Kapitel 24 – Der Schatten
Die Sonne hatte den halben Weg zum Zenit geschafft, als sie am Rand der Felsgartenmarsche standen. Der Boden wurde schlagartig felsig und verlief sich langsam in ein Netz aus breiten Furchen, das sich grobschlächtig in die Tiefe der Marsche zog. Doch all zu weit konnten sie nicht schauen, denn über der Felsgartenmarsche hing eine Nebelbank. Das, was Awelia sah, weckte Erinnerungen in ihr. Ich war schon mal hier, nicht an dieser Stelle, aber ich war hier in der Marsche. Das Wetter war schlechter gewesen, doch war es kein magischer Nebel so wie jetzt. Regen … es hatte geregnet und der Himmel war schwarz. Blitze hatten das Land erhellt. Und heute ist es lediglich etwas bewölkt. Da ist dieser magische Nebel … er weiß, dass wir kommen. dachte die Zauberin und schürzte die Lippen. Nach einer Weile wandte sie sich zu Feron. „Wo ist die Schwarze Festung?“ fragte sie, obwohl sie die Antwort schon kannte. „Dort drinnen.“ antwortete Feron und zeigte mitten in den Nebel. „Ich muss gestehen, ich bin noch nicht sehr weit hier hinein gegangen. Es wird sehr unwegsam und gefährlich. Und … die Feste hat uns als Kinder Angst gemacht.“ gestand er. Awelia nickte.
Wachsam betraten sie die Felsgartenmarsche. Sie wussten nicht, was sie erwartete, also mussten sie auf alles gefasst sein. „Dann ist der Nebel ein Zauber? Aber er ist wie ein normaler Nebel?“ fragte Feron, als Awelia ihn über die Witterungserscheinung aufklärte. „Ja. Das Wetter würde normalerweise keinen derartigen Nebel zulassen. Der Schatten erzeugt den Nebel und gibt ihm seine Form. Es ist kein bösartiger Nebel, zumindest so wie ich es erkennen kann. Er ist nur unnatürlichen Ursprungs.“ erklärte die Zauberin und blickte zu der Nebelwand auf, die sich vor ihnen befand. Bisher hatte der Nebel seine Form und Position beibehalten. Sie hatte den Eindruck, der Schatten versuchte, ihnen Angst damit zu machen. Doch der Tag, an dem sie sich von Angst von ihrer Aufgabe abhalten ließ, war lange vorüber. Zu viel war geschehen. Vielleicht hat er auch Schergen im Nebel versteckt, die uns hinterrücks angreifen. Aber ich erinnere mich nicht, das letzte Mal jemand anderem als dem Schatten begegnet zu sein. dachte sie bei sich.
Die Furchen im Boden wurden immer tiefer, sie reichten Feron schon bis zur Hüfte. Es war eine karge, aber feuchte Felslandschaft. Flechten von Moos bedeckten den Fels, an einigen Stellen gab es auch kleine Farne, die sich mit ausgedehnten Wurzeln am nackten Gestein hielten. Er war sich sicher, dass er stehend in diese Furchen passte, die sie mit weiten Schritten überquerten. Langsam umhüllte sie der Nebel, doch Feron machte sich keine Sorgen. Der Schatten lauert erst in der Feste. Das hier ist nur, damit wir entkräftet und vielleicht sogar verletzt ankommen. dachte er, während er über eine mannstiefe Furche sprang und bei der Landung ins Rutschen kam. Er fing sich gerade so, und Awelia wartete zögerlich auf der anderen Seite. „Wir sollten unten weitergehen. Da bekommen wir zwar nasse Füße, brechen uns aber wenigstens nicht das Genick.“ sagte der Drachentöter laut. Awelia nickte und kletterte vorsichtig hinab.
Das Wasser stand knöcheltief in den Furchen, noch dazu war überall Moos, dass schmatzte, wann immer man ging. Bei jedem Schritt wurden Erde und Dreck durch das Wasser gewirbelt. Der Nebel ließ die Sichtweite auf ein Dutzend Schritte schrumpfen. Zumindest hatten sie genug Platz, um zügig voran zu kommen. „Weißt du, ob wir in die richtige Richtung gehen?“ fragte Feron nach einiger Zeit. „Ich denke schon. Ich kann einen magischen Strom vor uns sehen. Es ist nicht mehr weit.“ antwortete die Zauberin. Sie blickten nach vorn und für einen Moment ließ der Nebel nach. Ein irres Kreischen und Jaulen ertönte überall um sie herum, und schwarze Schatten mit rotglühenden Augen rasten über den dunstigen Himmel. Die missgestalteten Wesenheiten schossen auf sie zu und flogen dann über sie hinweg. Feron zog Silberschlag, bereit, jeden Angriff mit der Klinge abzuwehren. Doch der Angriff, den er erwartete, kam nicht. Das Spektakel dauerte eine ganze Minute, dann zogen die letzten Schatten vorüber und das Jaulen verhallte in der Ferne.
„Ein Zauber, um Furcht einzuflößen.“ stellte Awelia wenig beeindruckt fest, nachdem das Kreischen verklungen war. „Nun, da hast du bessere Zauber auf Lager.“ lachte Feron und steckte sein Schwert weg. Sie setzten ihren Weg fort, und nach einiger Zeit standen sie plötzlich in einer Sackgasse. „Na toll. Wo müssen wir denn jetzt hin?“ fragte der Drachentöter mürrisch. „Wir sind da.“ antwortete Awelia und blickte in den Nebel über ihnen. „Du meinst …“ „ … wir sind am Fuße der Schwarzen Festung.“ vollendete sie seinen Satz. Zwischen den Nebelfetzen konnten sie eine steile, vernarbte Wand erkennen. Sie bestand aus pechschwarzem Gestein und war so hoch, dass die Zinnen im Nebel verborgen blieben. Da waren keine Fenster, keine Scharten. Nur nackter Stein. „Und wie kommen wir hinein? Ich meine, der Vordereingang wird wohl kaum offen stehen.“ fragte Feron. Die Zauberin überlegte, wie sie das letzte Mal in die Festung gelangt war. Ich glaube da war ein Tor … irgendwo, ich habe es benutzt, denn es stand offen. Genau, ich erinnere mich, es gab einen Pfad durch die Marsche, dem ich gefolgt bin, und an dessen Ende war die Feste. dachte sie. „Doch, wir gehen durch den Vordereingang.“ antwortete Awelia.
Es dauerte eine Zeit, das Tor zur Festung zu finden. Schließlich ragte es vor ihnen auf, der Nebel begann gerade, sich langsam zu lichten. Es mochte an die zwanzig Schritt hoch sein und halb so breit. Riesige Eisenbeschläge verbanden es mit den mannshohen Scharnieren. So weit Awelia es sehen konnte, gab es keinen anderen Eingang. „Also, wie wollen wir hineinkommen? Von innen liegt bestimmt ein Balken davor.“ fragte Feron und stemmte sich erfolglos gegen das Tor. Awelia war etwas enttäuscht, dass es verschlossen war. „Zurücktreten.“ wies sie ihn an, während sie zwischen den Händen eine kleine, rotglühende Kugel formte. Sie spürte, wie die Magie sie durchströmte, und ließ die Kugel wachsen. Als sie mit dem Ergebnis zufrieden war, schnellten ihre Arme vor und sie schickte den Feuerball auf den Weg. Heißer Feuerschein blendete sie für einen kurzen Moment, als das magische Geschoss auf das Tor zuraste. Die Explosion und Flammenwand beim Einschlag waren gewaltig. Eine heiße Schockwelle traf die Zauberin und sie hob schützend die Hände vors Gesicht. Magische Flammen leckten über das uralte Tor, das in seinen Grundfesten erschüttert worden war. Langsam begann es nach innen zu kippen, als die Scharniere mit scharfem Knacken brachen. Der Knall, als es vollends zu Boden stürzte, war sogar noch lauter als ihr Feuerball.
Mit einem Fingerschnippen erloschen die Flammen, und Awelia und Feron traten über die Reste des Tores in die Schwarze Festung. Eine ihr nur allzu bekannte Stimme ertönte. „Ah, Awelia. Willkommen zurück. Weitaus weniger vorsichtig als bei deinem letzten törichten Versuch.“ lachte der Schatten finster. „Zeig dich, Schurke.“ rief Awelia laut, während Feron neben ihr sein Schwert zog. „Ich bin überall.“ lachte der Schatten, und Finsternis senkte sich von der Decke herab. Awelia benötigte nur einen Wimpernschlag, um über ihrem Kopf eine Leuchtkugel zu erschaffen. Die Finsternis zerfiel in harmlose Schatten und verschwand einen Moment später vollständig, als auch über Feron eine Leuchtkugel erschien. „Spar dir die Taschenspielertricks.“ knurrte die Zauberin und hielt nach weiteren Gefahren Ausschau. Von der hohen, gewölbten Decke hingen massive, mit Spinnweben verhangene Kronleuchter und zumindest an zwei Stellen waren noch die vergilbten Reste eines uralten Banners zu erkennen. „Ist er hier?“ fragte Feron leise. „Nein. Er hat sich verkrochen, aber ich denke ich weiß, wo er ist.“ antwortete Awelia vorsichtig. Ihre Erinnerung an diesen Ort kehrte langsam zurück, und das was vorher sinnlos erschienen war nahm nun Gestalt an.
Vorsichtig drangen sie tiefer in die uralten Hallen vor. Die Schwarze Festung war riesig. Lange Korridore mit hohen Decken führten in alle Richtungen. Und daran schlossen sich dutzende Räume, Zimmer und Kammern an, die ein unübersichtliches Netz innerhalb der Feste bildeten. Einige der Räume waren nicht größer als eine Abstellkammer, andere wiederum waren so groß wie ein Ballsaal. Doch sie alle hatten etwas gemeinsam. Sie waren leer. Überall hingen Spinnweben und Staub lag auf dem Boden und vereinzeltem Mobiliar. Aber es wirkte, als wäre seit Jahrhunderten niemand mehr hier gewesen. Awelia wusste, dass der Schein trog, sie konnte den Schatten spüren, der sich hier irgendwo versteckt hielt. Bald erreichten sie eine Treppe. Sie war gewaltig und verdiente eher die Bezeichnung Gewölbe. Es mochte hundert Schritt hoch und runter gehen, doch das Licht verlor sich in der Dunkelheit. Die Treppen führten nach unten, nach oben und über den tiefen Abgrund, der sich vor ihnen auftat. Sie waren so breit, dass vier Leute nebeneinander Platz hatten. Überall um sie herum sahen sie weitere Türen und Gänge, die sie wie tote, schwarze Augen anstarrten. Einige der Treppen führten sogar um die Ecken der Wände entlang, nur um plötzlich an kleinen Türen aufzuhören. Auch hier schien es, als wären sie die Ersten, die diesen Ort beträten. „Wohin müssen wir?“ fragte Feron und sah sich ratlos um. Das hier, das sind die wirren Treppen, die ich gesehen habe. Ich dachte, es wären tatsächlich Treppen an der Decke. Doch jetzt, wo ich hier bin … ich war schon einmal in solch einem Gewölbe. Damals hatte ich ihn auch gesucht, doch der Schatten war in einem Thronraum. Wenn er wieder da ist, wo ich ihn beim ersten Mal angetroffen habe, dann müssen wir in diesem Stock bleiben. dachte Awelia, während sie sich umsah. „Dort drüben.“ sagte sie und deutete auf den Gang auf der anderen Seite der Kammer. „Puh.“ machte Feron, als er in die Tiefe blickte.
Vorsichtig, aber unbeschadet überquerten sie die Brücke auf die andere Seite. Es folgten weitere leere Gänge und Zimmer und ein weiteres Treppengewölbe. Dann, endlich, erblickten sie vor sich eine große, verzierte Holztür am Ende eines Säulenganges. Unter dem Türspalt schien ein kühler Lichtschein hindurch, der sich unheimlich auf den Steinen brach. Awelias Herz machte einen Satz, und sie wusste, dass der Schatten auf der anderen Seite war. Sie konnte ihn förmlich spüren. „Da ist er.“ sagte sie, und konnte eine gewisse Vorfreude nicht unterdrücken. „Wurde auch langsam Zeit.“ meinte Feron trocken. Gemeinsam traten sie an die Tür heran. „Bist du bereit?“ fragte Awelia. Er überlegte kurz. „Wir haben lange darauf gewartet. Ja, ich bin bereit.“ antwortete der Drachentöter halblaut und zog Silberschlag. „Was auch immer geschieht, der Schatten muss besiegt werden.“ sagte sie leise. Dann schob sie die Tür auf.
Sie betraten den Thronraum der Schwarzen Festung. Es war ein gewaltiges Gemäuer, gestützt von mächtigen Säulen, an denen die Reste verfallener Banner klebten. Von der Decke hingen mit leuchtenden Kristallen bestückte Kronleuchter und an den Wänden standen uralte Rüstungen aufgereiht. Und mitten im Raum erhob sich ein Thron. Ein monumentales, mit Edelsteinen verziertes Artefakt aus Meteorgestein, wie Awelia auf den ersten Blick erkannte. Doch der Thron war leer. „Zeig dich!“ befahl sie laut. „Wie Ihr wünscht.“ lachte der Schatten mit gespielter Höflichkeit. Eine schwarze, ein Stück ins violett gehende Nebelwolke senkte sich von der Decke herab und hüllte den Thron ein. Dann verdichteten sich die Schleier und eine Gestalt entstand. Es wirkte menschenähnlich, doch das war es nicht. Es hatte Arme und Beine, sogar einen Kopf mit schaurigem Grinsen und leuchtend violetten Augen. Doch es war nur eine Form, die das Wesen gewählt hatte, und die es jederzeit ändern konnte. Es war eine Kreatur, die nicht hierher gehörte. Nicht in dieses Schloss, nicht auf Murea. Nicht in diese Welt. Als Awelia für einen Moment die Augen schloss, sah sie die wahre Natur des Schattens, und sie erinnerte sich. Vor ihr war eine Gestalt, die vollständig aus Magie bestand. Nicht einmal die ältesten Wesen dieser Welt waren so sehr von Magie durchsetzt wie es der Schatten war. Mit einem Schlag erinnerte sie sich, was ihr gegenüberstand. Ein Wesen, geboren zwischen den Sternen … entstanden bei der Geburt der Welt aus der freien Magie. Gebunden an den Himmel, aber nicht an die Luft. Ein Geschöpf des siebten Elements. Eine Entität des Kosmos. dachte sie, während der Schatten sich ihr zuwandte. „Ja, jetzt erinnerst du dich. Los, sag meinen Namen.“ forderte er sie lächelnd auf. Ja, dein Name. Ich weiß ihn jetzt. Gedacht einer Sprache so alt wie die Zeit selbst. Dein Name könnte Seiten eines Buches füllen, aber diesen Gefallen werde ich dir nicht tun. dachte die Zauberin. „Bleiben wir bei Schatten. Es ist passend, findest du nicht?“ fragte sie. Der Schatten wirkte enttäuscht. „Nun gut. Awelia. Zauberin. Vertreterin des Kosmos im Siebenstern. … und ihr zur Seite steht Feron, der Drachentöter. Befreier der Perleninseln und der Mann, der meinen vielversprechendsten Diener zwei mal besiegt hat. Und dessen Heimat direkt unter meinen wachsamen Augen liegt.“ verkündete der Schatten laut. Feron zuckte zusammen und griff Silberschlag fester. Awelia war gewissermaßen beeindruckt. „Warum das alles? Warum all das Leid über Murea bringen?“ fragte sie laut. „Oh, du denkst, dass ich dir jetzt meinen Plan verrate? Zugegeben, es würde keinen Unterschied machen, dennoch …“ fauchte der Schatten. So habe ich ihn bisher noch nicht erlebt. Scheinbar ist es ein wunder Punkt. dachte die Zauberin, ohne die Mine zu verziehen und versuchte sich daran zu erinnern, was das letzte Mal geschehen ist. Sie wusste es nicht. „Es wirkt ein bisschen zu willkürlich. Vieles wirkt so, als ob du eine Nekromantie errichten willst, doch die Perleninseln gehen dem völlig entgegen. Weißt du auch sicher was du tust?“ fragte sie mit gespielter Verwirrung. „Sei still. Du weißt nichts!“ fauchte ihr Gegenüber. „Wir haben dir ziemlich zugesetzt. Ich denke wir haben eine Antwort verdient.“ forderte Feron laut. Der Schatten fuhr zu ihm herum und starrte ihn durchdringend an. Der Drachentöter hielt dem Blick stand. „Vielleicht hast du Recht.“ lenkte der Schatten ein. „Ihr seid so weit gekommen, es wäre eine Schande, wenn ihr in Unwissenheit sterbt.“ Mit süffisantem Grinsen lehnte sich die Gestalt vor. „Es freut mich, zu sehen, dass du mich noch immer nicht durchschaut hast. Natürlich waren die ganzen Todesmagier, die Feuermagie und die Handlanger nur Mittel zum Zweck. Dennoch bin ich überrascht, dass du es nicht verstanden hast. Es ging mir nie um die Dominanz des einen oder des anderen Elements. Ich wollte ein Ungleichgewicht zwischen den Elementen bringen. Je stärker, desto besser.“ erklärte der Schatten. „Aber das macht keinen Sinn, es sei denn …“ flüsterte Awelia, während sie fieberhaft nachdachte. „Ja.“ hauchte die Kreatur im Thron. „Wenn die Elemente allesamt im Ungleichgewicht sind, dann kann entweder eine Domäne des stärkeren Elements entstehen, oder … wenn alle drei Elementpaare aus dem Gleichgewicht sind … dann kann nur eines ihren Platz füllen.“ Awelia war schockiert. Nie hätte sie damit gerechnet, dass ihr eigenstes Element, dem ihr Wesen zugrunde lag, für all dies der Grund sein könnte. „Eine Domäne des Kosmos.“ verkündete der Schatten triumphierend. „Es gibt nichts, was sich dann noch mit mir messen könnte.“ lachte er laut. „Aber warum ausgerechnet Todesmagie? Warum nicht durch Lebensmagie? Warum das Leid, ich verstehe es nicht.“ fragte Feron kopfschüttelnd. „Ah, eine typisch menschliche Frage. Warum all die Toten? Nun, weil mir die Zeit im Nacken saß. Es war von Anfang an klar, dass nur eine Person mir auf die Schliche kommen konnte, und auch kommen würde. Deswegen wählte ich die effektivsten Methoden, um das Ungleichgewicht schnellstmöglich zu erreichen. Menschen streben wie die meisten Völker vor allem nach Macht. Ganz besonders der Macht über ihre Mitmenschen. Todesmagie war das Mittel der Wahl.“ erklärte der Schatten ruhig. „Und all die Unschuldigen, die durch deine Schergen … durch dich gestorben sind? Wenn du die Welt nicht zerstören willst, dann hätten sie doch nicht sterben müssen.“ keuchte Feron fassungslos. „Wenn ich die Zeit gehabt hätte, dann hätte ich einen weniger zerstörerischen Weg gewählt. Aber so … bedanke dich bei Awelia.“ antwortete der Schatten mit einer Spur von Traurigkeit und zeigte anklagend auf Awelia. Die Zauberin trat zornig einen Schritt vor. „Nein. Selbst wenn das stimmen würde, warum hast du mich dann nicht zuerst angegriffen? Wenn ich die einzige bin, die dich aufhalten kann, warum riskierst du dann, dass ich herkomme und dich stoppe?“ rief sie wütend. Er versucht, Feron und mich gegeneinander auszuspielen. Und … er hat noch ein tieferes Motiv. Ich weiß, dass ich es beim ersten Mal erkannt habe, doch ich kann mich nicht mehr erinnern. dachte sie verärgert. „Glaubst du ernsthaft, dass ich dich in deinem Heim angreifen würde? Nein, ich ließ dich herkommen in mein Reich, wo ich das Sagen habe, wo ich die Regeln aufstelle. Es hat schon zwei mal funktioniert, falls dir das entgangen ist.“ knurrte der Schatten finster. „Und warum hast du nach dem ersten mal nicht nachgesetzt und mir den Rest gegeben? Ich hatte mein Gedächtnis verloren, sogar meine Magie.“ schnaubte Awelia. „Ich dachte, meine Handlanger würden mit so einer einfachen Aufgabe fertig werden. Ein Irrtum.“ antwortete der Schatten ausweichend. Awelia riss die Augen auf. „Du warst verwundet und hattest Angst.“ rief sie, halb lachend. „Genug!“ brüllte ihr Gegenüber und sprang auf. „Schluss mit dem Gequatsche! Es endet jetzt. Ein für alle mal.“ fauchte er. Awelia warf einen Blick zu Feron, der kampfbereit neben ihr stand. „Oh, da du Hilfe mitgebracht hast, dachte ich, ich mache das auch.“ sagte der Schatten mit gespieltem Bedauern. Hinter ihnen traten zwei blassblau leuchtende Krieger in den Raum.
„Ich werde schon mit den Beiden fertig. Kümmere du dich um den Schatten.“ sagte Feron und ging langsam auf die beiden Krieger zu. Sie wirkten menschlich, doch ihre Haut und sogar die Rüstungen und Waffen leuchtete in diesem unheimlichen Blau, und ihre Gesichter wirkten wie die von Puppen. Er wusste nicht, was das für Dinger waren, aber sein Bauch sagte ihm, dass sie magischen Ursprungs waren. Silberschlag gab ihm recht. Die beiden Krieger marschierten auf ihn zu. Sie waren schwer gerüstet und trugen Langschwerter und Schilde. Der Drachentöter wartete nicht, sondern griff sie sofort an. Sein Schwert prallte an dem magischen Schild seines Gegners ab, welcher daraufhin mit dem Langschwert vorstürmte. Feron wich ihm aus und attackierte den Zweiten. Die magische Kreatur setzte einen Schritt zurück und umkreiste den Drachentöter zusammen mit der Anderen. Als sie angriffen war Feron vorbereitet. Er machte einen Satz zurück und entging so beiden Schwertern. Sofort führte er einen Gegenangriff und stieß mit aller Kraft nach dem, dessen Schild auf der abgewandten Seite war. Silberschlag bohrte sich tief in den Krieger, dessen Schmerzenslaut wie ein überkochender Teekessel klang. Die Kreatur war verwundet, aber noch lange nicht besiegt.
Awelia wandte sich dem Schatten zu, der finsteren Nebel um sich sammelte. „Dann beginnt es also.“ sagte sie, mehr zu sich selbst als zu ihrem Gegenüber. Sie wartete nicht, bis der Schatten seinen ersten Zug machte. Sie schleuderte einen Sonnenblitz in den aufziehenden Nebel und lief seitwärts. Sie sah die glühenden Augen des Schatten, und einen Moment später schoss ein Flammenstrahl auf sie zu. Mit einer Handbewegung erzeugte die Zauberin einen magischen Schild um sich herum, der das Feuer stoppte. Dann beschwor sie einen Wirbelwind, der einen Teil der Flammen mit sich riss und in den Nebel lenkte, in dem sich der Schatten versteckte. Zwei oder drei Todesstrahlen schossen auf sie zu, so schnell, dass Awelia sie nicht genau zählen konnte. Der Schatten lachte gehässig. „Erstick dran!“ schrie die Zauberin und warf einen Feuerball auf ihren Feind. Die Explosion zerriss den Nebel und machte den Blick frei auf den Schatten, der sich selbst mit einem Schild geschützt hatte. Die Sternenkreatur grinste und mächtige Flügel sprossen aus ihrem Rücken. Mit einem Schlag erhob sie sich hoch in die Luft, bis kurz unter die Decke. Awelia verzog verärgert das Gesicht und erschuf große Steine in ihren Händen, um den Schatten abzuschießen. Doch der war wesentlich gewandter als erwartet, und alles, was sie erreichte war, einen der Kronleuchter herunterzuholen.
Feron bemühte sich, die magischen Krieger zu bekämpfen, doch es war nicht ganz so einfach. Sie stimmten sich wortlos ab und versuchten immer wieder, ihn in die Zange zu nehmen. Er hatte beide schon mehr als ein mal getroffen, doch zeigten sie weder Schmerz, noch Erschöpfung. Es gab einen lauten Knall und glühende Splitter trafen ihn. Instinktiv rollte er sich zur Seite und als er wieder hochkam riskierte er einen Blick, was geschehen war. Einer der Kronleuchter war von der Decke gestürzt und am Boden zerschellt. Der Krieger, der dem Leuchter am nächsten gewesen war, taumelte und zischte, als er von Kristallsplittern getroffen wurde. Vielleicht kann ich das zu meinem Vorteil nutzen. dachte der Drachentöter, während die beiden wieder auf ihn zukamen. Wenn ich sie unter einen Leuchter locke, dann könnte ich die Halterung durchtrennen. Die müssen hier irgendwo an den Säulen sein. Während er sich umsah, sprangen beide Krieger gleichzeitig vor. Nur Silberschlags rechtzeitiger Warnung war es zu verdanken, dass Feron nicht in drei Teile gehackt wurde. So strauchelte er zurück und rappelte sich gerade rechtzeitig auf, um den nächsten Hieb zu parieren. Er riskierte noch einen kurzen Blick nach oben. Der nächste Kronleuchter war zwei Säulen weiter festgemacht. Kämpfend zog sich Feron zurück. Die Krieger griffen immer simultan an, versuchten, ihn zwischen sich zu bekommen, um dann wieder gleichzeitig anzugreifen. Mehr als ein mal wurde der Drachentöter nur um Haaresbreite verfehlt.
Der Schatten schwirrte zwischen den Säulen entlang und schoss immer wieder Zauber zu Awelia herab. Die Zauberin versuchte abermals erfolglos, ihren Feind abzuschießen. Er ist einfach zu schnell! dachte sie verärgert, während sie nach einer besseren Möglichkeit suchte, ihn wieder auf den Boden zu holen. Dann hatte sie eine Idee. Als der Schatten das nächste mal um eine der Säulen flog, ließ sie Fesselranken aus dem Stein hervorschießen, die die Sternenkreatur an den Beinen packten und festhielten. Der Schatten fluchte, als er von Awelias Steinhagel getroffen wurde, doch er schüttelte die Fesseln ab und versteckte sich hinter einer Säule. Sie schleuderte einen weiteren Feuerball, der den oberen Teil der Säule pulverisierte. Der Schatten schoss wild lachend aus der Staubwolke auf sie zu. Die Zauberin landete hart auf dem Boden, ihren Widersacher direkt über sich. „Nicht nur Magie kann töten.“ fauchte der Schatten und holte mit seinen Krallen aus. Awelia versuchte, ihn mit einem Sonnenblitz von sich herunter zu bekommen, doch der Schatten löste den Zauber mit einem Fingerschnippen auf. Dann schlug er ihr ins Gesicht. Es tat mehr weh, als sie erwartet hätte, und sie schmeckte Blut. Der Schatten packte ihren Kopf und flüsterte ihr ins Ohr. „So wirst du enden, ich werde dich zerschmettern und deinen Kopf auf meinen Thron stellen.“ fauchte er. Awelia biss ihm in die Wange und der Schatten schrie auf. Er schlug sie abermals, doch dieser Moment reichte ihr, ihn mit einem Eisstrahl von sich herunterzustoßen. Hastig rappelte sie sich auf. „So wehrhaft wie eh und je.“ lachte der Schatten. „Das wird doch interessanter als erwartet.“ Die Sternenkreatur zerfiel zu Nebel und verschwand.
Feron stolperte hastig rückwärts. Aus irgend einem Grund hatten die beiden Krieger plötzlich ihre Strategie geändert und nur noch einer griff an, während ihn der Andere deckte, so dass der Drachentöter selbst keinen Schlag wagen konnte. Sein Blick zuckte kurz zur Decke und er sah, dass er unter dem Kronleuchter stand. Doch das brachte ihm herzlich wenig, denn wenn er jetzt loslief, um ihn zu lösen, dann würden die Krieger nicht mehr darunter stehen. Er musste sich noch etwas weiter zurückziehen. Zähneknirschend ging er rückwärts und parierte die Schläge seiner Gegner. Jetzt oder nie. dachte er bei sich und wartete den nächsten Angriff ab. Feron drückte das Schwert des Kriegers zur Seite und stieß Silberschlag in das leuchtende Gesicht. Dann hastete er vorbei in Richtung der Wandaufhängung. Wie er erst jetzt feststellte, war da kein Seil, das den Leuchter an der Decke hielt. Das Seil war zwar da, jedoch war es aus irgendwelchen Gründen durch ein Eisenrohr gezogen worden. Das wird dir jetzt gleich wenig gefallen, Silberschlag, aber es muss sein. dachte er verbissen, während er eine Rüstung umwarf, die im Weg stand. Das Schwert in seiner Hand verkrampfte sich. Mit voller Wucht hieb Feron gegen die Säule und die Klinge durchtrennte das Eisenrohr, und das Seil darin. Er wandte sich um zu den beiden Kriegern, die ihm hinterher stapften. Geräuschlos stürzte der Kronleuchter von der Decke herab und traf beide Krieger. Die Kristalle zerbarsten in eine tödliche Splitterwolke und Feron brachte sich hastig hinter der Säule in Sicherheit. Dann kam er wieder hervor. „So, damit … das ist unmöglich!“ stöhnte er fassungslos. Zumindest ein Krieger hatte den Kronleuchter überlebt. Er hatte sein Schild samt Arm verloren und auch der Helm war stark verbeult. Doch er stand noch immer. Frustriert lief Feron auf den Krieger zu. Das magische Wesen hob sein Schwert, doch der Drachentöter war schneller. Mit einem Hieb schlug er dem Krieger den Kopf ab. Der Körper sackte zu Boden, erlosch und begann dann zu Staub zu zerfallen. Feron schüttelte nur den Kopf.
Awelia wischte sich das Blut vom Mund und drehte sich zum Schatten um, der sich hinter ihr wieder manifestiert hatte. Der Schatten lachte, und sie schloss die Augen. Zunächst war da nur Schwärze, doch dann öffneten sich zwei große, violette Augen im Nichts. Was willst du? knurrte der Schatten in ihren Gedanken. Hast du genug? Willst du Gnade? fragte er nach kurzer Pause. Nein. Ich will verstehen. Warum tust du das alles wirklich? Doch nicht nur für eine Domäne des Kosmos. Ich bin wie du … dachte sie, doch der Schatten unterbrach sie wütend. Du bist ganz und gar nicht wie ich! Du bist ein Nichts! blaffte er und Awelia schüttelte gedanklich den Kopf. Wir sind beide aus Magie geboren. Wir dienen beide dem Kosmos, vor allem anderen. Und ich bringe dazu nicht Unheil und Tod. Also, warum tust du das alles? fragte sie, darum bemüht, ruhig zu bleiben. Du hattest auch das letzte mal keine Ahnung, deine Ignoranz ist grenzenlos! Ja, wir sind beide aus der Magie geboren. So alt wie die Zeit selbst. Doch mehr verbindet uns nicht. Ich habe dich gesehen, wie du vom Himmel herabsteigen durftest. Ein leuchtender Stern, der sich zur Erde gesenkt hat, behütet und geborgen. Und ich war gefangen in der ewigen Nacht zwischen den Sternen und konnte nur zusehen. Zusehen, wie über Jahrhunderte die Sterblichen zu dir aufgesehen haben. Du hast ihnen Hoffnung gegeben und hattest einen Platz in der Welt. Und ich war vergessen worden. Noch heute kennt niemand auch nur meinen Namen. schimpfte der Schatten, von unbändiger Wut erfüllt. Ich verstehe. Du warst einsam, und verloren in der Dunkelheit. dachte sie traurig. „Wage es nicht!“ brüllte der Schatten und riss sie aus der Gedankenwelt. Er stand nur wenige Schritte von ihr entfernt, die Klauen zu Fäusten geballt. Sie konnte den Hass in seinen Augen sehen. Schritte hallten zwischen den Säulen wieder und Awelia sah Feron, der zu ihr gehastet kam. Auch der Schatten sah den Drachentöter kommen und fuhr zu ihm herum. Die Zauberin nutze die Ablenkung und schloss erneut die Augen. Sie wob ein magisches Band und verband sich mit dem Schatten. Wenn die Sternenkreatur begriff, was geschah, dann war es zu spät. Awelia schickte einen leuchtenden Funken durch das Band und löste die Flügel des Schatten in Luft auf. Die Sternenkreatur schrie vor Schmerz und Wut. Der Schrei des Schattens war so laut, dass sie sich die Ohren zuhalten musste. Unter ihr begann der Boden zu beben und Trümmer stürzten von der Decke. Wie durch ein Wunder wurden weder sie noch Feron getroffen. Als das Beben nachließ, wurden sie von einer Staubwolke eingehüllt.
Langsam legte sich der Staub und Awelia hustete. „Was ist passiert?“ fragte Feron, während er seine Kleidung abklopfte. Kleine Staubwölkchen stoben in die Luft. „Ein Beben … ein Zauber. Wo ist er nur hin?“ antwortete die Zauberin und sah sich um. Sie musste nicht lange suchen, um ihre eigene Frage zu beantworten. Die Wand hinter dem Thron war durch das Beben eingestürzt und machte den Blick frei auf den diesigen Himmel. „Dort entlang.“ sagte Awelia und zeigte auf den großen Trümmerhaufen. „Gut. Bevor uns hier noch alles auf den Kopf fällt.“ meinte Feron neben ihr.
Gemeinsam erklommen sie den Schuttberg, der sich fast fünf Schritt hoch aufgetürmt hatte. Immer wieder rutschten Bruchstücke herab oder sanken in die Trümmermasse. Dann standen sie endlich oben. Awelia wurde blass. Vor ihnen lag ein weiter Innenhof, ausgelegt mit weißen Marmorplatten. Doch in der Mitte war eine kreisrunde Öffnung eingelassen, aus deren Inneren es blau-weiß leuchtete. Magische Funken stiegen aus der Tiefe empor. Der Schatten schwebte genau über der Öffnung in der Luft. „Was ist das?“ fragte Feron beunruhigt. „Ein magischer Kraftknoten. Ein starker obendrein.“ antwortete Awelia finster. Der Schatten hatte die arkane Struktur vor ihr verborgen und sie hatte sie nicht gesehen. Ich glaube, das habe ich letztes mal auch herausgefunden. Toll, dass es mir erst jetzt einfällt. schalt sie sich gedanklich. Vor ihr fing der Schatten schallend an zu lachen, während der Kraftknoten aufleuchtete und die Magie in die Sternenkreatur floss. Sie wusste, ihr blieben nur Sekunden, bevor er sie mit welchem Zauber auch immer einfach ausradieren würde. „Töte ihn!“ flüsterte sie hastig zu Feron und schloss die Augen.
Die Augen des Schatten tauchten vor ihr auf. Ich wusste nicht, dass es möglich ist, von den Sternen hinab auf die Welt zu kommen. sagte sie, bevor ihr Gegenüber irgendetwas sagen konnte. Oh, bitte. Du hast es geschafft, Awelia. Auch wenn du dich nicht daran erinnern konntest. Ich habe versucht, dir zu folgen. Doch ich kam aus den Schatten, mir wurde dieser Weg verwehrt. Die Sterne verboten mir, dir zu folgen. knurrte der Schatten verbittert. Und doch bist du hier. meinte sie anerkennend. Dass der Schatten auf die Welt gekommen war, musste wahrlich nicht einfach gewesen sein. Ich habe lange gebraucht, viele hundert Jahre und unzählige zum Scheitern verurteilte Versuche. Doch ich hatte nichts, was ich sonst tun konnte, gefangen zwischen den Sternen. erzählte er. Ich hatte einen Antrieb. Etwas, was mir ein Ziel gab. Du. Du hattest es geschafft, und dann Deinesgleichem den Rücken gekehrt. Und jetzt habe ich mein Ziel beinahe erreicht. fauchte der Schatten. Mich töten? fragte Awelia kalt. Nein, noch nicht. Du sollt mitansehen, wie ich das vernichte, was du so lange geschützt hast, wie die Leute scheitern und vergehen, die Hoffnung in deiner Existenz gesucht haben. Du sollst es mitansehen, tatenlos, wie alles geschieht. So wie ich es tun musste! Die Worte des Schatten troffen vor Hass und Verachtung. Plötzlich verschwand er aus Awelias Gedanken. Erschrocken riss sie die Augen auf.
Feron hastete den Schuttberg hinab und kam mehr als ein mal ins Rutschen. Es war kein weiter Weg bis zum Schatten. Vielleicht vierzig Schritt. Doch es kam ihm wie ein unendlich langer Weg vor. Als er endlich im Innenhof stand, rannte er los. Mit Silberschlag in der Hand sprintete er auf den Schatten zu, der in diesem unheimlichen, magischen Licht schwebte. Feron hatte keine Deckung, nichts, um sich vor einem Angriff zu schützen. Der Schatten bräuchte nur zu ihm aufblicken und einen Zauber wirken, und er wäre erledigt. Aber der Schatten hatte die Augen geschlossen, und Feron hoffte, dass das so blieb. Awelia muss ihn gerade ablenken. Ich hoffe, sie hält durch. Nur so habe ich überhaupt eine Chance, ihn von diesem magischen Ding runter zu bekommen. dachte er, während sich jeder seiner weiten Schritte wie eine Ewigkeit anfühlte. Je näher er kam, desto mehr fürchtete er, einfach zu scheitern. Zu stolpern, gegen eine unsichtbare Wand zu laufen, oder einfach zu spät zu sein. Komm schon Feron, du kannst das. Du bist Drachentöter, Mitglied der Krallen. Wenn einer das kann, dann du. trieb er sich selbst an. Er erreichte den Kraftknoten und stieß sich mit aller Kraft vom Boden ab. Der Schatten war direkt vor ihm, und riss die Augen auf. Feron brüllte und schwang Silberschlag. Sein Gegner sprang in der Luft zur Seite und entging der Klinge, doch er wurde trotzdem von Ferons Körper getroffen. Gemeinsam landeten sie auf dem Marmorboden. Der Schatten fluchte und schoss einen Zauber auf ihn ab. Ein violetter Schimmer fing die Magie nur eine Handbreit vor Ferons Gesicht auf und er konnte ein unangenehmes Kribbeln spüren. Er brauchte nicht nachzuschauen, um zu wissen, dass Awelia ihn schützte. Feron stand dem Schatten von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Das seltsame Wesen war nur unwesentlich größer als er selbst. „Drachentöter, nur du und ich.“ sagte der Schatten, während er eine schimmernde Barriere um sie herum erschuf. „So sei es.“ antwortete Feron leise und hob Silberschlag.
Awelia sah die antimagische Barriere, die Feron und den Schatten umgab, und fluchte laut. Wenn ich nichts unternehme, dann wird er Feron töten. dachte sie besorgt. Sie wusste, dass der Drachentöter auf sich selbst aufpassen konnte, aber der Schatten durfte nicht unterschätzt werden. Erst recht nicht, nachdem er sich am Kraftknoten gestärkt hatte. Doch sie musste vorsichtig bei der Wahl ihrer Mittel sein, nicht dass sie einen zu starken Zauber wirkte und Feron verletzte. Sie begann einen Zauber zu wirken, als plötzlich der Boden unter ihr aufbrach. Awelia wurde zu Boden geschleudert und Marmorsplitter regneten auf sie herab. Sie sah sich einem drei Schritt langem, schwarzen Fangarm gegenüber. Als Awelia für einen kurzen Moment die Augen schloss war sie wenig überrascht, den Schatten als Ursprung der Ranke zu entdecken. Sie griff nach der sich verflüchtigenden Magie ihres Zaubers und vollendete den Sonnenblitz. Das gleißende Licht löschte den Fangarm aus. Doch ihr blieb keine Zeit, denn mehr schossen um sie herum aus dem Boden. Sie schoss einen Flammenpfeil ab, und einer der Fangarme löste sich in Asche auf. Zwei weitere Zauber vernichteten zwei weitere der Ranken, doch mittlerweile waren über ein Dutzend von den Fangarmen um sie herum aus dem Boden gesprossen. Awelia konnte dem ersten ausweichen, doch ein weiterer wickelte sich sofort um ihr Bein. Ein scharfer Schmerz durchfuhr sie, als die Dornen in ihr Fleisch eindrangen. Sie schrie auf, als sie das brennende Gift in den Wunden spürte. Für einen Moment dachte sie, sie würde sterben. Reiß dich zusammen! schalt Awelia sich und biss die Zähne zusammen. Sie schloss die Augen und suchte nach dem Funken, der noch immer in ihr war. Mein wahres ich. Ich hoffe, ich war eine herausragende Zauberin, denn ich brauche jedes bisschen Magie, das ich bekommen kann. Nur so kann ich gegen den Schatten bestehen. dachte sie. Awelia ließ dem Funken freien Lauf und spürte, wie die Magie sie durchströmte. Es brauchte nur einen kurzen Gedanken an das Gift, und schon wurde es durch den Funken unschädlich gemacht. Ohne darüber nachzudenken ballte sie die Hände zu Fäusten, und schlug sie mit aller Macht zusammen. Der Knall war ohrenbetäubend. Es tat weh, doch sie war frei. Die Zauberin öffnete die Augen. Die Fangarme waren von einer gewaltigen Schockwelle zerfetzt worden, die sogar die Marmorplatten gesprengt hatte. Doch mehr waren auf dem Weg. Sie erhob sich in die Luft, außerhalb der Reichweite der Ranken, die unter ihr zu Dutzenden aus dem Boden schossen. Awelia betrachtete die Szene einen Moment, dann legte sie ihre Zeigefinger zusammen. Als sie sie wieder auseinander nahm knisterte ein greller Blitz zwischen den Fingern. Fasziniert blickte sie auf den Energiebogen vor sich. Schlagartig entlud sich der Kettenblitz in die Fangarme unter ihr. Sie musste die Augen schließen, um nicht geblendet zu werden, und das Donnergrollen war ohrenbetäubend. Doch die Ranken sanken tot zu Boden.
Feron sprang vor und der Schatten wich zurück. Das Wesen duckte sich unter zwei weiteren Attacken durch, dann ging es in die Offensive. Feron parierte die messerscharfen Krallen, und die Parade hätte jedem anderen Angreifer die Hand gekostet. Doch der Schatten war kein normaler Schurke. Feron war sich nicht einmal sicher, was der Schatten überhaupt war. Aber es spielte auch keine Rolle, wichtig war nur, ihn zu besiegen. Er parierte einen weiteren Schlag und machte einen raschen Ausfall. Der Schatten blockte Silberschlag mit beiden Händen und trat ihm in den Bauch. Mit einem Stich versuchte der Drachentöter, seinen Kontrahenten zu durchbohren, doch der löste sich einfach in Rauchschwaden auf. Überrascht sah sich Feron um. „Zeig dich!“ rief er vorsichtig. Er hörte eine Stimme hinter sich und fuhr herum, doch da war nichts. Der Drachentöter fluchte und fuhr erneut herum, als er die Stimme aus einer anderen Richtung hörte. Als er das nächste mal etwas hörte, sagte ihm sein Instinkt, dass der Schatten hinter ihm war. Ohne sich herumzudrehen ließ er Silberschlag nach hinten schnellen. Er hörte ein wütendes Zischen, doch seine Freude währte nur kurz, als die Klauen des Schatten seine Schulter aufrissen. Die Welt wurde weiß.
Awelia hatte sich für den Moment etwas Luft verschafft. Doch sie war sich sicher, dass der nächste Angriff nicht lange auf sich warten lassen würde. Die antimagische Barriere hatte noch immer Bestand und sie konnte nicht sehen, was darin vor sich ging. Sie hoffte, dass Feron wohlauf war, doch sie musste es beenden. Die Zauberin ließ sich fallen und setzte sanft vor dem schimmernden Gebilde auf. Sie legte die Hand auf das knisternde magische Feld und schloss die Augen. Es mag Antimagie sein, aber auch diese basiert auf Magie und folgt den selben Regeln. dachte sie, während sie das hell schimmernde Geflecht vor sich betrachtete. Aber die Barriere war wesentlich komplexer als sie erwartet hatte, und sie fand keine losen Enden wie bei früheren Zaubern des Schatten. Doch das würde sie nicht davon abhalten, es niederzureißen. Awelia konzentrierte sich und ließ die Magie durch sich strömen. Sie kanalisierte sie durch ihre Hand in die Barriere, die zu leuchten anfing. Nur noch ein bisschen, dann habe ich sie überwunden. Sie ist fast gesättigt, und dann ist es vorbei. dachte sie und hob die freie Hand vors Gesicht, um sich zu schützen. Ohne einen Laut verging die Barriere. Die Wucht war jedoch gewaltig und schleuderte die Zauberin zurück. Sie rollte über den Boden und kam keuchend hoch. Feron war am Boden, während der Schatten grinsend in ihre Richtung schaute und die Klauen hob, um dem Drachentöter den Rest zu geben. Kalte Wut packte sie. Awelia hob die Hand und schoss einen Strahl roher Magie auf den Schatten ab. In dem Moment, da der Zauber Gestalt annahm, wusste sie, dass es ein Trick gewesen war. Sie fühlte wie sie von Ranken gepackt wurde und der Schatten sie in die Gedankenwelt zog.
Feron kam langsam wieder zu sich. Seine Schulter schmerzte höllisch, während der Arm schlaff herunterhing. Der Schatten war nur ein paar Schritt entfernt, umgeben von einer schimmernden Barriere. Desorientiert sah sich Feron um. Der Hof wirkte wie ein Schlachtfeld. Die meisten Marmorplatten waren zerstört und überall lagen tote Schattendinge, die er nicht identifizieren konnte. Awelia wurde von violetten Ranken festgehalten, aber es war ihr Gesicht, dass ihm Furcht einflößte. Es war von purem Entsetzen gezeichnet und die Augen waren weit aufgerissen. Doch die Augen waren leer. Feron wusste, was das bedeutete. Der Schatten dringt in ihren Verstand ein. dachte der schockiert. Er erinnerte sich an das Versprechen, dass Awelia ihm abgenommen hatte. Sein Griff um Silberschlag wurde so fest, dass seine Knöchel weiß wurden. Das Schwert erbebte, als es von seinen Emotionen erfasst wurde. Vergib mir. dachte Feron und rannte auf Awelia zu.
Awelia schwebte im Nichts. Sie wollte nicht hier sein, und sie versuchte zu entkommen, doch er ließ sie nicht gehen. Die Augen des Schatten erschienen vor ihr. Awelia, du machst genau die gleichen Fehler wie bei unserer letzten Begegnung. lachte der Schatten leise, während sie in einen endlosen, finsteren Abgrund stürzte. Du hast versagt. Tröste dich damit, dass du nie eine Chance hattest. Jede deiner fruchtlosen Heldentaten hat mir nur noch mehr geholfen. Durch die Zerstörung des Tempels des Roten Zirkels hast du Unmengen von mit Feuer versetzter Todesmagie freigesetzt. In Karturas hast du, wenn auch unabsichtlich, die Elfen gegen das Wüstenvolk aufgebracht, und noch dazu die arkanen Strukturen tief unter der Stadt beschädigt. Auf den Perleninseln hast du mit der Zerstörung von Seelenfresser das Gleichgewicht zwischen Leben und Tod gestört. Und in der Harjii hast du das Feuer unterdrückt. erklärte der Schatten anklagend. Seine Stimme hallte in ihren Gedanken wieder, ein schweres Gewicht, dass auf ihrer Seele lastete. Awelia sagte nichts. Sie wusste, dass es so war. Seit sie sich erinnern konnte hatte sie genug Tod und Verderben gesehen, dass es für zehn Leben reichen mochte. So viele waren gestorben, nicht zuletzt die, die sie beschützen wollten. Die Elemente sind allesamt aus dem Gleichgewicht. Alles was ich noch tun muss, ist in den Kraftknoten zu treten. Und dann werde die Domäne des Kosmos ausrufen. verkündete er triumphierend. Awelia spürte einen letzten Rest Willenskraft, um sich gegen den Schatten aufzulehnen. Warum hast du das nicht getan, als du gerade eben die Chance dazu hattest? fragte sie trotzig. Lachende Mäuler öffneten sich überall um sie herum. Du hast es sicher vergessen, doch du trägst den Schlüssel bei dir. Dein Amulett, auch wenn es nicht dafür gedacht ist, es ist der nötige Katalysator, um die gestörte Magie in die richtige Richtung zu stoßen. Und du hast es mir freundlicherweise gerade ausgehändigt. lachte der Schatten schallend. Awelia war wie gelähmt. Sie hatte die Welt zum Untergang verdammt. Der Schatten hatte gewonnen. Betrübt hoffte sie, Feron erinnerte sich an das Versprechen, und sie fragte sich, ob sie etwas spüren würde wenn sie starb.
Der Sprint zu Awelia kam ihm wie eine Ewigkeit vor. Ihr Gesicht war eine schwer zu ertragende Grimasse von Furcht und Verzweiflung. Feron warf einen Blick über die Schulter. Glücklicherweise hatte sich der Schatten immer noch nicht bewegt. Er musste völlig mit der Zauberin beschäftigt sein. Als er sie endlich erreicht hatte, betrachtete der Drachentöter Awelia eingehend. Sie wurde von einem halben Dutzend der pulsierenden Ranken gehalten. Feron schloss die Augen und schlug zu. Die Ranken platzten in Funkenschauern und die Zauberin stürzte zu Boden. „Bist du in Ordnung?“ fragte er besorgt und beugte sich zu ihr herunter. Awelia öffnete die Augen und wimmerte. „Du hättest mich töten sollen.“ schluchzte sie. „Vielleicht. Aber das wäre nicht hilfreich.“ sagte Feron und versuchte, sie hochzuziehen. Die Zauberin betastete ihren nackten Hals. „Das Amulett …“ flüsterte sie mit bebender Stimme. Ein kalter Schauer fuhr Feron über den Rücken und er fuhr zum Schatten herum. Doch der Schatten stand nicht mehr still da. Vielmehr lief er schnurstracks auf den magischen Knoten zu. In seiner Klaue hing Awelias Anhänger. „Es ist vorbei. Er hat gewonnen.“ hauchte Awelia hinter ihm. Der Drachentöter richtete sich auf. „Nicht, so lange ich lebe.“ sagte er mit fester Stimme. Die Entfernung zum Schatten war groß. Er wusste, er würde es niemals rechtzeitig schaffen. Es gab nur eine Möglichkeit, es zu schaffen, und die hatte er noch nie geschafft. Wenn Ajina jetzt hier wäre, dann würde sie sicher einen sarkastischen Kommentar abgeben. dachte er verbissen. Aber das nützt mir alles nichts, ich muss zum Schatten. Er musste es versuchen. In diesem Moment gab es nichts wichtigeres, als zum Schatten zu gelangen, und er musste es schaffen. Oder alles wäre verloren. Feron warf einen letzten Blick zu Awelia. Sie sah ihn an. Er glaubte, in ihrer Hoffnungslosigkeit einen Funken ihres alten, optimistischen Selbst zu sehen. „Ich schaffe das nicht ohne dich. Ich halte ihn auf, aber ich brauche dich.“ flüsterte er. Dann sprang er durch das Portal, das sich vor ihm bildete.
Strauchelnd kam er auf der Kante des magischen Knotens auf, einen leuchtenden Abgrund hinter sich. Er hatte es geschafft, er hatte ein Portal geschaffen. Der Schatten, nur einen Schritt vor ihm, wich überrascht zurück. „Für mein Dorf! Für die Krallen!“ schrie Feron und stürzte sich vor. Aller Schmerz war vergessen und er griff rücksichtslos den Schatten an. Die Kreatur wurde zurückgedrängt und brüllte etwas. Um Feron herum manifestierten sich mehrere der blassblauen Krieger, doch er beachtete sie nicht.
Awelia sah wie Feron dem Schatten gegenübertrat. Ein hoffnungsloses Unterfangen. dachte sie traurig. Sie wollte sich abwenden, doch irgendwie konnte sie es nicht. Es fühlte sich nicht richtig an. Sie hatte ihn hierher geführt, und er würde ihretwegen sterben. So wie Hennal. So wie Dara. So wie viele andere. Sie hatten ihre Hoffnung in mich gesetzt. Ich habe sie alle enttäuscht. Tränen rannen ihre Wangen hinab. Hennal und Dara waren gestorben, um sie zu schützten. Damit sie heute hier sein konnte. Sie waren kämpfend gestorben. Habe ich wirklich das Recht, einfach aufzugeben? fragte sie sich verzweifelt. Awelia schloss die Augen und sah die Gesichter vor sich. Hennal. Dara. Seres. Die Krallen. Ferons Eltern. Sogar die herrenlose Stimme, die nur eine ferne Erinnerung war. Sie alle vertrauten darauf, dass sie diesen Kampf focht. Dass sie ihr Bestes gab, und die Welt rettete. Ich darf sie nicht enttäuschen. erinnerte sich Awelia. Erzürnt schlug sie mit der Faust auf den Boden. Sie hatte sich täuschen lassen vom Schatten. Natürlich waren ihre Siege nicht perfekt. Doch sie hatte stets noch schlimmeres Unheil verhindert. Die Elemente waren einzig und allein durch den Schatten aus dem Gleichgewicht. Sie erinnerte sich. Das letzte mal, da war der Kampf ganz ähnlich verlaufen. Ich habe den Schatten erkannt als das, was er wirklich ist. Ein harter Kampf. Am Ende war ich gezwungen, zu fliehen … wegzulaufen. Ich konnte mich in die Katakomben der Festung absetzen … ich habe die Wächter des Siebensterns gewarnt, bevor ich die Festung betreten hatte. erinnerte sie sich. Doch er hat mich gefunden. Bevor ich mich teleportiert habe, hat er versucht, meinen Verstand zu zerstören … nein … er hat versucht, mich an die Sterne zu binden und wieder zu ihnen zurück zu schicken. erinnerte sie sich verblüfft. Sie hätte es schon damals erkennen sollen, ja erkennen müssen. Der Schatten war von einer Art Zurückweisung getrieben, die sie sich nicht vorstellen konnte. Jahrhunderte, oder noch länger, in der Dunkelheit gefangen sein, zum ewigem Zuschauen verdammt. Awelia wusste nicht, was es mit ihr machen würde, doch sie sah, was es mit dem Schatten getan hatte. Durch meinen Versuch, mich vor seinem Zauber zu schützen, habe ich alle Erinnerungen verloren. Dann bin ich in der Wiese erwacht und wusste nichts. Es war so lange her, dass es ihr wie ein anderes Leben vorkam. Und irgendwie war es das auch. Ich habe seinen Zauber aufgehalten, doch dadurch schlug der Teleportzauber fehl und ich bin lange Zeit im magischen Strom umher getrieben. Mein Verstand muss sich geschützt haben, indem er die unsichtbare Barriere um den Funken geschaffen hatte. Mit zitternden Beinen erhob sie sich. Feron kämpfte nach wie vor gegen den Schatten. Sie durfte ihn nicht im Stich lassen, ihn am allerwenigsten. Sie sah, wie der Schatten mehr seiner Krieger beschwor, um den Drachentöter zu überwältigen. Es gab nicht mehr viel, was sie tun konnte. Nur noch eines, auch wenn sie vielleicht selbst dabei sterben würde.
Awelia schloss die Augen. Ihr fiel wieder ein, wie sie Feron zum ersten mal getroffen hatte. Ohne sie zu kennen, ohne etwas als Gegenleistung zu erwarten, hatte er sie vor den Räubern gerettet. Und er war immer noch bei ihr. Der Gedanke gab ihr Kraft, als sie sich der Magie öffnete. Sie sah den Weltenstrom, der ruhig unter der Festung floss. Doch für das, was sie vorhatte, brauchte sie mehr als das. Sie löste sich von ihrem Körper und gab sich ganz der Magie hin. Weltenstrom oder nicht, die Magie durchsetzt die ganze Welt. Der Weltenstrom ist nur eine größere Ansammlung von Magie. Vom mächtigsten Artefakt bis zu der Luft um uns herum ist alles mit der Magie verbunden. Und diese Magie brauche ich. Ihr Gedanke leuchtete in einem schier endlosen Meer aus magischen Funken. Die meisten waren schwach und kaum zu erkennen, nur einige wenige leuchteten wahrnehmbar. Doch alle zusammen waren sie heller als die Sonne. Ich bin Awelia, Zauberin des Kosmos und des Siebensterns. Die Elemente sind aus dem Gleichgewicht, nie dagewesenen Unheil droht. Ich rufe die Magie dieser Welt an, mir beizustehen. Ich benötige die Hilfe der arkanen Sphären, um das Gleichgewicht wiederherzustellen und die Domäne des Kosmos zu verhindern! Der Gedanke war wie ein Leuchtfeuer in einem endlosen Ozean. Und die Magie erhörte sie. Awelia spürte, wie sie davon erfüllt wurde, mehr als jemals zuvor. Sie öffnete die Augen. Die Diener des Schatten bedrängten Feron, dutzende von ihnen. Awelias Hände wurden zu verkrampften Krallen, die sie zum Himmel streckte. Das Sonnenlicht verblasste und über ihnen wurden die Sterne sichtbar. Awelia schrie. Der Ansturm der Magie war so groß, dass sie taumelte. Doch sie blieb standhaft. Blut lief aus ihrer Nase und die Anstrengung vernebelte ihren Blick. Sie brauchte jedes bisschen Kraft, um nicht zusammenzubrechen. Mit einem unbeschreiblichen Geräusch riss der verzauberte Nachthimmel auf. Mehr als das, das Gefüge zwischen der normalen Welt und der reinen Magie brach.
Feron kämpfte weiter, die Kreaturen des Schatten drängten unaufhörlich auf ihn ein. Er war mehrfach getroffen worden und er wusste, er würde sie nicht mehr lange aufhalten können. Der Drachentöter enthauptete einen der Krieger, aber zwei weitere nahmen den Platz ein. Doch plötzlich erstarrten die magischen Wesen. Verwirrt sah sich Feron um und er erblickte den Schatten. Er folgte dem Blick der Kreatur und sah Awelia. Dann hörte er ein Donnern, das er nie vergessen würde. Der Klang, wie die Welt unterging. Helles Licht in allen möglichen und unmöglichen Farben schien auf sie herab, als sich der Himmel in eine andere Welt öffnete, die nicht für den menschlichen Blick gemacht war. Feron starrte auf den gewaltigen Mahlstrom, aus dem sich Magie ergoss. Im Moment des Übergangs bildeten sich Zauber, die auf den Boden schossen, und magische Wesenheiten, die kreischend durch die Luft rasten. Blitze schlugen um sie herum ein, Flammen, Eis und andere Geschosse. Der Krieger neben Feron wurde von einem sengenden Strahl ausradiert. Zwei weitere wurden von einer leuchtenden Schlange verschlungen, deren Segmente lose in der Luft schwebten. Der Boden begann zu beben. Feron sah, wie der Schatten versuchte zu entkommen. Der Drachentöter drängte sich zwischen den Kriegern hindurch, die durch die Magie vernichtet wurden, und rannte ihm hinterher. Unbeschreibliche Blitze trafen den Schatten, dann riss der Boden vom Kraftknoten her auf und der Schatten verschwand in der Tiefe.
Awelia hielt den Riss so lange aufrecht wie sie konnte. Sie spürte, wie es ihre eigene Essenz verzehrte und sie wusste, wenn sie weiter machte, würde sie sich selbst verlieren. Mit einem Schrei ließ sie los und brach zusammen. Über ihr begann sich der Riss langsam zu schließen, als sich die Magie in ihr Reich zurückzog. Schwer atmend saß sie auf dem Boden. Sie hoffte, es hatte gereicht. Schritte näherten sich, und als sie sich umsah erblickte sie Feron. „Bist du verletzt?“ fragte er und beugte sich zu ihr herunter. Sie nickte, aber hob beschwichtigend die Hände. „Es geht schon.“ flüsterte sie und er zog sie hoch. „Wo ist der Schatten?“ fragte sie vorsichtig. Nur sie beide waren auf dem völlig verwüsteten Hof geblieben. „Dort unten.“ antwortete der Drachentöter und zeigte auf das Loch, das während des Kampfes entstanden war. Gemeinsam traten sie an den Rand. Vor ihnen tat sich eines der gewaltigen Treppengewölbe auf, durch das Beben war es schwer beschädigt. „Wir müssen nachsehen.“ meinte Awelia. Feron nickte.
Der Abstieg war lang und beschwerlich. Awelia war nicht in der Lage, nach den vorangegangenen Strapazen noch zu zaubern. Es brauchte Zeit und Ruhe, doch gerade hatten sie weder das eine, noch das andere. So suchten sie einen Zugang und liefen zügig durch die Gänge der schwarzen Festung. Feron entzündete eine Fackel. „Du bist verletzt!“ schnaufte Awelia und zeigte auf seinen herunterhängenden Arm und seine blutige, zerrissene Kleidung. Der Drachentöter grunzte nur und tat es mit einer kurzen Handbewegung ab. Ihr fiel wieder ein, wie sie das letzte Mal, vor so langer Zeit, in die Tiefe der Festung geflüchtet war. Verletzt hastete sie durch dunkle Gänge, ein finsteres Lachen hinter sich. Sie bereitete sich vor, sich zum vereinbarten Treffpunkt zu teleportieren, doch dann sprang der Schatten sie an und packte sie. Beide waren sie erschöpft, und während ihr Zauber zu wirken begann, kritzelte sie auf ein Stück Papier. die Gedanken waren unscharf, doch sie erinnerte sich daran.
Dann stiegen sie in die Tiefe hinab. Die letzte Treppe war zerstört, so sprangen sie die letzten Schritt zum Boden. Da war er. Zwischen den Trümmern lag der Schatten. Ein gebrochenes, entfernt menschliches Wesen aus dunklem Sternenstaub. Violettes Blut umgab ihn. Das Amulett hing immer noch in seiner Klaue. Awelia nahm es rasch und hing es sich selbst um den Hals. Der Schatten lachte und stöhnte dann vor Schmerzen. „Ah … Schwester. Was nun?“ fragte er langsam. „Du hast unermessliches Leid über die Bewohner Mureas gebracht. Du musst aufgehalten werden.“ antwortete sie mit zitternder Stimme. Der Schatten wandte den Kopf ab. „Das ist nicht fair. Wieso darfst du auf dieser Welt sein und nicht ich?“ fragte er mit einer Mischung aus Trauer und Wut. Awelia betrachtete die gebrochene Gestalt zu ihren Füßen. Sie fühlte Mitleid. Er hatte einen wirklichen Platz gesucht, als er verloren und vergessen zwischen den Sternen gefangen war. Doch er war zu einer von Rache und Verachtung getriebene Kreatur geworden, einem Monster. Konnte sie wirklich ihresgleichen töten? Sie ging auf die Knie und beugte sich vor. „Dein Plan scheitert. Selbst wenn wir hier verloren hätten, weißt du? Seres und die Krallen suchen all deine Diener auf, alle Orte, die du aus dem Gleichgewicht gebracht hast. Und sie stellen es wieder her.“ offenbarte sie leise. Der Schatten drehte sich stöhnend zu ihr herum. „Vielleicht hatte die Gebieterin des Schicksals doch recht. Ich hatte ihr nicht geglaubt.“ hustete er lachend, während Blut aus seinem Mund lief. „Und du, Awelia? Kannst du wirklich deinesgleichen töten? Was würde die Wächterin des nördlichen Sternenhimmels sagen? Bei der Geburt der Welt … da waren wir gar nicht so verschieden …“ er blickte ihr in die Augen und Tränen bildeten sich. Er hat Angst. stellte Awelia überrascht fest. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf seinen Kopf. „Mögest du deinen Frieden finden.“ hauchte sie und schloss die Augen. Die Magie des Schatten war schon fast erloschen. So schwach sie selbst auch gerade war, konnte Awelia immer noch ihren Teil tun. Sie löste die sternengebundene Essenz des Schatten, und sie zerfiel zu magischen Funken, um fortan ein Teil der Welt um sie herum zu werden. Unter ihrer Hand löste sich der Schatten zu violettem Staub auf.
Feron betrachtete still den Tod des Schatten. Eine verzweifelte, gebrochene Kreatur. dachte er betrübt. „Dann ist es vorbei?“ fragte er vorsichtig. „Ja.“ antwortete Awelia und schniefte. Er schob Silberschlag in die Scheide.
Sie verließen die Schwarze Festung. Der Nebel hatte sich aufgelöst und die Sonne ging gerade unter. „Wir haben gewonnen. Und ich fühle mich nicht so.“ gestand Awelia. „Es hat lange gedauert, und es war ein harter Kampf. Aber du wusstest, dass dieser Tag kommen würde. Es gibt nichts, warum du dich schlecht fühlen müsstest.“ sagte Feron leise. „Was kommt als nächstes?“ fragte er und betrachtete, wie die Sonne hinter den Horizont sank. „Ich weiß immer noch nicht, woher ich komme … wohin ich gehöre.“ flüsterte Awelia nachdenklich. „Gebieterin des Schicksals … ich denke ich habe so etwas schon einmal gehört.“ fügte sie nach einiger Zeit hinzu. „Wo finden wir sie?“ fragte Feron. „Willst du wirklich weiter mit mir reisen?“ fragte sie verblüfft zurück. „Bis zum Schluss.“ lächelte der Drachentöter. Die Sonne verschwand und über ihnen erstrahlte der Sternenhimmel.