Schatten des Sonnenuntergangs – Kapitel 2
Der alte Greif hatte einen stoischen Ausdruck auf dem Gesicht. Er war zurzeit in der Kammer des Militärrats, der sich im Palast des Greifenkönigs befand. Seine ursprünglich blau-graue Uniform als militärischer Berater war nun überwiegend braun. Bislang hatte er keinen Erfolg gehabt, die Blutflecken des grausigen Nahkampfes zu entfernen.
Er war nicht allein, auch mehrere hochrangige Offiziere und Mitglieder des allgemeinen Rats waren anwesend. Während der Hauptmann der Garde abwesend war, war es der erste Ratgeber des Königs, Guto, nicht. Letzterer, ein weiß gefiederter und grau-felliger Greif, stand auf der anderen Seite des Raumes und blickte aktuell eher genervt drein, mit einem verschlagenen Funken in den gelben Augen. Im Zentrum der Kammer befand sich ein großer, flacher Tisch mit einer Karte des Greifenkönigreiches. Alle wichtigen Siedlungen und Posten waren markiert. Erneut bemerkte Gaius das rote X, wo der Posten Greifenschlucht gewesen war und der durch den Überraschungsangriff zerstört worden war.
Während die Mehrheit der Greife am Rand stand nahe der kleineren, detaillierteren Karten und Taktiktafeln an den Wänden, standen der Ratgeber und der Berater an gegenüberliegenden Seiten des Tisches und waren mitten in einem hitzigen Streit.
Hinter seiner stoischen Maske kochte Gaius vor Wut. Der einzige Grund, warum er sein Gegenüber noch nicht niedergeschrien hatte, war der Fakt, dass er einen niedrigeren Rang als fast alle anderen Greife im Raum hatte. „Ihr habt die Truppen zum Sieg geführt und den Feind vernichtet. Es gibt nichts mehr zu bekämpfen.“ sagte Guto mit seinem üblichen herablassenden Verhalten. Der alte Greif runzelte die Stirn, bevor er antwortete „Glaubt Ihr wirklich, dass die Vernichtung einer feindlichen Streitmacht gleichbedeutend mit dem Gewinnen eines Krieges ist?“
„Bitte, Gaius, zeigt mir die nächste Armee.“ lächelte der Ratgeber, während er eine ausladende Geste zur Karte machte, wobei er sehr wohl wusste, dass sie keine Spur anderer Kreaturen wie der Angreifer gefunden hatten. Nach der Mobilisierung hatten ihre Streitkräfte vier Tage lang das gesamte Greifenkönigreich und die umliegenden Gebiete abgesucht.
„Was ich meine ist, dass diese Kreaturen von irgendwo gekommen sein müssen. Ich bezweifle stark, dass alle von diesen Bestien sich plötzlich dazu entschieden haben, gegen uns zu marschieren und im Kampf zu fallen. So funktioniert das nicht.“ erklärte Gaius mit düsterer Stimme, bemüht ruhig zu bleiben in Angesicht dieser Dummheit. Guto neigte den Kopf, „Korrigiert mich, wenn ich mich irre, aber Euer eigener Kampfbericht sagt aus, dass der Feind unkoordiniert war, über keine echten Waffen verfügte und offenbar keine militärische Ausbildung besaß. Liege ich falsch?“ Der alte Greif knirschte mit dem Schnabel. „Das ist, was ich geschrieben habe.“ gab er zu.
„Also, warum könnt Ihr dann nicht die logische Erklärung akzeptieren, dass der Feind unlogisch agiert hat und in einem Akt sinnloser Aggression ausgelöscht wurde?“ erklärte Guto, als ob er einen Grünschnabel belehren würde und sah sich im Raum nach Unterstützung um. Hier und da ertönte zustimmendes Murmeln.
Wieder einmal war Gaius abgestoßen davon, wie rückgratlos die Offiziere waren, wenn sie mit dem Protegé ihres Königs konfrontiert wurden. Guto hatte wenig bis gar keine militärische Erfahrung, und doch wechselten sie auf seine Seite ohne darüber nachzudenken. „Und was ist mit der Schriftrolle? Die, die zeigt, dass der Feind es auf den Pokal abgesehen hatte?“ fragte der alte Greif und stellte weiterhin die Entscheidung mit Beweisen aus dem Feld in Frage.
„Das wäre Grund zur Besorgnis. Aber unglücklicherweise müssen wir uns auf Eure Beschreibung besagter Schriftrolle verlassen, insbesondere Eure Interpretation ihres Inhalts.“ würdigte ihn der Ratgeber herab. Es stimmte, dass die Schriftrolle während der Schlacht von so viel Blut bedeckt worden war, dass alle Informationen darauf verloren waren. „Ihr nennt mich einen Lügner?“ fragte Gaius direkt. Er bemerkte, wie einige Anwesende aufhorchten. Guto wählte seine nächsten Worte mit Bedacht. „Natürlich nicht. Aber Ihr habt viel an diesem Tag durchgemacht, und es kommt vor, dass sich Erinnerungen nach traumatischen Ereignissen ändern.“
Gaius war versucht zu lachen ob des Irrsinns dieser Aussage. Er hatte an viele Schlachten teilgenommen, mehr überlebt als die meisten und er hatte nie Probleme mit seinen geistigen Fähigkeiten gehabt. Unglücklicherweise war es so, dass, obwohl Gnato, der Neffe des Königs, die Schriftrolle gesehen hatte, geschockt und abgelenkt gewesen war von der Entdeckung beim Posten Greifenschlucht, so dass er nicht auf den Inhalt geachtet hatte.
Gaius schüttelte leicht den Kopf, bevor er weiter fragte „Lasst mich wenigstens eine Expedition durchführen. Wenn wir nichts finden, was schadet es?“ Er sah die Ablehnung kommen, bevor sie geäußert wurde. „Entschuldigt, falls Ihr es übersehen habt. Aber einer unserer Außenposten wurde zerstört und einige unserer eher raren Soldaten getötet.“ gab Guto zurück, woraufhin einige Offiziere scharf einatmeten, da er komplett den notwendigen Respekt für die Toten vergaß.
„Einige Soldaten?“ frage Gaius mit einem tiefen, wütenden Grollen, seine Augen auf den Ratgeber fixiert, der schluckte. „Siebzehn Greife sind an diesem Tag gestorben, bei der Verteidigung des Königs, des Pokals und des Königreiches.“ Die Feindseligkeit im Raum war spürbar. Guto schlug mit der Klaue auf den Tisch und schrie „Genug! Ich bin Euren Ungehorsam leid! Ihr werdet kein Greifenleben verschwenden mit Euren Fantasien!“ der Ratgeber sah sich wütend im Raum um, doch jeder Greif außer Gaius starrte vor Schock und Scham zu Boden.
Guto brauchte einen Moment, um seine Fassung wiederzugewinnen. „Gaius, ich entbinde Euch vom Dienst und beurlaube Euch mit sofortiger Wirkung.“ verkündete er kalt und etwas in Gaius brach. Nach all dem Streit und einem Leben voller Entbehrung und Schmerz war dies etwas, das er nicht erwartet hatte. Seine letzte Hoffnung darauf, zu den alten Zeiten zurückzukehren, verschwand zusammen mit all der Wut in einem schwarzen Abgrund ähnlich dem außerhalb der Stadt. „Raus.“ befahl der erste Ratgeber des Königs.
Der alte Greif blickte ruhig über den Tisch, löste die neuste Medaille von seiner Brust und legte sie auf den Tisch. Sie überdeckte das rote X. „Das ist nicht vorbei.“ sagte Gaius ohne jede Emotion, bevor er sich umdrehte und ging, all die schlechten Dinge des heutigen Greifensteins hinter sich zurücklassend.
Gaius trat von der Tür zurück in den Gang. Er blickte nach unten auf seine Klaue und erwartete, dass sie vor Wut zitterte. Und doch war sie völlig ruhig. Zu guter Letzt hatte er einen Punkt erreicht, an dem keine Wut mehr übrig war. Das war nicht sein erster Streit in den zwei Wochen seit der Schlacht, bei weitem nicht. Aber nie war es so schlimm gewesen. Nun war er effektiv von seinesgleichen ausgestoßen, und doch fühlte er nichts.
Langsam lief er den dunklen, leeren Gang entlang. Der Mond spendete etwas Licht von draußen, während der Palast still dalag. Warum war Guto so ignorant? fragte sich Gaius. Sehr wahrscheinlich war es Politik, wie vieles von dem, was Guto tat. Der alte Greif hasste Politik. Sie behinderte seine Pflicht und hielt das Greifenkönigreich vom Aufblühen ab.
Doch irgendeingryff hatte einmal gesagt, dass Politik das Spiel der Könige ist. Jetzt war der König alt und bald würde ein neuer gekrönt. Da der König selbst keine Kinder hatte, legte das Greifengesetz fest, dass der Rat den neuen wählen würde. Es gab nicht viele Kandidaten. Guto war der offensichtlichste, als Protegé des derzeitigen Königs und langes Ratsmitglied und erster Ratgeber des Königs hatte er viele Unterstützer. Es gab auch einige hochrangige Offiziere und Ratsmitglieder, doch von seinem begrenzten Verständnis der verfluchten Politik hatten sie keine Chance.
Natürlich war da auch noch Gnato. Er war der Neffe des Königs, ein intelligenter Soldat. Und er hatte gerade seine erste Schlacht überlebt, mehr als die meisten Offiziere von sich behaupten konnten. Andererseits war er sehr jung und hatte einen niedrigen Rang. Und Gaius hatte keine Ahnung, ob er überhaupt König werden wollte.
Er blieb in der Halle stehen und blickte aus dem riesigen Fenster, die Stadt Greifenstein, das Herz ihres Königreiches, unter sich. War das alles, ein paar billige Ausreden für einen echten Greifen, die um den Thron kämpften, während sie blind für Bedrohungen außerhalb des Palastes waren? Er hatte keine Antwort darauf. Doch was, wenn der Feind zurückkehrte und diesmal den Pokal mitnahm. Gaius kannte die Geschichte ihrer Gründung, dass nur der Pokal und Grover’s starke Führung in der Lage waren, die notorisch mürrischen Greifen zu vereinigen. Grover war lange fort und es gab keinen Greifen, um ihn ernsthaft zu ersetzen. Alles, was sie hatten, war der Pokal.
Ohne den Pokal von Boreas würde das Greifenkönigreich zerfallen, jeder Greif kümmerte sich mehr um sich selbst als eine gemeinsames Sache. Gaius konnte in der stillen Nacht sehen wie es geschah. Nur ein weiterer Angriff, einer der erfolgreich war, und all ihre Widerstandsfähigkeit wäre umsonst gewesen. All die Entbehrungen, die Opfer, die Toten … würden am Ende keine Rolle spielen. Der alte Greif legte die Klaue auf das Glas und schloss die Augen. Gemischte Gefühle von lange schlummernder Wut und Leid stiegen in ihm auf, zusammen mit den Erinnerungen an die Schlachten die er geschlagen und die Kameraden und Freunde die er verloren hatte. Da war ein tauber Schmerz in seinem Herz, als ihm klar wurde, dass sie umsonst gestorben wären. Er würde das nicht geschehen lassen solange er lebte. „Wozu ist ein König gut, wenn er nur über Ruinen und Leichen herrscht.“ flüsterte er.
„Gaius, geht es Euch gut?“ eine vertraute, seltsam besorgte Stimme erklang hinter ihm. Langsam nahm der alte Greif die Klaue herunter und drehte sich zu Gnato. Es war unmöglich zu sagen, wie lange der Junge schon dort stand und ob er die Worte gehört hatte. „Mir … geht es gut.“ antwortete er und betrachtete den anderen Greifen. Er trug keine Uniform und sein rechter Flügel war immer noch verbunden. „Was ist mit Eurem Flügel? Habt Ihr noch Schmerzen?“ fragte Gaius und trat neugierig näher. Er hatte den Jungen seit über einer Woche nicht mehr gesehen.
Gnato bewegte den gesamten Flügel ein bisschen auf und ab, ohne ein Zeichen von Schmerz oder Verletzung, bevor er antwortete. „Ich denke er ist wieder gut, aber der Sanitäter sagt ich soll ihn noch zwei Tage so lassen.“ Der Junge zeigte ein kurzes Lächeln. „Gut zu hören.“ nickte Gaius und fragte sich, warum Gnato so spät in der Nacht noch durch den Palast streifte. Vielleicht wollte der Junge wieder zurück an die Arbeit.
„Ähm …“ begann der Junge, „Habt Ihr herausgefunden wo sie herkamen und was Ihr wegen der ganzen Sache unternehmen werdet?“ Die Frage hing für einen Moment in der Luft und Gaius fragte sich, wie viel der Junge wusste. So wie er die Frage gestellt hatte, und die Tatsache, dass er Nachts unterwegs war, hatte er mit Sicherheit etwas erfahren. Der alte Greif räusperte sich, bevor er erklärte „Ich habe mit verschiedenen Offizieren und Ratsmitgliedern und königlichen Ratgebern gesprochen. Der allgemeine Konsens ist, dass es keine weitere Bedrohung gibt.“
Gnato starrte aus dem Fenster und murmelte „Dann stimmt es also.“ Dann richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf den alten Greifen und sprach „Ihr und ich, wir wissen, dass das nicht stimmt.“ Gaius stieß einen langen Seufzer aus und ließ den Kopf hängen. „Ich sage es nicht gern, aber ich habe die letzte Woche mit Diskussionen und Herumbrüllen zugebracht. Leider ist dies das Ergebnis.“ „Habt Ihr mit dem König gesprochen?“ fragte der Junge direkt. Der alte Greif sah auf und schüttelte den Kopf. „Dann sollten wir das jetzt gleich nachholen.“ sagte Gnato offen heraus und setzte sich in Richtung Thronraum in Bewegung.
„Wartet!“ stieß Gaius aus, „Ich … ich wurde vor ein paar Minuten meiner Pflichten enthoben. Es tut mir leid.“ Gnato drehte sich um und runzelte die Stirn. „Und? Ihr seid immer noch ein Greif. Auch wenn Ihr von einem Idioten gerügt wurdet, bleibt Ihr das.“ sagte der Junge und machte deutlich, dass er sehr genau wusste, was vor sich ging.
Kurze Zeit später standen Sie vor der großen Doppeltür zum Thronraum. Zwei Gardisten waren vor dem Eingang postiert und es war offensichtlich, dass der König noch drinnen war. Gnato blickte kurz zu Gaius, bevor er die Gardisten ansprach. „Wir wünschen eine Audienz beim König in der Angelegenheit einer Bedrohung von außerhalb.“ erklärte er. Es dauerte nur einen Moment, bis die Gardisten die Türen öffneten und einer von ihnen sie mit lauter Stimme für den König ankündigte „Der Neffe des Königs und Untertan Gaius wünschen eine Unterredung zu einer Bedrohung von außerhalb.“
Als die zwei Greife den Thronraum betraten sahen sie den König nahe dem Eingang des Rates stehen, wie er mit einigen Ratgebern redete. Einer davon war Guto. Als sich die Türen hinter ihnen schlossen, drehten sich der König und seine Ratgeber zu den Neuankömmlingen um. Das Gesicht von Guto verfinsterte sich sofort, als er Gaius erkannte. „Eure Majestät.“ begann Gnato mit lauter Stimme, „Wir haben Grund zur Annahme, dass die feindliche Streitmacht, die vor der Stadt bezwungen wurde, nur ein erster Angriff war.“ Gaius Blick fiel auf das Podest im Zentrum des Raumes, noch vor den Stufen zum Thron. Selbst in der Nacht hatte dar Pokal von Boreas diesen herrlichen goldenen Schimmer an sich. Sofort besserte sich seine Stimmung. Was er tat war richtig und gerecht, für alle Greifen. Er räusperte sich, um den König anzusprechen.