Kapitel 25 – Heimstatt
Die Sterne funkelten über ihnen am wolkenlosen Himmel, während sie dem Pfad durch die Felsgartenmarsche folgten. Sie hatten sich entschieden, nicht die Nacht in der Feste zu verbringen, zu groß war die Sorge vor verborgenen Gefahren und Schrecken. Awelia warf einen Blick zurück auf die Schwarze Festung, die dunkel und verlassen hinter ihnen lag. „Woran denkst du?“ fragte Feron, der an ihrer Seite stand. Sie senkte traurig den Blick. „Ich frage mich, was ich falsch gemacht habe. Was ich hätte anders machen können.“ sagte sie langsam. „Wie meinst du das?“ fragte er verwundert. „Ich erinnere mich an einiges. Nicht an alles, aber ich weiß, dass er nicht einfach so aufgetaucht ist. Es war ein schleichender Prozess, über viele Jahre.“ erklärte sie und deutete auf die Feste. „Du meinst den Schatten?“ „Ja. Er war wie ich. Wenn ich es früher bemerkt hätte, dann hätte ich ihm vielleicht helfen können. … all dieses Leid und Elend verhindern können …“ Awelia blickte fast flehentlich zu den Sternen. Feron nahm sie in den Arm. „So darfst du nicht denken. Du hast alles getan, was du tun konntest, auch wenn es im Nachhinein vielleicht anders wirkt. Das wird dich nur unglücklich machen. Denke stattdessen daran, dass wir ihn aufgehalten haben, bevor er diese Domäne des Wasauchimmer erschaffen konnte. Ich denke, wir haben richtig gehandelt, und so weit größeres Unheil abgewendet.“ flüsterte er. „Du hast recht. Doch ich fühle mich irgendwie mit ihm verbunden, jetzt wo ich weiß, was er wirklich war. … was ihn getrieben hat.“ sagte sie und wischte sich eine Träne aus dem Auge. Sie warf einen Blick zu ihm. „Das muss auf dich komisch wirken.“ sagte sie mit einem leichten Lächeln. „Du meinst weil ich so ein strahlender, unfehlbarer Held bin?“ grinste der Drachentöter und machte eine heldenhafte Pose. „Genau deswegen.“ feixte Awelia und schüttelte den Kopf. Sie wandte sich endgültig von der düsteren Silhouette ab.
Der Morgen brach an und ein leichter Nebel bildete sich über Teilen der Marsche. Voraus, am Ende des verschlungenen Pfades, sahen sie einen Wald. „Was glaubst du, wohin dieser Weg führt?“ frage Awelia, doch dann fiel ihr die Antwort ein. „Da ist eine Kreuzung kurz hinter der Marsche. Ein paar Dörfer in jede Richtung, vielleicht einen Tag entfernt.“ beantwortete sie ihre eigene Frage. „Wir sollten eine Pause machen, ich fühle mich wie gerädert.“ gestand Feron. Als sie ihn betrachtete wurden ihr seine Verletzungen nur allzu bewusst. Die unbrauchbare Schulter, ein halbes dutzend Schnittwunden und unzählige Abschürfungen und Prellungen. Doch er beklagte sich nicht. Leider war ihre Magie noch nicht so weit zurückgekehrt, als dass sie sich traute, ihm zu helfen. „Ich kann leider nicht viel machen, noch nicht. Aber wenn du möchtest, kann ich dich mit einem nassen Lappen abreiben.“ schlug die Zauberin lächelnd vor. Feron wurde rot. „Ähm … nein, das ist schon in Ordnung.“ stammelte er, und sie fing laut an zu lachen.
Bald verließen sie das zerklüftete Land und vor ihnen bestand der Boden wieder aus Erde statt nacktem Fels. Ein Stück weiter erblickten sie die Kreuzung. „Das muss fast auf der anderen Seite sein, also von da wo mein Dorf ist.“ meinte Feron und sah sich um. „Schon komisch, ich war in den entferntesten Winkeln der Welt. Doch hier war ich noch nie.“ sagte er. „Die Gebieterin des Schicksals.“ flüsterte Awelia. „Der Schatten sprach von ihr, ich hoffe sie kann mir sagen, wer ich einst gewesen bin.“ „Doch dazu müssen wir sie erst einmal finden. Ich habe diesen Namen nie zuvor gehört.“ meinte Feron. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich weiß, wo sie lebt. Auf einem Berg.“ sagte die Zauberin. „Du meinst so etwas wie ein Schicksalsberg?“ fragte Feron überrascht. „Nicht doch. Nein. … es ist ein Berg, ja. Sein Gipfel sieht aus wie die Spitze eines Vulkans, und liegt doch in ewigem Schnee. Es gibt eine Höhle, dort werden wir sie finden.“ sagte Awelia, als sie sich an eine längst vergessene Begegnung erinnerte. Ich war schon einmal dort … sie sagte etwas zu mir, doch ich kann mich nicht erinnern, was sie gesagt hat. dachte sie. „Ein von Schnee umstürmter Vulkan. Das klingt nach der Weißen Flamme, auch genannt Losberg. Irgendwie passend.“ sagte Feron. „Kennst du sie?“ fragte nach einiger Zeit. „Ich weiß nicht. Ich bin mir sicher, ich habe sie ein oder zwei mal getroffen. Es kann sogar sein, dass ich sie aufgesucht habe, bevor ich das erste mal … hierher aufgebrochen bin.“ flüsterte Awelia. Sie erreichten die Kreuzung. Ein verwitterter Wegweiser stand zwischen ein paar Bäumen. Eines der Schilder wies nach Grünblätterdorf, das andere nach Bergwald, was aber so vergilbt war, dass es auch Bergwild heißen konnte. Ganz oben war ein überdimensioniertes Schild, was nach Elemas wies, welches angeblich dreißig Tagesreisen entfernt war. Doch weder Awelia noch Feron glaubten dem Schild. „Der Losberg liegt ziemlich weit im Norden. Es wird einige Zeit dauern, bis wir da sind.“ erklärte Feron und zeigte in die Richtung, in der Bergwald lag. „Möchtest du nicht erst zurück zu deinem Dorf?“ fragte Awelia überrascht. Der Drachentöter machte eine schmerzhafte Grimasse. „Wenn das alles hier vorbei ist, werde ich zurückgehen. Dann habe ich eine tolle Geschichte zu erzählen.“ sagte er. Die Zauberin nickte.
Sie folgten dem Weg nach Nordwesten. Als sich die Sonne dem Horizont näherte sahen sie Bergwald in der Ferne. Oder vielleicht hieß es ja auch Bergwild. Das Dorf lag auf einem kleinen Berg vor ihnen, von Feldern umgeben. „Dort können wir sicher übernachten.“ meinte Feron leichthin. „Das wäre gut.“ antwortete Awelia. Sie war erschöpft, und sie hatte seit dem Kampf mit dem Schatten nicht mehr geschlafen.
Die Sonne war hinter dem Horizont verschwunden, als sie das Dorf erreichten. Eine Wache mit einer Laterne in der Hand begrüßte sie misstrauisch. „Welches Dorf ist das hier?“ fragte Awelia. „Ihr seid in Burgwall.“ antwortete der Mann und deutete auf eine große, aber verfallene und von Farnen überwucherte Mauer an der Flanke des Berges, hinter der die Ruinen einer alten Burg lagen. „Also damit habe ich jetzt nicht gerechnet.“ raunte Feron zu ihr hinüber. „Haben Sie einen Schneider im Dorf?“ fragte er die Wache. Der Mann verwies sie auf ein Haus am Rand. „Wir sind auf der Durchreise und würden gern im Gasthaus übernachten.“ erklärte die Zauberin. „Natürlich, das Gasthaus ist gleich dort drüben.“ erklärte die Wache und wies auf ein hell erleuchtetes Gebäude.
Nachdem Feron sich neue Kleidung, diesmal in kräftigem Blau, gekauft hatte, gingen Sie zum Gasthaus. Sie betraten den gemütlichen Gastraum, doch es war nicht viel los. Außer ihnen war niemand hier, abgesehen von der Wirtin hinter dem Tresen. „Ein Zimmer für die Nacht?“ blaffte die Frau quer durch den Raum. „Und was zu essen.“ rief Feron zurück, während er sich mit Awelia einen Tisch in der Ecke suchte. Es dauerte nicht lange, da brachte die Wirtin zwei Teller Suppe und ein Stück Brot. Feron bezahlte und sie aßen ohne ein Wort zu sprechen. Als sie fertig waren, starrte Awelia auf die Tür. „Was glaubst du, wie lange wir brauchen?“ fragte sie. „Bis zur Weißen Flamme? Zwei, vielleicht drei Wochen.“ schätzte der Drachentöter nachdenklich. Sie blickte aus dem Fenster in die Dunkelheit. Es ist fast geschafft, nur noch wenige Wochen. dachte sie, auch wenn es ihr wie eine lange Zeit vorkam. Aber nichts im Vergleich zu dem, was wir hinter uns haben. Awelia seufzte. „Ich bin müde.“ sagte sie leise und stand auf.
Awelia stand im Nichts. Um sie herum war nichts als Schwärze. Doch diesmal war es anders, als all die Male zuvor. Es fühlte sich anders an. Verunsichert drehte sie sich im Kreis. Da war kein endloser Abgrund, keine lachenden Mäuler, keine finstere Stimme. Sie war allein. Doch dann sah sie etwas, eine Kontur sehr weit entfernt. Sie ging darauf zu. Zuerst zögerlich, dann immer schneller. Awelia konnte eine Gestalt am Boden ausmachen. Als sie sich ihr auf wenige Schritte genähert hatte blieb sie abrupt stehen. Vor ihr lag der Schatten. Sie sah sich um, doch da war niemand. Der Schatten lag reglos vor ihr, fast als würde er schlafen. Vorsichtig trat sie neben den Körper und betrachtete ihn. Es war der Körper des Schatten, den sie kennengelernt hatte. Auch wenn es nicht seine wahre Form war. Seine Augen waren geöffnet und leer. Aber sie wirkten traurig. Awelia kniete sich neben ihm. Ein Wort hallte um sie herum nach. „Schwester.“ So hatte der Schatten sie genannt, und das war sie auch einst gewesen, bevor sie ihre Heimat zwischen den Sternen verlassen hatten. „Das ist nicht fair.“ Die Worte hingen in ihrem Verstand, eine uralte Ungerechtigkeit. „Nein, das ist es nicht.“ flüsterte Awelia und strich sanft über den Kopf des Schatten und schloss seine Augen.
Am nächsten Morgen setzten sie ihre Reise fort. Awelia erwähnte nicht, was sie geträumt hatte. Sie war sich selbst unsicher, was es zu bedeuten hatte.Sie wusste nicht, ob es eine Art Vision gewesen war, oder nur ein Traum. Aber sie spürte, wie ihre Magie langsam zurückkehrte. Den Riss zu erschaffen und so lange offen zu halten hatte sie mehr Anstrengung gekostet als alles, was sie jemals getan hatte. Doch es war notwendig gewesen, das wusste sie.
Feron war guter Dinge, während sie den Weg entlang gingen. Ihm tat zwar noch fast alles weh, doch das würde sich schon irgendwann wieder geben. Als sie Mittag eine Pause an einem kleinen Fluss machten, bat Awelia ihn ans Wasser. „Ich fühle mich wieder in der Lage, Magie zu wirken.“ sagte sie. Der Drachentöter nickte, ohne zu wissen, worauf sie hinauswollte. Nach einem Moment der Stille fügte sie hinzu, „Du siehst immer noch grauenvoll aus, als ob du grün und blau geschlagen wurdest.“ „Ach das.“ lachte Feron und machte eine wegwerfende Geste. Die Zauberin schüttelte den Kopf. Ohne Vorwarnung spritzte sie Wasser auf ihn. Sie ignorierte seinen Protest und schloss die Augen. Der Drachentöter konnte fühlen, wie seine Haut heilte. Binnen weniger Augenblicke nahm der Schmerz ab und verschwand. Verblüfft blickte er an sich herab, doch er hatte keinen Kratzer mehr. „Danke.“ sagte er überrascht.
Feron lief neben Awelia her. „Es ist lange her, seit ich das erste mal in dieser Gegend war.“ sagte er und blickte sich um. „Ich war noch ein junger Bursche gewesen. Mein erstes Abenteuer. Ich hatte von Räubern gehört, die hier ihr Unwesen trieben. Ich habe mein Dorf verlassen und bin hierher gekommen, um sie zur Rechenschaft zu ziehen.“ erzählte der Drachentöter lächelnd. „Was ist passiert?“ fragte Awelia. „Nichts. Es gab keine Räuber, es war lediglich ein Gerücht.“ er seufzte, wirkte aber zufrieden. „Keine Räuber. Keine Monster. Keine Schätze. Und trotz allem war es mein erstes und vielleicht wichtigstes Abenteuer.“ erklärte er und blickte auf die Silhouette eines Dorfes in weiter Ferne. Er warf einen Blick zu Awelia. „Natürlich war unser Abenteuer immens wichtig.“ fügte er rasch hinzu. „Und warum war es dein wichtigstes Abenteuer?“ fragte Awelia neugierig. Feron blieb stehen. „Weil ich viel dabei gelernt habe. Ich war alt genug, eigene Entscheidungen zu treffen. Allein zu reisen und unabhängig zu sein. Und auch wenn ich nicht sofort der strahlende Held geworden bin, wie ich es mir erhofft hatte, so waren meine Erfahrungen umso wertvoller. Man lernt eine Menge auf so einer Reise. Wie man sich in Gasthäusern verhält, welche verschiedenen Menschenschläge es gibt, wann man geht und wann man rastet und auf was man achten muss. Aber das wichtigste für mich war, als ich erkannt habe … wie unermesslich groß die Welt ist. Wenn du auf einer Straße stehst, die sich bis zum Horizont erstreckt, so dass du ihr Ende nicht erkennen kannst. Wenn du auf einem Berg stehst, von dem aus selbst die größten Städte nur ein winziger Fleck in der Ferne sind. Dann weißt du, du musst nur lange genug in eine Richtung laufen und du findest ein Abenteuer.“ erzählte er und wurde für einen Moment still. „Und das mache ich seitdem. Ich gehe nur in irgendeine Richtung, bis ich ein Abenteuer finde.“ schloss er und lächelte sie an. Awelia wurde rot. „Dann bin ich heilfroh, dass dich deine Füße in meine Richtung getragen haben.“ sagte sie und blickte ihn betreten an. „Es war ein großartiges Abenteuer. Aber es ist noch nicht vorbei. Dort, weit hinter dem Horizont, dort ist das Ende.“ grinste der Drachentöter.
Sie folgten den Wegen und Straßen nach Norden. Je weiter sie kamen, desto rauer und kühler wurde es. Die Wälder wurde kleiner und setzten sich mehr und mehr aus Nadelbäumen zusammen, während gleichzeitig die Hügel nach und nach ihre Graskuppe verloren und eine zerklüftete, mit Sträuchern bewachsene Haube bekamen. Die Schneegrenze sank mehr und mehr, bis Feron sie eines Nachts ans Fenster ihres Gasthauszimmers rief. „Siehst du das?“ flüsterte er leise. Sie kniff die Augen zusammen. Draußen war es dunkel und Wolken bedeckten den Himmel. Doch sie glaubte kleine Tropfen am Fenster zu sehen, und winzige Schemen in der Luft davor. „Es schneit?“ fragte sie verwundert. „Ja. Ich glaube nicht, dass der Schnee morgen früh noch da ist, doch wir müssen dem Berg sehr nah sein.“ flüsterte Feron.
Er behielt recht. Am Morgen darauf war der Schnee verschwunden, doch sie kauften sich trotzdem für ihr letztes Geld dicke, graue Winterkleidung. Feron musste ziemlich feilschen, doch schlussendlich bekamen sie, was sie brauchten. Bei Anbruch des dritten Tages nach dem Schneefall erspähten sie einen Gebirgszug in der Ferne, und mitten darin lag die Weiße Flamme. „Das ist es also. Es sieht seltsam aus.“ sagte Awelia, während sie den Berg betrachtete. „Du meinst das Dunstige um den Gipfel? Das sind Wolken, wahrscheinlich schneit es dort gerade.“ antwortete Feron nachdenklich. Der Weg dorthin führte vorbei an schneegesprenkelten Hügeln und vereinzelten Wäldchen.
„Was glaubst du, machen Seres und die Krallen gerade? Ob es ihnen gut geht?“ fragte Awelia, während sie liefen. Sie hatten auf dem Weg von der Schwarzen Festung viel gesprochen, doch dieses Thema war irgendwie nie zur Sprache gekommen. „Ich denke schon. Wer, wenn nicht sie, kann diese Aufgabe schaffen? Und jetzt, da der Schatten besiegt ist, sollten seine Schergen auch keine Hilfe mehr bekommen.“ meinte Feron schulterzuckend. „Richtig. Aber in der Harjii wurde eine Kralle getötet und andere verletzt. Und auch Seres ist nicht unbeschadet aus der Wüste hervor gekommen.“ gab Awelia etwas besorgt zurück. „Du machst dir unnötig Sorgen. Und das weißt du.“ sagte Feron und machte eine wegwischende Handbewegung. „Du hast ja recht.“ seufzte die Zauberin. „Oder willst du dich schon ins nächste Abenteuer stürzen?“ fragte er verstohlen. Sie lächelte und stutzte dann. „Mir ist gerade etwas eingefallen. Erinnerst du dich noch an den Zettel? Damals, als wir uns kennengelernt hatten?“ fragte sie und Feron nickte. „Die Festung liegt östlich des Graslandes.“ erklärte sie. „Puh, dann haben wir aber einen ziemlichen Umweg genommen. Beim nächsten mal solltest du mehr Hinweise aufschreiben.“ sagte Feron und stieß ihr leicht in die Seite. Awelia begann zu lachen. „Das mache ich, versprochen.“
Es war bereits dunkel, als sie den Fuß des Losbergs erreichten. Der Gipfel war den ganzen Tag über in einen Schneesturm gehüllt gewesen und selbst jetzt schwebten einzelne Flocken durch die Luft um sie herum. „Ich glaube nicht, dass es besser wird. Wir sollten einfach weiter gehen.“ sagte Awelia, während sie den Berg hinauf schaute. „Bist du sicher? Nachts wird es sehr kalt, und es schneit immer noch.“ warf Feron ein. Die Zauberin schloss die Augen. Plötzlich wurde es etwas wärmer und zwei kleine Leuchtkugeln erschienen über ihnen. „Ich habe es um uns ein wenig wärmer gemacht. Nicht viel, aber es sollte reichen.“ erklärte sie. Feron nickte.
Der Aufstieg war beschwerlich, trotz der Wärme. Sie stapften durch den Schnee, der ihnen teils bis zu den Knien reichte. Immer wieder trafen sie auf Felswände, die sie entweder umgehen mussten, oder, wenn sie nicht steil waren, vorsichtig hinaufkletterten. Schon bald waren sie mitten in dem starken Schneegestöber. Eiskalter Wind blies von allen Richtungen auf sie ein und Schneeflocken krochen unter die Kleidung. Sie konnten kaum den jeweils anderen sehen, obwohl sie nur wenige Schritt voneinander entfernt standen und durch das magische Licht beschienen wurden.
Feron wusste nicht, wie lange sie bereits unterwegs waren, es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Der Sturm wurde stärker und stärker. Er strauchelte zu Awelia und zog sie zu sich heran. „Kannst du diesen Sturm nicht stoppen?“ brüllte er, um den heulenden Wind zu übertönen. Die Zauberin starrte konzentriert nach oben und schüttelte dann den Kopf. „Du kannst es, du kannst das Wetter ändern!“ rief er. Awelia sah ihn an. „Ich kann ihn nicht aufhalten. Der Sturm ist magisch!“ schrie sie über eine heftige Böe hinweg. Feron blickte verbissen nach vorn. Er setzte sich wieder in Bewegung und kletterte weiter den Berg hinauf.
Der neue Tag war bereits angebrochen, als der Sturm nachließ. Sie waren erschöpft, doch das rasche Abebben des Windes gab ihnen neue Kraft. „Wir haben es gleich geschafft.“ sagte Awelia schwer atmend, als der Schneefall hinter ihnen zurückblieb. Feron blickte hinab auf den Weg zurück. Wenige hundert Schritt hinter ihnen tobte noch immer der Sturm. „Magie.“ murmelte er und schüttelte den Kopf. Sie fanden sich auf einer kleinen Ebene vor dem flachen Gipfel wieder. Vor ihnen war ein Höhleneingang. „Sie ist dort drinnen.“ sagte Awelia und sah zu Feron hinüber. Der Drachentöter klopfte sich den Schnee ab. „Dann gehen wir mal Hallo sagen.“ meinte er mit einem leichten Grinsen.
Vorsichtig betraten sie die Höhle. Es war ein langer, gerader Gang aus nacktem Fels, der nach wenigen dutzend Schritten in eine Kammer führte. Die Kammer war leer bis auf einen Altar aus Felsgestein gegenüber dem Eingang. Eine flache Opferschale wurde gehalten von einer knienden Frau mit drei Köpfen. „Welche Gottheit ist das?“ fragte Feron verwirrt, denn so ein Geschöpf hatte er noch nie gesehen. Er trat näher und betrachtete die Statue eingehend. Die Frau war aus Stein und trug ein langes, schlichtes Gewand. Der Kopf in der Mitte sah ganz normal aus, der rechts daneben jedoch schien einer greisen Frau zu gehören. Das Gesicht war alt und eingefallen, doch die in den Stein gemeißelten Augen strahlten eine überraschende Weisheit aus. Der Kopf auf der linken Seite wirkte irgendwie jugendlich und hatte Neugierde im Blick. Lediglich der mittlere Kopf blickte mit gesenktem Haupt auf die Opferschale. „Keine Gottheit. Das Schicksal.“ antwortete Awelia und trat ebenfalls an den Altar heran. „Ein Kopf betrachtet die Vergangenheit, ein Kopf die Gegenwart, und ein Kopf die Zukunft.“ sagte sie und zeigte nacheinander auf die Köpfe, von rechts nach links. „Die Gebieterin des Schicksals ist die einzige, die das Schicksal zu lesen vermag. Sie sieht die gesamte Vergangenheit, die Gegenwart der ganzen Welt, und sie sieht jede mögliche Zukunft.“ fuhr sie fort und drehte sich zu Feron herum. „Gut, und wie können wir jetzt mit ihr reden? Müssen wir etwas opfern?“ fragte er verwirrt. Awelia wurde nachdenklich. „Das ist möglich. Wir müssen sicher ein Rätsel lösen, um uns als würdig zu erweisen. So etwas wie …“ sagte die Zauberin halblaut und wurde plötzlich von einer fremden Stimme unterbrochen, die von der Statue kam. „Ihr habt beide bereits eine Prüfung bestanden.“ sagte die Stimme. „Dies ist nicht die Zeit für eine weitere. Kommt.“ Hinter dem Altar öffnete sich geräuschlos ein Gang, der tiefer in den Berg führte.
Awelia und Feron folgten dem neuen Gang. Voraus wurde es plötzlich hell. Nach wenigen Schritten standen sie im Vulkankrater. Die Kälte war verschwunden und innerhalb des Kraters lag auch kein Schnee. Ein See hatte sich hier gebildet, kristallklar und mit einer vollständig glatten Oberfläche. Awelia trat ans Ufer. Im Wasser war etwas. Als sie in die Hocke ging erblickte sie verschwommene Bilder, die nur einen Augenblick da waren, bevor sie wieder verschwanden. Eine Frau kam über den See hinweg auf sie zu. Feron starrte sie mit offenem Mund an. Er kannte ihre unvergleichliche Anmut und das sich beständig ändernde, wolkenähnliche Kleid. Doch nun hatte sie drei Köpfe, wie die Statue auf dem Altar. Der Drachentöter wollte etwas sagen, doch ihm fehlten die Worte. „Hallo Feron. Es ist schön, dich wiederzusehen.“ sagte der alte Kopf der Gebieterin des Schicksals. „Ich … ich wusste nicht, dass die …“ stammelte er, nach Worten suchend, doch sie schüttelte den Kopf. „Nein, die Gebieterin der Krallen bin ich nicht. Doch vor langer Zeit habe ich ihr Wirken gesehen und mich entschlossen, ihnen zu helfen, so es das Schicksal gestattet.“ erklärte der jugendliche Kopf, wobei sie offenbar genau wusste, was er fragen wollte. „Ich kenne deine Stimme. Du hast zu mir gesprochen, nachdem wir den Araras überquert hatten.“ sagte Awelia verblüfft, während sie sich aus der Hocke erhob. Die Köpfe der Gebieterin des Schicksals nickten. „Ja, es war mir gestattet, zu dir zu sprechen.“ sagte sie und der Kopf der Vergangenheit neigte sich dabei leicht. „Ihr seid weit gereist. Doch habt ihr das wahre Ende noch nicht gesehen. Euer Pfad hat euch beide geprägt, und auch Murea. Mehr als ihr erahnen könnt.“ erklärte der mittlere Kopf. „Damals, bei den Krallen, da hattet Ihr nur einen Kopf.“ flüsterte Feron. Alle drei Köpfe fixierten ihn, bevor sie sich zu einem vereinten, der das Gesicht der Gegenwart hatte. „Menschen sind es nicht gewohnt, mit mehreren Köpfen zu reden, mit mehreren Köpfen zu denken.“ stellte die Gebieterin des Schicksals fest. „Verzeiht, aber wenn Ihr die Gebieterin des Schicksals seid, wieso habt Ihr dann nicht eingegriffen, um den Schatten aufzuhalten.“ fragte Feron vorsichtig. Die Gebieterin verzog keine Miene, sie nickte nur. „Ein Name, den mir die Menschen gegeben haben. Doch er ist irreführend. Ich bin die, die immer da ist. Die, die darüber wacht, dass der Morgen kommt. Ich wache über die Zeit und darüber, dass niemand das Schicksal Mureas und der Welt aus dem Gleichgewicht bringt. Das Schicksal gestattet keine beliebigen Eingriffe, denn auch das Schicksal ist an diese Welt gebunden. Der, den ihr Schatten nennt, kam aus einer Sphäre, die dem Schicksal verschlossen ist, denn es gibt dort keine Zeit wie ihr sie kennt. Als ich ihn bemerkte und seine Zukunft sah, da wurde mir bewusst, dass Mureas Schicksal im Begriff war, verloren zu gehen. Je weiter die Zeit voranschritt, desto stärker wurde diese Unfügung. Und alles, nachdem ihr König Kerels Festung betreten würdet, lag hinter einem undurchdringlichen Nebel verborgen.“ erklärte sie ruhig. Langsam verstand Feron. Er öffnete den Mund, um eine Frage zu stellen. Die Gebieterin des Schicksals lächelte. „Das wirst du sehen, wenn du schließlich zu ihnen zurückkehrst.“ sagte sie und drehte sich langsam zu Awelia herum. „Wer bin ich? Wo komme ich her?“ fragte die Zauberin. Die Gebieterin nickte ernst. „Awelia, du kommst von dem gleichen Ort wie der, den ihr Schatten nennt. Aber das ist nicht die Antwort auf deine Frage. Dies kann dir nur von der Wächterin des nördlichen Sternenhimmels beantwortet werden.“ antwortete sie ernst. „Diesen Namen hatte auch der Schatten genannt. Doch das sagt mir nichts. Wer ist sie? Wo finde ich sie?“ fragte Awelia verzweifelt. „Weit im Norden liegt ein einsamer Berg am Rand des ewigen Eises. Auf der Spitze dieses Berges lebt sie. Sucht nach dem Dorf Nordwacht. Mehr kann ich nicht tun. Ich wünsche dir alles Gute.“ Damit wandte sie sich ab und ging wieder zurück über den See.
Als sie die Vulkanhöhle verließen, fanden sie sich am Fuße des Losbergs wieder. Sie blickten sich überrascht um, doch sie waren dankbar, nicht den ganzen Weg wieder hinab steigen zu müssen. „Puh, Nordwacht. Ich weiß nicht, wo das liegt.“ gestand Feron nachdenklich. „Ich weiß nicht woher, aber ich denke, es liegt etwas im Nordwesten. Im ewigen Eis.“ gab Awelia zurück. „In welche Richtung müssen wir?“ fragte Feron. Die Zauberin sah sich um. „Wenn wir ein Stück an der Flanke des Berges entlang gehen kommen wir sicher in die richtige Richtung.“ sagte sie bestimmt.
Sie ließen den Losberg hinter sich zurück und gingen zwischen zwei verschneiten Nadelwäldern entlang. Es gab keine Straße mehr, nicht einmal einen befestigten Weg. Sie waren schon jetzt so weit im Norden, dass die Zivilisation sich rar machte. Den Wäldern folgten Hügel und noch ein paar Wälder. Hin und wieder sahen sie in der Ferne Dörfer, aus deren Schornsteinen grauer Rauch quoll. Sie füllten ihre Wasservorräte an einem halb eingefrorenen Bach auf. Ein mal sahen sie ein Irrlicht zwischen den Bäumen entlanggleiten. Erst nach zwei Tagen, in deren Nächten Feron Feuerholz sammelte und das von Awelia entzündet wurde, erreichten sie wieder ein Dorf. Hinter dem Palisadenwall standen abgeflachte Häuser, und die Bewohner waren allesamt griesgrämig und verschlossen. Es waren Frostlinge, ein grimmiges Volk, dass sich an die unwirtlichen Bedingungen so weit im Norden gewöhnt hatte und sich wie kein anderes hier auskannte. Awelia und Feron betraten das heruntergekommene Gasthaus, in das ein paar der gedrungenen, bärtige Frostlinge eingekehrt waren. Doch da sie kein Geld mehr hatten, verließen sie das Dorf nach wenigen Stunden.
Awelia führte sie weiter nach Norden. Sie wusste nicht wirklich, wohin sie ging, sie folgte nur einem Gefühl. Und sie hoffte, dass es sie am Ende zur Wächterin des nördlichen Sternenhimmels führte. Je weiter sie nach Norden kamen, desto spärlicher wurde die Vegetation. Die Wälder wurden kleiner und die Abstände zwischen den Bäumen größer. Und irgendwann wanderten sie durch eine einsame Hügellandschaft bar jeden Lebens. Der Schnee mochte hier einen Meter hoch liegen, doch er hatte sich im Laufe der Zeit so sehr verfestigt, dass man mühelos obenauf stehen konnte. Dann, am nächsten Morgen, erreichten sie das ewige Eis. Es war überwältigend. Bis zum Horizont erstreckte sich eine gewaltige Ebene, fast bar jeden Merkmals außer dem verharschten Eis, das sie bedeckte. Hin und wieder ragte ein Berg aus der Landschaft hervor. Sie erspähten etwas, was ein Dorf sein mochte, doch sie waren sich nicht ganz sicher.
„Das ist also das ewige Eis.“ sagte Feron, während sie über die Ebene liefen. Sein Atem kondensierte zu weißen Schwaden. Obwohl er Winterkleidung trug und Awelia sie auf magische Weise mit Wärme versorgte, war ihm kalt. „Ich kannte es bisher nur aus Geschichten. Es soll so kalt sein, dass Wasser binnen weniger Augenblicke gefriert. Selbst Menschen sollen hier zu zerbrechlichen Statuen werden.“ fuhr er fort. „Es ist ziemlich kalt, aber nicht so kalt. Und auch hier leben Menschen.“ sagte Awelia und blickte auf etwas einige Meilen vor ihnen, das ein Dorf sein könnte. Die Sonne kletterte nicht besonders weit nach oben, so dass es stets lange Schatten gab. Vor einiger Zeit war außerdem der Mond aufgegangen.
Was sie gesehen hatten, war tatsächlich ein Dorf gewesen. Es bestand aus fünf Holzhütten und zwei Iglus, doch während sie sich näherten, konnten sie keine Bewohner entdecken. Als sie die Hütten eine nach der anderen durchsuchten, fanden sie sie verlassen vor. „Wer weiß, wie lange der Ort hier schon verlassen ist.“ fragte sich Feron laut und sah sich um. So weit sie sagen konnten, war das Dorf aufgegeben worden. „Es kann eine Ewigkeit sein. Die Kälte hat den Ort erhalten, so wie er von seinen Bewohnern zurückgelassen wurde.“ sagte Awelia und hob einen Feuerstein auf, der neben ein paar leicht eingeschneiten Holzscheiten lag. „Wir sollten über Nacht hier bleiben, es wird sicher noch kälter, wenn die Sonne weg ist.“ meinte Feron und deutete auf die Sonne, die sich bereits hinter den Horizont senkte. Awelia nickte und gemeinsam betraten sie eine der Hütten. Sie nahmen sich ein paar der herumliegenden Decken und legten sich gemeinsam in eine Ecke. Draußen verschwand die Sonne hinter dem Horizont, und der eisige Wind pfiff durch die Tür herein. „Das erinnert mich an einen sehr kalten Winter, den ich einmal erlebt habe.“ sagte Feron leise. „Das ist vielleicht fünf Jahre her. Da war ich gerade am nördlichen Rand von Pyrion.“ erklärte er. „Was ist passiert?“ fragte Awelia neugierig. „Nun, es war Winter, und ich musste über einen Gebirgspass in die nächste Stadt. Da wollte ich das Kopfgeld für einen finsteren Banditenanführer kassieren, den ich eigenhändig erschlagen hatte. Jedenfalls, es gab kein Gasthaus, keinen Unterschlupf. Und als es dunkel wurde, wurde es extrem kalt, fast so kalt wie es jetzt ist. Im Freien wäre ich sicher erfroren, doch ich fand zwei Esel, die am Wegesrand lagen. Sie waren beide tot, aber noch warm.“ erzählte er. „Wodurch sind sie gestorben?“ fragte die Zauberin überrascht. „Darüber hatte ich mir in dem Moment keine Gedanken gemacht, was mich fast den Kopf gekostet hätte. Ich legte mich zwischen die toten Tiere, und gerade als ich die Augen geschlossen hatte, hörte ich ein Geräusch. Ich riss die Augen wieder auf, und über mir baute sich eine gewaltige Kreatur mit einer Keule auf.“ berichtete Feron und Awelia atmete erschrocken ein. „Ich rollte mich gerade rechtzeitig zur Seite, um dem tödlichen Hieb zu entgehen. Ich sprang auf und erkannte meinen Gegner, einen zwei Schritt großen, pelzigen Yeti. Es gab einen kurzen, aber heftigen Kampf. Natürlich habe ich gewonnen, du kennst mich ja. Ich habe den Yeti mit einem sauberen Schnitt aufgeschlitzt. Da die Kälte in der Zwischenzeit nur noch schlimmer geworden war, legte ich mich auf den Boden und zog den Yeti über mich hinüber.“ erzählte er. „Und das hat funktioniert?“ fragte Awelia verblüfft. „Ja. Er hat mich tatsächlich bis zum Morgengrauen gewärmt. Und ich habe auch rasch die Stadt erreicht, wo man mir natürlich doppelt dankbar war.“
Stöhnend erwachte Feron. Die Sonne war bereits aufgegangen. Er fühlte sich wie steif gefroren, und hatte nicht gut geschlafen. „Verdammt ist das kalt!“ fluchte er halblaut. „Lass mich dir helfen.“ flüsterte die Zauberin neben ihm. Sie legte ihre Hand auf seine Stirn und sofort wurde es wärmer. „Danke.“ murmelte Feron und rappelte sich auf.
Bevor sie aufbrachen, schauten sie, ob es noch etwas Brauchbares in dem Dorf gab, doch sie fanden nichts. So gingen sie weiter, bis Awelia abrupt stehen blieb. „Was hast du?“ fragte Feron überrascht, doch sie antwortete nicht. Er folgte ihrem Blick. Sie starrte auf einen Berg, nicht weit entfernt. „Ich kenne diesen Berg.“ hauchte sie nach einiger Zeit. „Du meinst, du erinnerst dich daran, schon einmal hier gewesen zu sein?“ fragte Feron irritiert. „Das auch. Aber ich habe diesen Berg gesehen, als wir in Karturas waren. Der Spiegelteich, durch ihn habe ich einen Berg im Eis gesehen, der sah ganz genauso aus. Dort war eine Burg.“ erklärte sie aufgeregt. Sie erinnerte sich daran, schon damals hatte sie sich gewundert, wer hier leben mochte. „Dann meinst du, die Wächterin des nördlichen Sternenhimmels ist auf diesem Berg?“ fragte der Drachentöter nachdenklich. „Wer soll es sonst sein?“
Sie nahmen Kurs auf den Berg, und tatsächlich erblickten sie ein Dorf an seinem Fuße. Ein schmaler Pfad führte aus Richtung des Randes der Eiswüste dorthin. Als sie näher kamen wurde außerdem das Bauwerk sichtbar, das sich hinter dem Berggipfel versteckte. Es war an die Seite des Gipfels gebaut, und noch größtenteils dahinter versteckt. Feron war sich nicht sicher, ob es als Burg durchgehen würde, aber das würden sie schon bald genug herausfinden. „Ich weiß nicht, ob ich das richtig verstanden habe, aber müsste dann nicht auch hier ein Spiegelteich sein? Also, damit du hindurch sehen kannst.“ fragte Feron nachdenklich. „Ja. Er muss hier irgendwo auf dem Eis liegen. Wenn er so groß ist wie der in Karturas, dann ist er sicher zu flach, als dass wir ihn entdecken könnten.“ antwortete die Zauberin, ohne vom Berg weg zu sehen. Das muss es einfach sein. Hier werde ich endlich die Antworten bekommen. Es kann nicht anders sein. dachte sie entschlossen.
Nach ein paar Stunden erreichten sie das Dorf am Fuß des Berges. Ein Dutzend Häuser standen um einen Brunnen herum. Als Awelia die Augen schloss, konnte sie den Weltenstrom unter ihnen sehen. Er wirbelte nach oben und floss unter dem Berg entlang. Ein Teil strömte unter dem Dorf entlang, knapp unter der Oberfläche. Das musste der Grund sein, warum die Leute überhaupt hier draußen überleben konnten. Eine Handvoll Menschen waren zu sehen, die sie misstrauisch musterten. Awelia ging zu dem ersten Bewohner, einem alten einäugigen Mann. „Seid mir gegrüßt. Könnt Ihr mir sagen, welcher Ort das ist?“ fragte sie höflich. „Ihr seid in Nordwacht.“ antwortete der Mann knapp. „Ich suche die Wächterin des nördlichen Sternenhimmels. Könnt Ihr mir sagen, wo ich sie finden kann?“ fragte Awelia weiter. „Die lebt oben auf dem Berg. Doch macht Euch keine Hoffnung, seit Jahren hat sie niemand gesehen.“ gab der Mann grimmig zurück. „Gibt es hier noch andere Dörfer?“ fragte Feron und blickte über das ewige Eis. Der Mann schüttelte den Kopf. Eine alte Frau gesellte sich zu ihnen. „Das hier ist der nördlichste Ort Mureas, Jungchen. Liegt schon im Namen.“ hustete sie. „Habt dank.“ sagte Awelia, während sie den Berg betrachtete. Der Mann zuckte nur mit den Schultern und wandte sich ab.
Sie verließen das Dorf und machten sich an den Aufstieg. Sie fanden einen Pfad, der von einer dünnen Schneeschicht bedeckt war, und sie an der Flanke hinauf in Richtung des Bauwerks führte. Während sie den Berg emporstiegen sprachen sie kein Wort. Feron fragte sich, was in Awelia vorgehen mochte. Er selbst wusste nicht, was er erwarten sollte. Er hoffte nur, dass sie tatsächlich fündig würden, um Awelias Willen. Nach dem, was die Dorfbewohner gesagt hatten, hatte er die Befürchtung, dass der Berg verlassen wäre. Die Zauberin wäre am Boden zerstört, wenn niemand hier wäre, und ihre lange, strapaziöse Reise wäre umsonst gewesen. Doch auf der anderen Seite hatte die Gebieterin des Schicksals sie hierher geschickt, also musste es zumindest Hinweise geben.
Sie hatten den Gipfel fast erreicht, als vor ihnen das Bauwerk in Sicht kam. Awelia hielt einen Moment inne, um es erstaunt zu betrachten. Es hing über den Bergrand hinaus und war über eine Brücke mit dem Pfad verbunden. Das Gebäude bestand aus glatt geschliffenem, grauem Gestein, das leicht schimmerte. Die Ecken waren in einem dunklen Blau gehalten, und die ganze Struktur schien ein schwaches violettes Leuchten auszustrahlen. Es wirkte wie ein Palast, auch wenn die Bezeichnung nicht wirklich zutreffend war. Und es kam Awelia zutiefst vertraut vor. Das ist es also. Hier werde ich endlich erfahren, wer ich wirklich bin. dachte sie. Sie wusste nicht, ob sie lachen oder weinen sollte. Die Anspannung und Aufregung ließ sie zittern. Vorsichtig ging sie weiter, Feron folgte ihr. Langsam betrat sie die Brücke, die über den Abgrund führte. Jetzt sahen sie, dass der Palast auf einer massiven Säule stand, fast als ob er aus dem Berg emporgewachsen wäre. Awelia strich mit einer Hand über das dünne Geländer, das sich anfühlte, als sei es aus Bergkristall. Am Ende der Brücke standen reglos zwei Wachen. Sie trugen graue Rüstung und einen dunkelblauen Umhang. Wohl zum Schutz trugen sie ein dunkelblaues Tuch über Nase und Mund. Jeder der Beiden hielt einen Speer, den sie auf dem Boden abgestellt hatten. Awelia warf einen Blick zurück zu Feron, der unschlüssig von den Wachen auf den Palast blickte. Die Zauberin schluckte schwer und ging weiter. Die Wachen nahmen abrupt Haltung an, und nach einem kurzen Moment drehten sie sich herum zu der hohen Tür hinter ihnen und öffneten sie.
Awelia betrat den Palast und fand sich in einer großen Halle wieder, die bis zur anderen Seite des Gebäudes reichte. Der Boden war eine glatte, dunkelblaue Fläche, die wie aus einem Stück gemacht schien. Links und rechts führten geschwungene Treppen nach oben und unten, und in der Mitte des Raumes war eine rundes Podest aus violettem Kristall. Zwei weitere Wachen standen an dem Podest und drehten sich herum, als Awelia eintrat. Die beiden kamen langsam näher. „Verzeiht vielmals die Störung.“ entschuldigte sich Awelia mit einer Verbeugung, „Ich suche die Wächterin des nördlichen Sternenhimmels.“ Beide Wachen blieben stehen und warfen sich einen Blick zu. „Ihr seid Awelia, richtig.“ sagte eine der Wachen mit hartem Tonfall, der Stimme nach eine Frau. Die Zauberin nickte. „Zauberin des Kosmos? Vertreterin des Kosmos im Siebenstern?“ fragte die Wache weiter. „Scheinbar eilt dir dein Ruf voraus.“ flüsterte Feron hinter Awelia. „Ja, das bin ich.“ antwortete Awelia verwirrt. „Sie sagte, dass unvorhergesehenes passieren kann. Vielleicht erinnert Sie sich nicht mehr.“ sagte die andere Wache zur ersten. „Ja. Kommt.“ forderte die erste Wache sie nach einem Moment auf und winkte sie an das Podest heran. „Ich will wirklich keine Umstände machen.“ druckste Awelia halblaut, während sie näher trat. „Ich möchte nur mit der Wächterin des nördlichen Sternenhimmels sprechen, ich …“ sagte sie und stockte dann. Auf dem Podest war eine dunkle, flache Halbkugel, die von zahllosen Lichtpunkten durchbrochen war. Sie brauchte nicht zu überlegen um zu wissen, dass sie den Sternenhimmel vor sich hatte. Es war eine Karte. Am höchsten Punkt stand der Wegstern, der zentrale Punkt am nördlichen Sternenhimmel. Die Wache räusperte sich. „Ihr seid die Wächterin des nördlichen Sternenhimmels. Dies ist Eure Heimstatt.“ sagte sie. Awelia trat einen Schritt zurück, und sah sich um. Langsam tauchten Erinnerungen an diesen Ort auf. Ich erinnere mich, ich war hier. Hier habe ich das erste Mal den Schatten bemerkt, es muss eine Ewigkeit her sein. dachte sie verblüfft. „Namorna.“ sagte sie zu der Frau, die neben ihr stand. Lang vergangene Erinnerungen kehrten aus der Tiefe zurück. Das fast schon monotone Betrachten der Karte, die langen Nächte auf dem Balkon unter dem Licht der Sterne, die Gespräche mit den Wachen, die ihr die Treue geschworen hatten. Es erschien ihr seltsam, dass gerade solch fundamentalen Erinnerungen als letztes wiederkehrten. „Woher wusstet ihr, dass ich zurückkomme? Dass mir nichts zugestoßen ist?“ fragte die Wächterin des nördlichen Sternenhimmels mit bebender Stimme. „Das alles hier existiert nur durch Euch. So lange die Karte die Sterne zeigt wissen wir, dass Ihr zumindest am Leben seid.“ sagte Namorna mit einem leichten Lächeln. „Willkommen zurück.“ fügte die andere Wache mit einer Verbeugung hinzu.
Awelia wusste nicht, wie lange sie da gestanden hatte. Sie brauchte eine ganze Weile, um es zu verarbeiten. Ich habe mein Zuhause gefunden. Meine Bestimmung. Alles, was ich je wollte seit jenem Tag, an dem ich auf dieser Wiese erwacht bin. dachte sie. Sie fühlte sich befreit und überwältigt, es nach all den Strapazen und Unwägbarkeiten hierher geschafft zu haben. Ihre Reise, ihre lange Reise, war nun zu Ende. Ihr Blick fiel auf Feron, der sie freudestrahlend betrachtete. „Du hast ein großartiges Heim.“ sagte er lächelnd. „Danke.“ antwortete die Zauberin und musste unwillkürlich grinsen. Sie bedeutete ihm, ihr zu folgen und durchquerte den Raum. Sie traten durch eine verzierte Tür auf einen breiten Balkon. Awelia trat an das Geländer und betrachtete die Landschaft, die sich unter ihnen ausbreitete. Vor ihnen lag das Ewige Eis mit seinen gewaltigen, glitzernden Flächen und vereinzelten Bergen. Die Luft war klar, und am Horizont zeichneten sich die Berge an der Schneegrenze ab. Und über ihnen funkelten Myriaden von Sternen im unbewölkten Nachthimmel. „Ein atemberaubender Ausblick.“ sagte Feron leise. Sie wandte sich zu ihm um. „Feron, ich … ich …“ ihr fehlten die Worte. Eine Träne rann über ihre Wange. „Ich möchte mich für alles bedanken, das du für mich getan hast. Ohne dich wäre ich nie so weit gekommen. Ich …“ sagte sie mit belegter Stimme und bemühte sich, ein Schluchzen zu unterdrücken. Feron wischte ihr die Träne aus dem Gesicht. „Es war mir eine Ehre.“ sagte er, leicht lächelnd. Ohne Vorwarnung umarmte sie ihn. „Ohne dich … du hast mich so oft gerettet. Ohne dich wäre all das nicht möglich gewesen.“ schluchzte sie. „Dafür sind Helden da.“ flüsterte Feron aufmunternd, während er ihr fürsorglich auf den Rücken klopfte. Nach einiger Zeit lösten sie sich wieder voneinander. Awelia schniefte und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. „Ich weiß nicht, wie ich es jemals wieder gutmachen kann.“ sagte sie langsam. „Das ist nicht nötig. Allein, dass wir hier sind ist Belohnung genug.“ antwortete der Drachentöter und zeigte auf die Aussicht. Verblüfft öffnete die Zauberin den Mund. Doch dann schüttelte sie den Kopf. „Hier, nimm dies.“ sagte sie und neigte den Kopf. Vorsichtig nahm sie das Amulett ab. Sie hatte es getragen, seit sie sich erinnern konnte. Die wahre Bedeutung des Amulettes hatte sich ihr nie offenbart, da sie es stets getragen hatte. Doch jetzt, wo sie es entfernte, wurde sie ihm gewahr. Sie hatte so oft vor dem Abgrund gestanden, doch dieses Amulett hatte ihr geholfen weiterzumachen, es hatte sie geschützt, als sie am verwundbarsten gewesen war. Es hatte ihrem Geist halt gegeben, als sie drohte, sich selbst zu verlieren. Feron senkte den Kopf und sie legte ihm das Amulett an. „Es ist ein Schutzstein, damit du dich niemals selbst verlierst oder dein Ziel. Solange du unter diesen Sternen wandelst wirst du auf dem rechten Weg sein.“ „Danke.“ flüsterte Feron. Er atmete tief durch und blickte auf die Sterne. „Ich schätze, dann wird es Zeit … sich zu verabschieden.“ sagte er traurig. „Es schmerzt mich in der Seele. Aber die Welt wartet auf dich. Ich bin mir sicher, du wirst noch Großartiges leisten.“ antwortete Awelia leise. Sie ging wieder nach drinnen und trat an die Karte. Mit einer Handbewegung verschwand der Sternenhimmel vom Podest und eine Karte Mureas erhob sich. „Mithilfe dieser Karte kann ich dich überall hinschicken, wo du möchtest. Aber ich habe da so eine Vermutung.“ flüsterte sie mit belegter Stimme. Feron trat neben sie. „Ich denke, ich gehe nach Hause. Ich habe eine großartige Geschichte zu erzählen.“ sagte er mit einer Mischung aus Trauer und Zuversicht. „Ich danke dir Feron. Ich werde dich nie vergessen.“ flüsterte Awelia lächelnd und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Es war mir eine Ehre.“ antwortete Feron und verneigte sich. Awelia schloss die Augen und konzentrierte sich. Der Funke tief in ihrem Inneren leuchtete auf, und als sie die Augen wieder öffnete wurde Feron von magische Funken umströmt, und er verschwand.
Awelia stand auf dem Balkon und betrachtete die Sterne. Sie wusste, sie hatte diesen Blick immer der Karte vorgezogen. Während sie da stand wunderte sie sich, welche Erinnerungen wohl noch in Vergessenheit geraten waren und nur darauf warteten, wieder hervorzukommen. Und sie fragte sich, wie es Feron ging, ob er wohlbehalten angekommen war und seine Geschichten zum Besten gab. Sie fragte sich, ob sie ihn je wiedersehen würde. Nachdenklich wandte sie sich ab. Sie war die Wächterin des nördlichen Sternenhimmels. Und das beinhaltete alles unter den Sternen. Auch Ferons Dorf. Was auch passieren würde, sie würde von hier ein wachsames Auge auf sie haben. In ihrer gemeinsamen Zeit hatten sie so viel erlebt und überstanden. Und nach allem was geschehen war, war er im Kern immer noch der heldenhafte Abenteuer, den sie kennen gelernt hatte.
Sie vermisste ihn bereits.