Schatten des Sonnenuntergangs – Kapitel 1
Achtung: Diese Geschichte spielt kurz vor der Regentschaft von König Guto. Sie ist lose inspiriert vom Lied „Warriors of Griffinstone“ von Jyc Row, Francis Vace und WoodLore (https://www.youtube.com/watch?v=5HAmqjFVsC0). Das ist Fanfiction. Es gibt keine Verbindung zu oder Genehmigung von Hasbro.
Er betrachtete sich ausgiebig im Spiegel um sicherzustellen, dass seine Uniform ordentlich aussah. Sein Spiegelbild zeigte einen alten Greifen mit grauen Federn und schwarzem Fell, dessen kalte grüne Augen Verdruss ausstrahlten. Der königliche blau-graue Umhang, der seine Brust bis zum Nacken bedeckte und über den Rücken bis zum Schwanz lief, war seine Uniform seit dem Tag, an dem er aus den kämpfenden Truppen ausgeschieden war. Für einen Moment wanderte seine Kralle zur kaum sichtbaren Narbe, die unter den Halsfedern versteckt war, bevor er die aufsteigenden Erinnerungen ihrer Entstehung abschüttelte. Die eher unscheinbaren Medaillen hingen an seiner Brust, ihr leichtes Gewicht erinnerte ihn an seine vielen Dienstjahre.
Als er mit seinem Erscheinungsbild zufrieden war, ging er in Richtung Tür. Auf seinem Weg beäugte er den Waffenständer an der Wand, wo sein Speer und die Hellebarde hingen, die er immer noch besitzen durfte. Beides waren schlichte Waffen, auf das Notwendigste beschränkt. Der Speer mit seiner scharfen Metallspitze und den gezahnten Widerhaken knapp darunter, und die Hellebarde als effiziente Verteidigungsmischung von Axt, Speer und Gleve. Aber er kam zu dem Schluss, dass er sie heute nicht brauchen würde, so wie er sie schon seit einigen Jahren nicht mehr gebraucht hatte.
Schlussendlich trat der Greif auf die Straße vor seinem Haus in Greifenstein. Die Sonne stand bereits am wolkenlosen Himmel, nur das goldene Nachleuchten wies darauf hin, dass es noch früh war. Kurz zuvor hatten Gardisten geklopft und ihn zum Palast befohlen. Offenbar war seine Anwesenheit als militärischer Beraten einmal mehr notwendig.
Als er auf den gigantischen Baum zuging, der die Stadt im Zentrum des Greifenkönigreiches in seinem Schatten zwergenhaft erschienen ließ, wunderte sich Gaius, was es diesmal sein würde. Eine weitere langweilige Besprechung, eine vorgeblich inspirierende Rede oder eine ausführliche Lektion für die Grünschnäbel. Er hatte es alles gemacht und er war allem müde. Aber seine Pflicht hatte noch nicht geendet. Der Palast, der auf einem der riesigen Äste erbaut worden war, kam vor ihm in Sicht.
Die vielen Greife um ihn herum machten Platz, als sie die Farben sahen die er trug. Er wusste, dass es eine Form von Respekt war, selbst wenn es bisweilen wie Furcht erschien. Gaius hatte sein Leben dem König verschworen, dem jetzigen und dem davor. Aber was war ein König ohne seine Untertanen. Beide brauchten einander, und seine Pflicht war, sie zu verteidigen. Auch wenn er alt war und viele dachten, dass er nicht mehr gebraucht wurde.
Er passierte den Platz vor der königlichen Bibliothek, eine Aufzeichnung ihrer gesamten Geschichte und der Welt. Die Statue ihres Gründers, König Grover, stand hier. Ein majestätische Anblick jedes mal aufs neue. Das war ein Gryff, zu dem man aufschauen konnte, dachte Gaius, hatte er doch die störrischsten Kreaturen vereint und aus dem nichts ein Königreich erschaffen. Er hatte Sicherheit, Reichtum und Wohlstand gebracht, selbst wenn es nach seiner Herrschaft daran haperte.
Vor ihm erhob sich der gewaltige Baum und Gaius spreizte die Flügel, um den Rest des Weges zu fliegen. Er mochte es zu laufen, wann immer er konnte. Nicht wegen seines Alters, sondern da es seinen Verstand fokussierte und er so seine Umgebung in allen Details aufnehmen konnte. Aber der einzige Weg zum Palast war mittels Flügel, also verließ er mit einem Sprung den Boden und stieg an der uralten Borke auf.
Kurze Zeit später betrat er den Palast. Die Eingangshalle war gesäumt von Gemälden mit den vorangegangenen Königen und ein paar königliche Gardisten standen an der großen Doppeltür zum Thronraum Wache, Hellebarde in der Klaue. Er hatte die Halle nur halb durchquert, bevor sich ein weiterer königlicher Gardist näherte. „Berater Gaius, Ihre Anwesenheit ist erforderlich auf Geheiß des Hauptmanns.“ begann der Gardist mit strenger Stimme.
„Wartet auf mich bei der linken Halle.“ befahl der Gardist, also tat Gaius genau das. Er platzierte sich an der Ecke, sodass er sowohl die linke wie auch die Eingangshalle beobachten konnte, und auch Blick auf die Eingänge der rechten Halle und des Thronraums hatte. Gaius mochte diese Stelle, da er von hier den Palast beobachten konnte und ein Gefühl bekam, was passieren mochte.
Es war nicht viel los, die Gardisten waren auf ihren Posten und ein paar Boten marschierten durch die Hallen. Eine klauevoll gewöhnlicher Greifen war ebenfalls anwesend, einer betrat sogar den Thronraum. Insgesamt hatte Gaius den Eindruck, dass seine Anwesenheit keine Eile hatte und entweder etwas Triviales betraf oder eine zukünftige Aufgabe war.
Der Gardist kehrte zurück mit einem anderen Greifen hinter sich. Gaius brauchte nur einen Moment um ihn einzuschätzen. Makellose, polierte Rüstung mit dem königlichen Band, die Gleve an der linken Flanke festgemacht und den Helm in der Klaue. Gut gepflegtes braunes Fell und weiße Federn, die Brust gefüllt mit Stolz. Doch die gelben Augen verrieten ihn. Jung, nervös, unsicher. Sie wollten, dass er auf einen Grünschnabel aufpasste.
„Berater Gaius, ich beauftrage Sie hiermit, Gnato, dem Neffen des Königs, bis auf weiteres zu assistieren.“ erklärte der Gardist, zeigte auf den jungen Greif und bestätigte Gaius Vermutung, „Er soll sich beim Posten Greifenschlucht melden, wo er die Rolle des stellvertretenden Kommandeurs einnimmt bis zur nächsten Rotation.“ Gaius ging den Auftrag im Kopf durch und schätzte die Zeit ab, die von ihm verlangt wurde. So weit er wusste, war die nächste Rotation in zwei Wochen. „Wird erledigt.“ salutierte er vor dem Gardisten. „Weitermachen.“ befahl der Gardist, salutierte und flog davon.
„Nun gut, Gnato. Holt Eure Ausrüstung und trifft mich in fünf Minuten am Haupteingang.“ sagte Gaius zum jungen Greifen, der ihn erwartungsvoll ansah, bevor er sich abwendete. Während er sich dem Eingang näherte hörte er, wie der Grünschnabel hastig aufschloss und neben ihm lief. „Ähm … Sir, ich bin bereits ausgerüstet. Wir können sofort aufbrechen, wenn Ihr mögt.“ Gaius nickte knapp, bevor er fragte „Ihr kennt den Außenposten?“ „Nur von den Karten. Nördlichste dauerhafte Einrichtung des Greifenkönigreiches, direkt an der Klippe zum Flachland. Normale Garnison von acht Soldaten.“
Als sie den Palast verließen und kein anderer Greif in der Nähe war, drehte sich Gaius zu Gnato um, einen finsteren Ausdruck auf dem Gesicht. „Hör gut zu, Junge. Es mag andere Greife beeindrucken, dass du der Neffe des Königs bist, aber du wirst von mir keine Sonderbehandlung erhalten. Zwar soll ich dir assistieren, aber es mangelt dir an der nötigen Erfahrung. Also wenn ich dir einen Befehl gebe, dann wirst du ihn ohne zu zögern ausführen.“ knurrte der alte Greif den Grünschnabel an und machte klar, dass er seine Worte genau so meinte. Er konnte in den weit geöffneten Augen sehen, wie beleidigt der Junge war, und Gaius erwartete Widerworte oder gar lauten Protest. Doch stattdessen schluckte Gnato und antwortete mit einem dünnen „Ja, Sir!“
Sie erhoben sich in die Luft und flogen nach Norden, es war nur eine kurze Strecke von etwa einer Stunde. „Also, Ihr habt die Grund- und Offiziersausbildung bestanden?“ fragte Gaius, als sie Greifenstein hinter sich ließen und die Brücke über den Grundlosen Abgrund passierten. Die Straße darüber verband die Stadt mit den verschiedenen Posten und Handelsrouten im Norden, aber sie verließen sie schnell, da sie direkt auf ihr Ziel zuflogen. „Ja, Sir. Außerdem habe ich gerade die Zwischenstufe Waffenfertigkeit abgelegt und der Hauptmann sagt, ich lese Karten wie ein Taktiker.“ erwiderte der Junge im offensichtlichen Versuch, den älteren Greifen zu beeindrucken. Aber seine Worte hatten einen ehrlichen Klang und der Hauptmann war ein Veteran, der nicht leicht zu beeindrucken war. Vielleicht war dieser Grünschnabel nicht nur ein Angeber, dachte Gaius als er kurz rüberblickte. Aber auf der anderen Seite hatte Gnato noch nie einen echten Kampf gesehen.
„Wenn ich darf …“ begann Gnato nach einiger Zeit mit Vorsicht in der Stimme. „Was möchtet Ihr wissen?“ fragte Gaius ruhig und ermahnte sich, nicht zu streng zu sein. Er hatte immerhin eine Führungsfunktion. Der Junge fuhr fort „Eure Medaillen. Ich erkenne die meisten davon, aber die auf Eurer Rechten kenne ich nicht.“ Gaius musste nicht nach unten auf die Medaillen aus dickem Stoff schauen um zu wissen, dass die schwarze Flamme auf schwarzem Grund gemeint war. Seine zweitälteste Errungenschaft. „Der Dracheneinfall, Junge. Nicht die beste Gestaltung für eine Medaille, das gebe ich zu, aber passend für den Tag.“ Als er herüber blickte konnte er sehen, dass der Grünschnabel nach mehr lechzte.
„Eine Bande Drachen kam vom Süden. Groß, gemein und auf unsere Schätze aus. Ein formidabler Feind in der Luft. Und ihr Feuer kann einem das Fleisch von den Knochen schmelzen, ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Sie sind durch den einzigen Außenposten auf ihrem Weg gebrochen, da war ich stationiert. Aber wir hatten Glück und eine Luftpatrouille hat das Drachenfeuer bemerkt. Im Angriff von zwei Seiten habe ich ein paar Sachen an dem Tag gelernt. Selbst in Gruppen sind Drachen Einzelkämpfer, unfähig sich effektiv zu koordinieren. Und ihr Feuer funktioniert nur in eine Richtung, also sind sie auszumanövrieren. Das sind Dinge, die wir Greife in der Garde gut können, koordinierter Kampf und Manövrierfähigkeit. Oh, und Drachen sehen vielleicht beeindruckend aus in ihrer Größe und mit den Schuppen, aber unsere Klauen können sie trotzdem durchdringen.
„Wir haben ein paar von ihnen getötet und den Rest verwundet, als wir sie endlich vertreiben konnten.“ schloss Gaius seine Erzählung. Der Grünschnabel hörte nur zu und unterbrach ihn nicht mit Fragen. Nachdem er fertig war dachte Gnato über das Gehörte nach. „Hm … die Akademie hat uns gelehrt, dass das ein koordinierter Zangenangriff war. Ich bin überrascht, dass es eine glückliche Fügung gewesen ist.“ Der alte Greif lachte trocken, „Die Mehrzahl der Kämpfe wird durch Glück gewonnen. Entweder für uns oder gegen den Feind.“
Gnato stellte weitere Fragen zum Kampf und die Bedeutung für die Beziehungen zum Drachenkönigreich. Gaius beantwortete sie so gut er konnte und war positiv überrascht von dem Jungen. Die meisten Grünschnäbel wollten heroische Geschichten oder blutige Details hören, doch dieser hier suchte nach Wissen, das es ihm ermöglichen würde, im Feld zu überleben. Vielleicht hatte er ihn zu hart beurteilt. Er blickte nach vorn, einige weiße Wolken zogen von Norden her auf, was auf zunehmenden Wind hindeutete, aber nichts worüber er sich Sorgen machen musste.
Sie näherten sich dem Posten Greifenschlucht, eine raue Basis an den Klippen mit wenig Annehmlichkeiten, und das Thema war zur defensiven Natur ihrer Stadt gewechselt. Gaius Gedanken trieben plötzlich ab und er hörte Gnato’s Frage nicht mehr zu. Der Außenposten war direkt vor ihnen, aber er konnte keinen Greifen sehen. Seine erste Reaktion war, die katastrophalen Standards für heutige Rekruten zu verurteilen, ein Ausguck sollte zu jeder Zeit auf der Sitzstange hocken. Aber das Gefühl in seinen Eingeweiden sagte ihm etwas anderes. „Still, sei wachsam.“ befahl Gaius und beschleunigte seinen Flug. Gnato stoppte mitten im Satz, wahrscheinlich verwirrt, aber tat es ihm gleich.
Gaius scharfer Blick suchte das Gebiet voraus ab. Die Stange stand leer zwischen den Felsen. Die Federn in seinem Nacken standen auf, er spürte die steigende Anspannung, da er nicht wusste, was ihn erwartete. Dann sah er es, ein Bündel brauner und roter Federn am unteren Ende der Stange. „Sturz. Angriff.“ die schnellen und knappen Befehle waren gerade laut genug, dass der Junge sie hörte.
Gemeinsam fielen sie aus dem Himmel und näherten sich rasend schnell dem Körper auf den Felsen. Gaius fing seinen Sturz nur knapp vor dem Ziel ab und machte eine schwere Landung, Gnato im Rücken. Vor ihm lag ein Greifensoldat, die braunen Federn in rotes Blut getränkt. Der Geruch des Blutes lag in der Luft, die Leiche war noch nicht kalt.
„Nichts.“ erklang Gnato’s angespannte Stimme. Gaius drehte sich zum Jungen um, der knapp über dem Boden schwebte, die Gleve bereit zum Schlag. Ihre Blicke trafen sich für einen Sekundenbruchteil. Da war Verwirrung, aber auch Entschlossenheit. „Schnell, schau in den Kojen im Zelt nach Überlebenden.“ flüsterte der alte Greif, bevor er sich noch einmal der Leiche zuwandte. Die Wunden stammten von Klauen, an die Flanken und dem Hals von verschiedenen Seiten, die Rüstung war kaum beschädigt. Das bedeutete, dass der Greif von mehreren Angreifern überwältigt worden war. Und seine Klauen waren sauber, also hatte er sich nicht wehren können.
Geräuschlos bewegte sich Gnato durch das lange, große Zelt und überprüfte die Kojen. Er war am Boden in einer flachen Haltung. Gaius war nur einen Moment hinter ihm und war beeindruckt von der Leistung des Jungen unter Druck. Plötzlich sprang Gnato zur Seite und die Gleve schwang nach vorn.
Eine seltsame Kreatur lag auf dem Boden. Für einen kurzen Moment hielt Gaius es für eines der Ponys von der anderen Seite des Meeres. Aber diese Kreatur hier hatte Klauen als Vorderhufe und der Körper war von dickem, schwarzen Fell bedeckt. Außerdem war sie größer, sogar noch größer als ein Greif. Zwei Hörner ragten aus dem Schädel empor, statt dem Einzelnen, das manche Ponys hatten. Und es hatte nur ein großes Auge mitten im Gesicht, das nun von Gnato’s Gleve durchstoßen worden war.
Aber die seltsame Kreatur war bereits tot, als die Gleve niederfuhr, getötet von den Greifen die nun tot drum herum lagen. Keine anderen Angreifer oder überlebenden Greifen waren zu sehen. „Was ist dieses … Ding?“ flüsterte Gnato. Gaius schüttelte den Kopf, er hatte noch nie so etwas gesehen. „Ein Monster hat den ganzen Außenposten zerstört.“ flüsterte der Junge ungläubig. „Nein.“ gab Gaius rasch zurück, „Es waren mehr. Außerdem sind das nur sieben Soldaten, einer fehlt.“
Zusammen suchten sie rasch den Außenposten nach dem vermissten Soldaten und etwaigen Angreifern ab. Aber was auch immer diese Kreaturen waren, sie waren bereits verschwunden. „Hier drüben!“ durchbrach Gnato’s plötzlicher Ruf die Stille. Gaius eilte zu ihm. Ein gutes Stück die Klippe hinab lagen die Leiche des vermissten Greifen neben einem weiteren toten Angreifer. Als sie hinabflogen fanden sie beide Leichen stark durch den Sturz verstümmelt vor und weiße Knochen ragten aus der zerschmetterten Kreatur. Gnato war blass und starrte auf die Szene. Gaius hingegen war wachsam, aber er hatte in seinem Leben viel Tod gesehen, daher störte ihn der grausige Anblick nicht. „Warum haben sie uns angegriffen?“ wunderte sich der alte Greif, während er den schwarzpelzigen Leichnam inspizierte. Da war eine kleine Tasche an der Leiche.
Das bedeutete zwei Dinge. Zuerst waren es keine bloßen Bestien, und zweitens war der Angriff gezielt. Gaius griff die Tasche und durchtrennte das Band mit seiner Kralle, um sie von ihrem ehemaligen Besitzer zu befreien. „Mal sehen …“ sagte er, während er sie öffnete. Er holte eine einzelne, zerknitterte Schriftrolle hervor. Als er sie entrollte lehnte sich Gnato herüber um zu sehen, was geschrieben stand. Es waren nur grobe Zeichnungen. Irgendwelche Berge oben und unten, einige Linien dazwischen, die vielleicht Richtungsangaben waren, alles mit Schwarz gezeichnet. Und zwischen den unteren Bergen war ein einzelner gelber Kringel. Gaius’ Blick schärfte sich, als er die Schriftrolle näher hielt und sein Herzschlag setzte für einen Moment aus. Kein Gelb, sondern Gold. Da war echtes Gold auf der Schriftrolle.
„Der Pokal. Sie wollen den Pokal.“ sagte er perplex. Sein Verstand raste. Der Angriff hatte vor nur wenigen Stunden stattgefunden, höchstens, aber die Angreifer konnten nicht fliegen. Sie mussten die Brücke über Grundlosen Abgrund nehmen, um an den Pokal zu kommen, was bedeutete, dass es noch Zeit gab, sie abzufangen. Ein Plan bildete sich im Kopf des alten Greifen.
Gaius blickte auf zum Jungen, während er die Schriftrolle in seine Uniform steckte. Der Grünschnabel war geschockt und verängstigt. Immerhin war das hier sein erstes Schlachtfeld, gegen einen komplett neuen Feind. In diesem Moment brauchte er Hoffnung und eine Aufgabe. „Fliegt zurück nach Greifenstein, sagt ihnen, der Posten Greifenschlucht ist gefallen und führt alle Krieger vor die Brücke. Wenn wir sie dort stoppen können, stoppen wir sie für immer.“ befahlt Gaius, seine Stimme drängend aber fest. Gnato nickte und erhob sich von einem neuen Zweck erfüllt in die Luft. „Wo werdet Ihr sein?“ fragte der Junge. „Ich fliege zum nördlichen Versorgungsposten. Wenn sie leben, dann vereinen wir unsere Kräfte.“ erwiderte Gaius. „Und wenn nicht?“ „Dann werde ich Euch so viel Zeit erkaufen wie ich kann.“
Sie teilten sich auf und Gaius flog geradewegs zum Straßenposten. Sie waren damit beauftragt, die Posten nördlich des Abgrunds zu versorgen und technische Hilfe zu leisten. Keine königliche Garde, aber immer noch Soldaten. Und gerade jetzt zählte jede Klaue. Er hoffte nur, dass er recht hatte, denn er hatte keine Informationen über die Größe der feindlichen Streitmacht oder ihre Fertigkeiten. Nach allem was er wusste, schickte er jeden Greifen, sich und Gnato eingeschlossen, in eine Todesfalle. Aber immerhin kauften sie dem Königreich Zeit zur Mobilisierung.
Er schüttelte den Kopf, da er an sich selbst zweifelte. Zwar war er kein Taktiker, aber seine Eingeweide lagen üblicherweise richtig. Es war ein solider Plan. Den Feind vor der Stadt stoppen und ihn offen genug für Luftangriffe halten. Um ihn einzukreisen und zu überwältigen.
Gaius blickte nach unten und suchte den Boden nach mehr von diesen Kreaturen ab. Bislang waren sie nirgendwo zu sehen, was aber nicht viel bedeutete. Das Territorium des Greifenkönigreiches war eine gebirgige und felsige Landschaft mit unzähligen Klippen und Schluchten. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichte er endlich den Versorgungsposten.
Zwei Greife waren dabei, einen Holzkarren mit Essen zu beladen, als der militärische Berater neben ihnen aufschlug. „Wo ist Euer befehlshabender Offizier?“ verlangte Gaius zu wissen. „Ich bin hier drüben.“ kam eine Stimme ein Stück weiter weg, von einem Greif, der den ersten Beiden zugesehen hatte, „Was kann ich für Euch tun, Sir?“ Gaius musste ihn nicht erst abschätzen, da er den Greifen als erfahrenen und hart arbeitenden Offizier kannte. „Ich will, dass jeder Gryff in diesem Posten mit mir zurück nach Greifenstein fliegt.“ gab Gaius trocken zurück.
Der Offizier stand da, verwirrt und verunsichert ob der außerordentlichen Anfrage. Jeder Greif in der Nähe hielt mit seinen Tätigkeiten inne und blickte zu den Beiden herüber. „Ähm … ich habe keine Befehle, meinen Posten zu verlassen.“ stammelte der Offizier, sichtlich verwirrt von der Situation. Gaius lehnte sich leicht vor, bevor er laut genug sprach, damit ihn jeder hören konnte. „Der Posten Greifenschlucht wurde vernichtet, bis zum letzten Greif. Der Feind ist auf dem Weg nach Greifenstein und zum Pokal.“ er machte eine kurze Pause und registrierte die geschockten Gesichter der Soldaten um sich herum, „Also, wollt Ihr noch auf Befehle warten oder können wir losfliegen?“
In weniger als dreißig Sekunden erhob sich der gesamte nördliche Versorgungsposten in die Luft, bewaffnet und kampfbereit. Sie hielten direkt auf Greifenstein zu und Gaius informierte sie unterwegs, erklärte ihnen, was sie beim Posten Greifenschlucht gefunden hatten und wie der Feind aussah.
Als sie sich der Stadt näherten rief einer der Greife plötzlich „Feindliche Kräfte auf der linken, bei der sich öffnenden Gesteinsformation.“ Zehn schnabelbewehrte Köpfe drehten sich gleichzeitig herum. Unter ihnen war eine große Gruppe schwarzpelziger Kreaturen, die sich auf das Herz des Greifenkönigreiches zubewegte. Es waren zu viele, um sie auf einmal zu zählen, aber Gaius schätzte, dass es um die fünfzig sein mussten. Er peilte die Entfernung zur Brücke ab, die eine Meile entfernt war, was ihnen noch zwei bis drei Minuten geben mochte. „Sammelt Euch bei der Brücke.“ befahl er rasch und sie zogen vor die Angreifer.
Als Gaius und das Personal des Versorgungspostens vor der Brücke landeten, wartete Gnato bereits mit weiteren acht. „Die Mobilisierung läuft.“ vermeldete der Junge, da sie auch den herannahenden Feind gesehen hatten. Gaius blickte über ihre Truppe. Er sah Sorge und Kampfhunger, angespannte Gesichter und zuckende Klauen. Aber es waren keine Feiglinge in ihren Reihen. Einer trug sogar ihre Flagge, auf der der Pokal abgebildet war, ein willkommener Anblick, der ihnen Kraft gab. Sein Blick traf den des Kommandeurs des Versorgungspostens, eine unausgesprochene Aufforderung vorzutreten.
„Zwei Ränge!“ befahl Gaius, „Erster niedrig, zweiter hoch. Knirschender Schnabel!“ Und so übernahm er das Kommando über die Schlacht. Nicht vom Rang her, sondern durch Alter und Respekt. Es gab einen Moment lang Chaos, als die Greifen in Formation gingen. Obwohl die meisten nie zusammen gestanden hatten, so hatten sie doch das gleiche Training und wandten es instinktiv an, sortierten sich selbst nach ihren Waffen und bildeten zwei gerade Linien zum Feind.
Gaius blickte über die Ränge und befand sie für makellos. Er sah den Jungen, Gnato, der in der zweiten Reihe schwebte, und hoffte, dass er den kommenden Kampf überleben würde. Der Feind war zwei zu eins in der Überzahl und alle seine bisherigen Schlachten sagten ihm, dass die Chancen schlecht standen. Aber er hatte eine Taktik befohlen, die alle ihre Stärken gegen einen bodengebundenen Feind ausspielte. Der erste Rang bindet den Feind und zieht den Fokus auf sich, während der Zweite vom Himmel ins Herz stößt und dann entweder in den Rücken fällt oder weiter von oben angreift. Die feindliche Formation zerschlagen, während man die Agilität des Gryff nutzt, um schnell zuzuschlagen.
Gaius drehte sich um zum vorrückenden Feind, eine tierische Horde, die direkt auf die Greife zustürmte. Hinter ihnen rollten graue Wolken heran, kein Regen aber dennoch ein bedrohliches Zeichen, wenn man bedachte, dass Greifenstein immer noch einen klaren Himmel hatte. Sein Atem beschleunigte sich ebenso wie sein Herz, welches sauerstoffreiches Blut durch seinen Körper pumpte. Jede Faser seines Körpers erwartete den Kampf. Mochte er alt sein, er war für den Krieg geboren.
Er hatte noch Zeit für ein paar letzte Worte, bevor die zwei Armeen aufeinandertrafen. Die Flagge wehte im aufkommenden Wind. „Der Pokal von Boreas ist unser Stolz!“ er sprach laut und klar, die Stimme fest und ruhig, „Mit Greifenstein im Rücken stehen wir vereint und werden nicht wanken!“ Die Horde hatte sie fast erreicht. „Für den König!“ rief er und ging in den Gegenangriff. „Für den König!“ brüllten die Greife und der erste Rang folgte ihm.
Wie eine Welle kam die Masse der einäugigen Bestien heran. Die Schlachtrufe wurden vom Lärm ertränkt als die Körper ineinander krachten und der Kampf begann. Gaius war technisch gesehen unbewaffnet, aber er war mehr als fähig seinen ganzen Körper als Waffe einzusetzen. Er lenkte den Rammstoß der führenden Bestie ab, indem er ihr auf den Kopf sprang, und ließ sie in den Boden krachen. Sofort nutzte er die Bewegung und sprang voran in die nächste Monstrosität. Er versuchte, ihr das große Auge auszukratzen, doch der Feind riss gerade noch rechtzeitig den Arm zum Block hoch.
Gaius sah den Schlag kommen, aber spürte die Körper von Greifen um sich herum. Statt sich zu ducken entgegnete er den Angriff mit seinen eigenen Krallen, stieß in das Fleisch der Bestie und brachte sie zum Brüllen. Mit einem Vier-Krallen-Stoß schnitt er durch den freigelegten Hals. Der Feind kollabierte und Gaius blickte kurz zurück dorthin, wo er den ersten Angreifer zurückgelassen hatte. Doch ein anderer Greif hatte sich bereits darum gekümmert.
Er bewegte sich wieder, griff das Horn einer Bestie, die ihre Zähne in den Hals eines Greifen versenkt hatte. Bevor er irgendetwas machen konnte, wurde ein Speer sauber durch deren Kopf gestoßen und tötete den Feind. Gaius ließ den schlaffen Körper los und bemerkte, dass der zweite Rang vom Himmel eingegriffen hatte, was die bereits unordentlichen Reihen des Feines ins Chaos stürzte. Er duckte sich unter einem schweren Schwinger hindurch, schnitt den Bauch des Gegners auf und nutze das Chaos, um zwischen ihnen zuzuschlagen.
Zeit verlor ihre Bedeutung, alles verschmolz zu einer Mischung aus Körpern und Gewalt. Greifen neben ihm, Feinde voraus, immer wechselnde Schemen. Gaius Verstand trennte Freund von Feind und sein Körper griff gnadenlos an, mischte Offensive und Defensive und wechselte zwischen den verschiedenen Nahkampftechniken, die er über die Jahre gelernt hatte. Und er entfesselte alles auf den Gegner.
Seine Klauen schnitten durch Fell und Fleisch und Knochen. Blut floss in Strömen als sein Schnabel in Fleisch schnappte und Gliedmaßen ausriss. Er ignorierte die Geräusche, die von allen Richtungen auf ihn einströmten, da es nur Brüllen, Schreie und der Tod waren. Blutige Eingeweide und warme Körper bedeckten den Boden bei jedem Schritt. Es war der Malstrom des Krieges und sein Instinkt allein trug Gaius auf die andere Seite. Der Verstand des alten Greifen arbeitete von selbst, nährte sich von seiner Erfahrung und existierte nur im Moment, bevor er den nächsten Schritt machte.
Und dann hörte es auf. Er hatte wieder ein klares Blickfeld und keine weiteren Feinde vor sich. Mir rasendem Herzen und schwer atmend drehte er sich um. Die letzte noch stehende schwarzpelzige Bestie wurde von drei Greifen durchstoßen und starb. Der Boden war bedeckt von den Toten und Sterbenden. Die meisten davon waren die Monster, die sie angegriffen hatten, doch es waren auch einige Greife darunter. Der Flaggenträger stand in der Mitte von alldem und lehnte sich gegen die beschädigte, aber immer noch aufrecht stehende Flagge. Gaius blickte über das Schlachtfeld und versuchte mit seiner blutigen Klaue das Blut von seinem Schnabel zu wischen.
Erst jetzt stellte er fest, dass seine Federn und sein Fell in Blut getränkt waren, das nicht das seine war. Es war ein Wunder, dass er unverletzt durch all das gegangen war. Mit einem leichten Krächzen erhob er die Stimme. „Stellt sicher, dass der Feind tot ist und kümmert Euch um die Verwundeten. Ein Greif als Beobachter, falls eine zweite Welle kommt.“ befahl er. Es gab keine verbale Bestätigung, aber die Bewegungen der Greifen änderten sich, als sie seine Befehle ausführten.
Gnato kam auf ihn zu, wie er nach einem Moment feststellte. Der Junge hatte einen Schnitt über seine Rüstung und einer seiner Flügel war gebrochen. Aber er sah aus wie neu geboren, nicht länger ein Grünschnabel, sondern ein echter Krieger. „Seid Ihr verletzt?“ fragte Gnato Gaius mit ehrlicher Sorge in der Stimme. „Nein.“ kam die knappe Antwort. Der alte Greif grübelte für einen Moment, bevor er sich entschuldigte „Ich habe Dich zu hart beurteilt, entschuldige. Du bist ein guter Gardist.“ Gnato war für einen Moment verblüfft, bevor er ein Dankeschön murmelte. „Lasst Euren Flügel untersuchen. Wir haben vielleicht die Schlacht gewonnen, aber es ist noch nicht vorbei.“ sagte Gaius und blickte zur nächsten erschlagenen Bestie, die es fast bis ins Herz ihres Königreiches geschafft hätte.