Kapitel 22 – Heimreise

Nach wenigen Stunden begann sich die Wüste zu verändern. Die Dünen wurden kleiner und der Boden fester. Bald darauf sahen sie erste verkümmerte Sträucher. Als die Sonne hinter dem Horizont versank, erspähten sie den ersten knorrigen Baum. Sie waren in der Steppe angekommen. Es wurde kühl und die Sterne funkelten am wolkenlosen Himmel. Awelia betrachtete die Sterne und versuchte sich an die Sternbilder zu erinnern, die Feron ihr gezeigt hatte. In einer Nacht wie dieser. An einem anderen Ort, vor so langer Zeit. So viel ist seitdem geschehen. dachte sie, und stolperte unversehens. Feron hielt sie, so dass sie nicht stürzte. „Ich weiß, es ist ein faszinierender Anblick. Trotzdem immer schön gucken, wo du hingehst.“ sagte er und lachte leicht. „Es ist dunkel, ich sehe nichts außer den Sternen am Himmel. Hier könnte ein Baum stehen und ich würde ihn nicht sehen.“ gab Awelia zurück, achtete aber darauf, wo sie hinlief.
„Hast du dir den Weg angeschaut? Also, wie wir von der Harjii zur Felsgartenmarsche kommen.“ fragte Awelia unvermittelt in die Nacht. „Ja, du etwa nicht?“ antwortete Feron überrascht. „Ich war zu beschäftigt, die Zauber aufrecht zu halten. Vielleicht sollte ich mich doch erst einmal schonen.“ gab sie zu. „Es ist ein weiter Weg. Viele Wälder und Felder, es wird eine Zeit lang dauern. Ich denke, das größte Hindernis wird der Große Fluss, der Araras.“ erklärte er. Awelia erinnerte sich, es war der größte Fluss Mureas. Gleich dahinter lag dann die Felsgartenmarsche, und Ferons Dorf. Der Gedanke daran bedrückte sie. „Ich möchte mich entschuldigen.“ sagte sie zögerlich. „Wofür?“ fragte Feron überrascht. „Ich bin beim ersten mal gescheitert. Daher ist jetzt dein Dorf in Gefahr. Es ist meine Schuld.“ „Quatsch. Du hast getan, was du konntest. Wir werden sie retten, du wirst sehen. Wer weiß, vielleicht haben sie nicht mal etwas mitbekommen.“ widersprach er entschieden. Eine Zeit lang herrschte Stille zwischen ihnen. Ich hoffe, dass sein Dorf damals noch in Ordnung war. Wenn ich mich doch nur erinnern könnte. dachte die Zauberin betrübt. „Wie heißt dein Dorf?“ fragte sie irgendwann. „Es hat keinen Namen. Wir haben es immer nur Dorf genannt.“

Sie brauchten mehrere Tage, um die Steppe zu durchqueren. Es war eine ereignislose Reise. Wenn die Vegetation nicht dichter geworden wäre, hätte sich der Eindruck aufgedrängt, sie wären auf der Stelle gelaufen. Ein paar mal sahen sie einen Vogel, der am Horizont kreiste, doch ansonsten trafen sie niemanden. Glücklicherweise waren die Beeren der Büsche essbar, so dass sie nicht verhungerten. Awelia ließ es zwischendurch ein mal regnen, damit sie etwas zu trinken bekamen. Sie sprachen nicht viel während des Marsches durch die Steppe, doch hin und wieder begann Feron, kurze Anekdoten zu erzählen. Awelia konnte seine Unruhe spüren, er war seit Jahren nicht zu Hause gewesen, und sie wussten nicht, was sie dort vorfinden würden. Die Zauberin versuchte im Schlaf fast krankhaft sich zu erinnern, was passiert war, als sie dem Schatten zuletzt gegenüber getreten war. Doch sie konnte sich nur an die seltsamen Treppen erinnern, die in alle möglichen und unmöglichen Richtungen führten. Und wie sie dann in der Wiese landete, dort wo alles angefangen hatte. Oder geendet. dachte sie mit geschlossenen Augen. Ein seltsames Gefühl beschlich sie. Warum hatte sie gegen den Schatten gekämpft. Er ist bösartig und verbreitet Chaos. Aber da ist noch etwas anderes. Etwas eigenartiges, befremdlich und zugleich vertraut. Wenn ich nur wüsste, was damals geschehen ist.
Als die Sonne aufging, setzten sie ihren Weg fort. Mittag erreichten sie einen Hügelkamm, und dahinter breitete sich eine blühende Landschaft voller Leben aus. Von einem Berg herab zog sich ein Fluss, der sich vor ihnen zwischen Hügeln entlang schlängelte und am Horizont verschwand. Um den Fluss herum verwandelte sich das Braun der Steppe in saftiges Grün mit weiten Wiesen und Wäldern. Einige Dörfer lagen am Ufer des Stroms und auch eine Straße war auszumachen. „Ich schätze, damit sind wir wieder in der Zivilisation.“ meinte Feron gut gelaunt. Awelia legte den Kopf schief. „Glaubst du, dass der Schatten weiß, dass wir kommen?“ fragte sie. „Er hat in der Wüste versagt. In mehrfacher Hinsicht. Es ist möglich, dass er es zumindest vermutet.“ antwortete Feron und zuckte mit den Schultern, und nach kurzem Überlegen fügte er hinzu „Eigentlich habe ich keine Ahnung, ich rate nur.“ Awelia begann zu lächeln. „Was hast du?“ fragte er überrascht. „Oh, ich denke nur gerade daran, dass am Ende dieses malerischen Weges ein finsterer Schrecken wartet. Und all die Antworten, auf die ich so lange schon warte.“
Bis zum Einbruch der Dunkelheit schafften sie es zu einer Baumgruppe vor dem Weg, der zu einem Dorf führte. Sie beschlossen, die Nacht noch hier zu verbringen, und am nächsten Tag in das nahegelegene Dorf zu gehen. „Wir haben noch nicht richtig darüber gesprochen … du hast mir zwar erzählt, dass sich die Krallen rasch zwischen verschiedenen Orten bewegen können, ich habe es sogar selbst gesehen, doch wie genau geht das?“ fragte Awelia, während sie zwischen den Bäumen saßen. „Es ist eine Gabe, denke ich. Um ehrlich zu sein weiß ich nicht, wie viel ich erzählen darf. Es gab eine Prüfung, und am Ende war da diese Frau … ich glaube sie ist eine Heilige. Oder eine Göttin.“ erzählte Feron nachdenklich. „Eine Heilige, das ist gut möglich. Ich habe gelesen, dass viele Kulte Heilige haben. Einige sogar mit außergewöhnlichen Kräften, die an Magie grenzen, aber keine sind. Vielleicht teilt die Heilige der Krallen ihre Gabe.“ mutmaßte die Zauberin. „Und du kannst es auch? Dieses Portal?“ fragte sie weiter. „Ich kann es selbst noch nicht, auch wenn Ajina es mir erklärt hat. Aber wenn das alles hier vorüber ist, dann werde ich es lernen.“ antwortete Feron. „Ah Ajina, sie ist nett, oder?“ fragte Awelia lächelnd. „Was? Ich weiß nicht, was du meinst.“ stammelte er und wurde rot. Dann schüttelte er den Kopf. „Ich respektiere sie. Sie ist eine herausragende Kämpferin. Und sie kann ziemlich schnippisch sein.“ „Schon gut.“ lachte die Zauberin. Dann wurde sie wieder ruhig. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber ich vermisse es, die ersten Tage, kurz nachdem ich dich getroffen hatte. Damals wollte ich unbedingt wissen, was passiert war, und alles war trotzdem unbeschwert. Aber jetzt, wo ich weiß womit wir es zu tun haben, nach allem was geschehen ist … ich wünsche mir die Unwissenheit zurück.“ gestand sie fast wehmütig. Feron setzte sich auf und betrachtete sie. „Wir können die Zeit zwar nicht zurückdrehen, aber es wird der Moment kommen, wenn wir auf all diese Anstrengungen zurückblicken und sehen, was wir erreicht haben. Und es wird gut sein.“ meinte er. „In all der Zeit habe ich es fast aus den Augen verloren, die Frage, wer ich tatsächlich bin. Ich habe mich über meine Aufgabe definiert. Den Schatten zu besiegen, das gibt mir Kraft. Doch das kann nicht mein einziger Daseinszweck sein.“ sie lachte leicht. „Der Schatten ist etwas fremdartiges und feindseliges, und doch ist er mir irgendwie vertraut. Was ist, wenn der Schatten ein Teil von mir ist? Oder ich von ihm? Was, wenn wir ein und das selbe sind?“ flüsterte sie. Feron spürte, wie es kühl wurde. „Ich hatte eine ähnliche Theorie.“ gestand er vorsichtig. „Aber das bist nicht du. Du bist nicht wie der Schatten.“ sagte er mit fester Stimme. „Und wenn doch? Was würdest du tun?“ fragte sie leise. Er starrte nachdenklich zu Boden. „Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht …“ hauchte er. Plötzlich griff Awelia seine Hand und stellte sich vor ihn. „Wenn der Schatten tatsächlich ein Teil von mir ist … wenn ich ihm anheim falle … dann will ich, dass du mich tötest.“ sagte sie mit fester Stimme. Feron starrte sie fassungslos und entsetzt an. Er öffnete den Mund, doch konnte keine Worte hervorbringen. „Wenn der Schatten mich verdirbt, dann sind wir alle verloren. Das darf nicht passieren! Töte mich, bevor es zu spät ist. Nur du kannst es.“ Er blickte in ihre Augen, konnte die Entschlossenheit und Angst darin sehen. „Schwöre es! Schwöre es bei allem, was dir teuer ist.“ befahl sie. Feron schluckte schwer. „Ich schwöre, bei meiner Ehre, bei der Ehre der Krallen … bei dem Leben meines Dorfes. Wenn du dem Schatten anheim fällst, werde ich dich töten.“ flüsterte er mit bebender Stimme. „Danke.“ hauchte Awelia und ließ seine Hand los. Feron saß zitternd und geschockt da und starrte in die dunkle Nacht.

Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sie aufbrachen. Feron hatte schlecht geschlafen, die Nacht steckte ihm noch immer in den Knochen. Sie hatten kein Wort mehr darüber gesprochen, doch seine Gedanken kehrten immer wieder darauf zurück. Würde er es wirklich tun können, wenn es darauf ankam? Sie kannten sich nun schon so lange. Er hatte sich selbst immer für einen Helden gehalten. Wenn es das bedeutet, ein Held zu sein, dann will ich kein Held mehr sein. dachte er finster.
Im ersten Dorf kauften sie etwas Verpflegung und setzten ihre Reise gleich darauf fort. Es waren kleine Dörfer von Fischern und Bauern, die den Weg säumten. Nach zwei Tagen erreichten sie ein größeres Dorf, fast schon eine kleine Stadt. Der Name auf dem verfallenen Schild war schlecht leserlich. Entweder war es Windbach, Wildbach oder Wutbach. Selbst die Bewohner schienen sich nicht sicher zu sein. Vom Verhalten her tippte Awelia am ehesten auf Wutbach. Da sich die Sonne dem Horizont entgegen neigte, mieteten sie ein Zimmer im Gasthaus „Aufs Maul“. Im Schankraum war nicht viel los, nur ein paar Dorfbewohner saßen zusammengerottet an den mittigen Tischen. Awelia und Feron setzten sich an den Rand. Nach kurzer Zeit kam die Bedienung, eine Frau, die sich dem Aussehen nach in jeder Kneipenschlägerei behaupten konnte. Sie bestellten etwas zu essen und lauschten dann den Gesprächen der Dorfbewohner. Zunächst sprachen sie über die Ernte und tratschten über andere Familien. Doch nach ein paar Bier fing einer an, über Orks zu sprechen. Offenbar war vor einigen Wochen eine Gruppe Orks in der Nähe des Dorfes langgezogen und terrorisierte nun die Menschen weiter flussabwärts. Awelia hatte schon von Orks gelesen, aber nie einen zu Gesicht bekommen. Es gab wohl noch einige kleinere Fürstentümer oder dergleichen an den Rändern Mureas, doch sie waren alle mit den Menschenreichen, allen voran Pyrion, verfeindet. Der, der mit den Orks angefangen hatte, erzählte gerade, dass der Anführer eine große, gerüstete Bestie mit nur einem Auge war, als Feron plötzlich laut auflachte. „He, Bursche! Was ist so lustig?“ rief der Mann empört, und seine Kumpane drehten sich verärgert herum. „Na toll, gleich gibt’s ne Schlägerei.“ flüsterte Awelia zu sich selbst, während der Drachentöter aufstand.
„Ich musste lachen …“ sagte Feron laut, „ … weil ich selbst schon mal einen Ork besiegt habe.“ „Hast du das?“ fragte einer der Männer misstrauisch. „Ich gebe zu, es ist schon lange her, und ich habe seitdem weit größere Schurken erlegt. Aber ja, ich habe wirklich einen Ork besiegt.“ erklärte der Drachentöter lächelnd, und setzte sich auf den Tisch. Die Frau hinter dem Tresen warf einen finsteren Blick in ihre Richtung, beließ es aber dabei. „Es ist schon viele Jahre her, ich war vielleicht halb so groß wie heute. Da wurde unser Dorf von einer Horde Orks terrorisiert. Wir hatten nicht viel, und nichts um uns zu verteidigen. Die nächste Stadt war weit entfernt, und wir wussten ihre Soldaten würde nicht kommen, um uns zu helfen. So waren wir den Orks ausgeliefert und mussten tun, was sie forderten. Zum Glück … oder Unglück … musste unser Schmied Waffen herstellen, für die Orks. Der alte Mann, möge er in Frieden ruhen, strengte sich nicht besonders an, so dass die Waffen, die wir den Orks gaben, von schlechter Qualität waren. Doch er strengte sich um so mehr an, als er, unbeobachtet von den Orks, eine Handvoll Waffen für uns herstellte. Nichts herausragendes, einige Dolche und eine Axt. Doch wir fassten all unseren Mut zusammen und traten den niederen Kreaturen gegenüber. Ihr Anführer, eine große, gar hässliche Gestalt, lachte laut auf, als er uns sah. Wir stürzten uns auf sie, und auch wenn einige von uns ihren Mut mit ihrem Leben bezahlen mussten, so war es doch ein Kampf den wir gewinnen konnten.“ erzählte Feron. „Und du hast den großen Scheißer alleine getötet?“ fragte einer der Dorfbewohner skeptisch. Der Drachentöter hob beschwichtigend die Hände. „Nein. Um ehrlich zu sein, ich wollte gar nicht kämpfen. Aber alle anderen haben gekämpft, also habe ich notgedrungen mitgemacht. Durch einen dummen Zufall bin ich mit einigen anderen an den Anführer der Orkhorde geraten. Der Schmied wurde getötet, und ich griff mir seinen blutigen Dolch. Jeder der schon mal einen Ork gesehen hat weiß, dass sie dicke Haut haben. Die Dolche waren gut, doch es reichte nicht. Ich dachte, wir würden einfach sterben. Das Untier machte sich über einen von uns her, der am Boden lag, und ich stach zu. Ich traf die Kreatur ins Auge und sie brüllte vor Schmerzen auf. Aus Angst um sein Leben, dass ihm einfache Dorfbewohner zu nehmen wagten, ergriff der Ork die Flucht. Und seine restlichen Halunken folgten ihm.“ schloss Feron. Die Dorfbewohner sahen sich nachdenklich an. „Also du meinst diese Orks flussabwärts, das könnten eben jene Orks sein, die damals entkommen sind?“ fragten sie. „Ich sag euch was. Wir reisen in die Richtung. Wenn mir diese Halunken über den Weg laufen, dann wird diesmal keiner davon wegrennen.“ lächelte Feron verschmitzt und deutete auf sein Schwert. „Hört, hört!“ riefen die Dorfbewohner und hoben ihre Humpen.
Als es Nacht wurde, begaben sich Awelia und Feron in das Zimmer über dem Schankraum. „Gute Geschichte.“ sagte die Zauberin anerkennend. „Es ist wahr.“ antwortete Feron und blickte sie nachdenklich an. „Ja.“ sagte sie rasch und setzte sich aufs Bett. „Du weißt, was wir zusammen erlebt haben. Ich war auch schon vorher ein Held.“ grinste Feron und Awelia lachte. „Ja, das ist wahr.“ sagte sie und ließ sich in das Kissen fallen.
Awelia träumte. Im Nachhinein konnte sie sich nicht erinnern, was sie geträumt hatte, aber es musste etwas banales gewesen sein. Doch dann war es, als ob etwas sie aus dem Traum heraus zog. Ihr körperloses Selbst raste über eine leere Ebene hinweg und erreichte einen blass schimmernden Fluss. Das gegenüberliegende Ufer war pechschwarz. Eine gewaltige, düstere Ebene. Risse taten sich auf, die noch schwärzer zu sein schienen. Ein Gesicht, eine hässliche Fratze bildete sich. „Ja, ich weiß, dass du da draußen bist.“ fauchte eine ihr nur allzu bekannte Stimme. „Und ja, ich weiß dass du zu mir kommst. Nur zu, ich erwarte dich.“ Die groteske Fratze lachte schallend.
Langsam öffnete die Zauberin die Augen. Es war noch Nacht. Sie wusste, sie sollte besorgt sein, vielleicht sogar berechtigte Angst haben. Doch sie fühlte eine seltsame Ruhe. Sie wusste, dass es bald vorbei sein würde. Auf die eine oder andere Weise. Es wird schon bald enden. Dieses mal wird es enden. dachte sie und schloss die Augen, um weiter zu schlafen.

Von Wutbach aus reisten sie noch eine Woche am Fluss entlang in Richtung des Araras. In den Dörfern auf ihrem Weg hörten sie noch mehr Gerüchte von Orks und schließlich erreichten sie auch einen ersten Ort, der von den Kreaturen überfallen worden war. Es war schon einige Tage her, und niemand war gestorben. Doch der Schock saß den Bewohnern noch tief in den Knochen. Offenbar hatten sich die Orks zum Großen Fluss zurückgezogen, und niemand wagte sich dort hin.
Feron machte sich wegen der Orks keine ernsthaften Gedanken. Awelia beunruhigte ihn eher. Nachdem er in dem einen Gasthaus seine Geschichte erzählt hatte, hatte die Zauberin am nächsten Tag eine seltsame Gleichgültigkeit an den Tag gelegt. Sie hatte nichts gesagt und er hatte sie auch nicht danach gefragt. Die meiste Zeit des Weges hatte sie die Gleichgültigkeit beibehalten. Vielleicht hätte ich doch fragen sollen. schalt er sich missmutig in Gedanken. Nicht zum ersten mal wunderte er sich, wie man so viel Wissen und so viele Facetten in ein Wesen stopfen konnte. Am Anfang war sie so zuvorkommend, ja unschuldig gewesen. Aber je mehr sie von ihrer Macht wiederentdeckt hatte, desto selbstsicherer und auch härter wurde sie. Einmal mehr fragte er sich, was am Ende dieser Verwandlung stehen würde. Was war sie früher einmal gewesen? War sie gutherzig? Oder ein Monster? Oder etwas dazwischen? die finsteren Gedanken bildeten einen unheilvollen Schleier in seinem Verstand, während er den Horizont betrachtete. „Sorgst du dich wegen der Orks?“ fragte Awelia hinter ihm. Überrascht drehte er sich um. „Nein, das ist es nicht.“ antwortete er hastig. „Oh. Entschuldige. Ich bin sicher, dass es deinem Dorf gut geht.“ sagte die Zauberin. Feron konnte spüren, dass sie irgendwie abwesend war, doch er sagte nichts. Stattdessen gingen sie weiter. Doch auch er war nicht ganz bei der Sache. Nach Awelias Bitte in der Nacht hatte er zunächst versucht, das Ereignis zu verdrängen. Doch dann war ihm etwas anderes eingefallen. Sie hatten auch über die Gabe der Krallen gesprochen, und so hatte Feron nun beschlossen, nicht länger zu warten. Wann immer er Zeit fand und unbeobachtet war, übte er, ein Portal zu erschaffen. Bislang war er jedoch nicht erfolgreich. Aber er hoffte, langsam Fortschritte zu machen. Ajina hat es so leicht aussehen lassen. Aber sie macht das auch schon eine ganze Weile. schalt er sich gedanklich, als er wieder einmal erfolglos war.

Schließlich erreichten sie den Fluss Araras. Das Dorf, in dem sie die Nacht verbracht hatten, war komplett verlassen und geplündert. Türen waren herausgerissen, Einrichtung zerstört. Doch die Orks, die dafür verantwortlich sein mussten, waren längst nicht mehr da. Sie suchten sich ein Bett in einem der Häuser und verbarrikadierten vorsorglich die Tür. Aber niemand störte sie in dieser Nacht. Am Morgen sahen sie bereits die schillernde Oberfläche in der Ferne. Am Mittag näherten sie sich der Brücke, die über den Strom führte. Am Wegesrand waren Speere in den Boden gerammt. Einige waren mit kruden Holzfratzen geschmückt, auf anderen hingen die Schädel großer Raubtiere. „Dann müssen die Orks wohl in der Nähe sein.“ meinte Awelia trocken. „Das sind sie. Noch ein paar Meilen. Ich kann sie riechen.“ antwortete Feron, leicht angespannt. Die Zauberin schnupperte in der Luft. „Ich rieche nichts.“ gestand sie schließlich. „Vertrau mir.“ meinte der Drachentöter nur. Sie nickte, und blickte nachdenklich zu Boden. Noch hatte sie ihm nichts erzählt, doch seit Tagen hatte sie schon den selben schlechten Traum. Der Schatten würde auf sie warten, gleich auf der anderen Seite des Flusses. Wenn Feron anderes gemacht hatte und sie unbeobachtet war, hatte sie sich wieder an die Magie gewöhnt und geübt, so gut es ging. Sie hatte einen Stein den ganzen Tag lang hoch über ihren Köpfen schweben lassen, hatte mehrere Zauber gleichzeitig gewirkt. Sie wollte bereit sein, denn sobald sie das andere Ufer erreichten, konnte der Schatten jederzeit zuschlagen. Nur wenig hatte sie von den Orks mitbekommen, und selbst jetzt kam es ihr wie eine Beiläufigkeit vor. Sie erinnerte sich zurück, wie sie den Troll mit einem Sonnenblitz niedergestreckt hatte. Orks waren ein Stück kleiner, sie würde spielend mit ihnen fertig werden. Sonnenblitz um einen einzelnen von ihnen niederzustrecken. Ein Kettenblitz gegen eine Gruppe, gefolgt von einem Wirbelwind, wegen der Zähigkeit. dachte sie nüchtern und wunderte sich zugleich, seit wann sie so ruhig und methodisch über den Einsatz von Magie und den Schaden, den man mit ihr machen konnte, dachte. Doch sie versicherte sich, dass es nötig war, wenn es zum Kampf mit dem Schatten kam.
Fast hätte sie es überhört, als Feron sagte, dass Orks vor ihnen wären. Und tatsächlich sah sie die beiden Gestalten, die vor einer beschädigten Hütte warteten. Die dunkelgrüne Haut und die weißen Hauer, die aus den Mündern ragten, zeigten eindeutig, dass es sich um Orks handelte. Beide waren einen Kopf größer als Feron und trugen Kettenhemd, Helm und Schwerter. „Oi!“ grunzte einer der Beiden und zeigte auf Awelia und Feron. „Halt!“ rief er laut. Feron blieb stehen und auch Awelia stoppte überrascht. „Ich dachte, du willst kämpfen?“ flüsterte sie verblüfft. „Nur die Ruhe. Bei Orks nimm dir immer den Größten zuerst vor.“ sagte der Drachentöter seelenruhig. „Ihr seid auf dem Land von Kriegsherr Granballa! Könnt ihr bezahlen?“ fragte der Ork laut, während er näher kam. Aus der Hütte kamen zwei weitere Orks mit Bögen hervor. „Wie viel?“ fragte Feron und griff zum Geldbeutel. „Zwanzig Münzen, pro Kopf.“ forderte der Ork, und der andere wiederholte mit einem tiefen Grunzlachen die Worte des Ersten. „Das ist mir zu teuer.“ stellte Feron fest. „Dann hack ich dir die Rübe ab!“ erwiderte der Ork verärgert, der jetzt bei ihnen angekommen war. „Dann hab ich immer noch nicht bezahlt. Hast du Schwachkopf hier das Sagen oder kann ich mal mit jemandem verhandeln?“ fragte der Drachentöter genervt und blickte an dem Ork vorbei. Awelia konnte die Anspannung in der Luft spüren. „Hör mal zu du Wicht, du bezahlst oder es setzt was!“ schnauzte der Ork und holte mit seiner Pranke aus. Noch bevor er zum Schlag kam, hatte Feron sein Schwert gezogen und der Kreatur die Hand abgetrennt. „Du Schwein!“ bekam der Ork gerade noch heraus, bevor Silberschlag seine Brust durchbohrte.
Während der Ork nach hinten kippte wandte sich Feron ruhig dem anderen Ork zu, der verblüfft dastand und an seinem Schwert herumfingerte. „Geh und hol den Kriegsherren. Ich will verhandeln.“ befahl der Drachentöter barsch.

„Hälst du das für eine gute Idee?“ fragte Awelia nervös, während sie auf den Kriegsherren warteten. „Ja. Er wird kommen.“ sagte Feron ruhig und beobachtete, wie ein halbes Dutzend weitere Orks auftauchten. Einige davon zielten mit Bögen in ihre Richtung. „Das oder sie erschießen uns.“ gab die Zauberin zu bedenken. „Ein Ork kann kaum einer Herausforderung widerstehen, vor allem dann nicht, wenn er sich Kriegsherr nennt.“ antwortete er und blickte kurz zu ihr.
Dann endlich kam der Kriegsherr. Feron musste gestehen, dass er beeindruckt war. Der Ork war fast drei Schritt hoch, doch es war schwer zu sagen. Der ganze Körper des Kriegsherrn war in einer stählernen Rüstung verpackt, die aus mehreren Schichten bestand und bei jedem der schweren Schritte klapperte. Ein paar Schritt entfernt blieb der Kriegsherr stehen, seine Gefolgschaft hinter sich. Verächtlich grunzend blickte er vom toten Ork zu Feron und Awelia. „So, du willst verhandeln, du Wicht. Der Preis hat sich gerade verdoppelt.“ schnauzte Granballa. Einige der anderen Orks lachten gehässig. Feron betrachtete das Gesicht seines Gegenüber. Sein Herz machte einen Sprung, das finstere Gesicht hatte sich über die Jahre nicht geändert, und das linke Auge war noch immer eine Narbe. Dies war tatsächlich der Ork, der vor so vielen Jahren sein Dorf überfallen hatte. „Gegenvorschlag. Wir bezahlen nichts, und ihr bleibt alle am Leben.“ antwortete Feron mit leichtem Lächeln. „Hah, und was sollte mich dazu bringen? Dein Zahnstocher? Oder deine kleine Freundin?“ lachte Granballa abfällig. Feron warf einen Blick zu Awelia. „Sie hat schon größere als dich besiegt. Aber ich denke, ich nehme den Zahnstocher. Und diesmal hole ich mir dein anderes Auge, Granballa.“ eröffnete er mit fester Stimme. Der Kriegsherr runzelte die Stirn, doch dann wich die Verwirrung der erschrockenen Erkenntnis. „Du? Das ist unmöglich!“ sagte Granballa geschockt und trat einen Schritt zurück. „Warte, die Geschichte ist wirklich passiert?“ fragte Awelia plötzlich überrascht. Feron fuhr herum. „Natürlich! Denkst du, ich würde mir das ausdenken?“ fragte er brüskiert. „Zurück!“ brüllte Granballa barsch. „Der Wicht gehört mir!“
Mit einem markerschütternden Schleiflaut zog der orkische Kriegsherr sein Schwert. Es war eine gewaltige, zweischneidige Klinge, zwei Schritt lang. Feron zog Silberschlag und ließ sein Gegenüber nicht aus den Augen. Er konnte die Vorfreude des Schwertes spüren. Er würde sein ganzes Können aufwenden müssen, denn ihm war von vornherein klar, dass die lächerliche Rüstung seines Gegenüber praktisch undurchdringlich war. Granballa holte weit aus und schlug zu. Feron wich zur Seite aus und das riesige Schwert hinterließ eine tiefe Furche im Gras. Der Kriegsherr holte erneut aus und hackte Erde in Stücke. Feron sprang vor und versuchte eine Lücke der Rüstung zu finden, doch sein Schwert prallte ab. Granballa fuhr herum und der Drachentöter rollte sich knapp unter dem Schwert hindurch. Er musste gestehen, dass der Ork trotz seiner Rüstung außerordentlich wendig war. Erneut sprang er vor, und attackierte die Beine. Obwohl sie weniger gut gepanzert waren, hinterließen Ferons Hiebe nur tiefe Kratzer, ohne tatsächlich durchdringen zu können. Der Kriegsherr versuchte, ihn mit seiner gepanzerten Faust zu schlagen, und Feron stolperte hastig zurück. An dieser Stelle hätte der Drachentöter einen gehässigen Kommentar seines Kontrahenten erwartet. Doch Granballa starrte ihn nur konzentriert an. Eins muss man ihm lassen. Er ist ein guter Krieger. dachte Feron, machte eine Finte und lief schnurstracks in die heransausende Pranke. Im letzten Moment zog Silberschlag ihn nach unten, so dass er nur gestreift wurde. Doch der Treffer raubte ihm trotzdem den Atem.
Rasch rappelte er sich auf und mehr durch Glück als alles andere entging er zwei Hieben des Kriegsherrn. Der Ork setzte ihm nach und zum ersten Mal parierte Feron einen Schlag. Er war nicht stark gewesen, so dass sich der Aufprallschmerz in Grenzen hielt. Mit so einem großen Schwert konnte ein Ork eine Menge Kraft aufbringen. Er unterlief die Abwehr und attackierte Granballa in die Seite, doch erneut konnte er die Rüstung nicht durchdringen, geschweige denn überhaupt eine Schwachstelle finden. Der Kriegsherr holte weit aus und zog sein Schwert herum. Der Drachentöter erkannte den Rundumschlag, und auch Silberschlag warnte ihn davor. Mit einem Schrei stieß er sich vom Boden ab, so dass er knapp über dem Schwert war, als es in einem Schritt Höhe über den Boden sauste. Feron landete hart und rollte sich sofort weg, als die Riesenklinge erneut in seine Richtung kam. Langsam kam er hoch und blickte den Ork an. Der Kopf steckte zwar in einem dicken, stählernen Helm, doch das Gesicht war komplett ungeschützt. Kriegsherr Granballa kniff sein verbliebenes Auge zusammen, und Feron nickte leicht zu sich selbst. Der Ork stürzte vor, um Feron entzwei zu schlagen, doch der Drachentöter wich aus und sprang zurück. Granballa setzte nach und Feron duckte sich unter dem Schlag hindurch und stürzte auf den Kriegsherrn zu. Er sprang ihn direkt an. Erschrocken und mit Furcht im Blick stolperte der Ork zurück. Feron stieß Silberschlag vor und traf das bislang unversehrte Auge. Grunzend stürzte Kriegsherr Granballa zurück und knallte mit einem Donnerschlag auf den Boden. Die Klinge bohrte sich tief in seinen Kopf.

Für einen Moment herrschte Stille. Feron zog sein Schwert aus dem Schädel des toten Kriegsherrn. Die übrigen Orks blickten sich an, unschlüssig, was sie nun tun sollten. „Ich schlage vor, dass ihr schleunigst zum nächsten Orkreich flieht. Erzählt ihnen, was hier geschehen ist, und dass es allen so ergeht, die hier her kommen. Ich werde etwas trinken, und dann mit denen weiter machen, die noch da sind.“ verkündete Feron laut. Die Orks sahen ihn verwirrt und irritiert an. Feron holte seinen Trinkschlauch hervor und öffnete ihn. Als er getrunken hatte, waren keine Orks mehr zu sehen.
„Das war ein guter Kampf.“ sagte Awelia anerkennend, als sie neben ihn trat. „Du hast ihm auch sein anderes Auge genommen.“ stellte sie mit einem Blick auf den Toten fest. „Das war Zufall.“ gab Feron schulterzuckend zu. „Aber es verletzt mich, dass du mir nicht geglaubt hast.“ sagte er mit gespielter Trauer. „Es tut mir Leid. Ich muss mich bei dir entschuldigen.“ „Alles, was ich erzählt habe, ist wahr.“ grinste Feron. „Übertreibs nicht.“ sagte Awelia etwas genervt, wurde aber gleich wieder ernst. „Wir müssen über die Brücke. Ich mag den Gedanken nicht, aber es geht nicht anders.“ stellte sie mit einem Blick auf die nicht weit entfernte Konstruktion fest.
Gemeinsam betraten sie die steinerne Brücke. Der Araras war über hundert Schritt breit, und floss träge dahin. Von einer Seite des Horizonts zur Anderen. Das Wasser war klar, doch sie konnten den Grund nicht sehen. Die Brücke machte einen äußert stabilen Eindruck, denn sie ruhte auf vier mächtigen Säulen. Das andere Ufer lag still vor ihnen, sie konnten die Wälder am oberen Ende der Uferböschung sehen, und in der Ferne die Silhouetten von einigen Hügeln und Bergen. Feron merkte, wie Awelia zögerte. „Es sieht friedlich aus.“ sagte er aufmunternd. „Genau das macht mir ja Sorgen.“ antwortete sie verdrießlich. „Was hast du erwartet? Einen Schwarzen Schleier, der über allem liegt?“ fragte er lachend. Die Zauberin antwortete nicht. „Na komm, hier rumstehen bringt nichts.“ meinte Feron schließlich und ging los. Awelia folgte ihm. Langsam kam das andere Ufer näher, während unter ihnen der Araras vorbei zog. Feron blickte misstrauisch über die Brüstung. „Das sind ganz schön große Viecher.“ meinte er, als er einen Schatten im Wasser stromaufwärts ziehen sah. „Vielleicht ein Drachenwels. Ich habe gelesen, dass sie manchmal den Großen Fluss hinaufschwimmen auf der Suche nach Beute.“ schlug Awelia neben ihm vor. Feron schüttelte sich und sie gingen weiter.

Sie erreichten das andere Ufer und durchquerten einen Wald. Feron gestand sich ein, dass er sich verschätzt hatte. Es mochte noch ein paar Tage dauern, bis sie bei der Felsgartenmarsche ankämen. Langsam ging die Sonne unter, und bislang hatten sie noch niemanden gesehen. Sie fanden eine heruntergekommene, verlassene Hütte an der Grenze zwischen dem Wald und einem weiten Feld, die sie als Nachtlager auserkoren. Feron konnte nicht sagen, was zu dem Zustand geführt hatte, ob es die Orks waren, der Schatten oder ob es einfach der Zahn der Zeit war. Als sie die Hütte, die aus einem einzigen Raum bestand, betraten, schloss er auf letzteres. Der Raum war völlig leer, wenn man von der aus dem Rahmen gebrochenen Tür absah. Er stellte sie zurück an ihren vorgesehenen Platz und machte sie so gut fest, wie es eben ging. Dann warf Feron einen Blick auf Awelia. Die Zauberin hatte sich den ganzen Tag über merkwürdig schreckhaft und ängstlich verhalten, seit sie das Ufer erreicht hatten. „Ist auch wirklich alles in Ordnung?“ fragte er vorsichtig. „Ja, wie oft denn noch?“ fragte sie genervt und kauerte sich in eine Ecke. „Ich brauche etwas Ruhe.“ murmelte sie. Feron spitzte die Lippen, nickte jedoch nur knapp. Er sah sich um, das Quartier war alles andere als ideal. Die Fenster waren offen und hatten keine Läden, um sie zu verschließen, die Tür hielt mehr schlecht als recht. Sie wären einem Angriff schutzlos ausgeliefert. Doch noch wies nichts auf den Schatten oder eine andere Gefahr hin. Mit gezogenem Schwert setzte sich Feron ein Stück neben Awelia.
Awelia sagte nichts. Sie wollte nicht zugeben, dass sie Angst hatte einzuschlafen, dass sie fürchtete, der Schatten würde ihren Verstand angreifen. So blickte sie starr geradeaus in die Finsternis. Lediglich die Sterne waren vereinzelt durch die offenen Fenster zu erkennen. Doch irgendwann übermannte sie die Müdigkeit doch, und sie schloss die Augen.
Awelia war in der Hütte, doch sie war allein. „Feron?“ fragte sie ängstlich in die Stille. Nichts. Es gab keine Spur, es war als wäre er nie da gewesen. Langsam trat sie nach draußen, vorbei an der herausgerissenen Tür. Der Wald lag still da und vor ihr lag das Feld, dessen Gras sanft im Wind wogte. Sie blickte nach oben, doch statt funkelnder Sterne sah sie etwas anderes. Die Sterne strahlten ein bösartiges, schwarzes Licht aus. Es war, als würde der Nachthimmel bluten. Der Zauberin lief ein kalter Schauer über den Rücken. Sie wollte zurück in die Hütte, doch diese brach hinter ihr mit lautem Getöse zusammen und verschwand in einem Erdloch. Als sich der Lärm legte, hörte sie etwas anderes. Ein freudiges, schadenfrohes Kichern. Als sie sich erschrocken umsah, erschienen hässliche Fratzen auf den dunklen Bäumen und im Himmel. „Willkommen in meinem Reich, Awelia.“ sagte der Schatten aus allen Mündern gleichzeitig, fast schon freundlich. „Zeig dich, Schurke!“ rief sie vorsichtig. „Oh, dazu besteht kein Anlass, ich bin überall um dich herum. Hinter jedem Baum, unter jedem Stein, in jeder Brise. Ich bin beeindruckt, dass du dich ganz allein hierher getraut hast, aber das Resultat davon haben wir ja schon beim letzten Mal gesehen. Es wird aber nicht noch einmal so enden. Das verspreche ich dir.“ erklärte der Schatten und lachte dann schallend auf, durch die vielen Münder um ein vielfaches verstärkt. Panik stieg in Awelia auf, und sie rannte los. Sie wusste nicht, wo hin, doch es war ihr egal, so lange sie fort vom Schatten kam. „Oh, wo willst du denn hin?“ fragte der Schatten belustigt. „Komm ich helfe dir.“
Der Boden unter ihr brach weg. Die Welt verschwand in einem finsteren Strudel aus Schmerz und Angst. Eine Weile geschah nichts, doch dann spürte Awelia, wie sie in einer schwerelosen, finsteren Leere schwebte. „So ist es schon besser.“ kicherte der Schatten, seine Stimme kam von überall her. „Du bist schon wieder gescheitert. Aber es überrascht mich nicht, du hast schon immer gegen mich versagt.“ verkündete der Schatten finster. Awelia sagte nichts, die Angst hatte sich auf ihre Stimme gelegt. Sie hoffte einfach nur, dass es bald aufhörte. Selbst der Funken, tief in ihr drin, war machtlos gegen den Schatten. Ihr Feind erhob abermals die Stimme. „Du glaubst du wärst etwas besonderes, Awelia. Zauberin des Siebensterns, mit ihren Wächtern und einem dahergelaufenen Streuner. Du hast vielleicht einige Dinge erreicht, magst du denken, etwa den jämmerlichen Kult zerschlagen und einen nutzlosen Drachen befreit. Doch du bist immer zu spät, zu schwach, und viel zu unwichtig. Ich bin dir in allem überlegen. Das hätte dir im Sommerwald klar sein müssen. Stattdessen hast du dich selbst belogen, so getan als könntest du mich aufhalten. Niemand kann das!“ rief der Schatten und lachte laut auf. Awelia blieb nichts anderes übrig, als ihm zuzuhören. Und langsam beschlich sie das Gefühl, dass er recht hatte. Sie hatte nichts erreicht, der Schatten war immer noch da. „Und nun bist du ganz allein zu mir gekommen, hast dich zu meiner Gefangenen gemacht. Was hast du erwartet? Einen schnellen Tod? Das wird nicht passieren. Du wirst leiden bis in alle Ewigkeit, so wie ich gelitten habe.“ fauchte die Stimme des Schatten verächtlich. Awelia. Awelia horchte auf. Awelia hör mir zu. Da war eine andere Stimme. Es war, als ob jemand hinter ihr stünde und ihr ins Ohr flüsterte. Sie konnte nicht sagen, ob es ein Trick war, doch es klang nicht wie der Schatten. Awelia, du darfst nicht versagen, die Zukunft aller auf Murea liegt in deinen Händen. sagte die Stimme. „Stelle dir eine finstere Welt vor, voll Elend und Leid. Alles, was du kennst, wird verfallen und sterben. Und du allein hast es ermöglicht.“ eröffnete der Schatten. Awelia, du musst stark sein. Du musst auf dich selbst vertrauen und auf deinen Gefährten. Nur du kannst dein wahres Selbst finden. hauchte die Stimme in ihr Ohr. Awelia wollte es glauben, doch wie konnte sie das. Der Schatten hatte gesagt, dass sie am Leid Mureas Schuld hatte. Die Gefühle in ihr waren so verschieden, dass es weh tat. Und dann gab es einen lauten Glockenschlag. Der Schatten hielt in seiner Tirade inne, und Awelia sah, wie der Funke in ihr plötzlich um ein vielfaches größer geworden war. Die Stimme des Schatten hallte um sie herum nach. „Zauberin des Siebensterns … einem dahergelaufenen Streuner … Dinge erreicht … “ „Was ist das?“ brüllte der Schatten auf. Ein violetter Schimmer blühte um Awelia auf und vertrieb die Finsternis. Für einen Moment schwebte sie in dem schimmernden Feld, und sie konnte spüren, wie der Einfluss des Schatten schwand. Sie wusste, er konnte ihr in den Gedanken nichts anhaben, wenn sie es nicht wollte. Der Schimmer verblasste, und Awelia stürzte in die Tiefe. „Ich werde zu dir kommen.“ flüsterte sie, während sie fiel.

Kreischend riss sie die Augen auf. Feron hockte neben ihr und betrachtete sie ernst. „Was ist los?“ verlange er mit fester Stimme zu wissen. Awelia keuchte schwer. Sie wusste nicht, was sie ihm antworten sollte. Erst jetzt fiel ihr das Schwert in seiner Hand auf. „Nein!“ schrie sie erschrocken und hob schützend die Hände. „Schon gut, ich nehme es weg. Was ist passiert?“ erklärte er ruhig und nah Silberschlag herunter. Die Zauberin rollte sich zur Seite und griff sich stöhnend an den Kopf. Plötzlich hatte sie furchtbare Kopfschmerzen. „Ich erzähle es dir.“ keuchte sie.
Nachdem sich Awelia beruhigt hatte, erzählte sie Feron von ihren Träumen der letzten Tage, und was sie nun in dieser Nacht erlebt hatte. Der Drachentöter hörte ihr schweigend zu. „Es tut mir leid, ich hätte es dir eher erzählen sollen. Das war dumm von mir.“ schloss sie kleinlaut. Feron setzte sich neben sie. „Es braucht dir nicht leid zu tun. Es ist eine schwierige Angelegenheit, und ich hätte dir wohl kaum helfen können. Aber allein die Tatsache, dass wir uns jetzt unterhalten zeigt, dass der Schatten keine Macht über dich hat.“ Er legte einen Arm um sie. „Gemeinsam werden wir diesem Alptraum ein Ende bereiten. Du weißt, dass es so ist.“ sagte er, und Awelia nickte.