Kapitel 20 – Verlust
Sie konnten Feron nicht finden. Dara hatte die Umgebung abgesucht während Awelia in der Gasse gewartet hatte, aber es gab keine Spur vom Drachentöter. Er war irgendwo in der Stadt verschwunden. Awelia war sicher, dass er sich behaupten konnte, doch so hatte sie es sich ganz und gar nicht vorgestellt. Jeder hier könnte ein Diener des Schatten sein, und gerade jetzt wurden sie getrennt. „Nichts.“ sagte Dara, nachdem sie vom Hauptweg zurückkam. „Aber ich bin sicher, dass er es in die Stadt geschafft hat. Ich hatte ihn am Tor gesehen.“ erklärte die Wächterin. Awelia nickte. „Was tun wir jetzt?“ fragte sie. „Am besten suchen wir uns einen Unterschlupf. Wir müssen herausfinden, wo wir den Fürsten finden können.“
Sie wanderten durch die große Stadt, ohne wirklich zu wissen, wo sie hingingen. Dara konnte wenig in Erfahrung bringen, die Menschen hier sprachen einen anderen Dialekt und zudem waren sie durch den Lärm schwer zu verstehen. Sie erreichten einen kleinen Platz mit einer Schenke. Der Name stand über dem Eingang, doch die gelbe Farbe, mit der er aufgebracht war, war schon fast verblasst. Nicht dass ihnen diese Schriftzeichen irgendetwas gesagt hätten. „Wie wäre es hier?“ fragte Dara. „Ich weiß nicht, das sieht ziemlich heruntergekommen aus. Lass uns lieber etwas besseres finden.“ sagte Awelia halblaut. Die Wächterin warf ihr einen komischen Blick zu. „Gut, dann suchen wir halt etwas anderes.“ antwortete sie schulterzuckend.
Ein Stück weiter wurden sie schließlich fündig. Die Schenke hatte zwar lediglich ein Holzschild, doch fiel dieses immerhin nicht auseinander. Sie betraten die Schenke und setzten sich in die hinterste Ecke. Es dauerte einige Zeit, bis sie etwas zu essen bekamen. Dara bemühte sich eine halbe Ewigkeit, sich mit dem Wirt zu verständigen. Schlussendlich bekamen sie irgendeine Brühe, von der Awelia nur einen Löffel brauchte um zu wissen, dass sie nicht mehr davon wollte. „Du musst etwas essen.“ flüsterte Dara, die ihren Teller stoisch leerte. „Warum können nicht alle überall das gleiche vernünftige Essen anbieten.“ maulte die Zauberin und verschränkte die Arme vor der Brust. „Das liegt zum einen an den unterschiedlichen Kulturen und zum anderen gibt es hier in der Wüste nicht das, woraus das Essen andernorts gemacht wird.“ erklärte die Wächterin. „Und jetzt iss!“
Über der Schenke gab es auch ein paar Zimmer, von denen sie eines mieteten. Awelia ließ sich auf das flache Bett mit der dünnen Decke sinken. Das Essen war widerlich gewesen. „Das hätte auch Gift sein können.“ fauchte sie zu Dara und hielt sich den Bauch. Die Wächterin seufzte schwer und verdrehte die Augen. „Zum einen nein, und zum anderen solltest du nicht verhungern.“ sagte sie ruhig. „Der Fürst hat bestimmt vernünftiges Essen und nicht so einen Abfall.“ fuhr die Zauberin unbeeindruckt fort. „Ja ja. Viel wichtiger ist jetzt erstmal, den Fürst zu finden. Wir haben keine Ahnung, wo wir sind oder wo der Fürst ist. Und diese Stadt ist ziemlich groß.“ sagte Dara. Awelia sah sie mit geneigtem Kopf an. „Wie gut, das wir jemanden haben, der Magie kann.“ flüsterte sie grinsend und schloss die Augen.
Es war das erste mal, dass sie die Magie dieses Ortes betrachtete. Aber sie wusste sofort, dass etwas besonderes hier war. Tief unter der Wüste lag der Weltenstrom. Doch hier in Maresal stieg er auf bis kurz unter die Oberfläche. Der Weltenstrom war faszinierend gerade wegen solcher Besonderheiten. Scheinbar ohne Grund gab es plötzliche Abweichungen von dem sonst so ruhigen Verlauf. Hier stieg die Magie steil nach oben bis kurz unter den Boden. Es sah aus wie ein spitzer Berg. Awelia blickte nach oben und am Horizont entlang, um zu sehen, ob irgendwo Anomalien waren. Doch da war nichts. „So weit so gut, keine Gefahr.“ flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu Dara. Sie sah sich weiter um, als plötzlich ein kalter Schauer über ihren Rücken lief. Ein langer Strahl magischer Funken, rot gefärbt von Feuermagie, schoss über ihren Kopf. Sie zuckte herum. Da, unter Maresal, lag der Ursprung der Anomalien. Die Magie des Weltenstroms wurde angesaugt und verändert, und dann in weitem Bogen fortgeschleudert. Eine schreckliche Befürchtung beschlich sie, als eine Erinnerung aus ihrer Vergangenheit emporstieg. Ihr Geist rückte näher an den Sog heran, der die Magie umwandelte. Auch wenn sie die wirkliche Struktur nicht sehen konnte, konnte sie die magische sehr wohl sehen. Sie sah das komplexe Geflecht, was die Magie dem Feuer unterwarf, die gewaltigen rein magischen Behältnisse, die dafür da waren, unglaubliche Mengen des Weltenstroms zu speichern. Und sie sah die wahnsinnige Modifikation, die die Anomalien überhaupt ermöglichte.
Awelia öffnete die Augen und sah Dara an. Die Wächterin erbleichte, als sie den Blick sah. „Das ist ein Altar des Feuers.“ sagte die Zauberin mit krächzender Stimme. „Ich habe ganz vergessen, dass es sie gibt. Aber offenbar liegt hier unter der Stadt einer davon.“ „Was ist ein Altar des Feuers?“ fragte Dara verwirrt. „Die Elementaraltäre sind uralte und extrem seltene Strukturen. Sie können beachtliche Mengen an magischer Energie speichern und schlagartig in einer bestimmten Form freisetzen. Ich denke die Bezeichnung Altar stammt von dem irrtümlichen Glauben, dass Magie geopfert werden würde.“ erklärte Awelia. Die Wächterin nickte zwar, doch die Zauberin wusste, dass sie es nicht wirklich verstand. „Es gibt für fast alle Elemente Altäre. Der Magier oder Zauberer, der ihn benutzt, kann die gespeicherte Energie in der elementaren Form auf ein Gebiet in einem Umkreis freisetzen. Das passiert als Sturm. Beim Altar des Feuers gäbe es einen Feuersturm, es würde einfach Flammen vom Himmel regnen, oder Sachen würden sich einfach so entzünden.“ erklärte sie. „Aber das passiert hier ja nicht wirklich.“ warf Dara ein und Awelia nickte. „Weil sie es verändern. Der Schatten oder seine Diener haben die Art und Weise, wie der Altar funktioniert, geändert, um so viele kleinere Bereiche zu zerstören. Die Natur der Altäre ist von jeher zerstörerisch.“ erklärte die Zauberin. „Kannst du herausfinden, wer den Altar benutzt?“ fragte Dara vorsichtig.
Die feuerrote Fontäne aus dem Altar war inzwischen versiegt. Doch wer auch immer ihn benutzt hatte, musste noch in der Nähe sein. Awelia schickte ihren Geist über ein schmales Band in die Tiefe unter Meresal. Jetzt aus der Nähe konnte sie die Magie erkennen, die den Altar verunstaltete. Es war sehr komplex und viel Arbeit steckte darin. Sie fühlte sich an die Perleninseln erinnert, denn der Zauber dort war von ähnlichem Aufbau gewesen. Es ist definitiv das Werk des Schatten, wenn auch mit Feuer statt Tod. dachte sie. Wenn er die gleichen Fehler gemacht hat, dann kann ich seinem Treiben jetzt gleich ein Ende bereiten. Sie blickte sich um, doch sie konnte keine besondere magische Quelle in der Nähe entdecken. Offenbar war der, der den Altar benutzt hatte, bereits verschwunden. Awelia drang in die Magie der Struktur ein, und begann, sie zu verändern. Offenbar hatte der Schatten keine Zeit, seine Zauber anzupassen. Oder er dachte nicht, dass ich es so weit schaffen würde. dachte sie, innerlich lächelnd. Es dauerte nicht lange, da war ihr Werk vollbracht. Die Magie, die der Schatten hinzugefügt hatte, zerfiel Stück für Stück. Doch plötzlich verflog ihre Freude und ein Schrecken durchfuhr sie. Da war ein Zauber in der Struktur, keinem der normalen Elemente zugehörig, sondern dem des Kosmos. Wo kommt das her? Wieso habe ich das nicht eher gesehen? wunderte sich Awelia besorgt. Noch während sie darüber nachdachte, löste sich der Zauber und heftete sich an das Band, dass ihren Geist mit ihrem Körper verband. Eine Falle! dachte sie erschrocken. Ja. Dachtest du wirklich, dass ich dich ungehindert alles zunichte machen lassen? fauchte eine Stimme in ihrem Kopf. Angst erfasste Awelia. Der Schatten war in ihren Geist eingedrungen. Verschwinde aus meinem Kopf, du Albtraum! rief sie gedanklich. Das werde ich früh genug tun. Wenn nichts mehr von deinem Verstand übrig ist außer der Angst, erneut versagt zu haben. Ich habe dich schon einmal besiegt, und jetzt machst du die gleichen dummen Fehler. Seit du in der Wüste angekommen bist, beobachte ich dich. Du bist genau, wo ich dich haben will. lachte der Schatten. Die Zauberin sah schockiert, wie der Zauber aus ihrem eigenen Spektrum langsam die Verbindung zu ihrem Körper hinaufkroch. Sie mochte sich nicht ausmalen was passierte, wenn er ihn erreichte. Ja, nur noch ein kurzer Moment, dann ist es vorbei. Das ist das Ende, Awelia. Finde dich mit einem Leben voller Elend ab. hauchte der Schatten finster. Die Angst drohte, sie zu übermannen. Doch der Funke am anderen Ende flammte hell auf und sandte eine gleißende Welle durch das Band. Der Zauber wurde zurückgedrängt und Awelia fasste neuen Mut. Nicht so schnell. Du hast schon in der Wüste zwei mal versagt, mich zu töten, es wird dir auch dieses mal nicht gelingen. dachte sie stoisch. Gleichzeitig versuchte sie sich hinter den Zauber zurückzuziehen, der ihren Geist von ihrem Körper trennte. Sie konnte die Wut des Schatten über ihre Worte spüren. Bemühe dich nicht. Wenn ich es will, dann wird dein Geist auf Ewig hier gefangen bleiben. Du wirst im Weltenstrom umhertreiben und schließlich nichts als ein Teil davon sein, eine insignifikante Ansammlung von Magie, die passiv umhertreibt. fauchte der Schatten. Doch Awelia dachte nicht daran, einfach so aufzugeben. Sie warf sich gegen den Zauber des Schatten, während der Funke weiter den Zauber verlangsamte. Doch es half nichts, der Schatten hielt eisern an ihrer Verbindung fest. Spar dir dein Todeszucken und ergib dich deinem Schicksal. lachte die Stimme in ihrem Kopf.
Awelia wusste, dass sie niemals rechtzeitig den Zauber loswerden würde, bevor er ihren Körper erreichte. Dann also auf die harte Tour. dachte sie finster. Sie schwang das untere Ende des gedanklichen Bandes, das sowieso lose war, herum und nach oben. Es berührte sich selbst und erlaubte Awelias Geist, nach oben zu springen. Es war ein unschönes Gefühl, als ob man ins kalte Wasser sprang, während es am ganzen Leib kribbelte. Doch sie schaffte es, ihren ganzen Geist zurückzuziehen. Dennoch war der Zauber immer noch da. Netter Versuch. lachte der Schatten höhnisch. Gleichfalls. dachte Awelia grimmig und löste ihr eigenes magisches Band auf. Es war nicht schwer, als ob man ein Seil mit einem Messer durchschnitt. Doch es war unglaublich schmerzhaft, als sie an ihrer eigenen Essenz riss und einen Teil davon entfernte. Ihr Blick trübte sich und sie sah noch, wie das abgerissene Band langsam in die Tiefe sank. Der Zauber des Schatten löste sich langsam auf.
Tränen liefen über ihr Gesicht, während der Schmerz nachließ. „Was ist passiert?“ fragte Dara leise. „Es war eine Falle. Ich habe den Zauber aufgelöst so wie beim letzten mal, doch der Schatten hat versucht, mich damit umzubringen. Ich musste mich selbst verstümmeln.“ schluchzte Awelia. Sie konnte spüren, wie verletzt ihr magisches Selbst war. Es würde heilen, gewiss, doch es brauchte Zeit und Ruhe. Und sie wusste, sie würde weder das eine noch das andere bekommen. „Schlaf erstmal, es ist schon spät.“ flüsterte Dara und streichelte ihr sanft den Kopf.
Awelia schlief. Sie wusste, dass es ein Traum war, doch dieses Wissen linderte ihre Albträume keineswegs. Sie sah sich selbst in einem endlosen Ozean kalten Wassers, während leuchtende Bänder sich um sie schlangen und in die Tiefe zogen. Lachende Schatten tauchten auf und verhöhnten sie, während sie in die Dunkelheit glitt. Feron trieb vorbei. „Ein Glück bin ich weggelaufen.“ sagte er und wandte sich ab. Schließlich wurde Awelia in Stücke gerissen und von den Schatten verschlungen. Doch selbst jetzt hörte das Lachen nicht auf, als ihre kläglichen Überreste durch die Strömung auseinander getrieben wurde.
Es war morgen, zumindest behauptete Dara das. Awelia fühlte sich wie gerädert. Immer wenn sie die Augen schloss konnte sie sehen, wie ein dünnes Rinnsal Magie aus ihr austrat, als wäre es Blut von einer offenen Wunde. „Du siehst besorgt aus.“ stellte die Zauberin matt fest. „Ich war zwischendurch mal draußen. Die Stadtwache sucht jemanden, vermutlich uns. Ich hab sie nicht gefragt, aber sie scheinen vor einer Stunde in einen anderen Teil der Stadt abgerückt zu sein.“ erklärte Dara. „Sie müssen diesen Ort gestern gesehen haben, als du vom Schatten angegriffen wurdest.“ fügte sie hinzu. Awelia überlegte. Es war durchaus möglich, dass der Schatten abschätzen konnte, wo sie sich befand, denn sie hatte mit ihrem Band eine schnurgerade Linie gezogen. Ein Fehler, den sie sicher nicht wiederholen würde. „Dann scheint sie etwas abgelenkt zu haben. Was sollen wir jetzt tun?“ fragte sie. „Ich würde noch etwas warten, aber ich denke, wir sind hier vorerst sicher. Auch wenn wir besser den Unterschlupf wechseln sollten.“ antwortete die Wächterin.
Kurz vor Mittag setzten sie sich in den Gastraum. Es war viel los, und die Bedienungen hatten alle Hände voll zu tun. „Ich denke wir sind am Stadtrand.“ murmelte Dara, während sie auf ihr Essen warteten. „Aber ich glaube, sobald der Sandsturm endlich nachgelassen hat, können wir an die Oberfläche und direkt zum Palast. Dort sollte es ein leichtes sein, den Fürsten zu finden. Er wird uns sicher anhören.“ erklärte sie. Awelia nickte nur, denn ihr hing der Magen in den Kniekehlen. Als das Essen endlich kam, sagte sie nichts mehr, bis sie ihren Teller geleert hatte. Obwohl es das gleiche Essen war, hatte sie diesmal keine Einwände ob des Geschmacks. „Was glaubst du, wie lange der Sandsturm noch anhält.“ fragte Awelia. „Sicher nicht mehr als ein paar Stunden. Es ist ein großer, aber auch die gehen vorüber.“ „Dann sollten wir uns vorbereiten.“ meinte Awelia.
Irgendwie ging es ihr nicht gut. Sogar noch schlechter als am Morgen. „Du siehst blass aus.“ meinte Dara und betrachtete sie besorgt. „Vielleicht hätte ich doch nicht alles essen sollen.“ maulte Awelia. Ihr war schwindelig und übel, ihre Glieder schmerzten. Sie sank zu Boden. „Ich muss mich mal setzen.“ flüsterte sie schwach und erbrach sich auf den Fußboden. „Ich hole dir einen nassen Lappen.“ rief Dara und eilte nach draußen. Doch Awelia achtete nicht auf sie. Mit aufsteigender Panik betrachtete sie die weißen Funken, die in der stinkenden, wässrigen Lache zu ihren Füßen trieben. „Gift.“ flüsterte sie, den Tränen nahe. Magisches Gift. Es tötet nicht mich sondern meine Magie. dachte sie panisch. Sie steckte sich einen Finger in den Hals und erbrach sich erneut. Doch nur noch mehr blass leuchtende Funken wurden empor gespült. Irgendwie muss ich das Gift loswerden, irgendwo hier muss etwas sein. Awelia kroch zu Daras Sachen und begann darin zu wühlen auf der Suche nach etwas nützlichem.
„Hier, ich habe … was bei den Göttern ist hier los?“ fluchte Dara, als sie das Zimmer wieder betrat. „Gift.“ flüsterte Awelia schwach und die Wächterin erbleichte. Doch sie fing sich sofort und hastete zu Awelia. „Was für ein Gift ist es?“ fragte sie eindringlich, doch Awelia konnte nicht anders als mit dem Kopf zu schütteln. Sie wusste es nicht. „Okay, bleib erstmal ganz ruhig, ich überlege mir was.“ sagte die Wächterin und fuhr dann herum. „He, was soll das?“ rief sie. Dara griff zum Schwert und sprang zur Tür.
Awelia sah nicht, was geschah. Doch plötzlich stolperte Dara zurück und griff sich an den Hals. Blut quoll zwischen ihren Fingern hervor. Sie drehte sich zu Awelia um etwas zu sagen, doch statt Worten kam Blut aus ihrem Mund. Schockiert starrte Awelia Dara an. Sie sah den grimmig-verzweifelten Ausdruck in ihren Augen und wusste, dass keine Zeit mehr blieb. Die Wächterin nahm die Hand vom Hals und stürzte sich nach draußen. Awelia griff, was sie gerade in der Hand hatte, und rannte aus dem Zimmer. Dara rang mit einer Frau vom Wüstenvolk und versuchte, sie über die Brüstung in den Schankraum zu werfen. Gleichzeitig versuchte die Angreiferin mit einem Dolch eine Schwachstelle in der Rüstung der Wächterin zu finden. Awelia taumelte vorbei und wäre beinahe die Treppe hinab gestürzt. Als sie zwischen den anderen Gästen hindurch auf den Ausgang zustolperte hörte sie einen lauten Knall hinter sich, gefolgt von erschrockenen Rufen. Sie warf nur einen kurzen Blick zurück. Mit Tränen in den Augen erkannte sie Dara, die reglos auf einem der Tische lag.
Im Nachhinein konnte sich Awelia nicht mehr richtig erinnern, was danach geschah. Es waren kurze Erinnerungsfetzen umgeben von Dunkelheit und ertränkt vom Schmerz, innerlich zu verbluten. Sie taumelte durch die Tür nach draußen in die Straße. Im nächsten Moment quälte sie sich durch einen der Gänge und wurde von Leuten angerempelt. Hinter ihr rief jemand etwas und sie stolperte. Stadtwachen tauchten zwischen den Leuten auf. Da war ein Tor, und irgendwie schaffte sie es, es zu öffnen. Der Sandsturm fegte über den oberirdischen Teil Maresals und riss an Awelias Kleidung. Ihr Blickfeld war voller Sand, nicht einmal die Häuser um sie herum konnte sie erkennen. Wie betäubt und ohne eine Regung außer Schmerz stolperte sie vorwärts, tastete sich an Wänden entlang. Sie fand eine Öffnung im Boden, einen Brunnen. Ohne nachzudenken warf sie sich hinein, in der Hoffnung, dass im Tod der Schmerz enden würde.
Awelia trat in einen Dämmerzustand über. Sie war am Boden des Brunnen gelandet und die Geräusche waren verschwunden und auch das Licht war fort. Doch der Schmerz blieb. Während sie in der Dunkelheit war, fragte sie sich, ob der Schmerz die Ewigkeit des Todes andauern würde. Es soll aufhören. Es tut so weh! war ihr einziger Gedanke für eine lange Zeit. Doch niemand in der Dunkelheit erhörte sie. Und irgendwann kam unbewusst ein neuer Gedanke auf. Luft. Ich muss atmen. dachte sie. Doch das bedeutete, dass sie noch nicht tot war.
Mit einem gequälten Stöhnen hob sie den Kopf und das Erbrochene, dass sich ihrem Mund gesammelt hatte, floss heraus. Unter ihr war Sand. Auch wenn sie ihn nicht sehen konnte, so konnte sie ihn doch fühlen. Irgendwo in einer verwinkelten Ecke ihres Verstandes wurde ihr klar, dass sie auf einen Sandhaufen im trockenen Brunnen gestürzt war. Doch jetzt, wo sie sich des Lebens bewusst war, wurden die Schmerzen umso stärker.
Sie musste in einer Höhle oder etwas ähnlichem gelandet sein. Es hatte eine Ewigkeit gedauert, bis sie auf ihren eigenen Beinen stand. Die Schmerzen kamen wie eine Brandungswelle, wann immer sie sich bewegte. Doch schlussendlich stand sie gebückt da. Über ihr war ein schwacher Lichtschein von der Oberfläche, doch sie nahm es kaum wahr. Awelia fühlte sich wie ausgebrannt. In ihr war nur noch eine endlose Leere. Sie blickte auf ihre Hand, die ungewöhnlich schwer war. Überrascht stellte sie fest, dass sie nach wie vor den Stoffbeutel in der Hand hielt, den sie aus Daras Sachen genommen hatte. Dara. Sie ist tot, genau wie Hennal. Wegen mir. dachte Awelia als einfachen Fakt, und sie wunderte sich, warum sie nichts dabei fühlte. Sie hatte den Beutel die ganze Zeit festgehalten. So fest, dass ihre Knöchel weiß waren und ihre Finger schmerzten, als sie die Hand öffnete.
Im Beutel waren die Sachen, die ihnen die Echsenmenschen gegeben hatten. Awelia fand Feuersteine, den magischen Reinigungskolben und noch ein paar andere Dinge, doch diese würden ihr hier nicht helfen, also ließ sie sie achtlos fallen. Dann holte sie Blätter heraus. Sie wusste nicht wirklich, von welcher Pflanze sie waren, doch es war sicher essbar. Awelia stopfte sich die Blätter in den Mund und schluckte schwer. Nichts geschah und so tastete sie sich vorsichtig in die Dunkelheit vor.
Die Dunkelheit ließ Awelia nachdenken. Hier war sie völlig mit sich allein, nicht einmal der Funke in ihr war geblieben. Es war seltsam, ohne Magie. Die ganze Zeit hatte sie sich blind auf die Magie verlassen, und jetzt war sie so schutzlos wie jeder andere Mensch. Bin ich überhaupt noch Awelia? Ich war eine Zauberin und jetzt bin ich es nicht mehr. Jetzt bin ich niemand. dachte sie betrübt. Sie fand Wasser und bückte sich zum Trinken. Es musste ein kleiner Teich oder etwas ähnliches sein, doch es gab keine Möglichkeit es genau zu sagen. Als sie genug getrunken hatte tastete sie sich vorsichtig weiter durch die Dunkelheit und dachte nach. Es hatte seine Vorteile, niemand zu sein. Der Schatten würde nicht mehr nach ihr suchen. Keine Mörder mehr, keine Kämpfe und kein Töten. Was kümmerte es sie, solange sie ihre Ruhe hatte. Sie könnte sich in irgendein kleines Dörfchen weit ab von allem verkriechen und ihr Leben leben. Ein schneebedeckter Gipfel. Der Gedanke schoss durch ihren Geist und war so schnell wieder verschwunden, dass sie nur kurz zuckte. Niemand kümmerte sich um die Welt und die Welt kümmerte sich um niemanden. Es mochte schade um Feron sein, doch auch er würde zu seinem Leben voll ausschweifender Geschichten zurückkehren. Für einen kurzen Moment wunderte sie sich, dass sie schlecht von ihm dachte. Seit sie ihn kannte, erzählte er hanebüchene Geschichten. Aber sie alle hatten etwas wahres, eine reales Ereignis und eine Botschaft. dachte sie, doch etwas in ihr versuchte, diesen Gedanken beiseite zu wischen. Irgendein Dorf, ein handvoll Hütten, ein weites Feld. Eine weite Wiese, in der du aufgewacht bist. Der Gedanke ließ sie vor Schmerz zu Boden gehen. „Was passiert mit mir.“ winselte sie, während sie langsam vorwärts kroch. Irgendetwas kämpfte mit ihr. Doch sie war niemand, warum sollte sich irgendjemand oder irgendetwas um sie scheren, sie verstand es nicht. Der Schatten mit all seinen Ablenkungsmanövern und seinem unfassbar gigantischen Plan hatte nun eine Gegenspielerin weniger. Warum freute ihn das nicht, warum ließ er sie nicht in Ruhe. Du bist nicht niemand. sagte eine Stimme in ihrem Kopf. Eine palmenbewachsene Insel, mitten im Meer. Der Gedanke blieb für einen Moment, zwei. Sie erbrach sich so heftig, dass sie dachte, ihre Eingeweide würden sie gleich mit verlassen. Doch diesmal sah sie keine leuchtenden Funken. Stattdessen roch sie etwas ranziges, was förmlich vor Gift stank. Hastig wich sie zurück. „Ich bin niemand.“ flüsterte sie, während sie sich aufrappelte und in eine andere Richtung stolperte. Sie sah ein Licht in der Dunkelheit. Es war schwach, gerade so wahrnehmbar. Taumelnd ging sie darauf zu und schrammte an Felsen entlang. Sie folgte irgendeinem Gang und das Licht wurde langsam heller. Schließlich erreichte sie eine geöffnete Tür, hinter der in einem menschengemachten Gang eine brennende Fackel hing. Der Gang war leer, führte aber nur in eine Richtung. Sie folgte dem Gang, ohne wirklich darauf zu achten, wo sie hinging, denn sie war wieder in Gedanken versunken. Am Ende des Ganges mochte das kleine Dorf warten, ihr friedliches Leben. Sie würde keine Sorgen mehr haben, keinen Kampf gegen übermächtige Gegner und Monster. Kein Tod und kein Leid. Der Schatten konnte machen was er wollte, er würde sie endlich in Ruhe lassen. Eine Ruine, so wie das Haus, in dem du deine erste Nacht verbracht hast. Der Gedanke kam tief aus ihrem Inneren, doch er wirkte falsch. Sie war niemand, niemand kümmerte sich um die Welt und die Welt kümmerte sich um niemanden. „Ich bin niemand.“ flüsterte sie immer wieder. Und schließlich bekam sie eine Antwort. „Du bist Niemand.“
Eine Frau war an ihrer Seite erschienen. Sie wusste nicht, wie lange sie bereits da war, doch sie hatte etwas vertrautes, und das beruhigte sie. „Du bist Niemand.“ sagte die Frau vom Wüstenvolk und ein Lächeln umspielte ihre roten Lippen, während ihre wachsamen Augen auf ihr ruhten. Sie nickte. Sie ist falsch. fuhr etwas in ihr auf, doch sie drängte den Gedanken zurück. „Komm, Er erwartet dich. Bald ist alles so, wie es sein soll.“ sagte die Frau. „Ich bin niemand.“ antwortete sie.
Sie folgte der Frau eine Weile durch die schwach beleuchteten Gänge. „Ich bin Niemand.“ flüsterte sie immer wieder. Der Gang der Frau war grazil und vorsichtig, unter der ärmlichen Kleidung zeichnete sich ein durchtrainierter Körper ab. Ein Leben, dass sie selbst zum Glück nie wieder führen würde. Sieh sie dir genau an. der Gedanke hing in der Luft, und ohne es zu wollen ging sie einen Schritt schneller. Das Gesicht der Frau war ihr vage bekannt. Es war eine Ewigkeit her, in einer Schenke. Doch die Erinnerung verblasste bereits. Ein Gefühl ergriff sie, als ob ihr jemand ihr Herz gepackt hätte und fest zudrücken würde. Wehr dich, du dummes Miststück. Wehr dich verdammt noch mal! Sie würgte und spuckte Blut. „Ich bin niemand.“ flüsterte sie verwirrt, während die Frau sie überrascht ansah. Dieses Gesicht, es hatte sich eingebrannt in ihren Verstand, irgendein weit entferntes Ereignis. Sie hat Dara ermordet! Steh da nicht so rum, tu was! schlug ein Gedanke in ihren Kopf wie ein Blitz. Ein Meer an vergrabenen Gedanken brodelte in ihr, von etwas zurückgehalten. Sie wollte nicht, dass irgendwelche komplexen Gedanken in ihr aufkamen. Ich will mein ruhiges Leben, fern ab von allem. Sollen diese Gedanken doch einfach verschwinden. Oder doch nicht? rang sie innerlich, zerrissen vom Für und Wider. „Ja, du bist Niemand.“ sagte die Frau, für die nur eine Sekunde vergangen war. Nebel hüllte sich um ihre Gedankenwelt. Sie hat Dara getötet! Sie hat Dara getötet! schrien die Gedanken in ihr. Das Geräusch war unerträglich laut. Und in diesem Moment begriff sie. Niemand kümmerte sich um die Welt. Doch sie war niemand, sie kümmerte sich um die Welt. Die Gedanken, die tief in ihr vergraben waren brachen an die Oberfläche.
Die Frau blickte sie an und legte den Kopf schief. „Du bist …“ begann sie, doch sie unterbrach sie. „Ich bin … Awelia.“ Awelia stürzte sich mit verzweifeltem Heulen vor und warf sich auf die Frau. Sie landeten auf dem Boden und rangen. „Du hast Dara getötet, Schlampe!“ schrie Awelia, während sie versuchte, der Frau ins Gesicht zu schlagen. Doch die Frau antwortete nicht, sondern zog einen Dolch. Langsam wurde Awelia bewusst, in welcher Gefahr sie sich befand. Die Frau, mit der sie rang, war eine Assassine, eine ausgebildete Mörderin. Sie hat Dara ermordet, welche Chance habe ich dann? fragte sie sich, während sie mit der Mörderin um die Waffe rang. Mit ihrer freien Hand bekam Awelia einen Stein zu fassen und schlug ihn der Frau gegen den Kopf. Es verschaffte ihr nur einen kurzen Moment, denn ihr Gegenüber fing sich rasch wieder. Plötzlich ließ der Widerstand der Assassine nach. In dem kurzen Moment hatte Awelia den Dolch zu fassen bekommen und so weit herumgedreht, dass er der Assassine zwischen den Rippen ins Fleisch geschnitten hatte. Awelia packte die Waffe und stach zu. „Du hast Dara getötet!“ schrie sie und stach zu, wieder und wieder. Sie stach weiter zu, selbst als sich die Assassine nicht mehr regte. Schließlich verließen Awelia die Kräfte und sie kippte von der Frau herunter. Langsam kroch sie vom leblosen Körper weg, zurück an die Wand. Während sie langsam wieder zu Sinnen kam betrachtete sie mit kranker Faszination ihr Werk. Die blutgetränkte Kleidung war von dutzenden Einstichen völlig zerfetzt. Selbst Awelias Hände waren blutgetränkt, und überall auf ihrem geschundenen Umhang waren Blutspritzer. Um die brutal zugerichtete Leiche breitete sich eine große Blutlache aus. Sie hatte ganz ohne Magie jemanden getötet. Es war ein befremdliches Gefühl, doch es fühlte sich richtig an.
Awelia erinnerte sich, dass die Assassine sie zu jemandem bringen wollte. Hoffentlich war dieser jemand der Diener des Schatten. Doch es gab nur einen Weg, das herauszufinden. Sie folgte dem Gang, der sie langsam in die Tiefe führte. Links und rechts waren goldene Kelche mit flüssigem Feuer, deren Schein große Statuen erhellten. Es waren Schakalkrieger und Priesterkreaturen, die abschätzig auf sie herab blickten. Sie fragte sich, ob es solche bestialischen Wesen tatsächlich gab. Feron hat sie bestimmt schon besiegt. dachte Awelia und schmunzelte leicht. Irgendwann erreichte sie eine große, mit Gold und Diamanten verzierte Doppeltür. Niemand bewachte sie. Vorsichtig schob sie einen der Flügel auf und betrat den dahinterliegenden Raum.
Dampf stieg auf von den großen Wasserbecken. Es war eine riesige Kaverne, gestützt durch massive Säulen, die von Schlangen umschlungen wurden. Aus den Mäulern der Schlangen schoss Wasser in die Becken. Warmer, aromatischer Dampf hüllte sich um Awelia und benebelte ihre Sinne. „Hallo?“ fragte sie laut. Von irgendwo her kam eine Stimme. „Hab keine Angst und komm zu mir.“ sagte jemand, der irgendwo im Nebel verborgen lag. „Ich bin Awelia. Wer bist du?“ fragte sie, während ihr leicht schwindlig wurde. „Ich bin Ramrû Hû'nare, der Fürst der Harjii.“ antwortete der Fürst. „Und nun komm.“ Awelia konnte nicht anders, als den Worten zu folgen.