Kapitel 23 – Das Dorf

Nachdem sie die unheimliche Nacht hinter sich gebracht hatten, folgten sie dem kleinen Weg weiter durch Wälder und Felder über das Land hinweg. Awelia war anfangs besorgt gewesen, doch dann hatte sie sich erinnert, was die Stimme gesagt hatte. Feron war bei ihr, sie konnte ihm vertrauen. Der Gedanke daran war tatsächlich beruhigend. Sie hatte nach wie vor dumpfe Kopfschmerzen, aber sie blendete sie aus, so gut sie konnte.
Am späten Nachmittag blieb Feron plötzlich stehen und blickte in die Ferne. „Was hast du?“ fragte Awelia und sah in die gleiche Richtung. „Siehst du das?“ der Drachentöter zeigte auf irgendetwas am Horizont. „Nein.“ gestand sie, nachdem sie angestrengt in die Richtung geschaut hatte. Alles, was sie entdecken konnte, war ein kleiner Berg, der jedoch ganz normal aussah. „Da, an der Flanke des großen Hügels, siehst du den großen, kahlen Baum? Ich denke das kleine Ding daneben ist die alte Berghütte. Von dort sind es nur ein paar Stunden bis zum Dorf.“ erklärte er, und Freude lag in seiner Stimme. Awelia sah immer noch nicht, was er meinte. „Bist du sicher?“ fragte sie daher. „Absolut. Bald sind wir zu Hause.“

Gegen Abend erreichten sie die Hütte, die Feron gesehen hatte. Sie stand neben einer großen, abgestorbenen Buche. „Hab ich doch richtig gesehen. Ich kann mich sogar noch daran erinnern, als der Baum Blätter hatte. Immer hereinspaziert.“ grinste Feron und hielt Awelia die Tür auf. Vorsichtig trat sie ein. Auf den ersten Blick war die Hütte heruntergekommen, doch dann stellte sie fest, dass die Fenster ausgebessert worden waren und jemand drei Matten und Decken in einer Ecke ausgelegt hatte. Es gab auch einen Eimer und eine Kanne, in der sogar noch abgestandenes Wasser war. „Definitiv ein besseres Quartier als letzte Nacht. Die Hütte ist ziemlich alt, aber schön zu sehen, dass sie immer noch in Schuss gehalten wird.“ sagte Feron hinter ihr. „Wann warst du das letzte mal hier? Also in deinem Dorf meine ich?“ fragte sie. Er blickte nachdenklich zu Boden. „Vier, vielleicht fünf Jahre. Eine viel zu lange Zeit. Ich wünschte, ich hätte eher wieder herkommen können.“ seufzte er schließlich traurig. „Nun, dann hast du morgen immerhin viel zu erzählen.“ lächelte Awelia und stieß ihn aufmunternd in die Seite. „Ich hoffe nur, dass alle wohlauf sind. Und …“ sagte er und stockte dann. „Was hast du?“ fragte die Zauberin überrascht. „Nach all der Zeit bringe ich nichts außer Probleme.“ murmelte Feron betrübt und scharrte mit dem Fuß über den Boden. Awelia war ehrlich verblüfft. Es stimmte, dass sie kaum mehr Geld hatten. Aber sie hoffte, dass die Leute in Ferons Dorf nicht nur auf Geld Wert legten. Sie konnte sich nicht wirklich vorstellen, wie es Feron gerade ging. Seine Unsicherheit war spürbar. „Mach dich nicht verrückt. Es wird alles gut, du wirst sehen.“ Sie nahm seine Hand und lächelte aufmunternd. „Hoffen wir´s. Sonst wird das eine richtig große Blamage.“
Sie verriegelten die Tür und legten sich schlafen. Die Matten waren angenehm, wenn auch nicht so gut wie ein richtiges Bett. Alles war ruhig und still, und schon bald glitt Awelia langsam in einen traumlosen Schlaf, worüber sie nach den letzten Nächten wirklich dankbar war.

Feron konnte nicht richtig schlafen. Die Gedanken an sein Dorf hielten ihn wach. Er fragte sich, ob es allen gut ging, was seit seiner Abreise geschehen war, und ob sie vom Schatten wussten. Mehr als ein mal wollte er einfach aufstehen und loslaufen. Und er schämte sich, dass er jetzt mit leeren Händen zurückkehrte. Du bist ein ganz toller Held. Erschlägst Drachen und Unholde, aber bringst nicht eine Münze nach Hause. dachte er, während er sich ruhelos auf die Seite rollte. Vor ein paar Jahren, als es noch gut gelaufen war, als er Räuberbanden besiegt und Schätze gefunden hatte, da hatte er etwas Geld nach Hause geschickt. Aber er wusste nicht, ob es überhaupt angekommen war, und sowieso war es lange her. Im Nachhinein ärgerte er sich, dass er nicht nach dem Sieg über Zakar Gold oder dergleichen geschickt hatte. Was werden die Dorfbewohner sagen? fragte er sich schuldbewusst und rollte sich auf die andere Seite. Das Einzige, was ihm blieb, war auf den Morgen zu warten.
Langsam kroch die Sonne durch die Fenster. Awelia gähnte und streckte sich. Die Kopfschmerzen waren entgegen ihrer Hoffnung nicht verschwunden. Sie spürte förmlich die Unruhe des Funkens in ihr, der immer wieder hell aufblitzte. Irgendetwas war im Gange, doch sie wusste nicht, was geschah. Sie überlegte kurz, es Feron zu sagen. Doch er wusste noch weniger über Magie als sie, und selbst sie war ratlos. Stattdessen entschied sie, dass der Funke schon wusste, was er tat. Als sie sich umsah bemerkte sie den Drachentöter, der schon bei der Tür wartete. Er hatte Ringe unter den Augen. „Alles in Ordnung?“ fragte sie. „Es ist nichts. Nur … ich … ich möchte ins Dorf.“ antwortete er zögernd. Sie konnte ihn verstehen. Rasch stand sie auf und gemeinsam machten sie sich auf den Weg.
Es dauerte tatsächlich nicht lange, da passierten sie eine kleine Bergkuppe und der Wald blieb hinter ihnen zurück. Vor ihnen lag eine flache Ebene mit saftig grünem Gras, auf der eine handvoll Holzhütten stand. Aus einem Schornstein stieg Rauch auf und ein kleines Feld lag hinter dem Dorf. Dahinter war ein Wald, der halb auf den nächsten Hügel hinauf wuchs. Feron blieb stehen und blickte mit glänzenden Augen auf seine Heimat. Sein Herz schlug schneller und ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Es ist noch genauso wie ich es verlassen habe.“ sagte er ehrfürchtig. Awelia sagte nichts, sondern beobachtete lediglich die idyllische Szenerie. Nach einem Moment lief Feron mit weiten Schritten los und sie folgte ihm eilig.

Sie erreichten die erste Hütte. Ein alter Mann mit einer ausgebeulten und stark geflickten Latzhose stand mit einer Harke da und wartete bereits auf sie. „Seid mir gegrüßt, Fremde! Was verschlägt Euch zu uns?“ fragte der Mann höflich.“Hallo Herr Zurinu. Wie ich sehe hütet Ihr immer noch das Feld.“ sagte Feron und verneigte sich leicht. „Kennen wir uns, Junge?“ fragte Zurinu verblüfft. „Ich bin es, Feron.“ „Da brat mir doch einer ´ne Rübe! Dass wir dich noch mal wiedersehen. Willkommen daheim!“ Der Mann schüttelte eifrig Ferons Hand und wandte sich dann Awelia zu. „Ihr seid natürlich ebenfalls willkommen, gnädige Frau.“ Awelia nickte lächelnd.
Langsam gingen sie zwischen den Hütten entlang. Einige Dorfbewohner lugten neugierig aus den Häusern heraus oder starrten sie unverhohlen an. „In welchem dieser …“ begann Awelia, als plötzlich eine ältere Frau mit grauem Haar und bäuerlicher Kleidung zwischen zwei Hütten hervor gelaufen kam. Sie hastete auf sie zu und blieb einige Schritt vor ihnen stehen. „Kann das wirklich sein?“ fragte sie mit bebender Stimme. „Ja, Mama.“ rief Feron und Tränen traten in seine Augen. Mit ausgebreiteten Armen ging er auf sie zu, und sie kam ihm zögerlich entgegen. Dann fielen sie sich in die Arme. „Feron, es ist so schön, dich wiederzusehen. Ich dachte schon, dir sei etwas zugestoßen.“ flüsterte seine Mutter, den Tränen nahe. „Oh, wenn du wüsstest.“ grinste Feron. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis sie sich wieder lösten. „Du hast sicher viel zu erzählen. Aber du solltest besser warten, bis dein Vater wieder da ist.“ sagte seine Mutter. „Und wer ist deine Freundin?“ fügte sie hinzu. Feron wurde rot. „Sie ist meine Begleiterin. Mama, das ist Awelia. Awelia, das ist meine Mutter, Irsel.“ erklärte er. „Guten Tag.“ sagte Awelia und nickte lächelnd. „Ich hoffe Ihr habt gut auf ihn aufgepasst?“ fragte Irsel. „Er kann ganz gut auf sich selbst aufpassen.“ erwiderte die Zauberin bescheiden. Feron sah sich um. „Es hat sich kaum verändert, seit ich das letzte Mal hier war. Ich bin froh, dass es euch allen gut geht.“ sagte er. „Oh, seit du weg bist ist es weniger aufregend gewesen. Hat er Euch die Geschichte erzählt, als er einen Höhlenbären gefangen hatte? Es war nur ein Junges und die Mutter kam ins Dorf, um es zu suchen.“ fragte Ferons Mutter. „Mama.“ sagte der Drachentöter kleinlaut. „Nein, diese Geschichte hat er mir nicht erzählt. Aber ich hoffe, dass es glimpflich ausgegangen ist.“ antwortete Awelia. „Ja, das ist es. Aber wo sind denn meine Manieren, Ihr seid sicher durstig und hungrig, kommt nur herein, ich mache etwas zu essen. Ich mache dir deine Lieblingsspeise, warme Knödel.“ sagte Irsel und lief eilig zurück in die Hütte. Feron stand mit rotem Gesicht da, während Awelia ihn anlächelte. „Also ich mag sie.“ stellte die Zauberin fest. „Und es ist schön zu sehen, dass ihr einen neuen Schmied habt.“ fuhr sie fort und deutete auf die Schmiede, in der ein muskelbepackter Glatzkopf am Amboss stand. „Was, Kerel? Der ist doch schon eine Ewigkeit hier.“ sagte Zurinu, der einen Sack an ihnen vorbei schleppte. Feron blickte eilig in eine andere Richtung und Awelia schüttelte lachend den Kopf.

Die Hütte war trotz der bäuerlichen Verhältnisse gemütlich eingerichtet. Vorhänge hingen an den Fenstern, unter dem Tisch in der Mitte des großen Raumes lag ein dicker Teppich und an den Wänden standen einige Schränke und Regale, vollgestopft mit Krimskrams. Doch Awelia konnte auch einige Bücher und Pergamentrollen entdecken. Sie mutmaßte, dass die Tür am anderen Ende in einen weiteren Raum, vielleicht das Schlafzimmer, führte. Ferons Mutter bat sie, Platz zu nehmen, während sie sich ein paar Schritt weiter einen Zuber Wasser ansetzte. „Ich hoffe, dein Vater ist bald da. Er ist draußen bei den Holzfällern, die haben irgendein Problem.“ sagte Irsel und warf ein paar kleine gelbe Kugeln ins Wasser um es zu reinigen. „Möchtet ihr etwas trinken?“ fragte sie weiter in die Runde. „Danke, etwas Wasser wäre gut. Ist Ferons Vater Holzfäller?“ fragte Awelia. „Nein, er ist … er hilft überall aus, wo Hilfe gebraucht wird.“ erklärte Irsel, füllte etwas Wasser aus einer Karaffe in ein Glas und reichte es Awelia. Die Zauberin bedankte sich artig. „Mama, es ist zwar schon eine ganze Weile her, doch ich habe mal einen Brief geschickt. Ist der angekommen?“ frage Feron vorsichtig. „Natürlich! Und vielen Dank für das Geld, es hat uns wirklich geholfen. Es war ein harter Winter gewesen damals.“ antwortete seine Mutter und drückte ihn, woraufhin er rot anlief. „Gern geschehen, Mama.“ Nach einer Weile räusperte er sich. „Entschuldige, dass ich nicht mehr geschickt habe. Ich hatte in dem Moment nicht so weit gedacht.“ sagte er kleinlaut und schaute betreten zu Boden. „Ist schon gut. Ich kann mir vorstellen, wie schwer es ist dort draußen. Die Welt ist groß, und heute kostet ja alles Geld.“ meinte Irsel mit einem warmen Lächeln.

Eine Weile saßen sie schweigend da, während das Wasser auf der Feuerstelle kochte. Awelia betrachtete interessiert die Gegenstände in der Hütte. Vieles war für den täglichen Gebrauch, Werkzeuge, Zutaten für Speisen und Einzelteile. Doch selbst was nicht in ein Bauernhaus passte, machte trotzdem für das Leben hier draußen Sinn. Etwa der Kompass oder das eingestaubte Buch über Feldarbeiten. Die Zauberin war beeindruckt von dem, was die Leute hier trotz der einfachen Gegebenheiten aufgebaut hatten. Und doch wunderte sie sich, dass der Schatten, der ja nur einen Steinwurf entfernt hauste, hier nicht einsickerte. Seit sie hier waren hatte sie keine Anzeichen von Magie gesehen. Vermutlich war dem Schatten die Aufmerksamkeit so nah bei sich zu riskant. Sie blickte zu Feron, der gedankenversunken ins Nichts starrte. Awelia lächelte leicht, denn er mochte mit Sicherheit an seine früheres Leben im Dorf denken.
Die Tür öffnete sich und ein hagerer Mann mit einer Axt trat ein. Er ging schnurstracks zu einem Schrank, öffnete ihn und hängte die Axt an einen herausstehenden Nagel. Awelia bekam einen kurzen Blick auf ein wahres Sammelsurium an Äxten, Hämmern und Sägen, bevor der Schrank wieder geschlossen wurde. Erst dann drehte sich der Mann zu den Anwesenden um. „Seit mir gegrüßt, geehrte Dame. Feron, es tut gut, dich wieder zu sehen.“ sagte er mit lauter, rauer Stimme und nickte ihnen zu. Dann trat er zu Irsel und gab ihr einen Kuss. „Wieder da.“ murmelte er. „Hallo Papa.“ sagte Feron, und Awelia stand auf und verneigte sich. „Setzt euch alle, das Essen ist gleich fertig. Feron, du hast sicher viel zu erzählen.“ sagte Ferons Mutter. Ferons Vater zog einen Stuhl heran und ließ sich nieder. „Also, wer ist deine Freundin?“ fragte er unverblümt. „Sie ist meine Begleiterin. Papa, das ist Awelia. Awelia, das ist mein Vater, Rewus.“ korrigierte Feron, während er erneut rot anlief. „Wir reisen zusammen, denn wir haben das gleiche Ziel.“ warf Awelia ein. „Oh, wo wollt ihr denn hin?“ fragte Irsel. „In die Felsgartenmarsche.“ antwortete die Zauberin. „Was gibt es denn dort so interessantes?“ fragte Ferons Vater. Feron warf Awelia einen Blick zu. „Es ist eine lange Geschichte.“ sagte er. „Wir haben jede Menge Zeit. Fangt doch ganz am Anfang an.“ Irsel machte jedem einen Kloß und blaue Beeren auf den Teller. „Nun, wir haben uns in der Nähe von Sonnenberg getroffen. Ich half Awelia gegen einige Banditen.“ erzählte Feron. „Mit dieser Kleidung … ihr seid eine Jägerin, richtig?“ fragte Rewus. „Nein, ich bin eine Zauberin.“ antwortete Awelia etwas irritiert. Irsel wirkte beeindruckt. „Das war mein erster Gedanke, aber ich will ja nicht wie ein Klugscheißer wirken.“ lachte Ferons Vater, dessen Frau hinter ihm mit den Augen rollte. „Ja, sie ist wirklich eine Zauberin. Jedenfalls wurden wir schnell von finsteren Gestalten angegriffen, Mitgliedern des Roten Zirkels.“ erzählte Feron.
Während vor dem Fenster die Sonne unterging erzählten Feron und Awelia ihre Geschichte. Sie erzählten während des Essens und noch lange danach. Vom Roten Zirkel, über das magische Konzil bis hin zu den Perleninseln und den Geschehnissen in der Harjii. Hin und wieder stellten Ferons Eltern Fragen, oder Rewus machte eine Anmerkung, wie er ein Problem gelöst hätte. „Und von der alten Hütte war es ja nur ein Katzensprung bis hierher.“ schloss Feron schließlich. „Das ist eine bemerkenswerte Reise.“ meinte Ferons Mutter nach einer kurzen Pause. „Ich glaube nicht, dass einer von unserem Dorf in den letzten Jahren in der Felsgartenmarsche war. Wir wissen von der alten Feste, aber es gibt dort nichts von Wert. Vor langer Zeit stand ich ein mal davor, doch weiter habe selbst ich mich nicht getraut.“ erzählte Rewus. „Nach all den Strapazen solltet ihr euch ersteinmal ausruhen. Wir schauen morgen, wie wir euch helfen können.“ sagte Irsel. „Der Schatten ist überaus mächtig. Ich will euch nicht in Gefahr bringen!“ warf Feron ein. „Papperlapapp. Es steht viel auf dem Spiel. Und außerdem, wenn wir nichts machen, dann wird Rewus uns das immer vorhalten.“ wehrte seine Mutter ab. Feron schaute traurig drein, doch er nickte schließlich. Dann nahm ihn seine Mutter in die Arme. „Mein Junge bei den Krallen … ich bin so stolz auf dich.“ flüsterte sie mit Tränen in den Augen.

Sie schliefen im großen Raum des Hauses. Ferons Eltern besorgten Decken und Kissen und machten eine Ecke frei. Awelia legte sich auf die dicke Decke, die als Unterlage diente, und zog die andere bis zum Kinn. Feron hatte zunächst mit rotem Kopf herumgedruckst, als er direkt neben ihr schlafen sollte, aber schlussendlich hatte er klein bei gegeben. Die Zauberin hatte es amüsiert verfolgt, schließlich würde sich keiner von ihnen ausziehen. Jetzt lag sie da, betrachtete die hölzerne Decke und schloss langsam die Augen. Neben ihr atmete der Drachentöter ruhig und gleichmäßig. Sie konnte nichteinmal erahnen, wie er sich fühlte. Nach so vielen Jahren wieder zu Hause zu sein. Sie fragte sich, was wohl ihr zu Hause war, ob sie überhaupt eines hatte. Vielleicht würde der Schatten ihr einige Fragen beantworten, wenn sie ihn endlich fanden. Bald würde es so weit sein. Die Kopfschmerzen waren zu einem dumpfen Hintergrundrauschen geworden, dass sie kaum mehr wahr nahm. Lediglich das Flackern des Funkens verriet ihr, dass etwas im Gange war. Sie wusste nicht was, doch sie spürte, dass es gut war.
Feron lag wach da. Er war aufgeregt, endlich wieder daheim zu sein. Es hatte sich nicht viel verändert, es war fast, als wäre kein Tag vergangen. Doch er wusste, dass es anders war, dass so viel auf dem Spiel stand. Und er war erleichtert, dass seine Eltern ihn so freudig empfangen hatten. Jetzt lag Awelia neben ihm, und er konnte ihre Wärme spüren. Er hatte überlegt, ihr zu sagen, wie sehr er sie ins Herz geschlossen hatte. Doch es kam ihm ungehörig vor. Seine Gedanken schweiften ab zu der kommenden Aufgabe, und er fragte sich, was sie wohl erwartete. Er war nur am Rand der Felsgartenmarsche unterwegs gewesen, ein mal hatte er die Schwarze Festung in der Ferne gesehen. Es war ein riesiger Bau, gehauen aus schwarzem Stein, umgeben von immerwährendem Nebel. Im Dorf hieß es, sie wäre aus dem Herz eines gefallenen, bösen Gottes gewachsen. Aber niemand war je dort gewesen. Zu furchterregend waren die Geschichten, die sich um die Feste rankten. Schlicht und einfach alles konnte sie dort erwarten. Feron lächelte leicht, denn Unwägbarkeiten waren mittlerweile fester Bestandteil seines Lebens geworden.

Als die Sonne aufging, nahm sein Vater ihn mit in den Wald. Offenbar waren die Holzfäller auf einige Bäume gestoßen, die sie partout nicht fällen konnten. Zusammen mit zwei Holzfällern gingen sie ein paar Stunden in den Wald hinein, bis sie an die Stelle kamen. Ein kleiner Bach floss durch den Wald und machte hier einen Bogen um die Bäume, die die Männer versucht hatten zu fällen. „Wir wollten sie wie sonst auch fällen, aber wir kamen mit den Äxten nicht einmal durch die Rinde. Wir haben versucht, sie umzusägen und sogar mit einem Pferd und fünf Männern den dünnsten umzureißen. Aber nichts hat funktioniert.“ erklärte einer der Holzfäller mit einem Blick auf die Bäume. Feron hüpfte über den Bach und betrachtete die Bäume aus der Nähe. Es waren keine exotischen Gewächse, schon gar keine, die einer Axt standhalten konnten. „Das sind ganz normale Bäume.“ stellte er fest. „Könnte es sein, dass es an … du weißt schon wer liegt?“ fragte sein Vater. Der Drachentöter schüttelte vehement den Kopf. „Nein, dass hier ist etwas anderes.“ antwortete er und sah sich um. Der Bach machte fast willkürlich einen Bogen um einige der Bäume. Langsam lief er am Ufer entlang, und er bemerkte etwas seltsames. Ein Teil des Wassers verschwand einfach am Anfang des Bogens zwischen einigen Steinen und kam am anderen Ende vom Bogen wieder hervor. Es war als ob die Bäume eine Art Insel bildeten. Und tatsächlich standen die Wurzeln eines Baumes, der größer war als die anderen, ein Stück über der Erde. Dieser Baum stand noch dazu fast in der Mitte. „Hast du was gefunden, Junge?“ fragte einer der Holzfäller, doch Feron ignorierte ihn. Er ging auf die Knie und kroch um den Baum, auf der Suche nach einer Öffnung oder Höhle. Und er wurde fündig. Zwischen den Wurzeln war eine handtellergroße Öffnung. Er konnte nicht hineinsehen, doch ihn beschlich eine Ahnung. „Hallo?“ rief er. Feron konnte sich vorstellen, wie sich die Holzfäller jetzt Blicke zuwarfen. „Hallo, ich will dir nichts böses, ich will nur reden.“ wiederholte er und trat vom Baum zurück. Ein blassgrünes Leuchten erschien in der Öffnung, bevor ein kleines Wesen zögerlich nach draußen trat. Die Fee blickte zu ihm herauf und erhob sich rasch in die Luft. Für einen Moment schwebte das Wesen mit grünem Kleid und silbernen Libellenflügeln vor seinem Gesicht, bevor es um seinen Kopf schwirrte. „Was willst du? Willst du auch alles kaputt machen?“ fragte sie spitz. Glitzernde Funken blieben hinter ihr in der Luft zurück, die langsam verblassten. „Sind das deine Bäume?“ fragte Feron, und versuchte erfolglos, die Fee im Blick zu behalten. „Das sind meine Freunde. Und diese bösen Menschen wollen ihnen wehtun.“ rief die Fee und streckte den Holzfällern die Zunge heraus. „Nun, diese Menschen wollen auch irgendwo wohnen.“ sagte Feron ruhig. „Aber doch nicht in meinen Freunden!“ protestierte die Fee lautstark und flog im Zickzack umher. „Ich bin sicher wir finden eine Lösung. Wie wäre es, wenn wir uns einfach da drüben Holz suchen?“ fragte er und zeigte auf einige Bäume den Weg zurück. Die Fee hielt inne um nachzudenken. „Das können sie wohl machen. Ihr seid trotzdem doof.“ rief sie und streckte ihnen abermals die Zunge heraus. Feron ging zurück zu den anderen. „Ich denke das wäre geklärt. Die Bäume hier sind tabu.“ erklärte er. „Woher wusstest du das?“ fragte sein Vater beeindruckt. „Das ist nicht der erste Naturgeist, dem ich begegne.“ antwortete der Drachentöter knapp. „Davon hast du mir ja gestern gar nichts erzählt.“ fuhr Rewus unbeirrt fort. „Manche Geschichten sind nicht zum Erzählen geeignet.“ gab Feron trocken zurück. „Nun, ich glaube wir überdenken das hier nochmal.“ gab einer der Holzfäller zu, während er sich am Kopf kratzte. Sie machen sich auf den Rückweg, während die Fee sie noch eine Zeit lang beobachtete.

Awelia stand vor der Hütte und betrachtet das Treiben im Dorf. Ein paar Kinder tollten herum, jemand arbeitete auf dem Feld und der Schmied hämmerte in seiner Schmiede. Einige Wolken zogen über den blauen Himmel und stauten sich vor den Bergen. Es war ein idyllischer Anblick. Sie drehte sich um, als sie Schritte hinter sich hörte. „Kann ich Euch irgendetwas bringen, Frau Zauberin?“ fragte Ferons Mutter höflich. Die Zauberin verzog das Gesicht. „Bitte, nennt mich Awelia. Und nein, derzeit mangelt es mir an nichts. Vielen Dank.“ sagte sie und blickte zurück aufs Dorf. Nach kurzem Zögern drehte sie sich zurück zu Irsel. „Eigentlich möchte ich fragen, was ich tun kann, um euch und dem Dorf zu helfen. Ohne Feron wäre ich nie so weit gekommen. Ich wäre sicher gestorben, noch bevor ich in Sonnenberg angekommen wäre.“ erklärte Awelia und lachte leicht. Ferons Mutter blickte nachdenklich drein. Schließlich schüttelte sie den Kopf. „Es tut mir leid, ich wüsste nicht, was Ihr … du tun könntest.“ sagte Irsel. „Ich bin im Element des Kosmos beheimatet, doch habe ich viel Erfahrung in allen sieben Elementen. Auch Beschwörungen habe ich bereits durchgeführt.“ fuhr die Zauberin bittend fort. „Es tut mir leid, mir fällt wirklich nichts ein. Ich schätze, seitdem Feron fortgegangen ist, ist es im Dorf weniger aufregend gewesen.“ sagte Ferons Mutter und schenkte ihr ein warmes Lächeln. Awelia nickte und wandte sich wieder dem Dorf zu. „Weiß der Schatten, dass du hier bist?“ fragte Irsel leise. „Das ist wahrscheinlich.“ gab die Zauberin zu. „Aber es droht keine Gefahr, keine Sorge. Er und ich, wir bereiten uns ganz auf das Zusammentreffen in der Schwarzen Festung vor.“ fügte sie langsam hinzu. Aber wenn ich scheitere, dann bleibt hier wohl kein Balken auf dem Anderen. dachte sie betrübt, doch sie sprach den Gedanken nicht aus. Awelias Blick schweifte ab dorthin, wo die Felsgartenmarsche sein musste. Sie konnte nichts auffälliges entdecken, doch die Kopfschmerzen nahmen wieder zu.

Als die Sonne unterging, trafen sie wieder in der Hütte von Ferons Eltern zusammen. Ferons Vater erzählte voller Stolz, wie Feron mit einer Fee gesprochen hatte, so dass die Holzfäller ihre Arbeit fortsetzen konnten. Awelia hörte lächelnd zu. Ihre Kopfschmerzen waren wieder stärker geworden und sie wusste, dass irgendetwas im Gange war. Doch sie ließ sich davon nicht beirren und erzählte nun ihrerseits detailliert, wie Feron den Troll bei ihrer ersten Begegnung bekämpft hatte. Sie machte die Kreatur etwas größer, als sie tatsächlich gewesen war, doch ansonsten hielt sie sich an ihre Erinnerung. Rewus zeigte sich weniger überrascht, als er tatsächlich war, und behauptete, dass jeder in der Familie einen Troll besiegen könnte. Ferons Mutter hingegen war froh, dass niemand außer dem Troll zu Schaden gekommen war.
Langsam wandte sich das Gespräch ernsteren Themen zu. „Wir haben nachgedacht, wie wir euch gegen den Schatten helfen können.“ eröffnete Ferons Mutter. „Wir haben keine Magier und keine Armee. Keine mächtigen Kriegsbestien. Aber seid gewiss, dass wir euch helfen, wo wir können. Verdammt, wenn ihr mich lassen würdet, dann würde ich sogar mitkommen.“ grollte Rewus und warf ihnen einen düsteren Blick zu. „Wir geben euch Vorräte. Wasser, Essen, Medizin. Werkzeuge, wenn ihr welche braucht. Bedient euch.“ fuhr er fort, ohne eine Antwort abzuwarten. „Das ist nett von euch …“ begann Feron, doch seine Mutter unterbrach ihn. „Wenn ihr versagt, dann ist die Welt verloren. Dann kann uns niemand vor dieser unsichtbaren Gefahr schützen. Der Schatten ist seit Jahren direkt vor unserer Haustür und terrorisiert Murea, ohne dass wir davon etwas bemerkt hätten. Ihr müsst erfolgreich sein.“ sagte sie mit ungewohnter Härte. Feron erschrak, denn so hatte er seine Mutter nie erlebt. Rewus erhob sich. „Junge, ich weiß, du hast ein großartiges Schwert. Aber du weißt genauso gut wie ich, dass einen jedes kleine Detail retten kann. Und nie war das so wichtig wie jetzt. Was auch immer du brauchst, wir haben es. Kletterzeug, Brandsalbe, Werkzeuge, was immer du brauchst.“ erklärte er. Feron nickte langsam und erhob sich ebenfalls.
Awelia saß still da und betrachtete die beiden Männer, die an die Vorbereitungen gingen. Ferons Mutter kam zu ihr. „Wir haben nichts im Dorf, was deiner Zauberkraft auch nur nahe käme. Doch nach eurer beeindruckenden Geschichte, und den Beschreibungen des Schatten, da ist mir etwas eingefallen.“ sagte sie ruhig und setzte sich neben sie. Irsel holte ein altes, abgegriffenes Buch hervor. Exotisches Murea – Ein Abenteuerband von A. Sormat titelte es. Das Bild auf der Vorderseite zeigte einen Mann, der gegen einen feuerspeienden Drachen kämpfte. Offenbar war es ein Roman oder eine Ansammlung von Geschichten. Wohl eher letzteres. dachte die Zauberin, als Ferons Mutter das Buch aufschlug und durchblätterte. „Also, das hier sind zwar alles nur Geschichten, aber in jeder Geschichte steckt etwas wahres. Jedenfalls … hat mich eure an etwas hieraus erinnert.“ erklärte Irsel und Awelia erhaschte einen Blick auf kurze Geschichten, in denen Helden und Heldinnen gegen Monster, Schurken und magische Phänomene kämpften. „Diese hier. Vielleicht hilft sie etwas, ich weiß auch nicht. Mehr kann ich dir leider nicht geben.“ Ferons Mutter legte ihr das aufgeschlagene Buch in den Schoß. Die Geschichte hatte den Titel Das Sonnenkind und das Mondkind und handelte von zwei Geschwistern aus einem fernen, exotischen Königshaus. Eines war so strahlend wie der Tag, das andere dunkel wie die Nacht. Zunächst lebten sie in Einklang, doch ihr Kontrast wurde immer deutlicher und schließlich kämpften sie gegeneinander. Ein heißer Schauer durchfuhr Awelia und ihre Kopfschmerzen nahmen schlagartig zu. Sie glaubte nicht, dass der Schatten und sie Geschwister waren, doch Irsel hatte recht. Jede Geschichte hat einen Funken Wahrheit in sich. dachte sie verblüfft. Nein, wir sind keine Kinder eines Königs und einer Königin. Keine Kinder von den Göttern. Doch etwas verbindet uns, und lässt uns zugleich gegeneinander kämpfen. Je weiter sie las, desto mehr versank sie in eigenen Gedanken und desto weniger nahm sie von der Geschichte oder ihrer Umwelt wahr. Ein Gedanke, der nicht ihrer war und doch ihr gehörte, brach in ihren Verstand. Geboren aus dem Licht der Sterne. Beheimatet in der Finsternis dazwischen. Geborgen im Licht der Welt, vergessen in den Schatten. Zwei Seiten der selben Medaille. Zwei Seiten der Magie. Für einen Moment setzte Awelias Herzschlag aus. Dann spürte sie, wie etwas in ihr Risse bekam. Unsichtbar und bislang vor ihr verborgen, hatte eine feine Hülle um den Funken tief in ihr gelegen. Jetzt zogen sich feine Sprünge darüber und Awelia konnte sie plötzlich erkennen. Sie konnte das darunter verborgene Wissen spüren. Die Erinnerungen, die sie bei dem letzten Kampf gegen den Schatten verloren hatte, waren zum Greifen nah. Die Zauberin las weiter, doch dann stockte sie. Sie erinnerte sich an das, was Feron fürchtete. Wenn ihre Erinnerungen zurückkehrten, dann würde auch ihr einstiges Wesen zurückkehren. Was, wenn sie ein Monster gewesen war. Hatte sie genug Kraft, gegen solch eine Vergangenheit anzukämpfen? Wenn ich es nicht tue, dann wissen wir nicht, was uns erwartet, nichts über den Schatten außer Mutmaßungen. Und wenn ich mich erinnere, dann weiß ich, was ich bei diesem Kampf besser machen kann. Aber was, wenn dadurch auch ein grauenvolles Monstrum entfesselt wird? Ich will nicht sein wie der Schatten. Doch wenn ich genau das bin? Was soll ich nur tun? Awelia war verzweifelt. Sie stand vor einer Entscheidung, die sie nicht treffen wollte, doch treffen musste.
Feron und die anderen hatten sich bereits vorbereitet, während Awelia immer noch unschlüssig mit dem Buch da saß. „Hat es geholfen?“ fragte Ferons Mutter freundlich. „Ich weiß es noch nicht.“ gestand die Zauberin leise. Sie wusste, dass Feron sicher an den kommenden Tag dachte. Sie würden zur Schwarzen Festung aufbrechen und dem Schatten gegenüber treten. Doch Awelias Gedanken drehten sich immer noch um die angeschlagene Hülle und die Entscheidung, die sie zu treffen hatte. Der Drachentöter sagte etwas, doch sie hörte nicht hin. Stumm legte sie sich ins Bett und schloss die Augen.

Awelia wusste, dass es kein Traum war. Obwohl sie schlief, war es kein Traum. Es war so viel mehr. Sie stand in einer endlosen Finsternis, und ihr gegenüber pulsierte der Funke unter der gesprungenen Hülle, die noch immer ihre Erinnerungen zurückhielt. Fast erwartete sie einen gehässigen Kommentar des Schatten, doch sie war allein. Langsam ging sie um die schimmernde Kugel herum. Awelia studierte sie, versuchte sie zu verstehen und ihr Wesen zu ergründen. Ist es ein Werk des Schatten? fragte sie sich. Doch die Antwort war nicht so einfach. Erst recht nicht, da sie nicht wusste, wie die Hülle entstanden war. Und sie würde das nur herausfinden, wenn sie eine Entscheidung traf. Irgendwann stellte sie fest, dass die Antwort weder ja, noch nein war. Sie fühlte, ohne es wirklich erklären zu können, dass sowohl der Schatten als auch sie selbst dafür verantwortlich waren. Doch leider brachte diese Erkenntnis sie nicht wirklich weiter. Sie konnte entweder ihre Erinnerungen freilassen, aus ihnen schöpfen und den Schatten bezwingen, und dabei sich selbst verlieren. Oder sie kämpfe weiter ohne sie und hatte wesentlich schlechtere Chancen, den Kampf zu bestehen. Das Risiko mochte sich die Waage halten. Seit ich auf der Wiese aufgewacht bin, wollte ich wissen, wer ich war … was geschehen war. Doch ich habe es bis hierher ohne dieses Wissen geschafft … dachte sie. Aber dann stutzte sie. Dara, Hennal, und auch Seres kannten mich, bevor ich gegen den Schatten gekämpft habe. Sie haben mir ohne zu Zögern geholfen. Muss das nicht bedeuten, dass ich eben nicht wie der Schatten war? Zögernd trat sie auf den umhüllten Funken zu, der sanft aufleuchtete. Langsam hob Awelia eine Hand und strich vorsichtig über die durchsichtige Hülle. Wo ihre Finger sie berührten, entstanden neue Sprünge. Sie drückte die Hand auf und die Kopfschmerzen überkamen sie wie ein Sturm. Sie knirschte mit den Zähnen und knurrte, doch sie drückte so fest zu, wie sie konnte. Mit einem unwirklichen, gewebszerreißenden Klatschen platzte die Hülle und verschwand augenblicklich. Der Funken explodierte förmlich und hüllte sie in gleißendem Licht ein.

Ein Hahn krähte und kündigte den anbrechenden Tag an. Feron schlug die Augen auf und war guter Dinge. Heute würden sie die Felsgartenmarsche durchqueren und endlich den Schatten stellen. Was auch immer geschehen würde, er hatte sich lange darauf vorbereitet. Als er aufgestanden war und sich Silberschlag umband, konnte er die Aufregung des Schwertes spüren. Er teilte sie. Heute würde er sein ganzes Können beweisen müssen. Mehr noch als gegen den Fürsten der Wüste oder jeden anderen Schurken, dem er je gegenüber gestanden hatte. Seine Mutter kam von draußen herein, offenbar war sie schon vor ihm aufgestanden. „Gut siehst du aus.“ sagte sie leise und richtete ihm den Hemdkragen. „Danke.“ flüsterte er zurück. „Pass bloß auf dich auf.“ „Mache ich doch immer.“
Wie in Trance erhob sich Awelia aus dem Bett. Ihr war nicht klar, was in der Nacht passiert war, doch es war sicher wichtig. Sie hatte Probleme, sich zurecht zu finden. Es war, als wäre sie unter Wasser und würde sich selbst am Ufer beobachten. Sie konnte sich ohne Mühe bewegen, doch immer wieder legten sich Gedanken wie ein Schleier auf ihren Verstand. Es war kein klarer Gedanke, sondern dutzende auf einmal, vermengt zu einem Strom aus Bildern und Gefühlen. Und so stand sie plötzlich am Esstisch, ohne sich wirklich erinnern zu können, wie sie hergekommen war. Als sie aus dem Fenster auf die Landschaft des Dorfes blickte, kam es ihr seltsam vertraut vor. Von einer Zeit, weit bevor sie mit Feron hierher gekommen war. Mehrere verschiedene Bilder schossen an ihr vorbei. Sie musste mehr als ein mal in der Nähe gewesen sein, vor langer Zeit. Langsam wurde ihr klar, was in der Nacht geschehen war. Awelia hatte ihr früheres Selbst befreit, das jetzt langsam wieder zurückkehrte.
Gemeinsam frühstückten sie. Ferons Vater machte einige Witze, doch außer ihm schien niemand zu Scherzen aufgelegt zu sein. Irsel schniefte hin und wieder, während Feron konzentriert auf seinen Teller starrte und Awelia geistesabwesend mit dem Löffel über den Teller kratzte. „Das Warten ist das Schlimmste.“ stellte Feron fest. „Es ist der letzte Tag. Ich warte schon darauf, seit ich zum ersten mal vom Schatten gehört habe. Die paar Stunden kann ich auch noch warten.“ sagte Awelia trocken und blickte aus dem Fenster. Plötzlich schlug ihre Stimmung um. „Das letzte Mal war es neblig, und es hat geregnet.“ sagte sie mit einem Lächeln, als sie sich an etwas erinnerte. „Dann ist zumindest das Wetter auf unserer Seite.“ grinste Feron zurück.

Die Sonne stand nur eine Handbreit über den Baumwipfeln, als sie am Rand des Dorfes standen. Feron hatte den kleinen Rucksack auf dem Rücken, mit Kletterhaken, Seil und einigen anderen Dingen, die ihm sein Vater gegeben hatte. Nur Awelia, Feron und seine Eltern waren hier, der Rest des Dorfes wusste nichts von dem, was sich bald entscheiden würde. Rewus hatte gemeint, dass sie sowieso nichts weiter tun könnten. Es wäre nicht das erste mal, dass das Schicksal ihrer Welt an zwei Personen hing. Insgeheim musste Awelia ihm recht geben. Inzwischen begannen sich ihre alten Erinnerungen zu ordnen und zusammenzufügen, und langsam wurde es klarer. „Ich denke, heute wird ein guter Tag.“ sagte Feron, während er zum Himmel blickte. „Ein guter Tag, die Welt zu retten.“ Er umarmte seine Mutter und seinen Vater. Awelia sah still zu, während sich die drei in den Armen lagen und Irsel zu weinen begann. Es könnte das letzte mal sein, dass sie sich sehen. dachte die Zauberin traurig. Ich vermisse Dara. Der Gedanke blieb einen Moment hängen und sie starrte traurig zu Boden. Doch dann schüttelte sie sich. Ich muss nach vorn blicken. Dara hätte es so gewollt. schalt sie sich und lächelte dann. Genau das hätte die Wächterin gesagt.
Feron löste sich von seinen Eltern. „Also, passt auf euch auf.“ sagte er mit belegter Stimme und Tränen traten in seine Augen. „Viel Erfolg Junge.“ sagte Rewus mit einem kurzen Lächeln. „Ich glaube an dich.“ schluchzte Irsel. Der Drachentöter wandte sich zur Zauberin. „Wollen wir?“ fragte er. „Packen wirs an.“ nickte sie. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg in Richtung Felsgartenmarsche. Am Rand der Ebene drehte sich Feron noch einmal herum. Seine Eltern standen noch da, wo sie sie verlassen hatten. Er winkte, und seine Eltern winkten zurück. Dann verschwanden sie zusammen mit dem Rest des Dorfes aus seinem Blickfeld.