen in die Gasse kamen. Die Männer standen da und musterten ihn, und er musterte sie. Einer der drei sagte etwas und ein anderer lachte knapp. „Ich will nicht gegen Euch kämpfen. Lasst mich einfach gehen.“ sagte Feron laut. Die Männer sagten wieder etwas in ihrer Sprache und kamen langsam auf ihn zu. Der Drachentöter seufzte und zog sein Schwert. Der erste Angreifer stürmte vor. Feron parierte den Säbel, blieb jedoch breitbeinig stehen. Er wollte nicht das erste Blut vergießen, denn es waren nur einfache Leute, die ihre Befehle vom Falschen erhielten. Doch ließen sie ihm kaum eine Wahl. Die Gasse war so schmal, dass nur zwei Männer nebeneinander stehen konnten. Das war ein Vorteil, wenn er bedachte, dass er mit dem Rücken zur Wand kämpfte. Er wehrte mehrere Hiebe ab und wich leicht zurück. Schon die wenigen Sekunden offenbarten ihm, dass diese Gegner mehr konnten als ihr Aussehen verriet. Vielleicht gehörten sie zur den Veteranen oder den Palastwachen. Feron hatte keine Zeit, sich allzu viele Gedanken zu machen. Die beiden der ersten Reihe griffen ihn immer kurz hintereinander an, und er konnte ihre Angriffe nur knapp abwehren. Die wollen mich wirklich tot sehen. Zeit, den Spieß umzudrehen. dachte Feron während er die drei Kerle genau taxierte. Sie arbeiteten gut zusammen, er kannte ähnliche Kampfstile von vielen Kriegerbünden und Soldaten. Doch das konnte auch eine Schwäche darstellen. Die beiden Kämpfenden ließen sich genug Platz für ihre Angriffe, und öffneten somit eine Lücke, die er ausnutzen konnte. Als der nächste Angriff kam wehrte Feron den Säbel zur Seite ab und schnellte in die entstehende Lücke vor. Es war ein riskantes Manöver, doch der zweite Säbel verfehlte ihn um Haaresbreite. Feron schnitt dem ersten Kerl in die Seite, worauf dieser mit einem Grunzen zurückwich. Sofort sprang der Dritte, der sich bislang in der zweiten Reihe zurückgehalten hatte, vor. Doch der Drachentöter hatte damit gerechnet und empfing ihn mit einem Schwertstich in die Brust. Die Stadtwache, die jetzt direkt neben Feron stand, versuchte, ihn mit einem kurzen Streich umzubringen. Doch er sprang den Mann an und warf ihn mit dem Kopf vor die Wand. Dadurch, dass sie nun so dicht standen, konnte der Kerl seinen Säbel nicht einsetzen, doch Ferons Schwert war ebenfalls nutzlos. So rammte er der Stadtwache die Faust in den Magen und schlug wiederholt den Kopf gegen die Wand.
Feron wurde zu Boden gerissen. Er hatte den Verletzten vergessen, was sich jetzt rächte. Der Kerl saß stumm mit verbissenem Gesichtsausdruck auf ihm drauf und versuchte, ihm die Kehle durchzuschneiden. Der Drachentöter packte den Waffenarm seines Gegners und stoppte die Klinge kurz vor seiner Kehle. Er brauchte beide Hände, um den Säbel auf Distanz zu halten. Feron versuchte, den Kerl zu treten, doch der saß so auf ihm, dass er ihn nicht erreichen konnte. Er fluchte, während sich die Stadtwache auf die Waffe stemmte, die Ferons Kehle immer näher kam. Und plötzlich ließ der Druck nach. Feron schob den Säbel zurück und der Kerl kippte zur Seite. Ein Messer steckte in seinem Hinterkopf. In der Gasse stand eine vermummte Gestalt, die zuvor nicht da gewesen war. Vorsichtig erhob sich Feron und hob sein Schwert auf. „Schaut Ihr schon lange zu?“ fragte er vorsichtig. „Ich wollte mal sehen, ob du wirklich so gut bist, wie es heißt. Du hast gerade drei Männer der Klapperschlangen besiegt.“ antwortete die Gestalt gelassen, offenbar eine Frau. „Gehört Ihr zum Schatten?“ fragte Feron. „Dann wärst du jetzt tot.“ sie lachte leicht. „Komm mit, wenn dir etwas an deinem Leben liegt. Mehr werden kommen.“

Die Frau führte ihn zügig durch die schmalen Gassen und schien dabei genau zu wissen, wie sie den patrouillierenden Stadtwachen ausweichen musste. Feron folgte ihr schweigend. Er wusste nicht, was sie vorhatte. Dass sie ihn in eine Falle locken wollte, schien unwahrscheinlich, denn dann hätte sie die Kerle in der Gasse nicht davon abgehalten, ihn umzubringen. Schließlich betrat sie ein Haus. Feron folgte ihr in die Dunkelheit.
Es dauerte einen Moment, bis die Frau eine Kerze entzündete und Feron etwas sehen konnte. Es war eine heruntergekommene, mit wenigen Möbeln ausgestattete Wohnung. Offenbar war sie verlassen, zumindest machte die Frau keine Anstalten, ihre Anwesenheit zu verbergen. „Pass auf wo du hintrittst, hier liegt überall Mist herum. Ich war lange nicht mehr hier.“ sagte sie barsch. „Du hast mich gerettet, also was willst du?“ fragte Feron, der des Rätselratens leid war. Die Frau zögerte. Sie drehte sich herum und nahm ihre Kapuze ab. Das Kerzenlicht beleuchtete ihr wüstengebräuntes Gesicht, das ihn mit hartem, abweisenden Blick musterte. Geschwungene Piercings verzierten ihre Nase und eine Augenbraue. Feron brauchte einen Moment, um die Frau des Wüstenvolkes zu erkennen. Es war jene Frau, die ihnen in der Oase Kleidung verkauft hatte. Hatte sie ihm je ihren Namen gesagt? Er konnte sich nicht daran erinnern. „Gut, das wirft jetzt noch mehr Fragen auf, als es beantwortet.“ merkte er sarkastisch an, und die Frau lachte leicht. Er wusste beim besten Willen nicht, warum eine Händlerin ihn retten sollte. „Es wird sich alles klären, schon bald.“ sagte sie und ging den Gang entlang. „Und wenn ich hier stehen bleibe und Antworten verlange?“ antwortete Feron bissig. „Dann wirst du der Zauberin nicht helfen können.“ sagte die Händlerin schulterzuckend und verschwand in ein Nebenzimmer. Feron klappte der Unterkiefer herunter. Woher weiß sie von Awelia? Was ist hier überhaupt los? dachte er verblüfft und rasch hastete er der Frau hinterher. Er trat durch die Tür, um sie zur Rede zu stellen. Doch er war nicht mehr in einem dunklen Raum des miefigen Hauses. Vor ihm war eine weite Landschaft und über ihm waren Sterne. Geschockt blieb er stehen, während er versuchte zu verstehen, was gerade passiert war.
Er stand auf irgendeinem Berg, unter freiem Himmel. In der Ferne konnte er im Mondlicht Wälder sehen. Einige Wolken zogen über den Sternenhimmel und ein frischer Wind ging. Er drehte sich um, doch da war keine Tür. Stattdessen befand er sich am Rande eines Plateaus, auf dem einige Ruinen waren. Mehrere Gestalten in weißer Kleidung standen da und beobachteten ihn. „Willkommen auf Berg Rabenauge.“ sagte die Händlerin neben ihm. Feron war sprachlos.

Eine der Gestalten trat vor. Er erkannte den Mann wieder, nicht zuletzt an den Narben im Gesicht. Feron hatte ihn in Karturas gesehen. Das hier sind Krallen. Die sagenumwobenen, legendären Krallen. dachte er perplex. Er war ihnen zwar schon zuvor begegnet, doch dieses mal hatten sie ihn zu sich gebracht. „Drachentöter, so sehen wir uns wieder. Ich wünschte es wäre unter weniger dramatischen Umständen.“ sagte der Mann ruhig und steckte die Hand aus. Feron griff zu und schüttelte sie. „Es ist mir eine Ehre.“ erwiderte er trocken. „Es gibt einiges zu bereden. Folge mir.“ wies der Mann an. Feron vermutete, dass es der Anführer war, und folgte gehorsam. Sie gingen über das Plateau, wobei Feron von vier Krallen flankiert wurde. „Wir haben uns umgehört, deinetwegen und auch wegen der Zauberin, die du begleitest. Während deine Begleiterin, wenn auch sehr mächtig, praktisch unbekannt ist, sieht es bei dir schon anders aus.“ sagte der Mann. Feron überlegte, ob er antworten sollte, doch er ließ ihn lieber weitersprechen. „Ein Nekromantenzirkel vernichtet und ein Drache erschlagen, die Rettung des Weltenstromes und die Befreiung der Perleninseln. Du hast bei vielen großen Dingen mitgewirkt, und das sind nur die Taten, während du in Begleitung der Zauberin warst. Davor gibt es weniger heroisches und heldenhaftes, aber dennoch beeindruckendes. Etwa das Besiegen einer Räuberbande oder das Erschlagen eines Trolls.“ erzählte der Mann. „Wer hat den Todesstoß gegen Zakar geführt?“ fragte eine Kralle neben ihm. „Ich. Aber ohne Awelia hätte ich es nicht geschafft.“ antwortete Feron. „Wer hat den Drachen der Perleninseln befreit?“ fragte eine andere Kralle. „Awelia. Sie wären beinahe beide in dem Vulkan gestorben.“ antwortete er. „Wir haben noch genug Zeit, seine Vergangenheit auf Lücken und Beschönigungen abzuklopfen.“ sagte der Anführer ruhig.
Sie erreichten das Ende des Plateaus und betraten eine Burg, die in den Berg führte. Die Krallen führten Feron durch von magischen Kristallen erleuchtete Gänge, bis sie eine Halle erreichten, in der ein einziger Stuhl stand. Sie bedeuteten ihm, sich zu setzen, während sie alle vor ihm standen. Feron setzte sich und hatte nunmehr die Tür im Rücken. Hinter den Krallen hing eine Flagge an der Wand. Eine graue Klaue mit langen Krallen auf weißem Grund. Die Klaue wirkte fremdartig und er konnte nicht sagen, von welchem Tier sie war. „Ich denke, es ist überflüssig zu sagen, dass wir die Krallen sind.“ sagte der Anführer und schmunzelte leicht. „Mein Name ist Schneid. Wir Krallen haben uns dem Schutz Mureas verschrieben. Unsere Geschichte beginnt vor einer langen Zeit, so lange her, dass es noch keine Jahreszahlen gab. Damals waren die Völker Mureas von einem Wesen unterjocht, dessen Name keine sterbliche Zunge sprechen kann. Elend, Qual und Ungerechtigkeit herrschten lange Jahre, ein ganzes Zeitalter voller Leid. Bis eines Tages ein anderes Wesen erschien. Es hörte das Wehklagen Mureas und kämpfte gegen das finstere Geschöpf. Einige Menschen sahen dieses selbstlose Handeln und erwachten aus ihrer ewigen Furcht. Sie griffen zu den Waffen und schlossen sich dem Kampf an. Letztlich waren sie siegreich, doch ihr Retter war tödlich verwundet und starb. In seinem letzten Atemzug, nahm das Wesen ihnen das Versprechen ab, fortwährend über Murea zu wachen, auf dass nie wieder ein Zeitalter des Leids beginnen würde. Das war die Geburtsstunde der Krallen, auch wenn wir uns erst viele Jahrhunderte später hier zusammenfanden.“ erzählte Schneid und Feron lauschte aufmerksam und beeindruckt. „Also bedroht der Schatten ganz Murea?“ fragte der Drachentöter, auch wenn er die Antwort bereits kannte. „Ja, er ist in viele bedenkliche Vorgänge involviert. Es ist uns gelungen, ein paar seiner Diener aufzuspüren, doch uns fehlt der Überblick.“ erklärte Schneid. „Und den braucht ihr von mir?“ fragte Feron ungläubig. „Sonst wärst du nicht hier.“ schnaubte eine Kralle. „Bitte, Horn.“ sagte der Anführer beschwichtigend. „Aber ja, wir brauchen deine Hilfe, um dir und der Zauberin zu helfen. Wer genau ist dieser Schwarzmagier, wo hält er sich auf.“ Der Drachentöter verzog das Gesicht. „Es ist kein Schwarzmagier. Ich weiß nicht, was der Schatten ist, aber er ist wesentlich schlimmer.“
Feron erzählte, wie der Schatten Awelia im Sommerwald angegriffen hatte, wie er unbemerkt das Konzil belauschte, wie er seine Diener benutzte, um all die schlimmen Dinge zu tun und welche mächtigen Zauber er gewirkt hatte. Immer wieder stellten die Krallen Fragen, und er mühte sich, sie so gut er konnte zu beantworten. Er beschönigte nichts und blieb stets bei der Wahrheit. „Awelia hat ihm bereits gegenüber gestanden, doch sie kann sich nicht mehr daran erinnern.“ schloss er. Die Krallen betrachteten ihn, einige nachdenklich, andere fast erschrocken. „Das macht die Dinge zumindest klarer.“ merkte Horn an. „Was ist euer Plan?“ fragte eine Frau. Feron lächelte schief und kratzte sich am Kopf. „Nun ja, wir und Pläne … die grobe Idee war, nicht länger wegzulaufen, sondern den Schatten anzugreifen und zu finden, um ihn zu besiegen.“ „Wo ist die Zauberin?“ fragte Schneid. „Awelia und Dara sind irgendwo in Maresal. Wir sind am Tor getrennt worden.“ Der Anführer blickte die Händlerin fragend an. „Sie sind mit tausenden Flüchtlingen in die Stadt gekommen, zudem tobt ein schwerer Sandsturm. Ich hatte Mühe, allein ihn zu finden.“ erklärte die Frau, dann wandte sie sich zu Feron. „Was wolltet ihr in Maresal?“ „Wir wollten mit dem Fürst der Wüste sprechen, wegen dem Schatten und seinem Diener, der vor uns in die Harjii geflohen ist.“ erklärte Feron. „Ramrû.“ schnaubte die Händlerin. „Dieser Arsch. Das ist nicht ein mal sein richtiger Name, den hat er nur von einem Heiligen übernommen.“ erklärte die Händlerin verächtlich. „Ajina, wir sollten nicht persönlich werden, sondern uns auf das große Ganze konzentrieren.“ warf Schneid ein. „Entschuldigt. Dieser Diener des Schatten, der von den Perleninseln. Was kannst du noch sagen, außer dass er ein guter Schwertkämpfer war?“ fragte Ajina. „Kas'loh'ran. Er hatte eine schwarze Rüstung an, mit irgendwelchen Ornamenten. Wenn Ihr Papier habt kann ich sie euch aufzeichnen. Ich habe mit ihm gekämpft, aber ich konnte nichts von ihm selbst erkennen. Die meiste Zeit war ich sowieso damit beschäftigt, Seelenfänger auszuweichen.“ „Seelenfänger? Das Schwert Seelenfänger?“ unterbrach Horn ungläubig. Feron nickte. „Du weist, welche Macht dieses Schwert hat? Dass du hier vor uns stehst gleicht einem Wunder.“ sagte die Frau ruhig. Erneut nickte Feron. „Ja, aber ich hatte Glück im Unglück. Nachdem ich durch dieses Schwert gestorben bin, und Awelia es zerstört hatte, bin ich in einer Zwischenwelt umhergewandert. Schlussendlich hat … jemand beschlossen, dass meine Pflicht auf unserer Welt noch nicht beendet war, und mich zurückgeschickt.“ erklärte er. Die Krallen starrten ihn fassungslos an. „Deine Seele wurde dir entrissen und du bist wiedererweckt worden? Und das erzählst du erst jetzt?“ fragte Schneid verblüfft. „Ja, das war mir entfallen.“ antwortete Feron kleinlaut. Der Anführer der Krallen lachte schallend auf, beruhigte sich aber schnell wieder. „Drachentöter, wenn das die Geringste deiner Errungenschaften ist, dann sind wir in bester Gesellschaft. Jetzt aber schlage ich vor, dass dich Ajina auf dein Zimmer bringt, damit du dich erholen kannst.“

Feron lag in einem kleinen Zimmer der Burg, nur mit Bett und einem alten Schrank ausgerüstet. Es gab ein Fenster, was den Blick zum Plateau hinaus ermöglichte. Er schaffte es, einige Stunden zu schlafen. Als er aufwachte war die Sonne bereits aufgegangen. Feron trat ans Fenster und blickte nach draußen. Das Plateau lag still da, lediglich eine einzelne Kralle bestellte ein Feld, was etwas abseits angelegt worden war. Er fragte sich, wie es Awelia ging, und hoffte, dass sie in Sicherheit war, irgendwo in Maresal.
Es klopfte leicht an der Tür. „Herein.“ sagte Feron, und die Händlerin kam mit einer Schale Brot hinein. Sie stellte das Essen auf das Bett und wandte sich zum gehen. „Warte.“ sagte Feron, und sie blieb stehen. „Was passiert jetzt?“ fragte er. „Die Anderen beratschlagen, was zu tun ist.“ antwortete sie knapp. „Kann ich rausgehen? Oder muss ich hier bleiben?“ fragte der Drachentöter. „Nein. Dann kann ich dir gleich alles zeigen.“ seufzte die Händlerin.
Ajina gab ihm eine knappe Führung durch die Burg, von der das meiste nicht mehr begehbar war. Sie zeigte ihm Büchereien, Übungsräume und etwas, dass sie Observatorium nannte. Währenddessen aß Feron sein Brot und lauschte aufmerksam. Schließlich traten sie auf das Plateau. „Berg Rabenauge.“ verkündete die Händlerin theatralisch. „Was weißt du darüber?“ fuhr sie mit normaler Stimme fort. „Ein Berg am Rande von Pyrion, genauer im Südwesten. Hier lebte einst ein großer Herrscher, bevor sein Reich zerstört wurde.“ erzählte Feron. „Falsch. Hier lebte einst ein Fürst, bis es ein schweres Beben gab, was einige Gebäude beschädigte und den einzigen Weg hier herauf zerstörte.“ korrigierte ihn Ajina und führte ihn an einigen der Ruinen vorbei. Es waren abgebrochene Gebäude aus Stein, von denen nurnoch die Grundmauern standen. Gras spross aus den Rissen zwischen den Steinplatten, die den Boden bedeckten. „Stimmt es, was Schneid über eure Geschichte gesagt hat?“ fragte er neugierig. Die Händlerin druckste einen Moment herum, bevor sie antwortete. „Ein bisschen Pathos ist dabei, aber im Großen und Ganzen ist es die Wahrheit. Unsere Aufgabe ist es, Murea, die ganze Welt, vor solchen Gefahren zu schützen. Denn ein anderer macht es nicht.“ erklärte sie. „Wie bist du zu den Krallen gekommen?“ fragte der Drachentöter, während er sich umsah. Ajina antwortete nicht. Die Ruinen waren keine wirklichen Ruinen, wie er jetzt feststellte. Von außen wirkten sie zwar so, doch innen waren Tische und Regale aufgebaut. Eine der Ruinen war eine Schmiede, in der sogar gerade eine Kralle, Horn, arbeitete. „Wie viele seid ihr?“ fragte Feron, doch er bekam abermals keine Antwort. „Was mich schon die ganze Zeit wundert. Du warst mit uns in der Oase, und dann in Maresal. Doch wie bist du dort hin gekommen, denn du warst definitiv nicht bei dem Tross der Flüchtenden. Hat das mit dem zu tun, wie ich hier her gekommen bin?“ fragte er stattdessen. „Ja. Wir haben einen kleinen Trick, um schnell von einem Ort zum anderen zu kommen.“ erklärte die Händlerin mit einem Schulterzucken, und fuhr fort „Es ist der einzige Weg, hier hoch zu kommen. Genau deswegen haben wir diesen Ort ausgewählt.“ Sie erreichten den Rand des Plateaus. Vor ihnen lag ein weites Land. Wälder, Wiesen, Flüsse und Berge und Täler. Dazwischen kleine Dörfer und Städte. Am dunstigen Horizont war eine Silhouette auszumachen, von der Feron schwören könnte, es wäre Elemas. An der Bergflanke stürzte ein Wasserfall in die Tiefe und auch an seinen Füßen ging es steil bergab, sicher über zweitausend Schritt. „Das und der Ausblick.“ sagte Ajina ehrfürchtig. Feron nickte beeindruckt.

Als sie wieder zu Ferons Zimmer zurückkehrten, es war schon nach Mittag, wartete bereits Schneid auf sie. „Kommt.“ sagte der Anführer ruhig, und führte sie zurück in den Raum, in dem Feron schon in der Nacht gewesen war. Einige andere Krallen waren da, doch es waren weniger als zuvor. Selbst Ajina blieb vor der Tür. Diesmal gab es keinen Stuhl. „Drachentöter.“ sagte Schneid, „Nach Prüfung der Fakten sagst du, was den Schatten betrifft, die Wahrheit. Der innere Kreis ist nach eingehender Beratung zu dem Schluss gekommen, dass der Schatten die Zukunft Mureas gefährdet. Unser Eingreifen ist erforderlich, um den Kontinent vor seinen schändlichen Einflüssen zu bewahren. Die Krallen werden fortan nicht ruhen, ehe der Schatten besiegt ist.“ Der Anführer der Krallen stellte es einfach fest, ohne irgendeine Gefühlsregung wie Furcht oder Anspannung. Feron konnte verstehen, warum sie ihn als Anführer hatten, denn sie würden einem unermesslich mächtigen Feind gegenüberstehen. Der Drachentöter nickte knapp. „Des weiteren … haben wir beschlossen, dich einer Prüfung zu unterziehen. Man wird nicht einfach in die Krallen aufgenommen, das Schicksal selbst entscheidet, ob eine Person würdig ist. Heute Nacht musst du beweisen, dass du würdig bist.“ sagte Schneid mit lauter Stimme. Feron war überrascht und schluckte schwer. Die sagenumwobenen Krallen wollten ihn aufnehmen.

Feron verbrachte die Zeit bis zum Sonnenuntergang in seinem Zimmer. Zu behaupten, er wäre aufgeregt, wäre eine maßlose Untertreibung. Konstant entwickelte seine Fantasie neue Horrorszenarien, was für eine Prüfung er bestehen müsste. Vielleicht muss ich irgendein grässliches Monster besiegen. dachte er. Oder zwei. Oder vielleicht muss ich ein Rätsel lösen, verdammt sowas liegt mir überhaupt nicht. Er starrte aus dem Fenster, während die Sonne langsam dem Horizont entgegen sank. Was, wenn ich gegen eine der Krallen antreten soll? Bis zum Tod, das wäre grauenvoll! Eine schreckliche Vorstellung jagte die Nächste. Doch er wollte sich beweisen. Er hatte so viel geschafft und überlebt, er musste würdig sein. Und wenn nicht? Was passiert mit Awelia wenn ich versage? Die Sonne berührte den Horizont.
Schneid persönlich holte ihn ab und führte ihn in eine abgelegene Kammer der Burg. Der Raum war leer bis auf einen Tisch auf dem einige Gefäße standen. Die Händlerin stand hinter dem Tisch und blickte ihn ausdruckslos an. „Das brauchst du nicht.“ sagte sie und deutete auf sein Schwert. „Du kannst alles da drüben ablegen.“ Feron löste sein Schwert samt Scheide und stellte es an die Wand. „Alles.“ wiederholte Ajina. Er blickte irritiert zu Schneid, der knapp nickte, also tat er wie gehießen und zog sich aus. Feron fand es seltsam, doch das hier waren die Krallen. Schließlich stand er nackt da. Die Händlerin zog ein nasses Tuch aus einem der Gefäße und begann, Feron mit einem Öl einzureiben. Es war klebrig und roch nach Sommerwiese. Als Ajina fertig war verließ sie kommentarlos den Raum. Schneid legte ihm ein weißes Gewand an und stellte sich vor ihn. „Was auch immer du warst, wirst du ab heute dein Leben dem Schutz Mureas widmen?“ fragte er. „Ja.“ antwortete Feron. „Wirst du unserem Ruf folgen, wo immer du auch bist?“ „Ja.“ „Wirst du die Feinde dieser Welt bekämpfen, auch wenn es deinen Tod bedeutet?“ „Ja.“ „Bist du bereit für deine Prüfung?“ „Ja.“ antwortete Feron, sein Herz schlug ihm bis zum Hals. „Dann folge diesem Pfad, bis du einen Hain findest.“ sagte Schneid und wies auf eine Öffnung im Fels, die Feron bisher noch nicht gesehen hatte. Er atmete ein und aus, und ging los.

Nachdem er durch die Öffnung getreten war, umfing ihn Dunkelheit. Nur das rasche Schlagen seines Herzens war zu hören, während er in der Finsternis stand. Vorsichtig machte er einen Schritt nach vorn und tastete blind umher. Er fand einen Fels in der Dunkelheit, und nachdem er zwei weitere zögerliche Schritte gemacht hatte einen weiteren. Offenbar war er in einem unterirdischen Gang. Vorsichtig tastete er sich vorwärts, bis seine Füße plötzlich etwas nasses berührten. Feron ging in die Hocke, benetzte seine Finger und führte sie zum Gesicht, um daran zu riechen. Es schien Wasser zu sein. Er setzte seinen Weg fort, während er der Gang immer mehr Wasser führte. Vor ihm war ein Geräusch zu vernehmen, ein entferntes Rauschen. Er folgte dem Geräusch, bis ihm das Wasser zu den Knöcheln stand. Vorsichtig tastete er am Boden umher und stellte fest, dass der Gang breiter geworden war. Außerdem fand er einen trockenen Grat, auf dem er gehen konnte. Feron ging weiter und das Rauschen wurde lauter und lauter. Er wunderte sich, ob das der Wasserfall war, ob er vielleicht seinen Mut beweisen sollte indem er in die Tiefe sprang. Doch erschien ihm das ein etwas zu selbstmörderischer Gedanke.
Das Rauschen war ohrenbetäubend, und Feron konnte den feinen Sprühnebel spüren. Vor ihm donnerte das Wasser vom Berg herab, und er konnte nicht sagen, ob er am Fuß oder mitten auf dem Berg war. Mit mulmigem Gefühl schob er langsam die Füße vor, immer fest auf dem Boden bleibend. Wasser spritzte an seinen Beinen hoch und umspülte seine Füße. Er holte tief Luft und ging weiter. Mit brutaler Gewalt knallten die Wassermassen auf seinen Kopf und Schultern. Was auch immer auf der anderen Seite war, er konnte keinen Moment hier stehen bleiben. Feron warf sich prustend vor und stolperte durch den Wasserfall. Wie durch ein Wunder stürzte er nicht in die Tiefe, sondern kam unbeschadet auf der anderen Seite heraus. Hustend wischte er sich das Wasser aus dem Gesicht. Er konnte sehen. Auf einmal sah er Sterne über sich und eine feine Mondsichel am Himmel. Als sich Feron umsah erkannte er, dass er am Fuß von Berg Rabenauge stand. Trotz der Dunkelheit erkannte er die Stelle, wo das Plateau sein musste. Und er stellte fest, dass er Glück gehabt hatte, denn nur zwei Schritte weiter von der Wand entfernt und er wäre in den sich ausbreitenden Fluss gestürzt und mit Sicherheit ertrunken.
Er folgte dem Weg vor sich am Fluss entlang. Feron hatte nicht wirklich eine andere Wahl, denn nach wenigen Schritten wurde das Unterholz an den Seiten so dicht, dass man unmöglich hindurch konnte. Die Sterne schienen ihn zu beobachten, während er dem Flusslauf folgte. Irgendwann erreichte er eine Hecke. Die Pflanzen waren nicht geschnitten, wie man es von Palästen kannte, doch passten sie auch nicht zum Rest des Gestrüpps. Es wirkte, als wären sie auf natürliche Weise in die Form einer Mauer mit abgerundeter Krone gewachsen. Feron suchte eine Öffnung und wurde schon bald fündig. Die Pflanzen spannten einen Bogen, unter dem er problemlos hindurch gehen konnte. Das musste der Hain sein, den Schneid gemeint hatte. Würde er hier seine Prüfung absolvieren müssen? Er konnte niemanden entdecken. Vorsichtig ging er zwischen einzelnen Sträuchern und Blumenbeeten hindurch. Vor ihm war jemand.

Feron trat auf kahle Erde. Vor ihm war etwas, fremdartig und vertraut zugleich. Er brauchte einen Moment bis er es erkannte. Es war eine Klaue wie die auf der Flagge. So hoch wie vier Männer und mit spitzen Krallen, die schärfer schienen als die Zähne eines Drachen. Welcher Kreatur diese Klaue auch gehört haben mochte, es musste eines der mächtigsten Geschöpfe gewesen sein, die je gelebt hatten. „Hallo Feron.“ sagte die Frau, die aus dem Schatten der Kralle heraustrat. Ihr haftete eine unbeschreibliche Anmut an, und Feron schluckte schwer. Das Kleid, dass sie trug, umwehte ihren Körper wie eine Wolke und schien beständig in Bewegung. „Tritt näher.“ sagte sie ruhig und bedeutete ihm, näher zu kommen. Feron tat wie geheißen und trat vor die gewaltige Klaue. Die Frau musterte ihn eindringlich. „Wie auch immer die heutige Nacht endet, du wirst schon bald eine schwere Entscheidung treffen müssen, die Murea retten kann. Oder aber du allein bist dafür verantwortlich, dass ein Zeitalter voll Leid und Verzweiflung beginnt.“ sagte sie. Feron starrte sie schockiert an und ein Lächeln umspielte ihre Lippen. „Du möchtest die Prüfung ablegen, um fortan zu den Krallen zu gehören. Schwörst du, Murea zu schützen?“ fragte sie. „Ich schwöre.“ sagte Feron langsam. „Schwörst du bei deinem Leben, die Welt gegen die schrecklichsten Gefahren wie den Schatten zu verteidigen?“ fragte sie. Woher weiß sie vom Schatten? „Ich schwöre.“ antwortete er mit fester Stimme. „Schwörst du, bis zum Tode dem Ruf der Krallen zu folgen, wohin auch immer er dich führen mag?“ „Ich schwöre.“ „Im Namen des namenlosen Beschützers bist du von jetzt bis in alle Zeit eine Kralle.“ sagte sie mit lauter Stimme. Die Krallen senkten sich auf ihn nieder und Feron starrte gebannt, wie sie immer näher kamen. Sein Blick vernebelte sich, doch er spürte den Schmerz nur allzu deutlich, als sie in seine Brust stachen. Die Qualen waren schlimmer als alles, was er je erlebt hatte, doch er weigerte sich zu schreien, auch wenn jede Faser seine Körpers schrie. Die Welt wurde schwarz und das letzte, was er hörte, war das Flüstern der Frau.

Vor Schmerzen stöhnend wachte er auf. Die Sonne stach in seine Augen und als er sie öffnete war er überrascht, sich auf dem Plateau wiederzufinden. Fast zwei Dutzend Krallen standen um ihn herum. Schneid reichte ihm die Hand und zog ihn hoch. „Willkommen bei den Krallen, Drachentöter.“ sagte er laut und alle applaudierten. „Was passiert jetzt?“ fragte Feron. „Jetzt ruhst du dich erstmal aus, und dann retten wir die Zauberin. Und stoppen den Fürst der Wüste, denn Ajina denkt, dass er der Diener des Schatten von den Perleninseln ist.“ erklärte Schneid, und die Händlerin nickte knapp. „Das klingt gut.“ antwortete Feron mit einem Lächeln.
Feron fand den Weg zurück zu seinem Zimmer allein. Er setzte sich auf das Bett und blickte an sich herunter. Die Robe war getrocknet und es roch auch nicht mehr nach dem Öl. Er erwartete, eine riesige Wunde zu sehen, wo ihn die Krallen getroffen hatten, doch da war nichts. Verblüfft tastete er auf seiner Brust herum, doch es tat nicht einmal mehr weh. Aber er konnte spüren, dass sich etwas geändert hatte.
Nach einiger Zeit kam Ajina. „Ich bin nicht tot.“ stellte Feron fest. „Offensichtlich nicht.“ antwortete die Händlerin sarkastisch. „Aber ich müsste tot sein. Die …“ sagte Feron, doch sie unterbrach ihn. „Wir sprechen nicht darüber. Was im Hain passiert bleibt im Hain. Doch dir wurde eine außergewöhnliche Gabe zuteil. Genaugenommen bin ich deswegen hier. Wir haben leider nicht viel Zeit.“ erklärte Ajina. Feron stand auf. „Was ist mit Awelia?“ fragte er. „Wir wissen nicht, wo sie ist. Aber zwei von uns sind gerade von Maresal zurückgekehrt und es sieht nicht gut aus.“

Die Händlerin führte ihn in das Observatorium. „Das ist ein guter Ort zum Üben, denn niemand kommt hier her. Der letzte Akademiker hat uns vor über zehn Jahren verlassen“ erzählte sie und wischte den Staub von einem Tisch. „Du hast mich gefragt, wie wir von einem Ort zum anderen kommen. Eben diese Gabe besitzt nun auch du. Es ist eine uralte Magie.“ „Aber ich bin kein Zauberer. Oder Magier.“ warf der Drachentöter ein. „Nein. Und das musst du auch nicht sein. Du musst nur lange genug üben. Es wird seine Zeit dauern, aber ich möchte dir erklären, wie es geht. Wir …“ erklärte sie und zögerte dann. „Ich kenne Maresal und ich kenne Ramrû. Ich kenne die Klapperschlangen und was noch alles auf uns dort wartet.“ fuhr sie fort. „Und du möchtest es mir erklären, bevor wir alle sterben.“ führte Feron ihren Gedanken zu Ende. „Ich habe dich hierher gebracht, es ist meine Aufgabe.“ sagte sie knapp.
Es herrschte betretenes Schweigen, bis sich Ajina gesammelt hatte. „Wir können einen Pfad öffnen zwischen dem Ort, an dem wir sind, und einem anderen irgendwo auf der Welt. Jedoch müssen wir diesen Ort schon einmal gesehen haben.“ erklärte sie. „Dann konzentrierst du dich auf diesen Ort und öffnest den Pfad etwa mit einer Geste oder einem Wort. Anfangs hilft es vielleicht auch, an ein einschneidendes Erlebnis zu denken, aus dem du Kraft schöpfen kannst.“ Feron lauschte ihr aufmerksam. „Überall hin?“ fragte er. „Ich möchte darauf hinweisen, dass wir dies nur für wirklich wichtige Sachen verwenden dürfen und keinesfalls zum Spaß. Also kannst du keinen Kontor ausräumen, sonst wird Schneid sehr böse.“ fauchte die Händlerin bissig, fing sich jedoch rasch wieder. „Was ist mit dem Hort von einem Drachen, den ich besiegt habe?“ fragte Feron grinsend. Ajina verzog das Gesicht zu einem Schmollmund. „Angeber.“
„Also, pass auf.“ sagte Ajina und deutete auf die leere Wand vor sich. Sie schloss kurz die Augen und wischte dann mit der Hand über die Wand. Gleichzeitig mit der Bewegung schob sich ein leuchtender Schein über die Steine. Feron brauchte einen Moment um zu erkennen, dass es die Sonne war. Fasziniert betrachtete er das, was die Händlerin Krallen-Trick nannte. Kurz vor der Wand ein ein menschengroßer Durchlass erschienen, der zu einem anderen Ort führte. Die Ränder wirkten wie Rauch, der sich langsam auflöste, und tatsächlich schrumpfte der Durchgang bereits. „Wie lange hält das?“ fragte er nachdenklich. „Maximal eine Minute.“ sagte Ajina und trat auf die andere Seite. „Aber ich kann es auch einfach so beenden.“ hörte er sie von der anderen Seite sagen und folgte ihr rasch. Ein kühler Wind empfing ihn und er brauchte einen Moment, um sich zu orientieren. Sie standen auf dem Höchsten Gipfel des Rabenauge. Unter ihnen war das Plateau und eine weite Landschaft. Feron konnte auf der abgewandten Seite weitere Berge erkennen und ganz am Horizont das Meer ausmachen. „Das ist wirklich beeindruckend.“ hauchte er. „Jetzt bist du an der Reihe. Schließe die Augen, denke an etwas, was dir Kraft gibt.“ sagte Ajina ruhig. Feron dachte an Awelia, wie sie zusammen so viel erreicht hatten, gegen jede Widrigkeit. „Und jetzt, denke an einen Ort, zu dem du willst.“ fuhr die Händlerin fort. Feron zögerte. Zu welchem Ort sollte er gehen. Er entschied sich für das Plateau unter ihnen und bewegte die Hand, so wie es Ajina getan hatte. Dann öffnete er die Augen und stellte etwas enttäuscht fest, dass es nicht funktioniert hatte. „Keine Sorge, auf Anhieb schafft es niemand. Mit der Zeit wird es kommen, vertrau mir.“ sagte die Händlerin mit ungewohnter Wärme in der Stimme. „Jetzt kennst du immerhin die Grundlage. Tut mir leid, dass wir nicht mehr üben können, doch viel Arbeit steht an.“ erklärte sie und öffnete einen Durchgang zurück in das Observatorium.

Im Gang erwartete sie bereits Schneid. Der Anführer der Krallen blickte die Händlerin fragend an, und diese nickte knapp. „Gut. Dann weißt du alles, was es für den Moment zu wissen gibt. Es wird Zeit für uns, aufzubrechen. Wir müssen die Zauberin finden und den Fürsten stoppen. Mach dich bereit, wir treffen uns dann draußen.“ sagte Schneid. „Ähm.“ machte Feron und sah an sich herunter. „Oh, entschuldige. Die Robe ist nicht für Kämpfe gedacht, sondern lediglich für den Kreis der Krallen.“ warf Ajina hastig ein. Feron nickte und eilte zu seinem Zimmer, um seine Sachen zu holen.
Wenige Minuten später verließ er die Burg. Mit seiner normalen Kleidung und Silberschlag eilte er zu den bereits wartenden Krallen. Offenbar gingen neben ihm noch sechs andere auf die Reise. Die Übrigen standen mit ihren weißen Roben am Rand um Abschied zu nehmen. Ajina trug wieder ihre Wüstenkleidung und Kapuze, Schneid trug eine alte, von vielen Kämpfen gekennzeichnete Rüstung. Auch Horn war dabei, wie ein Schmied gekleidet. Die anderen drei kannte er nicht, doch bei einer Kralle hatte er die leise Vermutung, dass sie es war, die ihn in Karturas irrtümlich attackiert hatte. „Also. Wir gehen in Ajinas Versteck. Der Sandsturm ist vorüber, also können wir den kleinen Eingang in den Palast nehmen. Uns stehen dabei etwa ein Dutzend Klapperschlangen im Weg. Horn und ich, wir haben das Gegengift, sollten sie euch mit ihren vergifteten Säbeln treffen. Auch wenn wir nicht wissen, wo die Zauberin ist, so ist es wahrscheinlich, dass sie in Ramrûs Gewalt ist. Wir müssen sie retten und ihn aufhalten. Sind alle bereit?“ Schneid blickte ernst in die Runde. Die Krallen nickten, und auch Feron nickte.