Kapitel 21 – Der Fürst der Wüste
Ajina brachte sie in das verlassene Haus in Maresal. Feron fragte sich, wie oft diese Leute schon die Welt gerettet hatten, denn sie ließen sich weder Angst noch Nervosität anmerken. „Zum Eingang sind es zwei Meilen. Wir sollten uns aufteilen, Ajina kennt den Weg und Tänzerin auch. Wir treffen uns vor dem Eingang und nehmen sie dann in die Zange.“ erklärte Schneid. „Was erwartet uns, wenn wir drin sind?“ fragte Horn. „Das weiß niemand, also rechnet mit dem Schlimmsten.“ antwortete der Anführer und ging zur Tür. „Wartet.“ rief Feron nachdenklich, da er sich an etwas erinnerte. „Wasser.“ „Was, du brauchst Wasser?“ fragte Horn und fummelte an seinem Trinkschlauch herum. „Nein, nein. Wasser. Was ist unter dem Palast?“ fragte Feron. Sie sagte 'Deine Gefährtin ist im Wasser', das hat die Heilige der Kralle gesagt. erinnerte sich Feron. Er hoffte, sich richtig zu erinnern, doch er war sich sicher, dass sie das oder zumindest etwas in der Richtung gesagt hatte. Bevor ich das Bewusstsein verloren habe. „Unter dem Palast sind die Mausoleumskatakomben, die Große Bücherei und die Therme.“ sagte Tänzerin schulterzuckend. „Die Therme ist schon seit Jahren gesperrt, dort kann niemand hin außer …“ erschrocken blickte sie auf. „Ihr glaubt, sie sind dort?“ fragte Schneid eindringlich. „Wäre sicher möglich, aber wir müssen trotzdem durch den Palast.“ antwortete Tänzerin. „Sie ist da, ich bin mir sicher.“ antwortete Feron und hoffte inständig, sich nicht zu irren. Ajina räusperte sich. „Es gibt noch einen anderen Eingang, durch die alte Stadt.“ warf die Händlerin ein. „Gut. Dann gehst du mit dem Drachentöter dort hinein. Wir nehmen den Seiteneingang des Palasts. Achtet auf euch und einander. Und rettet die Zauberin.“ befahl Schneid. Rasch schlüpften sie nach draußen. Feron wollte ihnen folgen, doch Ajina winkte ab. „Was, ich dachte wir müssen in die alte Stadt?“ fragte er verwirrt. „Ja, aber im Gegensatz zum Palast ist die alte Stadt praktisch menschenleer. Wir können also eine Abkürzung nehmen.“ erwiderte die Händlerin augenrollend.
Awelia ging langsam zwischen den großen, dampfenden Becken entlang. Es roch nach exotischen Blumen, wundersame Aromen füllten die Luft. Das Rauschen und Plätschern des Wassers tönte von überall her. „Ich brauche Eure Hilfe.“ sagte sie halblaut, fast schon schüchtern. „Sei unbesorgt, ich helfe dir. Gemeinsam können wir ein gar mächtiges Band schmieden.“ erscholl die Stimme des Fürsten aus dem Dunst. „Ein finsterer Schurke bedroht die Harjii, ganz Murea. Seine Diener sind sogar hier, in dieser Stadt.“ erklärte Awelia. „Das klingt sehr ernst. Aber keine Angst, wir werden dieser Gefahr gemeinsam trotzen.“ beruhigte der Fürst. Und tatsächlich fühlte sie sich beschützt. Wenn der Fürst ihr helfen konnte, dann hatte sie eine wesentlich bessere Chance gegen den Schatten. Doch offenbar brauchte der Fürst auch ihre Hilfe.
Feron folgte der Händlerin in die alte Stadt. Es stimmte, sie war fast völlig menschenleer. Doch das wenige, was er sah, war schrecklich. In den Katakomben, zwischen verfallenen Häusern, hauste Wüstenvolk. Es war erbärmlich. Dreckige, stinkende Verschläge, in denen gebrochene Gestalten kauerten und Feron und Ajina, wo sie aufrecht gingen, ängstlich anstarrten. Ajina warf dem Drachentöter einen kühlen Blick zu. „Niemand kümmert sich um die Armen. Keine Steuern, keine Arbeitskraft. Bei euch ist es doch auch nicht anders.“ hauchte sie mit ungewohnter Härte. Feron schluckte schwer. Auch im Großkönigreich Pyrion gab es Arme, gerade in den großen Städten. Doch nie war es so schlimm gewesen wie hier. Oder schien es weniger schlimm, weil die Armen in Pyrion nicht in versifften Höhlen hausten sondern in baufälligen Holzhütten. „Lass uns weitergehen.“ murmelte er halblaut und behielt seine Gedanken für sich. Viel wichtiger war es jetzt, Awelia zu finden.
Je tiefer sie in die alte Stadt vordrangen, desto weniger Wüstenvolk sahen sie. Nur der Schein von Ajinas Fackel erhellte die Umgebung. „Deine wievielte Mission ist das?“ fragte Feron leise. „Die erste ernsthafte.“ antwortete die Händlerin. „Glaubst du, wir retten die Welt jeden Monat?“ fügte sie leicht lächelnd hinzu, als sie seinen überraschten Gesichtsausdruck sah. „Nein, ihr wirkt nur alle so professionell.“ meinte er schulterzuckend. „Wir hatten vorher ein Leben, genau wie du.“ sagte Ajina. „Was hast du vorher gemacht?“ fragte Feron neugierig, doch sie schüttelte den Kopf und löschte ihre Fackel. „Da vorn sind zwei Klapperschlangen, an dem Tor. Es ist der einzige Weg hinunter zur Therme. Wie weit bist du bereit zu gehen für die gerechte Sache, dafür, die Welt zu retten?“ fragte sie. Feron sah das von einigen Fackeln erleuchtete Tor. Zwei Krieger wie die, die ihn in der Gasse angegriffen hatten, standen davor Wache. „Ich denke nicht, dass das ganz so unschuldige Stadtwachen sind, wie du jetzt vielleicht meinst. Arme kann man einfach aussperren, indem man das Tor zusperrt. Das hier ist gegen uns. Zudem sind da drüben noch zwei, hinter der flachen Mauer.“ erklärte er und deutete ins Halbdunkel zu ein paar Schatten. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu „Aber ich verstehe, was du meinst. Es sind ganz normale Leute, die die Befehle der Falschen befolgen, ohne es zu wissen. Sie sind nicht böse, nur weil ihre Herren böse sind. Was also schlägst du vor?“ „Wir bringen sie um. Die Klapperschlangen sind Schweine, sie terrorisieren die Bevölkerung, sie stehlen und töten zum Spaß.“ sagte Ajina geringschätzig. „Bei einer so moralischen Frage hätte ich eine andere Antwort erwartet.“ gab Feron zu. „Du hast deinen noblen Standpunkt dargelegt und ich teile ihn. Aber das hier sind keine unschuldigen Stadtwachen, sondern Mörder.“ schnaubte die Händlerin.
Awelia folgte weiter der Stimme. Sie wollte wissen, was der Fürst für seine Hilfe verlangte. „Mein Fürst, was benötigt Ihr. Was muss getan werden, damit Ihr mir gegen den Schatten helfen könnt?“ fragte sie fast flehentlich. „Du wirst deine Magie zurückerhalten, es wird einige Zeit dauern, gewiss. Aber du wirst sie zurückerhalten und gemeinsam werden wir damit den Schatten aufhalten. Seine Halunken suchen etwas in der Harjii, wir müssen sie auslöschen.“ erklärte der Fürst ruhig und erhaben. Unweigerlich nickte Awelia. Sie konnte es kaum erwarten, dass die Magie zu ihr zurückkehrte. Und dann würde sie damit den Dienern des Schattens das Leben nehmen. Für einen Moment verwunderte sie dieser brutale Gedanke, doch dann fiel ihr ein, dass sie gerade erst jemanden mit bloßen Händen getötet hatte. Der Fürst begann erneut zu sprechen. „Doch zunächst müssen wir unser Bündnis schmieden, folge meiner Stimme.“ hauchte er sanft.
Der Kampf gegen die Klapperschlangen war kurz. Dadurch, dass sie den Hinterhalt entdeckt hatten, gelang es ihnen, die beiden Kämpfer hinter der Mauer auszuschalten, ohne dass die am Tor es merkten. Feron kam nicht einmal dazu, anzugreifen, denn Ajina tötete die beiden Schurken so rasch und lautlos, dass er gerademal staunend den Mund aufmachen konnte. Anders bei den beiden am Tor, wo Feron die Hauptlast trug, und den wie bereits von der früheren Begegnung bekannten versetzen Angriffen auswich. Die Händlerin fiel den Klapperschlangen in den Rücken und tötete einen. Feron nutze die Gelegenheit und durchbohre den verdutzten Anderen. Gemeinsam schlüpften Ajina und Feron durch das Tor. Sie landeten in einem langen, nach unten führenden Gang, in dem in regelmäßigen Abständen goldene Bottiche mit irgendeinem brennenden Öl standen. Es war still. Die Krallen hatten mit weiteren Feinden gerechnet, doch offenbar dachte der Diener des Schattens, kaum einer würde diesen Weg kennen oder gar benutzen. „Das war gute Arbeit.“ sagte Feron anerkennend. Die Händlerin antwortete nicht. Er trat direkt neben sie. „Komm schon. Du warst doch nicht immer eine Händlerin gewesen. Was warst du früher?“ fragte er eindringlich. Sie blieb stehen und sah stur geradeaus. „Ich war schon immer Händlerin. Ich habe Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin … und nie war. Schlimme Dinge. Ich … mein Kopf lag auf dem Richtblock, als mir eine zweite Chance gegeben wurde." antwortete sie mit bebender Stimme. „Dann ist Ajina …“ „Der Ort an dem ich sterben sollte.“ vollendete sie den Satz. „Ich kann nicht wiedergutmachen, was ich getan habe. Aber ich kann den Rest meines Lebens dafür einsetzen, dass anderen kein Leid widerfährt.“ sagte Ajina tonlos. Feron wusste nicht, was er sagen sollte. Er hatte mit vielem gerechnet, aber dass eine Verbrecherin die Welt rettete war bemerkenswert. „Jetzt weißt du es. Und ich brauch nicht weiter darüber reden.“ schloss sie mit gewohnter Härte. Er zögerte, bevor er antwortete. „Dann bin ich froh, dass du noch da bist. Nach allem, was ich von dir gesehen habe, würde ich das hier mit niemand anderem machen wollen.“ sagte er zögernd. Ajina schnaubte verächtlich. „Die Vergangenheit wird mich eines Tages einholen, und ich werde es mit offenen Armen begrüßen.“
Sie folgten dem Gang in die Tiefe, und nach einiger Zeit tauchte vor ihnen eine am Boden liegende Gestalt auf. Vorsichtig näherten sie sich, doch niemand sonst war da. Eine Frau lag auf dem Boden. Feron brauchte gar nicht genau hinzusehen, und wollte es auch nicht. „Verdammt, wer macht sowas?“ fragte er, während er um die brutal zugerichtete Leiche ging. „Das ist keine gewöhnliche Frau.“ meinte Ajina und hockte sich interessiert neben den Körper. „Wie meinst du das?“ „Siehst du diesen Dolch? Sie hat einen zweiten am Gürtel.“ erklärte die Händlerin. Feron nickte langsam. Dass eine gewöhnliche Frau solch kunstvoll verzierte Waffen trägt ist tatsächlich seltsam. dachte er. „Das war eine Assassine.“ stellte Ajina fest. „Eine was?“ „Eine Meuchelmörderin, eine vom Fürsten bezahlte. Sie sind ein Geheimbund, ausschließlich dem Fürsten zu Diensten. Er benutzt sie gerne, denn sie sind unauffälliger und effektiver als die Klapperschlangen.“ erklärte sie, während sie die Leiche begutachtete. „Und wer hat sie so zugerichtet?“ fragte Feron, ohne hinzusehen. „Jemand, der sehr wütend war. Den Angreifer müssen irgendwann die Kräfte verlassen haben, siehst du die Spur hier zur Wand?“ erläuterte die Händlerin. „Du scheinst dich ziemlich gut auszukennen.“ bemerkte der Drachentöter. „Ich spreche aus Erfahrung.“ flüsterte Ajina düster. „Entschuldige, ich …“ begann er. „Es gibt nichts, wofür du dich entschuldigen musst.Wir wenden alle unsere Lebenserfahrung an, um im Leben weiterzukommen.“ Insgeheim musste Feron schmunzeln. Er kannte die Händlerin erst ein paar Tage, und sie gab sich hart und düster. Doch er hatte sie schon mehrfach lächeln sehen.
Awelia erreichte das Ende des Weges. Vor ihr war ein breites Becken, in dem warmes Wasser dampfte. Verwundert sah sie sich um. „Hier, komm zu mir.“ sagte der Fürst ruhig. Auf der anderen Seite des Beckens erspähte sie eine Silhouette hinter dem Dampfvorhang. „Ich weiß nicht, wie.“ antwortete Awelia, eine Spur von Angst in der Stimme. „Sei unbesorgt. Steige einfach durch das Becken.“ wies der Fürst an. Awelia tat wie geheißen und trat ins Wasser. Eine Treppe führte in das Becken hinein, bis ihr das Wasser bis zur Brust stand. Es war ein angenehmes, beruhigendes Gefühl. Sie konnte es kaum erwarten, zum Fürsten zu gelangen, denn gemeinsam konnten sie den Schatten aufhalten. „Wie kann ich Euch dienen? Wie können wir den Schatten aufhalten?“ fragte sie mit bebender Stimme. „Es ist einfach, doch wir müssen zusammenarbeiten, um die Harjii zu retten. Ich brauche deine wiederkehrende Magie, um die Schurken in diesen Landen zu bezwingen.“ erklärte der Fürst. „Wenn du Willens bist, so müssen wir einen Eid schmieden, gebunden auf Lebenszeit zur Erfüllung eben jenes Ziels. Bist du bereit, diesen Eid mit Mir ein zu gehen?“ fragte er sanft. „Ja.“ flüsterte Awelia. „Willst du die Blutsverbundenheit, bis zum Tode?“ „Ja.“ „Willst du, zum Schutz der Harjii, ein ewiges Band zwischen uns schmieden, bei dessen Bruch du zu Staub zerfallen sollst?“ fragte der Fürst eindringlich. „Ja.“ antwortete Awelia, erfüllt von Freude. Bald würden sie den Schatten besiegen.
Langsam watete sie durch das Wasser auf den Fürsten zu, der am Rand stand. Er war ein erhabener Mann, groß und stattlich. Mit einem majestätischen Gesicht, verziert mit Tätowierungen des Wüstenvolkes. Sein mit Gold besticktes Seidengewand strahlte Macht aus. Er flüsterte etwas, was sie nicht verstand, und sprach dann lauter zu ihr. „Ja, komm zu mir. Entkleide dich.“ sagte er lächelnd. Awelia tat, wie ihr befohlen wurde, und streifte ihre Kleidung ab, die im Wasser hinter ihr davon trieb. „Ja, so prächtig.“ flüsterte der Fürst, ging in die Knie und streckte den Arm nach ihr aus. Sie ging ihm entgegen und streckte ihrerseits die Arme aus. Gleich hatte sie es geschafft.
Etwas geschah, viel schneller als Awelia ihm folgen konnte. Der Fürst stürzte zur Seite. Eine neue Gestalt war aufgetaucht mit einem Schwert in der Hand. Jemand schrie. „Mein Fürst!“ rief Awelia flehentlich. Wasser spritzte und es klatsche laut. Jemand packte sie und legte ihr die Hand auf den Mund. Sie wollte schreien, doch etwas klebriges rann in ihren Rachen.
Der Fürst war schnell, schneller als Feron erwartet hatte. Ramrû war gerade so ausgewichen, ohne ihn überhaupt anzusehen. Doch das reichte Feron, denn jetzt war Awelia außerhalb seiner Reichweite. Er war froh, Ajina dabei zu haben. Sie hatten die Therme noch nicht einmal betreten, da hatte sie das Rauschmittel erkannt, das in der Luft lag. Ein süßlich riechendes Zeug von irgendeiner Pflanze, das die Eigenschaft hatte, den Geist von Frauen zu vernebeln. Ferons Meinung nach war es Unkraut, er konnte nicht einen einzigen sinnvollen Nutzen erkennen. Aber glücklicherweise hatte die Händlerin ein Gegenmittel dabei. Vielleicht war das bei so einem Herrscher auch eine sinnvolle Angewohnheit.
Jetzt war Ajina ins Wasser gesprungen und flößte Awelia das Gegenmittel ein. Der Fürst rappelte sich auf und drehte sich zu ihm herum. „Wer wagt es, den Fürst der …“ begann er laut zu brüllen und stockte dann als er Feron erblickte. „Das ist unmöglich, du bist tot! Ich habe dich getötet!“ sagte der Fürst fassungslos. „Und doch stehe ich hier. Dieser Kampf wird nicht ganz so unfair werden, wie das letzte Mal. Kas'loh'ran.“ antwortete der Drachentöter finster, als er seinen Gegner wiedererkannte. Das war tatsächlich der selbe Mann, dem er auf Solta'divan gegenüber gestanden hatte. Aber diesmal hatte sein Gegner keine mächtige Rüstung und kein Seelen verschlingendes Schwert. Ganz unbewaffnet war der Fürst aber auch nicht. Hinter einem Stuhl lag ein Schwert, dass Ramrû jetzt griff und aus der Scheide zog. Es war verziert mit Feuer speienden Drachenköpfen, die vom Griff ausgingen. „Gefällt es dir? Es hat die gleichen Eigenschaften wie Seelenfänger, nur ungleich mächtiger.“ sagte der Fürst lächelnd. „Als ob.“ schnaubte Feron. Es gab nicht all zu viele Schwerter mit derart außergewöhnlichen Fertigkeiten. Und Seelenfänger war das einzige seiner Art gewesen. Er wusste nicht, ob das Schwert des Fürsten irgendwelche magischen Kräfte hatte, aber meisterhaft geschmiedet war es mit Sicherheit. Also, Silberschlag, lass mich nicht im Stich. Nochmal werde ich bestimmt nicht zurückgeschickt. dachte Feron, und war überrascht, als er den Kampfeswillen des Schwertes spürte.
Feron stand dem Fürsten breitbeinig gegenüber, der mit seinem Schwert ein paar schnelle Hiebe in die Luft machte, es dann nach oben warf und hinter seinem Rücken wieder fing. „Na, kannst du sowas auch, Bursche.“ lachte Ramrû amüsiert. „Ich schlag dir einfach so den Kopf ab.“ antwortete Feron trocken. Diese kleine Einlage zeigte ihm, wie gefährlich sein Gegner immer noch war. Der Fürst sprang blitzschnell vor. Feron sprang zur Seite und parierte die Rückhand seines Gegners. Sofort folgten weitere Angriffe mit hohem Tempo. Er ist schnell, aber seine Technik leidet darunter. dachte der Drachentöter, während er einer Finte auswich. Bislang hatte er selbst nicht angegriffen, denn er wollte sehen, wie sein Gegner kämpfte. Wie auf den Perleninseln war er schnell, jetzt sogar noch schneller, da ihn keine Rüstung behinderte. Aber offensichtlich hatte er sich lange Zeit auf Seelenfänger verlassen. Damals hatte er eine gute Abwehr gehabt, und Feron wollte wissen, ob das immer noch der Fall war. Er machte einen Ausfall, der problemlos von Ramrû pariert wurde. Ein weiterer Schlag wurde vom Fürsten pariert, der laut auflachte. „Ich habe dich ein mal getötet, Bürschchen, ich werde es wieder tun. Diesmal holt dich hoffentlich niemand zurück. Schade, denn sonst könntest du sehen, wie ich mir die Zauberin zu Willen mache.“ lachte er höhnisch. Feron unterdrückte die aufsteigende Wut. In Gedanken hatte er, während der Fürst sprach, das Ende des Kampfes gesehen, und Silberschlag stimmte ihm zu. Der Fürst würde sich selbst besiegen.
Als der Fürst mit lachen fertig war, schoss er abermals blitzschnell vor, und der Drachentöter parierte den Schlag, ohne von der Stelle zu weichen. Weitere Angriffe folgten, und langsam wich Feron zurück. Er machte einen Ausfall, der sofort von seinem Kontrahenten geblockt wurde. Ramrû schoss erneut vor, und Feron stolperte zurück. Zumindest tat er so. Mit Triumph in den Augen setzte der Fürst nach, und der Drachentöter wich der tödlichen Klinge aus. Mit einem Stich schnitt er tief in die Schwerthand seines Gegners, der laut aufschrie. Das Schwert klapperte und rutschte über den feuchten Boden. Mit vor Schreck geweiteten Augen starrte ihn der Fürst an. „Diesmal sterbt Ihr.“ stellte Feron fest und sprang vor. „Nein!“ rief jemand. Feron erkannte die Stimme und wollte innehalten. Doch Silberschlag war anderer Meinung und preschte weiter vor. Feron spürte, wie es sich für seinen Tod rächen wollte. Aber er befahl ihm gedanklich, aufzuhören. Es war, als ob sich das Schwert auf einen Kompromiss einließ, als es Fingertief in den Hals des Fürsten schnitt.
Blutend und wimmernd stürzte der Fürst zu Boden. Eine dünne, rote Lache breitete sich unter ihm aus. „Du kannst mich jetzt loslassen.“ sagte Awelia zu der Frau, die sie immer noch festhielt. Vorsichtig ließ die Frau sie los. Awelia hatte sie noch nie gesehen, aber sie war mit Feron gekommen. Und sie hatte geholfen, den Zauber zu überwinden, den der Fürst auf sie gelegt hatte. „Töte ihn nicht.“ sagte so ruhig wie sie konnte zu Feron. „Aber …“ protestierte er und sah sie an. Dann sah er betreten zu Boden. Gedanklich stellte sie fest, dass sie nackt war. Verdammter Fürst! Feron ist gerade rechtzeitig gekommen. Nicht auszudenken, was anderweitig passiert wäre. „Ich will Antworten.“ erklärte sie, eine ganze Spur düsterer. Sie schritt die Stufen hinauf aus dem Becken heraus. Seit der Zauber des Fürsten nachgelassen hatte, spürte sie etwas. Tief in ihr, geschwächt und verwundet, aber dennoch da, lag der Funken. Ihre Magie war fast vollständig erloschen, doch sie konnte spüren, wie sie noch da war. Der Fürst hatte zumindest damit recht gehabt, die Magie würde zu ihr zurückkehren. Awelia war immer noch eine Zauberin.
Der Fürst sah nun weit weniger beeindruckend aus, wo er schwer verletzt am Boden lag. Er presste eine Hand auf die Wunde am Hals, doch zwischen den Fingern quoll trotzdem Blut hervor. Wenigstens hatte Feron ihn noch nicht ganz getötet, auch wenn er sicher nicht mehr lange leben würde. Sie hockte sich neben den Fürsten, Kas'loh'ran. „Bitte … habt Gnade.“ flüsterte der Fürst zwischen zwei Atemzügen. Awelia ignorierte seine Worte. „Habt Ihr die Assassine angeheuert?“ frage sie tonlos. Zögernd nickte Kas'loh'ran. „Sie sollte … dich zu mir … bringen.“ erklärte er langsam. Awelia dachte an Dara, die ihr so oft zur Seite gestanden hatte. Und die von der Assassine ermordet worden war. „Ich hoffe, Euer Tod wird langsam und qualvoll. Ihr verdient so viel mehr, für alles was Ihr getan habt, aber damit muss ich mich wohl begnügen.“ sagte Awelia kalt. Sie bebte am ganzen Leib und musste sich beherrschen, um nicht auf ihn einzuschlagen. „Wo ist der Schatten? Wo ist sein Versteck?“ fragte sie, nachdem sie sich beruhigt hatte. Der Blick des Fürsten wurde trotzig. „Wo ist der Schatten?“ wiederholte die Zauberin. Doch Kas'loh'ran schwieg. Sie griff seine verletzte Hand und drückte einen Finger in die Wunde, so dass der Fürst vor Schmerz aufschrie. „Antwortet!“ verlangte Awelia wütend. Etwas legte sich auf ihre Schultern.
Feron legte Awelia den Umhang um, den Ajina aus dem Wasser gefischt hatte. „Lass gut sein, der ist erledigt.“ flüsterte er. Die Zauberin sah auf. „Ich will endlich Antworten!“ verlangte sie. „Aber nicht so, das bist nicht du. Was würde Dara sagen?“ antwortete er eindringlich. Awelia stand auf und sah ihn wütend an. „Gar nichts, denn sie ist tot.“ blaffte sie, und Tränen traten in ihre Augen. Geschockt trat Feron einen Schritt zurück. „Das tut mir leid. Sie war eine gute Kämpferin.“ antwortete er mit belegter Stimme. Es war als ob eine Last von Awelia fiel. „Sie ist tot, und es ist meine Schuld.“ schluchzte sie und Tränen rannen über ihr Gesicht. „Na na.“ machte Feron und nahm sie in die Arme. „Dich trifft keine Schuld, sondern die, die sie getötet haben.“ flüsterte er und klopfte ihr leicht auf den Rücken. So standen sie einige Zeit, während sich Ajina zu ihnen gesellte und den Fürsten betrachtete. Aus irgendeinem Grund setzte die Händlerin ein breites Grinsen auf.
Es gab einen lauten Knall, gefolgt von mehrstimmigen Rufen. Vorsichtig löste sich Feron von Awelia und sah zusammen mit Ajina nach der Quelle des Lärms. Es waren die anderen Krallen, die durch eine Tür in der Nähe gestürmt kamen. „Tänzerin soll draußen bleiben!“ schrie die Händlerin laut. Feron hoffte, dass die Frau nicht durch das Gift beeinflusst wurde, denn er wusste nicht, wie weit Ajinas Gegengift noch reichte. Schneid kam zusammen mit zwei weiteren Krallen angelaufen. Rasch betrachtete der Anführer die Szene. „Na, so wie es aussieht, braucht ihr unsere Hilfe gar nicht.“ meinte er trocken. „Es tut trotzdem gut, euch zu sehen.“ sagte Ajina, deutlich froh über die bekannten Gesichter. „Wir haben uns gut geschlagen, aber ich denke, ohne Hilfe hätten wir es nicht geschafft.“ antwortete Schneid, und hinter ihm erschien eine flammende Gestalt. Feron hatte bislang nur ein mal einen Feuerelementar gesehen, doch er hatte eine starke Vermutung, wem dieser gehörte. „Seres?“ fragte er verblüfft. „Ja.“ sagte die Zauberin, die hinter dem Elementar her schlenderte. Zögernd trat Ajina vor. „Ihr solltet nicht hier sein, in der Luft ist …“ erklärte die Händlerin, doch Seres unterbrach sie. „Ich bin magisch immun gegen den Mist, keine Sorge.“ Die Zauberin betrachtete den Fürst einen Moment und nahm dann Awelia in Augenschein. „Bei den Göttern, was ist mit dir geschehen? Du bist nur noch ein Schatten deiner Selbst.“ flüsterte sie, sichtlich geschockt. „Ich hab schon einige verausgabte Zauberer gesehen, aber so schlimm … es ist ein Wunder, dass du noch da bist.“ sagte Seres. Awelia sah auf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Kein Wunder. Ich denke das waren die Kräuter von den Perleninseln, sie müssen eine heilende Komponente haben, denn nur durch sie bin ich das Gift losgeworden.“ erklärte sie matt. „Du hast sicher viel Schlimmes durchgemacht, doch leider muss das warten. Ich bin wegen der Anomalien hier. Sie scheinen hier ihren Ursprung zu haben.“ sagte Seres, während sie sich umsah. Awelia lächelte leicht. „Schon erledigt. Es war der Altar des Feuers, der hier unten steht.“ antwortete sie etwas belustigt. „Ist das so? Ich hätte nicht gedacht, dass sie den Altar wieder ausgraben würden. Nicht nach dem, was das letzte Mal geschehen war.“ meinte Seres und blickte nachdenklich zu Boden.
Feron ließ die beiden Zauberinnen ihre Unterhaltung führen, von irgendwelchen Altären und magischem Firlefanz. Davon hatte er sowieso keine Ahnung. Langsam ging er hinüber zu Schneid. „Ihr kennt sie?“ fragte der Anführer und nickte mit dem Kopf in Richtung Seres. „Ich habe sie beim Konzil kennengelernt. Sie war eine der wenigen, die auf Awelia gehört hat.“ antwortete Feron. „Dann hat sie mehr Grips als der Rest. Und kämpfen kann sie auch, es gibt nicht viele Magiebegabte, die sich die Finger schmutzig machen.“ meinte Schneid anerkennend. „Dann seid ihr gut durchgekommen?“ „Es war ein harter Kampf, als wir in den Palast eingedrungen waren. Überall diese verdammten Klapperschlangen. Ein paar hinterhältige Assassinen waren auch dabei. Alle wurden mehr oder weniger schwer verletzt. Als Horn fiel befürchtete ich schon, wir würden versagen.“ erklärte der Anführer der Krallen. „Horn ist tot?“ fragte Feron leise. Er hatte den Mann kaum gekannt, doch schien er ein guter Kerl gewesen zu sein. „Ja. Wir werden ihm zu gegebener Zeit gedenken.“ antwortete Schneid knapp. „Heute sind viele gute Leute gestorben.“ sagte Feron traurig und blickte hinüber zu Awelia. „Gute Leute sterben, damit alle anderen am Leben bleiben. Das ist der Helden Los.“ seufzte Schneid und sah hinab zum Fürsten. „Was machen wir mit diesem Haufen Elend?“
„Körperlich scheinst du ja in einigermaßen guter Verfassung zu sein.“ sagte Seres, nachdem sie Awelia eingehend betrachtet hatte. „Lass uns ein Stück gehen.“ fuhr die Zauberin weiter fort und führte sie weg von den anderen. Sie gingen zwischen den Becken entlang an die Seite. Der Feuerelementar reichte Awelia ihre restliche Kleidung, die getrocknet, aber überraschenderweise nicht verbrannt war. Die Zauberin nahm sie dankbar entgegen und zog sie an. Vor ihnen war die glatt geschliffene und verzierte Felswand. „Sie haben es tatsächlich wieder geöffnet.“ sagte Seres leise und machte eine Handbewegung. Rötliches Feuer flackerte kurz über die Wand und vor ihnen erschien ein Durchgang in der Wand, der eine Treppe offenbarte. Die Stufen führten hinab in die Tiefe. Ein rötlicher Schein drang von unten herauf.
„Das weckt Erinnerungen.“ sagte Seres mit einem düsteren Unterton. „Sie haben ihn schon mal eingesetzt, nicht wahr?“ fragte Awelia leise. „Ja. Es war schlimm. Es hat Wochen gedauert, bis klar war, was passiert ist. Und dann, bis wir ihnen Einhalt gebieten konnten. Aber das ist lange her.“ erklärte Seres. „Was wollen wir hier unten?“ fragte Awelia, während sie das Ende der Treppe erreichten. Sie betraten eine Kammer, die von einem feurigen Lichtschein erhellt wurde. Da stand er, eingehauen in Vulkangestein, wie aus dem Boden gewachsen. Der Altar des Feuers. Große Stufen führten hinauf zu der Plattform, in deren tiefem Becken ein ewiges Feuer brannte. „Wir sind hier, um dir zu helfen.“ hauchte Seres und bedeutete ihr, nach oben zu gehen. „Aber dieser Altar … er bringt nur Zerstörung.“ sagt Awelia. Seres schürzte die Lippen. „Dein Zustand … es würde viele Monate brauchen, bis du wieder bei Kräften bist. Dein magisches Gewebe ist stark beschädigt und deine arkane Kraft fast verschwunden. Ich kann dir helfen, es schneller zurückzugewinnen.“ erklärte sie. Awelia nickte. „Ich kann nur raten, aber ich denke, es wird weh tun.“
Sie kniete am Rand des Flammenbeckens nieder und schloss die Augen, so hatte es Seres befohlen. Awelia trat der Schweiß auf die Stirn. Die Hitze war fast unerträglich. Was die andere Zauberin gesagt hatte, ließ Angst in ihr aufsteigen. Aber dennoch vertraute sie ihr vollkommen. Awelia sah nicht, was Seres tat, sie hörte nichts und sah nur den roten Feuerschein, der durch ihre Augenlider drang. Ein heißer Wind, noch heißer als die Flammen, kam auf. Es tat bereits jetzt weh, und sie zog sich vor Schmerz zusammen. Dann war es, als ob die Flammen in ihr brannten. Awelia biss die Zähne zusammen so fest es nur ging. Es war, als ob sie von innen heraus verbrannte. Sie konnte nur vermuten, was Seres tat. Ich glaube, sie versucht mir die Magie zurückzugeben, die ich verloren habe. Auch wenn es sich nicht so anfühlt. dachte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht. Es fühlt sich an, als würde Lava in meinen Adern fließen! Sie wusste, dass die magischen Speicher des Altars, wenn auch fast leer, gewaltige Mengen an Magie speichern konnte. Vermutlich kanalisierte die andere Zauberin diese Magie nun durch Awelia. Oder sie tötet mich beim Versuch. Dann geschah etwas seltsames. Der Schmerz ließ keineswegs nach, doch langsam konnte sie die Magie in ihrer Umgebung wieder spüren. Sie spürte die gewaltigen Ströme, die Seres kanalisierte, dieses infernale Wirrwarr um sie herum. Doch auch die Magie des Weltenstromes, ja selbst die schwache Magie, die das ewige Feuer nur einen Schritt von ihr am Leben hielt. Aber mehr als all das spürte sie sich selbst. Sie konnte sich selbst spüren, wie sie heilte und der Funke in ihr in neuem Glanz erstrahlte. Die Zauberin hatte sich auf einer mentalen und magischen Ebene mit ihr verbunden, um ihr einen Teil ihrer Kraft zu geben, damit sie geheilt wurde. Seres würde nun für immer mit ihr verbunden sein.
Feron betrachtete den Fürsten, der sich inzwischen aufgesetzt hatte. Er wirkte blass, aber das kam vom Blutverlust. „Es wäre für dich besser, wenn du redest. Wo ist der Schatten?“ fragte der Drachentöter, bemüht freundlich. Ramrû warf ihm einen finsteren Blick zu. „Denk doch mal nach. Der Schatten ist bestimmt nicht so glücklich mit dir.“ fuhr Feron unbeirrt fort. „Du hast die Perleninseln verloren. Da bist du nur entkommen, weil er dich geschützt hat. Und jetzt hast du die Harjii verloren. Und was auch immer du mit Awelia vorgehabt hast, war sicher auch nicht im Interesse deines Meisters. Der wollte sie stets tot sehen. Ich kann mir also vorstellen, dass der Schatten gerade nicht besonders gut auf dich zu sprechen ist.“ Der Fürst starrte mit Verzweiflung im Blick zu Boden. „Was willst du.“ hauchte er schließlich. Feron hockte sich neben ihn. „Ich will wissen, wo sich der Schatten versteckt. Und keine Rätsel, bitte.“ sagte er eindringlich. „Und was habe ich davon?“ fragte der Fürst und blickte ihm in die Augen. Angst und ein Funken Hoffnung lagen hinter der Wand des Trotzes. Feron hielt dem Blick stand. Er sah einen Mann, dem einst die Welt zu Füßen lag, und der nun alles verloren hatte und sich jetzt an den letzten Strohhalm klammerte. „Du kannst natürlich keine Almosen erwarten, aber wir kümmern uns um deine Wunde. Und dann geht jeder seiner Wege.“ meinte er schulterzuckend. Er wusste, dass nichts außer Magie den Fürsten noch retten konnte. Der Schnitt hatte eine Arterie durchtrennt, der Fürst hatte große Mengen an Blut verloren und die feuchtwarme Umgebung machte es nicht besser. Langsam nickte Ramrû. „Wenn ich dein Wort habe … der Schatten, wie du ihn nennst … er ist in der Felsgartenmarsche. Dort steht ein uraltes Bauwerk. Die …“ erklärte der Fürst, zwischen den immer schwächer werdenden Atemzügen. „Die Schwarze Festung.“ vollendete Feron den Satz leise. Etwas in ihm zog sich zusammen, und längst vergessene Erinnerungen stiegen in ihm auf. „Du kennst diesen Ort?“ fragte Schneid, der die ganze Zeit neben ihm gestanden hatte. Feron erhob sich. „Ja.“ Vor ihm sackte der Fürst der Wüste langsam in sich zusammen und kippte zur Seite.
„Ich danke dir.“ flüsterte Awelia, während sie langsam die Augen öffnete. Seres wirkte matt und erschöpft, dunkle Ringe waren unter ihren Augen. „Du hast mir geholfen, die Fehlströmungen der Harjii zu beenden. Mehr als das, du hast sie eigenhändig gestoppt und dabei fast dein Leben gegeben. Das war das Mindeste, was ich tun konnte.“ antwortete die Zauberin gepresst und winkte ab. „Ich denke, wir sollten nach oben gehen. Ich habe ein Wörtchen mit dem Fürsten zu wechseln.“ sagte Awelia. Gemeinsam gingen sie die Treppe hinauf.
Als sie oben ankamen, standen Feron und einige ihr unbekannte Leute neben dem Fürsten, der zusammengesunken auf dem Boden lag. „Ist er ansprechbar?“ fragte Awelia, eine Spur schärfer als sie beabsichtigt hatte. „Es tut mir leid, der Fürst ist tot.“ antwortete einer der ihr Unbekannten. Sie blieb auf der Stelle stehen und starrte auf den am Boden liegenden Körper. Sie konnte sehen, dass es so war. Die Haltung war nicht natürlich, er musste tot sein. Verdammt. Wieder stehen wir mit nichts da, wieder müssen warten, das der Schatten seinen nächsten Zug macht. Wie lange soll das noch so weitergehen! dachte sie frustriert. „Keine Angst. Er hat gesprochen, bevor er bedauerlicherweise von uns gegangen ist.“ sagte eine Frau beschwichtigend, und so wie sie bedauerlicherweise betonte, bedauerte sie gar nichts. „Entschuldigt, wer seid ihr?“ fragte Awelia misstrauisch. Die Frau blickte zu dem Mann, der zuerst gesprochen hatte. „Gnädige Zauberin, wir sind die Krallen.“ sagte er ruhig. Seres pfiff leise durch die Zähne. „Feron hält große Stücke auf Euch.“ meinte Awelia anerkennend. „Tut er das?“ fragte der Mann mit einem Blick auf Feron, mehr rhetorisch als alles andere. „Was hat der Fürst gesagt?“ fragte Awelia und deutete auf den Leichnam. „Er sagte der Schatten ist … in der Schwarzen Festung.“ antwortete die Frau. Der Name sagte ihr nichts. Awelia blickte zu Seres, die nur mit den Schultern zuckte. „Das sagt mir nichts.“ bekundete Awelia. „Mir aber.“ sagte Feron düster und starrte nach wie vor auf den Boden. „Sie liegt mitten in der Felsgartenmarsche.“ Erst jetzt sah er sie an, Verzweiflung und Angst lagen in seinem Blick. Dieser Name hingegen sagte ihr etwas. Awelia legte den Kopf schief und überlegte angestrengt. Dann fiel es ihr wieder ein. Feron hatte es einst erwähnt, in einer seiner Geschichten. „Das ist …“ begann sie, doch sie wagte es nicht, weiter zu sprechen. „Das ist bei meiner Heimat.“ sagte Feron mit bebender Stimme. „Die Felsgartenmarsche ist nur ein paar Meilen von meinem Dorf entfernt.“
Gemeinsam standen sie in der Therme und beratschlagten, was zu tun war. Jetzt, wo sie wussten, wo der Schatten war, da wäre es ein leichtes, ihn aufzuhalten. Natürlich unter der Voraussetzung, dass der Fürst die Wahrheit gesagt hatte, und nicht etwa gelogen hatte, nur um seine Haut zu retten. Schneid war dafür, die Festung zu infiltrieren und den Schatten auszumerzen. Ein Gedanke, der auch Seres gefallen zu schien. Aber Feron war skeptisch. Der Schatten hatte oft genug bewiesen, dass er perfide Fallen stellen konnte und über geheime Mittel und Wege verfügte. Und das Dorf … Ferons Dorf. Das machte es persönlich. Doch auch Awelia schien skeptisch. Sie lauschte den Plänen der anderen eine Zeit lang, dann trat sie ans Wasser. Langsam hob sie eine Hand, und aus dem dampfenden Wasser stieg eine Kugel. Die Konturen der Welt waren darauf ersichtlich, Murea im Zentrum. Alle scharten sich hinter die Zauberin.
„Der Schatten ist nicht allein. Er hat seine Diener überall auf Murea.“ erklärte Awelia, und an einigen Stellen der Weltkugel tauchten schwarze Flecken auf. „Das sind nur die Dinge, von denen ich weiß.“ fuhr sie fort und deutete auf das Abbild Mureas. „Entschuldigt, aber bekommt ihr das etwas größer hin? In der zweiten Reihe sieht man nicht allzu viel.“ meldete sich Ajina zu Wort. Feron musste grinsen. Awelia ließ die Kugel sinken und machte eine ausholende Bewegung. Auf dem Wasser erschien Murea, die Umrisse wie von einer Karte. Es bildete sich eine Miniaturlandschaft vor ihnen, da sich Berge und Gebirgszüge aus dem Wasser erhoben. Die Zauberin schritt voran, ohne ins Wasser zu fallen. „Kommt.“ sagte sie knapp. Feron war der Erste, der sich rührte. Ohne zu zögern folgte er Awelia aufs Wasser. Hinter ihm kamen die anderen und stellten sich um die Karte herum. „Ich bin beeindruckt. So kurz nach diesen schrecklichen Erlebnissen so ein komplexer Zauber, und noch dazu von einem dir nicht eigenen Element.“ sagte Seres anerkennend. „Ich muss nur die Konzentration bewahren, sonst bekommt noch jemand nasse Füße.“ antwortete Awelia lächelnd. Sie wurde jedoch wieder ernst und erklärte, bei welchen Orten sie Nekromanten, dunkle Kulte und andere finstere Gestalten entdeckt hatten. Ein halbes Dutzend schwarze Flecken auf der Karte. Doch da waren noch mehr, bei denen sie sich nicht mehr erinnern konnte, was vorgefallen war. Ein paar Flecken ließ sie in hellem Licht erstrahlen. Das Nebeltal, Karturas, die Perleninseln und die Harji. Dort hatten sie schon Diener des Schatten geschlagen. „Ich weiß wonach es aussieht. Aber es ist alles nur Nebel.“ schloss Awelia. „Was meint Ihr?“ fragte Schneid. „Überall ist es Todesmagie. Es wirkt wie ein Nekromant, der überall Geschwüre hinterlässt, damit er am Ende über einen Kontinent des Todes herrschen kann. Doch das ist nur die Fassade. Der Schatten hat bewiesen, dass er sich auch auf andere Magieformen versteht, wie Feuer und sogar Kosmos.“ „Was ist dann sein Ziel?“ fragte Seres vorsichtig. „Chaos.“ seufzte Awelia, „Chaos. Ich weiß nicht wofür, aber es kann nichts gutes sein. Auf den ersten Blick sieht man einen Schwarzmagier. Auf den zweiten Blick wirkt es willkürlich und unkoordiniert. Doch der Schatten hat profunde Kenntnisse der Magie und außergewöhnliche Mittel zu seiner Verfügung. Spiegelteiche, Gedankenbänder, sogar Elementaraltäre. Es ist sogar möglich, dass er uns in diesem Moment beobachtet und zuhört.“ Alle sahen sich verstohlen um. „Aber das halte ich für unwahrscheinlich. Es gibt hier keinen Spiegelteich und auch keine magischen Einflüsse.“ sagte Awelia, leicht lächelnd. „Also, was schlagt Ihr vor?“ fragte Schneid direkt. Awelia atmete tief durch. „Eine begnadete Kämpferin sagte mir einst, wir müssen etwas tun, und sei es, Buschbrände zu löschen.“ antwortete sie und blickte die anwesenden der Reihe nach an. Der Gedanke an Dara schmerzte, und dieser Schmerz würde wohl nie gänzlich verschwinden. Sie war genauso wie Hennal gestorben, um sie zu beschützen. Doch sie konnte immer noch die Worte der Wächterin ehren und ihnen Weisheit entnehmen. „Dabei gibt es zwei Probleme. Wenn wir Buschbrände löschen, dann kann der Schatten ungestört weiter machen. Und wenn wir den Schatten aufhalten, sind die Buschbrände noch da, vielleicht sogar als Flächenbrand. Doch jetzt haben wir die Chance, beides auf ein mal anzugehen. Wir können die Diener des Schatten angreifen und zur gleichen Zeit den Schatten selbst. Ich möchte niemanden herumkommandieren, aber nach dem, was ich über die Krallen gehört habe, sollten sie mühelos mit den Dienern des Schatten fertig werden. Nicht wahr Feron?“ erklärte sie und wandte sich an ihn. Feron hob den Kopf und sah in die Runde. „Das ist in der Tat etwas, womit die Krallen spielend fertig werden.“ sagte er. Schneid nickte. „Und was willst du machen?“ fragte Seres Awelia. „Ich werde den Schatten besiegen.“ antwortete diese. „Ohne dir zu nahe treten zu wollen, das letzte Mal hätte er dich beinahe getötet. Und du bist immer noch geschwächt.“ meinte Seres. „Ja, wie wollt ihr alleine einen so mächtigen Feind bezwingen?“ fragte Ajina. „Feron wird mich weiterhin begleiten.“ erwiderte Awelia irritiert. Die Krallen warfen sich kurz Blicke zu, doch Schneid räusperte sich. „Selbstredend. Damit ist unsere Aufgabe geklärt und Eure auch. Was ist mit der Feuerzauberin? Wir könnten magische Hilfe vielleicht gebrauchen.“ fragte er. „Es wäre mir lieb, zumindest vorübergehend in Maresal zu bleiben. Um sicher zu stellen, dass die Ältesten diesmal einen Fürsten wählen, der des Titels auch würdig ist. Wenn wir irgendwie in Kontakt bleiben könnten … ich würde euch gern helfen.“ erklärte Seres. „Tänzerin kann Euch begleiten. Ajina, geh du mit der Zauberin und dem Drachentöter, bringe sie, so weit du kannst.“ befahl Schneid.
Die Krallen verschwanden einer nach dem Anderen durch ein Portal, das sie mitten im Raum erschufen. Awelia war beeindruckt von ihren Fertigkeiten. Sie hatten schnell und besonnen reagiert und offenbar sehr gut gekämpft. Sie hatten anscheinend Mittel und Wege, die sogar einem Zauberer ebenbürtig war. Sie wusste, dass es Zauber zur Teleportation gab, doch selbst war sie nicht besonders gut darin. Auch Seres wandte sich ab, nachdem sie sich verabschiedet hatte. Sie ging ganz normal vorbei an den herausgerissenen Türen hinauf zum Palast, ihren Elementar im Schlepptau, der an der Tür gewartet hatte. Damit blieb Awelia zusammen mit Feron und dieser Ajina, einer der Krallen, zurück. „So, wie ich sehe hast du neue Freunde gefunden. Die Krallen, noch dazu.“ sagte Awelia lächelnd. „Ja, wir wurden am Tor getrennt. Ich musste mich durchschlagen … sie haben mir geholfen.“ druckste Feron herum. Sie wusste, dass da noch mehr war. Ajina stieß dem Drachentöter in die Rippen. „Los, sei kein Holzkopf, erzähl es ihr.“ flüsterte sie, vermutlich in der Hoffnung, Awelia könnte sie nicht hören. Feron blickte einen Moment unschlüssig, dann begann er zu grinsen. „Sie haben mich zu sich geholt. Und mich einer schwierigen Prüfung unterzogen. Dann haben sie mich aufgenommen. Ich bin eine Kralle.“ eröffnete er, mit vor Stolz geschwollener Brust. „Das ist großartig.“ sagte Awelia lächelnd und seufzte dann. „Dann ist es dir besser ergangen als mir. Nachdem wir hier ankamen gelang es mir die Oras aufzuhalten, doch schon da hat mich der Schatten angegriffen. Ich wurde vergiftet, und Dara wurde getötet. Ich war nicht mehr ich selbst, bin wie eine leere Hülle umher gewandert und schließlich hier gelandet.“ erzählte sie betrübt. „Das tut mir leid.“ sagte Feron matt. „Entschuldige, ich freue mich wirklich für dich. Es ist nur die ungeheure Aufgabe, die vor uns liegt.“ Awelia hob beschwichtigend die Hände. Neben ihnen räusperte sich Ajina. „Ich will ja nicht dazwischenreden, aber wir müssten auch los. Leider kann ich euch nur an den Rand der Wüste bringen. Das oder Berg Rabenauge. Ich kenne mich in den Landen dazwischen wirklich nicht aus. Aber ich bringe euch so nah ich kann. Ihr spart sicher eine Woche.“ erklärte sie. „Das ist schon viel Wert, danke.“ meinte Awelia. Die Kralle machte eine Handbewegung und vor ihnen erschien ein Portal, ähnlich dem, was die anderen Krallen benutzt hatten.
„Von hier an müsst ihr alleine weiter. Da hinten beginnt die Steppe, und darauf folgen Lande, die ich noch nie gesehen habe.“ sagte Ajina, als sie zwischen den Felsen hervortraten. Sie waren noch immer in der Wüste, doch man konnte vermuten, dass sich am Horizont die Landschaft änderte. „Ihr braucht vielleicht etwas Geld, betrachtet das als Geschenk eines Fürsten.“ fuhr Ajina mit schelmischem Grinsen fort und warf ihnen einen Geldbeutel zu. „Danke, das brauchen wir wirklich.“ sagte Feron, denn er wusste, dass sie kein Geld mehr hatten. „Ich wünsche euch viel Erfolg. Drachentöter, ich hoffe, dass wir uns wieder sehen.“ verkündete die Händlerin mit einem leichten Lächeln, bevor sie zwischen den Felsen verschwand. „Dann liegt es wohl an uns beiden.“ sagte Awelia und sah sich um. Viel war nicht zu sehen, denn außer der Handvoll Felsen hinter ihnen gab es nur Sand. „Wir sollten ihn nicht warten lassen.“ antwortete Feron und grinste.